ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VII, Stück: 3 (1789) > 1. Beiträge zur Zeichnung jugendlicher Charaktere.

1.

Beiträge zur Zeichnung jugendlicher Charaktere. a

Mauchart, Immanuel David

1.

K. A. E. ein Knabe zwischen 10 und 11 Jahren, hat vielversprechende Anlagen, die, wenn sie zur gehörigen Reife kommen, einen für die Welt sehr brauchbaren Mann aus ihm machen können. Man sieht in dem Knaben schon beinahe den ganzen Charakter seines Vaters, und wohl ihm, wenn er einst ein Mann wird, wie der. Nur muß einigen seiner Leidenschaften und Neigungen noch eine etwas andere Richtung gegeben werden, wenn er nicht in Gefahr kommen soll, daß sie ausarten. Für einen zehnjährigen Knaben hat er schon sehr viele Ernsthaftigkeit und Gesetztheit in seinem ganzen Betragen, die ihn oft verleitet, seine jüngere Geschwister, die lebhafter sind als er, zu hofmeistern, und doch kann er oft, wenn er sich in ihre Spiele mischt, eben so kindisch thun als sie, welches dann freilich [93]die Folge hat, daß sein Hofmeistere seine jüngern Geschwister nicht viel bekümmert. — Die Anlage seines Herzens ist gut, nur hat er zu wenig Offenheit, und zu viel verstecktes Wesen, welches öfters verursacht, daß man ihn, wenn man nicht seinen Charakter ausdrücklich studirt, leicht für falsch und heimtückisch halten kann, besonders, da er aus Ehrgeiz seine gemachten Fehler sehr sorgfältig zu verbergen sucht. Doch habe ich ganz sichere Erfahrungen, daß er bei Gelegenheiten, wo ich die Güte seines Herzens, ohne daß er es merken konnte, auf die Probe stellte, unwiderlegliche Beweise davon gegeben hat. — In seinen Handlungen herrscht viele Bedächtlichkeit, und von der bei Kindern von diesem Alter sonst anzutreffenden Hastigkeit, zeigt sich nicht viel bei ihm. Besonders aber wird er beinahe in allen seinen Handlungen von dem Bestreben bestimmt, das Wohlgefallen seines Vaters zu verdienen; denn dessen Befehle sind ihm fast die einzige Richtschnur seiner Handlungen, und er rügt die Uebertretungen derselben an seinen Geschwistern plötzlich; dies läßt hoffen, daß, wenn er diese Anhänglichkeit an das, was ihm sein Vater sagt, behält, er auch den Grundsätzen, die ihm jetzt von ihm eingeflößt werden, getreu bleiben, und dadurch zu einem glücklichen Manne reifen werde. — Kühnheit und Entschlossenheit ist ihm nicht eigen, sondern er besitzt vielmehr einen gewissen Grad von Furchtsamkeit, der ihn öfters, auch seinen Geschwi-[94]stern, besonders seinem jüngern Bruder, lächerlich macht. — Schon aus dem bisher gesagten wird sich schließen lassen, daß er auch keine Flüchtigkeit in seinem Charakter hat. Was er angreift, dabei bleibt er, und läßt sich nicht so leicht durch äußere Gegenstände davon abbringen, selbst bei Arbeiten, die ihm anfänglich unangenehm sind, beharrt er doch, wenn er sieht, daß sie gethan seyn müssen, und er sie einmal angefangen hat. — Die Kenntnisse, die er schon gesammelt hat, sein natürlicher Verstand und sein Ehrgeiz verleiten ihn oft zu einer schon etwas übertriebenen Disputirsucht, die, wenn sie nicht in Zeiten noch gedämpft wird, unleidlich werden kann. Denn wenn er etwas behauptet, und man ihm widerspricht, oder wenn man ihn eines Fehlers beschuldigt, den er entschuldigen zu können glaubt, so streitet er so lange dawider, bis er gewonnen zu haben meint, und wenn man ihm alsdann Recht giebt, so funkeln seine Augen vor Freude. Hingegen wird er sehr