ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Aus den Papieren eines Selbstbeobachters.

Anonym

Die Folge meiner Vorstellungen und Empfindungen gründet sich gemeiniglich auf eine gleichsam durch sich selbst entstandene, oft mir ganz unerklärbare, ohne mein Zuthun, meine Anstrengung hervorgebrachte Laune, die bald in der Organisation des Körpers, vorzüglich aber in der Eigenthümlichkeit der Denkart und der Leidenschaften ihren Grund haben mag. Selten sinds Gründe des Nachdenkens, der Ueberlegung, die mich fröhlich, oder traurig machen; ich kann mir zwar ein gewisses Frohseyn, einen Kummer der Seele, nachdem es die Umstände erfordern, so gut wie andre Menschen, erzwingen; aber gewöhnlich werde ich ganz unwillkürlich, ja oft wider meinen Willen zur Freude gestimmt, und wider meinen Willen von trüben Vorstellungen, worinn ich mehr Nahrung auch mehr Geistesthätigkeit, als in jener zu finden glaube, abgerufen.

Als eine Folge jener Laune, deren Einwirkungen ich nicht früh genug vorgebaut habe, betrachte [98]ich nun auch zuvörderst die Erscheinung, daß ich fast niemals im Stande bin, mich durch bloße Vorstellungen und äußere Objecte zum Mitleiden gegen irgend ein leidendes Wesen zu stimmen, und daß es mir Mühe und Unwillen verursacht, wenn ich ohne dazu gestimmt zu seyn, Mitleiden an den Tag legen soll. Ich sehe voraus, daß ich mich werde verstellen müssen — dies verstimmt mich noch mehr, macht mich zum Mitleiden noch unfähiger, und erzeugt in solchen Augenblicken nicht selten eine Kälte gegen meine Nebenmenschen, vor der ich selbst zurückbebe, und die mich unendlich unglücklich machen würde, wenn meine Natur von der andern Seite nicht äußerst weich und fühlbar geschaffen wäre, so bald jene Laune vorüber ist. Mein Herz ist zur Freundschaft aufs stärkste geneigt, mein Wohlwollen reißt mich oft zu Handlungen der Menschenliebe hin, die ich für meine Kräfte zu groß fühle, ich habe alle Besonnenheit der Vernunft nöthig, um nicht in eine Art von Empfindelei zu verfallen; — aber bei dem allen ist mein Herz oft felsenhart, wenn es Mitleiden — selbst mit seinen Lieblingen empfinden, und an den Tag legen soll. Ist aber bisweilen eine Stimmung der Seele zum Mitleiden vorhanden, fließt mir unmerklich eine Thräne der Theilnehmung aus meinem Auge; so fühle ich auch zugleich, daß ich kränklich bin, und daß in meiner Maschine eine nervenschwächende Veränderung vorhergegangen ist.

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Aber der sonderbare Mangel an Mitleiden, den ich von früher Jugend an mir bemerkt habe, hat mich doch nicht unentschlossen und unthätig gemacht, meinen leidenden Nebenmenschen beizustehen, und diejenigen zu verachten, welche ein Felsenherz bei der Noth ihrer Brüder an den Tag legten. Vielmehr wirken die Gründe der Vernunft, sich hülfsloser Menschen anzunehmen, mit einer außerordentlichen Lebhaftigkeit auf mein Herz; — aber sie reizen mich nicht zum Mitleiden. Wenn ich andern beistehe; so sind es die Gründe der Vernunft allein, die mich zum Handeln determiniren, nicht die Leidenschaft, und der mitleidige Instinct, der bei den meisten Menschen blindlings vor der Vernunft vorhergeht.

Da ich ganz offenherzig reden kann, so muß ich aber doch auch gestehen, daß sich in meine Wohlthätigkeit nicht selten eine versteckte Eitelkeit einschleicht, und den Grad des menschenfreundlichen Wirkens bestimmt, wodurch ich andern nüzlich werden will. Diese Eitelkeit wirkt nach verschiedenen Umständen immer verschieden. Es giebt Augenblicke, wo ich mit dem Beifalle, den mir ganz im Stillen mein Herz giebt, vollkommen zufrieden bin, wo ich durchaus nicht wünsche, daß ein Werk meiner Wohlthätigkeit bekannt werden möchte, wo ich mich über den Wunsch, es auszubreiten, schämen kann. Zu andern Zeiten richte ich meine Handlung so ein, daß sie bekannt werden muß, — der [100]Beifall des Herzens ist mir gleichsam nur der zweite Grund der Moralität geworden. Ich erinnere mich sehr deutlich, mehrmals edle Handlungen von andern erzählt zu haben, die ich selbst im Stillen verrichtete; — theils weil mir die Handlung wohl zu sehr gefiel, als daß ich sie in dem Winkel meines Herzens einschließen sollte; — theils, weil sich meine Eitelkeit an dem schmeichelhaften Urtheile anderer über diese Handlung, die ich mir doch immer, als meine Handlung dachte, ob ich sie gleich andern zuschrieb, zu ergötzen suchte. So klein und unbedeutend dergleichen Beobachtungen zu seyn scheinen, so sehr beleuchten sie doch die geheimen Falten des menschlichen Herzens, und schließen uns dasselbe oft viel besser auf, als trockene Theorien über die Natur unsrer Empfindungen.


