ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Aus dem Tagebuche eines Selbstbeobachters.*) 1

Anonym

Freitags den 24. Julii 1778.

Wie angenehm ist doch die Stille nach dem Gewitter; wie süß die Ruhe nach dem Streit, wie wirthbar das enge Stübchen nach der weiten Reise!

Ich danke dir Gott, daß du mir Ruhe der Seele gegeben hast! Gieb mir Gesundheit, gieb mir Thätigkeit, gieb mir Freude an mir selbst und an allen meinen Unternehmungen!

Und dann laß dies Büchlein einen unpartheiischen Zeugen meiner Handlungen seyn, damit es mir in der Zukunft, die vielleicht noch meiner war-[26]tet, von jedem merkwürdigen Tage meines Lebens, ein getreues Bild darstelle. —

Freitags den 23. Oct.

Von mehr als sechs Wochen — wie mancher Tag ist verlohren gegangen! Wie würde ich bestehen, wenn ich jetzt die große Rechnung von der Anwendung einer jeglichen Stunde, die mir gegeben war, ablegen sollte.

Ach, ich wagte es, nur einen einzigen Tag zu verschleudern, ohne Rechnung von ihm abzulegen, und nun — wie hat sich, fast ohne mein Wissen, die Schuld gehäuft!

Stärke mich Gott in meinem Entschluß, von nun an aufmerksam auf mich selbst zu seyn, und höre mein Gelübde in dieser Mittagsstunde, daß ich am Abend dieses Tages — mich seiner erinnern will.

Sonnabends den 24. Oct.

Hab ich mich seiner erinnert — des feierlichen Vorsatzes — am Abend des gestrigen Tages? — erinnert? ja, aber mit Schaam und Widerwillen, mit dem unseeligen Bestreben diese Erinnerung selbst aus meiner Seele zu verbannen. —

Wie zufrieden mit mir selbst hätt ich mich niederlegen können, wenn ich nicht noch in der letzten Stunde dieses Tages mich hätte verleiten lassen, [27]durch Reden, die die Menschheit entehren, meinen Vorsatz zu entweihen.

Donnerstag den 5. Nov. Abends.

Hab ich mich aufs neue entschlossen, nicht wegen ungewisser Hofnungen einer mißlichen Zukunft, gegenwärtige Freuden zu vernachlässigen, wenn dieselben gleich oft weit unter meinen Wünschen sind.

Sonntags den 15. Nov. Abends.

So wäre mir dann doch einmal eine Hofnung eingetroffen, die vor vierzehn Tagen noch ungewiß war.

Gemeiniglich wurde mir doch von meinen Wünschen ohngefähr die Hälfte gewährt — ich denke, das soll auch hier eintreffen, und damit will ich mich begnügen.

Wie schwer hält es doch, um erst einen Tag dem andern so ähnlich als möglich zu machen, und doch hängt davon größtentheils die Ruhe des Lebens ab.

Sonntags den 22. Nov.

Gesellschaft — ängstliche Bemühung nicht zu mißfallen — Unzufriedenheit mit mir selbst — Furcht vor einer drohenden Krankheit. —

Montag den 23. Nov.

Mangel an Lebhaftigkeit bei Geschäften — Unterhaltung des Geistes — Mendelssohn — [28]Iselin — Steifigkeit in Gesellschaft — unweise Furcht. —

Donnerstag den 11. Febr. 1779.

So sind acht Tage entflohen, ohne daß ich einmal ernsthaft an mich selbst gedacht habe. —

Zu meiner Schande sey inskünftige jede Lücke in diesem Buche! —

Ist denn ein mir von Gott geschenkter Tag nicht so viel werth, daß ich am Abend seine Geschichte entwerfe, zur Belehrung meiner künftigen Tage? —

O ich merke, daß ich nie ein guter Mensch, nie ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden kann, wo ich nicht bald anfange, ein genaues Register über meine Handlungen zu halten, und daß ich mich nie in rechte Thätigkeit setzen kann, so lange nicht meine Endzwecke gewisser und bestimmter gewählt sind, ich fühle es, daß ich über die Menge von Entwürfen, die ich gerne gänzlich ins Werk richten wollte, keinen einzigen ausführen werde, und daß es also Pflicht für mich ist, einige meiner Lieblingsideen von itzt an gänzlich fahren zu lassen, um unter meinen mannichfaltigen Entwürfen eine richtige Wahl zu treffen, und nur einen einzigen mit ungetheiltem Enthusiasmus hinauszuführen, so viel Ueberwindung mir auch indes die Vernachlässigung der übrigen kosten wird.

