ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VIII, Stück: 1 (1791)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Karl Philipp Moritz,
Professor der Theorie der schönen Künste in Berlin.

Achten Bandes erstes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1790

[<II>]

Nachricht.

Da ich die Herausgabe des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde nach meiner Zurükkunft aus Rom nun selbst übernommen habe; so ersuche ich diejenigen Wahrheitsfreunde, welche durch Mittheilung ihrer Erfahrungen und Beobachtungen den Endzweck dieses Unternehmens mit befördern wollen, unter der Addresse: An den Professor Moritz in Berlin, ihre Beiträge an mich einzusenden. Berlin, im Dezember 1789.

Moritz.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Achten Bandes erstes Stück.

<Revision.>

Ueber den Endzweck des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.*) 1

Moritz, Karl Philipp

Wenn man sonst in irgend einer Sache eine Zeitlang fortgeschritten ist, so ist es nöthig, seine Gedanken einmal wieder auf den Hauptgegenstand zurückzurufen, und zu untersuchen, wohin der Weg uns eigentlich führen soll — dieß kann aber in dem Fall, wo man Wahrheit sucht, nicht wohl statt finden, weil man sich hier das Ziel nicht selber setzen darf, sondern abwarten muß, wohin der Weg führen wird.

Dieß heißt nichts anders, als die Wahrheit muß um ihrer selbst willen gesucht werden; sie muß [2]uns das höchste Gut seyn; und alles Erwünschte und Angenehme, was nicht mit ihr bestehen kann, in unsern Gedanken überwiegen.

Um nun aber das Ziel der Wahrheitsforschung sich nicht zu voreilig aufzustecken, ist der Weg der Erfahrung der sicherste, welcher freilich die Entstehung der Lehrgebäude hindert, aber dafür eine desto festere Grundlage macht, worauf man sicher fußen kann, ehe man weiter geht.

Die Erforschung unsers eigenen innersten Wesens ist nun dasjenige, was freilich näher als alles andere liegt: denn zu allem übrigen noch so weit Umfassenden müssen wir doch immer von diesem Punkt ausgehen, und immer zu diesem Punkte wieder zurückkehren.

Ob nun diese Erforschung unsers Wesens, dieser Rückblick auf uns selber, mit zu unsrer Bestimmung gehören oder nicht? kann bei denkenden Wesen wohl schwerlich noch eine Frage seyn: Denn würden wir uns diesen Rückblick verbieten können, wenn wir es auch selber wollten?

Und gesetzt auch, daß aus diesen Betrachtungen sich für das eigentliche Leben kein unmittelbarer Nutzen zeigte, so würde doch dieser Gesichtspunkt immer dazu dienen, den Kreis des menschlichen Denkens überhaupt zu veredeln, und zu verschönern, und allen übrigen Dingen im Leben mehr Interesse, und Würde zu geben — allein der Nutzen davon, daß wir der Quelle aller Thätigkeit selber uns zu [3]nähern suchen, muß auch unmittelbar sich zeigen, jemehr das Mannichfaltige sich selber auf die einfachsten und wahresten Grundsätze zurückführt, welche über die Verkettungen der menschlichen Dinge den reinsten Aufschluß geben.

Die Geschichte der Menschheit von außen, und die Geschichte des menschlichen Geistes von innen, müssen sich doch endlich auf einem Punkte begegnen, wo die wunderbaren Phänomene anfangen, sich aufzuklären; wo das Denkende und Empfindende sich selbst weniger fremde, mit sich selber vertrauter, und sich selber gesicherter wird.

Da nun das Denkende durch eine dünnere Scheidewand voneinander abgesondert, sich ineinander wiederfindet; so ist die Wahrheitsforschung auch ein gemeinschaftlicher Antheil der Sterblichen, welche aus allen Zeitaltern, sich in diesem Punkte wieder zusammenfinden, der immer reiner und heller werden muß, je uneigennütziger sich die Gedanken mittheilen, und je weniger ein einzelner Sterblicher das Gebiet der Wahrheiten sich zu umfassen zutraut.

