ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Der Einsiedler im Stadtgetümmel. a

Anonym

Der edle und tugendhafte Heinrich Wilby Esq. war aus Lincolnshire gebürtig, und Erbe eines ansehnlichen Rittergutes, welches jährlich über tausend Pfund eintrug. Er hatte seine Studien auf der Universität sowohl, als in einem der juristischen Kollegien, vollendet, und war mehrere Jahre nach einander auf Reisen in fremden Ländern. Nach seiner Rückkehr lebte dieser sehr gebildete junge Edelmann auf seinem väterlichen Landgute, war überaus gastfrey, hielt viel Umgang mit seines Gleichen, und hatte eine schöne wohlerzogene Tochter, die, mit seiner völligen Genehmigung, an Sir Christopher Hilliard in Yorkshire verheirathet wurde. Er war jezt vierzig Jahr alt. Die Reichen achteten ihn; die Armen beteten für ihn; und von Jedermann ward er geehrt und geliebt; als einstmals einer von seinen jüngern Brüdern, mit dem er nicht recht einig war, ihm auf freien Felde begegnete, und ein Pistol auf ihn losdrückte, welches aber glücklicherweise versagte. Er glaubte, das sey blos geschehen, um ihm ein Schrecken einzujagen, und entwaffnete den Niederträchtigen ganz kaltblütig. Sorglos steckte er das Pistol in seine Tasche, und ging in tiefen Gedanken nach Hause. Als er hier aber das Gewehr näher untersuchte, und [28]Kugeln darin fand, machte diese Entdeckung auf seine Seele solch einen starken Eindruck, daß er auf der Stelle den ausserordentlichen Entschluß faßte, sich völlig von der Welt zu entfernen; und in diesem Entschlusse verharrte er auch bis an's Ende seines Lebens.

Er wählte sich ein sehr hübsches Haus unten in Grubstreet, (einer Strasse in London,) schaffte fast alle seine Leute ab, ließ das Haus nach seinen Ideen einrichten, und wählte davon drei Zimmer für sich: das eine zum Speisezimmer, das zweite zur Wohnstube, und das dritte zum Studirzimmer. Da sie eins in's andre gingen, so pflegte er, wenn sein Essen von einer alten Dienstmagd auf den Tisch gesezt wurde, sich so lange in sein Wohnzimmer zu begeben; und wenn man hier sein Bette machte, ging er so lange in sein Studirzimmer, bis alles fertig war. Aus diesen Zimmern kam er von der Zeit an, da er sie bezog, nie wieder heraus, bis er vierzig Jahre hernach auf den Schultern der Leichenträger herausgebracht wurde. Auch bekamen in dieser ganzen Zeit weder sein Schwiegersohn, seine Tochter, sein Enkel, Bruder, seine Schwester, noch irgend einer seiner Verwandten, jung oder alt, reich oder arm, kurz kein Mensch ihn wieder zu sehen, ausser jene alte Dienstmagd, die Elisabeth hieß. Sie allein machte sein Kaminfeuer, machte sein Bett, brachte ihm zu essen, und reinigte seine Zimmer. Auch sie sah ihn nur äusserst selten, nur [29]immer im höchsten Nothfall, und starb nicht länger als sechs Tage vor ihm.

In der ganzen Zeit seiner Einsperrung kostete er nie weder Fisch noch Fleisch. Sein gewöhnlichstes Essen war Hafergrütze. Dann und wann hatte er des Sommers einen Sallat von ausgesuchten kühlenden Kräutern, und, als ein Leckerbissen, wenn er sich an einem Festtage etwas zu gute thun wollte, aß er den gelben Dotter von einem Hühnerei; aber nichts von dem Weissen. Was er an Brodt aß, schnitt er aus der Mitte heraus; die Kruste aber genoß er nie. Sein beständiges Getränk war Vierschillingsbier, und nichts anders; denn er kostete niemals Wein, noch gebrannte Wasser. Dann und wann, wenn er es seinem Magen für dienlich hielt, aß er eine Art von Zuckerwerk; zuweilen trank er auch etwas Kuhmilch, die ihm seine Dienstmagd, noch heiß vom Melken, holen mußte. Bei dem allen hielt er seinen Bedienten einen reichlichen Tisch, und bewirthete jeden Fremden oder Pächter sehr gut, der in seinem Hause etwas zu thun hatte.