[29]

Sonntag den 14. März.

Heute vor acht Tagen faßte ich einen Vorsatz, den ich für unüberwindlich hielt, wenigstens eine einzige Woche so hinzubringen, daß ich am Ende derselben zu mir sagen könnte, du hast acht Tage so gut genutzt, wie du konntest; da aber unvermuthete Widerwärtigkeiten, und wenig versprochene Freuden sich einfanden, wo blieb da mein Vorsatz, und diese Standhaftigkeit der Seele, die ich mir zu besitzen einbildete.

Gott! wie schrecklich, wenn diese Woche ein Bild meines Lebens wäre, wenn alle Bemühungen, mein Leben angenehmer, und meinen Zustand vollkommner zu machen, vergeblich, wenn die künftige Hälfte meines Lebens um nichts besser und wünschenswürdiger als die vergangene wäre! —

Doch ich will es diese Woche noch einmal versuchen, will mir die Erfüllung keines einzigen meiner kleinen Wünsche gerade in dieser Woche versprechen, sondern mache mich jetzt auf alle das Unangenehme gefaßt, wovor ich noch nicht völlig sicher bin; und nehme mir fest vor, daß eine anhaltende Thätigkeit, jeden aufsteigenden Kummer, und jeden traurigen Gedanken, den ich nicht vermeiden kann, unterdrücken soll, und so bald wie ich merke, daß die Traurigkeit sich sonst nicht will verdrängen lassen, so will ich eins meiner Lieblingsgeschäfte vornehmen — ich will auch zu meiner Belehrung die Ge-[30]schichte der vorigen Woche entwerfen, so bald ich merke, daß es sich in meiner Seele aufgeklärt hat —

Und nun nicht eher als bis über acht Tage, will ich mir selbst Rechenschaft ablegen, in wie fern ich diesem Vorsatze getreu geblieben, und wie oft ich davon abgewichen bin — auch will ich mich alsdann befragen, wie oft ich bei Tische munter und gesprächig, und wie oft ich mürrisch und mit mir selbst unzufrieden gewesen bin? wie oft ich in meinen Berufsgeschäften so arbeitete, daß ich am Ende jeder Stunde überzeugt war, meine Pflicht gethan zu haben, und wie oft ich träge war, oder zu sehr an meine eigenen Angelegenheiten dachte, als daß ich dem Geschäfte meines Berufs meine ganze Aufmerksamkeit und Thätigkeit der Seele gewidmet hätte? —

Indem ich dies schreibe, werde ich schon aus einer Verlegenheit gerissen, die ich befürchtete, das soll mich aber nicht sicher machen; denn die Zukunft hat noch tausend kleine Verdrüßlichkeiten in Vorrath, die ich vielleicht gar nicht vermuthete, und die sich dennoch ereignen werden; so will ich mich auch hüten, daß mich die Freude über irgend eine unvermuthete Erfüllung meiner Wünsche, eben so wenig, als der Verdruß über eine fehlgeschlagene Hoffnung unthätig mache: vielmehr will ich die frohesten Stunden zur Arbeit nutzen, die Lebhaftigkeit und Anstrengung des Geistes erfordert.

[31]

Sonntags den 21. März.

Gerade um diese Zeit war es vor acht Tagen, als ich mir vornahm, heute mir selbst Rechenschaft zu geben, wie ich die Woche genutzt habe.

Mit Vergnügen schaue ich auf diese sieben Tage zurück, die mir in jedem Betracht sehr angenehm verstrichen sind.

