ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VII, Stück: 2 (1789) > 3. Ueber Seelenkrankheit und einen Seelenkranken Menschen.

3.

Ueber Seelenkrankheit und einen Seelenkranken Menschen.

Hellen, Christian Friedrich zur

Der Herr Professor Moritz äußert in seiner Revision der drey erstern Bände seines Magazins die Meinung: daß jedes Laster eine Seelenkrankheit sey. Ich bin ebenfalls der Meinung, daß jeder Lasterhafte ein Seelenkranker sey, und eigentlich diese Benennung einem solchen nur beigelegt werden könne. Verwirrung, Raserey, Tiefsinn, Schwermüthigkeit u.s.w. sind eigentlich keine Seelenkrankheiten, weil der Grund dieser Krankheiten (vielmehr Schwachheiten) nicht in der Seele, sondern in dem thierischen Körper selbst gesucht werden muß. Kör-[27]perliche Umstände verhindern die Seele so oft sie leidet in ihren Wirkungen und zerrütten ihren natürlichen Zustand der Selbstthätigkeit. Verletzung oder Druck des Nervensystems, die durch vielerlei Veränderungen im Körper und durch äussere Umstände verursacht werden kann; durch verdicktes, schweres Geblüt, durch schlechte Beschaffenheit des Magens, durch Würmer, durch Kontusionen des Kopfs, durch Schreck, Furcht, Freude, mithin durch tausendfältige Umstände, wodurch die thierische Maschine, der sich die Seele zu ihren Wirkungen bedient, ihr eigenthümliches Vermögen und Kraft, zum freien Wirken verlieret, ist allemal Ursach der Verstandlosigkeit und der unregelmässigen Handlungen (Aeusserungen) der Seele. Verwirrung, Raserey und all' die sonderbaren Erscheinungen, die uns eine aus ihrem Wirkungskreise versezte Seele sehen läßt, wär also kein kranker Seelenzustand, wohl aber zeigte ein solcher Umstand eine Verhinderung der Seele an, die durch Schuld ihrer beschädigten Maschine nicht regelmässig wirken kann. Die körperliche Krankheit, woher wir den Begriff Seelenkrankheit ableiten, giebt uns die Idee an, was Krankheit, (Schwächlichkeit, Ungesundheit) sey, nemlich; wir nennen Krankheit denjenigen Zustand des Körpers, in welchen der Mensch untüchtig ist, sein natürliches (angebohrnes) Vermögen zu wirken oder handeln, anzuwenden; ist dieses Vermögen zum Wirken irgend wodurch gehemmt [28]oder geschwächt, wie z.B. durch Mattigkeit, Schmerz, Verstümlung u.s.f. so nennen wir den Menschen krank, d.i. unbrauchbar zur Arbeit zu seinen Geschäften, zu denen er sonst aufgelegt, tüchtig war. Krankheit des Körpers ist folglich ein veränderter, geschwächter Zustand des Körpers, der aus dem Körper selbst seinen Ursprung nimmt, und den Grund seines veränderten Zustandes in sich hat. Nach dieser Idee, die ich mir von der Natur der körperlichen Krankheit bilde, formire ich die mangelhafte Idee von der Seelenkrankheit. Ist die Seele krank, so muß ihr natürliches Vermögen zum Wirken behindert werden, folglich eine verkehrte unzweckmäßige Richtung nehmen; ihr Vermögen muß stocken, verlähmt seyn, nicht so wirken und selbstthätig handeln zu können, als sie ihrer Natur nach kann und gewohnt ist; ihr natürlicher Zustand ist also verändert, sie kann ihre natürliche Kraft nicht anwenden; ihre Natur leidet also durch gewisse Hindernisse. Dieser veränderte Zustand nun findet seinen Grund in der Natur der Seele selbst, so wie die Krankheit des Körpers ihren Grund im Körper findet; die Seele wie der Körper wirken diesen ihren veränderten Zustand (Krankheit), durch gewisse Umstände gezwungen, und werden durch diese hervorgebrachte Wirkung die Ursach ihres veränderten Zustandes. Ist die Seelenkrankheit durch zufällige Umstände eine Wirkung der Natur der [29]Seele, und ist in der Seele das Principium zu suchen, gleich der körperlichen Krankheit, wovon der Körper allein den Grund enthält und Ursach wird, so kann diejenige Seele nicht krank heissen, die durch körperliche Umstände gehindert wird ihre Wirkungen fortzusetzen, oder die natürlichen Kräfte ihrer Natur anzuwenden, weil der Grund dieser zufälligen Verhinderungen nicht in der Natur der Seele, sondern in gewissen Umständen