Nicht weniger merkwürdig, als vorhergehende Beobachtungen, hat mir oft das sowohl an mir selbst als an andern Menschen geschienen, daß man bisweilen bei den höchsten Wünschen, etwas zu erlangen, zu erleben, oder zu thun, in sich noch einen schnell entstandenen Wunsch, daß die heftig verlangte Sache auch nicht geschehen möchte, wahrnimmt, obgleich durch diesen leztern jene erstem Wünsche nicht aufgehoben, sondern vielmehr gemeiniglich gestärkt und heftiger wurden. Es [101]scheint in der That contradictorisch zu seyn, daß die Seele etwas zu gleicher Zeit, und zwar mit größtem Verlangen wollen, und auch nicht wollen könne; allein das Phänomen bleibt doch als Erfahrung ausgemacht, ob ich mir es gleich selten habe genau erklären können, warum ich eine heftig gewünschte Sache auch wiederum zugleich nicht wünschte. Man muß oft sehr tief in das Gebiet unsrer Empfindungen, und ihre ersten originellen Veranlaßungen eindringen, wenn man sich dergleichen ungewöhnliche Erscheinungen erklären, und auf die uns bekannte Form des Denkens reduciren will. Schwerlich kann man sich in dergleichen Fällen zurecht finden, wenn man nicht eine Menge in uns stets vorhandener, stets wirksamer dunkler Ideen annimmt, die sich unmerklich an hellere anschließen, und der Thätigkeit der Seele eine von ihrer gewöhnlichen Art zu denken und zu wollen verschiedene Richtung geben, die oft gar nicht in der Natur unsers Wollens gegründet zu seyn scheint. —

Sehr oft habe ich über den Zustand meiner Seele, in welchem sie etwas zu gleicher Zeit will, und auch nicht will, nachgedacht und das Resultat meiner Untersuchungen war immer folgendes. Die Seele wird in ihrer Thätigkeit durch einen heftigen Wunsch, durch ein zu gewaltiges Hinrichten ihrer Kraft auf einen einzigen Punct viel zu sehr eingeschränkt, und in ihrer Freiheit gehindert, als daß ihr ein solcher Zustand lange gefallen könnte, wenn [102]auch gleich das Object des Willens einen erstaunlichen Reiz hätte; — also schon hierin liegt der Grund eines versteckten Nichtwollens, ein heimlicherTrieb: daß das Object des Wunsches überhaupt nicht daseyn möchte, damit man nicht von dem Wunsche selbst in seiner Thätigkeit zu sehr eingeschränkt werde. Man muß sich oft schon zwingen, den Wunsch zu erhalten, weil man einmal eigensinnig genug war, den Wunsch zu wollen. Aber diese psychologische Bemerkung erklärt jenes Phänomen nicht ganz nach seinen verschiedenen Fällen und Modificationen; — es muß also gemeiniglich noch ein zweiter und dritter Grund hinzu kommen, warum die gewünschte Sache auch nicht gewünscht wird. Durch unzählig gemachte Erfahrungen unterrichtet, ahnden wir nicht selten den Ekel und die Sättigung, voraus, die nach einem erreichten Wunsche sich der Seele bemächtigt, und bei der Erfüllung des Wunsches uns das nicht immer finden läßt, was wir vorher, so lange die Sache mehr ein Gegenstand der Einbildungskraft war, darinn zu finden hoften. Das Ziel sich erreicht gedacht, zeichnet der Seele wieder nur einen zu begränzten, zu engen Standpunct vor; sie übersieht ihn zu genau, zu deutlich, als daß dieser Vorausblick ihr immer angenehm seyn könnte, zumal wenn die Erfüllung des Wunsches, und die Erreichung des Ziels uns einen Theil unsrer jetzigen wahren, oder fingirten Freiheit nimmt. — [103]Wir fühlen es vorher, daß wir doch am Ende der Laufbahn nicht, wenigstens nicht viel weiter gekommen sind, daß die Anstrengung der Seele mit dem Ziele, wornach wir laufen, nicht in dem gehörigen Verhältniß steht, und daß uns das erlangte Gut wohl gar wieder entrissen werden kann. Dies ist ein dritter Grund, welcher uns nicht selten die angenehmsten Wünsche vergällt, und uns den Wunsch abzwingen kann, daß auch die Sache nicht geschehen, oder daß das Object des Verlangens gar nicht in unserm Gesichtskreise stehen möge. Je heftiger wir etwas begehren, je mehr die ganze Seelenthätigkeit auf einen einzigen Gegenstand gerichtet ist, je mehr Leidenschaften zu gleicher Zeit uns nach einem gewissen Ziele hinstoßen; je furchtsamer pflegen wir auch nach den Hindernissen umherzuschauen, die sich uns in Weg stellen könnten, je empfänglicher sind wir wenigstens, uns durch ein lebhaftes Mißtrauen verstimmen zu laßen, und dieses Mißtrauen ist es eben, welches ein unangenehmes Licht auf den gewünschten Gegenstand schon vorher wirft, ehe wir ihn besitzen.

Ich irre mich daher wohl nicht, wenn ich annehme, daß wir bei den meisten unsrer Wünsche in Gefahr laufen, ihrer oft früher überdrüßig zu werden, als sie noch erfüllt sind; so paradox auch dies klingen mag, — und daß wir deswegen nicht selten so sehr eilen, sie in Erfüllung zu bringen, weil wir gleichsam die mit ihnen verbundene Lange-[104]weile vorausahnden. Wenn wir nicht ganz blindlings wünschen, so pflegen sich bei jedem Fortschritt des Wollens gewisse Bedenklichkeiten, mißtrauische Empfindungen, verringerte Erwartungen an den Wunsch unsres Herzens anzuschließen, und wir werden den Weg nicht immer mit leidenschaftlichem Antriebe, sondern oft nur deswegen fortsetzen, weil es die Ehre erfordert, und wir uns vor andern Menschen keine Blöße geben wollen.