Zu einer solchen Mittheilung der Gedanken soll das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde eine fortdaurende Veranlassung geben; es soll das Mannigfaltigste von den äußern Erfahrungen unsers Wesens sammlen, und es für den Denker und Forscher aufbewahren; die Erfahrungen sollen freilich durch Nachdenken geleitet, das Nachdenken [4]aber auch wechselseitig durch die Erfahrungen berichtigt werden.

Dieß Magazin soll keine Strafpredigten gegen Aberglauben und Schwärmerei enthalten, sondern beide als Gegenstände der ruhigen Beobachtung aufstellen, damit ihr Grund und Ungrund sich von selbst aufdecke.

Es soll die Geschichte von den Krankheiten der Seele aufbewahren, und die Leiden der Unglücklichen sollen den Arzt der Seele anspornen, der Quelle der Heilmittel nachzuspähen.

Es soll aber auch den Blick auf die Wunder heften, welche uns so alltäglich geworden sind, daß wir nicht mehr darauf merken; auf die ganz gewöhnlichen Aeußerungen des denkenden und vernehmenden Wesens, worauf niemand so sehr achtet, als auf die seltenen Vorfälle des Wahnwitzes, der Erscheinungen, einer verübten schrecklichen That, u.s.w. und die doch weit merkwürdiger, als diese alle sind.

Es soll daher mit diesem achten Bande, unter der Hauptrubrik zur Seelennaturkunde eine neue Rubrik anheben: Die Wirkungen der äußern Sinne, in psychologischer Rücksicht. — Gewiß wird hier durch wechselseitige Mittheilung sich manches aufklären, was uns bis jetzt noch verborgen ist, und wir werden auf die Weise den Weg der Erfahrung und Beobachtung am sichersten gehen.

[5]

Denn wenn das Denkende sich selbst unmittelbar erforschen will, so ist es immer in Gefahr sich zu täuschen, weil es sich in keinem einzelnen Augenblicke von sich selber absondern, sondern nur ein Hirngespinst statt seiner vor sich hinstellen kann, um es zu zergliedern. —

Die wirkliche Sache muß doch immer in dem jedesmaligen Aktus des Denkens eingehüllt bleiben, welcher sich selbst in dem Augenblick aufheben würde, wo er sein eigner Gegenstand werden wollte.

Fußnoten:

1: *) Dieser Aufsatz möge denn auch zu der im vorigen Stück angefangnen Revision über die Revisionen des Herrn Pockels den Beschluß machen.

[6]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

Aus einem Briefe.

Anonym

Ist Ihnen jedes Phänomen am Horizont der menschlichen Natur wichtig genug, so wird Ihnen dieses — gleichviel auf welcher Sternwarte entdeckt — gewis auch willkommen seyn.

Zu — studierte vor einiger Zeit ein gewisser —g, ein junger Mann von anerkannten großen Fähigkeiten. Der Hauptzug seines Charakters war ein gewisser kalter Spott, den ich wohl aus einer hellern Intuition der menschlichen Dinge, als gewöhnlich ist, herleiten möchte.

Denn sein kerngesunder Verstand ließ sich nicht leicht von seinem warmen Blute, oder wenn man lieber will, sein Kopf ließ sich von seinem Herzen nicht leicht bestechen.

Sein Herz war sonst das beste, und wenn er sich auch zuweilen über Gefühle lustig machte, die andern eine Quelle von Wonne sind, so waren ihm doch die Gefühle der Freundschaft desto heiliger, [7]von der er immer mit einer gewissen Ehrerbietung, und mit einem würdigen Ernste sprach. —

So lebte er dann auf der Universität ein Jahr in der beneidenswerthesten philosophischen Ruhe.

Nach Verlauf dieses Jahrs kam ein junger Herr von ** nach eben der Universität, und dies war der Zeitpunkt, wo —g's Natur völlig umgeschaffen wurde. Der junge Herr von ** war Einer der schönsten jungen Leute die ich je gesehen. Eine Sittsamkeit und eine Würde deren natürlichsten Folgen Liebe und stille Hochachtung seyn mußten.

—g war, als träfe ihn ein electrischer Schlag, als er ihn das Erstemal sah. Ueber sein Gesicht, sonst nur der Ausdruck der unbefangenen Vernunft, und der geläutertsten Phantasie, jagten sich jetzt wechselseitig Ausdrücke von Empfindungen, wie sich Schatten von Wolken an einem Herbsttage über die Erde jagen.