Fast kein einziger Tag, an dem ich nicht irgend ein kleines unverhoftes Vergnügen, einen unerwarteten Brief, einen Spaziergang, eine angenehme Unterhaltung, genossen hätte. —

Dies hat mich aufgeheitert, hat mir Munterkeit in Beschäftigungen und Selbstzufriedenheit gewährt; ich bin von körperlichen Schmerzen und Trägheit der Seele befreiet gewesen. —

Meine Unternehmungen sind mir größtentheils nach Wunsch gelungen, und keine beträchtliche Hoffnung ist mir fehlgeschlagen.

Bei meinen Berufsgeschäften habe ich größtentheils die gehörige Lebhaftigkeit gehabt, so daß ich am Ende derselben mit mir selbst zufrieden war, und in Gesellschaft habe ich größtentheils heiter seyn können. —

Seit gestern Abend scheint es, als wenn sich wieder Wolken in meiner Seele zusammenziehen wollen, ich denke aber, eine ununterbrochene Thätigkeit, und ein Paar Briefe von meinen Freunden, davon ich eben jetzt einen erhalten habe, sollen sie schon wieder zerstreuen.

[32]

Ich will mir aber diese Woche nicht wieder so viele Freuden, wie in der vergangenen, versprechen; ich will mich auf Kopfschmerzen, Geistesleere, Stumpfheit der Empfindung, kleine fehlgeschlagene Hoffnungen, und alle diese Uebel gefaßt machen, die uns das Leben verbittern können — und will sie mir, so gut ich kann, durch den Gedanken an eine beßre Zukunft, zu erleichtern suchen.—

Diesen Morgen habe ich in einer süßen Abwechselung meiner Beschäftigungen sehr angenehm zugebracht, ich hoffe auch den übrigen Theil dieses Tages so anzuwenden, daß ich damit zufrieden seyn kann, und dann will ich mich bestreben, die übrigen Tage dieser Woche, so viel es sich thun läßt, diesem ähnlich zu machen. —

Am Ende derselben will ich insbesondere Rechenschaft von mir fordern, ob ich durch Mäßigkeit meine Gesundheit und die Heiterkeit meiner Seele beständig zu erhalten gesucht, und mich auf keine Weise zum Gegentheil habe verleiten lassen.

Sonntag den 28. März.

Die Heiterkeit meiner Seele ist diese Woche über einigemal in Gefahr gewesen, Schiffbruch zu leiden, aber der Sturm hörte noch gerade zu rechter Zeit auf zu toben. —

So angenehm wie die vorige, habe ich diese Woche nicht zugebracht, doch aber kann ich im Ganzen genommen, mit ihr zufrieden seyn.

[33]

Einige unüberlegte Handlungen sind Schuld an meinem meisten Kummer gewesen, und haben mich unzufrieden mit mir selbst gemacht.

Wann ich doch erst einmal so viel über mich vermöchte, daß ich jeden zuheftigen Wunsch sogleich unterdrücken könnte. Denn diese Woche habe ich wieder ein warnendes Beispiel an mir selbst gehabt, daß heftige Wünsche selten erfüllt werden, und gemeiniglich der Keim zu einer unvermeidlichen Schwermuth sind.

Gemeiniglich, wenn ich ganz ruhig bei einer Sache gewesen bin, und ihren Ausgang ganz gelassen erwartet habe, so bin ich oft über meine Erwartung glücklich gewesen.

Das that ich vorige Woche — ich bekümmerte mich nicht ängstlich um die Erfüllung meiner Wünsche, und erhielt sie ohne mein Zuthun.

Das Glück, wie ich sehe, läßt sich nicht erzwingen, und entwischt uns dann am leichtesten, wenn wir es am begierigsten verfolgen.