Diese Erfahrung werden sonderlich lebhafte Leute an sich machen können, deren Seele überhaupt nicht lange unverwandten Blicks auf einen einzigen Standpunkt hinschauen kann, ohne zu ermüden. Ihre Ideen stoßen sich mit einer Art Ungestüm nach einander fort, der Seelenzustand bekommt also augenblicklich eine neue Lage und Richtung, und weil hiemit die Mobilität des Characters so genau verbunden ist; so nehmen die Wünsche und die Situationen des Herzens auch leicht ganz neue oft mit den vorhergehenden ganz heterogene Gestalten an. Die Lebhaftigkeit der Einbildungskraft stellt zwar solchen Leuten die Erfüllung eines heftigen Wunsches unter den schönsten Farben vor; aber sie läßt ihnen auch zu gleicher Zeit alles das unangenehme sehen, was mit jener Erfüllung mittelbar oder unmittelbar verbunden ist, wenigstens verbunden seyn kann, und diese Vorstellung der Möglichkeit des Unangenehmen ist oft lästiger, als die Ueberzeugung von einem wirklichen Uebel.

[105]

In der Heftigkeit des Wunsches liegt nun wohl der vorzüglichste Grund, warum uns seine Erfüllung selten das Vergnügen gewährt, was wir dabei am Ende des Ziels zu genießen hoften. Je feuriger die Einbildungskraft, je wilder die Leidenschaft war, je schöner stellten wir uns das zu erreichende Ziel vor. So lange wir nur noch wünschten, hatte die Seele einen weiten Spielraum, sich die Sache von tausend angenehmen Seiten vorzustellen; — wir machten das Object dazu, wozu wir es haben wollten; wir formten gleichsam sein ganzes Wesen nach unserm Willen; wir sonderten davon ab, was uns daran mißfiel; wir trugen Züge hinein, die wir von andern Gegenständen kopirten; wir machten gleichsam die Masse unsrer liebsten Vorstellungen zur Grundlage des gewünschten Objects, — alle diese Operationen der Seele, wobei wir fast ganz frei handelten, gerathen durch das erreichte Ziel auf einmal ins Stocken. Der Gegenstand liegt nach seinem eigentlichen Werth oder Unwerth vor unsern Augen, — das Fingiren hilft nichts mehr, da wir ihn nicht mehr durchs Vergrößrungsglas unsrer Einbildungskraft betrachten können, und da wir durch eine getäuschte Vorstellung vom Ganzen, uns nichts weniger, als bereitwillig finden, ihm eine bessere Gestalt zu geben. Vielleicht hatten wir auch das Ziel zu schnell erreicht; — vielleicht fühlten wir uns zu schwach, uns auf dem neuen Standpuncte zu souteniren; — [106]vielleicht hatten wir dadurch einen andern aufgeben müssen, der vielleicht noch weniger vortheilhaft für uns gewesen wäre, den wir uns aber doch jezt als etwas Entferntes besser vorstellen; — vielleicht änderte sich auch das neue Object in dem Augenblick unsrer Besitznehmung desselben; alles dieses können psychologische Gründe seyn, warum uns die Erfüllung des Wunsches weniger, als der Wunsch selbst behagt; immer wird aber die erste Ursach davon mit in der erfüllten Begierde liegen, und in der Vorstellung, daß uns das neue Object nicht mehr genommen werden kann. — —

Ich glaube einen großen Unterschied zwischen dem Wunsche nach sinnlichen Objecten und dem, nach Wahrheit, so wie auch in der Erreichung des beiderseitigen Ziels wahrzunehmen. Es sey mir erlaubt hierüber meine Meinung zu sagen. Der Durst nach Wahrheit erreicht bei unendlich wenigen Menschen den Grad, welchen Cartesius*) 1 [107]Der Wunsch, sie zu finden wird nicht von dem Feuer der Leidenschaft begleitet, das unsre sinnlichen Wünsche vermöge der Einbildungskraft oft bis zur Schwärmerei belebt; — wir müssen uns bei erstern anstrengen, um nicht zu ermüden, bei leztern müssen wir oft dem Wunsche Einhalt thun, damit wir nicht zu weit gehen. Der Grund dieser Ver-[108]schiedenheit liegt ohnstreitig darin — bei Wünschen, die die bloße Sinnlichkeit angehen, — ich rechne hierher alle Wünsche, die nicht die Wahrheit oder bloße Notionen zum Gegenstande haben, — übersieht man das Ziel, was erreicht werden soll; — das Object ist gegeben, man soll nun zu ihm hineilen, sich in seinen Besitz setzen; — hiebei steht es uns frei, seine Gestalt zu verschönern,und tausend angenehme Verhältnisse zwischen uns und ihm wenigstens zu fingiren. Bei dem Wunsche nach Wahrheit hingegen übersehen wir das Ziel noch nicht, das Object ist noch nicht, wenigstens noch nicht anschaulich gegeben, wir sollen es erst suchen, wir können es also noch nicht verschönern, und stehen dabei ohnedem noch in Gefahr, ob uns nicht irgend ein Irrthum einen unsichern Nebenweg führt. Alles dies erschwert das Suchen nach Wahrheit, und es muß uns unaufhörlich ein wenigstens versteckter Ehrgeiz antreiben, wenn wir immer muthig bei diesem Suchen fortschreiten sollen.

