ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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6.

Fortsetzung des Tagebuchs eines Selbstbeobachters.

Anonym

Den 20. Febr. 1783.

Ich will meine Stirne aufheitern und will fröhlich seyn — Der Gram ist bitter und verkürzet das Leben — Gieb mir Kraft, du Geist der Freuden, den Geist der Traurigkeit zu überwinden! der mich mit schwerer Hand danieder drückt, daß mein Herz sich nicht erheben, und mein Gemüth nicht frohlocken kann. —

Doch, ich will mich ermannen, will frischen Muth fassen, und Herr über mich selbst seyn — manchen Fehler hab' ich mir schon abgewöhnt, warum sollt' es mir nicht auch bei diesem gelingen! — Morgen will ich schon fröhlicher seyn, wie heute, und wird es mir auch im Anfang schwer, so wird es doch nach und nach immer leichter werden.

Was fehlt mir denn? worüber beklage ich mich? — Bin ich mit mir selbst unzufrieden, so will ich mich bestreben mit jedem Tage besser zu werden, und das wird mir an jedem Tage ein neues Vergnügen erwecken. —

Ich will mich also zuerst bestreben, jedes nothwendige Geschäft, dem blos nützlichen und ange-[61]nehmen vorzuziehen, es mag mir auch noch so viel Ueberwindung kosten. —

Das will ich thun, was ich mir schon so lange vorgenommen habe, keinen Abend hingehen zu lassen, an dem ich nicht einige Beobachtungen, die ich den Tag über gesammlet habe, aufschreibe. —

Und daß dieser Entschluß nicht erkalten möge, will ich noch heute damit den Anfang machen. —

Auch will ich meine Zeit besser zu rathe halten, und auf jede Stunde geitzig seyn, will mich lieber der Gesellschaft entziehen, wenn ich merke, daß ich sie durch üble Laune stöhren werde, will mir aber auch vor allen Dingen diese üble Laune gänzlich abgewöhnen, und diese gefaßten Vorsätze will ich vors erste täglich zweimal überlesen. —

Den 30. Febr.

Welch eine unverantwortliche Sünde ist es, seinen Mitmenschen die besten Stunden, die sie hier auf Erden genießen, durch üble Laune zu verderben! —

Unglücklicher! wenn du mißvergnügt seyn mußt, so sey es allein, und sey kein Freudenstöhrer!

Das sey inskünftige meine feste Entschließung, daß ich lieber alle Gesellschaft der Menschen fliehen, als durch meine Traurigkeit ihre Freude vermindern will. —

Aber, Gott, der du mein Herz zur Freude schufst, o sollte es nicht möglich seyn, durch deinen [62]Beistand dieß Mißvergnügen zu überwinden, daß so oft wider meinen Willen in meiner Seele emporsteigt! — Laß, o laß mich die trübe Quelle entdecken, aus welcher so viele finstre Augenblicke dahinströhmen, die den Frühling meines Lebens verdunkeln! —

Ist es Unzufriedenheit mit mir selbst, weil ich andre im hellen Licht erblicke, wodurch ich immer mehr verdunkelt werde; weil ich an andern ein angenehmes Wesen, einen gefälligen unterhaltenden Ton bemerke, den ich an mir selbst vermisse; weil ich merke, daß ich der Gesellschaft mißfällig, lästig — werde, und daß ich diesen Mißfallen verdiene.