Der Dienstag soll mir ein merkwürdiger Tag seyn. — Gerade da, wo meine Erwartungen aufs Höchste stiegen, war es vielleicht nöthig, daß sie plötzlich darnieder geschlagen werden mußten, damit ich mich nicht überhübe. — Aber bald hätte mir dieser einzige Tag, oder vielmehr eine unglückliche Stunde desselben, eine ganze schöne Woche verderben können. —

[34]

Insbesondere will ich es mir von heute an zur Regel machen, einem gegenwärtigen Verdruß keinen Einfluß auf die Folgen haben zu lassen, denn das ist es eben, was mir schon so manchen Tag meines Lebens verbittert hat.

Anstatt mich aus einem unangenehmen Zustande mit einiger Anstrengung herauszureißen, arbeitete ich mich vielmehr muthwilligerweise immer tiefer hinein.

Aber das gute Zeugniß muß ich mir auch geben, daß ich diese Woche einen guten Entschluß ins Werk gerichtet habe, ohngeachtet aller Hindernisse, die mich davon hätten abhalten können.

Auch habe ich mich über einige fehlgeschlagene Hofnungen bald zufrieden gegeben, weil ich mich vorher darauf gefaßt gemacht hatte; und ein paarmal, da ich im Begriff war, wieder in meine üble Laune zu verfallen, habe ich mich durch Thätigkeit und Bewegung, und durch angenehme Vorstellungen von der Zukunft, glücklich wieder davon befreiet. —

Aber bei meinen Berufsgeschäften und im gesellschaftlichen Umgange habe ich, besonders in der letzten Hälfte der Woche, Ursache gehabt, mit mir selbst unzufrieden zu seyn. —

Ich bin hierüber sehr bekümmert, weil ich daraus sehe, daß auch die stärksten Entschließungen so leicht wieder durch einen kleinen unerwarteten Zufall geschwächt werden können. —

[35]

Auch heute Morgen habe ich eine Unbesonnenheit begangen, die mich itzt sehr gereuet, und wovon ich die unangenehme Erinnerung mit aller Anstrengung nicht verbannen kann, weil es scheinet, als ob ich üble Folgen davon befürchten muß. — Ich will mir das aber, so viel wie möglich, aus den Gedanken zu schlagen suchen. —

Diese Woche wünschte ich insbesondere, daß ich kein einziges mal im gesellschaftlichen Umgange und bei meinen Berufsgeschäften, meine Entschliessung vergessen, und das gute Vernehmen mit mir selbst auf alle mögliche Weise zu erhalten suchen möchte. —

Mittwoch den 7. April.

Am Sonntage habe ich meine Rechnung nicht abgelegt — ich gelobe mir heute, daß ich dies nie wieder versäumen will, ich mag auch seyn, wo ich wolle. —

Die erste Hälfte der vorigen Woche war ich zu niedergeschlagen, und die andere Hälfte zu ausgelassen froh, als daß ich das gerade hätte thun können, was ich hätte thun sollen. —

Ich will aber so viel über mich zu gewinnen suchen, daß die beständige Abwechselung von Freude und Kummer in meiner Seele, welche nun einmal bei mir unvermeidlich zu seyn scheinet, meine Thätigkeit, und den ununterbrochenen Fortgang bestimmter Geschäfte, nicht hindern soll.

[36]

Diese vergangene Woche ist mir wieder eine fehlgeschlagene Hofnung, die mich zwei Tage mißvergnügt machte, durch eine unerwartete Freude ersetzt worden, die mich vier Tage lang aufheiterte — wo so viel angenehme Hofnungen, durch die gegenwärtigen kleinen Vergnügungen, in meiner Seele erweckt wurden, daß sich mein Gefühl zuletzt überspannte, und ich nothwendig wieder in eine plötzliche Trägheit versinken mußte, welche eben Schuld war, daß ich am Sonntage Mittag meine Handlungen und Empfindungen, die Woche über, nicht wiederholen konnte. —

Die Hälfte dieser Woche über haben Freude und Leid schon sehr oft bei mir abgewechselt, und oft, wenn mein Muth schon ganz anfieng zu sinken, bekam ich wieder eine unerwartete Aufmunterung. —

Die andere Hälfte will ich nun, so gut ich kann, zu nutzen suchen, und mir am Sonntage Rechenschaft ablegen, ob, und wie ich diesen Vorsatz ins Werk gerichtet habe. —

Sonnabends den 21. Julius Nachmittags.