Auf der andern Seite sind die Empfindungen, — wenn das sinnliche, oder intellectuelle Ziel erreicht ist, sehr von einander unterschieden. Die gefundene Wahrheit ist viel angenehmer, und das Vergnügen dabei von längerer Dauer, als die Erfüllung eines sinnlichen Wunsches. Der Aufwand von Geisteskraft, die Anstrengung des Nachdenkens, die neuen aufgefaßten lichtvollen Ideen geben dem neuen Vorrath gefundener [109] Wahrheiten in unsern Augen einen außerordentlichen Werth; wir überblicken den zurückgelegten Weg einer mühsamen Speculation nun mit dem reinsten Vergnügen; — weil das gefundene etwas Geistiges ist, und wir durch unsre eigene Kraft die Wahrheit herausgebracht haben; so kommen wir uns viel wichtiger vor, als wenn wir am Ziele eines sinnlichen Wunsches stehen, wobei mehr äußere Umstände, als unser Verstand gewirkt haben. Wir befürchten in jenem Fall keinen Ekel, wie bei diesem sinnlichen Wunsche, weil der Genuß der Wahrheit, um mich so auszudrücken, in der Vorstellung einer Vollkommenheit besteht, dahingegen die schönsten sinnlichen Wünsche uns doch nur zu etwas Unvollkommenem führen, das seiner Natur nach veränderlich und wandelbar ist.


In so fern ich die Wahrheit von ihrer moralischen Seite betrachte, glaub ich, daß kein Mensch weder sich genau kennen lernen, noch seine sittlichen Entzwecke auf die gehörige Art erreichen kann, wenn er nicht seine Gesinnungen in Absicht der Wahrheit unpartheisch prüft. Hier eröfnet sich ein sehr großes Feld von Beobachtungen über die menschliche Natur, und zwar ein Feld, welches, so viel ich weiß, noch in keiner Moralphilosophie genau bearbeitet worden ist. Einen Wahrheits- [110] sinn, oder Wahrheitsgefühl anzunehmen, hat mir immer sehr unrichtig geschienen, in so fern man dadurch eine angebohrne Sensation des Wahren versteht, die der deutlichen Erkenntniß desselben vorhergehen soll. Wahrheit im eigentlichen Sinne des Worts, ich mag darunter nur überhaupt eine Notion in Abstracto, oder ein sittliches Verhältniß verstehen, ist durchaus kein Object des Gefühls, sondern muß durch Begriffe bestimmt werden. Diese Begriffe, die wir uns durch Nachdenken nach und nach erworben haben, liegen denn auch bei den Empfindungen des Wahren zu Grunde, ob gleich auf eine dunkle Art, die ohne vorhergegangene Reflexionen des Verstandes, uns zum wahren hinzuziehen, und in der That so einen Seelenzustand hervorzubringen scheinen, den man Wahrheitsgefühl nennen könnte, wenn das Wort Gefühl nicht viel zu unbestimmt bei dieser Sache wäre. — Wir verrichten das Denken eben so gut mechanisch, wenn wir es lange geübt haben, als die Aeusserungen unsrer körperlichen Kräfte, und es giebt unzählige Fälle, wo wir bei jenem bloß nach Empfindungen zu handeln glauben, weil die vorhergehenden Begriffe nicht immer ein deutliches Bewußtseyn derselben voraussetzen, wornach wir handeln müssen. Die Empfindungen für Wahrheit erfolgen mechanisch nach einem unterliegenden gemeiniglich dunklen Begriffe dessen, was wir für wahr halten, sobald wir die Empfindung zergliedern. [111]Doch ich wollte ja hier nur individuelle Beobachtungen über gewisse Seiten der Menschen in Rüksicht moralischer Wahrheiten liefern und insonderheit über Wahrheitsliebe.

Ich halte dafür, daß diejenigen Menschen am meisten in Gefahr sind, wider die Regeln jener großen und erhabnen Gesinnung zu fehlen, die der Neigung zum Witz sehr ergeben sind, und sich nicht enthalten können, das blendende und lächerliche eines Gedankens der Wahrheit aufzuopfern. Die Wahrheit sollte uns ihrer Natur nach lieber, als alles andre seyn, weil sie der Grund aller moralischen Vollkommenheit ist; aber es giebt unzählige Fälle, wo der Witz, welcher die Wahrheit in ein schiefes Licht stellt, uns und andern mehr, als die Wahrheit selbst gefällt, weil er entweder einen größern Reiz für unsre Einbildungskraft hat, oder weil die Wahrheit uns schon an sich unangenehm war. Ein jeder witzige Kopf mag sich selbst fragen, wie oft er in seinen Urtheilen über andre unbillig verfährt; wie bereitwillig er ist, die falsche Seite eines Gegenstandes herauszukehren, und die wahre geflissentlich zu verstecken; wie oft seine Wahrheitsliebe durch den Kitzel eines launigen Einfalls gleichsam auf einmal vernichtet wird, und wie zweideutig ihm oft selbst sein moralischer Character hierinn vorkommen muß. —

[112]

