ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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<Nachtrag zu: Ueber die Schwärmerey und ihre Quellen in unsern Zeiten.>

Pockels, Carl Friedrich

Man erlaube mir, daß ich zu dieser Abhandlung, welche sehr viel Wahres, Richtiges und Treffendes in sich enthält, noch folgendes hinzu setzen darf:

Der Grund, der in unsern Zeiten so sehr einreissenden Religionsschwärmerey liegt offenbar in [42]mehrern Umständen, die jetzt — nothwendig und zufällig zusammengekommen sind, und bey ihrer sehr wahrscheinlichen Fortdauer unsern Nachkommen eine unglückliche, — ich will nicht sagen, allgemeine Barbarey der Vernunft drohen. 1) Das ernste Studium der Alten, und der Philosophie hat in unsern Tagen sehr aufgehört. Unsere jungen Leute treiben nicht viel Reelles mehr, und verschwenden jetzt einen großen Theil der Zeit, welcher zu richtiger Ausbildung ihres Verstandes angewandt werden sollte, mit Lesung matter, empfindsam geschriebener Romane, die den Geist erschlaffen, und ihren Empfindungen eine schiefe, idealische Richtung geben. Ein Umstand, der bey der einreissenden Religionsschwärmerey mehr als geschieht, erwogen werden müßte. Wenn die edeln und reinen Gefühle durch jene Lectüre verstimmt, verzärtelt und zu sehr versinnlicht worden sind, wenn der Ton einer gewissen Empfindeley der herrschende in der Menschenseele geworden ist, wenn dadurch die Einbildungskraft angezündet, und das Nervensystem geschwächt worden ist; so ist nichts natürlicher, als daß die Religionsschwärmerey, welche man auch Religionsempfindeley nennen könnte, sehr leicht und geschwind Wurzel fassen muß, sobald sich die Seele auf geistige Gegenstände hinrichtet. Man weis überhaupt schon, wie nahe schwärmerische Empfindungen der Liebe mit schwärmerischen Gefühlen der Religion verwandt sind, und wie leicht sie in einander über-[43]gehen können. Jene erstern werden offenbar zu sehr in unsern neuern Romanen angefacht, und dadurch wird fast immer mit der Grund zu diesen gelegt. — 2) Die Parthey der Religiösen, Pietisten, Schwärmer und Geisterseher hat zwar von jeher bald aus gutgemeinten Absichten, bald aber auch aus schwarzem Sectengeist und dummer Proselytensucht ihren Anhang zu vermehren gesucht; — aber in den jetzt so sehr verschrienen Zeiten des Unglaubens meinen jene gläubigen Herren vornehmlich hervortreten zu müssen, damit das Gebäude der Religion nicht ganz über den Haufen falle. Sie haben daher nicht nur von neuem jene Träumereyen von Wunderkräften, Wunderglauben, mystischen Unionen mit höhern Geistern, Einwürkungen der Gottheit auf unsre Gefühle u.s.w. aufgewärmt, und mit großem Geschrey davon zu predigen angefangen; sondern haben noch weit schlauere Mittel zur Erreichung ihrer Absichten angewandt, und sind dabey nicht unglücklich gewesen. Sie haben die Großen und ihre Minister zu gewinnen gesucht, haben Männer von ausgebreitetem Ruhme und wilder Thätigkeit zu ihrer Parthey herüber gelockt, und was ihrem Ansehen erstaunlich viel und mehr, als man glauben sollte, genutzt hat, — haben die Herzen der Weiber durch Mittel, wodurch weibliche Herzen so leicht gefangen werden, gewonnen, davon ich sonderbare Beyspiele erzählen könnte, wenn hier der Ort dazu wäre. Mit [44]allen diesen Kunstgriffen haben sie die Ausstreuung mystischer Bücher verbunden, und sonderlich gewissen Arten von Menschen Aufschlüsse darin versprochen, die ihnen kein weltliches Buch, keine Philosophie verschaffen könne. — 3) Die jetzige, allgemein werdende, ausschweifende, nervenschwächende, empfindelnde Lebensart, der ungeheure Luxus, die damit verbundene fehlerhafte frühe Erziehung und Verzärtelung unsrer Generation haben einen sichtbaren Einfluß in den Hang zur Schwärmerey und Mystik. Der zu sehr sinnlich gewordene Mensch, der keine Kraft zum Denken mehr übrig hat, der gern seine Phantasie in sanften Gefühlen wiegt, und der jede Selbstuntersuchung fliehet, weil sie ihm lästig und unbequem wird, ergreift am liebsten ein Religionssystem, welches ihn gleichsam mit einer neuen Art Wollust nährt, und sein Gewissen durch eine erträumte mystische Gnade beruhigt. Man hat immer bemerkt, daß die Ausschweifendsten und sinnlichsten Menschen am leichtesten zur Schwärmerey übergehen, und sonderlich beym herannahenden Alter in die Arme eines Systems fliehen, worin sie sich am bequemsten über ihr vergangenes Leben betäuben können. Wie viele Menschen von dieser Art habe ich kennen gelernt! und wie bekannt ist es, daß die neuen Prediger der Schwärmerey durch diese sich sehr wichtigen und zum Theil bedenklichen Einfluß verschaft haben.