dadurch gebeugt, wenn man sich nicht in Streit mit ihm einläßt, und ihn gleich Anfangs Recht giebt, weil er dieses für Verachtung ansieht. Denn alsdann hört er plötzlich auf zu disputiren, und dies scheint auch das beste Mittel zu seyn, seine Disputirsucht zu dämpfen. — Sein Gang und seine Stellung ist charakteristisch. Der erstere ist gewöhnlich langsam, doch nicht auffallend, und im Gegentheil kann er, wann es darauf ankommt, doch besser springen, [95]als sein weit lebhafterer Bruder. Seine Stellung ist verschieden, nachdem er entweder allein oder in Gesellschaft ist, und je nachdem die Personen sind, mit denen er spricht, denn alsdann äußern sich beinahe alle seine Leidenschaften, bald Ehrgeiz, bald Befehlshaberei, bald bittendes Schmeicheln darin. Ist er aber allein, so hat sie gewöhnlich etwas phlegmatisches. — Seine Mienen und Gesichtszüge verrathen schon viel Urtheilskraft, sind aber auch die getreuen Ausleger seiner Leidenschaften, denn er hat sie nicht so in seiner Gewalt, daß er sie sonderlich verstellen könnte. — In seinem äußerlichen Betragen ist er zwar etwas schüchtern und leutescheu, hat aber doch viel Einnehmendes, weil ihn, besonders bei alten Personen, seine Gesetztheit und Ernsthaftigkeit empfiehlt. Besonders hält er viel von Ordnung, wozu er von Jugend auf gewöhnt worden ist, daher er auch ein großes Geschrei darüber erheben kann, wenn ihm jemand sein Spielwerk oder Bücher etc. außer Ordnung gebracht hat. — Sein Körperbau und Nervensystem ist seiner Seele angemessen, etwas empfindlich, dabei aber doch fest und gesund. — Die Fähigkeiten und Anlagen seiner Seele sind vorzüglich. Er hat ein außerordentlich gutes Gedächtniß, das zwar nicht allzuschnell faßt, aber das gefaßte unauslöschlich behält. Wann ich ihm kleine oder große Geschichten erzähle, die für ihn unterhaltend sind, so weiß er sie noch einige Tage nachher seinem Vater nach Sach' und [96]Ordnung so vollständig wieder zu erzählen, daß ihm auch nicht der geringste Umstand entschlüpft. Nicht minder vorzüglich ist sein Verstand und seine Beurtheilungskraft. Ich hatte ihm und seinem Bruder einst beim Religionsunterricht nach dem Schützischen Elementarwerk b den Begriff des Individuums erklärt, und machte ihm nachher, indem ich ihn durch ein vieleckigt geschliffenes Glas gegen seinen Bruder hinsehen ließ, die Einwendung: »durch dieses Glas sieht man ja viele C...., also giebt es mehr als diesen einzigen;« allein er antwortete mir schnell: »nein, das sind nur Bilder von ihm.« — Dabei hat er vielen Fleiß und eigene Lust zur Arbeit, die ihm vieles von dem, was er zu thun hat, leicht macht. Er erzählte mir einst, als wir in der lateinischen Lektion ein Pensum wiederholten, das er schon einmal übersetzt hatte, er habe eben dieses Stück erst kürzlich auch bei Nacht übersetzt. Ich fragte ihn, ob es ihm denn im Traum vorgekommen sey? »Nein,« sagte er, »ich habe es wachend gemacht, weil ich noch nicht einschlafen konnte, und das Ding weiß ich auswendig.