Kam er ihm von ungefähr so nahe, daß er ihn berühren mußte, so bemerkte man eine sichtbare Angst und ein geheimes Zittern an ihm, und doch konnte ihn nichts aus den Zirkel entfernen, in welchem der Herr von ** war. —g war überall, wo er nur vermuthen konnte, daß von ** sey, und als dieser einmal verreist war, erkundigte er sich genau nach dem Tage seiner Zurückkunft, und reiste ihm, ob es gleich das unangenehmste Winterwetter war, drei Meilen entgegen, um mit ihm [8]in einem Wirthshause, wie von ungefähr zusammenzutreffen, und einige Zeit um ihn seyn zu können.

Seine Ruhe des Geistes hatte ihn gänzlich verlassen, und er ward von einer Unruhe herumgetrieben, die das größte Mitleiden seiner Freunde erweckte, nur daß sie bei einem so ausserordentlichen Falle auf kein Mittel kommen konnten, ihn zu heilen.

—g selbst war von einer sehr angenehmen Bildung, er hatte etwas sehr Hohes in Gestalt und im Gange, und so zog er auch des Herrn von ** Aufmerksamkeit auf sich, und es war augenscheinlich, daß er auch etwas Aehnliches für —g empfand.

Allein eine gewisse Aengstlichkeit von beiden Seiten ließ es nie zu einer Erklärung kommen, welches vielleicht das Einzige gewesen wäre, diesem für ihn sowohl als für seinen Freund so unangenehmen Zustande abzuhelfen.

Merkwürdig dabei war's wohl, daß —g mit einer Art von Wuth über Shakespear's Sonnetten, die er an seinen jungen Freund gerichtet, herfiel, und sie in kurzer Zeit alle auswendig konnte. Er recitirte, so oft er sich allein dünkte, einige davon, und das mit einer Innigkeit, begleitet mit einer Gestikulation, die seine Freunde ausser sich brachte.

Er versicherte mich einmal, daß keiner so gut wie er die Sonnetten je verstanden habe, und [9]dabei drückte er mir die Hand und Thränen stockten in seinen Augen. —

Nun kam die Zeit, wo er diese Akademie verlassen, und sie mit einer vaterländischen vertauschen sollte.

Er ging vor seiner Abreise noch einmal in ein Collegium, wo er gewis war, den Herrn von ** zu treffen, sah ihn fast die ganze Stunde unverwandt an, und schien ganz ruhig abzureisen.

Er blieb anderthalb Jahre auf dieser Akademie, und seine Landsleute schrieben uns: —g sey ein ganz andrer Mensch geworden, er sey still und äußerst melancholisch, und man befürchte, daß ihn diese Schwermuth nie verlassen würde.

—g ging nach vollendeten Studien nach seiner Vaterstadt zurück, wo ich ihn eben bei einer Durchreise gesprochen habe.

Es waren grade drei Jahr, da er zum erstenmale den Herrn von ** gesehen.

Er hatte unterdeß eine langwierige und schmerzhafte Krankheit ausgestanden, welche sein Nervensystem doch ziemlich durchschüttert haben mußte, allein weder die Krankheit, noch die Länge der Zeit hatten vermocht, seine unglückliche Leidenschaft ihm aus der Seele zu nehmen.

Sey's daß Krankheit, oder seine Leidenschaft, oder Beide zu gleichen Theilen ihn so verändert, kurz — ich sah in ihm einen ganz andern Menschen.

[10]

Statt des herzlichen Willkommens womit er sonst seine Freunde begrüßte, lächelte er mir düster entgegen, wie die Herbstsonne — ein mattes unbedeutendes Lächeln, aus dem man nichts machen konnte.

Er unterhielt mich mit dem, was dem Herrn von ** unterdeß begegnet sey — unbedeutende Kleinigkeiten.

Die Veränderung meines Schicksaals schien ihn wenig zu interessiren, ihn der sonst so warmen Antheil an Allem nahm, was seine Freunde anging. Ich verließ ihn bald, weil mich bei ihm graute.

