ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Karl Philipp Moritz und Salomon Maimon.

Zehnten Bandes erstes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1793.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Zehnten Bandes erstes Stück.

<Revision.>

Revision der Erfahrungsseelenkunde. von Salomon Maimon.

Maimon, Salomon

Die Geschichte des blödsinnigen Frieße ist, wie ich dafür halte, kein Phänomen der Erfahrungsseelenkunde. Sie ist keine Beschreibung einer Seelenkrankheit, deren Ursachen, Symptomen, und Kurart sich psychologisch bestimmen lassen, sondern die Beschreibung einer angebohrnen Seelenschwäche oder Mangels, die so wenig zur Seelenkrankheitslehre als angebohrner Mangel der Augen, Hände und Füße, oder ein Buckel zur Körperkrankheitslehre gehören. Es ist ein Phänomen der menschlichen Natur überhaupt, und gehört, so wie alle Arten der menschlichen Misgebuhrten unter die Abweichungen der Natur in der Naturgeschichte des Menschen.

Die Erfahrung der Seelenkrankheit des Herrn Kluge ist entweder daß man annimmt, daß die ganze [2]Vorstellung desselben von einem Buche das er wider den König von Preussen geschrieben haben sollte, eine Täuschung der Einbildungskraft war, die, wegen ihrer Lebhaftigkeit, seinen bloßen Vorsatz ein solches Buch zu schreiben ihm als eine schon vollbrachte Handlung vorspiegelte (wozu der Herausgeber dieses Aufsatzes geneigt zu seyn scheint). Oder (welches mir wahrscheinlicher zu seyn scheint) er hat wirklich dieses Buch geschrieben, und bloß diesen Umstand, daß der König von Preussen davon Notiz genommen, und des Verfassers Bestrafung beschlossen hatte, hinzu gedichtet. Daß man nach Herrn Klugs Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden hatte, ist noch kein Beweis für die erste Erklärungsart, indem es sehr natürlich ist, daß so bald die Vorstellung von der sich durch dieses Buch zugezognen Ungnade des Königs von Preussen und der darüber anzustellenden Untersuchung in seiner Einbildungskraft lebhaft wurde, er (damit man zum wenigsten keine Belege seines Verbrechens finden könnte) fürs Erste dieses Buch aus dem Wege geräumt, und hernach sich gegen einen gewaltsamen Ueberfall in Vertheidigungsstand gesetzt hatte.

In der Geschichte des Musketirs Friedrich Wilhelm Majer (Seite 16.) sowohl, als des Kindermörders Seibel (Seite 26.) glaube ich eine geheime psychologische Triebfeder zu entdecken. Jener geräth, aus Lebensüberdruß, auf den Entschluß [3]sich durch einen begangnen Mord den Tod zuzuziehn, und gestand, reflektirt zu haben, ob er an der Krankenwärterin, die ihn geschimpft hatte, den Mord ausüben solle, um sich zugleich zu rächen; oder an seinem noch schlafenden unschuldigen Kameraden, den er also da er gerade keine Sünde that umbringen wollte; wo denn wirklich das Letzte bei ihm die Oberhand behalten hatte. Dieser ermordete aus Lebensüberdruß ein Kind, das er so sehr liebte und um es recht fromm zu machen, viele Gebete und Sprüche aus der Bibel gelehrt hatte. Daß der Erste eine unschuldige, und der Zweite so gar eine von ihm geliebte Person zu diesem unglücklichen Vorhaben gewählt hatte, läßt sich auf folgende Art erklären. Die dem Menschen eingeprägte Liebe zum Leben ist so stark, daß wenn auch nach dem Kalkul der Vernunft die Quantität des zu erwartenden Uebels das Gute übersteigt, das mindeste Gute, welches hinzukömmt, den Entschluß zum Tode wankend machen kann. Derjenige also der nach dem Kalkul der Vernunft einen freiwilligen Tod beschlossen hat, ist geneigt, denselben auf die Art auszuführen, wodurch der Entschluß immer befestigt wird. Hätte er also die Umbringung seines Feindes als Mittel dazu gewählt, so wäre die Ausübung der Rache, als Befriedigung einer Begierde diesem Entschluß entgegen.

Er wählt daher lieber die Umbringung einer unschuldigen, oder sogar von ihm geliebten Person [4]zum Opfer seiner Verzweiflung, damit die auf die Handlung erfolgte Reue die Reue in Ansehung des Entschlusses selbst verhindern, und er selbst darinn befestigt werden sollte. Wilhelm Meier kann also immerhin geglaubt haben, daß er bloß aus Ungeduld über das Ausbleiben der Krankenwärterin lieber die Ermordung seines unschuldigen Kameraden, so wie Seybel glauben konnte, daß er bloß aus Mangel an Gelegenheit (einen andern zu ermorden) die Ermordung des von ihm geliebten Kindes beschlossen hatte, und doch war das ihnen selbst unbekannte Motiv, wie schon gezeigt worden, ein Trieb den bei kalter Ueberlegung gefaßten Entschluß, durch Hinzukunft der Reue zu befestigen, und gegen alles, was dessen Ausführung nicht verhindern, sondern bloß seine Vorstellung unangenehm machen konnte, zu sichern. Welches, wie ich dafür halte, so wohl den psychologischen Prinzipien, als der Erfahrung gemäß ist.

Seite 34. 3) sagt mein würdiger Freund (VIII) »die thätigen Kräfte müssen mit den vorstellenden Kräften in einem gewissen Verhältniß stehn; sind sie gegen dieselben zu stark, und bekommen das Uebergewicht, so ist dieses Krankheit der Seele, und eben der Zustand, wo man oft klagt: meliora video proboque, deteriora sequor.« Was mich anbetrift, so glaube ich, daß dieser Zustand nicht eine Folge des Uebergewichts der thätigen in Vergleich mit den vorstellen- [5] den Kräften, sondern des Uebergewichts der subjektiven aus Gewohnheit entsprungnen Begierden und Verabscheuungen in Vergleich mit den objektiven in dem wahren Verhältniß der Gegenstände, so wohl untereinander, als zu unsrem Subjekte ist. Wenn jemand zufälligerweise sich an den Genuß schädlicher Nahrungsmittel (aus Mangel an Bessern) gewöhnt hat, oder öfter zum Zorn veranlaßt worden ist; so wird er, er mag aus der Diätetik die Schädlichkeit jener, und die üblen Folgen dieses noch so sehr einsehn lernen, dennoch seine Gewohnheit schwerlich verlassen. Die Gewohnheit ist die zweite Natur, und kann oft die Oberhand über die erste Natur behalten.

4) »Von den Ideen welche täglich und augenblicklich in die Seele strömen, müssen nothwendig immer eine gewisse Anzahl bald wieder verdunkelt werden u.s.w.«

Die Ursache dieser Krankheiten ist im ersten Falle Mangel an Selbstmacht zu einer zweckmäßigen Wirksamkeit. Im zweiten aber, Mangel des Reprodukzionsvermögens.

III. Die Ursache des Alpendrückens überhaupt ist nicht schwer anzugeben. Es ist eine Empfindung der (durch eine unbequeme Lage des Körpers u. dergl.) gehemmten Zirkulation des Bluts, die mit der Vorstellung einer eingebildeten Ursache (indem die zur Zeit alleinherrschende Einbildungskraft [6]die wahre Ursache nicht einzusehn im Stande ist,) nach Verschiedenheit der Temperamente und Lebensarten bei verschiedenen Menschen verschieden vorgestellt werden muß. Ich will hier ein merkwürdiges Beispiel aus meiner eignen Erfahrung anführen. Ich wurde frühzeitig genug sowohl mit den kabbalistischen Schwärmereien, als (wegen meines hitzigen Temperaments) mit den unwillkührlichen nächtlichen Polutionen bekannt. Aus jenen bekam ich die Vorstellung von der Lilith, als einer boshaften, auf Verführung der Jugend ausgehenden teuflischen Frauensperson, und seither geschahe es, daß wenn ich durch eine unbequeme Lage (auf dem Rücken) im Schlafe von Alpendrücken überfallen worden bin, ich mir immer vorstellte, als näherte sich mir dieses verfluchte Weib, berührte die Theile meines Körpers nach und nach, bis sie mich zuletzt mit ihren Umarmungen beinahe erdrückte, so daß ich darüber oft in ein lautes Geschrei ausbrach, zuweilen auch strengte ich mich bloß an zum Schreien, ohne doch einen Laut von mir geben zu können, sträubte mich mit allen Kräften mich von dieser beschwerlichen Umarmung loß zu winden, welches mir nach vieler Mühe zu gelingen pflegte.

Hingegen erinnere ich mich, daß ich einst in Beth Hamidrasch (Jüden-Akademie) nach einer Beschäftigung mit den Ideen der Heiligkeit und Vereinigung mit der Gottheit, einschlief und unwill-[7]kührlich in eben diese Lage gerieth, worauf ich im Traume sahe, die Schechina*) 1 als eine sanfte liebreiche Frauensperson sich mir nähern und mich auf eine Art die Liebe und Ehrfurcht einflößt, holdseelig umarmen, so daß, nachdem ich den Unterschied zwischen der Vorerwähnten und dieser Umarmung eingesehn, ich mir dieselbe ohne alles Dawidersträuben gefallen ließ.

Man sieht hieraus, wie die Einbildung die Empfindungen zu modifiziren im Stande ist.

Seite 23. Ein ähnliches Beispiel, wo der Eine Mensch träumt, von dem, was zur selben Zeit mit einem andern vorgeht, weiß ich aus meiner eignen Erfahrung.

Im Jahre .... war ich Hofmeister bei einem Pächter in P. bei dem ich sowohl wegen der damaligen Hungersnoth in P. als besonders wegen des armseeligen Zustandes dieses Mannes und der Ungelehrigkeit meiner Schüler, viel auszustehn hatte. Dazu kam noch einst, daß ich einige Tage nach einander ausserordentliche Zahnschmerzen leiden mußte. In diesem Zustand der Betrübniß und [8]der Schmerzen schlief ich eines Abends auf meinem harten Lager, ein. Es träumte mir, daß ich, ohne zu wissen wie, im himmlischen Jerusalem angelangt sey. Ein alter ehrwürdiger Mann empfing mich am Thor sehr liebreich, führte mich nach dem Tempel des Herrn, um mir alle Merkwürdigkeiten darinn zu zeigen. Ich kam in einen großen Saal, worinn ich einen Bücherschrank fand. Ich griff also meiner Gewohnheit nach, nach einem Buche, um es zu besehn. Sobald ich es aufmachte, fand ich gleich auf dem Titelblatt den Titel eines mir dem Namen nach schon längst bekannten kabbalistischen Buchs, und darunter den Namen Jehova mit großen Lettern. Ich blätterte darinn weiter und fand überall heilige Namen und Stellen aus der Bibel nach kabbalistischer Art erklärt.

Dieses versetzte mich in einen Gemüthszustand, der aus Erstaunen, Ehrfurcht, und Freude zusammengesetzt war. Ich hatte darauf noch mehr Szenen dieser Art, konnte mich aber beim Aufwachen derselben nicht erinnern. Sobald als ich aus diesem Schlafe erwacht war, kamen meine Schüler, (die in einem entfernten Zimmer geschlafen hatten) zu mir, schaueten mich (wider ihre Gewohnheit) mit der grösten Aufmerksamkeit an, und schienen über meinen Anblick in Verwunderung zu gerathen. Ich fragte sie nach der Ursache ihres seltsamen Benehmens, konnte aber anfangs von ihnen nichts herausbringen. Da ich aber weiter in sie [9]drang, so sagten sie mir: ihr Bruder, der Pächter des nächsten Dorfes, der gestern hier (wie er öfters zu thun pflegte) zum Besuche gekommen, und über Nacht geblieben war, wäre heute Morgens in ihre Wohnstube gekommen (er schlief des Nachts in einer Heuscheune, die sowohl von der Wohnstube als von meiner Studirstube, wo ich geschlafen hatte, entfernt war) und habe ihnen allen einen sonderbaren Traum erzählt, den er diese Nacht gehabt hätte, und der hauptsächlich mich anginge. Es kam ihm nämlich vor, als sähen sie mich alle nach dem himmlischen Jerusalem zugehn. Ein alter ehrwürdiger Greiß kam mir am Thor entgegen, führte mich herein, und stieß sie, indem sie mir nachfolgen wollten, zurück. Sie blieben vor dem Thor stehn, um meine Rückkunft abzuwarten, endlich kam ich wieder heraus, meine Gestalt war sehr ehrwürdig, mein Angesicht leuchtete wie das Angesicht Mosis, da er die zwei Tafeln empfing. Sie fürchteten, sich mir zu nähern, und waren in der grösten Verlegenheit, wie sie mit mir in der Zukunft umgehen sollten. Dieses, sagten meine Schüler ferner, war die Ursache, warum wir Sie mit einer solchen Aufmerksamkeit ansahen, und über Ihren Anblick unsre Verwunderung äusserten. Bald darauf kam auch der träumende Bruder, und bekräftigte dieses alles aufs Neue. Seit der Zeit bin ich auch in diesem Hause ganz anders als vorher behandelt [10]worden, wodurch mein Zustand einigermaßen verbessert war. So weit meine Geschichte.

Da ich schon damals zum Spekuliren geneigt war, so suchte ich mir diese Erscheinung auf folgende Art zu erklären.

Alle menschliche Seelen sind gleichsam verschiedene Ausflüsse aus einerlei Quelle, sie mögen daher in ihrem gegenwärtigen Zustande von einander noch so sehr entfernt seyn, so kommunizieren sie doch in ihrem Ursprunge mit einander; diese Kommunikazion ist aber zwischen einigen Seelen mehr, zwischen andern weniger, nach dem Grade ihrer Aehnlichkeit untereinander. Die Wirkung dieser Kommunikazion wird aber hauptsächlich im Schlafe, da die Seelen zu ihrem Ursprunge zurückkehren (in der philosophischen Sprache würde es heissen: Da die innere Seelenwirkung durch die sinnlichen Eindrücke nicht mehr unterbrochen wird) und folglich unmittelbar einander anschauen. Daher konnte dieser Mann im Traume sehn, alles was mit mir zur Zeit vorging. Wenn ich jetzt diese Sache reiflich überlege, so muß ich gestehn, daß, alle schwärmerischen Vorstellungen abgerechnet, in der Sache weit mehr stecken muß, als wovon unsre bisherige Psychologie Rechenschaft geben kann. Wie dieses in diesem Magazine durch häufige Beispiele bestätigt wird.

Fußnoten:

1: *) Schechina ist nach dem kabbalistischen Antropomorfismo, die weibliche Gottheit, die die Seelen der Frommen gebiert, und nach ihrer Trennung von ihren Körpern wieder aufnimmt, welches dieser Meinung zufolge auch bei lebendigem Leibe im Schlafe zu geschehn pflegt.

[11]

II.

Sprache in psychologischer Rücksicht.

Maimon, Salomon

Der Unterschied zwischen Sprache in psychologischer und Logischer Rücksicht besteht, wie ich dafür halte, darinn: In dieser wird die Sprache als Ausdruck der transzendentalen Formen und Begriffe ohne ihre Anwendung auf besondere Gegenstände bestimmt; in jener hingegen wird das erstre schon vorausgesetzt, und blos auf das Letztere Rücksicht genommen. Ich nehme z.B. diese zwei Sätze: Ich denke, und mich dünkt. Im logischen Betracht ist es hinreichend, wenn ich sage: In dem Satze: Ich denke, bedeutet Ich die Substanz, und denke ihre Akzidenz (ihren Zustand, indem ich denke, so viel ist, als ich bin gegenwärtig denkend). In mich dünkt aber ist mich das leidende Objekt, dünkt die Wirkung, die sich auf eine unbekannte Ursache, die aber nicht ausgedrückt wird, bezieht. Ich habe also hier diese Sätze bloß im logischen Betracht untersucht.

Wenn ich aber ferner nach dem Grunde frage: warum ich im ersten Falle die Form von Substanz und Akzidenz; im letzten aber die von Ursache und Wirkung gebrauche, oder wie müssen die Gegenstände beschaffen seyn, wenn ich sie dieser oder jener [12]Form subsumiren soll? und finde, daß das denken die zur Hervorbringung des Gedachten zureichende Wirkung des Denkens bedeutet, so daß das Gedachte selbst als ein durch die Wirkung hervorgebrachter Zustand des Subjekts angesehn wird; das Dünken aber, die zur Hervorbringung des Gedachten unzureichende Wirkung des Denkens bedeutet, und in so fern ein Leiden in sich einschließt, daher ich mich im ersten Falle der Ersten, und im Lezten der leztern Form bediene, so habe ich diese Sätze in psychologischer Rücksicht betrachtet. Eben so ist es, wenn ich in: ich denke das Ich als Ursache und das Denken als Wirkung betrachte, so wird freilich die Form von Ursache und Wirkung in beiden Sätzen gebraucht, daß aber in dem einen Satze das Wirken, im andern aber das Leiden ausgedrückt wird, muß dennoch aus dem Vorerwähnten Grunde psychologisch erklärt werden u. dergl.

In Ansehung der unpersönlichen Zeitwörter sagt mein Freund der Verfasser dieses Aufsatzes (Seite 94) »Ihren Namen haben sie natürlicherweise daher erhalten, weil man sich unter denselben eine bloße Veränderung ohne eine handelnde Person (nach dieser Bestimmung müßten auch die mehrsten Verba, die sich zwar auf eine wirkende Ursache, aber nicht auf eine handelnde Person beziehen, (wie z.B. das Feuer schmilzt das Wachs u. dergl.) Impersonale heißen. Es müßte also [13]hier hinzugefügt werden: oder eine bestimmte Ursache, die personifizirt, d.h. als handelnde Person gedacht werden kann) denkt, wodurch diese Veränderung hervorgebracht wird: ja man scheint nicht einmahl dabei auf eine nächste Ursache Rücksicht zu nehmen.« »Denn wenn ich z.B. sage: es donnert, so stelle ich mir unter dem es eigentlich nichts weiter als den Donner selbst vor.« Ich glaube, daß die Impersonale sich zwar nicht auf eine bestimmte, aber doch auf eine Ursache überhaupt beziehn, und es donnert heist so viel als eine mir unbekannte Ursache donnert, oder bringt den Donner hervor, wie sich der Verfasser selbst in der Folge darüber erklärt.

Ferner wirft der Verfasser die Frage auf (95.) woher mag es aber kommen u.s.w.?

Hier wird abermahl handelnde Person statt wirkende Ursache gesetzt. Freilich wissen wir von sehr wenigen Veränderungen die handelnde Person, wir wissen aber von sehr vielen die wirkende Ursache als handelnde Person betrachtet; und dies ist der Grund, warum wir in der Sprache verhältnismäßig so wenige Impersonale haben, weil diese nicht nur keine handelnde Person, sondern auch keine bestimmte Ursache, die als handelnde Person betrachtet wird, voraussetzen.

(97.) »Wie fein z.B. ist die Grenzlinie zwischen den Ausdrücken, es scheint mir, es däucht [14] mir, es kömmt mir vor u.s.w., und dem Ausdruck: ich glaube, wo der Wille unsrer vorher schwankenden Meinung gleichsam noch den Ausschlag giebt.«

Diese Erklärung setzt den Werth unsres Glaubens zu sehr herunter als daß man sie gelten lassen kann, wo man nicht unter Willen das Vermögen sich nach einem Prinzip der Vernunft zum Handeln zu bestimmen versteht; der Glaube wird alsdann die Voraussetzung solcher Objekte bedeuten, deren Erkenntniß bloß regulativ ist, und bloß, zum Behuf dieses Willens als konstitutiv angesehen wird. Diese Betrachtung ist aber zu fein als daß der gemeine Sprachgebrauch darauf Rücksicht nehmen könnte.

Was mich anbetrift, so halte ich dafür, daß, es scheint mir, es däucht mir u. dergl. von der Ungewißheit unsrer Erkenntniß in Ansehung der Gegenstände selbst entstehen, ich glaube aber diese Ungewißheit in Ansehung ihrer Verhältnisse zu einander bedeutet; es ist hier die Frage nicht, ob die Menschen im Sprechen diesen Unterschied beständig beobachten, sondern meine Behauptung geht bloß dahin, daß sie ihn, den ursprünglichen Gefühlen zufolge beobachten sollten. Wenn jemand z.B. etwas Gelbes Goldähnliches sieht, sollte er nicht sagen: ich glaube daß es Gold sey, sondern es scheint mir Gold zu seyn, weil hier die Ungewiß-[15]heit in Ansehung des Gegenstandes selbst ist. Er kann aber nicht sagen: es scheint mir, daß ein unendlich vollkommenes Wesen die Welt regiere, sondern ich glaube u.s.w. Weil, weder der Begriff eines unendlich vollkommenen Wesens an sich, noch der Weltregierung an sich eine Ungewißheit zuläßt, sondern bloß ihr Verhältniß zu einander.

»So sagen wir auch nicht ohne Grund: es schläfert mich, aber nicht es schläft mich, sondern ich schlafe.«

Ganz richtig! Schläfern bedeutet die Wirkung einer äussern (von unsrer Willkühr unabhängigen) Ursache, die, wenn man sich ihr nicht widersetzt, das Schlafen hervorbringen wird; man kann sich aber bloß in Ansehung ihres Erfolgs (des Schlafens) durch eine Entgegenwirkung, nicht in Ansehung ihrer selbst widersetzen.

Das Schlafen also, nicht aber das Schläfern hängt von unserm Willen ab.

Genauer zu reden, so ist das Schläfern die Wirkung (operatio) einer äußern Ursache, wovon das Gewirkte (opus) nicht das Schlafen, sondern das Einschlafen ist. Das Schlafen ist bloß ein auf diese Wirkung erfolgter Zustand, man sagt daher mit Grund es schläfert mich, d.h., etwas wirkt auf mich das Einschlafen und ich schlafe, welches so viel ist als ich bin schlafend, d.h., die hervorgebrachte Modifikazion des Schla-[16]fens wird nicht mehr als Wirkung von etwas außer mir, sondern als Attribut von mir (indem es mein Zustand ist) betrachtet.

(98.) Meiner Meinung nach ist in mich hungert das Es per elip. ausgelassen, und mich hungert bezieht sich sowohl als es hungert mich, auf eine unbekannte Ursache. Daß man aber sagen kann, mich hungert, aber nicht mich freuet, sondern es freuet mich; rührt daher, weil sich das Es im letzten Falle, nicht auf das unbekannte Objekt, sondern auf den von mir vorgestellten Satz als Ursache der Freude bezieht; z.B. es freuet mich, daß mein Freund angekommen ist. Hier wird auf die entfernte Ursache meiner Freude (die Ursache des Ankommens meines Freundes) gar keine Rücksicht genommen, sondern bloß die nächste Ursache (das Ankommen meines Freundes) in Erwägung gezogen.

(Die Fortsetzung folgt.)

[17]

III.

Der freye Einsiedler mitten in der Welt, nach der Seelenerfahrungskunde.