« Ein Beweis nicht nur von seinem guten Gedächtniß, sondern auch von seiner Lust an ernsthaften Beschäftigungen. Und bei den Uebersetzungen, die er zu verfertigen hat, wendet er so viel Genauigkeit an, daß er, wann seine Uebersetzung fertig ist, sie von Wort zu Wort mit dem Original vergleicht, um etwa gemachte Fehler noch zu verbessern. — An-[97]lagen zu mechanischen Geschicklichkeiten scheint er auch zu haben, denn er giebt sich z.B. oft damit ab, daß er aus Bohnen, die noch in den Hülsen sind, oder andern länglichten Körpern mit vieler Mühe Holzstöße und Fugen erbaut, die ihm eine desto größere Freude machen, je höher er sie, ohne daß sie einfallen, bauen kann, oder er macht manchmal selbst aus kleinen Stückchen Holz und Fäden ganz kleine Zuggeschirre für seine hölzernen Pferde, womit er sie an irgend etwas, das einem Fuhrwerk ähnlich ist, anspannt. Auch hatte er eine große Freude daran, und war sehr dabei beschäftigt, als ich ihm einst eine Jägertasche verfertigen half, wie Robinson c sich eine machte. Anlage zur Dichtkunst hingegen konnte ich nicht in ihm entdecken, vielmehr habe ich die sonderbare Bemerkung an ihm gemacht, daß er Erzählungen und Fabeln in Versen bei weitem nicht so gerne hört, als die in Prose. — Unter seinen Leidenschaften ist wohl der Ehrtrieb die stärkste; und eben diese ist es, von der ich oben sagte, daß sie leicht ausarten könnte, wenn sie nicht jetzo schon richtig gelenkt und gehörig eingeschränkt würde. Das Lob seines Vaters zu verdienen, oder auf seiner Meriten Liste optime etc. von mir zu erhalten, dies sind ihm so wichtige Dinge, daß er alles mögliche anwendet, um nicht ihrer beraubt zu werden. Giebt ihm sein Vater eine thätige Probe seines Wohlgefallens, so wird er dadurch so sehr zum Guten angespornt, daß er nun aus allen Kräf-[98]ten arbeitet, dieses Wohlgefallen auch künftig zu verdienen, und eben so funkeln ihm die Augen vor Freude, wenn er auf seiner Meritenliste ein- oder mehreremale optime bekommt. Hingegen, wenn er auch nur: mittelmäßig bekommt, so betrübt ihn dieses so sehr, daß er es gar nicht für möglich hält, daß es dabei bleiben sollte. Ich habe ihn über einem solchen mittelmäßig schon Stunden lang weinen sehen, selbst bei einem bene kann er weinen, besonders, wenn sein jüngerer Bruder optime bekommen hatte, und doch schämt er sich alsdann, wann das Weinen vorbei ist, mit den thränenrothen Augen unter die Leute zu gehen. — Wenn man ihm aufgiebt, seinen jüngern Geschwistern ihre Lektionen aufsagen zu lassen, so schmeichelt ihm dies sehr, und er weiß sich dabei ein solches Ansehen zu geben, als nur immer ein Schulmonarch sich unter seinen Kindern geben kann, wo dann freilich die angenommene Ernsthaftigkeit im Kontrast mit dem Alter des Knaben lächerlich genug auffält. — Was Strafen bei ihm bewürken, sieht man nun aus dem bisherigen schon, allein sie sind deswegen nicht fruchtlos, im Gegentheil wird er dadurch auf die Zukunft nur desto eifriger, sie zu vermeiden, weil sie ihm eine so gar unangenehme Sache sind. — Gegen Schmerz und Vergnügen ist er sehr empfindlich. Wenn er in den kleinen Spielen mit seinen Geschwistern, wo um Bohnen etc. gespielt wird, verliert, so wird er so dadurch niedergeschlagen, daß [99]er alle Freude an diesem Spiel verliert, da hingegen beim Gewinnst seine Freude eben so übermäßig ist. Dies giebt bedeutende Winke für den Erzieher, ihn so viel möglich vor der Neigung zum Spiele zu verwahren, denn sollte er einmal das Unglück haben, ins Spiel zu gerathen, so würde er gewiß auch recht unglücklich dadurch werden. Im übrigen hat seine Empfindlichkeit und Empfindsamkeit den rechten Grad. Zwar wird er nicht durch jede rührende Erzählung bis zum Weinen gerührt, — allein ist dies nöthig?— und doch habe ich auch schon bei der Geschichte Josephs, die ich ihm erzählte, eine Thräne seinem Auge entquellen sehen.