Welche Unbeständigkeit in meinen Gedanken! —

Bald gereuet mich das, was ich thue, und bald freuet es mich; bald billige ich es, und bald tadle ich es wieder.

So wechseln angenehme und unangenehme Empfindungen beständig in meiner Seele ab.

[37]

Ich wanke jetzt zwischen Ehrbegierde und Glückseligkeit. Bei der ersten kann, bei mir, die letztre, und bei der letztern die erstre nicht bestehen — welche werd' ich aufopfern? —

Wenn ich denke, ich will diesen quälenden Durst nach Ruhm, durch vernünftige Ueberlegung in meiner Seel' ersticken, so fürchte ich mich sogar, diese Ueberlegungen anzustellen, weil ich jenen Trieb, ohngeachtet des Kummers, den er mir verursacht, nicht gern verlieren will.

Also befreit seyn wollen kann ich nicht einmal davon — o Freiheit, was bist du?

Sonntag den 22. Julius.

Manchmal ist es mir, als wenn ich noch so viel Muth hätte, etwas Großes zu unternehmen, und allen Hindernissen und Gefahren Trotz zu bieten. —

Dann giebt es wieder Zeitpunkte, wo ich mir weiter nichts wünsche, als ruhig in meinem Gleise fortwandeln zu können, und mich weder zur Rechten noch zur Linken umzusehen — wo alle mein Muth erloschen ist, daß auch kein Fünkchen mehr davon übrig zu seyn scheint — wenn ich mich dann niederlege, so kann ich eine so außerordentliche Wonne, kurz vor dem Einschlafen, empfinden, daß ich mir in dem Augenblick gar kein höheres Glück wünsche. —

So war es mir heute Morgen, wo mir alles — alles zuwider, und der Schlaf meine [38]einzige Zuflucht vor dem wachsenden Unmuth war. —

In E.... würde ich gewiß ein Raub der Verzweiflung geworden seyn, wenn mich ein wohlthätiger Schlaf, obgleich auf einem Lager von Stroh, nicht vor ihrer Wuth geschützt hätte — und manchmal, wenn ich unnatürlich lange geschlafen hatte, mit welchen frölichen Aussichten konnte ich da erwachen! wie leicht schüttelte ich die Bürde meines entsetzlichen Zustandes ab, und bot allen meinen Widerwärtigkeiten muthig Trotz!

Donnerstag den 2. August.

Was hätte ich nicht diese Tage über ausrichten können, wenn ich immer auf einen Zweck gearbeitet hätte.

So aber verdrängte immer ein Plan den andern, und ich habe meine kostbarste Zeit in der größten Unthätigkeit zugebracht.

Heute Morgen schien ein fester Entschluß in meiner Seele zur Reife zu kommen; noch aber hat er nicht durchdringen können.

Wenn ich mein ...projekt durchsetzen will, so muß ich von diesem Augenblick an beinahe keine Minute mehr verlieren. Ich will doch sehen, wie viel ich heute Abend noch leisten werde?

Sonntag den 4. August.

Verdrießlich — ein unbehagliches Wort — mir gellen die Ohren, wenn ich es höre — und ein [39]unerträglicher Zustand — nicht so heftig wie Traurigkeit, und doch weit schlimmer. —

Was soll ich thun, um den nagenden Verdruß abzuschütteln?

Ich habe den Muth zu allem verlohren. —

Wie wird das gehn, wenn ich mit meinem Vorsatze nicht durch alle diese Verdrüßlichkeiten hindurchdringe? —

Schon vier Tage von vierzehn sind verflossen, und noch habe ich nichts gethan — und habe auch nicht die Kraft, die gegenwärtige Muße zu nutzen — ich fühle die Bürde des Lebens, und habe sie immer gefühlt — das war mein Wunsch so oft, im Genuß eines langgehoften Glücks zu sterben. —

Schon in ..... wünschte ich dies einmal, und hofte es sogar, da ich auch ein damals für mich großes Glück erreichte.

