ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VII, Stück: 3 (1789) > 2.3.  Beispiel eines ungewöhnlichen Gedächtnisses.

2.

Beispiel eines ungewöhnlichen Gedächtnisses. a

Mauchart, Immanuel David

Zu I......n, b einem Dorfe in hiesiger Gegend, lebt ein Mädchen, das wegen seines ungewöhnlich starken Gedächtnisses in der ganzen Gegend berühmt ist. Man sagt, sie sey in ihrer Kindheit ein sehr schönes Kind gewesen, habe aber die Blattern c bekommen, und sey so hart daran krank gelegen, daß keine Hoffnung zu ihrer Genesung mehr vorhanden gewesen sei. Die Aeltern haben darüber eine große Wehklage erhoben, und Gott inständigst gebeten, das Kind lieber aller äußerlichen Vorzüge zu berauben, und es nur beim Leben zu erhalten, worauf das Kind wieder genesen, aber blind und von den Blattern entsetzlich entstellt worden sey.

So viel ist richtig: das Mädchen ist blind, und seine Gesichtzüge sind von den Blattern sehr verderbt. — Bald aber bemerkte man an dem blinden Kinde desto stärkere Seelenkräfte, und besonders ein vortrefliches Gedächtniß. Als es zur Schule gebracht wurde, so brauchte es das, was ihm zu lernen aufgegeben wurde, nur ein einziges-[118]mal sich vorlesen zu lassen, um es schon vollkommen auswendig zu können, selbst lange Gesänge, die es lernen mußte, ließ es sich einmal vorlesen, und sagte sie gleich darauf mit unglaublicher Fertigkeit ohne Anstoß her, lernte auch jedesmal, weil ihr das Aufgeben zu wenig war noch zwei oder drei Gesänge aus eigenem Antrieb dazu, und war doch mit allem in weniger als einer Stunde fertig. —

Wann sie jetzt in die Kirche kommt, — und das thut sie sehr fleißig, — so richtet sie alle ihre Aufmerksamkeit auf den Prediger, und weiß alsdann nach der Kirche die ganze Predigt von Wort zu Wort herzusagen, selbst mit allen in der Predigt angeführten biblischen Stellen,wobei sie noch genau das Buch, das Kapitel, und den Vers von jeder angeben kann. — Und so schnell sie faßt, eben so treu ist ihr Gedächtniß auch im Behalten des Gefaßten. Ihre Mutter nahm sie einst mit sich nach Stuttgart, und führte sie daselbst in die Kirche, um einen gewissen berühmten Prediger da zu hören. Als das Mädchen wieder nach Hause kam, so fragte man sie, was dieser Mann geprediget hätte, und sie wußte noch eben so gut die ganze Predigt herzusagen, wie sonst die kurz vorher gehörte.

Einst geschah es, daß sie gefragt wurde, ob sie nicht mehr wüßte, was ihr Herr Pfarrer vor einem [119]Jahre über eine gewisse Materie geprediget hätte, worauf sie zur Antwort gab: »Ja, das weiß ich noch wohl, es war an dem Sonntag, über das Evangelium,« und nun zum Erstaunen aller Anwesenden, alles, was der Pfarrer über diese Materie gesagt hatte, wiederholte, so daß der Pfarrer es völlig mit seinen eigenen Worten übereinstimmend fand.

M. I. D. Mauchart.

Erläuterungen:

a: Vgl. die von Mauchart getrennt publizierte Version in Mauchart 2017, S. 48f., 96f.

b: Vielleicht Iptingen, ca. 27km von Stuttgart entfernt.

c: Die Pocken (DWb Bd. 2, Sp. 77).