2.

C. F. E. ein Bruder des vorigen, zwischen 8 und 9 Jahren, in gewissen Stücken ihm ganz ähnlich, in andern das völlige Gegentheil von ihm. Aehnlich in seinen Anlagen und Fähigkeiten, völlig verschieden in den Aeußerungen derselben. Er hat ein außerordentlich lebhaftes Temperament, das man schon in jedem seiner Gesichtszüge und in jeder Bewegung erkennt. Sein Gesicht hat so viel offenes und gutmüthiges, daß man ihn schon darum lieb gewinnen müßte, wenn man auch seine Herzensgüte nicht kennete. Dabei hat er es so in seiner Gewalt, und kann sich damit oft ein so drollichtes Ansehen geben, das auch den Ernsthaftesten aus seinem Gleichgewicht bringen kann. Sein Gang ist [100]seinem Temperament angemessen, meistens schnell abwechselnd auf einem Fuß hüpfend, seine Stellung ist ganz unbekümmert, er mag vor sich haben, wen er will, ganz Natur, und dabei der auffallendste Ausdruck seiner Unverstelltheit. Sein äußerliches Betragen entspricht seinen Gesichtszügen, seinem Gang und seiner Stellung völlig. Ganz ungenirt, und ohne sich an die Ceremoniengesetze der feinern Welt zu kehren, sagt er jedem, der ihn nicht durch finstere Minen von sich abschreckt, seine Herzensmeinung offen, wo aber dieses ist, da entfernt er sich gänzlich. Dabei ist es ihm auch nicht darum zu thun, unbeleidigende Ausdrücke zu wählen, sondern er bekümmert sich wenig darum, ob das, was er sagt, jemand beleidigen könnte oder nicht, doch meint er es nie bös dabei. Auf Ordnung hält er nicht so viel als sein Bruder, doch ist sie ihm auch nicht ganz fremd. Sein ganzes Wesen ist unverstellte Munterkeit und Heiterkeit. Wer ihn in den Aeußerungen derselben stören will, dem ist er nicht gut, und er läßt sich auch nicht leicht dabei einschränken. Meistens äußert er sie in solchen possirlichen Handlungen und Geberden, daß er oft einem wahren Harlekin ähnlich wird. — Diese Heiterkeit aber ist mit einer unverstellten Herzensgüte verbunden, die ihm die Liebe aller, die ihn kennen, erwerben muß. Entfernt von aller Tücke oder Bosheit liebt er alle Menschen, aber er sagt es niemand, daß er ihn liebt, und es kommt ihm sogar sauer an, [101]es zu sagen, wenn man es von ihm fodert. Dabei ist er offenherzig, gesteht seine Fehler, oft auch ungefragt, aufrichtig, und erlaubt sich nie eine Lüge, wo er sich schuldig findet. Bekommt er von andern etwas geschenkt, das seine Geschwister nicht haben, so theilt er im ganzen Hause davon aus, ist dabei außerordentlich geschäftig, und die gutmüthige Freude leuchtet dabei aus allen seinen Minen hervor. Wen er lieb gewonnen hat, für den ließe er Leib und Leben, und nichts freut ihn mehr, als Erzählungen von wohlthätigen Handlungen. So sagte er einst bei der Geschichte Herzog Ulrich von Würtemberg, wenn er damals ein deutscher Fürst gewesen wäre, so hätte er dem Herzog Ulrich alle seine Soldaten geschickt, er wollte den Schwäbischen Bund schon aus dem Lande hinausgejagt haben; und bei der Erzählung der Stiftung des Hallischen Waisenhauses wünschte er sich viel Geld, »um auch ein solches Haus für arme Kinder bauen zu lassen, wie der Prof. Franke.« Und er ist auch wirklich, wenn es darauf ankommt, das freigebigste unter allen seinen Geschwistern. Es wurde einst eine Kollekte für arme abgebrannte Kinder bei uns gesammelt, und als nun sein Vater alle fragte, ob sie auch etwas von ihrem Taschengelde geben wollten, so war er nicht nur der erste, der Ja sagte, sondern erbot sich auch, als sein Vater sich von jedem Kind besonders, ohne daß eines mit dem andern etwas verabreden durfte, in der Stille seinen [102]Entschluß sagen ließ, zum größten Beitrag unter allen.

