ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VII, Stück: 2 (1789) > 4. Bemerkungen über einen inkorrigiblen Dieb in psychologischer Rücksicht.

4.

Bemerkungen über einen inkorrigiblen Dieb in psychologischer Rücksicht. a

Hellen, Christian Friedrich zur

Das Laster ist bekanntlich eine herrschende böse Neigung, die durch öftere Befriedigung Fertigkeit [39]in Volbringung böser Thaten und oft unvertilgbarer Hang zu bösen Thaten wird; Diese Fertigkeit, unedler Hang, böse Neigung bestimmen den moralischen Character des Lasterhaften. Nur wenige lasterhafte Menschen im eigentlichen Sinn der Wortbedeutung, sind von Grund aus zu heilen. Laster ist und kann also nichts Angebohrnes, nichts der menschlichen Natur Eigentümliches seyn, in Rüksicht ihrer ursprünglichen Beschaffenheit; böse Neigung ist Laster, wenn sie herrschend wird, und sie müßte herrschend seyn, wenn sie angebohren wäre. Der Verfasser der Geschichte seiner Verirrungen B. 3. St. 1. der Erfahrungsseelenkunde irrt sich folglich, wenn er S. 11 sagt, gutes und böses Herz werden wohl angebohren. Grundtriebe, Affecten, Temperament, werden angebohren, verherrlichende Weisheit des großen Schöpfers vermögen zum Bösen, es zu begehen, anzunehmen u.s.w. Der Zunder, die Empfänglichkeit fürs Böse, offen für unedle Neigungen, ist in der menschlichen Natur anzutreffen, entspringt und ist aufs wesentlichste mit den Grundtrieben, Affecten und Temperament des Menschen vereint. Der Mensch ist mithin durch seine Natur zu keinen unedlen Neigungen gezwungen; wär ers, hätte er ein angebohrnes schlechtes Herz: wie wären auch die Haupteigenschaften Gottes, seine Gerechtigkeit, seine uneingeschränkte unpartheische Menschenliebe, womit er aller Menschen Wohl und dauerndes Glük so offenbar will, [40]zu rechtfertigen? Daß der eine Mensch mehr Zunder, mehr Empfänglichkeit, mehr Offenheit, wenn ich so reden darf, für unedle Neigungen hat, als der andere, so wie der eine mehr Lebhaftigkeit des Temperaments, heftigere Affecten, stärkere Grundtriebe besizt als der andere ist ausser Zweifel. Diese oft auffallende Verschiedenheit hat die Idee erzeugt: er ist mit dem Strick gebohren, wie der große und fromme Saurin, auch so manche andere Beispiele diese Idee zu begünstigen scheinen. Gewisse unedle Neigungen, gewisse böse Triebe können der Natur des Menschen nicht angebohren seyn, weil er sonst auch wider Willen zu bösen Handlungen gezwungen seyn würde, also wie eine todte Maschiene nie zu einem moralischen Character gelangen könnte, und ohne diesen ist der Mensch Idiot, oder ein Verstandloser, der keinen Willen hat, — denn sein moralischer Character hängt lediglich von seinem freien Betragen und Verbindungen ab, folglich weder durch Kultur der Seelenkräfte, durch Erziehung, durch Umgang, durch Gewohnheit, durch zufällige Umstände des Körpers, noch durch die Religion gebildet werden könnte. Das Vermögen darf ich sagen, die Kraft zu guten als bösen Neigungen, der Zunder für beides muß der Natur der Seele eigen seyn, und muß ohnstreitig zu der metaphysischen Vollkommenheit des Menschen gehören, so wie er in seinem gegenwärtigen Zustande seyn sollte, nemlich für diese beste Welt, metaphysisch eingeschränkt, aus [41]welcher Einschränkung moralische als physische Uebel nothwendig erfolgen müssen, und auch nach dem unübersehbaren Plane des Ewigen zum Besten seiner Welt erfolgen sollten. Das Vermögen, die Kraft, die der Mensch zum Bösen frey hat, bestimmt ihn aber durchaus nicht, irgend eine böse Neigung bey sich herrschend werden zu laßen, sonst würde sein natürliches Seelentemperament einen nothwendigen Einfluß in seinen sittlichen Character haben, den es doch nothwendig nicht hat, noch haben kann; dies beweiset schon die bekannte Geschichte in Socratis Leben. Selbst der moralische Character des Menschen würde aufgehoben, wenn