des Körpers liegen. Die Seele ist in dem Zustande der Verstandlosigkeit also nicht krank, sondern verlähmt, geschwächt, oder unvermögend zu nennen. Eine lasterhafte Seele würde eigentlicher eine kranke, unvermögende, geschwächte Seele zu nennen seyn; denn so wie körperliche Krankheiten von zufälligen Umständen abhangen, die in dem Körper den Grund der Krankheiten finden, und von sehr verschiedner Art sind, je nachdem der Körper beschaffen ist, so hängt die Seelenkrankheit, die ebenfalls durch sehr verschiedene Umstände generirt wird, von zufälligen Umständen ab, die in der Seele den Grund der Krankheit finden. Die eine körperliche Krankheit ist heftiger, die andern zusammengesezter und weit gefährlicher als die andern — eben so die Seelenkrankheit, die Lasterhaftigkeit. Die eine Seele ist mehreren Lastern zugleich, die andere ist in einem ausnehmend hohen Grad einem gewissen Laster besonders ergeben; z.E. der förmliche Dieb ist gemeiniglich mehrern Lastern, [30]der Säufer oft nur dem einen Laster, im höchsten Grad ergeben, wodurch seine Seele alle Brauchbarkeit verliehret. Es giebt Menschen, deren ganzes Leben eine Krankheit zu nennen ist, die in diesem durchaus zerrütteten Zustande ganz unfähig sind, die natürlichen Kräfte ihres Körpers ihrer Anlage nach zu gebrauchen; so finden sich auf ähnliche Art Seelenkranke, deren ganzes Leben, (die ersten Jugendjahre ausgenommen) eine Seelenkrankheit genannt werden kann, weil ihre Seele in einem so unordentlichen Zustande ist, in welchem sie aller guten Thätigkeit, Aeusserungen, Wirkungen, gewissermaßen ihrer ganzen Brauchbarkeit beraubt wird, und ihren erschlaften, verlähmten Kräften die gehörige Richtung nicht geben kann. Der Seelenkranke, der Lasterhafte, der sich seit Jahren gewissen Lastern ganz überlassen hat, fühlt sich wie gezwungen, seiner Seelenbegehrungskraft immer freien Lauf zu lassen, sie ist herrschend auf Gegenstände gerichtet, von denen sie gleichsam unwiderstehlich angezogen wird, und der die übrigen Seelenkräfte die Waage nicht mehr halten können, weil sie einmal das völlige Uebergewicht erlangt hat. Eine solche Seele ist ja wohl recht krank, weil ihre übrigen gesunden Kräfte der weit stärker gewordenen ungesunden (verkehrt gerichteten) erschlaften Kraft unterliegen, und dadurch die Seele krank wird. Der Körper wird krank, wenn sein Blut und seine Nerven leiden, wovon der Grund in der veränderten [31]Beschaffenheit des Körpers zu suchen ist; die Seele wird krank, wenn ihre Begehrungskraft eine üble Richtung oder Hang erhält, wovon der Grund in der vernachlässigten Kultur der Empfindungs- und Erkenntnißkraft der Seele zu suchen ist. Ist die ganze Seele zerrüttet, d.i. die Begehrungskraft durchaus verstimmet, vernachlässiget, mithin ganz lasterhaft, so ist dies Beweis von einer ganz vernachlässigten Kultur der beiden übrigen Seelenkräfte, die nun ihre gehörige Wirkungen nicht mehr äussern können, die dritte Seelenkraft also nothwendig in Unordnung gerathen muß. Kein Wunder wenn die durchaus lasterhafte Seele ihre beste Kraft zu guter Thätigkeit verlohren hat, kein Wunder wenn der Lasterhafte schlecht handeln muß, und nicht anders handeln kann, weil eine zu große Veränderung mit ihm vorgehen muß, und seine übrigen Seelenkräfte neu angebauet werden müssen, wenn er besser handeln soll, als er nun kann. Daher die Seltenheit einer gebesserten Lasterseele und die anscheinende Unmöglichkeit, manchen Lasterhaften zu bessern. Die lezten Lebensstunden eines solchen Menschen reichen zu seiner völligen Besserung nicht zu, wenigstens nicht ohne ein anzunehmendes W. W. Der Weg zur Besserung ist ein natürlicher Weg, und die Mittel der Natur der Seele ganz gemäß. Die Kultur der Empfindungs- und die Richtung der Erkenntnißkraft macht den Menschen, entweder tugend- oder lasterhaft, je nachdem beide [32]Kräfte die eine kultivirt, und die andere gerichtet wird, beide Kräfte geben das Triebrad, Empfindung, Neigung, Trieb, und die Begehrungskraft wendet sie an.