Bei Krankheiten seiner Eltern oder Geschwister bezeigt er so viel Besorgniß, Mitleiden und Bereitwilligkeit, so viel er kann, zu helfen, daß er dadurch ungemein liebenswürdig wird; und eben so verzeiht er auch Beleidigungen sehr schnell wieder, wenn sie ihn auch noch so aufbrachten, und ist seinem Beleidiger in einer Viertelstunde wieder herzlich gut. — Hastigkeit besitzt er dabei sehr viel, aber sie ist blos eine Folge seines lebhaften Temperaments, und selbst auch mit Herzensgüte verbunden. Hat ihm jemand Vergnügen gemacht, oder hat er eines zu erwarten, so pauckt er für Freude auf jedermann herum, wer ihm begegnet, allein man kanns ihm nicht übel nehmen, denn man sieht die Unschuld dabei auf seinem Gesichte. Eben so verleitet ihn sein lebhaftes Temperament öfters zu einem schnellen Zorn, worin er auch Schläge austheilt, allein es ist nicht so bös gemeint, als es scheint, und wenn man ihn nicht dabei noch mehr reizt, oder wenn er sieht, daß er dadurch jemand Schaden gethan hat, so ist er plötzlich wieder gut und bereut es. — Kühnheit und Entschlossenheit hat er sehr viel. Ein Beweis davon ist schon die oben erzählte Aeußerung bei der Geschichte Herzog Ulrichs. Wer ihn angreifen will, gegen den wehrt er sich, so lang er kann, und giebt nicht leicht gewonnen. Ich stellte mich einst, als ob ich über ihn und [103] seinen Bruder Wasser hinunter gießen wollte, worauf er aber auffuhr, und sich wehrte, da hingegen sein älterer Bruder sich unter den Tisch bückte. Ein anderes mal fragte ihn sein Bruder, was er unter den Thieren am liebsten seyn möchte, und schnell antwortete er: ein Elephant. Diese Kühnheit und Entschlossenheit äußert sich auch in seinen Spielen, denn diese haben immer etwas kriegerisches, und nicht selten denkt er sich als einen General, der eine Armee zu Felde führen muß, und dann kommt er zu mir, und erzählt mir, was er für Schlachten geliefert habe, und wie viel auf seiner, und auf des Feindes Seite geblieben, wo dann gewöhnlich er den Sieg davon getragen hat.

Flüchtigkeit ist nun freilich auch ein starker Zug in seinem Charakter, und am liebsten ists ihm, wenn er immer in Lüften seyn kann; besonders über Geschäfte, die ihm nicht angenehm sind, eilt er mit einem flüchtigen Blick hinweg, der ihn schon um manches optime auf seiner Meritenliste gebracht hat; und doch hat er bei alledem eine gewisse Beharrlichkeit, die man vielleicht von einem Charakter, wie der seinige ist, nicht erwarten sollte, denn wenn er z.B. ein Spiel spielt, das ihm gefällt, so währt seine Freude daran so lang, und er spielt es so oft, als nicht leicht ein anderer thun würde.