Weil ich mir nun nicht mehr soviel zutraue, etwas vorzubringen, daß mit Beifall könnte aufgenommen werden, da ich mich einmal durch mein Stillschweigen in der Gesellschaft unwichtig gemacht habe, und dasjenige, was ich nun sagen will, entweder sehr interessant seyn muß, oder gewiß wenig Beifall finden wird. —

Gott! sollte es jene niedrige Gesinnung, sollte es jener hämische Neid seyn, der Kains Stirne verfinsterte, wenn er die bessern Eigenschaften seines Bruders bemerkte — o wie verderbt ist dann noch mein Herz. —

Aber ich kann es mich noch nicht überreden, daß dieses die Quelle meines Kummers seyn sollte — Vielleicht ist es blos Mangel an Selbstzutrauen — und sollt' es das seyn — so will ich es [63]noch einmal wagen, einer Gesellschaft beizuwohnen — will mich bestreben heiter zu seyn, und will jeden Gedanken an meine Unvollkommenheit, und mein Verhältniß gegen andre, zu unterdrücken suchen. —

Wer weiß, liegt es nicht vielleicht blos an mir, mir eben das einnehmende Wesen, eben diese Freimüthigkeit im gesellschaftlichen Umgange, die ich an ihnen bewundre, durch wiederholte Bemühung zu erwerben? — und ich glaube, das ist immer vernünftiger, als wenn ich mich der Gesellschaft ganz entziehen wollte, und doch werde ich dieß letztere thun müssen, so bald ich merke, daß es mir unmöglich ist, mein Mißvergnügen und meine Traurigkeit zu überwinden. —

Dann o Gott, vergieb es mir, der du mich zu einem Mitgliede der menschlichen Gesellschaft schufst, daß ich nichts zum Vergnügen meiner Freunde im gesellschaftlichen Umgange beitragen kann. —

Ich will mich demohngeachtet bestreben, nicht ganz unnütz zu seyn — ich will die Stunden der Einsamkeit nutzen, zum Vergnügen meiner Mitmenschen zu arbeiten, da ich durch meinen persönlichen Umgang nichts dazu beitragen kann. —

Und doch ist der Umgang mit edlen Seelen, die uns lieben und schätzen die größte Glückseligkeit des Lebens — aber dieses Glücks bin ich vielleicht noch nicht werth, und ich will gern so lange Ver-[64]zicht darauf thun, bis ich mich desselben einmal würdig gemacht habe. —

Den 18. März.

Einen ganzen schönen Nachmittag habe ich mit den Gedanken an Entwürfe verdorben, die vielleicht nie zur Reiffe kommen werden, und ob ich dieß gleich voraussehen konnte, war es mir doch nicht möglich meine Gedanken davon abzulenken.

Ich will inskünftige suchen so viel Herr über mich selbst zu seyn, daß ich alle diese Entwürfe, die so gern von meinem Herzen Platz nehmen wollen, kurz abfertige, und sie entweder, bis auf eine gelegnere Zeit, der Schreibtafel anvertraue, oder sie gänzlich zu vergessen suche.

Auch das ist Sünde, und das merke ich daran, weil es mich mit Mißvergnügen erfüllt; auch das ist Sünde, wenn man seine Gedanken unrecht anwendet

Wie viel Nützliches hätte ich gestern Nachmittag zu Hause und beim Spatzierengehen denken können, anstatt daß sich meine ganze Seele mit leeren Projekten beschäftigte, und darüber sogar den Genuß einer angenehmen Gegenwart vergaß.

Ein Brief von einem Freunde aus H... — wie viel süsses hat das Andenken an unsre vergangnen Tage, wenn wir so ins Leben zurückschauen, uns in unserm jetzigen Zustande denken, und uns dann alle der abwechselnden Scenen, seit einer ge-[65]raumen Zeit erinnern, das erweitert unsre ganze Seele, und lockt Thränen einer mit Wehmuth vermischten Freude aus unsern Augen. —

Den 20. März Abends.

Trauern will ich, aber ich will mich nicht an Gott versündigen! Ich will mich nun einmal mit Muth und Entschlossenheit wafnen, und auch die Bitterkeiten des Lebens ertragen lernen!

Wie leicht würde es mir jetzt seyn, von dem Leben Abschied zu nehmen! Aber ich will den Muth doch nicht sinken lassen.

Heute will ich weinen. Vielleicht heitert sich Morgen mein Schicksal wieder auf.