Vor ... Jahren wünschte ich es, da ich alle meine Wünsche gewissermaßen erfüllt sahe — und nun? — Ja, wenn ich leben soll, so muß es zu meiner Freude seyn, und das kann wieder nicht ohne eine ununterbrochene Thätigkeit geschehen, und diese wird doch durch jeden Verdruß unterbrochen. —

Warum kann ich so wenig frohe Zeitpunkte in meinem Leben zählen?

Weil mein würkliches Leben nach dem Laufe der Natur, nur so selten in mein idealisches Leben eingreifen konnte.

[40]

Abends.

Während dem Gehen gelang es mir, die Gedanken, die mich traurig machten, nach und nach zu unterdrücken. Es traten andre an ihre Stelle, welche sie verdrängten. Ich fand, wie klein und unbedeutend mein gegenwärtiger Verdruß im Verhältniß gegen meine Entwürfe sey.

Diese Entwürfe rollten sich alle in meiner Seele aus einander, und gewährten mir eine süße Täuschung.

Das alles geschah aber erst, nachdem ich eine Weile schnell gegangen war, und nachdem wenigstens einer meiner kleinen Wünsche befriediget war.

Sobald ich merke, daß es mir nur in einem Stücke gelingt, so schöpfe ich auch gleich wieder große Hofnung.

Bin ich nicht dazu bestimmt, etwas Großes zu unternehmen, woher diese brennenden Wünsche, mich auszubreiten, mich loßzureißen von dem Joche, das mich darnieder zieht? — Und was ist das, etwas Großes unternehmen?

Wäre es nicht das Größte, diese brennenden Wünsche zu unterdrücken, und im Stillen Gutes zu thun?

Aber das kömmt mir so fremd, so unmöglich vor — und doch bin ich zu schwach, (wie schwer es mir wird, das Wort hinzuschreiben!) das erste ununterbrochen hinauszuführen.

[41]

Freitag den 10. August.

Wo ist meine Kraft? — Stunden, Tage und Wochen verfließen ungenutzt, die mir jetzt über alles kostbar seyn sollten. —

In der Lage, worin ich jetzt bin, gieng das an, aber wird es auch in der angehen, worin ich komme? — Ach, was wird dann aus mir werden, wenn diese Trägheit wiederkehren sollte, die mich oft ganze Tage hindurch zu jedem Geschäft so unfähig macht?

Aber Muth gefaßt! Nun muß es doch zu einem Ziele kommen — stelle dir doch immer vor, wie du vielleicht künftig wieder von dem denken wirst, was dir jetzt so reizend zu seyn scheinet, und was dir doch schon so unerträglich geschienen hat.

Denke, daß diese letzten Vorstellungen wiederkehren können, und daß es dich vielleicht gereuen wird, das nicht gethan zu haben, was du jetzt thun willst, und wieder nicht willst. —

Die Stunden eilen hin — ergreife die gegenwärtige — eh du noch den Muth dazu verlierst!

Abends.

Wenn wird es ruhig werden in meiner Seele? — Ach wenn die kühle Gruft mich deckt. —

Ich fühle es lebhaft und immer lebhafter. —

Ich wäre fähig, meine eigne Existenz um die Existenz in andern wegzugeben — und was ist das? —

[42]

Vergehen, vergehen muß ich — ach, so gewiß, als o dieser Augenblick mein letzter wäre — so gewiß ist der Augenblick meines Todes — er ist da! — und wo ist dann meine Größe? — Wo sind alle meine Entwürfe? — Und ich härme mich um ein Blendwerk ab — Und genieße keine der Freuden, die ich genießen könnte. —

O, wer stillet den Tumult meiner Gedanken? — Ich sehe es immer deutlicher ein, wie thöricht ich gehandelt habe. —

Mittwoch den 22. August.

