ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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An die Leser des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.

Moritz, Karl Philipp

Da ich dem Publikum angekündigt habe, daß ich die Herausgabe dieses Magazins nun wieder allein übernehme, muß ich über mein Verhältniß mit Herrn Pokels einige Worte sagen, in so fern die Leser dieses Magazins dabei interessirt seyn können, und in so fern Herr Pokels selbst mich dazu nöthigt.

Im Jahr 1786 am 19ten Julius schrieb mir Herr Pokels mit folgenden Worten: »Erlauben Sie mir gütigst eine Frage, die Ihnen vielleicht sonderbar vorkommen wird, die Sie mir aber gütigst verzeihen werden. Finden Sie es für rathsam, einen Mitherausgeber des Magazins anzunehmen, und könnte ich dieser Mitherausgeber seyn? Schreiben Sie mir hierüber bald, damit ich weiß, welchen Gebrauch ich mit denen in meinen Händen befindlichen Beiträgen machen soll, und lassen Sie mir die Bedingungen wissen, unter welchen Sie mit mir die Zugleichherausgabe besorgen wollen. Wahrscheinlich könnten wir dann jährlich vier Stück herausgeben, womit, wie ich glaube, der Verleger nicht unzufrieden seyn würde, da das Magazin sehr vielen Absatz hat.«

Da ich nun einige Wochen hierauf meine Reise nach Italien antrat, so nahm ich dieß Anerbieten des Herrn Pokels an; habe aber während meines [126]Aufenthalts in Italien, wegen der Schwierigkeit des Uebersendens, keines von den Stücken, die Herr Pockels herausgegeben, zu Gesicht bekommen, auch keine Beiträge dazu geliefert. — Da ich nun aber während dieser Zeit meine erste Idee eines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde selbst weiter verfolgt, und einen Plan habe, dieses Werk weit interessanter zu machen, als es bis jezt gewesen ist, so muß ich nach diesem entworfenen Plane, die Herausgabe des Magazins nothwendig allein wieder übernehmen, weil ich mit Herrn Pockels wegen der einzurückenden Aufsätze nicht mündliche Abrede nehmen kann, und mir auch die Revisionen, die im vierten Bande des Magazins von mir angefangen und im fünften von Herrn Pockels fortgesetzt sind, nothwendig wieder selbst vorbehalten muß, weil das Werk sonst zerstückt bleibt. Sobald wir also nicht auf eine reelle Weise, sondern bloß dem Namen nach, an diesem Werke ferner gemeinschaftlich arbeiten wollten; so würde ja das Werk selbst nichts dadurch gewinnen, sondern der Eifer zur Bearbeitung desselben würde immermehr erkalten. In diesem Falle ist es also für die Sache selbst weit besser, daß ein jeder seinen eignen Gang für sich, mit einem rühmlichen Wetteifer gehe. Man zerfällt hiedurch auf keine Weise, sondern bleibt immer durch das stärkste Band verknüpft, das Menschen verbinden kan, durch das Band der uneigennützigen Wahrheitsliebe, wodurch ich auch mit [127]Herrn Pockels für die Zukunft verknüpft zu bleiben hoffe, wenn gleich unser Weg eine Strecke auseinander geht. Es wird mir daher nichts weniger, als unangenehm seyn, wenn Herr Pockels ein eigenes psychologisches Journal herausgiebt, worin das meinige der strengsten Prüfung unterworfen wird; denn dadurch gewinnt stets die Sache, und man kömmt der Wahrheit näher. Mit diesen Gesinnungen, die ich Herrn Pockels geschrieben habe, scheinet derselbe nicht übereinzustimmen, sondern besteht auf der fernern Mitherausgabe des Magazins unter sehr heftigen Ausdrücken, und Drohungen von öffentlicher Anklage, die ich von ihm erwarten müsse, sobald ich darauf bestehe, dieß Magazin allein herauszugeben. Denn er habe das Magazin vom Tode errettet, in Aufnahme gebracht, u.s.w. welches sich nicht so verhält, denn nach dem Zeugniß der Verlagshandlung, hat der Debit dieses Magazins, von der Zeit an, da Herr Pockels es herausgegeben, mehr ab als zu genommen. Dieser Umstand bestimmt mich aber gar nicht, sondern die vorher angeführten Gründe, weswegen ich die Herausgabe dieses Werks allein wieder übernehmen muß. Und eben so wenig, wie ich Herrn Pockels jemals verwehren kann, ein eigenes psychologisches Magazin herauszugeben, eben so wenig kann er mich auf irgend eine Weise zwingen, das meinige mit ihm gemeinschaftlich herauszugeben. Es thut mir sehr leid, daß mich Herr Pockels durch [128]seine Drohungen zu dieser öffentlichen Erklärung genöthigt hat, da sonst die Sache unter uns sehr wohl hätte abgethan werden können. Die Sache sollte aber nun einmal zur Sprache kommen, und durch diese Erklärung von meiner Seite, ist, wie ich hoffe, allem ferneren unnöthigen Wortwechsel vorgebeugt.

Moritz.