Obereit, Jakob Hermann

Die allgemeine deutsche Bibliothek hat im 2ten Stück des 50sten Bandes über eine sonderbare Schrift, die Einsamkeit der Weltüberwinder, betrachtenswürdige Gedanken geäußert. Sie machen einen Text aus, worüber einem welterfahrnen Einsamen weitre Gedanken aufgestiegen sind, die vielleicht zur Berichtigung des Autors sowohl als des Recensenten dienen können. Wohlan! »man muß allerdings zugeben, sagt dort der Recensent, daß die Einsamkeit, eine Entfernung von allen Zerstreuungen sehr geschickt sey, die Seele zur Sammlung ihrer selbst zu veranlassen, die schon besessenen Kenntnisse von Gott und Tugend neu zu beleben, zu erhöhen und zu erweitern, und eine Festigkeit im Guten zu verschaffen: denn die guten Entschließungen, die ein in der Welt unter Geschäften lebender, nicht ganz standhafter Mann, heute faßt, sind morgen durch eben jene wie verwischt.« — Ja, wenn es nur auf gute Entschließungen ankäme, guter Vorsätze ist jeder Gutmeinende voll, so wäre die Welt längst voll Helden. Ein standhafter Mann von Natur oder Gewohnheit kan freilich mit guten Entschließungen weit kom-[18]men, aber warum? weil er den Zweck der Entschließungen beständig vor Augen hat, mehr Beobachter seiner selbst und der Dinge um ihn zu seinem Zweck ist. Was ist dies anders als mehr Wachsamkeit über sein Herz? Diese kann auch der schwächste Redliche sich nach und nach angewöhnen, und die Wachsamkeit wird ihm mehr helfen als die stärksten Entschließungen. Ohne Wachsamkeit nützen alle die besten Vorsätze und Entschließungen nichts. Man braucht keine Vorsätze zu machen, nur wirkliche Anstalten, das zu erhalten, was man nöthig findet. Die Welt ist ein Feld der Zerstreuung, die Einsamkeit ein Feld der Sammlung, doch kan die Einsamkeit ein tartarisches Gefilde der Quaal seyn für die, die sich nicht darin zu finden wissen. Allein laßt sie nun ein Feld der Sammlung seyn, was hilfts, wenn ich in die Welt, in die Zerstreuung hinaus muß? Jedermann hat zwar seine einsamen Orte und Stündgen, ehe er in die Welt, in Gesellschaft der Arbeit oder Vergnügung geht. Was helfen aber die stillen Orte und Stündgen, wenn man sie nicht gehörig zu benutzen weiß? Es kömmt also bloß darauf an, ob, wenn man nun einen Sammlungsplatz der Kräfte von außen hat, man auch einen Sammelplatz oder Sammlungspunkt der Seele von innen habe? Denn wenn man sich gleich sammeln wolte, und man wüste nicht recht worzu, man wüste nicht den festen Punkt, wohin alles zu richten wäre, so würde man in der [19]schönsten Einsamkeit selber nur schwärmen, wiewohl dieses, um seinen aufgebrachten Bewegungen einsam freyen Lauf zu lassen, und sich derselben und ihrer Unruhe nur zu entladen, zuweilen nöthig und dienlich seyn mag, damit man sich endlich ruhig in einen festen Punkt setzen möge. Allein nun, welch ein Sammlungspunkt soll dann in der Seele seyn, wohin alle Kräfte zu richten sind, alle Richtung zusammen gezogen werden muß, um gute Stärkung von Grund aus zu sammeln, die in der Arbeit und Zerstreuung aushalten möge, um ein rechtschaffen erwünschtes Ziel zu erhalten, und wenigstens davon nicht zu weit abzukommen unter tausend Reizen und Anstößen? Erstlich muß nun ein jeder selbst, weil die Natur- und Gewohnheitsanlagen unendlich verschieden sind, in seiner eignen Seele beobachten, was eigentlich am meisten, am besten, am stärksten ihn zum höchsten Gut reizen, und seine Kräfte insgesamt am meisten darzu ziehen, sammeln, und halten könne; und diesem eigentlichen Mittel, das ihm besonders nun am besten zu dem Zwecke dienen kann, muß er aus allen Kräften nachgehen, so lange ihm solches so zweckmäßig kräftig dienet, und wenn dies Mittel auch an sich eine Kleinigkeit wäre, als z.B. ein Bild oder ein Musikspiel, wobei er seine Gedanken und Neigungen am rührendsten zum Guten sammeln, seinen Geist am ehesten zum Himmel und zum Höchsten über alles erheben, oder sein Herz in tiefste Demuth vor Gott versenken könnte. [20]So auch ein Buch, welches er für sich besonders darzu schicklich finden mag, und dergleichen mehr. Ferner gehört auch hieher alle Stellung und die ganze Lage im Aeussern, die er darzu für sich am füglichsten nun und dann erfahren mag. Alle solche Hülfsmittel, die jeder für sich selbst finden mag, sollen blos dienen, den Weg zum Zwecke zu erleichtern und zu fördern, so weit und so lang sie fürjeden dieses zu leisten vermögen; an diese Mittel aber muß man sich nicht wie an den Zweck selber binden, sondern man mag sie nach verschiedner Disposition und Gutfinden zur Förderung abändern; denn manche Mittel können auch an der Seele nach und nach abgenutzt werden. Allein wenn nun über alle die Mittel von außen nicht noch etwas in der Seele ist, das sich nicht abnutzt und nicht abnutzen kann, so ist bald unsre ganze Haltungskunst gegen alle Zerstreuungen am Ende. Und wenn das nicht alte erfahrne Beobachter ausfindig gemacht hätten, was sich unter allem Getümmel der Welt halten kann, so würde mans wohl im Taumel der Welt wenig inne. Dennoch weiß die Welt aus Erfahrung, daß es Gemüthsbewegungen und Seelenzustände giebt, die allen Zerstreuungen widerstehen, und zwar nicht nur traurige Gemüthslagen, sondern auch angenehme. Ein einziger Liebesgegenstand z.B. nimmt die ganze Seele ein, so daß aller Umgang, alle Zerstreuung, alle Arbeit dagegen nichts vermag, vielmehr wird alles in Beziehung [21]auf den einigen Gegenstand verwandt, und verwandelt und bekömmt eine andere Gestalt. Ein gelehrter Eigensinn, ein Baumeister von Hypothesenthürmen, so geistig er immer seyn mag, will eben so völlig den Platz allein behaupten, und alles in einem Kopf nach sich richten. Warum soll dann nicht vielmehr die ewige Wahrheit der ewigen Güte von unendlichem Gewicht und unumschränkter Ausbreitung über alles der Gegenstand unsrer einzigen Liebe seyn, wenn sie gleich keine Puppe noch Krone dieser Welt ist? Wir müssen nur einen Standpunkt in uns ausfinden können, woraus wir sie beständig im Gesichte zu halten, einen Sammelpunkt alles darzu zu richten, vermögen, oder eine Schnellkraft, um alles damit zu beleben! Die Wirklichkeit ist der gröste Beweis der Möglichkeit. Daß so etwas in uns zu finden seyn müsse, zeigen uns aus alten Zeiten sogar Könige in aller ihrer Herrlichkeit, Hofmänner unter allen den größten Reizen der Welt, Kriegsleute und andre Personen von göttlicher Tugend unter allem Getümmel und Gewimmel der Erde; Ihrer viele tausende von allen Ständen und Lebensarten in verschiednen Zeiten der gedrückten Religion versiegelten ihren festen himmlischen Sinn als standhafte Märtyrer sogar mit ihrem Blute, und bei ruhigen Zeiten lebten sie patriarchalisch in der Welt. Sie waren zwar in der Welt, aber nicht von der Welt, nicht von der Art der Welt, wie sie insge-[22]mein ist. Wie Einsiedler also, erschienen sie mitten in der Welt, wie die ganze Tugend und reale Wahrheit auf Erden gemeiniglich was Sonderbares ist. Toleranz ist daher fast alles, was sie in der Welt erhalten kann. Zwar wurde von Zeit zu Zeit durch große Exempel sehr allgemeine Ermunterung und viele Nacheiferung erweckt; allein wie sehr herrscht noch allgemeine Unerkenntniß, Unverständigkeit, Unbehülflichkeit in Absicht des Besten der Menschheit? Deswegen ist eben von Zeit zu Zeit Wiedererinnerung und Anführung des Besten in neuer Klarheit nöthig; und gewiß! wenn die Menschen achtsam auf ihren Adel wären, wie würden sie nicht über ihren eignen Unverstand und den unbeschreiblichen Verlust ihrer ewigen Würde erstaunen! Denn was ist größer als daß der Mensch, so sehr er auch zur irrdischen Gesellschaft bestimmt seyn mag, doch zuförderst zur allerhöchsten Gemeinschaft des Monarchen der Welt bestimmt ist, um mit ihm natürlich verwandte Kräfte des Geistes und damit ewige Güter, die Gegenstände dieser Kräfte gemein zu haben, und in seiner Gesellschaft, in gemeinschaftlicher Verbindung der Kräfte und Gesinnungen alles zu regieren? Ist Gott ein Geist, und wir sind auch Geister, von Ihm, vom Vater aller Geister, sind denn nicht natürlich ähnliche Geisteskräfte mit Ihm am nächsten verwandt, in Gemeinschaft der Natur, folglich auch in Gemeinschaft der allumfassenden, allerfüllenden Kraft und [23]Liebe? Ist unsere Seele nicht eine allgemeine Lebenskraft und Regierungskraft für den Leib? Kömmt noch gleiche Gesinnung von uns mit Ihm durchaus darzu, welch eine edelmüthige allgemeine Liebesausbreitung kann dann nicht unser Geist mit seinem allgegenwärtigen Geiste haben? Denn sein allgegenwärtiger Geist ist selbst nur darum allgegenwärtig, weil er höchst allgemein kräftig, unendlich allgemeine Liebeskraft in unendlich alldurchschauendem Grundlicht ist. Ist seine Kraft-Gegenwart in allen Dingen außer Zweifel, so ists noch vielmehr seine wahrheitsvolle Geistesgegenwart in allen Geistern als ihre Lebensquelle, ihr Muster, ihr höchstes Gut oder Ziel, ihr ewiges Licht und Recht in allen ewigen Wahrheiten des Verstandes und Gewissens, in allen Wahrheitsgefühlen von ewiger Billigkeit, von lautrer Verbindlichkeit gegen Ihn und sein Allreich. Wie groß ist des Menschen Herz, daß Gott darinn wohnen, seinen Thron darin haben will? Dahin, dahin also ist das gröste Augenmerk zu richten. Denn wo sonst als im Herzen, im Wesen der Willenskraft, sind die unentbehrlichen, die unersättlichen, die ewigen Triebe zum höchsten Gute? Die unauslöschlichen Triebe zur Vollkommenheit und zur Vereinigung mit dem Vollkommensten, wo das nur zu finden seyn mag. Der Verstand, das Gedächtniß, kann sich oft satt und müde denken, die Einbildungskraft sich müde schwärmen, die Sinnlichkeit sich abnutzen, aber [24]das Herz, die Willenskraft hat immer was zu lieben, zu verlangen, ist in unaufhörlichem Triebe, in unersättlichem Zuge zum Guten, Bessern, Besten. Da ist also die beständigste Wirksamkeit in uns, die unaufhörlich fortgehen kann und muß, die gröste und innerste stete Triebfeder, auf deren beste Richtung alles ankommt. Wo sonst als im Herzen sind die innersten Sinnen des edeln allgemeinen Harmoniesinnes für alles Schöne, Edle, Rechte, Gute, lebendig Wahre? Die ewigen Wahrheitssinne des Geistes, die sich alle vereinigen in eine einfältige Empfindung der Vollkommenheit, in ein allharmonisches Gefühl des lautern höchsten Guts; des erhabensten Wahren und Rechten, der vollkommensten Reizungskraft, die über alles erheben und entzücken kann? Wo ist natürlicher der Thron Gottes, des Quellgeistes von allem Guten, der Triebkraft zu aller Vollkommenheit, der Stimme Gottes im Menschen, des jedem Gewissen unwidersprechlich richterlichen Lebenslichtes, des lebendigen Worts, das die Sinnen und Gedanken des Herzens entscheidet, und alle Menschen in ihrem Gewissen treffend erleuchtet? Brauchen wir also Gott und sein sittliches Wort, sein Ebenbild, seinen Geist und Sinn des Lebens, erst in und über allen Sternen, erst in allen Abgründen der Natur außer uns zu suchen, da wir Ihn so nahe in uns, zunächst im Grunde des Herzens, im Mittelpunkt unsers Wesens haben? Und wenn wir gleich in der ganzen [25]übrigen Natur Ihn als die unumschränkteste Macht, Güte und Weisheit erkennen und verehren, wo finden wir ihn aber als Gesetzstiftungs- und Regierungskraft, als Lebenslicht der Geister, als lebendige Vollkommenheitsquelle und Triebkraft derselben, wo so lebendig geistig und ewig reizend als im Grunde unsers Herzens? Sein ewiges Rechts- und Liebesgesetz mit dem Gefühl der Nothwendigkeit aller ewigen Wahrheiten, woher ist es so unauslöschlich, so unwidersprechlich ins Innerste unsers Wesens geprägt als von Ihm selbst? Haben die alten Weisen unter den Heiden, schon von den ältesten Zeiten her, Gott in uns erkannt, seine ewige absolute Wahrheits- und Gewissensstimme im Herzen, warum wir nicht? Die ewigen nothwendigen Wahrheitsgefühle und Begriffe von allem unpartheiischen Rechten, Guten und Edeln sind ja die ewigen Prüfungssteine, die jeden redlichen Verstand und Muth des rechten Weges zu rechtem Zwecke versichern, und sie führen also nicht in irrige Einbildung oder Schwärmerey. Ewige Wahrheitsgefühle, die einen augenscheinlich göttlichen Zweck zu ganzer lautrer Rechtschaffenheit haben, die Bestimmung unsers ganzen Wesens darzu, können unmöglich anders als rein und lauter von Gott kommen, von der selbstständigen ewigen Lebenswahrheit, Lichtskraft und reinsten klaren Güte. Und wo bezeuget, wo zeiget sich diese so lebendig, so unwidersprechlich lauter zum puren ewigen Besten als [26]im Innersten unsers Wesens, unsers ganzen Triebes zum unendlichen Gut zu lautrer, immer wachsender ewiger Vollkommenheit? Ein allgemeines Vollkommenheitsgefühl ist der Grundreiz dieses Triebes. Alle unsre Vorstellungs- und Handlungskräfte sind nur diesem Triebe dienstbar, alle Begierden, Leidenschaften, Neigungen verlangen, sämmtlich immer, wiewohl nur blinder Weise, höchstmögliches Gutes; und das ist nur in lautrer ewiger Vollkommenheit unfehlbar ganz und beständig zu finden mit ganzer Wesensharmonie. Der Trieb zu lautrer ewiger Vollkommenheit zieht also alles in unserm ganzen Wesen nach sich, und was ist dieser Wesenstrieb als Trieb zum selbstständigen ewigen Wesensgesetz und höchsten Gute, das außer Gott nirgends zu finden, in Gott aber höchst allgemein und ewig unfehlbar ist, so unumschränkt richtig als immer gleich gegenwärtig für unser innerstes Wesen; wo das innerste Wahrheitsgefühl von seiner höchsten Geistesrealität uns überzeugt? Ist unsre ganze Vollkommenheit, wenn sie wahrhaftig ist, was anders als Befolgung der seinigen, Belebung von der seinigen nach seinem ewigen Wahrheitslicht? Wer ist also unsre ewig regelmäßige moralische Lebensquelle als Er selbst im Grund unsers Herzens, im ewigen höchsten Wahrheitsgefühl und Triebe zu lautrer ewiger Vollkommenheit, die selbstständig der lebendige wahre Gott in uns ist? Woher käme uns sonst auch nur ein Traum, eine Idee von Voll-[27]kommenheit, von höchstem lauterm Reiz und Gut und Licht und Recht? Denn die ganze übrige Natur kann uns keine Idee davon selbst geben, sondern nur veranlassen, nur erwecken, wenn schon eine von höchstem Eindruck in uns liegt und schläft. Die Thiere haben gleiche äußere Sinnen und gleiche Welt, wie wir um uns, hätten sie nur auch in sich einen göttlich moralischen Sinn, sie wären ihm vielleicht treuer als wir. Die ewigen Gesetze unsrer Natur, die ewigen Bestimmungen unsers Wesens zur unsterblich herrlichen Vollkommenheit oder Theilnehmung an der göttlichen Kraft, Weisheit und Güte, die unsterblichen Triebe darzu mit allen ewigen Wahrheitseindrücken, die unserm Wesen innigst darzu eingeprägt sind zu unsrer höchsten Veredlung, die bleiben in unsern innersten Kräften immer gleich richtig, immer gut, gerade und feste und ewig wie Gott; sie sind und bleiben also unzweifelhaft göttlich, die wesentlichen Fähigkeiten dieses innersten göttlichen Inhalts, sind also auch unleugbar natürlich zu Gott gerichtet, und für Ihn bestimmt, zu seiner Theilnehmung und Genießung; sie sind also die Wohnung Gottes in uns. Denn nichts, als was ewig gleich bleibt und zur höchsten Vollkommenheit natürlich zielet, kann Ihm zunächst anständig zur Wohnung, zum Tempel, zum innersten Heiligthum seyn und dienen. Das ist ewig grundfeste Wesenswahrheit. In Morgenlands Bildersprache ist daher die Wohnung Gottes ein ewiger Berg, ein ho-[28]her Fels; und bey den Geheimschreibern alter Erfahrungsweisheit ist sie die edelste göttliche Wesenskraft in uns, das oberste Theil der Seele, ihr Gipfel, die Spitze des Gemüths. In alter mathematischer Vorstellungssprache aber ist kein festerer Standpunkt in einer Sphäre, kein tieferer Grund, kein allgemeinerer Bestimmungspunkt, nach dem sich alles darinn richtet, als der Mittelpunkt; daher kann unser edelstes Inneres auch der Mittelpunkt der Seele heißen. Die tiefste Lebenswahrheit ist in der grösten Einfalt der Natur verborgen. Die Natur selbst hat die Brust des Menschen zur Wohnung der grösten Kraft gemacht, zur Quelle der grösten Bewegungen, zum Hauptsitz des Lebens, der Empfindlichkeit und Springkraft aller Lebensregungen, zum Mittelpunkt des Zusammenflusses, des Austheilens und Umlaufs vom Anfang zum Ende, vom Ende zum Anfang aller strömenden Lebenskräfte. So ist das Herz das lebendigste Bild des Ursprungs, von dem alles entspringt, zu dem alles wiederkehret, wie die Sonne in der Mitte unsers Weltgebäudes, die alle Kräfte des Himmels an sich ziehet und wieder von sich strahlet, um alle Sphären ihres lichten Feuerreiches um sich her beherrschend zu beleben und in ewigem Umlauf zu erhalten. Die Sammlungskraft aller Kräfte und die Ausbreitungskraft von allen finden sich in einer Grundrealität beisammen, denn alles sammelt sich auf einen Mittelpunkt, und alles strahlt und breitet [29]sich davon aus, und im Gemüthe ist das Herz der Seele, wenn ich so sagen darf, eine Kraft, welche die beyden Grundkräfte, die Sammlungs- und die Ausbreitungskraft, in sich vereinigt; denn was sammelt und vereinigt also mehr alles in sich als die Liebe? und was breitet sich mehr in alles aus, was theilt sich mehr allen mit, was fließet mehr in alles über als die Liebe? um alles in sich wieder zurück zu bringen, zu vereinigen ergiest sie sich in alles, und sammlet nur eben ihre Kraft in Eins, um sich wieder in alles auszubreiten, und so erwecken diese beiden Grundkräfte in ihr sich immer einander, und haben je eine die andere zum Ziel und Grund der Erweckung, der Bewegung, sie rühren eine die andre zur Quellharmonie aller Lebenskräfte und machen ihren Grund zusammen aus, und aus beyder einmüthig harmonischen Grundempfindung zugleich entsteht die froheste wechselsweise Mittheilung, die überströmende Fülle des Einklangs, die Freude der vollkommnen Einheit und Ausbreitung zugleich, die diese beiden Kräfte aufs rührendste fortpflanzet, immer weiter froh fruchtbar ergießet, immer weiter in reizendem Anziehen sammelnd vereinigt. Was ist nun die Sammlungskraft der Liebe anders als die Verlangens- oder Begehrungskraft nach ihrem ersten Ziele, der Einheit, um alle Kräfte an sich und in sich zusammen zu ziehen, alle ihre Stärke in Eins zu sammeln? Die Kraft des ersten Absehens, alles unter Einen Gesichtspunkt zu bringen, [30]die erste Grundabsicht, in dem Sammlungspunkt alles zu begreifen, und diesen mit aller vereinten Stärke höchst gewichtig in sich zu machen, daß er alles nach sich ziehe, daß sich alles darnach richte, darein füge und senke als in seinen tiefsten Grund und Ruhepunkt. Diese Sammlungskraft, die durch die Vereinigung aller Kräfte in sich erfüllt ist, findet sich nun zufrieden in ihrem Ruhepunkt, und aus Zufriedenheit breitet dieser alle gesammelten Kräfte aus, strahlet sie aus, ergiest seine ruhige Sammlungsfülle und Vergnügungskraft in alle, eröffnet und offenbart damit seine Liebe, und wird hiemit das Liebeslicht, der ausstrahlende Glanz seines Mittelpunkts; und mit der Wärme der ausbreitenden Liebeskraft löset dieses Licht alles lieblich in sich auf, reizet und ziehet alles in den Kreis und Mittelpunkt der Liebe. Und dieser zieht alle mit Reizung erfüllte und ausgestrahlte Kraft der ersten in Licht verklärten Liebe in sich, sie mit neuer vereinigender Freude auszuhauchen, und so alles damit in Umlauf von und zum Mittelpunkt der lautern klaren Liebe immer zu bringen, welches wohl die ein- und ausathmende Kreiskraft des Liebes-Lebens heißen könnte, die alles in einen Umkreis, Wirbel oder Revolutionsgang vom Anfang zum Ende, von dem wieder zum Anfang umtreibt, damit die allgemeine Wesensliebe in allem Aus- und Einfluß verherrlicht werde. Denn die höchste allgemeine Wesensliebe ist die lautre Vollkommenheit, und unser [31]Wesenstrieb darzu ist der Grundtrieb zur höchsten lautern Liebeseinheit und Seligkeit. Da heutiges Tages die allgemeine Menschenliebe über alles gepriesen ist, so sollte man denken, die allgemeine Wesensliebe sollte es noch wohl mehr werden, und das mit höchstem Rechte. Freylich! Aber man sehe dieser allgemeinen Wesensliebe nur erst recht unter die Augen. Ist sie etwan auch die allgemeine Liebe aller vergänglichen Dinge ohne Unterschied? aller irrdischen Herrlichkeiten, Wollüste und Eigenthüme zugleich? O! dann fiele die ganze eitle Welt wie ein Vogelheer auf einmal solcher allgemeinen Wesensliebe zu, das ergäbe sich von sich selbst und brauchte keiner Weisheit, keiner Homilie, keiner Erinnerung, nicht einmal einfältigen Vernunft darzu. Das wäre aller Narren Paradies, der Taumelkreis der Gegenfüßler, des ewigen Lichts aller Wesen. Aber Zufall ist nicht Wesen, die zufälligen Dinge sind nicht wesentlich; ewige Flucht vor allem Wesen und Wesentlichen, mit unersättlich taumelnder Wechselliebe alles Zufälligen ist nicht Wesensliebe. Welch eine Rechnung ohne den Wirth, wenn sich alle umlaufende thörichte Welt die allgemeine Wesensliebe zueignen wollte! Nur in der allgemeinen Erbarmung der Wesensliebhaber kann sie eingeschlossen seyn. Wie einsam, wie einsiedlerisch werden also nicht wiederum die Wesensliebhaber mitten in der blinden Welt der Zerstreuung unter allen Zufälligkeiten seyn! Nichts als Wesen in al-[32]lem hat der Wesensliebhaber zum Augenmerk; alles Zufällige muß dem Wesen dienen, nicht aber das Wesen dem Zufälligen und Vergänglichen, das ist die ewige Wesensordnung; und die bringt immer beständige Wesensharmonie und damit grundfeste Seligkeit mit sich, in Zeit und Ewigkeit gleich richtig, in Welt und Einsamkeit gleich gut, wesentlich fest. In allen Zerstreuungen unter zufälligen Dingen kann der Wesensbeobachter Gott in seinen Werken sehen, und besonders Gott als die Allkraft der Liebe in allen kennen lernen, immer mehr als die höchste liebvolle Anziehungs- Ausbreitungs- und Wallungskraft zur Gleichung und Fügung der Harmonien von und zu aller Güte, Wahrheit und Schönheit in allen Lebendigen, die Ihn abbilden, als Liebe, Licht und Lebensfreude, in Feuer, Licht und Luft als allbewegende, erleuchtende und belebende Liebe, in der ganzen Natur findet er überall Anziehungs- oder Sammlungs- und Ausbreitungskraft, und die von beiden zusammen entspringende Respirations- und Revolutionskraft zum Umlauf aller Dinge der ganzen Welt, den Zug aller Gewichtskräfte in tiefen Grund, das Gegengewicht aller Ausdehnungskräfte, von beiden Stoß aller Schnell-Kräfte, davon Umtrieb in allen Kreisen und Wirbeln, und so alles von einer dreieinigen Triebkraft belebt, durchdrungen, erfüllt, überströmt. Findet er eine lautre dreikräftige Liebeskraft in sich, die ihn im Grunde des Herzens zu allem wahren ewigen [33]Rechten, Guten und Schönen um des wesentlichen Guten, Wahren und Edeln selbst willen leitet und antreibt, so findet er, dieser Lauterkeit nach, wahrhaftig Gott in sich, den Geist des Herrn in seinem Herzen, der allein die reine Liebe selbst ist, die unschätzbare lautre ewige Sonne der Gerechtigkeit, Wahrheit und Güte, deren Gegenwart durch treue Beobachtung ihrer Lauterkeit unendlich Heil bringt. Die Richtung des Herzens darzu bewahren, und so vor Gott wandeln, ist über alles wichtig. In dieser lautern Ruhe von ewig tiefer Grundfeste eröffnet sich die Liebe der ewigen Wahrheit um der unendlichen Wahrheit selbst willen, des ewigen vollkommnen Guten und Schönen um des lautern Guten und Schönen selbst willen, das ist die einige vollkommne Liebe, die Vollkommenheit der Liebe selbst, und die erste und ewige wesentliche Regel der Vollkommenheit ist nichts anders als diese reine Liebe selbst, Gott kann keine andre Liebe in sich haben, Gott kann keine andre selbst seyn noch mittheilen von Ewigkeit zu Ewigkeit, und keine Creatur kann sie von sich selber haben noch in sich durch sich selber machen, sondern den lautern Wesenstrieb darzu mit ewigem Wahrheitsgrund nur in sich finden, dem sie nur beizustimmen und zu folgen hat; wo dann also solche reine Liebe ist, da ist unzweifelhaft Gott selbst, sein ewiges Licht, sein ewiger Geist, dem die Seele nur zu folgen hat, Ihm unumschränkt ergeben zu seyn, [34]damit Er von Grund aus, so zu sagen, die Seele der Seele, die reine Lebensquelle derselben mehr und mehr werde. Und so kann nun der wahre Wesensliebhaber nach einigem Wahrheitsgrunde unzweifelhaft richtig Gott selbst in sich finden, richtig befolgen und mit treuer Beobachtung edler Herzensrichtung von Grund aus zu Ihm, Seiner lautern Gegenwart in sich ordentlich wahrnehmen; denn das ewige Wort der Wahrheit selbst versichert, daß reine Herzen Gott schauen, Gott verstehen, seine Stimme kennen, Ihm vertraut werden, in Ihm allein alle lautre Vollkommenheit und Seligkeit gewiß finden; und darin besteht das Herzensgeheimniß der Vertrauten Gottes von Anfang der Welt. Gott in seinen Werken außer uns zu finden ist noch am gemeinsten, und entzückt schon alle redlich zweckmäßige Naturbeobachter. Wie seelig ists dann, Gott selbst in uns zu finden! Der allgemeine Wesensfreund kann aber noch mehrerley Arten als die schon eröffneten Gott zu betrachten oder zu bemerken, auch mitten in der Welt, finden. Davon wollen wir hier nur noch eine oder die andere hauptsächliche Art kurz eröffnen. Wenn der Wesensliebhaber die Welt als ein kleines Schauspiel von Bildern einer einigen Allkraft ansieht, und diese Bilder, so lebendig sie seyn mögen, werden meist ohne ihr Wissen oder Bemerken von der ihnen verborgnen Allkraft durchdrungen, vielfältig mit unerkannten moralischen Wirkungen ihrer dreifachen Grundkraft, [35]die man aus dem besten und höchsten Zweck abnimmt, überströmt, umgeben, unabsehlich belebt, so daß alles voll der Allkraft ist, (und diese Bilder selbst sind nur wie Kleinigkeiten verschiedner Vorstellungsausdrücke von ihr anzusehen, die in und von der einigen Allkraft bestehen, und ohne sie gar Nichts von sich selber sind noch seyn könnten,) so sieht der Wesensliebhaber alle Dinge mit sich in dem einigen Grundwesen aller Wesen, in der Kraft aller Kräfte, in dem unermeßlich fruchtbaren Grund und Inbegriff aller Maaße, Gewichte, Bildungskräfte, Stoffe und Formen, als unzähliger Vorstellungsspiegel der Allanziehungs- Ausbreitungs- und Gleichungskraft des einigen All über alles in allem. Alles ein einiges Schauspiel der dreyeinigen Allkraft! könnt ihr was Größeres sehen? Alles Endliche im Unendlichen! Wie durchscheinend bis auf die Grundkräfte! Ja auf einem einsamen Standpunkte, von allem, was nicht das unendliche Wesen selbst ist, abgezogen, den Unendlichen selbst, den einigen Wesensgrund von sich selbst in Allgenügsamkeit der absoluten Allkraft, wo nichts Endliches ist, alles absolut unendlich, absolut vollkommen, alles Gott selbst im absoluten Urwesen über alles, nur unendliche Gottheit im ewigen All von sich selbst, wovor alles andre verschwindet, die unvergleichliche unendliche Ewigkeit des einigen Wesens von, durch, und für und in sich selbst allein, im Nichts alles übrigen! Die unbegreifliche Unendlichkeit in sich [36]selbst! lauter Unendlichkeit der Unendlichkeiten! wo sich alle Begriffe und Geschöpfe verlieren. Und so hätten wir wohl schon wenigstens viererlei Arten von Gottesbeschauungen und Hauptseeligkeiten des Himmels auf Erden dem Wesensliebhaber in Gründen der ewigen Wahrheit natürlich einheimisch eröffnet, womit man ins Unendliche fortgehen kann, wenn einmal ein rechter Grundanfang da ist. Ein biblischer Geist Orients und Theosophe der Originalquelle aller Natur könnte noch mehr Hauptscenen des göttlichen Schauplatzes über die ganze Welt eröffnen, die wir aber einem evangelisch verständigen Grundbeobachter der ganzen göttlichen Haushaltung überlassen. Je mehrerlei gute Vorstellungsarten von Gott und seinem Reich man übrigens findet und sich geläufig macht, desto füglicher ists für verschiedne Gemüthsverhältnisse in der Welt, damit wir für fast alle mögliche Gemüthslagen, auch mitten in Zerstreuungen, eine dienliche Denkform oder Erinnerungsart an das All Gottes und seines Reichs finden mögen. Genug, wir gehören dem Geiste nach, zur unsichtbaren Welt, und die hat ihre eigne ewige Sonne, ihr eigen Feuer, Licht und Luft zum Leben der allen Raum und Zeitfluß durchdringenden ewigen Freiheit, ihren Himmelsreiz von Luft und Liebe in einer allgemeinen, allbelebenden und allregierenden Kraft, die der guten Geister allgemeines Gut, Licht und Recht, ihr allbeseligendes Liebesband ist, worinn alle edle Herzen in ewiger Harmonie zusam-[37]menfließend, Eins sind: also können wir, ohne von dieser unsichtbaren Liebeswelt auszugehen, mit ihrer allgemeinen Kraft auch in diese sichtbare Welt zu allem möglichen Guten wirken, mit ihr alles beobachten und zum allgemeinen und besondern Besten still wenden und befördern, so weit es immer möglich ist, mitten in allem Gewimmel der taumelnden Erde, ob wir gleich im Geist als unsichtbare Wirker durch die sichtbare Welt leben und hier in Dunkelheit bleiben.