Thus let me live, unseen, unknown, Thus unlamented let me die, steal from the World, and not a stone tell where I lie! a

Pope.

So dachtest du in deinem zwölften Jahre, edler Mann! — Aber du lebtest nicht unbekannt und unbemerkt, sondern verehrt und gepriesen von deinen Zeitgenossen, mitten im Schauplatz der grossen Welt; auch starbst du nicht unbeweinet, und dein Andenken ist der spätern Nachwelt heilig!

Der entscheidende Schritt ist also zurück gethan — Wem würde ich dieses geglaubt haben, der mir es am siebenten Julii vorausgesagt hätte? — daß ich mich nach alle den Aussichten in die weite Welt, wieder einschränken würde in das enge Stübchen? — daß alle meine Wünsche und Begierden auf ein anderes Ziel geheftet seyn würden? —

[43]

Der Abgrund war mit Rosenhecken umwachsen — ich hätte eine nach der andern abgepflückt, und bei der letzten hätte ich erst mein Verderben eingesehen, und wäre unaufhaltsam hinabgestürzt. —

Aber du ließest Gedanken in meine Seele strömen, Allgütiger, die der kalten Vernunft das Uebergewicht über die gaukelnden Phantasien gaben. —

Und ihr habe ich es zu danken, daß ich nun wieder einen stillen frohen Tag genossen habe, an welchem Beschäftigung und Vergnügen mit einander abwechselten, und von dem ich am Abend mit frohem Herzen Abschied nehmen kann. —

Vielleicht schwankte ich jetzt zwischen tausend widerwärtigen Entschließungen umher, irrte aus einem Labyrinth ins andere, hätte keine bleibende Stätte, und fände nirgends Ruhe, wenn die gaukelnden Phantasien das Uebergewicht behalten hätten, die gerade noch zu rechter Zeit ihrer tyrannischen, quälenden Herrschaft in meiner Seele entsetzt, und dem festen Triebe nach gewisser Glückseligkeit untergeordnet wurden.

Donnerstag den 23. August. Gegen Abend auf dem Felde.

Ach Gott, sollte diese Stumpfheit, diese entsetzliche Trägheit der Seele auch einmal über mich kommen, die mich unfähig zum Entzücken und zu der süßen Schwermuth macht; o lieber laß mich leiden und dulden, und mit tausend Widerwärtigkeiten [44]kämpfen, als diese fürchterlich einförmige Glückseligkeit erlangen!

Aber so warte doch wenigstens, bis du mit wahren Widerwärtigkeiten zu kämpfen hast, und verlange nicht mit solcher Ungeduld darnach, daß du sie dir selber thörichter Weise zu bereiten suchst?

Sonntag den 2. September.

Was wünsch ich mir denn weiter, als das? — Einsamkeit! mit vollen Zügen schlürf' ich jetzt ihren bezaubernden Nektar ein. —

Ja es ist eine große Glückseligkeit, seinen Fuß hinsetzen können, wohin man will, und seinen liebsten Gedanken ungestört nachzuhängen! —

Es scheint, ich habe nun den Muth gefaßt, glücklich zu seyn. —

Nun will ich in dieser Morgenstunde, in diesem Garten, unter freiem Himmel, noch einen feierlichen Vorsatz fassen, inskünftige

wahr zu seyn,

nicht mehr zu scheinen, weder mir selbst noch andern, in keinem Stücke; das war es eben, was mir bisher so viele Glückseligkeit geraubt hat.

Ich bin nicht den geraden Weg zum Ziele gegangen, sondern habe auf tausend Umwegen das gesucht, was mir vielleicht sehr nahe lag. —

Fußnoten:

1: *) Erzwungene Religiösität und erzwungene Moralität leuchtet fast aus jeder Zeile dieses Tagebuchs hervor, das viele lange Gebete und allgemeine moralische Betrachtungen enthält, die ich weggelassen habe, um nur das Wesentliche auszuziehen. <M. >

Erläuterungen:

a: Zitat aus 'Ode on Solitude', geschrieben als Pope 12 Jahre alt war.