er nothwendig durch Natur gezwungen, in eine böse Neigung, die Unglük für ihn wird, willigen müßte. Freyer Wille, der des Menschen Moralität allein bestimmt, und angebohrne schlechte Neigungen oder ein böses Herz die elend machen, laßen sich nicht bei einander gedenken. Angebohren ist gezwungen, es ist Grundtrieb und determiniret meinen Willen, so lange die Seele ihre Herrschaft noch hat. Wäre irgend ein Mensch durch die ursprüngliche Beschaffenheit seines Seelentemperaments zu gewissen unedlen Neigungen gezwungen, oder auch durch das Temperament des Körpers, so würde seine moralische Unvollkommenheit in Ewigkeit wachsen, und so unaufhörlich fort aller Verbesserung unfähig bleiben, oder Gott müßte das Wesen der Seele selbst umschaffen und das wird er doch nicht. Das böse [42]Herz, Lasterhaftigkeit, Fertigkeit böser Neigungen, muß also doch wohl durch eine verkehrte Richtung der Seelenkräfte, also durch eigene Schuld des Menschen, durch Vernachläßigung, schlechte Erziehung und äußere Umstände erzeuget werden. Wenigstens fehlt mirs an aller philosophischer Ueberzeugung, daß ein Mensch durch die ursprüngliche Beschaffenheit seiner Natur zu gewissen unedlen Neigungen oder Lasterhaftigkeit gezwungen wäre.

Es heißt: jeder Dieb ist mit dem Strick gebohren, er kann das Stehlen nicht laßen, er muß stehlen, er weiß selbst nicht wenn er stiehlt; eine Erscheinung dieser Art findet sich in der Erfahrungsseelenkunde B. II. St. 1. S. 18. dasselbe muß von Säufern auch gesagt werden können, da mancher bis in seinen Tod säuft, und ebenfalls incorrigible ist, ob er gleich nicht so früh säuft als jener stahl. Von beiden sind mir während meiner siebenjährigen Amtsführung mehrere Exempel bekannt geworden. Ich glaube lieber, daß eigentlich lasterhafte incorrigible Menschen durch eine frühzeitig verstimmte irre geleitete Seelenkraft krank an der Seele sind, und daß ihr unüberwindlich gewordener Hang zu einem gewissen Laster die übrigen Seelenkräfte ganz überwieget, und die entgegenstehende gute Neigung unterdrücket. Ein beständiges Abweichen vom rechten Wege läßt doch wohl ein gewisses Kopfübel vermuthen — wer immer fehl siehet, muß ein schielendes oder schwaches Auge haben, beides ist Augenkrank-[43]heit. Angebohren ist keinem Menschen das Stehlen, Huren, Saufen u.s.w., weil jedes Laster da erst Laster wird, wo des Menschen moralischer Character zu wachsen anfängt, wo er freywillig wählen, sich entschließen und bestimmen kann — wo er wählen und frey handeln kann, da erst kann die gefaßte unedle Neigung Laster werden. Der sechs bis neunjährige kleine Dieb wird aus guten Gründen wenn ich so reden mag, mit der Zeit ein incorrigibler Dieb, wie nachfolgende Geschichte darthun wird. Wird das Kind besonders aus niederem Stande, dem es gar zu oft an guter Erziehung und Anführung fehlt, mit den Jahren ein Lasterhafter, in welcher Rüksicht es sey und zwar ein solcher, der auf keine Weise zu bessern ist, so sind seine ursprünglich unschuldigen Neigungen, Grundtriebe, offenbar nicht directe Schuld, wohl aber kann schlechte Erziehung, böses Exempel und andere Umstände dem Kinde mit der Zeit überwiegenden Hang zu unedlen Neigungen beybringen, die durch seine mehr oder minder heftige Affecten und Temperament angeflammt herrschend werden. Dadurch wird dann gleichsam die ganze Seelenbegehrungskraft verstimmet, verdorben und endlich die ihr natürlichste und mächtigste Kraft, wornach der Mensch denn handeln muß; er kann dann nicht anders als schlecht begehren und handeln, weil seine Seele dazu nun die meiste geübte Kraft hat.

[44]

Dieser Seelenzustand scheint mir Seelenkrankheit zu seyn, weil eine solche Seele niemals durch physische Mittel in den vorigen Zustand der Gesundheit wieder zu bringen ist. — Nun die Geschichte selbst die mich zu diesen unvollständigen Bemerkungen veranlaßte.