Meine zweite Bemerkung ist die, daß die besten Menschen, selbst die von einem sehr festen Character oft ganz unschuldigerweise eine Neigung in sich empfinden, etwas Unwahres zu sagen, — ohne dazu necessitirt zu seyn, — ohne die Unwahrheit zu lieben. Gemeiniglich liegt ein versteckter Grund hierunter verborgen, den ich, — so wie die meisten Handlungen der Menschen, in die Eitelkeit setze. Man erdichtet gewisse Umstände, wodurch man ein Licht auf sich zu werfen sucht; erzählt die und die großen Männer zu kennen, die man nicht kennt, an dem und dem Orte sich aufgehalten zu haben, wo man nie gewesen ist, Bücher gelesen zu haben, die man nicht gelesen hat; spricht von Gefahren, die uns nie begegnet sind; von Hofnungen, deren Erfüllung unmöglich ist; — oder man erzählt auch nur etwas Unwahres, um die Gesellschaft zu unterhalten, und seinen Witz zu zeigen, — und tausend dergleichen Fälle mehr, wo man keine Absicht zu schaden hat, und nicht schaden konnte. Vielleicht liegt in diesen Erdichtungen, so wie auch in ihrer bösen Seite, dem Lügen, ein geheimer Reiz, der uns dazu verführt, und ich glaube, daß es Menschen giebt, denen dieser Reiz zur andern Natur werden kann, so daß sie endlich kaum selbst mehr unterscheiden können, ob sie die Wahrheit sagen, oder nicht sagen. Leute die viel sprechen, und doch auch immer gern etwas Neues, etwas witziges sagen wollen, finden in der Darstellung des Wahren [113]auch nicht immer Stoff genug ihre Zunge in Bewegung zu erhalten, und der Beifall, den eine geschmackvolle Erdichtung oder wohl gar Lüge von andern erhält, macht sie leicht geneigt, ihre Talente in Erfindung neuer Unwahrheiten täglich zu üben, — obgleich die Zuverläßigkeit des Characters bei aller übrigen Güte desselben dadurch sehr leiden muß!


Wenn ich mein Gefühl untersuchte, welche Menschen mir am unausstehlichsten sind; so habe ich von meiner frühen Jugend an gefunden, daß es vornehmlich zwei Classen derselben waren, — eitle und falsche. Bei reifern Jahren habe ich angefangen, diese Empfindungen zu zergliedern, und nachzudenken, warum jene Menschen so etwas äußerst Unangenehmes für mich hatten, und warum ich Diebe und Mörder eher leiden möchte, als jene Creaturen. Der Eitle mißfiel mir nicht eigentlich wegen des lächerlichen, welches er an sich hat, im Gegentheil habe ich ihm oft deswegen seine Narrheiten verziehen ; der Grund lag vielmehr in dem Gedanken, daß jener sich mit seiner unbedeutenden Existenz viel zu sehr beschäftigt, als daß er uns die Aufmerksamkeit schenken sollte, die wir von andern auf unsre Person verlangen, und daß er uns gemeiniglich nur als ein Instrument seiner Bewunderung betrachtet. Dieser Mißbrauch, den jene [114]Narren mit uns treiben; die Gleichgültigkeit derselben gegen alles, was nicht ein Licht auf sie wirft; der abgeschmackte Egoismus, den sie in allen ihren Handlungen und Gesprächen an den Tag legen; die erbärmliche Kleingeistigkeit, an Farben und Federn sich zu ergötzen; die dumme Betriebsamkeit sich in Gesellschaften immer hervorzudrängen, und das große Wort daselbst zu führen; die fade Manier, mit welcher sie von uns eine demüthige Hochachtung — selbst gegen die jämmerlichen Blößen ihres Geistes und Herzens von uns fodern; die gnädigen Blicke, mit welchen sich ihr beifallgieriges Auge zuweilen gegen uns herabläßt; die überspannte Dankbarkeit, die sie von uns für oft sehr unbedeutende Dienste fodern; die ekelhafte Rangsucht dieser affenartigen Menschen, — alle diese Dinge haben nach und nach in mir einen unauslöschlichen Abscheu gegen ihre Handlungen eingeprägt; ich kann sie nicht mehr belachen; ich fühle mich geneigt, sie zu hassen, und meiner Spötterei über sie, so oft ich kann, freien Lauf zu laßen. —

Ein Mann, der seine Eitelkeit nicht mehr überwinden kann, ist in meinen Augen ein sehr verachtenswürdiges Geschöpf der Erde; alle seine Handlungen, selbst die besten, die schönsten die er thun kann, kommen mir äußerst verdächtig vor, — weil sie seine alberne Eitelkeit gewiß hervorgebracht hat, — weil alles moralische Gute seines Herzens aus keiner andern, als dieser unreinen Quelle, fließt, [115]weil das Gute, was ein Geck thut, etwas Ekelhaftes an sich hat, das ich nicht beschreiben kann. Freundschaft, Liebe, Religiosität, Mitleiden, Barmherzigkeit, Gerechtigkeitsliebe, Großmuth —alles scheint bei ihm die Tochter seines verschrobenen Egoismus zu seyn, woran die wahre Ehre keinen Antheil nimmt, und den keine Vernunft heilen kann, weil der Eitle in gewissem Betracht mit unter die Wahnsinnigen gezählt werden kann. Ich würde mich für den unglüklichsten Menschen halten, wenn ich mit einem solchen Geschöpf in einer sehr engen Verbindung leben müßte, und das böseste Weib würde mir dagegen noch wie ein Engel vorkommen. —

So einen unauslöschlich übeln Eindruck von meiner frühesten Jugend eitle Männer auf mich gemacht haben; so gern habe ich immer dem andern Geschlecht seine Eitelkeit verziehen; ja ich habe sie oft an demselben geliebt. In der That scheint auch ein eitles Frauenzimmer lang noch nicht ein so lächerliches und absurdes Geschöpf zu seyn, als ein eitler Mann. Wir verzeihen ihm eine selbst übertriebene Aufmerksamkeit auf seinen Körper, weil Schönheit für etwas Eigenthümliches des andern Geschlechts gehalten wird, und weil überhaupt das andre Geschlecht nicht an so ernsthafte Geschäfte des Lebens gebunden zu seyn scheint, als das unsrige; — ich gehe noch weiter und behaupte, daß ein Frauenzimmer ohne alle Eitelkeit keinem vernünftigen Mann [116]gefallen wird, und daß uns diese Eigenschaft angenehm seyn muß, weil sie, um Männern zu gefallen, an denTag gelegt wird. Nur ist es äußerst schwer, die Gränzlinie zu bestimmen, wo die vernünftige Eitelkeit, um mich so auszudrücken, aufhört, und die lächerliche bei dem andern oder unserm Geschlecht anfängt.