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Diese und mehrere physische und psychologische — zum Theil auch politische Gründe haben vornehmlich der Schwärmerey in unsern Tagen Thür und Thor eröffnet, und man hat sehr Ursach, auf den geheimen, im Dunkeln schleichenden Fortgang dieser Pestilenz aufmerksam zu seyn. Der ruhige Denker wird freylich bey der zunehmenden Ausbreitung derselben, die durch so viele besondere, aber sehr thätige Secten befördert wird, immer Muth behalten; er wird sich damit trösten, daß die gesunde Vernunft und die ächte Tugend sich eigentlich nie ganz verlohren, sondern immer ihre Verehrer und Beförderer gefunden habe —; aber beunruhigen muß es ihn doch allerdings, wenn er bedenkt, wie schnell sich jene Krankheit auszubreiten anfängt, wie mächtige Anhänger, wie feine listige Prediger sie hat, und wie sehr sie sich zum Geiste unseres Jahrhunderts, unsrer Sitten und selbst zur Polemik unsrer Tage paßt, unter deren Streitigkeiten sie sich immer mehr und mehr ausdehnen wird. —

Die Schwärmer sind im gewissen Betracht, zumal wenn sie Beredsamkeit mit List verbinden, wie dergleichen mehrere bekannt sind, und wenn sie mit lebhaft empfindenden Leuten zu thun haben, unwiderstehliche Verführer. Die Sprache der Ruhe, Zufriedenheit und Gleichmüthigkeit, die aus ihren Worten und Mienen hervorleuchtet, und von der man so leicht auf eine innere glückliche Stille des [46]Herzens schließt; die herablassende, gefällige, herzliche Manier zu belehren, zu unterrichten, zu recht zu weisen; der hinreißende Ausdruck des Mitleidens, den sie gegen Verirrte, gegen sinnlich Lasterhafte selbst an den Tag legen; die Wahl ihrer Bilder, die leichte Versinnlichung der Religionswahrheiten, das beständige Hinweisen auf freudige Gefühle des Glaubens, die schlaue Accommodirung ihres ganzen Betragens, Denkens und Handelns nach der Phantasie ihrer Zuhörer, — alles dies schließt den Schwärmern leicht die Herzen der Menschen auf, und diese Herzen sind oft eher gefangen, als sie es noch glauben. Solchen guten gesalbten Menschen entdeckt man gern seine Gemüthsunruhen, um von ihnen als heiligen Propheten Gottes Ruhe und Tröstung zu erhalten. Man schenkt ihnen sein Zutrauen, weil sie es vor allen andern zu verdienen scheinen, und mit diesem bekommen sie gleichsam unser ganzes Herz in ihre Hände. Es kann nicht fehlen, daß ein empfindsamer Mensch nach einigem Umgang mit solchen Schwärmern, oder auch nur mit ihren Schriften oder Briefen eine gewisse Behaglichkeit in sich wahrnehmen muß, die ihm die Gültigkeit ihrer Ideen ausser Zweifel setzt. Der Angesteckte nimmt Bewegungen des Herzens, Empfindungen in sich wahr, die er vorher nie kannte. Er fängt an in sich selbst hinein zu schauen — und das, was freylich nur eine Aufwallung des Bluts, oder eine Täuschung der Phantasie war, für Würkungen einer [47]höhern Kraft zu halten, und was unmittelbar daraus folgt — die Welt ausser sich (die vielleicht vorher ihn nicht genug belohnte, seine Pläne zerstörte, seinen Stolz nicht nährte) zu verachten.

Er beginnt nun auch eine ganz andere Sprache zu reden, als andere vernünftige Menschen zu gebrauchen pflegen; — eine Sprache, die sorgfältig gewählt ist, seine feurigen Ideen ja nicht auszulöschen, sondern noch mehr anzufachen. Die Vernunft wird verachtet — weil sie — Vernunft ist, weil sie es gegen seine Phantasien zu disputiren wagt; die Philosophie wird eine eitle Wissenschaft genannt, und die Bibel zum einzigen lautern Erkenntnißgrunde aller Wahrheit gemacht. Hierin trägt der Schwärmer alle seine religiösen Tollheiten hinein, und beweist aus ihr das, was nimmermehr daraus bewiesen werden kann. Wer daran zweifelt, ist in seinen Augen ein verworfener Religionsverächter, und alle philosophische Tugend ein geschminktes Laster.

Daraus ist nun aber auch zugleich sichtbar genug, daß ein Mensch von allem andern leichter geheilt werden kann, als von religiöser Schwärmerey. Sie unterhält nicht nur seinen geistigen Stolz durch jede hohe Idee, die sie in ihm erzeugt; sondern mahlt ihm auch ein so erhabnes Bild von Glückseligkeit vor, daß er fast gar keinen freyen Willen — anders zu handeln übrig behält. Da er seinen Schatz, seine Gottheit gleichsam in dem Busen [48]trägt, und da er sich über die Welt so sehr erhaben glaubt; so bleibt ihm eigentlich kein unerfüllter Wunsch mehr übrig. Er hält sich für den glücklichsten Menschen — wenn ihm selbst äußere Glücksgüter fehlen; ja er rechnet ihren Mangel zu seinem Glück, und sieht auf die mit einer Art Verachtung herab, die sie besitzen.

P.