Alle Bücher, die neu herauskamen, wurden ihm gekauft und gebracht; Streitschriften aber legte er beständig auf die Seite, und las sie niemals.

Weihnachten, Ostern, und an andern Festtagen, ließ er in seinem Zimmer eine grosse Tafel decken, mit allem besezt, was die Jahrszeit vermochte, [30]auch mit vielen Weinen; welches alles von seiner Dienstmagd aufgetragen wurde. Nach einem Dankgebete für Gottes Wohlthaten, pflegte er dann eine reine Serviette anzustecken, ein Paar weisse Holländische Handschuh anzuziehen, die ihm bis an die Ellbogen reichten; dann schnitt er ein Gericht nach dem andern vor, und schickte einen Teller an einen armen Nachbar, und den zweiten an einen andern, bis der Tisch ganz leer war. Darauf betete er wieder, legte seine Serviette zusammen, und ließ das Tischtuch wieder wegnehmen. Dies pflegte er an dergleichen Tagen Mittags und Abends zu thun, ohne von irgend einem Gerichte selbst einen Bissen zu kosten.

Wenn arme Leute unverschämt vor seiner Thür bettelten und wehklagten, so wurde ihnen, eben deswegen, nicht sogleich etwas gereicht. Wenn er aber aus seinem Zimmer, welches nach der Straße hinausging, irgend einen Kranken, Schwachen, oder Lahmen ausfindig machte, so schickte er alsbald zu ihnen, um sie zu trösten und zu unterstützen; und schenkte ihnen nicht etwa nur eine Kleinigkeit für dasmal, sondern so viel, daß sie sich viele Tage nachher noch davon erquicken konnten.

Ausserdem pflegte er sich zu erkundigen, und darauf zu merken, welche von seinen Nachbaren fleissig in ihrem Beruf und Gewerbe waren, und welche von ihnen eine grosse Last von Kindern hat-[31]ten; vornehmlich auch, ob ihr Fleiß und ihr Erwerb auch zum Unterhalt der Ihrigen hinreiche. Und dergleichen Leuten schickte er reichliche, und ihren Bedürfnissen angemessene Unterstützung.

Er starb in diesem seinem Hause in der Grubstrasse, nachdem er sich ganzer vierundvierzig Jahre einsiedlerisch eingesperrt hatte, den 29. October 1636, vierundachtzig Jahr alt. Bei seinem Tode war sein Haar und sein Bart so lang und dicht gewachsen, daß er einem Einsiedler aus der Wildniß ähnlicher sah, als einem Einwohner der größten Städte in der Welt.

Erläuterungen:

a: Eine Biographie von Henry Welby erschien im Jahr nach seinem Tod (Heywood 1637). Die Lebensgeschichte dieses 'City-Hermit' wurde in zahlreichen Zeitungen und Kuriositätenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts nacherzählt. Die englischsprachige Quelle des vorliegenden Textes erschien u.a. in The Universal Magazine of Knowledge and Pleasure, Bd. 551, Oktober 1786, S. 172f. und The Times, 12. Januar 1787, S. 4. Vermutlich wurde dieser englische Text gleich nach Erscheinen ins Deutsche übersetzt, wahrscheinlich von dem Herausgeber des MzE Carl Friedrich Pockels selbst, und in den Gelehrten Beyträgen zu den Braunschweigischen Anzeigen 1787, S. 213-215, publiziert. Eine andere deutsche Übersetzung mit Berufung auf das Universal Magazine als Quelle ist anonym im Journal aller Journale, Januar 1787, S. 75-79 erschienen.