ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 3 (1788) > 2. Krankheit der Einbildungskraft.

2.

Krankheit der Einbildungskraft.

Pockels, Carl Friedrich

Nachricht von einer Frau, welche meinet, daß sie gestorben sey, und durchaus als eine Gestorbene wollte behandelt werden. a

Nachstehende Erzählung des Bonnet ist von einer sonderbaren Art. Ein sonst verständiges altes Frauenzimmer fängt auf einmal sich einzubilden an, daß sie gestorben sey, und begraben werden müsse. Keine Vorstellungen dagegen wollten etwas fruchten, man muß sie, um sie zu beruhigen, durchaus in einen Sarg legen; aber selbst bei dem eingebildeten Tode verläßt sie die weibliche Neigung nicht, sich zu schmücken, etc. — doch hier ist die ganze Erzählung selbst.

Eine ehrbar alte Frau von beinahe siebenzig Jahren saß frisch und gesund in der Küche, und bereitete eben die Speisen zu, als sie eine durch die Küchenthür eindringende Zugluft so heftig in den Nacken traf, daß sie als wie vom Schlage gerührt, und an der einen Seite auf einmal gänzlich gelähmt wurde, so daß sie die Tage hindurch fast ganz einer todten Person glich. Vier Tage nachher bekam sie ihre Sprache wieder, und ernannte diejenigen Frauenzimmer, welche ihr das Sterbekleid anziehen, [43]und sie, da sie bereits würklich todt sey, in den Sarg legen sollten. Man gab sich alle Mühe, sie von ihrem lächerlichen Wahn zu befreien. Ihre Tochter und Bedienten machten es ihr sehr begreiflich, daß sie nicht gestorben sey; sondern noch lebe; alles war umsonst, die Todte wurde hitzig, und fing auf die Saumseligkeit ihrer Freundinnen gewaltig zu schmälen an, welche ihr nicht gleich den lezten Liebesdienst mit Beschickung ihres Körpers erweisen wollten, und wie die Freundinnen noch länger zauderten, wurde sie im höchsten Grade ungedultig, und wollte von einer Magd mit Drohworten ihre Ankleidung als eine Todte erzwingen. Endlich fand man es für nöthig, um sie zu beruhigen, daß man sie wie eine Leiche ankleidete, und würklich auf ein Paradebette legte. Sie selbst beschäftigte sich hier, noch so galant als möglich zu erscheinen, sie stekte sich die Nadeln anders, musterte an dem Saume des Sterbekleides, und war mit der Weiße des Leinnens zu ihrer Beerdigung gar nicht zufrieden. Endlich fiel sie in einen Schlaf, wo man sie alsdann wieder auskleidete, und in ihr Bette legte. Kaum war sie aber wieder erwacht, als die vorige Grille, daß sie würcklich todt sey, und beerdigt werden müsse, wieder kam. Dieser Paroxismus dauerte lange fort. Der Arzt gab ihr Pulver aus Edelstein mit Opium vermischt. Da sie endlich glaubte, daß sie sich noch würklich im Lande der Lebendigen befinde, äußerte sie oft, daß sie in [44]Norwegen bey ihrer Tochter wäre, und widersprach allen denen mit größter Lebhaftigkeit, welche das Gegentheil sagten. Bisweilen machte sie Anstalt zur Reise nach Coppenhagen, und war nicht zu überreden, daß sie sich ja schon an diesem Orte aufhielt, bis man endlich auf ein listiges Mittel dachte, und sie in einem Wagen außer dem Thor herumfahren, nachher aber in die Stadt zurückbringen ließ, da sie denn ihr Haus kannte, und damahls eben aus Norwegen zurückgekommen zu seyn glaubte. Sie konnte Hände und Füße bewegen, und nach Gefallen gebrauchen. Das Essen schmeckt ihr wohl, und war in allen Stücken einem gesunden Menschen gleich, außer daß sie nicht schlafen konnte, wenn sie nicht Opium nahm. Nachher bekam sie ihren Paroxismus alle Vierteljahr, und wunderte sich hernach allemahl höchlich, daß sie wieder ins Leben zurückgekehrt sey. Während der Zeit daß sie sich todt glaubte, hielt sie mit längst Verstorbenen Unterredungen, richtete Gastmahle für sie zu, und bewirthete die nüchternen Todten mit vieler Sorgfalt.