Die Seele kann nach ihren Anlagen und Kräften vollkommen seyn, metaphysisch dem Menschen die metaphysische Vollkommenheit geben, und er kann doch das schändlichste, verabscheuungswürdigste Ungeheuer der Schöpfung werden. So lebt in meiner Gemeine ein Mensch, der gewiß die metaphysische Vollkommenheit in einem hohen Grade besizt, ein Mensch von höchstens 38 Jahren. Die Regelmässigkeit seines Körperbaues, seiner Bildung giebt ihm eine ausgezeichnete Schön- und Vollkommenheit; jeder Theil seines Körpers ist regelmässig schön, ist Original, und bestätigt Socratis Ausspruch vollkommen: ein schöner Körper verräth eine schöne Seele (den Anlagen nach). Die Seele dieses Menschen ist in ihrem Ursprunge gewiß vollkommen; viel Witz, Scharfsinn, Verstand, Muth, Lebhaftigkeit alles zeichnet seine Seele vorzüglich aus. Und eben dieser Mensch ist das einzige ächte Original von Lasterhaftigkeit, das ich unter allen Lasterhaften Menschen kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe, auch meine Lectüre reicht nicht hin, sein Urbild in einem Rival dieser Art zu finden. Es ist kein einziges unter allen Lastern, in so weit sie dieser Mensch kennet, das ihm nicht ganz eigen wie natürlich geworden wäre. Der grobe Diebstahl ausgenommen [33]denn sein lasterhaftes Pointd'honnör ist zu groß und duldet dieses Laster nicht. Seit seinem 16ten Jahre ohngefähr ist er zu diesem Original erwachsen als Bauern Sohn, bei einer sehr guten gemeinen Erkenntniß; hat auch hier und da bei recht guten Leuten gedient. Die Schwärze seines Herzens hat nach meiner geringen Menschenkenntniß ihren höchsten Staffel erreicht. Lachend und scherzend mit satanisch höhnender Miene ist er fähig, jeden Menschen, die Unschuld selbst auf die herzkränkendste Weise zu betrüben, ohn Anlaß und Ursach! Verrätherey, die listig entlockten Geheimnisse seines Busenfreundes frohlockend kund zu machen, ist sichtbare Wollust für seine Seele. Brünstig wiehrend wie Vieh in der Menschenhaut lockt und liebkoset er so, als Jüngling, so als Mann (ehemals mit einer Art von Zauberkraft, jezt fängt seine Schönheit unter dem Laster an zu verwelcken) und ist barbarisch genug nach seiner Sätigung, selbst die schönste entknospte Unschuld grausam zu mißhandeln und ohn' Erbarmen, hart gegen alles Gewinsel, ins Elend von sich zu stoßen. Die schönsten Kinder seiner Brut müssen oft des Lebens unsicher seiner Wuth entfliehen, und mit der Mutter unter freiem Himmel elende Nächte durchwachen. In solchen Augenblicken, wo er sich selbst zu überwinden scheint, ist er wie eine Mißgeburth der Natur, deren sonst laute Stimme er auch nüchternen Muths nicht hört. Auch die schönste Statue, die ihn mit Affenneigung [34]zu fesseln schien, (denn er hat schon mehrere Weiber und Koncubinen im Besiz gehabt) wird unter viehischer Art barbarisch behandelt, wie ein Block zerpeitschet, und wie ein Ball hin und her gestoßen, nur glüklicher Zufall und Flucht rettete schon mehreren derselben das Leben.