Wenn Leute mit einem falschen Character von jeher den unangenehmsten Eindruck auf mich gemacht haben; so glaube ich, daß der erste Grund davon in der Erziehung liegt, indem mein Vater mit aller Aufmerksamkeit darauf sahe, daß seine Kinder stets offen, frei und ehrlich handeln mußten. Da er eben so mit ihnen umgieng, wurde keine Gelegenheit zur Verstellung gegeben, wozu die meisten Kinder in ihren väterlichen Häusern gewöhnt werden, und da er ein Feind alles heuchlerischen und falschen Wesens war, und darüber sich gemeiniglich sehr stark auszudrücken pflegte; so mußte dies sehr tiefe Eindrücke in den Herzen seiner Kinder zurücklaßen. So wie gemeiniglich nicht grade eine moralische Maxime, eine theoretische Sittenregel den Menschen zum Guten antreibt, sondern sich mit dem Entschlusse gemeiniglich, wenn er zur Reife kommen soll, ein Bild, eine Anschauung aus dem gewöhnlichen Menschenleben verbinden muß; so erinnere ich mich, oft etwas zweideutiges nicht ge-[117]than, nicht gesagt zu haben, weil sich mir in dem Augenblick das Bild von einem schiefen Character unter irgend einer mir von dieser Seite her bekannten Person darstellte, die ich haßte, und zwar vielleicht bloß wegen ihrer Falschheit haßte. Vielleicht leihe ich jenem Bilde zuweilen zu schwarze Züge; vielleicht findet mein physiognomisches Gefühl mehr Böses in ihrem Gesicht, als es wirklich anzeigt, — vielleicht bin ich ungerecht gegen Menschen, wenigstens in meinen bittern Beurtheilungen gewesen, die nur den Schein der Falschheit an sich trugen; dem sey wie ihm wolle; — ich kann über meine Erbitterungen gegen den Mann, der sich mir irgend einmal in einem falschen Lichte gezeigt hat, nicht Herr werden, und es würde mir selbst mit denen freundschaftlich umzugehen unmöglich seyn, die nur in einer entfernten Verbindung mit einem solchen Mann stehen.

Aus dieser unaufhörlichen Abneigung gegen alles, was Falschheit des Characters heißt, erfolgten denn nach und nach manche sonderbare Phänomene in meinen Handlungen. — Da der Ton der Gesellschaft in der heutigen großen Welt, und die liebe Eitelkeit, wovon ein jeder Mensch beherrscht wird, es uns oft zur Pflicht zu machen scheinen, andern Schmeicheleien zu sagen, und ich oft zu dergleichen auch gezwungen war; so habe ich mich doch gemeiniglich dabei so eingerichtet, daß ich nie kriechend wurde, was ich überhaupt aufs höchste ver-[118]abscheue; — ich habe meine Schmeicheleien fast immer mit einer Miene gesagt, woraus man schließen konnte, daß es nicht mein Ernst war, ja ich habe oft meine Lobrede gleichsam wieder ganz zurückgenommen, indem ich mich nicht enthalten konnte, die schlechte Seite der Sache oft auf eine vielleicht zu bittere Art aufzudecken, — in dem Moment aufzudecken, da ich ihr Lobredner werden mußte. Glichen meine Ausdrücke bisweilen einer Schmeichelei; so war ich in dem Augenblick wirklich von dem Werthe der gelobten Person und Sache vollkommen überzeugt; so handelte ich nach meinem ehrlichen Gefühl für Wahrheit; — irrte ich mich in der Person und Sache; so hab ich nie wieder der erstern, — wenn sie auch noch so hoch gestiegen wäre, eine Lobrede gehalten. Die Eitelkeit allein hat mir bisweilen Ausdrücke abgelockt, wobei ich es nicht vollkommen ehrlich meinte; allein es betraf doch gemeiniglich nur unbedeutende Sachen; — mehr Scherz als Ernst.