In gegenwärtigem Fall war die Vorstellung des Frauenzimmers, daß sie würklich gestorben sey, lebhafter als alle andre Ideen geworden, die sie vom Gegentheil hätten überführen können, und dergleichen ähnliche Fälle sind nichts ungewöhnliches. Als die Kranke vom Schlage gerührt wurde, bemächtigte [45]sich ihrer wahrscheinlich der Gedanke mit größter Stärke: — nun stirbst du. — Dieser Gedanke blieb während der Zeit, da sie noch nicht wieder zu sich selbst gekommen war, der einzige und herrschende in ihrer Seele. Alle andern Vorstellungen wurden gleichsam unwillkürlich in den Hintergrund der Seele geschoben, und diese nahm durch seine Lebhaftigkeit überrascht gar bald einen Habitus an, jenen Gedanken als herrschend zu unterhalten. Die ungewöhnlichsten und seltsamsten Ideen können einen solchen Habitus bekommen, wenn die Seele aus ihrer gewöhnlichen Denkordnung auf einmal herausgeworfen, und in eine ganz neue Hauptidee hineingezwungen wird. Eine plözliche körperliche Unordnung im Gehirn, oder auch eine heftige Ueberraschung können einen solchen Umtausch veranlassen, und wir sind dann nicht mehr im Stande, die Ungereimtheit der leztern einzusehen, weil wir eine richtige Folge unsrer Vorstellungen (selbst beim Wahnsinne) zu bemerken glauben. Dieß ist bei allen seltsamen Einbildungen der Fall. Der welcher sie hat, kann sich nicht überreden, daß es Einbildungen sind, theils weil ihre Lebhaftigkeit nicht mehr eine Vergleichung mit andern natürlichern und vernünftigern Vorstellungen zuläßt; theils weil der Eingebildete keine Lücke, keinen Sprung in seiner neuen Denkform wahrnimt, und die Entwickelung aller seiner Nebenideen aus einer einzigen Hauptidee ihm sehr natürlich und den Gesetzen des menschlichen Denkens gemäß vorkommt. Hieraus [46]läßt sich nun erklären, wie schwer es gemeiniglich ist, Menschen von lebhaften Einbildungen zu kuriren. Man muß gleichsam ihre ganze Gedanken-Methode umwerfen, wenn man sie heilen will, man muß ihnen eine neue Ideenfolge unterschieben, und was das schwerste hiebei ist, man muß die Hauptidee zwar nicht immer auf einmahl, sondern durch allerlei Nebenwege, und nach und nach aus ihrem Besiz hinauszustoßen suchen. Ferner läßt sich hieraus erklären, warum Leute, die von einer gewissen Einbildung beherrscht werden, gemeiniglich in Absicht dieser Einbildung äußerst consequent sind. Sie schließen immer von Folge auf Folge, wenn sie nicht anders ganz verrückt sind, und verfahren dabei nicht selten nach einer so strengen Syllogistic, daß man in so fern an ihren Schlüßen nichts aussetzen würde, wenn die erste Bedingung aller ihrer Thesen nur nicht aus der Luft gegriffen wäre.

P.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Bonet 1686. Lange von der Forschung fälschlich dem Charles Bonnet zugeordnet, z.B. Förstl und Beats 1992. Der erste Hinweis auf Bonet stammt aus der Diskussion auf der MzE-Tagung "Fakta, und kein moralisches Geschwätz" 2010 in Potsdam.