Die Religion, alles was Heilig und Tugend heißt, ist ihm ein Gegenstand des lautesten Gespötts; seine Zunge stößt mit einer Art von Nattergift, die seltsamsten Verwünschungen und gräßlichsten Flüche von sich, mit einer Manier und Schnelligkeit, die eine große Fertigkeit anzeigt, seine Wege wiederhallen gemeiniglich wenn er getrunken hat von einem wildtobenden Gebrüll weit umher bei schäumenden Maule, und jeder eilt bei Seite — sein Geist scheint in dem Zustande ihm eine quälende Marter zu seyn. Die unschuldigsten Menschen werden oft, wenn die Gelegenheit es will, der Gegenstand seiner tigerischen Wuth, die er mit einer List mörderisch anzufallen weiß, die oft einzig in ihrer Art ist; nur die waltende Vorsicht rettete bereits manchen ihr Leben, frolockendes Triumphgebrüll verkündigt dann laut umher seinen erfochtenen Sieg. Kein einziges Gesetz ist seiner Befolgung werth, und er scheint ohne Gesetz ungebunden leben zu müssen. Seine Verstellung, Freundlichkeit, Dienstfertigkeit, verständige Reden, einnehmender Ausdruck, anständige Dreustigkeit sind die Zauberkünste, wodurch er sich ausnehmend glüklich einzuschmeicheln, [35]und jeder dem er unbekannt ist, für sich einzunehmen weiß. Die Miene der Ehrbarkeit und wirklicher Rechtschaffenheit; sich mit einer Art von Würde in fremde Angelegenheiten zu mischen, sich hier und da bei Leuten nothwendig zu machen, ist eine Kunst, die er gründlich studirt hat. An Beredsamkeit und rednerischen Wendungen ist er ausnehmend reich, und weiß sich dergestalt aus seinen verwickelsten Händeln zu schwatzen, daß man in Zweifel geräth, ob er Engelrein oder schwarz wie das Haupt aller Lasterhaftigkeit sey. Den Obrigkeitlichen Personen hat er bereits manche Last gemacht. In seinem gemeinen Leben ist ihm Schande aller Art eine reiche Ehrenernte, und er brüstet sich wirklich mit Lastern, die der halbgesittete ohne zu erröthen nicht hören kann. Es ist ihm sichtbare Freude, sich über alle Scham so weit erhoben zu fühlen, daß er schon mit ihr unbekannt geworden ist. Die schändlichsten Thaten von ihm begangen sind in seinen Augen Heldenthaten, wenn er Parthey nimmt, macht er sich eine Ehre daraus, durch seine Eidschwüre die Sache seines Klienten durchsetzen zu helfen, und ist ihm in dem Fall eine Freude, wenn er wie angebothner Zeuge vor Gericht als ein solcher mitagiren und seiner Parthey dienen kann. Bei aller Gelegenheit rühmt er seine Talente zu Lasterthaten, spricht von seinen genoßnen Lasterfreuden mit einer Ruhe und Delicatesse, und seine Seelenheiterkeit ist dabei so groß, daß mans ihm wirklich zuglauben sollte, er sey ohne alle Moralität [36]gebohren, gezwungen durch Natur so zu handeln und zu seyn, als er handelt und ist. Seinen in den benachbarten Gemeinen bekannten Ruf kennet er vollkommen; nennt declamatorisch sehr oft seinen Haus- und Taufnamen, scheint den Effect davon zu seiner Aufblähung recht zu empfinden, sich als Lasterheld fühlend, gleich jenem Helde im Shakespear: ich selbst bin ganz allein ich selbst! So ein Urbild von Lasterhaftigkeit in Natura ist dieser Mensch kein Ideal wie Shakespear sich bildete. Nur geehrt und geachtet will er durchaus bei allen Menschenclassen seyn; diesen Anspruch glaubt er durch seine Lasterrenommisterey erworben zu haben. Zwölf bis vierzehn Jahre mag dieser Patient in diesem Kreise seiner unheilbaren Seelenkrankheit herumgetaumelt seyn, der vielen Menschen ein verderbliches Exempel ist, wie die verherende Pest, vieler Menschen Fall geworden, und noch mehrern eine tägliche Plage ist, sich selbst aber ein fressendes Feuer, das sich selbst verzehret.