»Ein Geist, sagt der Schreiber der zween Tage eines Schwindsüchtigen, Hamburg 1772 kann eigentlich von keinem Orte zum andern kommen, sondern er ist immer in Seinem eignen Mittelpunkte, und kann, indem er auf der Erde wirkt, im Augenblik auch in einer andern Welt wirken, ohne daß man doch sagen kann, er sey an einem von beyden Orten (auf eingeschränkte Art) gegenwärtig.«

Ja ein Geist, besonders wenn er zu seinem einigen ewigen Ruhepunkt gekommen, lebt darinn wie ein Fisch im Meer, denn der Ruhepunkt der Ewigkeit ist das Wesen, dessen Mittelpunkt überall, dessen Cirkumferenz nirgends ist, wie es der alte göttliche Hermes unvergleichlich beschreibt. Denn dies ewige Wesen ist die höchst allgemeine Kraft aller Kräfte und die höchst allgemeine Kraft kann von nichts weder eingeschlossen noch ausgeschlossen werden, als höchst allgemeine Kraft ist sie wesentlich [38]überall gleich, überall ganz, überall vollkommen in ihrer höchstkräftigen Allgemeinheit, die ihr Gleichgewicht aller Rechts- Lichts- und Lebenskräfte in einer menschlichen Welt so sehr ins Unendliche fort mit ihrer Kraftausbreitung zeigen kann, als jemals in der ganzen theilnehmenden physischen Welt, also ist sie an sich überall gleich allgemein ein absolut vollkommner Mittelpunkt, demnach allen Geistern und Wesenskräften gleich allgemeines höchstes Gut, das ihnen gleich allgemein innigst gegenwärtig ist, wenn gleich jeder nur nach dem Maaß seiner Fähigkeit und Ergebenheit oder Folgsamkeit und Gleichförmigkeit, Theil daran hat.

Aber nun wollen wir auch wieder einmal sehen, was der gute Berliner Recensent macht, zu dessen Text wir unsere Noten zu setzen im Sinne hatten. Er fährt fort:

»Oeftere Wiederhohlung eben derselben Eindrücke macht bekanntlich sie unauslöschlich.« Freilich ja, und dies ist das Geheimniß des Festmachens der Seele, auch mitten in der Getümmelwelt, wenn man nur hauptsächlich darzu nimmt, daß man das Herz immer an das festeste Wesen aller Wesen selbst hänge, und im Geist alles Vorkommende als Bilder und Werkzeuge dieses Wesens ansehe, und so immer mehr als in Seinem Element, Licht und Gesichtspunkt über alles lebe.

[39]

Der Einsiedler, (spricht unser Recensent,) der aus religiösen Absichten jede Zerstreuung durch völlige Entfernung aus der Welt unmöglich macht,«

(Das kann er auch in der grösten Einöde nicht, wenn er nicht sich innerlich einsam, abgezogen im Herzen von allem, was nicht Gott und Gottes ist, verhält.)

»wird also seine Kenntnisse mehr ausbilden, vollkommner und lebendiger machen können, und durch die guten Entschließungen, die er täglich jahrlang lebhaft wiederhohlt, muß er eine fast unüberwindliche, psychologische Festigkeit im Guten bekommen.«

(Besonders wenn er das Geheimniß eines unaufhörlichen Herzensgebets, der Versetzung aller Dinge in Beziehung auf Gott und Ewigkeit, einer Verwandlung von allem in göttliche Vorstellungen, in der That und Wahrheit gründlich zu verstehen und sich anzugewöhnen weiß bis zur andern Natur.)

»Das haben aber auch andre Gottseelige in der Welt erlangt. Der Vortheil des Einsamen besteht überdies darinn, daß er nicht nur das Herz, den Willen, nicht nur von Zeit zu Zeit den Verstand, sondern gewöhnlich Geist und Seele, das ganze Gemüth mit allen Kräften zu Gott und Himmel richten, erheben, halten kann. Der Zustand eines solchen Mannes muß für ihn sehr behaglich seyn; denn keine andre Freude übertrift doch die lebhaften Empfindungen einer ungeheu-[40]chelten Liebe zu Gott und Tugend, und gewisse Aussichten auf eine glückliche Ewigkeit: allein dies erweist noch nicht, daß eine solche Einsamkeit löblich oder Pflicht sey.«

(Wenn nun aber die Vorsehung des Ewigen durch verschiedne Fälle in eine solche Einsamkeit führt, darzu Gelegenheit, Kraft und Lust oder Trieb giebt, von der Welt äußerlich und innerlich losmacht, soll man denn nicht folgen? Ist es denn nicht Beruf, Pflicht, Tugend? da die einzige Angelegenheit der Ewigkeit von unendlichem Gewicht wird! zumal man andern Gleichgesinnten oder Gutwilligen und geistlich Bedürftigen damit auch in Nähe und Ferne zum ewigen Besten dienen kann.)

»Der Gedanke, Gott alles aufzuopfern ist groß, und bey einem feurigen guten Herzen sehr natürlich; aber kann diese Art des Opfers Ihm angenehm seyn?«

(Zu der Zeit Christi und der ersten Christen war das gar keine Frage. Die Apostel, die 70 Jünger, und Tausend andre verließen alles in der Welt, opferten alles Gott auf, nach dem Herzensruf Christi, Christo durchaus für das ganze Gottesreich nachzufolgen, der eiteln Welt abgestorben zu seyn, in arbeitsamer Enthaltsamkeit zu bleiben, und hernach sich zu evangelischen Boten in alle Welt frey brauchen zu lassen, worzu so ganz freie Geister erfordert wurden. Die Zeit kann vor dem Ende der Welt wohl wieder kommen, wenn je [41]vorher noch das Evangelium aller Kreatur verkündiget werden soll. Die Wahrheit, und die höchste vor allen, sollte, und will ihrer Natur nach, die allerfreyesten Herzen von der Welt haben. Wer es fassen kann, auch mitten in der Welt, der fasse es. Wer das im ganzen Grunde einsiehet, der merke drauf! Ein ganzes Brandopfer von freyem und reinem Herzen kann freylich Gott am angenehmsten seyn, wenn Gott darzu fähig, fertig und fest macht! auch im Gedränge der Welt. Denn ohne göttliche Festigkeit ists gar nicht einmal möglich, als blos in Bereitwilligkeit, die immer frisch bis zur Fertigkeit zu bringen ist, und diese muß schon in tausend Anfechtungen mehr und mehr bewährt werden. Uebrigens ists ein sinnliches Vorurtheil der Weltgeschäftigen, daß man in der Einsamkeit, in ganzer Abgeschiedenheit von der Welt, der Welt nicht zum wahren Besten dienen, nicht zum Nutzen und Heil, ja zum grösten Heil, seyn könne. Der einzige einsame Elias war zu seiner Zeit einer ganzen Welt mehr nutz in Geist und Kraft, als das ganze Volk Israel und die weise Heidenklasse darzu. Moses wurde 40 Jahr in der Wüste zum grösten heroischen Propheten und Gesetzgeber bereitet. Der gröste vom Weibe gebohrne, der einsiedlerische Johannes der Täufer wurde zum Vorläufer Christi selbst. Die Seltenheit der Exempel schadet der tiefsten Wahrheit nichts. Kann ein einsamer fester Seher Gottes uns nicht unendlich besser und mehr [42]im Geist und Wahrheit der ewigen Liebe mit Himmel und Erde durchdringendem Gebet dienen, als mit allen tausendfachen Sinnen? Die ganze Armee der Engel, die dem einsamen Propheten Elisa beistand, zeigte wohl, wo die gröste und beste Gesellschaft und der kräftigste unsichtbare Dienst zum Heil guter Menschen, eines ganzen bedrängten Volks wäre. Die concentrirteste Kraft der reinen Liebe im Unendlichen ist ja die wichtigste, stärkste, beste des Himmels für die ganze Erde.) »Eine auf Ueberzeugung gegründete Liebe zu Gott, und einige wenige, aus dem Innersten eines redlichen Herzens unter dem Drange von Geschäften zu Ihm gerichtete Gedanken sind gewiß wohl Gott so angenehm, als stundenlange Unterhaltungen mit Ihm. (Ceteris paribus utique!) Denn Er sieht nicht auf die Art unsre Gesinnungen auszudrücken, sondern auf ihre Beschaffenheit selbst. (Allerdings!) Bei Gott macht sich also der Einsiedler dadurch nicht werther.« (Das kann und soll er auch nicht denken in Erkenntniß aller seiner Unwürdigkeiten und Nichtigkeiten vor dem Unendlichen. Er ist der Einsamkeit nicht werth, wenn er nicht Gotte, im Verhältniß gegen den guten gedrängten Weltmann, noch demüthigere, noch reinere, noch schwerere Opfer seiner selbst, mitten unter den Anfechtungen der Einsamkeit selber bringt: denn jeder Stand hat seine eigene Schwierigkeiten, Gefahren, Versuchungen, Beschwer-[43]den, Leiden, der einsame so gut als jeder andere; wenn es so leicht wäre, ein standhafter selbstgenügsamer Einsamer zu seyn, wie die Welt sich etwan in ihrer Muße vorstellt, o! wie viele, die gern unabhängig von allem seyn wollten, würden nicht immerfort Einsame? können oft kaum ein Stündgen für sich und Gott allein haben! O Himmel! wie selten im Treiben aller Welt!)

»Aber er, der Einsiedler, geniest viel größeren geistigen Vergnügens, als der Geschäftsmann fähig ist.«

(Wohl wahr! Aber dagegen fühlt der Einsiedler auch oft mehr und tiefere geistige Beschwerden als der Geschäftsmann sinnliche erfährt; denn der Einsame, wenns ihm recht Ernst ist, vor Gott lauterlich zu stehen, Christi Nachfolge im Geist auf sich zu nehmen, im tiefsten allumfassenden Geistesgebet vor Gott, sieht und fühlt mehr, tiefer, schmerzlicher, was ihm am Geist hinderlich ist, oder, wenn dies nicht, was aller armen Bedrängten Seelenlast und Gefahr ist, um nicht genug zum Licht, Leben, Liebeswesen Gottes und aller Kräfte von Ihm zu kommen. Wahrlich; rechte, vor Gott rechte Einsamkeit ist kein heiliger vergnügter Müßiggang; es ist die gröste mögliche Beschäftigung von allen im Angesicht des Himmels. Der auch in tiefster Ruhe unter alles vor Gott sinkende Einsame trägt vielmehr die Last der ganzen Welt im Gemüth vor Gott, mehr als die Welt selber fühlt, [44]vielweniger sieht. Jedes Gewicht, auch der einsamsten grösten Geistesfreuden in dieser Zeit hat sein Gegengewicht der Leiden in dieser Welt, wie Christus auch bis an den Tod des Kreuzes erfahren hat, und Johannes der Täufer bis zur Enthauptung.)

»Handelt dieser, der Geschäftsmann, indessen nicht viel edler, daß er jenes größere geistige Vergnügen aufopfert, um die unleugbare Pflicht, durch gesellschaftliche Thätigkeit zur gemeinschaftlichen Glückseeligkeit das Seinige beizutragen, vollkommner zu erfüllen?«

(Vollkommner? das Thun mag im äußern sinnlichen Dienste vollständiger, mehr seyn; ob es aber im Geistigen vor Gott vollkommner zugleich erfülle, was göttliche Pflicht für den unsterblichen Nächsten will, ist eine andre Frage. Kann man beides zusammen verbinden und erfüllen, wie man soll, herrlich wohl und gut! wo aber das nicht, so ist doch wohl das rechtschaffne Geistige vor Gott zum Heil des Nächsten unendlich mehr und wichtiger, als alles Sinnliche der Weltdienste, als alle Verzehrung darinn. Was hülfe es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an meiner Seele? oder ließe alles Geistige in Verderben gehen über meinem Abarbeiten an blos irrdischen Diensten? Jedoch ist jederzeit der geringste Dienst, ganz mit herzlicher Liebe und Ordnung Gottes gethan, wäre es auch nur einen Stein aus dem Weg [45]zu heben, ist besser und größer vor Gott als der gröste Ministerdienst eines eiteln Großen oder Erzbischofs, der sich selbst mit Ehren und Schätzen dieser Welt bezahlt. Gebet Gotte, was Gottes ist, vor allen Dingen, so dann in Seiner Liebe und Ordnung durchaus auch jedem das Seine, soviel ihr an Geist oder Leib oder beiden zusammen vermöget, in Einsamkeit oder Gesellschaft, wie es die Vorsehung zur Pflicht fügt, das wird immer wohl das Beste seyn. Jeder sey seines Grundes, seines Haushaltens, Gotte und dem Reich Gottes in seiner Art und Fähigkeit zu dienen gewiß. Denn alles übrige vergeht. Und von jedem Haushalter der Gaben Gottes wird nicht mehr erfodert, als daß er treu erfunden werde.)

»Zur Gesellschaft war der Mensch unstreitig geschaffen.«

(Ja, freilich zuvoderst zur göttlichen über alles, zu aller himmlischen, und dann zu aller unschuldigen menschlichen, und nach dem Falle zwar zur gefallnen, aber um sie wieder aufzurichten, sie himmlisch und gottgefällig zu machen, in Liebesgemeinschaft und Gott anständigem Liebesopfer. Allein man hat ja in unsrer Welt den ersten und wichtigsten Zweck der Bestimmung zur Gesellschaft, der kein blos irrdischer, thierischer war, ganz und gar vergessen. Was heist das jetzt: zur Gesellschaft, wie alle Welt gröstentheils ist, bestimmt seyn? Zu Thiermenschen, Narren, Schälken, Zeitverder-[46]bern, listigen und frechen Verführern der Jugend und des Alters, zu halben und ganzen eingefleischten Tollhäusern beiderlei Geschlechts. Oder ist es nicht sowohl zur Vergnügung als zur Arbeit für die Gesellschaft: was ist doch der gröste Theil der arbeitenden Klasse der Menschen, als irrdische Lastthiere von Morgen bis in die späte Nacht in aller Vergessenheit und Entfremdung ihres wichtigsten Theils, der Seele, des Himmels, der Ewigkeit? Ist das des Menschen göttliche Naturbestimmung zur Gesellschaft?)

»Wer ihrer, der Gesellschaft, Pflichten sich entschlägt, um selbst dem reinsten geistigen Vergnügen beständig sich zu überlassen, ist eigennützig, und würde Gott, ohne sein irrendes Gewissen, durch seinen Gottesdienst selbst misfallen.«

(Unumgängliche, rechtschaffne Pflichten der Gesellschaft oder für die Gesellschaft, sind Arbeit und eigentliche Liebesdienste. Der Arbeit, nicht nur zum ordentlichen Unterhalt, sondern auch für Fremde, für Arme, hat sich gelegentlich kein einiger von allen Myriaden der ersten christlichen Einsamen in Afrika und Asia entzogen, und nirgends fand man freudigere, fertigere Liebesdienste als bei ihnen. Gehet hin und thut desgleichen! Der eitle Mensch aber, wie er insgemein ist, indem er dem göttlichen Zweck der Arbeit vorbeigehet, macht sich damit selbst ganz entweder zum Lastthier der Welt, oder zum Sklaven seiner eignen Begierden und Lei-[47]denschaften. Nun ists freilich allenfalls minder schädlich ein Lastthier der Welt zu seyn, als ein Sklave der Lüste zum Verderben an Seel und Leib; allein blos Lastthier zu seyn zwingt mehr theils Noth, theils Habsucht, als die Pflicht, und wie viel Unnöthiges macht nicht die Welt zur Pflicht? Wer in Noth ist, leide sie bis zur Erlösung! wer aber kann, erinnere sich des Worts Pauli: Ihr seyd theuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte! der verderbensvollen Lustthiere nemlich. Denn gegen die rechtschaffnen Gutwilligen, ermahnt er, werdet immer überflüssiger in der Liebe. Bist du ein Knecht berufen, sorge deswegen nicht; doch kannst du frey werden, so brauche das viel lieber mit stillem Wesen zu arbeiten, um eigen Brod zu essen und zu haben, um was zu geben den Dürftigen. Wer als ein freyer Mensch berufen ist, der ist ein Knecht Christi; wer ledig ist, sorget was dem Herrn angehört, siehet dahin, daß es fein anständig sey, stets und unverhindert dem Herrn zu Seinem Reich dienen zu können. Paulus; der allen alles worden, und die Gesellschaftspflichten für das ganze menschliche Geschlecht unendlich mehr beobachtet hat als je ein Geschäftsmann oder Philosoph der Welt, hat doch wohl auch Verstand und Geist oder göttlichen Wahrheitssinn über alles das gehabt, mehr als die ganze Welt.)

»Aber einer frommen Einsamkeit viele Stunden zu widmen, die andre auf leere Zerstreuungen [48]verwenden, das ist edel und Pflicht. So viel von der Einsiedeley!«

(Nun da sind wir ja vollkommen einstimmig mit allen Freunden. Gott gebe Tausenden den herrlichen himmlischen Sinn des wachsenden Lichtes zum wahren edeln, ja höchsten Besten der Welt und ihrer paradiesischen Verjüngerung!)

