ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Mütterliche Grausamkeit aus Melancholie und Verzweifelung. a

Pyl, Joachim Theodor

Katharine Häuslerin, aus einem Dorfe bei Donauwörth, 45 Jahr alt und 12 Jahr Ehefrau eines harten, störrigen Mannes, hatte, außer einem Fieber und derzuweilen in Unordnung gerathenen monatlichen Reinigung, keine Krankheit gehabt.

Zu Ende des Jahres 1785 hatte sie im Dorfe, wo sie wohnte, einer Kuh heimlich die Milch ausgemolken. Dies wurde erfahren, und ihr flehentliches Bitten, daß dieser kleine Diebstahl ihrem Mann verborgen bleiben möchte, wurde zwar gewährt; aber man hielt das Versprechen nicht, und in der Folge bekam ihr Ehemann von diesem Verbrechen der Frau erst dunkle, dann klärere Nachricht.

Ein von den Gerichten des Klosters zum heil. Kreutz in Donauwörth abgehörter Zeuge bezeugte, daß diese Frau immer brav, gottesfürchtig und häußlich gewesen wäre, aber immer vielen Sturm mit ihrem Mann gehabt habe. Von keiner Zerrüttung des Gemüths wuste dieser etwas: ein andrer sagte: man habe zuweilen an ihr bemerket, daß sie etwas hochmüthig sey, und zuweilen vor den Leuten vorbeigehe, ohne sie zu grüßen.

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Sowol diese Zeugenaussagen, als das nachherige Verhör der Unglücklichen nach Inquisitionalartikeln beweisen, daß sie nach jener kleinen Uebelthat, aus Furcht wegen des Nachtheils ihres guten Namens, und wegen übler Behandlung ihres Mannes, falls die Geschichte, die kaum verborgen bleiben würde, diesem zu Ohren käme, nachdenkend, ängstlich und tiefsinnig wurde. Aus den Akten erhellet, daß sie gebeichtet, und zwar auf diese Sünde, welches bei Katholiken viel ist, ohne nachherige Beruhigung gebeichtet habe. Sie hat oft gebetet, ohne zu wissen, was sie bete, und trauete sich nicht, es ihrem Manne zu sagen. Ein heftiger Kopfschmerz plagte sie manchmal vierzehn Tage lang, während dessen wuste sie oft nicht, was sie that, sie gab aber vor, immer dabei ihrer bewust gewesen zu seyn.

Am 1ten December 1786 erfuhr die Frau mit Gewißheit, daß ihr harter Mann ihren Milchdiebstahl wisse. Oft vorher hatte er ihr gedroht, den Hals umzudrehen, falls sich die Sage davon bestätigen sollte: nun sezte er sie darüber und zwar mit Heftigkeit zur Rede, und behandelte sie mit Schlägen, deren sie sich doch beim Verhör nicht mehr zu erinnern wußte. Auf Befragen: ob und wie oft sie geprügelt sey? antwortete sie: das wisse sie nicht, ihr [49]Mann müste es wissen, sie habe kein Gedächtniß im Kopfe.

Sie zitterte bei dieser Behandlung vor Furcht, und ging zu Bette, natürlich eine noch schlimmere Behandlung am folgenden Tage befürchtend. Ihre kleine Tochter von 7 Jahren kam zu ihr, sie betete mit dieser, und war entschlossen, ihren Mann, der ihr schon so oft den Tod gedrohet hatte, zu verlassen. Sie fragte ihre Tochter, ob sie beim Vater bleiben wolle? diese wollte nicht, weil sie die schlimme Behandlung des Vaters fürchtete.

Nun verließ sie nach fleissigem Gebet mit dieser Tochter und ihrem andern 10 Wochen alten Kinde früh Morgens das Haus. Noch beim Fortgehen fragte sie ihre Tochter: ob sie beim Vater bleiben wolle? Lieber sterben, als beim Vater bleiben! war die Antwort des Kindes.

Diese Antwort des Kindes, und die überall beengte und verzweifelte Lage der Mutter, der bei Tiefsinnigen so leichte Gedanke, durch einen erst verübten Mord desto leichter in den Himmel zu kommen, und die schlechte Behandlung der Kinder, die sie voraus sahe, falls sie mutterlos beim Vater erzogen wurden, — dies alles bewog sie zu dem grausamen Entschluß, [50]ihre beiden Kinder zu ersäufen. Sie nahm das kleine auf den Arm, führte die Tochter an der Hand zum Hause hinaus, ließ, da sie an die Donau kam, das Mädchen niederknien und beten, bat das Mädchen, Gott zu bitten, daß sie einen rechten Tod sterben, und nicht auf gleiche Art umkommen möchte, machte mit derselben zweimal Reue und Leid, band das kleine Kind der Tochter in die Arme, das Mädchen küßte das kleine Kind mit den Worten: »Liebes Brüder'l, nun müssen wir sterben.« Die Mutter machte beiden das Kreutz, sagte zu der Tochter: laß fein dein Brüderlein nicht von dir, und warf beide in die Donau.

Sie sah ihnen nach, und machte beiden das Kreutz. Verzweifelnd sah' sie, daß beide Kinder voneinander waren, um nicht selbst ins Wasser zu springen, sah sie sich nicht weiter um.

Nun zog sie ihre Schuhe aus, ging schnell fort, und betete gehend, aber über ihre Unthat beruhigt, weil sie glaubte, ein Gott gefälliges Werk gethan zu haben, weil ihr Mann ihr immer mit dem Umbringen gedrohet, und sie ein übles Schiksal ihrer Kinder befürchtet habe. Sie ging gerad in die Fronfeste. Sie erzählte da ihre That, und bat, verwahret zu werden. Alle ihre Aussagen liefen dahinaus, daß sie ihre [51]Kinder ersäuft habe, um sie gegen die Behandlungen ihres grausamen Vaters zu sichern, und daß sie nichts suche, als hinzukommen, wohin sie gehöre, in die Ewigkeit. Sie habe beim Ersaufen ihrer Kinder nichts weiter gedacht, als: Himmlischer Vater, ich schenke dir in deine Hände meine zwei Kinder, und gieb mir die Gnade, daß ich meine Sünden möge beichten, und mein Leben für sie geben, wenn ich sie ums Leben gebracht! Nur da fühlte sie Entsetzen und Mitleid, da sie ihre Kinder von einander getrennt im Wasser schwimmen sah.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl 1788, 4. St., S. 191-194. Der Text ist wörtlich von der Vorlage übernommen worden. Die darauffolgende heftige Kritik Pyls an zwei medizinischen Gutachten, die er als "Muster schlechter Arbeit" (S. 195) wörtlich wiedergibt, die "das Verbrechen als bey kaltem Blute und heller Vernunft gegangen" beurteilten, lässt Pockels weg (Pyl 1788, 4. St., S. 194-203).