Vor etwa neun bis zehn Jahren zerstreute der damalige Richter in Bielefeld jetziger Regierungs- und Tribunalrath von Hellen in Königsberg eine starke Diebesbande, die die hiesige Gegend, besonders die Dörfer äusserst beunruhigte, und weit bis in die Grafschaft Mark umherstreifte. Der verdienstvolle Richter war auch bei seinen eifrigen patriotischen Bemühungen so glüklich, einige Anführer dieser Bande und einen Theil des Anhanges gefänglich einzuziehen. Einige Räuber als Soldaten wurden vom Regiment gezüchtigt, andere zur Vestung nach Wesel transportirt, der Hauptanführer Namens Schnell aber wurde zum Strange verdammet. Der zweite Hauptanführer Joh. Phil. Gering war damals theils unbekannt, theils noch auf flüchtigem Fuß. Dieses mein Subject Gering sezte indeß als Anführer der noch übrigen Bande die Räubereien im Paderbornischen und der Grafschaft Mark fort. Einige von seiner Bande wurden ertappt, und bei Werl einem katholischen Städtchen zwischen Soest und Unna aufgeknüpft. Vier bis sechs dieser Räuber paradierten nach dortiger Sitte in neuer weisser Monti-[45]rung am Galgen, der dicht an der Landstraße steht, und mir, der ich eben auf einer Reise begriffen war bei meiner Annäherung nach völlig gesunkenem Tage ein unerklärbares Phänomen wurden, zumal ich von der scheußlichen Scene nichts wuste, so daß ich alle meine Kurage zusammennehmen mußte, dies Abentheuer, wollte ich nicht retiriren, mannhaft zu bestehen. Kurz nachher wurde denn auch endlich unser Gering inhaftirt; der Proceß wurde ihm gemacht, und nach gehöriger Procedur wurd' er auch zum Galgen verdammt; mit ihm wurden mehrere Räuber eingezogen, welche wesentliche Wohlthat unser Publicum dem würdigen und wachsamen damaligen Amtmann jetzigen Kriegs- und Domänen-Rath Tiemann in Minden zu verdanken hatte. Diese Nachricht schien Gerings Muth, dem Aeussern nach, niederzuschlagen, denn er war schon mehrmalen aus verschiedenen Gegenden dem Strange glüklich entwischt. Inzwischen war er doch noch zu delicat, als am Galgen sterben zu wollen, der Vorwand war: der Sünder am Galgen sey verflucht; ein gemisdeuteter Spruch war ihm Veranlassung, denn er war reich an guten biblischen Sprüchen. Gering hielt also um das Schwert an, auch dadurch Zeit zu gewinnen, sich von seinen starken Banden zu befreien, und die Mauer des Gefängnisses mit Hülfe seines Spiesgesellen zu durchbrechen. In dieser Zwischenzeit, wo er denn auch seine Zeit zum Durchbrechen recht fleißig benutzte, besuchte [46]ich dieses moralische Ungeheuer. Er war ein starker, wohlgebildeter Kerl von vierzig bis zweiundvierzig Jahren — mehr aus Neugierde meine Menschenkenntniß zu erweitern, seine Gemüthsart, die Lage seiner Seele kennen zu lernen, als Begierde seine incorrigible Seele zu bessern, ging ich zu ihm, zumal er doch von einigen Mitgliedern der Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit fleißig besucht wurde, auch von diesen Herren leichter wie von mir Hofnung einer völligen Begnadigung erhielt; zudem hatte sich Gering ehemals in meiner Gemeine eine Zeitlang als Knecht aufgehalten. Also nicht aus Bekehrungssucht ging ich hin, weil auch nach meiner Einsicht ein solcher Seelenpatient, ein verhärteter Lasterknecht, höchst selten curirt wird; solcher Fall ist glaublich, ist möglich, nie aber überzeugend gewiß, wenn der Patient nicht durch sichtbare Proben seine neue Sinnesänderung, durch gänzlich gebesserten Wandel zu Tage legt, und uns dadurch neue Erfahrung von sich giebt. Wär's so leicht dies Geschäft, aus einem durch Gewohnheit und Uebung verhärteten Bösewicht durchs Evangelium einen neuen Menschen zu machen; wärs hie und da einmal glaublich, einen solchen Patienten zu bessern; so fehlts ihm doch noch immer an eigner beruhigender Ueberzeugung von seiner geschehenen gänzlichen Sinnesänderung, von der kein Mensch ohne selbst gemachte neue Erfahrung gewiß werden kann, und ohne eine solche beruhigende Ueberzeu-[47]gung ist seine Hofnung, Begnadigung zu erlangen, nur Traum; Gering wird diesen Satz bestätigen.