»Der Verfasser redet überdem noch einem gewissen Enthusiasmus, den viele Schwärmerey nennen, das Wort, und tadelt diejenigen, die ihre Religion auf die Vernunft allein bauen wollen.«

(Nemlich auf die idealische, dialektische, die in der Welt noch nie mit sich selbst einig, noch immer offenbar streitig ist. Was das für ein gewisser Enthusiasmus ist, erhellt im ewigen Triebe der Vernunft, zu höchstem Recht, Licht und Gut. Eine Hauptstelle über Schwärmerey in dem Buch, die Einsamkeit der Weltüberwinder, ist folgende p. 129. »Die Rechtschaffenen wissen und merken alle, daß die Entzückung nur etwas Vorübergehendes ist, und kein Bestandwesen der Vereinigung mit Gott ausmacht; sie wissen, daß diese Vereinigung nur in der lautersten, tugendhaftesten Gottähnlichkeit zu suchen ist, worzu nicht unstete Sinnlichkeit, sondern der freie Wille, (praktisch lautre unparteiische Vernunft) unbeweglich gerichtet seyn muß.« — Wer außer aller unsteten Sinnlichkeit, nur in der lau-[49]tersten tugendhaften Gottähnlichkeit die Vereinigung mit Gott sucht, der hält sich doch wohl an die strengste gründliche praktische Vernunft, Realvernunft, der redet doch wohl keiner unlautern leeren Schwärmerey das Wort. Eine andere Stelle p. 133. »Das Geheimniß ist nur, daß dieser Verstand, der gröste lautre Verstand in der grösten jungen Einfalt, dem Herzen gleich, vollkommen ewig grundgemäß und ganz füglich angemessen, recht aufgeweckt werde.« — Dergleichen Stellen giebts in Menge, die des Autors gründlichen Sinn, der sonst auch ziemlich genau vorsichtig bestimmend zu gehen scheint, stark genug darlegen. Aber er ist ein Enthusiast der praktischen absolut rechten Vernunft, gleich grad gegen und neben alle andre, und das ist toll. Soll etwan das ein Kopfsturz gegen diejenigen, die ihre Religion auf die ideale Vernunft allein bauen wollen, seyn, was er p. 152. schreibt? »Christus hat freilich die ganze Religion zur Hauptsache des Herzens und der redlichen Einfalt vor Gott gemacht: die Weltweisen machen sie aber mit aller Gewalt zur Hauptsache des Kopfs, des Wissens und ihrer gekünstelten und Vielfältigkeit liebenden Vernunft, die nichts weniger als die göttliche gerade Einfalt liebet.« (Und Vernunft soll doch Grundgesetzkraft der Einheit seyn. Das ist ja die Klage der besten rechtschaffnen Vernünftigen selbst, die, von leerer und krummer Kunstvernünfteley weg, alles wieder gern [50]zur ersten, reinen, guten und geraden Einfalt des Verstandes und Herzens oder des ganzen Menschen gebracht sehen möchten. Des geraden klaren Oswalds Appellation an den gemeinen Menschenverstand für die Religion möchte wohl so ein kleiner purgatorischer Ventilator für die Vernünftler seyn. Was ist Schade, daß, wo der Vernunft etwa mit Tadel erwähnt wird, es nur einer angemaßten und selbst nicht gar zu vernünftigen Kunst gelten muß, nicht aber der wahren in der Welt unerkannten ewigen absolut lautern und billigen Vernunft? Zumal der Autor ewig unterscheidet zwischen Verstand und Vernunft, wie ein Kant Verstand der Vernunft vorgehen läst, den lautern allgemeinen Wahrheitsverstand, den wahren, ewigen Grundverstand augenscheinlicher Gemeinwahrheiten, den lautern Verstand des zur Erfahrungsregel unumschränkten Formeninbegriffs als wesentlichen Grund und ewigen Richtpunkt durchaus für uns angiebt, ja eben diesen Verstand in dieser unleugbaren ewigen Allgemeinheit aufs stärkste als nothwendige Richtschnur der Vernunft empfiehlt.)

»Vom Werth der innern Empfindungen: die kalten Vernünftler wären nicht im Stande die Mystiker zu beurtheilen, weil dies Erfahrungen wären, von denen sie sich keinen Begriff machen könnten.«

(Nemlich die Unerfahrnen; denn die mit Grunde Erfahrnen können das wohl. Nur wirds wenige geben [51]die in der Erfahrungsreife des lautern praktischen Geistes bis zum ewigen Grund der Seele zur Grundform des Wesens gelangt sind. Wer nicht die Linie des Aequators passirt ist, hat auch nicht die Sonne in ihrer grösten Macht gesehen und erfahren, wie die Ostindienfahrer bezeugen. Zum ewigen Gleichgewicht muß der ewige Aequator vertraut seyn. So stimmen auch alle überein, die die Reise des Geistes bis zum ewigen Ziel desselben gemacht haben, von Anfang der Welt bis jetzt.)

»Allerdings ist die Religion nicht blos für kaltblütige Ueberlegung bestimmt; auch unsere Leidenschaften, sagt Young, sind getauft, und sie können nicht zu lebhaft in geistlichen Empfindungen seyn, sobald die Grundlage derselben Vernunft (ewige lautre Lebensvernunft von der Sonne der ewigen Gerechtigkeit) ist; aber blos auf Gefühle und vorübergehende Regungen, (die nicht regelmäßige, immer in gleichen ewigen Grund fortgehende Erfahrungen sind,) alles zu bauen ist gefährlich, theils für die Sitten, indem sich in die inneren guten Gefühle oft etwas Fleischliches einmischt, wie viele Beyspiele unter Pietisten, Quäkern, Herrnhutern etc. beweisen, gefährlich selbst für den Glauben, denn ein von jenen geglaubter, hernach klärlich widerlegter Satz, macht sie das ganze System verwerfen. Der Uebergang von Schwärmerey zum Unglauben ist mehr als zu gewöhnlich.«

[52]

(Deswegen eben ist es am besten, den ganzen innern Erfahrungsweg zum höchsten Ziel auf lauter ewige Wahrheitsgründe bauen, die wie Felsen Gottes unbeweglich sind, wie die alten besten grunderfahrnen Gottesweisen gethan haben in ewiger Grundwahrheit der Gleichförmigkeit mit Gott.)

»Glücklich ist der, welcher bey einem gefühlvollen Herzen einen aufgeklärten Glauben besitzt!«

Ew.

(Und die ewige Wahrheit selber zum Leitstern! Amen, Hallelujah!)

Oriades.

IV.

Intendirter Selbstmord aus Hypochondrie.

K.

(Aus gerichtlichen Akten gezogen.)

Die Pastorinn W... zu E.... im Hannöverschen zeigte am 8ten Novbr. 1789. dem dasigen Amte an, daß sich der ehemals daselbst gestandene Organist H....., ganz mit Blut bespritzt, in ihrem Hause eingefunden habe und selbst angebe, wie er sich vor einigen Stunden durch mehrere in den Leib gegebne Messerstiche zu tödten gesucht, solches aber nicht habe ausführen können.

[53]

Nach gehörig getroffnen Maasregeln wurde der Inquisit in den folgenden Tagen über seine That verhört, und sein Geständniß ist — mit Beibehaltung seiner eignen Worte folgendes:

»Er heiße Salomon Elias H...., sey 33 Jahr alt, und aus Dürrenfeld in Thüringen gebürtig, wo sein Vater Schulmeister gewesen. In seinem 6ten Jahre sey ihm dieser gestorben, und er sey von seiner Mutter in der lutherischen Religion erzogen, auch in seinem 14ten Jahre confirmirt worden. Bald darauf sey auch seine Mutter gestorben, er habe sich nun bey seinen Anverwandten aufgehalten, und bis in sein zwanzigstes Jahr in der benachbarten Stadt Königssee die Musik gelernt. Hierauf sey er nach Hannover in das dasige Chor gegangen, habe auch zugleich während der sieben Jahre seines Aufenthalts das Seminarium frequentiret. Um Ostern 1783 sey er endlich nach E... als Kantor gekommen.

In Hannover habe er einer gewissen Wittwe B.... die Ehe versprochen, und dieses sey der Grund seines ganzen Unglücks. Da diese Person in der Folge einen schlechten Lebenswandel geführt, auch einen Diebstahl begangen, so habe er sein Versprechen nicht halten wollen, und sich durch 50 Rthl. und die Versicherung ihr sobald er könne noch 300 Rthl. zu geben, mit ihr abgefunden. In der Folge sey er auf die Gedanken gerathen, daß ihm diese B.... bey einer andern guten Parthie, die [54]er in E... thun können hinderlich gewesen sey, und ihm verschiedne Feindschaften zugezogen habe. Man sey seiner überdrüßig geworden, und wahrscheinlicherweise habe selbst die Königliche Regierung zu Hannover ihm in den Speisen elektrische Materie oder Gewitterluft beybringen lassen, um sein Leben abzukürzen. Dieser Zweck wäre zwar nicht erreicht worden, allein er habe seit der Zeit doch eine große Nervenschwäche verspürt. Unfähig zu allen Geschäften habe er um Weihnachten 1786 seinen Dienst freiwillig quittiret, E.... mit 150 Rthl. verlassen, und sey nach Stralsund gewandert. Nach drey viertel Jahren wäre sein Geld bis auf 20 Rthl. geschmolzen gewesen, er habe sich nach E... zurück gesehnt, und um seinen ehemaligen Dienst schriftlich angehalten, aber zur Antwort bekommen, daß der Cantordienst schon wieder besetzt, die Organistenstelle aber erledigt sey. Ob er sich gleich dadurch erniedrigen müssen, so habe er doch dieselbe angenommen. Kaum aber sey er wieder in E.... gewesen, so hätte er schon wieder geglaubt von seinen Feinden verfolgt und durch beigebrachte Gewitterluft krank gemacht zu seyn. Auch habe er den Gedanken nicht los werden können, daß der vorige Organist nicht würklich todt sey und er also auch nicht im Dienst stehe. Seines Lebens überdrüßig, habe er selbst angefangen, es für Gottes Willen zu halten, sich zu tödten. Nach einigen mißlungnen Versuchen habe er, ohngefähr 14 Tage [55]vor Michaelis seinen Dienst zum zweitenmahle verlassen, in der Absicht, so lange herum zu schwärmen, als das Geld reichen würde, nachher aber sich das Leben zu nehmen. Ohne Plan sey er durch das Eisenachsche, Hildburghausensche, Saalfeldsche und Hessensche, und so wieder zurück gezogen. Bey Naumburg habe er sich in die Saale stürzen wollen, da er aber gehört, daß eben in Leipzig Messe sey, so habe er Lust bekommen, diese noch erst zu sehen. Hier habe er seine Uhr und einen Rock verkauft, und mit diesem Gelde noch eine Tour über Merseburg, Halle, Eisleben und Nordhausen gemacht, nachher aber sich wieder in die Gegend um E.... begeben, wo er sich in einem Walde, ohngefähr eine Meile von E... eine Hütte gebauet, sich daselbst 14 Tage aufgehalten, und nur zuweilen Lebensmittel aus Wernigerode gehohlt. Seine Absicht sey im Grunde gewesen, sich nach und nach der Nahrungsmittel wirklich zu entziehn, und so zu verhungern. Es habe ihm aber zu lange gedauert, von der rauhen Witterung sey er endlich aus der Hütte vertrieben worden, und habe sich nur zuweilen darinn, die meiste Zeit aber auf dem Zechenhause zu den drey Annen aufgehalten. Endlich sey sein Geld völlig zu Ende gegangen und er habe nun den festen Vorsatz gefaßt, sich das Leben zu nehmen, auch zu dem Ende giftigen Fliegenschwamm gegessen, den er aber wieder von sich gegeben. In Wernigerode habe er in einer Apotheke Gift ver-[56]langt, aber keinen bekommen, da er daselbst unbekannt gewesen. In voller Verzweiflung habe er nun seine Zuflucht zu seinen Messern, einem Federmesser, einem Barbiermesser und einem Taschenmesser genommen. Gestern Morgen um 10 Uhr sey er nach einem einsamen Ort im Walde gegangen, habe sich den Rock ausgezogen und einige Adern öffnen wollen. Am linken Arm habe er mit dem Federmesser den Versuch gemacht die Adern zu durchschneiden — aber vergebens. Er habe also die Weste aufgeknöpft, das Hemd aufgeschnitten, und mit dem Taschenmesser zwischen den Rippen hindurch zu kommen versucht, es habe aber nicht gehn wollen, daher er sich in der größten Wuth mit dem Taschenmesser zwey Stiche in den Leib gegeben, wobey er so stark ausgehohlt, daß das Messer bis an das Heft in den Leib gegangen. Die Kräfte hätten ihn gleich so verlassen, daß er noch einige Stiche nur sehr schwach führen können, zumal er stark gezittert und ihn die Wunden sehr geschmerzt hätten. Einige Minuten sey er auf dem Platze herum gegangen, bald aber sey ihm ein Schwindel und eine solche Ermattung angekommen; daß er sich auf den Bauch niederlegen müssen. In der gewissen Hoffnung bald zu sterben, habe er einige Zeit ganz still gelegen; da er aber kalt geworden und die Wunden aufgehört zu bluten, habe er wohl gemerkt, daß es mit dem Tod noch Zeit haben werde. Er habe nun gesucht, sich mit dem Barbiermesser den Hals ab-[57]zuschneiden und es zu dem Ende festgebunden. Vor starkem Zittern habe er aber nicht dazu kommen können, und es sey ihm nunmehr der Gedanke eingefallen: daß er mit dem Messer sich das Leben vielleicht nicht nehmen solle. In dem Wirthshause zu den drey Annen, wohin er gegangen, habe man ihn, des scheußlichen Anblicks wegen, nicht dulden wollen. Er sey daher nach E... gekommen, um sich von dem Pastor W... eine alte Pistole zum Erschießen zu holen, die dieser von ihm in Verwahrung gehabt. Als man ihn hier von Amtswegen in Empfang genommen, habe er geglaubt, es geschähe solches blos in der Absicht, um seinen Tod zu befördern, und man würde ihn den nächsten Morgen umbringen. Da er aber gesehen, daß man seine Wunden verbunden habe, und auf seine Heilung bedacht wäre, so sey er von diesen Gedanken zurückgekommen. Er glaube auch nunmehr überzeugt zu seyn: es sey Gottes Wille nicht, daß er sich das Leben nehmen solle; weil er sonst seine Absicht wohl würde haben ausführen können. Uebrigens aber würde er gewiß noch immer von seinen Feinden verfolgt, und halte sich nur so lange sicher, als er hier auf dem Amte >sey.«

Aus dem von dem dasigen Prediger ertheilten testimonio vitae ante actae ergiebt sich:

»Daß der H...., während den ersten zwey oder drey Dienstjahren sich die allgemeine Achtung und Liebe seiner Vorgesetzten, der Bürger-[58]schaft und Schuljugend erworben; daß er aber nach dieser Zeit mehreren Hang zur Einsamkeit, öftere Anwandlungen von Tiefsinn, verschlossenen Charakter und sonderbare Eigenheiten beim Essen und Trinken gezeigt, man auch mehrere Unbiegsamkeit in seinen Meinungen und Handlungen bemerkt habe; unter verschiedenem Vorwande habe er sich öfters von E... zu entfernen gesucht; da man aber dieses hintertrieben, habe er zuletzt um Urlaub auf eine kurze Zeit angesucht, weil er einige Erbschaftsangelegenheiten persönlich besorgen müsse. — — — —

Im Anfange seines zweiten Aufenthalts in E... habe er als Organist mehrere Thätigkeit gezeigt. Doch bald sey verdoppelte Schüchternheit an ihm zu merken gewesen. Sonderbare Reden und Handlungen hätten mit dilucidis intervallis abgewechselt, bis er zuletzt etc. etc.

Durch die gütige und menschenfreundliche Vorsorge der Königl. Regierung zu Hannover wurde der Inquisit, nachdem seine übrigens nicht gefährlichen Wunden geheilt waren, unter die Aufsicht eines geschickten Arztes gegeben, und durch diesen von seinen hypochondrischen Grillen völlig befreit.

Er befindet sich jetzt als Organist zu J..., unweit Hannover, und hat die Tochter des Schulzen geheurathet, bey welchem er, während seiner Kur in Aufsicht gewesen.


[59]

Ich füge hier noch einen von ihm während seines Arrests geschriebenen Aufsatz und einige Stellen aus einem weitläuftigen Gedicht bey, das er, seiner Angabe nach, während seines Herumschwärmens verfertigt hat. Man wird darinn die düstre mitternächtliche Seelenstimmung bemerken, die diesen Unglücklichen, der nicht ganz ohne Kopf zu seyn scheint, peinigte:

Dem prosaischen Aufsatze, betitelt:

Die letzten Tage meines Erdenlebens
Nicht ein einem Lebenslaufe ähnlicher Aufsatz, sondern beschriebenes Ende meines Schicksals

hat er das Motto vorgesetzt: für die Wahrheit ist vieler Edlen Blut geflossen.

»Den 17. Oktober 1789. reißte ich ziemlich bewegt von Nordhausen nach Ilefeld, dem Harz, als bestimmtem Orte meiner lezten Tage entgegen. Hoffnung nach Elbingerode gerufen zu werden, äußerte sich in meinem Herzen so wenig, als ichs selbst wünschte. Mit einem verderbten Körper war mir mein Leben auch in Leipzig, wo (ich gesteh es) die Liebe zum Leben sehr geweckt wird, lästig. Vielmehr war mir der Ort, wo ich so viel gelitten, wenn nicht verhaßt doch gleichgültig. Bei Ilefeld dacht' ich an jene reitzvollen seelig verlebten Tage meiner unschuldigen Jugend zurück, und [60]pflückte unbekümmert Haselnüsse. Könnt ich sie zurückrufen, dacht' ich, wie glücklich! Wie sehr nützlich, Gott und Menschen wohlgefällig, sollten sie angewandt werden! Ich seufzete tief, und von Wehmuth, die ich nie so empfand, durchdrungen, irrte ich vom Wege ab, auf einen Klippenberg, worauf ich keine Spur eines Menschen bemerkte als Vögeln tödtliche Schlingen. Ach! sprach ich zu mir selbst, wärst du jezt Vogel, du würdest um leben zu wollen sterben (Gierigkeit und unersättliche Leckerey, war oft das Grab vieler Menschen).

Die Nacht übereilte und brennender Durst nagte mich. Der Stimme eines Knaben, und einem schnellen Wasserfalle, des Sprudeln mir jezt süsser tönte, als der vom Wein gefüllte Pokal, folgte ich, als einer der sich glücklich fühlt, der vom Schrecken befreit angenehm überrascht wird. O Menschenherz! wars nicht Schwachheit — feiger Muth! Mein Schicksal — ists nicht brennender als heißer Durst! Nicht schwärzer als die fürchterlichste Mitternacht! — Nicht öder und einsamer im Herzen, als es auf steilen Klippen ist! — So oft sezt ich dir eine stählerne Brust entgegen. Ging mit männiglichem Muthe nicht selten unter drohenden Schwerdtern! Ertrug so mannichmal verachtungblickende Augen, derer die von mir nie beleidigt, nie gesehen, — deck sie auf Schicksal! Manche vielleicht erscheinen hassenswürdiger mit holdem und heroischem Sinne. Ist nicht meinen gleichen [61]Muth zu schwächen, Arzenei gebraucht worden? Es sind vorübergleitende Minuten, worinnen das Herz unsern Muth in Feigheit wandelt, und uns selbst beschämt. (Ein zärtlich Gefühl ist der Philosophie das, was das Mutterherz der guten Kinderzucht ist.) Ich kam an eine Sägemühle, woraus der Bewohner durch donnernde und anzügliche Worte meiner Andringlichkeit auszuweichen meinte. Er irrte sich, denn meine Absicht war, von nun an in Wäldern zu übernachten, um meinen Körper tödtlicher zu machen, und keinem Menschen Sorge zu verursachen, und nicht viel gute Worte zu verschwenden. — Süße Schwermuth in mir, und Dunkel um mich, ging ich unwissend, anstatt vor rückwärts und wählte in einem Birkenthal mein Nachtlager, unter einer Eiche. Kaum hatte ich mich gelegt, so schienen (wenigstens mir) ein paar Eulen zu wetteifern, mein Elend recht jämmerlich zu beweinen. Ich fand darinn eine gewisse Beruhigung. — Das Ungewöhnliche Zerstreuete aus den klagenden Stimmen — Ach und Weh! fürchterlich bange Ahndung — Verzweifelung, konnte nirgends besser angetroffen, und ausgedrückt folglich auch gefühlt, und lebhafter empfunden werden, als von mir in diesem Thale; wo alles zusammentraf — wähnte ich fremdes Mitleid. Hiebei erkannte ich, daß auch im Wahn, oder in schiefem Gefühl einiges Glück liege. In neblichter Phantasie und ungleichmäßiger Vorstellung suchen [62]und finden zwar unzählige wohlthätig großes Glück — und schlummern in behaglicher Selbstgenügsamkeit. Allein mich oft getäuscht wissen und glücklich fühlen, möcht ich nicht feine Seele nennen, sondern verdorbenes Gefühl, das sich an jedes rauschende Blatt anhakt, zu viel Reiz hat, oft lästig ist, und mißmüthig macht; andern leicht unerträglich und lächerlich wird, und uns gefährlich werden kann. Z.B. zu zärtliche Romane, Schooshündchen, Püpchen, und dergl. feine Sächelchen, die nach einer höhern Sphäre riechen, welche einem Traumgespinst vom übermäßigen Genuß des Weins erzeugt, gleicht, das mit seinem Entstehen zerflattert. Ich war auch angesteckt mit Schaden für diese, zum Glück für eine bessere Welt aber glücklich geheilet. Bald hätte ich den holen Todtensang vergessen. Sie schwiegen — vermuthlich aus hungriger Bedürfniß, und mit diesem Gedanken zerrann mein süßer Wahn. Um aber der ungewohnten Herbstkühle, ein schwach linderndes Mittel entgegen zu setzen, ließ ich meine Phantasie spielen, und reimte folgende Worte zu jenem würklich einschneidenden melancholischen Gesange.

Heulet Klagen! Todessänger!

Prophezeyt mir Tod und Grab.

Heulet schaudernd daß es bänger

Schallt ins stille Thal herab.

Heulets: daß nun Tod nicht fern

Heulet nur, ich hör euch gern.

[63]

Vielen deutet eure Klage,

Schrecklich nahes Sterben an,

Denen, wo nach alter Sage,

Ein'ge euch auf Dächern sahn.

Aber mir, dem Tod nicht fern,

Heulet nur, ich hör euch gern.

Die zunehmende Kühle siegte über Phantasie und Schlaf, bis ich mich setzte und ganz verhüllte. Unterbrochen einschlafen und wieder erwachen, war meine nächtliche Beschäftigung. Eher als ichs vermuthete, wurde ich von angenehmer Morgendämmerung begrüßt, betete andächtiger, inniger und zufriedener zu Gott, als ich in manchem Wirthshause gebetet hatte.

Unfehlbar ist das Beten aus Büchern, zwischen Poltern, Reden und Geschäften, nur das erste weltliche Tageswerk, das aus scheinheiliger Frömmelei, oder angewohnter Gemüthsrichtung, oder aus mißverstandener Verdienstlichkeit, verrichtet wird. Schon ein kleines Kind ist vermögend die Andacht und gehörige Gedankenfestigkeit zu stören. Lermende Arbeiten und fordernde Befehle vom Gesinde; ein Topf, kaum einen Dreier werth, von einem Kinde zerbrochen, unterbricht nicht nur die Andacht, sondern verwandelt sich gemeiniglich in Schelten, Fluchen und Schlagen. Auch ist das Gemüth der mehresten Menschen, die ich beim Gebet beobachtet, schon zu sehr getheilt, und auf irrdische Bedürfnisse geleitet oder in der Schüssel, auf den [64]fortgehenden Nahrungsstand geheftet: Der Befehl Jesu: Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein etc. wie göttlich und angemessen den Menschen! Vor dem Aufstehen, oder in Büchern allein und ungestört zu beten, müßte jedem Menschen ehrwürdig und nothwendig seyn und werden. Vergnügt blickte ich der aufgehenden Sonne in ihre wohlthätigen Strahlen, und ging gestärckter den Berg mit Fichten bekränzt empor. Ohne in einem Hause einzukehren, ließ ich Beneckenstein rechts liegen, kam unvermuthet zur Sorge, nach Braunlage, neben Otterbrück vorbei, und gieng daselbst den Weg zurück nach Schirke zu. Ob ich gleich von starker Tagesreise, und Entziehen der nöthigen Speisen, müde und schwach war, sucht' ich doch nicht Schirke zu erreichen, sondern blieb wieder im Walde. Ein enges Bette in kühler Erde — wie ein Grab, mit bloßen Händen gegraben, mit Fichtenreisern umpflanzt, eine lange kalte Nacht hingestreckt, ohne Freund und Gesellschaft, ohne Hoffnung eines irrdisch Bessern, von Hunger, Durst und Frost zu leiden, und Schlaf, wodurch alles Leiden eine Zeitlang gemildert und vergessen wird, zu entbehren — Ach! (seufzt' ich) mein Schicksal ist doch hart — Ist nun mit Recht ein Elend zu nennen. Gott! (betete ich) Nimm meine Seele diese Nacht zu dir! Genug gelitten, gekämpft und gerungen habe ich, werth zu seyn, von dir aufgenommen zu werden! Meine Sünden habe ich un-[65]zählige mal bereuet, verwünscht und verabscheut, Besserung angelobt und gehalten; und wofür ich nicht gebüßet und zeitlich büßen kann, dafür hat dein Sohn Jesus Christus Genugthuung geleistet. Erbarm dich meiner, und laß mich jetzt sterben. So betete ich und versuchte einzuschlummern. Umsonst! Ich fror so sehr, und wurde, durch mein eigen Schicksal angewiesen und zugleich gerechtfertiget, auf den Gedanken geführt, mir das bischen kurze elende und unnütze Leben abzukürzen. — Nur der schüttelnde Frost, und Besorgniß, selbiges nicht vollkommen tödtlich ausführen zu können, hinderten mich diesmal.