Aber warum bin ich denn so niedergeschlagen? Ach, meine Absicht war nicht rein, bei meinem Unternehmen; wäre sie das gewesen, so würde ich mich damit beruhigen, daß meine Arbeit gut gemeint war.

Aber ich that's aus Ehrfurcht, und der Nutzen, den es stiften sollte, war nur der Deckmantel meiner Leidenschaft, nun diese nicht befriediget wird, weine und klage ich. O vergieb mir diese sündlichen Thränen, die ich weine, Barmherziger!

Ich schaudre vor mir selbst! Gott, was bin ich! welch ein fürchterlicher Gedanke! indem ich zu dir bete, fühle ich es, daß ich noch im Innersten meiner Seele an deinem Daseyn zweifle.

[66]

Ach, wie dunkel, wie dunkel wird es um mich her! Ist mein Geist unsterblich? o welche bange Zweifel erwachen in meiner Seele?

Und alle diese wurden doch nur durch meinen Unmuth aufgeweckt, und mein Weinen entstand aus einer unbefriedigten Leidenschaft, und meine Leidenschaft entstand aus mir selbst, und wird mir noch manche Thräne auspressen, mein ganzes Leben hindurch.

Sie wird mich in eine einsame Hütte verbannen, und wird mich von der Gesellschaft der Menschen entfernen. Und ich werde die Tage meines Lebens in Trauern hinbringen.

Ohne von irgend einem Menschen gekannt und geliebt zu seyn.

Mit Thränen werde ich mein Brod essen, und mit nassem Blick werde ich der Sonne entgegen sehen, wenn sie aufgeht, und mit meinen Thränen werde ich sie begleiten, wenn sie untergeht, bis die Quelle versiegt, und meine Augen trocken werden.

Dann ist meine Lebenskraft verzehrt, meine Schmerzen sind vorüber, ich empfinde weder Wehmuth noch Freude mehr, ich lächle froh, und weiß nicht worüber.

Meine Leiden hören auf, und es wird besser mit mir werden; dann währet es kurze Zeit, so deckt die Erde meinen Staub, und man gedenket meiner nicht! —

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Und man gedenket meiner nicht! und warum sollte man denn auch meiner gedenken? Ich bin ein elendes verworfnes Geschöpf! Und muß es erkennen, daß ich es bin!

Andre sind es auch, aber es hängt eine Decke vor ihrer Seele, und sie können nicht hineinschauen, darum sind sie glücklich und zufrieden mit sich selbst.

Aber ich fühle mein Elend! Ich irre im Dunkeln, und finde keinen Ausweg! Erbarme dich meiner, du unbegreifliche Ursach meines Daseyns!

Meine Arbeit, worin ich hätte Freude finden können, muß mir mißlingen, und nun habe ich keine Freude mehr! Ach was hilft mir nun mein Leben?

Aber gern wollt' ichs tragen, wenn ich wüßte, daß ich noch einmal glücklich, glücklich, seyn sollte. Jetzt glaubt' ich es zu werden, und wo ist meine Hofnung hin? —

Aber sollt' es denn unmöglich seyn, auch den Unmuth zu überwinden? Jetzt will ich, ohngeachtet daß meine Seele sich dagegen empört, will arbeiten, will mit den Zähnen knirschen, und meinen ausbrechenden Kummer unterdrücken! und wenn auch, von diesem Abend an sey das mein Entschluß, und wenn auch Verachtung mein Looß ist, und wenn auch mein liebstes Werk mir mißlingt, so will ich arbeiten, und jeden aufkeimenden stolzen Gedanken unterdrücken.

Vergessen will ich es, daß ich meinen Haß und meine eigne Verachtung verdiene! Meine Thränen [68]sind ausgetrocknet, und sie sollen nicht wieder fließen, wenn es mir das Leben kostete!

Nun wäre die Wunde zugeheilt, aber sie schmerzt noch, daß es mir die Sinne betäubt.