Dieser Unglükliche wurde nach meinem Verlangen ihn zu sprechen mit der Wache zu mir in die Verhörstube gebracht. Stark geschlossen wankte er zu mir herein, seine Füße bebten unter der lästigen Maschine seines gemästeten Körpers; ich hieß ihn sich zu setzen. Darauf fing ich denn in Gegenwart des Wachtmeisters und der Wache meine Unterredung an, that viele neubegierige Fragen um ihn ganz kennen zu lernen, fing von seiner ersten Jugend an, und durchging mit ihm sein ganzes Leben bis daher. Kurz ich durchspähte jeden Schritt seiner Bahn, so gut ich konnte, um den Elenden in seiner ganzen Schwärze zu anderer weitern Benutzung kennen zu lernen. Das hauptsächlichste Studium des Volkslehrers ist nach der heiligen Schrift ja wohl Menschenkenntnis. — Frech war der Elende, und mit gezwungener Wehmuth entpreßte sein Kieselherz dem Lasterauge eine ungewohnte Thräne, das die Würde der Thränenquelle nicht kannte, bei dem Geständnis seiner wilden Lasterhaftigkeit und Verwerfung des Allmächtigen; jedoch beantwortete er freymüthig alle meine prämeditirte Fragen, und erfüllte meine Wünsche. Ich erfrug seinen genoß'nen Jugendunterricht, das gegebene Exempel seiner verstorbenen Eltern. Der Unterricht mußte gut gewesen seyn, er hatte bei einem sehr fähigen Kopf viel richtige und gute Erkenntnis, und war in allen [48]Büchern der heiligen Schrift sehr bewandert; applicirte bei einer Menge lehrreicher Gesänge manche Stelle der Schrift und Gleichnisse gut. Ich suchte demnächst den Anfang die Quelle seiner Lasterhaftigkeit auf, und erfuhr, daß er in seinem neunten Jahre zuerst Kohl aus des Nachbaren Garten gestohlen habe, wozu seine Eltern gelächelt hätten; habe aber nicht gewust, daß seine Nascherey so unerlaubt sey, ein gewisses Schaudern habe er zwar gefühlt, nur das Lächeln der Eltern (die sonst keine Diebe waren) habe ihn leicht wieder beruhiget. Mit dergleichen Bübereien habe er nachher kontinnuirt; besonders bei seinen Schulkammeraden, unter denen (gemeinen Standes) dergleichen oft vorgefallen. Wie er aber nachmals bei andern Leuten als Knabe und Knecht gedienet, habe er durch Tausch, Handel auch Entwenden manche Acquisition gemacht und dadurch zur Dieberey immer mehr Neigung bekommen, bis es ihm zur Profession geworden. Seine Liederlichkeit reizte ihn endlich Soldat zu werden, und als solcher wurde er, nachdem er Diebereien wegen mehrmalen gezüchtigt worden, (wie mir bekannt war) nach Pohlen geschikt; von da er desertirte, auch in fremden Gegenden mehrmalen aus gefänglicher Haft dem Strange entfloh, bis nun sein Maas voll zu seyn schien. Sein Hang zum Stehlen kontinuirte er, habe sich inzwischen aller Gefahren ohngeachtet dergestalt vermehret, daß ihn selbst das Exempel seines vor einigen Jahren aufgeknüpften [49]Kompagnons Schnell, dessen Execution er aus einem nahen Gebüsche umständlich angesehen, nicht habe anders Sinnes machen können; habe auch ohne sonderliche Empfindung als schwebe er nicht in gleicher Gefahr, zusehen können. In der folgenden Nacht aber, als er unter dem Galgen durchgegangen und Schnells Schiksal auch dessen Verlust beklagt habe, sey ihm ein fürchterlicher Schreck überfallen, habe sich darauf entfernt, und fest vorgenommen neu nicht wieder zu stehlen, sey auch mit diesem Vorsatz ein paar Stunden weiter gegangen, eine unvermuthete Gelegenheit aber habe ihn in der Morgendämmerung unwiderstehlich zu einem neuen Diebstahle gereizt, und er habe stehlen müssen. Auf meine eingestreute Erinnerungen, sein Inners zu rühren, versezte er: er habe manchen guten Eindruk gehabt z.B. beim Vorübergehen eines Gottesdienstes, habe selbst manche Kirche besucht und fleißig zugehört, sey oft in