Wer gewohnt dem Glück im Schooße,

Sich zu wiegen, stets zu freun;

Wem der Dorn nicht sticht, die Rose

Immer blüht im Sonnenschein;

Jammert kindisch, und entfliehet,

Wenn ein Wölckchen droht!

Glaubt unglücklich sich, und siehet

Nichts als lauter Noth.

Wer nur Leiden-Nahmen nennet,

Nie von Leiden selbst gedrückt,

Leiden nicht durch Urtheil kennet,

Fühllos Leidende erblickt;

Leidet zehnfach, wenn er siehet,

Daß sein Glück verdirbt,

Und die Rose ihm verblühet;

Fühlt nur Dorn — und stirbt.

[66]

Wenige die selbst sich tödten,

Stärkt und rüstet wahrer Muth.

Gab nicht Heldenherzen Blöden

Oft der Leidenschaften Gluth? —

Selten ist ein Loos der Erden

Ohne Hoffnungsstrahl.

Selbst der Tod — erlößt zu werden

Lindert alle Quaal. etc. etc.

Aus dem Gedicht, wo hin und wieder manche würklich poetische Schilderung vorkömmt, und worin besonders ein wehmüthiger Rückblick auf die frohen in Tugend und Gottgefälligkeit durchlebten Tage seiner Jugend merkwürdig ist, ziehe ich folgende aus seinem damaligen Gemüthszustand fließende, Stellen aus:

Menschen, Arbeits müde,

Ruhen sanft im Friede

Weit und breit umher.

Aber mich drückt Kummer,

Mich, dem süßer Schlummer

Oefters nöthig war?

Manches Ach! bey Nacht und Tag

Heiß geseufzt in trüben Stunden

Ist dort überwunden.

— — Ach wenn kömmt der Tag!

Er ist nah, das Grab ist da.

Stärke mich durch Jesu Wunden

Gott in Todesstunden.

[67]

Fest in Hoffnung sterben,

Ew'ges Reich zu erben,

Größtes Menschenglück!

Leben wir, so leben

Wir dem Herrn, wir geben

Sterbend uns zurück.

Wie im Heer, so auf dem Meer,

Durch Gebrechen, Krankheit, Morden,

Gott an allen Orten.


Ist eine Vermuthung erlaubt, so glaube ich, daß eine Schwächung seines Körpers durch Ausschweifungen in der Liebe während seines Umgangs mit der Wittwe B.... in Hannover, den ersten und vorzüglichsten Grund zur Hypochondrie des bedauernswürdigen Mannes gelegt habe, die in der Folge — wie das Gutachten des Landphysikus zeigt — durch schlechte Diät zu einem so hohen Grade getrieben worden. —

K.


[68]

V.

Fragment aus dem Tagebuche Weilers.
Herausgegeben von — — — — l.

— — — l

De hoc, priusquam scribamus, haec praecipienda videntur lectoribus, ne alienos mores ad suos referant; neve ea, quae ipsis leviara sunt, pari modo apud caeteros fuisse arbitrentur,

Nep. in Epam


Julien gewidmet.

Als ich von Ihnen Abschied nahm — es sind nun sechs Jahre — da sagt' ich — wie man denn meistentheils beim Abschied etwas sagt was man nicht nöthig hat, wenigstens nicht nöthig haben sollte, indessen läßt man's gelten, und so eine Wiederholung ist oft so rührend, und wirkt so mächtig aufs Herz wie das einfache Thema, am Ende eines Rondos wiederholt. Im Grunde hat man je doch nur das Thema durchgeführt, sich auf alle möglichen Arten — geseufzt, geblickt, gehändedruckt, gestammelt, gesagt, geküßt: Ich liebe [69] dich. — Vor sechs Jahren, als ich von Ihnen Abschied nahm, da sagt' ich — Sie wissen, ich sagte sehr wenig; mein Herz konnte damals von der Sprache meines Mundes keinen Gebrauch machen, es sandte Thränen, seine zitternde Boten, die Sie anflehen mußten — ihm seinen bittern bittern Schmerz zu glauben. — Damals, bei unserm Abschied — Gott weiß es, Julie, es war eine bange Stunde! Wie ichs immer nicht glauben wollte, immer für unmöglich hielt, mich wie von einem Quälgeiste, der die Menschen in einsamen nächtlichen Stunden mit schrecklichen Gestalten ängstigt, loszumachen suchte — ach! vergebens. Es war kein Traum, ach! es war die kalte unbeugsame Wirklichkeit. Und doch, Julie hab' ich seitdem noch manchen herben Abschied nehmen müssen. Ein Wunsch, eine süße Fantasie nach der andern trennte sich seitdem von mir, wie der schönen Tage immer weniger werden, wenn nun der Lenz hin ist, ihm, ihm alles nacheilt, Blüthen und Blumen und Waldgesang und gaukelnde Lüftgen, und die Sonne traurend sich in Nebel verhüllt, und der Nord laut heult, daß er alles so leer und öde findet, — und ist mir nichts geblieben als mein altes treues Herz, ein Gefährte all meiner Trübsalen, der mit mir gekämpft und geblutet hat, und nun still geworden ist, und sich in keine Sache mehr mischt, und nur, wenn wir ganz allein sind, von unsern Schicksalen, Leiden und Wunden erzählt, und wie all das hinge-[70]schwunden und keine Spur mehr übrig sey, und wie wir, herausgedrängt aus unserm Vaterlande, wo all unsre Wünsche begraben liegen unter schweigenden Hügeln, fern in fremden kalten Lande — nun noch so weit abwarten müssen, bis der Nord den Baum schüttelt, und uns hinabweht in des Baches Welle, die uns hinabfluthet in die Vergessenheit. — Damals, Julie, wenn Sie sich unsers Abschiedes noch erinnern, und, bei Gott, Julie! — Nein! Nein! Sie werden ihn nicht vergessen haben! — damals sagt' ich — ein wenig unverständlich vielleicht, denn ich verbarg mein Gesicht schluchzend in Ihren Schoos, und meine empor gehobene Arme hielten Sie umschlungen, — sagt' ich

»Julie! Ich kann nie aufhören Dich zu lieben, einst nach Jahren sollst du das noch von mir wissen.«

Hier ists Julie: Leiden konnten mich quälen, aber wehmüthig konnten sie mich nicht machen. Ich habe Sie verloren, kann ich noch über etwas anders trauern? sagt' ich. Freuden giengen mir vorüber, und ich streckte meine Hand nicht aus: wenn ich sie nicht mit Ihr theilen kann, so sind sie mir fades Possenspiel.

Julie! Ich habe nicht aufhören können Dich zu lieben! —

Nimm dies — und dies Fragment — es enthält die Klagen eines Elenden — wohl uns, Julie! Wir waren unglücklich, aber elend sind wir [71]nicht. Auch diese Thräne, die da heimlich über meine Wange rinnt, und gern mit zu dir sich stehlen will — und — leb wohl! — Julie! werd' ich nie mehr etwas von dir hören? — Leb wohl, theure, theure Julie!

— — — l.


am 19ten März.

Rückkehr zur Tugend! — Besserung! — leere Worte, die einmal einer ersann, der dem äußern Elende des Lasters entronnen war, um zu seinem neuen behaglichen Zustande auch noch eine gewisse erkünstelte Ruhe des Geistes hinzuzufügen! Rückkehr zur Tugend! — Unsinn! Als wäre sie außer uns, als beständ nicht eben das Wesen des Lasters in der Unfähigkeit glücklich und gut zu seyn. Lähmt dem Adler seine Schwingen, und nehmt dem Menschen seine Tugend, beide erheben sich nie wieder! Sie sind gefallene Engel der ewigen Pein, Gottes Glanz zu wissen und zu meiden, hingegeben.

Unbegreifliches Loos, das der Menschheit fiel! — Leicht und sorglos, den Busen voll Wonne des jungen Lebens, hüpft der Knabe seinen ersten einzigen Unschuldsweg daher; hier theilt er sich, er muß wählen; — dort winken ihm die Götter der Freude jung, und lächeln wie er — seine Brüder. Er fliegt ihnen zu und — verschwunden ist der Zauber, und kalter Nebel umgiebt ihn dicht. — Ver-[72]gebens blickst du so bebend zurück, du wirst keinen Rückweg finden! — Aber still armes Kind, bald erscheint dir eine andere wohlthätige Gottheit. Du wirst ängstlich vor ihr zurückschauern, aber zage nicht, in diesem Lande der Träume ist alles anders wie es scheint. Trotz des Entsetzens, das sie umgiebt, ist sie doch die einzige, die dich fortan nicht verläßt, die dir Stärke und Muth giebt, die mit dir weint und mit dir lacht, die deine Klagen anhört und deine Fragen beantwortet: denn das ist ihr Amt auf Erden. Als Gott bei der Schöpfung das Elend werden ließ, da fragte sie vorwitzig: warum? und sie wurde mit dem schrecklichen Geheimnisse in die düstern Thäler des Lasters verbannt, mit dem Berufe jedem Sterblichen, der sich dahin verirrt, seine Fragen aufzulösen.

Ja, Verzweiflung, ich fühls, ich fühls, alles hat mich verlassen, nur du bist noch um mich! Du bist meine Lehrerin, deine Stimme allein ist es, die ich noch höre.


am 11ten Aprill.

Geziemts mir wohl zu trauern? — Aber warlich ich traure auch nicht. Traure! und worüber? daß mich mit ihm nun die letzte menschliche Hülfe verlassen hat? — So schwach kann ich nicht seyn. Ich darf verworfen seyn, aber nicht schwach, an meinen Grimm nagen, aber nicht trauern. —

[73]

Hm, als er Abschied nahm, und ein Langes und Breites von Verhältnissen sprach, die ihn zurückruften — nicht ferner gestatteten — — O du jämmerlicher Hanswurst, lauf, lauf zur lieben Mama, und laß dich in Integrum restituiren! das wird nicht mehr Zeit kosten, als einen Esel aus seiner Löwenhaut heraus zu peitschen. Für dein Geld, das du an mich verschwendetest, wardst du — was du werden konntest: aus einem faden nichtigen Purschen ein vollständiger Narr. An dir hab' ich mich nicht versündiget: Dein schlechtes Metall galt vorher gar nichts, ich gab ihm das einzige Gepräge, dessen es fähig war.

Was sprach er doch von Freundschaft? — Gutes Herz! — aber gräm dich darüber nicht, ich wollte ich hätte mich allein über deine verlorne Freundschaft zu trösten. Aber, wahrhaftig, ich bin bettelarm; er wird sogar meinen Kredit mit weggenommen haben. Soll ich mich nun auch noch von den erbärmlichen Brodsorgen foppen lassen? — Nun, ich will leben so lange es geht, das wie sollte eigentlich nie die Sorge eines Menschen ausmachen. Im Grunde ist mirs doch lieb, daß ich ihn los bin. Der Pinsel glaubte in meiner Verbindlichkeit zu stehen, weil ich einmal, um sein krankes Leben zu retten, zwei gesunde Menschen ermordete; mir wars indessen doch immer, als hätt' ich ihm meinen Unterhalt zu danken. Fahre wohl theuerster Freund! —

[74]

Aber wie kam mir vorhin das Wort Trauern? Ich glaubte, das stünde längst nicht mehr in meinem Wörterbuche. Und doch was war das, wie ich so allein wieder zurückgieng, an dem Fluß her? Die Nacht war in der That schön, das hab' ich — empfunden? Nein! Schönheit empfinden soll ja eben Wonne seyn, und wie käm Wonne in meine Brust? Aber ich weiß es doch, daß sie schön war. Wie der Mond über dem stillen Wald schwebte, und in die Ebene und auf den Fluß Silber goß und alles so still war, und ich denn in die dunkele Allee kam — ich allein nur mich hörte in meinem dunkeln Leben dahin tappen! — Ja einst hätt' ich hier getrauert, als ich noch so hängen konnte an Bildern des Leidens, sie geistig umarmen und meine Brüder nennen, und mir so Lieben und Freunde machen unter den Geistern meiner Fantasie, und mit ihnen, sanften Stolzes, aus feuchtem Auge lächeln der Menschen Mühe und des Menschen Standes. Aber jetzt — hab' ich meine gute Engel alle von mir gescheucht, bin nun ganz allein — verlassen! — Ja! das ist das Wort! So ist mirs wie verlassen.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen? — Wort des bittersten Schmerzes, nicht der Trauer! Wort der Pein! Wenn gräßliche Kälte, Leere, ewiges endloses Nichts dies arme Ich quälen, das wahrlich etwas bedarf, um sich ertragen zu können. Ja! ich bin verlassen! Kein Engel gesellt sich mehr zu mir und gießt aus seinem himmlischen Füllhorn, [75]das Einzige was dem Menschen heilsam ist, von aller süßer Empfindung — Trauer — in mein Herz. Ich bin verlassen, in meinen öden kalten Erdenverhältnissen allein! Kein Engel wird mich einst aufwärts leiten zu der ewigen Schönheit; allein werd' ich dahin kommen, und sie anschauen — wie die heutige Nacht.


am 18sten Aprill.

O laßt euch recht viel vorschwatzen von der menschlichen Glückseeligkeit, merkt auf wenn von der Wahrheit die Rede ist, und geht dann geschwind zu Bette, ihr werdet recht gut schlafen! Könnt ich allen meinen Empfindungen, so wie sie in meinem Innern rasen, einen Ton geben, und ruft' ich dann in diesem Tone euch zu: es giebt keine Glückseeligkeit, und die Wahrheit führt zur Verzweifelung: ihr würdet allen euren Glauben an diese Worte verlieren.

Nein! Nein! Nein! Ich bin auch ein Mensch, und ich bin nur elend. — Aber glaubt mir, ihr andern, ich möchte eure Glückseeligkeit nicht einmal theilen. Ich bin ein Rebell; und ihr seyd Sklaven, ich habe Muth und Verzweiflung wie ein Rebell, und danke meinem Vaterlande nichts; ihr wißt nur zu winseln. Ich thue, was ich will, weil ich mein Leben an alles setzen kann, ihr müßt thun, [76]was man will, weil ihr ängstlich zu erhalten sucht, was ich verachte.

Nein, ich danke dir nichts Natur! Du gabst mir nichts, was mir dies Leben erträglich machen könnte, und verdarbst mir alles was ich um meine Hütte angepflanzt hatte. —

O ein unbegreiflicher Muthwille scheint mich zu seinem Spiel geschaffen zu haben! Ein Herz, das unaufhörlich nach Genuß dürstet, und kein Mittel es zu befriedigen. Ich möchte lieber am Pranger stehen, als Jemanden merken lassen, daß mir meine Häßlichkeit so unerträglich ist, und doch, ist es wahr, beneid' ich jeden lächelnden Buben um sein menschliches Gesicht. Himmel, nur das, wenn ich nur schön wäre! Ha! wenn sie mir so erzählen, wie ihnen da ein wollüstiges Mädchen in die Arme gesunken, wie sie dort eine Götternacht gefeiert, und nicht ahnden, daß auch in meinen Adern Feuer rollt, daß ich um Liebe gern alles alles hingäbe; und ich denn ein kaltes satyrisches Air annehme, über Mädchen und Liebe spotte, während ich in diesem Drang von Empfindungen vergehen möchte! — O es ist rasend! — Die Einzige, die ich errungen hatte, ist hingeopfert. Marie, wie ist dir jetzt? — O sagt nicht ich habe sie geopfert! Ich liebte sie bei Gott mehr als mich, und nur sie allein, und der Ausdruck meiner Liebe war stärker, als meine Häßlichkeit, — sie gab sich mir hier das Wonnemädchen. Wir waren beide wahre Menschen, hatten [77]Kraft zu genießen, und schmeckten die höchste Wonne des Lebens. Ha! meine Fantasie verglüht an dieser Rückerinnerung! — Wart ihr denn nicht Rasende, als ihr mich umsonst auf den Knien flehen ließet, mir das Mädgen einst zum Weibe zu geben, wenn ich sie errungen, mich aufwärts zum Mann und Bürger würde gebildet haben? Wäre dann nicht alles wieder gut gewesen, das Verbrechen getilgt, das eure schiefen Begriffe und jämmerlichen Gesetze dazu machten? Aber — Nein! Ich war arm und häßlich, und hatte gleichwohl die Vermessenheit gehabt des Lebens Freude zu kosten. Dies durftet ihr mir nicht verzeihen. Ihr entzogt mir euern Beistand, verstießt mich, und quältet sie langsam todt mit euern Vorwürfen und Haß und Verfolgung. O wohl mir, daß ich alles abgeschüttelt habe was fromm und sanft heißt, daß ich euch doch nun bitterlich fluchen kann — Zerstörer ihr! Kalte entsetzliche Teufel! Die ihr den Pfiff versteht, die Gesetze um ihren Schutz zu betrügen, und außerdem die giftigste Brut seid, die man todschlagen sollte, wo man sie findet.

Gott! Gott! Wo kommen mir jetzt die Thränen her? Milder Thau des Himmels! Ach! aber auch sie spotten meiner! Ich soll nicht rasend werden, ich soll meine Quaal recht zergliedern, recht mit Vernunft mich martern: Darum mildern sie dieses wüthige Toben in mir.

[78]

am 25sten Aprill.

Zuweilen ist mirs, als gäbs doch noch eine Art von Glückseeligkeit — wenigstens von Gefühl gegenwärtigen Liebens für mich. Hab' ich nicht Muth und Kraft und eine Verzweiflung in mir, die allen Gefahren Hohn spricht, weil keiner mir etwas zu rauben vermag, das mir werth wäre. Wie! wenn mich das Schicksal geflissentlich auf diesen Punkt hätte bringen wollen? Ich sollte erst Thaten thun, erst dem Leben seinen Preis abverdienen, oder — es ekelhaft finden, und um die Lust zum Leben anzufrischen, etwas Gefahrvolles unternehmen? O gewiß! Unmöglich kann ja meine Quaal der einzige Zweck meines Daseyns seyn. In dem Menschen liegt ja alles, er kann ja, was er will. Der Fisch, den eine unruhige Welle an das Ufer wirft, windet sich auf dem trockenen Sande, und verschmachtet, aber der Mensch verträgt jedes Element. Und war dies nicht vielleicht der Gang, den jeder Held nahm? Er muß sich erst sein Leben verderben, muß nichts mehr darinnen finden, das seines Wunsches werth sey, um es verachten zu können. Die Rückkehr in seine Knabengefilde zu jener ruhigen Glückseeligkeit muß ihm abgeschnitten seyn. Er hat keine Wahl mehr; entweder muß er sich der Verachtung, dem niedrigen schmutzigen Insektenleben hingeben, oder mit seinem Elende wuchern. Er fürchtet nichts, weil er nichts zu ver-[79]lieren hat, er ist allein frei und ausgenommen von allem Gesetz. Denn er ist schon gerichtet; er darf Flüche für sie alle auf sich laden, denn er hat kein Mitleiden mehr zu hoffen und will keins. Er ist die Hand des Rächers und darf alle Thaten thun. Ja! — Giebt es nicht auch zwei Kräfte in der Natur, eine, die erzeugt und hegt und pflegt, und die andere, die zerstört und aufreibt? Und so, Mensch, entweder pflanz Bäume und zieh Kohl in deinem Garten, und iß ihn ruhigen Sinnes mit deinem Weibe und deinen Kindern: oder, wenn du diesen deinen ruhigen Sinn verloren hast, wenn dir ekelt vor dem Kreis deiner stillen Glückseeligkeit, so schlag nieder, verdirb mit der nämlichen Natur, mit der du vorhin aufbautest!

Nur ein leeres Leben ist ein klägliches Leben. Wo kein Genuß ist, und keine Thaten, was ist da das Leben? Besteht es nicht aus einem Stücke Zeit? und die Zeit ist ja nur eine Folge von Begebenheiten. — Auf! Auf! mich durchfleußt ein neuer Odem, ich trinke die Luft höherer Sphären! Offenbarung hat sich in meine Seele gesenkt — ich frage nicht wohin? nicht warum? In diesem Wollen liegt die Antwort auf alles. Glücklich mag die Turteltaube seyn: mir geziemts alle Glückseeligkeit zu verachten, und zu zertreten. Ich bin nur heiße Gier und Raub und Aufschwung sonnenwärts! —


[80]

am 26sten Aprill.

Wie lächerlich, daß ich noch in irgend etwas Befriedigung suche! Thaten? — was thun? die Zeiten der Thaten sind vorüber wie die des Genusses. Man kann nicht mehr die Welt durchziehen um sie von Ungeheuern und Räubern zu befreien. Man kann kein einzelner Mensch seyn, und als selbstständiges Wesen aus eigner Kraft und eigenem Triebe handeln. Die Welt ist in Ordnung; alles steht an seinem Platze, und leiert da vom Morgen bis zum Abend an seinem Rade, und bekümmert sich den Henker darum wozu das gut sey? Genug daß sie ihr täglich Brod haben und keine Schläge bekommen. Seid Ihr Menschen? — womit wollt ihr mir das beweisen? An eure Stelle abgerichtete Esel, und alles gienge den nämlichen Gang. Fällt euch dann nicht wenigstens zuweilen die Frage ein: Für wen, wenn nicht für uns? — Doch still! im Gebrause des Rheins bebt schon mancher Ton herüber wilden frohen Freiheitsgesangs. Mein Volk horcht auf; — wie wenn ich sein Barde würde, und dann sein Massaniello? — Sein Barde? Ach Gott! — Trüg ich nicht die Verdammniß in meinem Busen! hätt' ich jene Geistesstille, jenes Gerechtfertigte, — Gefühl des Wohlgefallens des Obersten der Geister, jenes kindliche Lallen, das alles sagen darf in seiner Unschuld und einfältigen Herzenshoheit, dem kein Gefühl widersteht! — In meinem Busen ist ein ewiger höllischer Krieg. Lauter [81]Ankläger, lauter Verdammungsurtheile; kein Vertheidiger, kein Entschuldiger! Mir bleibt nichts übrig als zuweilen, wenns zu viel wird, wenn das Maas meiner Quaalen überläuft, in meiner Verzweiflung, wie Herkules in die Flammen mich zu werfen, und mein Martern hinweg zu martern. Herkules! — Ja ich bin gewiß so überzeugt wie er, daß dies Leben für mich nicht taugt; aber hätt' ich auch seine Entschließung! — Doch ist es warlich nicht Furcht vor dem Tode die mich abhält. Wahrlich nicht! Aber — soll ich denn wie ein Polyp aus diesem Leben hinausgehen? Soll ich gar kein Andenken mitnehmen und zurücklassen? Hu! Vergessen! wer den Tod wünscht, der wünscht darum keine Vernichtung. Im Grunde ist es doch nur die Hoffnung seine gegenwärtige drückende Verhältnisse — wenigstens zu verwechseln. Aber vergessen, weggetilgt seyn, das ist dem menschlichen Geiste so unerträglich wie die Leere: er kann und mag sie nicht denken.

Wohl, ich will jede That begierig aufhaschen, wie ich als selbstständiges Ich handeln kann, mich in alle Begebenheiten einmischen, jeder Gefahr meine Brust bieten. Vielleicht begrab' ich mich denn einmal unter den Ruinen einer meiner Unternehmungen; und, wird das Auge der Liebe mein Grab gleich nie benetzen, so sollen sie doch sagen müssen: Hier liegt er!