O warum habt ihr mir diese Wunde versetzt? aber ihr wußtet es nicht, daß ihr mir mein Leben verbittern würdet, sonst hättet ihr es gewiß nicht gethan. —

Nun Gottlob! Der Sturm in meiner Seele ist vorüber. Ich bin doch diesmal nicht so tief wie sonst herabgesunken, und habe mich ehr von meinem Falle wieder aufgerafft. Nun will ich aufs neue den festen Versuch fassen, mich nicht durch ähnliche Fälle, wie der heutige, so sehr niederschlagen zu lassen.

Den 21. März.

Die Wunde war nicht zugeheilt, wie ich glaubte. Jetzt wacht mein Unmuth wieder auf.

Kann mich das schon so betrüben, was andre vielleicht nicht achten würden, wie viele Thränen sind mir dann noch aufgespart! Und wie kömmt es denn, daß ich selbst im Trauren, diese Wonne, diesen Trost finde! —

Der Tag ist noch so heiter, und ich kann mich doch nicht dieses Tages freuen. Ach der Gedanke an ein mißlungnes Werk ist fähig unsre ganze Thätigkeit zu hemmen.

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Wir verlieren die Freude an uns selbst, wenn uns unsre Arbeit nicht mehr gefällt, und haben wir diese verloren, so ist es aus mit unsrer irrdischen Glückseligkeit.

Wer gibt mir die Ruhe meiner Seele wieder, die ich seit gestern verloren habe?

Den 27. März Abends.

Diese vier Tage muß ich für verloren schätzen. Ich habe keine Freude darin genossen, und habe auch auf keine künftige Freude vorgearbeitet.

Ich habe mich fast bis zur äußersten Verzweiflung hinreissen lassen, ohne daß ich eine wirkliche Ursach dazu hatte.

Nun ist die anscheinende Ursach gehoben, und meine Ruhe ist vors erste wieder hergestellt, aber die vier verlornen Tage sind doch einmal dahin.

Indes will ich das nun gut seyn lassen, denn was hilfts mir nun, wenn ich mich auch noch so sehr darüber kränken wollte?

Aber doch ist es immer, als ob noch ein geheimer Kummer in meiner Seele verborgen liegt, der mir mein Leben verbittern will.

Ich befürchte nehmlich, daß noch manche solche trübe Tage in der Zukunft meiner warten.

Um diesen einigermaaßen vorzubeugen, will ich bei allem, was ich thue, mehr auf die redliche Absicht, als auf den Erfolg sehen. Dies will ich mir von heute an zum Gesetz machen.

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Ich will mir auch vornehmen, mich durch kleine Hindernisse nicht gleich von einer sonst nützlichen Sache abschrecken zu lassen.

Ich will den Gedanken zu verbannen suchen, als ob mir Unrecht geschiehet. Und doch ist es mir, als ob dies der Fall wäre, und als ob meine ganze Seele sich gegen das zugefügte Unrecht von Menschen empören wollte.

Durch diese vier mißvergnügten Tage habe ich wieder meiner Gesundheit merklich geschadet.

Aber nun will ich auch mein Leben nutzen, weil ich es habe, meine — — sollen nun wieder meine Lieblingsbeschäftigung seyn. Ich will dadurch selbst fromme Empfindungen in mir zu erwecken suchen.

Und von meiner redlichen Absicht überzeugt, will ich mich nicht mehr an die oft voreiligen Urtheile der Menschen kehren.

Sondern will meinen Weg gerade vor mich hingehen, und mich weder durch Lob noch Tadel, von der rechten Bahn ableiten lassen.

Mein Kummer ist mir doch nun wieder durch einen vergnügten Abend ersetzt worden. Das betrübt mich aber immer noch, daß ich diese vier Tage über betrübt gewesen bin, ohne gegründete Ursach dazu gehabt zu haben, indeß freuet es mich doch, daß ich anfange, aufmerksamer auf mich selbst zu werden.