Die Disputirsucht hat er mit seinem Bruder gemein, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht so hartnäckig ist, wie bei jenem, und seine Disputen [104]meistens auf einen Schwank hinauslaufen. — Sein Ehrtrieb ist ebenfalls nicht gering, doch ist es kein eigentlicher Ehrgeiz, wie bei seinem Bruder. Lob ist ihm zwar sehr angenehm, allein es drückt sich dabei eine solche unschuldige Freude in seinem Gesicht aus, und man kann eigentlich sagen, daß durch Strafen wenig oder gar nichts bei ihm ausgerichtet wird, da man hingegen durch Güte, Nachsicht und Freundlichkeit alles bei ihm ausrichten kann.

Schmerz und Vergnügen, besonders der erstere, affiziren ihn auch nicht so sehr, wie seinen Bruder. Wo dieser bei Verlust im Spiel ganz niedergeschlagen wird, da behält er philosophische Gelassenheit, und schon oft hat er dabei zu mir gesagt: »Was soll ich traurig seyn, es ist ja kein rechtes Geld?« Und eben so wenig ist alsdann seine Freude beim Gewinnst so übermäßig, wie die seines Bruders. Auch körperliche Schmerzen verschmerzt er leicht, und kann manchen Unfall mit lachendem Munde ertragen. Empfindsam ist er dabei, wie sich leicht schließen läßt, auch nicht in hohem Grad, doch rührt ihn die Erzählung einer rechtschaffenen, und besonders einer wohlthätigen Handlung sehr. Bei Erzählungen von dem Unglück anderer Personen wird er ganz ernsthaft und in sich gekehrt, und hört sie auch nicht gern, sind es aber Fabeln, so tröstet er sich damit, daß es nicht wahr sey, wenns allzu traurig ist. Eben so auch bei Kupferstichen oder Gemählden, wo ein Unglück vorgestellt ist, wird er [105]oft anfangs ganz in sich versenkt, endlich aber geht er davon weg, und sagt: »ach, das sind ja nur Bilder, denen thuts nicht weh. Nicht wahr?« — Neben dem sind die Anlagen und Fähigkeiten seiner Seele eben so vorzüglich, als die seines Bruders. Verstand, Fassungskraft, Gedächtniß, Einbildungskraft und Witz sind in gleichem Grade und in der glücklichsten Mischung bei ihm vereinigt. Was man ihm sagt, faßt er schnell und leicht, ist aber nicht zufrieden, bis er die Sache ganz begriffen hat, und wenn ihm daher anfänglich etwas nicht ganz deutlich ist, so ruht er so lange nicht mit Fragen, bis es ihm völlig hell geworden ist; nicht ganz so glücklich ist er im Behalten dessen, was er gefaßt hat. Was er liebt, darüber denkt er nach, und macht dann Einwendungen dagegen, die von vielem Verstande zeugen. So las er einst Abends in meinem Zimmer vor sich in der Bibel. Plötzlich fuhr er auf und sagte: »Ei, man sagt, die Bibel sey wahr, und das ist doch nichts!« Ich fragte: Warum? Dann zeigte er mir die Stellen: Pred. Sal. 1, 4. und Kap. 3, 19. d und sagte: »Das ist ja nicht wahr, was hier steht.« Ich erklärte ihm dann die Stellen, und endlich gab er sich zufrieden. Ein anderesmal fragte er mich schnell: »Ist der Wind ewig?« Warum? sagte ich, Er: »weil er unsichtbar ist; es heißt ja in einem Spruch: was unsichtbar ist, das ist ewig.«

M. I. D. Mauchart.

Erläuterungen:

a: Vgl. die von Mauchart getrennt publizierte Version der folgenden zwei Charakterisierungen in Mauchart 2017, S. 57-66, 99-103. Zu diesem Beitrag s. auch Sindlinger 2010, S. 263-268.

b: Schütz 1780-1792.

c: Campe 1779/1780.

d: Prediger Salamo. Prediger 1,4: "Ein Geschlecht vergeht, ein anderer kommt; die Erde aber bleibt ewiglich“; 3,19: "Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel." Luther 1912.