Menschen, von deren Antlitz eine ewige Freundlichkeit herabströmt, die ihre Dienste aufdringen, die allen feinen Worten entgegen grinzen, die dich in einer auswendig gelernten Complimentensprache bei einem Uebel aufs höchste bedauern, die dir Schmeicheleien ins Gesicht sagen, ohne die mindeste Verlegenheit dabei zu äußern, — habe ich entweder für Dummköpfe, oder für Schurken gehalten. Im ersten Fall habe ich sie bedauert, und — habe [119]sie gehen lassen; im zweiten Fall aber habe ich sie hassen müssen, weil ich sie für falsch hielt. Ein zu gefälliges, zu herablaßendes und gütiges Wesen, welches man nicht selten bei den besten Menschen und Köpfen antrift, hat mir oft an den besten Menschen und Köpfen verdächtig geschienen, und ich habe längere Zeit mit ihnen umgehen müssen, um über jene Empfindung Herr zu werden, wenn ich nicht anders wußte, daß jenes herablaßende Wesen ein Fehler ihrer Erziehung oder ihrer unschuldigen Eitelkeit war. Mit höchstem Unwillen bin ich oft von Männern geschieden, die mich mit einer übertriebenen Höflichkeit empfiengen, sie hätten mir Grobheiten sagen können, und ich würde es ihnen viel eher vergeben haben. Ich muß hier eine allgemeine Anmerkung machen. Die meisten großen Köpfe haben keine oder herzlich wenig äußere Lebensart, (ich rede hier vorzüglich von Gelehrten) aber desto mehr Eitelkeit. Sie wollen einen jeden zu ihrem Lobredner machen, und geben sich daher jene so gütige, herablaßende, gefällige Miene, die wir an ihnen so leicht gewahr werden, und die uns oft ekelhaft wird, weil hinter ihr eine bäuerische Erziehung hervorleuchtet. Die Bewunderung sieht diesen Schnitzer nicht, hält sie für Originalität; aber der feinere Menschenbeobachter weiß sehr gut, in welche Classe von Handlungen er das Benehmen des großen Mannes hinstellen soll. Jeder Mensch hängt einen Schild aus, woran man ihn erkennen [120]kann; man muß sich nur nicht durch die bunten Farben des Schildes täuschen lassen, das Original näher zu studiren.


Ich komme nun zu ganz andern Selbstbeobachtungen. Viele dürften darinn, so wie sehr wahrscheinlich in den vorhergehenden wenigstens einen Theil ihres Bildes aufgestellt finden. Da so sehr viele zum Theil versteckte Antriebe sich bei jeder individuellen Handlung des Menschen vereinigen, so daß man nie mit Gewisheit sagen kann, dies und dies war das einzige Motiv der That; so bin ich immer sehr begierig gewesen, die wahren Gründe unsrer moralischen Handlungen aufzufinden, und deshalb selbst auf mich genau Acht zu geben, weil ich mit Wahrscheinlichkeit schließen konnte, daß andre, unter ähnlichen Umständen, so wie ich, handeln würden. Nach diesen Beobachtungen bin ich auf den Gedanken gekommen, daß die wenigsten Menschen in Rüksicht auf die Gottheit, — auf Antrieb und Liebe zu derselben, sondern gemeiniglich aus andern Principien gut handeln, denen sie nur hinterher, oder aus Gewohnheit den Begriff der Gottheit unterschieben. Jene andern Principien sind denn gewöhnlich nichts anders, als natürlicher Instinkt der Menschenliebe, Freundschaft, politische Klugheit, Erhaltung öffentlicher Ruhe, Eitelkeit, auch wohl Eigensinn, Furchtsamkeit, [121]Enthusiasmus für ein gewisses Ideal moralischer Schönheit, Gewohnheit u.s.w. Alle diese Motive liegen uns ohnehin näher, als der abstracte Gedanke an eine Gottheit, — ein Gedanke, der wegen seiner so viel umfassenden Bedeutung nicht leicht einen so augenblicklich determinirten reinen Bewegungsgrund unsrer Handlungen abgeben kann, als jene Principien, die in unsre Natur hineingewebt sind, oder die uns augenblicklich an unsre äußern Verhältnisse erinnern; vielleicht gehört selbst eine Art Schwärmerei dazu —ohne alle anderweitige Motive, (die sich an den Begriff von einer Gottheit anschließen könnten), den Gedanken an die Gottheit zu einem reinen Bewegungsgrunde des Willens zu erheben. Ich läugne hiemit nicht den Einfluß, den dieser Gedanke auf unsre moralischen Handlungen haben kann, und haben muß; sondern ich meine nur so viel, daß er kein eigenthümliches reines Princip des Willens ist, und gemeiniglich von andern Motiven unterstützt wird. Es haben daher auch schon mehrere Weltweisen angenommen, daß es eine Moralität unsrer Handlungen geben kann, ohne daß ein Begriff von einer Gottheit, wie gewöhnlich zum Grunde gelegt wird, und die vollkommenste Sittenlehre würde ohnstreitig die seyn, worinn die Principien aller Moralität allein aus der Natur des menschlichen Willens und ihrer Uebereinstimmung mit den ewigen Gesetzen der Vollkommenheit, ohne Rüksicht auf [122] unsichtbare Wesen außer uns zu nehmen, reducirt, und daraus abgeleitet würden.

Es kommt mir beinahe so vor, als ob die Menschen es von jeher bemerkt hätten, daß der bloß abstracte Begriff vom Daseyn einer Gottheit nicht kräftig genug auf unsre Handlungen wirken würde, wenn sie ihn nicht mit andern Motiven und anschaulichern Ideen zu vereinigen, und dadurch zu einem Handlungsprincip zu erheben suchten. Man personificirte daher in allen Religionen bald auf eine feinere bald plumpere Art die Handlungen der Gottheit, man schob ihr leidenschaftliche Motive unter, man gab ihr willkürliche Rechte zu belohnen und zu bestrafen, man ließ sie sogar sich in Menschen verwandeln, und durch diese denken und reden, — um gleichsam das zu geistige Bild ihres Wesens unsern Handlungen näher zu bringen, und sich ihren vermeinten Einfluß auf die Moralität unsres Willens deutlicher vorzustellen. Auf diese Art wurde Religion nach und nach Bedürfniß für den Menschen, und aus dem Bedürfniß Gewohnheit, wobei die Sinnlichkeit sich stets mit ins Spiel mischte. Sehr natürlich war es, daß das Bild der Gottheit dadurch, um mich so auszudrücken, desto uncorrecter werden mußte, je sinnlicher es ward, und daß die Moralität einer Handlung wohl keinen großen Werth haben konnte, die sich auf jenes Bild gründete, — nicht wie es die reine Vernunft, sondern wie es die Sinnlichkeit entwarf.