[82]

am 5ten May.

Begegnet mir gestern der Hofrath Engel vor dem Pilgersthore — Ein seltsamer Mann, der sich durch die Mühseeligkeiten des Lebens hindurchgeschlagen, und ein reines Herz, guten Willen und Heiterkeit gerettet hat. Ich hätt' ihn hier noch nicht besucht. Was soll ich auch bei ihm? Ich ehre seine Güte, und darum mag ich ihn nicht betrügen, und großen Geist hat er nicht genug, um mich unter seinen Stolz zu beugen, dem er auf allerlei Weise ein Mäntelchen umzuhängen weiß; und außerdem ist er immer mit einer Menge von jenen wohlgerathenen Söhnen umgeben, die ohne Zuchtmeister nicht leben können, und immer eine Ruthe fein von zu Haus mitbringen, und nebst gehorsamer Empfehlung von Papa und Mama an einen, der so gut seyn will, sie mannichmal durchzupeitschen, überliefern. Es geht denn alles so sittsam und verständig in diesen Gesellschaften her, daß man meint, man höre den Nathanael und Polykarpus in Joachim Langens Kollegien konversiren.

Er. Ei, Herr Weiler, muß mans denn dem Ungefähr danken, wenn man Sie einmal hier zu sehen bekömmt!

Ich sagte ihm so eine gewöhnliche Entschuldigung.

Er. Wie leben Sie? wie gehts Ihnen? —

Ich. (Bekam über die Frage wirklich einen Anfall von Lautlachen? Hm! wie gehts Ihnen, [83]Herr Prometheus an ihrem Felsen?) Ich antwortete: Ich würde besser leben, wenn ich mehr in der Vergangenheit leben könnte. Dies schien mir in dem Augenblick eine Klage zu enthalten, und klagen wollt' ich nicht. Ich setzte also hinzu: Wer ist überhaupt wohl mit seiner Gegenwart zufrieden? Der Glückliche klagt mit Recht, daß sie immer fliehe, nie wirklich da sey, und dem Unglücklichen ist sie eine Fessel, die er allenthalben unmuthig mit sich herumschleppt.

Er. sah mich eine Weile an, als woll' er Etwas in mir lesen. — Kann ich Ihnen dienen?

Ich. Sie nicht und kein Mensch.

Er. Junger Mann, Sie täuschen sich. Ihre Leiden scheinen Ihnen unbezwingliche Ungeheuer. Muth und ein tapferer Angriff, und die Truggestalten schwinden!

Ich. Herr Hofrath! — Ich bin verkannt, verlassen, dahingegeben, geschändet — ich und meine Henker sind allein! — O! Sie wissen ja alles, wissen, daß auch in der That die Gerechtigkeit Recht hatte, mich dieser Einöde und meinen Martern zu übergeben. — Was ist noch an mir zu retten? Höchstens könnte man meine äußern Verhältnisse ein wenig ausbessern, und diese sind es gerade, die mich in all diesem Gedränge am wenigsten pressen.

Er. Hätten wir nur erst Ein Glied wieder gesund, die andern werdens dann oft von selbst: Er-[84]innern Sie sich noch des ersten Jahres in H...? Damals waren Sie doch wohl glücklicher? —

Ich. Ich weiß was Sie sagen wollen. Damals lebt' ich still und schien tugendhaft, und that meine Pflichten. Man glaubte, ich bereue meinen Fehler, und sei auf dem Wege der Besserung, und nun meinen Sie, solle ich so fortgefahren seyn. Lieber Herr Hofrath! Ich übte eine menschliche Tugend, ihr Preis wurde mir entrückt, ich mochte mich nicht mehr um ein leeres Ziel entathmen.

Er. Preis der Tugend! — Sie ist selbst Preis.

Ich. Gewiß! das muß sie nach meiner Ueberzeugung allerdings seyn, und eben darum glaub' ich daß ich nie tugendhaft war. Preis! Ohne Zweifel! Preis der Vollkommenheit. Erst lassen Sie uns diese erlangen, dann kann erst von der Tugend die Rede seyn, in so fern sie Preis genannt zu werden verdient. Was man jetzt von einem tugendhaften Mann fordert, ist, die Wahrheit zu gestehen, nichts als eine blinde Grausamkeit gegen sich selbst. Ewiger Krieg mit Begierden und Leidenschaften, ach! die ihm doch alle so lieb sind. Man ehrt die Thräne des Helden, die er nach gewonnener Schlacht, auf dem Wahlplatz, über seine Erschlagenen vergießt; und soll der Mensch nicht trauern um eine Leidenschaft, die er, wie ein liebliches Mädgen, den Verhältnissen, der Barbarei unserer Einsichten, unserer Gesetze und Verfassungen opfern mußte? [85]Dieser moralische Krieg ist so gut eine Geburt unserer Barberei wie jener, wo es Menschenleben gilt.

Werden wir alle einst so weit kommen, daß wir die Stimme der reinen Wahrheit zu hören vermögen, werden wir einmal die Kinderschuhe vertreten, jenes zänkische eigensinnige grillenhafte Wesen fahren lassen, dann rotten wir uns nicht mehr zusammen, von der Betrügerei entflammt, um ein Land zu erobern, wo vor einigen Jahrhunderten ein außerordentlicher Mensch gelebt hatte, oder um Leute zu zwingen, daß sie künftig nicht mehr diesem, sondern gerade dem Menschen gehorchen, dessen Sklaven wir sind; und eben so wenig werden wir dann nöthig haben uns gegen unsere Neigungen zu erklären. Wir werden dann keine Helden mehr haben, verdammt in ewigem Widerspruch mit sich selbst zu leben, aber wir werden alle Menschen seyn, und uns daran genügen.

Er. Aber wenn der Krieg, wie Sie sagen Barbarei ist, wenn wir erst dann reine Menschen sind, wenn diese Barbarei aufhört, so ist es doch wohl indessen jedes biedern Mannes Pflicht dieser Vollkommenheit von seiner Seite entgegen zu kommen, von seiner Seite wenigstens keinen Krieg, das ist, keine gewaltsame Auflösung sich widersprechender Prinzipien, zu veranlassen. Der Mann der folglich so handelt, daß der Grundsatz, worauf seine Handlungen gebauet sind, wenn er der Grundsatz der ganzen Welt wäre, alle Disharmonie aufhübe, trägt [86]das seinige zur Vervollkommnung der Menschheit bei, übt, was wir nennen, Tugend.

Ich. (roch Kompendien-Geschwätz, und wäre bald ärgerlich geworden.) Da steckts ihm eben: wenn er der Grundsatz der ganzen Welt wäre! Müssen wir uns die Menschen nicht immer in einer gewissen gesellschaftlichen Verbindung denken? diese beruht auf Gesetzen, wodurch man sich ihrer Dauer hat versichern wollen, man ist aber übrigens unbekümmert gewesen, wie sich der einzelne Mensch dabei stehe, ob die individuelle Natur des Menschen nicht gerade diesen Gesetzen widerspreche? Heißt das nicht von außen gegen den Feind sich verschanzen, und innen verhungern, oder sich unter einander aufreiben? So besteht denn unsere Tugend in Aufopferung unserer menschlichen Rechte, um der Dauer einer Gesellschaft willen, die uns für all das kaum Sicherheit gewährt. Daher kommts, daß wir in jedem Zeitalter fast eine andere Tugend antreffen. — Ich spreche von der Tugend, wie sie unter dem Volke lebt, wie sie uns ihre Redner und Dichter geben, nicht von dem Gerippe, das die Schulen von je her aufstellten, das todt ist an ihm selber, und höchstens der Vollständigkeit wegen, und um des Kunstkenners willen da steht, wie das meiste in den Schulen. Die Tugend eines Homer eines Euripides heißt: Handele, und verdiene damit dem Leben seinen Reiz und sein frohes Gefühl ab; die Tugend eines Klopstocks, eines Hermes, eines [87]Addissen, heißt: entbehre, und schmachte nach einer bessern Zukunft!

Setzen Sie einen Menschen in die bestmöglichste Gesellschaft, das ist in die, wo die Dauer des Ganzen die wenigste Aufopferung des Einzelnen verlangt, und er wird tugendhaft seyn — oder es giebt einen Teufel, der den Menschen zum Bösen Lust macht, und eine Erbsünde, und wer weiß was alle noch für unerklärbare wunderliche Dinge.

Er. Ihre Philosophie kann nie die meinige werden, so wie Ihre Unzufriedenheit nicht die meinige ist. Ich hatte nie starke Leidenschaften, nur Hang; und da ich früh an Leiden und Entbehren gewöhnt ward, so bekam ich dadurch eine Biegsamkeit, die mich alle die Formen annehmen ließ, die mein Hang nothwendig machte, und so erreicht' ich, unter beständiger Resignazion, meine Wünsche. Was ich Ihnen daher etwa rathen möchte, würde aus meiner Eigenthümlichkeit fließen, und kann in Ihren Grundsätzen freilich nichts ändern. Nur daran lassen Sie sich noch erinnern, daß diese Leidenschaften, deren Befriedigung Ihnen jetzt so unentbehrlich zu Ihrer Glückseeligkeit scheint, befriediget oder nicht, dereinst erkalten, daß Ihre Wünsche dann eine ganz andere Richtung nehmen, daß Sie dann vielleicht, wenn stille bürgerliche Häuslichkeit und Familien-Glück, Wiederaufleben in seinen Kindern, in guten Menschen, die man glücklich gemacht hat, Ihr einziger wahrer Genuß des Lebens seyn würde, daß [88]Sie dann doch vielleicht die Jahre wieder zurückwünschen, wo Sie sich all das bereiten konnten, und die eben Ihre gegenwärtigen sind. — Bedenken Sie dies, und wissen Sie, daß man Sie beobachtet, um Ihnen, im Fall Sie gewisse Forderungen erfüllen, wieder beizuspringen, und daß man aus Ihrem hiesigen Leben schon anfängt zu hoffen.

Ich wollte reden, er verließ mich aber, und sagte nur noch: Sie verstehn mich, ich erwarte Sie bald wieder bei mir.

Ja, ich verstehe dich ehrliche Haut: aber — mein Leben sei nun künftig, welches es wolle — so sollt Ihr, die ihr meine Marie tödten konntet, wahrlich nie den Triumph haben mich meiner Besserung wegen zu belohnen. Elende Menschen! warum ließt ihr mir Sie nicht, um die ich alles alles gethan hätte? und ich sollte mich Euch zu gefallen bestreben, um euren Beifall, wie ein Schulknabe, ängstlich seyn? Ich habe nur Eine Empfindung für euch alle — Rache! denn ihr habt mir alles gemordet, Sie und meine Empfindung für das Gute, und mein ganzes irrdisches Gedeihen.

O Marie! Mädchen des Himmels! warum trennten uns diese Rasende wohl? —


am 22ten May.

Nein! kein schlechter Mensch bin ich, sonst würden die schlechten Menschen nicht so erbärmlich vor mir dastehen.

[89]

War das deine Absicht, guter Bursche? Nein beim Himmel! mit dir und deines gleichen werd' ich nie gemeine Sache machen. So ein jämmerlicher furchtsamer Bösewicht! Aber, wollt' er nicht schon einmal ein Pasquill von mir gemacht haben? Ich begreife nicht, warum ich ihm das so hingehen ließ? — Ueberhaupt muß das der Wiegand verrathen haben, daß ich Verse mache; die Leute, die mich hier kennen, machen ordentlich Prätensionen an meinen Witz. — Als ich ihm das abschlug, kam er seltner zu mir, und vermied mich endlich ganz, und ich glaube nicht, daß ihn die Art, wie ich unsere Bekanntschaft erneuert habe, eben erbaut hat.

Aber warum trägt mir auch diese Handlung nicht die Frucht des Wohlgefallens? — Freilich ist die Zeit nun vorüber, auf welche Wiegand vorausbezahlt hatte, und ich brauche eine andere Wohnung. Freilich kann es seyn, ich sage, kann seyn, daß ich mich um die ganze Niederträchtigkeit nicht bekümmert hätte, wenn ich mich nicht gerade um eine andere Wohnung zu bekümmern gehabt hätte. Aber auch dieses kann seyn mich um den Genuß einer Handlung zu bringen, die ich doch auch eben so wahrscheinlich vielleicht auch ohne Rücksicht auf Vortheile gethan hätte! — Freilich müßt' ich nun den Vortheil ausschlagen. Aber was dann anfangen? Ists nicht besser, ich nehme dies Zimmer an, als daß ichs vielleicht einem andern schuldig bleibe? Die-[90]ser hat mirs doch schon umsonst angeboten, und ich betrüg' ihn daher auf alle Fälle nicht. Genug ich werde einziehen, und just ihn suchen zu bezahlen. Vielleicht bringt mir mein alter treuer B.. in W.. ein Bändgen Gedichte an den Mann — betrogen wird freilich immer, indessen kanns das müßige Publikum immer eher verschmerzen, das es ja nicht besser haben will, als er, der bei aller phlegmatischen Muthlosigkeit, doch eine ganz gute Art Mensch zu seyn scheint.

Was er nun wohl beginnen wird? In der That, ich wollte er wagte sich an mich, auf welche Art es wäre, heimlich oder öffentlich, ich möchte einmal, um mir die Langeweile zu vertreiben, so eine kleine Hetze haben. Sah er nicht aus als wollt' er das Fieber kriegen, als ich mit meiner übermüthigsten Mine zu ihm in das Zimmer trat?

Ich. Herr Müller, es ist billig, daß ich Ihnen einen Vorgang melde, worauf Sie und Ihre Freunde, mit welchem Rechte und Nachdruck? — werden Sie unter sich berichtiget haben, eine fürchterliche Drohung gesetzt haben. Ich werde ein Zimmer in dem Erfaischen Haus beziehen.

Er. Das freut mich um der Nachbarschaft willen. Uebrigens muß ich bekennen, daß ich Sie nicht ganz verstehe.

Ich. So muß ich mich wohl erklären. Herr Müller, ich fordere Sie und Ihre Freunde auf, Ihre Drohungen, womit Sie den ersten Miethmann [91]des Herrn Steuerrath Erfa heimzusuchen sich verbunden haben, an mir wahr zu machen, denn in dreien Tagen wohn' ich in seinem Hause.

Er. Wunderlicher Freund, ich verzeihe Ihnen zum voraus, Ihre Hitze —

Ich. O Herr, wir kennen uns, denk' ich, was brauchts da der Ausflüchte? Ehe ich zu Ihnen gieng, wußt' ich, daß Ihre Feigheit Seitensprünge genug machen würde. Die Wahrheit zu gestehn will ich blos meinen Spaß mit Ihnen haben: Denn; warlich, daran dacht' ich keinen Augenblick, daß Sie Ernst machen würden. Diese Art zu handeln wäre, Ihre Feigheit abgerechnet, zu offen, zu deutsch für Sie, nicht in Ihrem Lieblingsgeschmack dem Italienischen.

Er. (Indem er etwas hinunter zu schlucken scheint.) Wenn Sie deutlicher sprechen wollten, so würd' ich wenigstens erfahren, was Sie zu allen diesen Beleidigungen veranlaßt?

Ich. Nun denn so hören Sie Ihre eigene Geschichte. Sie hatten den ehrlichen Rath Erfa in Verdacht, als habe er Ihrem zukünftigen Schwiegervater die Augen über das Unglück, das seiner Tochter und seinem ganzem Hause durch Ihre Verwandtschaft droht, öffnen wollen. So brav dies immer gewesen wäre, so hätte das ganze phlegmatische Wesen dieses Mannes Sie an diesem Beweise eines freundschaftlichen Eifers sollen zweifeln lassen. Allein eine bloße nichtswürdige Vermu-[92]thung war Ihnen genug, und herzlich willkommen, weil Sie Ihnen doch immer Gelegenheit gab boshaft zu seyn. Nun — geben Sie Acht: Zuerst griffen Sie Ihren Feind mittelbar, aber um desto empfindlicher an. Sie suchten seine Tochter um das Kostbarste, was ein Mädgen in unsern Tagen hat, um ihren guten Ruf zu bringen. Herr von B.. der einen unwiderstehlichen Hang zu läppischen, und nach Befinden, schlechten Streichen hat, ließ sich mit leichter Mühe zu Ihrem Werkzeug machen. Er bestach des Erfa Magd, und diese spielte ihm einige Briefe ihrer Mamsell in die Hände, die am Ende doch weiter nichts aussagten, als — daß sie mit einem jungen Manne in Briefwechsel stehe. Diese wurden nun in allen öffentlichen Häusern abgelesen. Eine Zeitlang amüsirte man sich damit, badinirte sich darüber, und endlich gähnte man, und das Mädchen blieb wer sie war. Jetzt giengen Sie weiter. Herr von B.... der, wo möglich, gern den Liebesritter spielt, mußte an die Erfa schreiben, um eine geheime Zusammenkunft bitten, wo er gewisse Dinge von Wichtigkeit entdecken wolle. Um sie von der einen Seite sicher und von der andern unruhig zu machen; führte sein Brief, für jenes, eine Menge moralisch-empfindsamer Sittensprüche im Munde, für dieses die Nachricht, daß boshafte Leute ihre Briefe in ... wollten in Druck geben. Die Erfa that, was jedes ehrliche Mädgen in dem Fall thun muß, sie zeigte den Brief ih-[93]rer Mutter, und Herr v. B.. erhielt ein Abschlagsdekret. Nahm das Mädgen den heimlichen, und, wie weislich hinzugefügt war, nächtlichen Besuch an, so war sie verlohren. Herr v. B.. steht in dem besten Rufe der nöthigen Frechheit, um Glück bei den Damen zu machen; den Tag darauf würde man in der ganzen Stadt gewußt haben, daß er eine Nacht bei der Erfa zugebracht habe, und — mochte nur geschehen seyn was wollte, so glaubte die Welt das Aergste. Schade um den vortreflichen Plan, daß er an der Einfalt eines Mädgens scheiterte.

Er. Sind Sie fertig?

Ich. Noch eine kurze Gedult. Zum Glück fanden Sie selbst unter des Erfa Hausbewohnern einige junge Leute, die sich gegen ihn aufbringen ließen. Sie emanzipirten sich, es schlugen sich noch andere Wildfange zu ihnen, und kurz — es kam zu jener förmlichen Revolte, woran auf die Letzt bald die Bürgerschaft, die den ehrlichen Erfa liebt, Theil genommen hätte. Das Haus stand nun leer, und Ihr Haß und Ihre Verfolgung bedrohte den ersten, der es wieder bezieht, und, mit diesem Fluche behaftet, steht es wirklich noch leer.

Er. Und Sie wollen sich nun der bedrängten Unschuld annehmen?

Ich. Keinen Spott, wenn Sie gern in heiler Haut schlafen! Jetzt sagen Sie Ihrem Komplott: Ihren Anführer hätt' ich vor einen nichtswürdigen [94]Buben erklärt. Dies ist ja wohl das Mittel, sie gegen mich aufzubringen: oder — haben sie diese Erfahrung schon selbst gemacht? Auf alle Fälle finden Sie sämmtlich mich bereit Ihnen über alles Red' und Antwort zu geben, ich sei in dem Erfaischen Hause zu erfragen, wo ich künftig wohnen würde.

Er. (fast weinend) Recht gut Herr Weiler, die Gerechtigkeit wird mir gegen Ihre Insulten Hülfe schaffen.

Ich. Elender Bursche! Hast Du denn so gar nichts von einem Manne, daß Du nicht einmal bös zu machen bist? Die Gerechtigkeit! Was müßte das für eine Gerechtigkeit seyn, die Dir nicht wenigstens den Pranger zuerkennte? Pasquillant!

Er. O das ist abgethan. Ich habs ihm selbst gestanden, und er hat mir verziehen.

Ich. Haben Sie ihm auch sonst alles gestanden? Auch den Plan, den Sie mit der .. auf sein Vermögen Ehre und guten Nahmen gemacht haben? haben Sie ihm gestanden, daß Sie im Begriffe sind, seine Tochter zum beklagenswerthesten Geschöpf unter der Sonne zu machen? — Ich bins müde Ihnen Ihre Ränke alle vorzuerzählen, aber Sie wissen, was ich dokumentiren kann. Wollen Sie sich noch mehr auf die Gerechtigkeit berufen?

Er. Mich dünkt Sie wurden, Ihrer guten Aufführung wegen, doch auch nicht von G.. weggeschickt. Ueberhaupt befremdet mich dieser Ton an Ihnen ungemein. Wir waren sonst so gute [95]Freunde, und könntens noch seyn, wenn Sie nur wollten. — Wer weiß ob ich Ihnen nicht einmal nützlich seyn könnte?

Ich. Warum nicht gar mein Gönner! Ha! ha! ha! Leben Sie wohl theuerster Gönner!

Und so gieng ich zur Thür hinaus, und hört' ihn auf der Treppe noch lachen, aber das Instrument klang doch ein wenig verstimmt.

Nun in dreien Tagen werd' ich also eine neue Wirthschaft anfangen. Mein Zimmerchen ist klein aber bequem und lüftig. — Ich weiß nicht wie mir geschieht, aber ich freue mich recht darauf. Wenn mir Gott Ruhe schenkte, so wollt' ich einmal wieder lesen und schreiben — Unser Vater! o Ruhe, Ruhe und Geistesstille! — Ach! jetzt ist mirs einmal so, als könnte mirs wohl seyn! Wie lange wird das dauern.


am 15ten May.

Evan! Evoe! Io! Bacche Triumphe! credite Posteri! vidi Bacchum! —

O ich kann kaum noch lallen! aber süß süß! — süßer Wahn! — Weg mit aller Wirklichkeit, und aller elenden gegenwärtigen Beschränktheit! — Wein und Mädgen und Musik und Gesang — und der Mensch ist ein seeliger Gott! — Gesang! O ihr himmlischen Mächte! was hat sie in meinen Busen gesungen? Wonne? Schmerz? — Nein! [96]Nein! Nein! — Sie in den Arm nehmen möcht' ich, und mich aufschwingen — ewig hoch! und dann — o meine Wünsche können nicht sagen, was all ich möchte. Evan! Evoe! — Ha ich hör' ihn daher schallen durch den Forst den mächtigen Jubel! Kraft und Wollust und Rausch! — Sie taumeln daher, sie stürmen daher! Allüberschwenglich reißts mich hin! Ich muß, ich muß unter sie! Ich muß hier sterben, von ihren Thyrsusstäben hingemartert — Ha süß, süß! —


am 16ten May.

Nein, es ist nicht wahr! Nichts ist wahrhaftig geschehen. Mich hatte der Wein umnebelt, und meine Fantasie schwamm in seeligem Rosenlichte. Sie — mein? — Das hat sie nicht gesagt, aber fühl' ich ihre Küsse nicht noch? durft' ich sie nicht fest an meine Brust drücken? Nannte sie mich nicht Du, und reichte mir den Becher auf Du und Du? — Hätte mir denn Ein Tag alles alles wiedergegeben? Sie! — O ihr himmlischen Mächte! wenn es nicht wahr wäre, wenn ich sie wieder verlöre, dann, ihr, die ihr so unbegreifliches Spiel mit mir treibt, mich bald hinab stoßt in die Hölle der Verzweiflung, bald wieder mit himmlischem Aether meine Schläfe kühlt, dann ist es Wink von euch nicht zum Drittenmale das Leben anzufangen, dann muß ich fort! Sie! o wäre es möglich? wollt ihr [97]Sie mir geben? O so habt Dank für alle eure Quaalen! Lenker meines Schicksals! Hier lieg' ich im Staube, und weine dir meines Herzens Anbetung und Dank. Schütt' alle Erdennoth auf mich herab, laß jeden Schmerz mich durchfühlen! Immer werd' ich dich mit froher inniger Kinderliebe: Mein Vater, nennen. — Lenker meines Schicksals! — O laß mir Sie, Sie! Und wenn ich thöricht bitte, — o so kommen alle Folgen dieser Thorheit über mich! Ich habe ja die Verzweiflung in meinem Herzen herumgetragen, und kann nun alles alles tragen! Ach Sie! Sie! Hier strahlen alle meine Wünsche in einen Glühpunkt zusammen. Was ein Mensch thun kann, will ich thun um Sie. Hinweggeschwunden ist der Nebel, der schwer und giftig auf meinem Leben lag; meine Kräfte treiben wieder aufwärts; heiter und sonnig liegt alles um mich her; Meine Prüfung ist aus, ich bin wieder ein glücklicher, wonnefühlender Mensch.