guten Gesellschaften gewesen, habe sich aber nie recht getroffen gefühlt und immer ohne Rührung geblieben, als ginge ihn von allem Guten nichts an. Endlich nach vielem offenherzigen Erzehlen, das ihm jedoch nicht schaden konnte, und vielen Antworten, frug er, was ich denn nun wohl von seinem Seelenzustande hielte; mehr aus Neugierde als Ernst! ob er wohl selig werden und zu Gnaden kommen könnte? — denn er arbeitete recht eifrig an seinem Durchbrechen. So läßt sich mancher gute Geistliche hinters Licht führen, der mit der Gnade [50]schon so bereitwillig war. Ich ging darauf nach der Geschichte, die er mir von seinem Herzen an die Hand gegeben hatte, sein zeitheriges Leben mit ihm durch, und wollte ihm seine jetzige Angelegenheit, da er verstellt etwas Ernst blicken ließ, (denn sein heimliches Unternehmen witterte kein Mensch) wichtig machen, zeigte ihm daß eine gänzliche Sinnesänderung mit ihm vorgehen müßte; er müsse nach der von ihm so lange und muthwillig verachteten Lehre Christi ein neuer Mensch werden u.s.w.; sezte aber hinzu: ich zweifle nach Gründen der H. S. und meiner wenigen Menschenkenntnis, daß er in kurzer Zeit eine so wichtige Veränderung nüzlich und zu seiner vollen Beruhigung als bei der Sinnesänderung vorgehen müsse, mit sich vornehmen könne? Jezt habe er dazu zwar noch die Mittel in Händen, hätte er die aber bisher zu gebrauchen zu schwer gefunden, da er so viele Gelegenheit, Anleitung und Reiz dazu gehabt, wie weit schwerer es ihm jezt werden würde, sie gehörig zu gebrauchen, da ihm alle Gelegenheit fehle, sie anzuwenden und durch eigne Erfahrung von dem Nutzen ihres Gebrauchs, von seiner wirklichen Besserung und Sinnesänderung sich zu überzeugen. Denn Worte glauben, Vertrauen, Lesen, Beten etc. das wären nur Mittel, und die Zeit sie zu seinem eigenen Besten zu gebrauchen, sey nun vorüber und eben durch diese Mittel müßten wir neue andere Menschen und die Sinnesänderung bewürkt werden, ausser dem gingen wir dem [51]Erlöser nichts an, der nur wirklich gebesserte Menschen in sein Reich haben wolle; die Buße des Sterbebettes und so die Galgenbuße bei langjährig verblendeten Menschen, wäre selten rechter Art, nach dem Sprüchwort: wie der Kranke genas etc. Ich zeigte ihm darauf wie seine Buße oder Sinnesänderung beschaffen seyn, und er von seinem vorigen Wege ganz abtreten müße, wenn sie rechter Art seyn sollte, eine solche traue ich ihm aber schlechterdings nach der Geschichte seines Herzens nicht zu, könne ihm meiner Seits daher keine Hofnung zu einer völligen Begnadigung machen. Schon mehrmalen sey er der Hand Gottes entflohen, und habe immer wieder den alten Weg betreten und jezt sey wieder der Fall da; auch jezt würde er sicher der Alte bleiben, wenn er freye Füße gewinnen könnte; ich müße also glauben, daß er auch noch unterm Galgen bei all seinem Händeringen, Flehen und Weinen das alte Herz behalten würde. Gute Vorsätze und Angelobungen gölten nur dann, wenn sie gehalten würden, und das gewiß zu wissen, dazu wäre seine Seele schon zu verwildert und verblendet. Einem solchen Menschen, der nur die Gestalt noch übrig habe, sey mit Grunde keine Hofnung zu machen. Ist denn gar keine Gnade für mich zu hoffen — und doch war seine Seele des Entwischens und dann der Alte zu bleiben voll — rief er, als ich nach zwey bei ihm zugebrachten Stunden gehen wollte. — Noch nicht Gering, es sey dann u.s.f. versezte ich. Indeß rief der Wacht-[52]meister, ey Herr Prediger: ich bin kommen die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen, spricht der Heiland, und sie wollten ihm das so schwer machen! Hüte er sich mein Freund ein solcher Frommer zu werden, war meine Antwort, solche