[123]

An diese Betrachtungen, die ich oft angestellt habe, ohne an meiner Ruhe dadurch etwas zu verliehren, schlossen sich die Ideen von einer Unsterblichkeit der Seele oft so lebhaft an, daß ich nicht selten einen Wunsch in mir empfand, sogleich aus der Reihe sichtbarer Wesen ausgetilgt zu werden, um über diesen wichtigen Punct zu irgend einer Gewißheit zu kommen, die mir kein Philosoph verschaffen konnte. Ich hatte fleißig das Vorzüglichste gelesen, was hierüber in den Werken älterer und neuerer Weltweisen vorkam; aber ich fühlte immer noch den Mangel an Evidenz, die ich suchte, und die Prämissen jener philosophischen Untersuchungen wurden in meiner Seele jedesmal durch eine Menge von Zweifeln niedergerissen, denen ich nicht widerstehen konnte, und die mir nicht selten viel wichtiger, als die Gründe vorkamen, wodurch man eine Unsterblichkeit der Seele darthun wollte. Ich suchte mir endlich auf einem eigenen Wege Gründe für die Unsterblichkeit zu verschaffen, die wenigstens mir stärker, als die bisherigen schienen, und diese Gründe bemühte ich mich aus dem Interesse herzuleiten, welches die Gottheit an unserm Daseyn, als Urheber desselben haben müsse, und ohne welches ich mir nie die Gottheit denken konnte. »Es würde, so schloß ich, der höchsten moralischen Vollkommenheit Gottes eine Realität stehlen, wenn sie auch nur eine einzige denkende Kraft, die mit allen übrigen denkenden Kräften in der Gottheit gleichsam [124]wie Theile in einem Ganzen enthalten sind, vertilgen wollte; ja ich konnte mir gar nicht einmal vorstellen, wie eine solche Vertilgung möglich sey. Ich kam dabei zugleich auf den Gedanken, daß die Gottheit, wenn sie etwas Denkendes geschaffen habe, dasselbe zu nächst um ihrer selbst willen hervorgebracht, und als Nebenzwecke die Glückseligkeit des denkenden Individuums betrachtet habe, weil die höchste denkende Kraft ihr eigenes Interesse auch immer als das erste und höchste bei jeder ihrer Modificationen betrachten müsse. Diese Gründe hatten mich auf einige Zeit beruhigt; ob wohl nicht überzeugt, weil der erste zum Grunde liegende Begriff vom Daseyn Gottes selbst noch einigen Zweifeln unterworfen seyn konnte; — aber auch diese Beruhigung verschwand beinahe, als mir einst ein aufgeklärter Freund gegen meine Hypothese den Einwurf machte: daß es doch auch vielleicht das Interesse der Gottheit erfodern könne, anstatt der ausgetilgten Kräfte des Denkens in einzelnen Individuen, neue hervorzubringen, und daß eine immer neue Schöpfung denkender Wesen vielleicht der Gottheit ein höheres Vergnügen gewähre, als die Erhaltung einer immer dieselbe bleibenden denkenden Summe von Wesen. Ich gerieth in jene neue Unruh, die mich in einsamen Stunden und Mitternächten schon so oft bei den Gedanken an Unsterblichkeit ergriffen und gemartert hatte.

Fußnoten:

1: *) Cartesius fühlte einen solchen Drang zur Erforschung der Wahrheit in sich, und setzte seine Studien mit einer solchen Heftigkeit fort, daß sein Gehirn dadurch litte, und er über den Gegenstand seines Denkens in eine Art von Enthusiasmus fiel. So leicht sich ein solcher Zustand bei einer lang anhaltenden Anstrengung des Verstandes erklären läßt; so merkwürdig ist doch das, was er hierüber von sich selbst erzählt. Voll von seinem Enthusiasmus und dem Gedanken, eines Tages die Gründe der Wahrheit gefunden zu haben, legte er sich 1619 den 10ten November schlafen. Er hatte hintereinander drei Träume, die ihm so außerordentlich schienen, daß er sie für göttlich hielt, und in ihnen sich die Bahn vorgezeichnet fand, welche er nach dem Willen der Gottheit in Absicht seiner Lebensart und seiner Erforschung der Wahrheit, die er mit Unruh suchte, gehen müsse. Die geistige Auslegung, welche er diesen Träumen gab, glich dem Enthusiasmus von dem er sich durchdrungen glaubte so sehr, daß man ihn hätte für wahnsinnig halten, oder glauben können, daß er sich den Abend vorher betrunken haben müsse; aber er versichert uns, daß er den Tag vorher äußerst mäßig zugebracht, und seit drei Monaten keinen Wein getrunken habe. Den andern Morgen, noch ganz von den Eindrücken jener Träume durchglüht, überlegte er, was er nun für eine Partie ergreifen solle; er nahm seine Zuflucht zur Gottheit, und bat sie inständigst, ihm ihren Willen deutlich bekannt zu machen, ihn zu erleuchten, und ihn bei seiner Untersuchung der Wahrheit zu führen. Seine Schwärmerei ging so weit, daß er sogar die Jungfrau Maria für sich mit zu interessiren suchte, und ein Gelübde, nach Loretto in Italien zu reisen, that.
Baillet la vie de Des-Cartes, à Paris 1693. p. 37. seq. a

Erläuterungen:

a: Baillet 1693.