Und doch ist mirs immer, als müßt' ich zweifeln. Mein verwöhntes Auge vermag den Strahl des Tages noch nicht zu ertragen, und doch ist es gewiß gewiß wahr! Wars nicht, als wenn die Natur und alle Menschen meine Wiederaufnahme mitfeierten? — O ich muß mir alle Augenblicke, alle Räumchen dieses einzigen Wonnetages aufzeichnen. Nichts darf verlohren gehen, und wenn ich [98]mich selbst verliere, so will ich mich hier einst wiederfinden.

(Die Fortsetzung folgt.)


VI.

Ueber die Anmerkungen des Herrn Maimon zu der Fortsetzung des Aufsatzes über Täuschung und besonders vom Traume im 9ten Bande 2ten Stück S. 2.

Veit, Joseph

Mein Freund Herr Salomon Maimon hat zur Fortsetzung meines Aufsatzes über Täuschung und besonders vom Traume Anmerkungen hinzugefügt, darinn er einige meiner Behauptungen zu widerlegen sucht.

Ich habe Ursache mit seiner Beurtheilung nicht zufrieden zu seyn, und werde hier weiter nichts thun, als daß ich mich bemühen werde, meine von ihm bestrittene Behauptungen, seine Gegengründe, und den Punkt, worauf es eigentlich ankommt, dem Leser vor Augen zu legen.

Zur Aufschrift meines Aufsatzes macht H. M. folgende Anmerkung. »Dieser Aufsatz, der bei allem Mangel an Einheit des Prinzips sehr scharf-[99]sinnige Bemerkungen enthält, verdient hier allerdings eine Stelle.

Ich habe durch einige beigefügte Anmerkungen die Idee des Verfassers zu berichtigen, und mit den meinigen gegen einander zu halten gesucht, wodurch der denkende Leser sie zu beurtheilen eher im Stande seyn wird.« Einheit des Prinzips — was will H. M. hiemit sagen? will er zu verstehen geben, daß es dem Leser schwer fallen wird, den Ideengang meines ganzes Aufsatzes mit Einem Blicke zu übersehn?*) 1 dieses kann ich unmöglich glauben.

Meint H. M. aber, daß Widersprüche in meinen Behauptungen liegen, so hätte er sie in seinen Anmerkungen darstellen müssen. Allein der wahre Punkt scheint dieser zu seyn. H. M. klagt: »Der Verfasser hat nicht, wie ich es zu thun geneigt bin, die psychologische Erscheinung aus einem einzigen Prinzipium hergeleitet,**)« 2 und ich bekenne mich zu dieser Sünde. Sie ist indeß schon von mehrern be-[100]gangen worden, und mir ist kein Philosoph bekannt, der die Erfahrungsphilosophie in der That auf einen einzigen Grundsatz gegründet hätte; ja selbst der Philosoph Salomon Maimon macht hierin keine Ausnahme. Bey aller Mühe, welche er sich giebt, alle psychologische Erscheinungen blos aus der Ideenassociation herzuleiten, so nimmt er dennoch ganz stillschweigend auch andere Grundsätze an, und was noch schlimmer ist, er beruft sich sogar, wie man in der Folge sehn wird, auf die Harmonie der Seele mit dem Körper;*) 3 da man doch, wenn man erklären will, sich hierauf gar nicht berufen sollte; [101]denn man sagt mit einer solchen Erklärung weiter nichts als: Dieses ist so, weil es die Harmonie zwischen Seele und Körper so mit sich bringt, und da ihr von dieser nichts wisset, so könnt ihr auch weiter keine Erklärung verlangen. Es ist auch nicht einzusehn, warum gerade der Erfahrungspsychologie der Vorzug zukommen sollte, nur auf einen einzigen Grundsatz zu sehn, da alle andere Wissenschaften mehrerer bedürfen. Euklides hat sich nicht gescheuet, seiner Wissenschaft 12 Grundsätze voranzuschicken, und in der angewandten Mathematik werden die Lehren des Euklides und noch andere vorausgesetzt, und noch Erfahrungssätze hin-[102]zugefügt. Um z.B. eine Linie zu finden, welche entstehen muß, wenn ein Apfel von einem Baume geworfen wird, muß man 4 Grundsätze annehmen: der Trägheit, vermöge welcher die Kraft des Seitenwurfs fortwirkt, der Schwere, des Widerstandes der Luft, und der Zusammensetzung der Kräfte, wovon wenigstens 3 Prinzipien aus der Erfahrung genommen sind. Eine Wissenschaft scheint eine Ausnahme zu machen; allein ist denn die Affinität ein Prinzip? läßt sich denn aus dem gegebenen Grade der Affinität zweier Körper auf den Grad der Affinität schließen, den einer derselben mit allen übrigen Körpern hat? Ein Prinzip muß eine Regel enthalten, darnach man subsumiren kann; enthält es keine, so verdient es diesen Nahmen nicht. Wenn mir der Theist oder Fatalist eine Naturbegebenheit blos dadurch erklären will, daß der Wille Gottes oder die Ordnung der Natur es erfoderte, so sehe ich wohl, daß eine dieser Behauptungen gegründet seyn muß, aber ich sehe auch ein, daß mir keiner von beiden die vorgekommene Erscheinung aus einem Prinzip erklärt hat, weil weder der Wille Gottes noch die Ordnung der Natur eine Regel enthalten, darnach ich irgend eine besondere Naturveränderung subsumiren kann. 2) Giebt es noch so manche Lücke, welche offenbar mit der Affinität nicht auszufüllen ist.

Es ist allerdings vernunftmäßig keine entbehrliche Prinzipien anzunehmen; allein man muß [103]auch keine Erklärung erkünstlen, sie mit Hypothesen beladen, und hineinweben was wider die Wahrscheinlichkeit ist. Eine Erklärung welche nur ein einziges Prinzipium zur Grundlage hat, ist wahrscheinlicher als eine andere darinn mehrere angenommen werden; allein die Erklärung muß nicht wiederum in einer andern Rücksicht wider die Wahrscheinlichkeit sündigen.

Und daß ich es im Vorbeygehn bemerke: mir scheint H. M. zu der Ideenassociation zu viel Vorliebe zu haben. Wie würde er sonst die Entstehung der Erfahrungsprinzipien aus der Association erklären wollen? ist denn die Ideenassociation kein Erfahrungsprinzip? muß nicht auch dieses Gesetz geläugnet werden, wenn die Erfahrung überhaupt geleugnet wird?*) 4 Mit einem Worte: ist es möglich, irgend etwas, was in der Erfahrung vorkommt zu erklären, wenn gar nichts vorhanden ist, das auch ohne alle Erfahrung angenommen werden muß? doch ich schreite zur Hauptsache.

In dem 8ten Bande 3ten Stück S. 2. habe ich zwei Arten von Vorstellungen unterschieden 1) eine [104]solche, von der uns bekannt ist, daß sie in uns nach dem Gesetze der Ideenassociation entstanden ist, wir mögen die Mittelideen und die ganze Verbindung genau kennen, oder auch nur überhaupt wissen, daß die Vorstellung die Folge der ihr vorhergegangenen in uns gewesen ist, als wenn wir z.B. uns auf etwas zu erinnern bemühen, so sind wir uns nicht aller Vorstellungen bewußt, welche wir durchwandert haben; aber wir wissen überhaupt, daß wir sie durchwandert haben, und daß die Erinnerung, wenn sie wirklich geschiehet, eine Folge aller vorhergegangenen gewesen, und nach dem Gesetze der Ideenassociation in uns entstanden ist. Von einer Vorstellung dieser Art können wir erst glauben, daß sie außer uns eine Wirklichkeit habe, sobald wir von einer Einbildung wissen, daß sie sich in uns entsponnen hat, so wissen wir auch, daß sie nur in und nicht außer uns eine Wirklichkeit hat. Hingegen giebt es 2tens Vorstellungen, welche sich mit einemmahle uns aufdringen, ohne daß wir eine Spur eines vorhergegangenen Ideengangs bemerken, welcher uns darauf [105]geleitet haben könnte: als wenn z.B., indem ich dieses schreibe, ein Vogel vor meinen Augen vorbeistreicht, so glaube ich überzeugt zu seyn, daß in allen meinen vorhergehabten Ideen kein Faden anzutreffen sey, daran sich die Vorstellung des Vogels geknüpft hätte, und daß also durch sie der Gang meiner Ideen unterbrochen worden ist. Von einer Vorstellung dieser Art muß ich glauben, daß sie nicht blos in mir, sondern auch außer mir eine Wirklichkeit habe; denn, da alle Vorstellungen, welche sich blos in mir entspinnen, an das Gesetz der Ideenassociation gebunden sind, so kann eine ohne Association in mir erfolgte Vorstellung ihr Daseyn nicht blos in mir, sondern muß auch außer mir eine Basis haben.*) 5 Also ist die Unterbrechung der Ideenreihen ein Kennzeichen einer äußern Wirklichkeit, und die Nichtunterbrechung derselben ein Kennzeichen, daß die Vorstellung ihr Daseyn blos in mir hat.**) 6

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Hieraus folgt, daß wir auch getäuscht werden können: wenn wir auf unsre Ideen nicht ganz Acht haben, oder wenn wir uns gar in einem Zustande befinden, darinn das Bewußtseyn unsrer Ideenfolge nicht vollkommen ist, wie z.B. im Traum und in widernatürlichen Zuständen; so können wir glauben, daß eine Vorstellung nicht nach der Association entstanden sey, ohnerachtet sie sich in der That aus den Vorhergegangenen entwickelt hat; wir würden ihr also eine äußere Wirklichkeit zuschreiben, welche sie nicht hat; das ist, wir würden getäuscht werden.*) 7

Ob wir aber gleich selbst im Wachen und bey vollkommener Gesundheit nicht immer auf unsren Ideengang genau Acht haben, so sind wir dennoch in diesem Zustande nicht leicht einer Täuschung ausgesetzt, weil wir darinn Merkmale haben, daran wir sie erkennen können, und zwar 1) an dem Mangel an Lebhaftigkeit, welchen die Vorstellung hat: Die Einbildungskraft vermag z.B. in dem vorausgesetzten Zustande, dem Bilde der Sonne nicht die Lebhaftigkeit zu verleihen, welche es in der Natur hat; es versteht sich aber, daß in Zuständen, darinn die Einbildungskraft außerordentlich wirksam ist, als in vielen widernatürlichen und im Traume [107]dieses Merkmal der Täuschung auch wegfallen muß. 2) erkennen wir die Täuschung an der Nichtübereinstimmung mit dem Gesetze und der Ordnung der Natur;*) 8 gesetzt auch, es fiele mir plötzlich, ohne daß ich eine Ideenassociation mit meinen vorigen Ideen wahrnähme, der Marienthurm ein, und meine Einbildungskraft mahlte sein Bild in mir so lebhaft als es der wirkliche Thurm in mir gewirkt hat; so würde ich selbst in diesem angenommenen Falle — denn in der That findet er im Wachen und bei völliger Gesundheit nicht statt — wohl wissen, daß in mir eine Täuschung vorgehe, weil der Thurm in der Straße darinn ich wohne, gar nicht gesehn werden kann. In eben der Art erkennen wir bey dem Erwachen, daß alles, was uns im Traume vorgekommen ist, eine Täuschung war, weil die Erscheinungen, welche wir darinn gehabt haben, mit der Ordnung der Natur nicht bestehen.

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Ich habe in einer Parenthesis bemerkt, daß der vorhin angenommene Fall in der That im Wachen und bei völliger Gesundheit nicht statt hat, und dieses aus keinem geringern Grunde als weil Widerspruch darin liegt; denn wenn die Einbildungskraft so herrschend ist, als ich sie vorhin beschrieben habe, dann unterdrückt sie die höheren Seelenkräfte, und wir sind entweder nicht bei vollkommener Geistesgesundheit, oder wir träumen; auch würden wir die Nichtübereinstimmung nicht bemerken, weil zu einer solchen Bemerkung die höhern Seelenkräfte ihre Funktionen ungestört verrichten müssen.

Aus allen diesem ziehe ich folgendes Resultat: in einem Zustande darinn unser Bewußtseyn unvollkommen, und unsre Einbildungskraft so außerordentlich herrschend ist, daß die Bilder, welche sie mahlt, und die Begebenheiten, welche sie schildert, von den Naturbildern und Naturbegebenheiten an dem Grade von Lebhaftigkeit und an Nachdruck nicht merklich unterschieden werden können, müssen auch nothwendig Täuschungen statt haben; denn da unser Bewußtseyn unvollkommen ist, so müssen uns unsre Ideenreihen oft unterbrochen scheinen, mithin müssen wir auch äußere Wirklichkeiten zu erblicken glauben; wovon wir, wegen der herrschenden Einbildungskraft, die Täuschung nicht erkennen können.

Die Wolfianer setzen blos in die Uebereinstimmung mit Naturgesetz und Ordnung das Kennzeichen der Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit; allein [109]meiner Meinung nach, kann dieses Kennzeichen weder das einzige noch das primitive seyn. Wenn wir im Traume Mond und Sterne ganz in der Ordnung wahrzunehmen glauben, wie sie in der Natur geordnet sind, und wir bemerken dann, daß sich alle diese Darstellungen in uns entsponnen haben, so wissen wir auch im Traume, daß wir träumen, ob wir gleich gar keine Unübereinstimmungen wahrgenommen haben; und dieser Fall muß sich sogar in der Natur ereignen; denn es kommen in dieser Seelenkunde oft Fälle vor, daß man im Traume die Gewißheit daß man träumt: durch die Erinnerung herauszubringen gesucht hat. Man hat nehmlich sich auf die Ideen erinnern wollen, welche auf die Vorstellungen, die man für eine äußere Wirklichkeit hält, geleitet haben.

Es kann aber auch die Uebereinstimmung mit der Naturordnung nicht das primitive Kennzeichen der Wirklichkeit seyn, denn woher sollten wir Einheit und Beständigkeit der Natur abstrahiren? da die Einbildungskraft mit der Wirklichkeit im Streite ist, vereint was sie trennt, und trennt was diese vereint. Allein in der That geht es so zu: alle unsre Vorstellungen stellen sich zuförderst in zwei Klassen in uns dar, in stetig fortlaufende und unterbrochene Ideenreihe, und dann bemerken wir in der Klasse der unterbrochnen Einheit, Ordnung und Gesetz. Wir haben also schon, ehe wir Naturgesetze erkannten, die wahre Natur von der eingebildeten unterschieden, mithin [110]kann die Uebereinstimmung mit derselben das primitive Kennzeichen nicht seyn, daran wir die Wirklichkeit erkennen. Folgende Bemerkung scheint diese Behauptung zu bestätigen: Kinder, welche seit ihrer Geburt oft herumgetragen worden, geben sehr frühe zu erkennen, daß sie schon Begriffe erlangt haben, da man doch gerade das Gegentheil hiervon vermuthen sollte: die große Menge von Gegenständen, welche sie sehn, sollte sie hindern von irgend einem einen Begriff festzusetzen; wenn aber die erste Bildung, welche ein Kind erlangt, darinn besteht, daß es die Klasse der unterbrochenen Ideenreihe von der Klasse der stetig fortlaufenden unterscheidet, so wird durch die beständige Abänderung der empfangnen Eindrücke die Kenntniß der unterbrochenen Ideenreihe, mithin die erste Bildung, befördert.

Wie dem auch sey, so hat das Resultat seine Richtigkeit, welches ich vorhin angezeigt, und in dem 9ten Bande 2ten Stück Seite 10 folgendermaßen ausgedrückt habe: »Aus den Gründen, welche bisher vorgetragen worden, kann nun folgendes hergeleitet werden: wenn die Einbildungskraft regiert, Bilder sehr lebhaft mahlt, Begebenheiten mit Nachdruck schildert, und also die höheren Seelenkräfte unterdrückt, dann ist sie, wenn das Bewußtseyn zugleich unvollkommen ist, auch täuschend, weil die Spur der vorhergegangenen Ideenreihen, mithin das Kennzeichen der innern Erzeugung einer Vorstellung oft verloren geht, und die Ungereimtheiten [111]wegen der Schwäche der Vernunft und des Verstandes nicht auffallen können.«

Ich spreche hier im Allgemeinen und gar nicht vom Traume; meine eigentliche Erklärung vom Traume geschiehet erst Seite 21. Nimmt man indessen aus der Erfahrung, daß im Traume die Einbildungskraft herrschend, und das Bewußtseyn unvollkommen ist, so erklärt sich aus meinem genommenen Resultat die Täuschung in diesem Zustande, daß wir darin die Ideen der Einbildungskraft für äußere Wirklichkeiten halten; Herr M. macht daher von diesem Resultat eine Anwendung auf den Traum, und antizipirt eine Anmerkung. Ich werde sie theilweise hersetzen, und über jeden Theil meine Meinung sagen: »Aber warum ist die Einbildungskraft wegen ihrer Lebhaftigkeit täuschend?« Ich habe nicht gesagt, daß die Einbildungskraft allein, sondern in Verbindung mit einem unvollkommenen Bewußtseyn täuschend ist, und hiezu waren die Gründe schon angegeben. wo sich täuschen heißt, dasjenige was nicht wirklich ist, für wirklich halten. Nun aber ist der Erklärung des Verfassers zufolge die Unterbrechung der Ideenreihe ein Kennzeichen der Wirklichkeit, so wie umgekehrt das Bewustseyn der Erzeugung der Ideen aus einander nach dem Gesetze der Association ein Kennzeichen der Nichtwirklichkeit; im Traume aber da die Seele gänzlich außer sich geräth, und sich blos mit den ihr vorschwebenden Bildern beschäftigt, urtheilt man [112]so wenig von der Wirklichkeit als von der Nichtwirklichkeit dieser Bilder, ihre Folge in Ansehung des Subjekts ist immer eben dieselbe.«

Herr Maimon sowohl als ich haben die Thatsache zu erklären gesucht: warum man im Traume einen Gegenstand mit Augen zu sehn glaubt, der nicht vorhanden ist? Ich kann also nicht einsehn, wie Herr M. diese Thatsache hier bezweiflen kann; wenn wir im Traume glauben einen Gegenstand zu sehn, so urtheilen wir über dessen Wirklichkeit.*) 9 Es ist wahr, daß das Selbstbewußtseyn im Traume nur geringe ist; wir betrachten uns selbst nur selten als einen Gegenstand, und daher habe ich im 8ten Bande 3ten Stück Seite 31 gesagt: »Das Ich ist in diesem Zustande nur schwebend«; allein das hindert nicht, daß wir im Traume über die Wirklichkeit eines äußern Gegenstandes urtheilen könnten; wenn wir im Wachen ein solches Urtheil fällen, so betrachten wir uns in diesem Augenblicke nicht selbst in der Art als einen Gegenstand, daß wir ein Selbstbewußtseyn haben sollten, sondern der Rückblick auf das Ich unterbleibt in diesem Augenblick ganz. Ueberhaupt setzt H. M. in seinem Aufsatze über Täuschung jederzeit die Einbildungs-[113]kraft im Traume als blos überspringend voraus, und es ist wahr, daß sie es manchmahl darinn ist, und daß wir alsdann über die Wirklichkeit der Gegenstände gar nicht urtheilen; die Seele geräth, wie H. M. unter dieser Bedingung richtig sagt, gänzlich außer sich, und erkennt, wie ich noch hinzusetze nicht einmal einen Gegenstand; allein die Einbildungskraft ist zuweilen auch überspringend und weilend, wie im Zorne, und zuweilen blos weilend, wie in der Traurigkeit. Im Traume finden auch diese Zustände der Einbildungskraft oft statt; und nur alsdann erkennen wir im Traume einen Gegenstand; ja nur alsdann ist darin eine Täuschung möglich.

»Nach dem Aufwachen urtheilt man dieser Erklärung zufolge, durch Erinnerung der Ununterbrechung der Ideenreihe, daß sie blos subjektiv, nicht wirklich ist.« Wo habe ich dieses gesagt?

»Aber wo ist hier Täuschung? Hat man sie denn im Traume für objektiv gehalten? Das kann nicht seyn, da man in ihr (soll vermuthlich heißen in ihm) keine Unterbrechung, die nach dem Verfasser Merkmal der Objektivität ist, wahrgenommen hatte.«

Warum? Da das Bewußtseyn im Traum von unsrem Ideengange sehr unvollkommen ist, so hat man diesen Ideengang für unterbrochen gehalten, und daher geglaubt eine äußre Wirklichkeit wahrzunehmen.

»Meiner Erklärung zufolge (im 9ten Bandes 1ten Stück S. 2.) beruht das Urtheil von der Ob-[114]jektivität der Ideen auf dem Bewußtseyn der Selbstmacht, die Association der Ideen zweckmäßig zu bestimmen.« Die Frage, welche ich (8n Bds. 3s Stück S. 18.) aufgeworfen habe, ist diese: »da alle unsre Vorstellungen Beschaffenheiten unsres denkenden Wesens sind, so frägt es sich: woher kommt es, daß wir irgend etwas als ein Ding ansehn, welches außer uns wirklich, und so wenig von unsrer Vorstellung abhängt, daß es noch fortdauern kann, wenn auch wir und unser denkendes Wesen und mit ihm alle unsre Vorstellungen zernichtet werden sollten?« und ich setze jetzt noch hinzu: mit einem Worte, warum sind wir nicht alle erklärte Egoisten? es muß also irgend ein Prinzip vorhanden seyn, welches wenigstens Zweifel gegen den Egoismus erregt. Hat nun H. M. diese Frage beantwortet? Kann die Selbstmacht eine Wirklichkeit beweisen, die außer uns und von unsrer Selbstmacht ganz unabhängig ist?

Den übrigen Theil seiner Anmerkung übergehe ich; denn es ist meine Absicht nicht das zu widerlegen, was gar keinen Einfluß auf meine Behauptungen hat; ich werde daher zur Widerlegung der Einwürfe schreiten, welche in den übrigen Anmerkungen des Herrn M. vorkommen.