Fromme, wie hier gemeint waren, sind Pharisäer die sich selbst vermaßen, und sich schon für gut genug hielten, und von Gering wäre zu wünschen, daß er ein solcher Sünder wie die gemeinten wäre, noch ist ers nicht! O wie mancher Lasterhafte wird mit solchen übel verstandenen Kraftworten sanft eingeschläfert, als wenn Händefalten und ein Paar Thränen aus banger Brust eben einen solchen Sünder d.i. Wahrheits- und Besserungsbegierigen Menschen anzeigten! Die Antwort kenne ich, aber wozu nuzt alles leidige Disputiren — bessere den Lasterhaften wenn du kannst, sonst schweig und benutze das Evangelium für dich allein! Ueber diese schließliche Unterredung kam denn ein Geistlicher herein, ein Mitbruder der Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre etc. Dieser nun brachte dem Armensünder, indem ich wegging und meine Absicht erreicht hatte, das rechte Labsal mit; da muste nun alles, was ich gesagt hatte, nicht so strikte zu verstehen seyn; da wurde das Werk der Bekehrung leicht gemacht, wer nur Glauben hatte, denn kann der Lasterknecht bald Engel werden — nur fürchte ich diesen Glauben kannte Gering durchaus nicht, hat ihn auch nicht erlanget, wie die Folge zeigen wird — seine Seele war unheilbar krank. [53]Diese gutgemeinte Zubereitung oder vielmehr die fleißig hingebrachten andern Mittel, zur Begnadigung zu gelangen, die dem übrigens redlichen und frommen Geistlichen von Herzen gingen, musten Gering, der schon ein ruhiger und wiederkehrender Sünder zu seyn schien, nicht misfallen; denn er arbeitete nicht nur fleißig an seiner leiblichen Erlösung, wie sich das nach einigen Wochen auswies, sondern mag auch sicher geglaubt haben: nach dieser Methode ist es mit deiner Bekehrung immer früh genug, nimmer zu spät, bist immer willkommen, wirst immer zu Gnaden aufgenommen, wenn du nur kömmst. Gering entkam endlich, nachdem er sich mühsam mit Kunst und Fleiß durchgebrochen, vollkommen nach Wunsch, sezte auch seine alte Profession wo ich nicht irre dreyviertel Jahr eifrig fort, bis er auf der Osnabrückschen Gränze ertapt, wohl gemästet und weit korpulenter zurükgebracht wurde. Seine Rükreise von einigen Tagen bis Bielefeld war indeß die lezte Gelegenheit, wo er seinen moralischen Character in der aller allerschwärzesten und schändlichsten Gestalt zeigen konnte. Spott über die ehrwürdigsten Gegenstände, Lästerungen über die allwaltende Hand, der er leicht zu entkommen glaubte, nur diesesmal sich irrte, besonders ließ er den gottlosesten Witz sehen, und das mußte auch der Geistliche in einer benachbarten Landstadt erfahren, der beim Vorübergehen in das eben von Gering eingenommene Logis aus Neugierde trat, und mit ein paar [54] kraftvollen biblischen Worten anredete, aber unverhoft eine witzig angebrachte Replic aus dem A. T. erhielt, die sein Herz so wie seinen Kopf kennbar machten. Das alte Schloß Sparenberg wurde nun seine lezte Wohnung. Scham über seine gottlose Verstellung kannte er nicht, kein demüthiger Blick bezähmte sein freches Auge, als er seine verlaßne Wohnung und gehabte Bekanntschaft wieder sah. Gering, Gering rief bei seiner Ankunft ein sehr würdiger junger Officier ihm zu, ihr betrügt euch, wie wirds mit euch werden! Gottes Barmherzigkeit ist unendlich; ich habe viel gesündigt, aber bei Gott ist viel Erbarmen, war seine Antwort — natürlich, wie seine Grundsätze so die Sprache, in denen er wie schon gesagt bestärkt worden war. Wenn er in seinem Gefängniß besucht wurde, bat er Platz zu nehmen, und machte die Honörs; begafte ihn der Pöbel, so füllten die zotigsten Pöbelein, die garstigsten Ränke und Erzehlungen seine Gespräche; noch Tages vor seiner Execution aß er mit