Weder militär- noch bürgerliche Züchtigungen, die oft fühlbar genug waren, haben ihn heilen können; selbst seine jetzige Armuth kann ihn nicht zähmen, nur fällt ihm jezt manche Lasterkost zu kostbar, wodurch er jedoch noch ärger wird. Dieser Mensch ist offenbar ein unheilbarer Seelenkranker, dessen ganze Seelenkrankheit in ihrem Umfange ich nicht zu beschreiben im Stande bin. Alle moralische Mittel zu seiner Besserung sind wirklich bereits [37]erschöpft. Religion kennt er, aber hat sie nicht, hält sie für ein Hirngespenst, und stößt sie von sich, wo sie seine Schritte zügeln will. Die gemeine Menschenehre ist ihm Thorheit; Wohlstand, Beifall, Glauben, Zutrauen des Nächsten sucht er nicht; seine Lüste zu fröhnen, ohne Einschränkung zügellos zu leben, nur das ist sein einziges Augenmerk, das Ziel der Ehre wohin er strebt. Zwangmittel sind bisher fruchtlos gewesen, und moralische als die einzigen ächten Besserungsmittel für den Menschen, werden fruchtlos bleiben. Kömmt einmal sein Sterbelager näher, so möchte höchstens eine erzwungene Galgenbuße seine Miene frömmer machen, aber sicher sein Herz nicht bessern, seine Seele nicht heilen. Wollen wir kein Wunderwerk annehmen, so kann diese durchaus erkrankte Seele schwerlich auf dem natürlichen Wege der Besserung durch neue Kultur der Seelenkräfte gebessert werden. Ein Arbeits- lieber Besserungs- als Zuchthaus, wo ein solcher Mensch mehrere Jahre im Stillen ohne alle Gesellschaft fleißig arbeiten müßte, wäre die beste Kur und zugleich Wohlthat für den Staat. In Gesellschaft zu arbeiten würde ein solcher Mensch sicher der alte bleiben, die Seele nie recht aufwachen und zu sich selbst kommen. Sonst muß wohl der treue Volkslehrer das beste thun, solche Krankheiten durch Popularität im Predigen, Katechisiren und Hausbesuchen, zu heilen und vorzubeugen suchen. Aecht populäre Prediger, die zu diesem [38]Geschäft abzweckten, kenne ich noch nicht. Was gemeinhin populär heißt, ist bei weitem nicht für alle aus der Volksclasse populär. Die Local-Volkssprache wissen, die Erkenntniß, Denkungsart, Sitten, Vorurtheile, Gebräuche, Gewohnheiten und besonders den Winkelwandel, ich will sagen das gemeine tägliche Betragen des Volks unter und gegen einander auszuspähen, treulich benutzen, verlangt die eigentliche Popularität. An jedem Orte, für jedes gemeine Volk populär und gleich nüzlich zu seyn, ist Unmöglichkeit; das Stadtvolk verlangt einen ganz andern populären Vortrag als das Landvolk, und die eine Landgemeine wieder einen andern, als die zweite Gemeine in einer benachbarten Provinz. Gut wär' es, wenn jeder treue Prediger eine genaue unpartheische Liste über den moralischen Wandel und Gemüthszustand seiner Eingepfarrten halten könnte; wahrscheinlich würde sie ihm gute Dienste leisten. —

Zur Hellen
Prediger in der Grafschaft Ravensberg.