Es ist vorhin schon ausgeführt worden, daß ein unvollkommenes Bewußtseyn und eine herrschende Einbildungskraft Täuschungen hervorbringen. Die Erfahrung lehrt, daß beide im Traume vorhanden sind; aber ich frage zuförderst nach der Ursache der herrschenden Einbildungskraft in diesem Zustande. Meh-[115]rentheils setzt man sie in den beinahe gänzlichen Mangel der sinnlichen Empfindung. Die Einbildungskraft wirkt, dieser Erklärung zufolge stärker, weil wir von den Vorstellungen, welche uns zuströhmen, nicht gestört werden. Herr M. tritt dieser Meinung auch bei; denn er sagt (im 9n Bandes 1n Stück S. 71.) »Die Ursache des Traumes ist eine durch die Wirksamkeit der Sinne ununterbrochene Einbildungskraft,« ich mache aber in meiner Fortsetzung (im 9ten Bande 2ten Stück S. 13.) folgenden Einwurf: »Allein es frägt sich: warum erhalten nicht durch den Mangel an sinnlicher Empfindung auch die höhern Seelenkräfte einen höhern Schwung? warum sinken sie vielmehr so tief herab, daß wir im Traume alle die Ungereimtheiten im Ernste glauben, welche uns darin vorkommen? Warum verhält es sich nicht grade so, als wenn wir im Finstern säßen; denn nicht blos die Einbildungskraft, sondern auch die höhern Seelenkräfte, leisten alsdann ihre Funktionen weit besser, so daß viele denkende Köpfe, und besonders viele Engländer, sich ins Finstere setzen, oder den Eingang des Lichts bei hellem Tage verhindern, um eine Spekulation durchzudenken.«

Und nun werde ich Anfang und Ende von der Anmerkung anzeigen, welche Herr M. zu dieser Stelle gemacht hat: »Diese Frage habe ich schon im gedachten Aufsatze (das ist im 9ten Bande 1ten Stück S. 2. darinn seine vorangeführte Erklärung vorkommt) auf folgende Art beantwortet,« und zu Ende dieser Anmerkung sagt H. M. dem Leser im [116]voraus: »Der Verfasser scheint, ob zwar mit Umschweif eben dasselbe zu sagen,« und ich antworte vorläufig: diese Frage steht ganz zuverlässig in dem bemerkten Aufsatze des H. M. ganz und gar nicht; ja er kann, aus dem von mir angeführten Grunde, nicht einmahl an sie gedacht haben; und nun werde ich den ganzen übrigen Theil seiner Anmerkung nach und nach anführen, und wo es nöthig seyn wird, meine Meinung darüber sagen. H. M. glaubt also geantwortet zu haben: »Im Schlafe verliert der Körper seine zur Wirksamkeit der Seele, nach der bekannten Harmonie zwischen Seele und Körper erforderliche Spannung. Im Traume bekommt er zum Theil diese Spannung wieder. Die Einbildungskraft zeigt sich alsdann thätig in Ansehung derjenigen Associationsart, die keine Selbstmacht der Seele erfordert, als der Aehnlichkeit, Konsistenz, (soll wohl Koexistenz heißen) und Sukzession, d.h. solcher, worinn die associirten Ideen schon durch die äußern Objekte bestimmt werden, nicht aber in Ansehung der Associationsart der nothwendigen Dependenz, von Grund und Folge, die eine Selbstmacht der Urtheilskraft erfordert.« Hiergegen finde ich Folgendes zu erinnern: 1) Ist es nicht wahr, daß beim Träumen keine Art von Einbildungskraft vorkommt, welche eine Selbstmacht der Seele erfordert; es werden im Traume ganze zusammenhängende Begebenheiten geschildert, und dies sollte keiner Selbstmacht nöthig haben? Mir ist das unbegreiflich. Die Fantasie — denn die [117]Schilderung und Erdichtung der Begebenheiten gehört eigentlich zur Fantasie — kann ohne Selbstmacht, ja sogar ohne Selbstmacht der Urtheilskraft nicht bestehn. Wenn man nicht von einer besondern Art des Traumes spricht, darin die Einbildungskraft blos überspringend ist, so kann man vom Traume nicht sagen, daß gar keine höhere Seelenkräfte darin wallten, und mithin keine Selbstmacht der Urtheilskraft darin vorhanden sey. Es fehlt in einem Traume, darin die Fantasie herrscht, nur an einer solchen Selbstmacht der Seele, welche von ihr nicht ausgeübt wird, wenn sie nicht der Vorsatz — in dem eigentlichen Sinne des Wortes — veranlaßt; und daß ich es hier vorläufig bemerke, wenn ein Traum lange fortgesetzt wird, so daß keine Rückfälle aus demselben in den tiefen Schlaf geschehen, dann findet sich auch der Vorsatz ein, und dann sind sogar Erfindungen möglich. Das war also meine erste Erinnerung, und nun zur zweyten: Die Frage war: warum sind im Traume die höhern Seelenkräfte unterdrückt? oder mit andren Worten: warum werden die Kräfte unterdrückt, welche eine Willkühr der Seele erfordern, und dem Zusammenhange der Dinge nach Grund und Folge nachspüren? Ich finde in der angeführten Anmerkung keine andre Antwort als: »Weil es die Harmonie zwischen Seele und Körper so mit sich bringt;« und das hätte ich gesagt? ich hätte mich statt einer Erklärung auf diese Harmonie berufen? H. M. fährt fort: »Trift es sich aber zufälligerweise, daß diese [118]beiderley Associationsarten in ihren Wirkungen übereinstimmen, alsdann wird nicht nur die Einbildungskraft sondern auch die höhern Seelenkräfte in Wirksamkeit gesetzt,« aber warum? wenn die Einbildungskraft die Wirkung hervorbringt, welche sonst die höhern Seelenkräfte hervorzubringen pflegen, so werden sie dadurch noch nicht in Wirksamkeit gesetzt; und ist nicht diese eben angenommene Harmonie eine Hypothese und noch dazu eine höchst unwahrscheinliche Hypothese, die sich durch weiter nichts erklären läßt, als daß sie ein Werk des Zufalles ist. »Man geräth alsdann wirklich auf neue Erfindungen in Wissenschaften, auf Auflösung schwerer Probleme und dergleichen.« Dieser Fall ist, wie H. M. bald darauf selbst erinnert, sehr selten; allein warum nimmt Herr Maimon einen Fall an, der sich auch im Wachen nur bei wenigen Menschen, und auch bei diesen äußerst selten ereignet? hingegen kommen die Fälle sehr häufig vor, daß man im Traume über gewisse Gegenstände raisonnirt; das Raisonnement mag unrichtig seyn oder nicht, so beweist es entweder, daß die höheren Seelenkräfte im Traume nur unterdrückt, aber nicht ganz außer Wirksamkeit gesetzt werden; oder man muß auch für diese äußerst häufig vorkommenden Fälle die höchst unwahrscheinliche Hypothese des H. M. annehmen. »Da aber der Fall sich sehr selten ereignet, daß z.B. die Associationsart der Konsistenz (Koexistenz) mit der Dependenz in den Objekten übereinstimmt, so darf freilich niemand darauf Rechnung machen, [119]und jeder thut am besten, wenn er seine Untersuchung hübsch wachend anstellt.« Wenn der Scherz hievon abgesondert wird, so bleibt im Ernste noch Folgendes übrig: Die Uebereinstimmung der Einbildungskraft mit den höhern Seelenkräften ist so unwahrscheinlich, daß sie sich im voraus nicht erwarten läßt; und hierin hat H. M. allerdings Recht; denn wie sollte es wahrscheinlich seyn, daß zwey so entgegengesetzte Kräfte harmonische Wirkungen hervorbringen würden?

Ich werde nunmehr zu meiner Erklärung schreiten; es ist nehmlich darzuthun, warum im Traume das Bewußtseyn unvollkommen, und die Einbildungskraft herrschend ist. Zuförderst werde ich die Unvollkommenheit des Bewußtseyns hypothetisch annehmen, um daraus die Herrschaft der Einbildungskraft herzuleiten.

Es liegen der dogmatischen Vernunft zwey Hindernisse im Wege, welche von der Selbstmacht der Seele herkommen, 1) erregen die unsinnlichen Begriffe, als Zweck, Wesen u.s.w. Zweifel über ihre Möglichkeit und Anwendbarkeit; die nehmlichen Bewegungsgründe, welche die Vernunft bestimmen, ihre Selbstmacht zu der Verbindung der Begriffe zu bestimmen, bestimmen sie auch das Gehalt der Begriffe selbst zu prüfen, und sie wird alle Augenblicke in ihren Fortschritten gehindert. 2) Entspricht jedem sinnlichen Begriff eine Anschauung; die weilende Einbildungskraft verwandelt die Anschauung in ein Bild, da die Ausmahlung der Naturbilder sehr [120]viele Anziehung für uns hat, und die Vernunft wird hierdurch ebenfalls in ihren Fortschritten gestört. Durch diese Hindernisse wird die Seele von ihren angestellten Untersuchungen ganz abgebracht; die weilende Einbildungskraft und die Selbstmacht, welche durch die vorigen Operationen rege wurden, verbinden sich mit einander und erzeugen die Fantasie; denn diese ist nichts anders als eine Einbildungskraft, welche weilend genug ist, um Bilder vollkommen auszumahlen, mit Selbstmacht vereint, um Fortschritte zu machen, und von einer Vernunft begleitet, welche keine Zweifel erregt, als solche, die dem Entwurfe der Einbildungskraft zu statten kommen. Diese vorerwähnten Schwierigkeiten stehn der Erlernung einer neuen Wissenschaft, und der Fortsetzung einer Untersuchung entgegen, auch enthalten sie die Ursache, daß Schulknaben, nachdem sie lange studirt, eine Anwandlung von Fantasie — in dem eben erklärten Sinn — bekommen, welche eine Zerstreuung nöthig macht.

Bey Erlernung der reinen Mathematik sind jedoch diese Schwierigkeiten nicht vorhanden; denn in der Geometrie fallen Anschauungen und Begriffe ineinander; die Anschauungen unterstützen also noch die Vernunft, und die weilende Einbildungskraft hat gar keine Gelegenheit sie in Naturbilder zu verwandeln; noch hat die Geometrie Begriffe, welche Zweifel erregen. In der Arithmetik und gemeinen Algebra haben die Begriffe gar keine Anschauungen; die weilende Einbildungskraft kommt also auch in [121]diesen Wissenschaften mit der Vernunft in gar keine Kollision, und die Begriffe derselben sind ebenfalls nicht dem mindesten Zweifel unterworfen. Man sagt daher mit Recht, daß nicht derjenige dumm sey, der die Metaphisik oder auch eine praktische Wissenschaft nicht zu fassen vermag, sondern derjenige, welcher die Fähigkeit nicht hat, die reine Mathematik zu erlernen; denn um diese zu erlernen braucht man keinen Hindernissen entgegen zu arbeiten, welche von den Seelenkräften selbst herkommen, und man muß also den Grad der Vernunft nicht haben, der zu ihrer Erlernung erfordert wird; das ist, man ist in Absicht dieser Wissenschaft dumm.

Ich habe gesagt in Absicht dieser Wissenschaft; denn ich will gar nicht behaupten, daß derjenige, dem es zu schwer wird, die Lehren der reinen Mathematik zu fassen, in keiner andern Wissenschaft fortkommen kann; denn die Mathematik erfordert einen Grad der Vernunft, welchen wenige andere Wissenschaften erfordern; ich sage nur, daß der Fehler in dem Grad der Vernunft selbst liegen muß, wenn jemand die reine Mathematik nicht zu begreifen vermag.

Man siehet, daß der Beendigung einer Untersuchung, der Erlernung aller Wissenschaften große Schwierigkeiten entgegen stehen, und daß davon nur eine einzige ausgenommen ist, zu deren Erlernung aber ein großer Grad der Vernunft erfordert wird, und hiemit hat sich die vorhin angezeigte Frage: warum im Traume die Einbildungskraft walltet, und die höhern unterdrückt sind, in eine ganz an-[122]dere verwandelt, nehmlich: warum ist nicht auch im Wachen die Einbildungskraft herrschend und die höheren Seelenkräfte unterdrückt, da selbst die Wirksamkeit der Vernunft die Einbildungskraft in Wirksamkeit setzt, und die angezeigten Operationen der höhern Seelenkräfte hindert? Woher kommt es also, daß Untersuchungen durchgeführt, Wissenschaften erlernt, ja sogar erfunden werden können?

Ich antworte: der Vorsatz vermag alles dieses; die Anspornung, das einmal Vorgenommene auszuführen, und die Schwierigkeiten zu besiegen, welche sich der Ausführung entgegenstellen, belebt die Macht welche wir haben, Ideen zu schwächen, zu stärken und zu leiten; der Vorsatz ist es also, welcher im Wachen der Vernunft aufhilft, die Einbildungskraft zu Gunsten der letztern unterdrückt, und die Zweifel, welche ihren Fortgang hindern, zurückweist.

Ich kann mich nicht enthalten, hier wiederum im Vorbeygehn eine Anmerkung zu machen: man wundert sich über die Entstehung der Selbsttäuschung, und scheint zu vergessen, daß sie von der Kraft herrührt, welche wir haben, Zweifel zurück zu weisen. Wenn wir also etwas erwägen, dabei wir sehr interressirt sind, so sind wir in Gefahr die Gründe abzuweisen, von denen wir merken, daß sie nicht zum Vortheil unsrer Selbstbefriedigung ausfallen werden, und die Gründe zu erheben, welche sich mit ihr vertragen. Wer sich zu täuschen sucht, wiederhohlt die Gründe, welche für seine Lieblingsmeinung sind unzähligemahl, und hört nicht gerne die Gegen-[123]gründe vortragen. Daß man aber wirklich die Kraft hat, Zweifel zurück zu weisen, beweisen unsre Erfahrungskenntnisse. Würden wir deren haben, wenn wir bei Anstellung der Erfahrung die Zweifel erwogen hätten, welche gegen die Erfahrungsschlüsse statt finden? und müssen sie nicht einem jeden eingefallen, und bey Anstellung der Erfahrung und Gründung aller Erfahrungslehren zurückgewiesen worden seyn? Also das im Vorbeigehn und nun wiederum zur Sache.

Die Selbstmacht muß jederzeit einen Bestimmungsgrund in dem Begehrungsvermögen haben, die Bestimmungsgründe der Selbstmacht zur Fantasie sind aus dem bereits Vorgetragenen leicht abzunehmen, aber zur Selbstmacht welche zur Vernunft gehört? dazu kann nun kein andrer Bestimmungsgrund vorhanden seyn, als der Reitz, den es für uns hat, das Vorgenommene auszuführen, und die Schwierigkeiten zu überwinden; allein wir trotzen den Schwierigkeiten nicht, wenn wir nicht wenigstens vermuthen, daß wir sie überwinden können; hiezu wird aber wiederum erfordert, daß wir eine Kenntniß von unsrer Fähigkeit besitzen; dann machen wir uns selbst zum Gegenstand unsrer Betrachtungen und fragen: vermag ich das? Also setzt die Ausübung des Vorsatzes auch ein Selbstbewußtseyn voraus; da nun ohne Ausübung des Vorsatzes die Einbildungskraft herrschen muß, auch alsdann die reinere Vernunft — im Gegensatz einer solchen, welche sich mit der Fantasie verbindet — nicht wallten kann, so muß auch im Traume die Einbil-[124]dungskraft herrschend und die reine Vernunft unterdrückt seyn, weil unser Bewußtseyn darin unvollkommen ist.

Es wird nun noch zu zeigen seyn, warum das Bewußtseyn im Traume unvollkommen ist. Das ist, warum wir im Traume nur selten uns als einen Gegenstand betrachten, und uns auch die Spuren unsres Ideenganges oft verloren gehn; denn beyde Bestimmungen sind vom Traume angenommen worden.

Wenn wir uns als einen besondern Gegenstand betrachten, das ist, wenn wir ein Selbstbewußtseyn haben sollen, dann müssen wir Rückblicke von unsren Vorstellungen auf die Quelle derselben werfen. Nun wird, wie Homer bemerkt hat, der Rückblik von Folge auf Grund der Seele sehr schwer, es müssen daher dem Selbstbewußtseyn im Traume zwei Schwierigkeiten entgegen stehen, 1) die eben angegebene, 2) werden die mehresten Traumideen in einem Traume, darinn Täuschungen vorgehn — in einem Traume, darinn die Einbildungskraft blos überspringend ist, geht, wie mehreremale erinnert worden, gar keine Täuschung vor, weil darin kein Urtheil vorhanden ist — es werden also die mehresten Traumideen durch eine Selbstmacht der Seele hervorgebracht, und die Seele ist demnach mit Hervorbringung derselben zu sehr beschäftigt, als daß sie einen Rückblick auf sich selbst werfen könnte, daher muß auch unser Selbstbewußtseyn im Traume nur geringe seyn. Hieraus folgt aber, daß uns auch die Spur unsrer Gedankenreihen oft verloren gehn müs-[125]se; denn um sie zu kennen müssen wir von Zeit zu Zeit eine Revision über unsre Gedankenreihe anstellen, wie das im Wachen wirklich geschiehet; dazu ist aber die Erinnerung erforderlich, welche wiederum ohne Selbstbewußtseyn nicht möglich ist. In dem Augenblick, in welchem wir uns auf etwas zu erinnern bemüht sind, müssen wir einen hohen Grad von Selbstbewußtseyn haben, wir betrachten uns als einen Gegenstand, und rechnen die Begriffe her, welche diesem Gegenstande zugekommen sind. Da nun das Selbstbewußtseyn im Traume nur selten da ist, so kann auch die Revision nur selten geschehen, und es müssen daher die Spuren des Ideenganges oft verloren gehn.

Wenn aber ein Traum lange fortgesetzt wird, ohne daß Rückfälle in den tiefern Schlaf geschehen, so verbessert sich das Selbstbewußtseyn, und mit ihm alle Funktionen der Seele; denn die Seele beschäftigt sich alsdann mit den Bildern, welche sie schon vorher hervorgebracht hat, bringt weniger neue Bilder hervor, und verhält sich also in Absicht der ihr vorschwebenden Bilder mehr leidend als wirkend, und kann demnach weit eher ihre Thätigkeit anwenden, um Rückblicke auf sich selbst zu werfen, und ihr Selbstbewußtseyn zu verbessern.

Wenn uns aber Vorstellungen von aussen zuströhmen, dann verhalten wir uns nicht nur mehr leidend als wirkend, sondern auch der Rückblick auf eine Ursache wird dadurch sehr erleichtert, welches ich in meinem Aufsatze aus der Erfahrung darzu thun suche.

[126]

Die Streitpunkte zwischen Herrn Maimon und mir sind also folgende.

Nach mir ist die Unterbrechung und Nichtunterbrechung der Ideenreihen ein Kennzeichen der äussern Wirklichkeit, oder Nichtwirklichkeit, welches H. M. leugnet. Nach Herrn M. ist die Selbstmacht, welche wir anwenden, eine Ideenreihe fortzusetzen oder zu unterbrechen ein Kennzeichen der äussern Wirklichkeit, welches ich leugne. Nach Herrn M. giebt es keine Selbstmacht im Traume; nach mir hingegen ist dieses nur von Träumen wahr, darinn die Einbildungskraft blos überspringend ist, nicht aber in solchen, darinn die Einbildungskraft weilend ist, und darinn allein eine Täuschung vorgeht, denn in solchen Träumen ist auch Selbstmacht nach meiner Behauptung vorhanden.

Nach H. M. urtheilen wir im Traume nicht über die Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit der uns vorschwebenden Bilder, welches ich leugne, weil im Traume, darinn die Einbildungskraft weilend ist, allerdings ein solches Urtheil gefällt wird.

Nach H. M. kann man in der Psychologie alles aus einem einzigen Prinzip erklären, welches ich leugne.

Die beiden letzten Anmerkungen des H. M. betreffen die Transcendentalphilosophie und haben keinen Einfluß in diese Materie, daher ich sie nur berühren werde.

S. 22. habe ich gesagt: »ob wir gleich eine Art von Erkenntniß unsres Ichs haben müssen, ehe wir gar eine Vorstellung haben können,« es [127]war meine Absicht gar nicht mich in die ernsten Spekulationen der Transcendentalphilosophie einzulassen, und ich sagte dieses nur im Vorbeygehn. Herr M. fängt seine Anmerkung folgendermaßen an: »Ich glaube schwerlich: Die Wahrnehmung des Ichs u.s.w.« Ich bemerke blos, daß ich von keiner Wahrnehmung, sondern von einer gewissen Art der Erkenntniß gesprochen. Es ist aber hier der Ort nicht ausführlich hierüber zu seyn.

S. 24. fängt sich die Anmerkung des H. M. folgendermaßen an: »So wenig die Vorstellungen, welche sich in uns erzeugen (welche bloße Formen der Erkenntniß sind u.s.w.)« Ich kann mich zu dem Kommentar, den H. M. in Klammern eingeschlossen hat, nicht verstehn. Ich habe an Kantische Formen gar nicht gedacht, sondern unter dem Ausdrucke Vorstellungen, welche sich in uns erzeugen, vorzüglich die Bilder der Einbildungskraft verstanden; da ich in dem ganzen Aufsatze diesen Ausdruck in diesem Sinne genommen habe, kann ich nicht einsehn, worin H. M. mit mir streitet.*) 10

Joseph Veit.

Fußnoten:

1: *) Dieses ist zwar wahr, wie das Gewissen des V. ihm selbst zu sagen scheint; da aber ein jeder Leser es so gut einsehen kann als ich, so wäre es von mir überflüssig, ausdrücklich davon zu sprechen.
S. M.

2: **) Unter Einheit des Prinzips verstehe ich nicht eben, daß die Erscheinungen auf ein einziges Prinzip zurückgebracht werden sollen, sondern bloß die zu einer jeden Wissenschaft erforderliche Sparsamkeit der Prinzipien, so daß man kein unbekanntes Prinzip annehmen darf, so lange die Erscheinungen aus den schon bekannten Prinzipien sich erklären lassen. So lange daher die psychologischen Erscheinungen sich aus dem Gesetz der Ideenassociation (dem einzigen bekannten psychologischen Prinzip) erklären lassen, haben wir kein Recht zur Erklärung gewisser Erscheinungen andere Prinzipien außer demselben anzunehmen.
S. M.

3: *) Dieses ist dem sonstigen Scharfsinne des V. zuwider, indem er gegen mich dasjenige anführt, was in der That für mich beweißt, wie sehr ich nehmlich die Regel der Sparsamkeit der Prinzipien überall zu beobachten mich bemühe. Die wolfisch-leibnitzische Philosophie nimmt (um gewisse psychologische Erscheinungen, die sich nach dem bekannten Gesetz der Association klarer Vorstellungen nicht erklären lassen, dennoch erklären zu können) das Daseyn der dunklen Vorstellungen an. Ich hingegen leugne das Daseyn der dunklen Vorstellungen, indem Vorstellungen, wenn sie von bloßen körperlichen Eindrücken unterschieden werden sollen, nichts anders als Modifikazionen des Bewustseyns, folglich Vorstellungen ohne Bewustseyn undenkbar sind. Da man also darauf nicht durch unmittelbare Wahrnehmung, sondern bloß durch einen Schluß gerathen ist, so suche ich diese Erscheinungen, die sonst darauf führen, aus dem bekannten Erfahrungssatze von der Verbindung der Seele und des Körpers (einer jeden Vorstellung mit einer ihr korrespondirenden körperlichen Veränderung) so zu erklären, daß man ihrer entbehren kann. (Siehe 9ten Bandes 3tes Stück Seite 5-6.)
S. M.

4: *) Ich weiß nicht was der V. vom Erklären einer Erscheinung für einen Begriff haben mag. Eine Erscheinung erklären, heist dieselbe einem bekannten Gesetze subsumiren. Dieses Gesetz mag a priori oder a posteriori seyn. So wird das Aufsteigen des Wassers in den Haarröhrchen; die Bildung der Tropfen; Ebbe und Fluth und dergl. nach dem durch Indukzion allgemein gemachten Erfahrungsgesetz der Attrakzion erklärt. Ja die ganze Naturlehre enthält lauter Erklärungen nach Gesetzen a posteriori, indem die Gesetze a priori allgemeine Bedingungen aller Erscheinungen überhaupt, aber keine Erklärungsgründe besonderer Erscheinungen abgeben können. Der Vorwurf des V. ist also ungegründet.
S. M.

5: *) Auch die Vorstellungen, die nach dem Gesetz der Ideenassociation der Koexistenz und Succession auf einander folgen, haben nothwendig einen Grund außer mir. Denn dieses Gesetz bestimmt nicht, welche Ideen mit einander in Verbindung gebracht werden sollen, sondern diejenigen werden mit einander associirt, die in der Erfahrung wirklich mit einander verbunden sind.
S. M.

6: **) Es ist dieses falsch, wie ich schon in meinen Anmerkungen zu diesem Aufsatze gezeigt habe.
S. M.

7: *) Ich habe schon grade das Gegentheil davon gezeigt; daß wir nehmlich eben durch die Unterbrechung der Associationsreihe die Täuschung und den Traum als solche erkennen.
S. M.

8: *) Aber was ist diese Nichtübereinstimmung mit den Gesetzen der Natur anders als die Unterbrechung der in der besondern Erfahrung gegründeten Associationsreihe? Daß der Marienthurm, der dem V. einfällt, nicht in der Straße ist, wo er wohnt, ist wahrhaftig kein eigentlich so genanntes Naturgesetz. Der V. widerspricht sich hier selbst, und sieht sich gezwungen meiner Anmerkung beizupflichten, daß nehmlich Unterbrechung der in der Erfahrung gegründeten Ideenreihe weit entfernt ein Merkmal des Wachens abzugeben, vielmehr ein Merkmal des Träumens ist.
S. M.

9: *) Man urtheilt nur alsdann über die Wirklichkeit wenn man sich eines Merkmals der Wirklichkeit bewust ist, welches im Traume nicht statt finden kann, weil das Träumen sonst unmöglich wäre.
S. M.

10: *) Ich habe hier nur diejenigen Stellen dieses Aufsatzes berührt, die hauptsächlich mich betreffen. Was noch über diesen Aufsatz anzumerken ist, soll in der Fortsetzung der Revision vorkommen.
S. M.

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Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
1. Revision der Erfahrungsseelenkunde. Von Salomon Maimon. 1.
2. Sprache in psychologischer Rücksicht. (Von eben demselben.) 11.
3. Der freie Einsiedler mitten in der Welt, nach der Seelenerfahrungskunde. 17.
4. Intendirter Selbstmord aus Hypochondrie. (Aus gerichtlichen Akten gezogen.) 52.
5. Fragment aus dem Tagebuche Weilers. 68.
6. Ueber die Anmerkungen des Herrn Maimon zu der Fortsetzung des Aufsatzes über Täuschung und besonders vom Traume im 9n Bande 2n Stück S. 2. Von Hrn Joseph Veit. 98.