gierigstem Appetit, und seine Seele empfand nichts als — den Geschmack. Zwey Tage vor seiner Hinrichtung ließ er mich durch einen Menschen aus meiner Gemeinde bitten, ihn noch einmal zu besuchen; ich fand aber keinen Beruf, das Werk der Bekehrung an ihm zu versuchen und ihn zu bessern mich zu schwach, wozu er auch nicht gebracht seyn würde. Seine Hinreise nach dem Ort der Execution war feierlich, und in Absicht meiner Meinung von Unzu-[55]länglichkeit der Galgenbuße, interessant. Völlig ungerührt, und mit kindischem Leichtsinn flatterten seine Augen vom Wagen unter den begleitenden Haufen herum. Vier Geistliche sangen mitlerweile fleißig, und das Chor Waisenhäuser Schüler ging mit hellem Klange voran; er wurde oft ermahnt mit zu singen, allein seine Thierseele konnte diesmal nichts als umher sehen, als suchte er sich der Last des Singens zu entledigen, und sich zum letztenmale schadlos zu halten. Ich beklagte bei dieser Gelegenheit die würdigen Geistlichen seine Begleiter, und wünschte zur Ehre ihres Berufs, daß dieses die lezte Begleitung solcher Menschen seyn möchte. Und nun war der Galgen nahe, wo der Elende seinen unglücklichen durch eigne Schuld verwahrloseten unheilbar erkrankten Geist aufgeben sollte. — Philipp ich wünsche dir eine gute Hinfahrt! rief der anwesende General mit vielem Effect nur nicht für Philipp, als er vom Wagen in den eröfneten Kreis trat. Dieser Wunsch erbitterte sichtbarlich Gerings wachen Geist. Die Verlesung des Urtheils spornte ihn darauf an mit funkelnden ergrimmten Blicken seine Schritte zu seiner lezten Gesellschaft der Henker zu verdoppeln. Da ward an keine gefaltete Hand gedacht, und die Thräne der Verstellung die er ehedem weinte, saß da fest, denn Reue, Wehmuth, Schmerz über verdientes Elend kannte er nicht! Muthig ließ er sich hinauf ziehen in die tödtliche Höhe des schimpflichen Holtzes; wie Belial [56]warf er seinen lezten Blick seinem zur Linken hangenden ehemaligen Spiesgesellen und nunmehrigen Gesellschafter Schnell zu; dieser Anblick erschütterte sein hart verschloßnes Innere plötzlich, und nun wollte er noch einige Seufzer nachholen, stoßte kaum eine fruchtlose Floskel der Andacht aus, und der tödtende Strick ergrif seinen Hals. Dieser Lasterhafte, ders unverändert blieb, war, wers nicht besser wuste, ein gebohrner Dieb, mit dem Strick gebohren, so bekannt war er als ein solcher in dieser Gegend; er konnte das Stehlen nicht laßen, ob er gleich mehrmalen dem Strick entronnen war. Seine Jugend war Anfangs schuldlos, voll der besten Anlagen des Geistes und Herzens — hatte viel gute Erkenntniß, und wurde doch in kurzer Zeit ein so durchaus inkorrigibler Dieb, wie dazu gebohren; der Todt selbst schien eine zu schwache Kur zu seiner Besserung zu seyn. Hier ists offenbar, daß das natürliche Seelentemperament der Hauptsache nach ganz und gar keinen nothwendigen Einfluß in den sittlichen Character des Menschen habe, also kein Mensch durch seine Natur zu irgend einer bösen Neigung gezwungen sey; also weg mit den Temperamentssünden, die der Klügling so delicat zu bemänteln weiß. Ist es wahr, daß der große fromme Saurin und andere das Naschen nicht laßen konnten, so war vernachläßigte Aufmerksamkeit in Jugendjahren alleine Schuld, und nun wurd' es Gewohnheit, wofür das ursprüngliche Seelentemperament nichts [57]konnte, und woran selbst der sittliche Charakter bei Saurin keinen Theil hatte. Jedes Herz kann durch vernachläßigte Aufmerksamkeit und Verwahrlosung böse, nehmlich durchaus lasterhaft werden.

Zur Hellen
Prediger in der Grafschaft Ravensberg.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag vgl. Wingertszahn 2011, insbes. S. 108-110.