Ich warf mich in dem schmerzlichsten Gefühle in meinen Wagen. Ich war ganz allein; ich dachte über die menschliche Natur nach, und ich gesteh's, ich ward so kleinmüthig, daß ich mich vor mir selbst fürchtete. Kaum war ich in dem nächsten Wirthshause angekommen, als ich mich auf mein Zimmer schloß, und um mich meines peinlichen Gefühls zu entledigen, meine Empfindung in diesem Aufsatze auszuschütten suchte, und meinem unglücklichen Freunde eine stille Thräne weinte.

τὰ παιδικὰ liegen gewis nicht zum Grunde, dafür stehe ich; aber Freundschaftsgefühle äussern sich doch auch nicht so.

Hat man schon Beispiele von einer so seltsamen Verirrung der menschlichen Natur? und wie wäre meinem Freunde zu helfen?

[11]

2.

Methode im Wahnwitz.

K. St.

Auszug aus einem Briefe.

W. den 25sten März 1789.

Versprochenermaßen übersende ich Ihnen noch einige Nachrichten von dem wahnwitziggewordenen B..., von dem ich Ihnen schon mündlich verschiedenes Auffallende erzählt habe.

Dieser Mensch ist von einem Meierhofe in einem nicht weit von hier gelegenen Dorfe gebürtig. Seine Eltern waren wohlhabende Leute, und unterschieden sich durch ihre Lebensart von den übrigen Einwohnern des Dorfes so sehr, daß der junge B... nebst noch einem Bruder und einer Schwester einer Erziehung genoß, die auf einem Dorfe gar nicht gewöhnlich ist, und wodurch er zu einem wirklichen gebildeten Menschen wurde.

In seinem Charakter war ein stilles ehrbares Wesen, mit einem gewissen Grade von Stolz verbunden, wobei ihn aber jedermann, da er überdem einen guten Wuchs und schönes Ansehen, obgleich eine schwere stotternde Aussprache hatte, wohl leiden konnte.

[12]

Als er nun so weit erwachsen war, ließ ihn sein Vater die Ingenieurkunst lernen, er war fleißig und kehrte als ein geschickter Mensch zu seinen Eltern wieder zurück.

Da er sich nun aber, weil er wegen hinlänglichen Vermögens nicht nöthig hatte sich um eine Versorgung zu bekümmern, wieder beständig bei seinen Eltern aufhielt, verliebte er sich in die Tochter eines damals hieselbst wohnenden Mannes, welcher im Kriege bei irgend einer Armee ein Lieferante gewesen, aber nun ganz verarmt war, und durch die Mittel und Wege, die er einschlug, um sich wieder empor zu helfen, und überhaupt durch seinen ganzen Charakter, sich und seine Familie bei jedermann verhaßt machte, und heruntersetzte.

Dies war nun B...s Eltern ganz und gar zuwider und sie suchten daher auf alle Art und Weise ihn wieder davon abzubringen.

Aber seine Geliebte und ihre Eltern wußten ihn so in ihr Netz ziehen, daß er sich lieber mit seinen Eltern darüber in Feindschaft setzte, und alles was er durch allerlei Vorgebungen von denselben nur erhalten konnte, erstern zubrachte und große Summen mit Unternehmungen verschwendete, wozu seine Geliebte und deren Eltern die Plane entworfen hatten, und wovon der Erfolg immer für ihn unglücklich war.

Dies dauerte so fort bis seine Eltern endlich überrechneten, daß er den größten Theil seines der-[13]einst zu hoffenden Erbtheils bereits dahin habe, und ihn nun ferner zu enterben droheten, wenn er so fortfahren würde.

Dies gab der Sache einen Verstoß und seine Geliebte und deren Eltern sahen sich nun genöthigt ihr Glück an einem andern Orte zu versuchen, und zogen daher nach H....

Sie waren aber noch nicht gar lange da gewesen, als B... auch schon dahin reisete, um, wie er vorgab, sie nur einmal zu besuchen.

Er war aber kaum einige Tage da gewesen, so bekamen seine Eltern die Nachricht, daß er auf einmal rasend toll geworden sey und bereits in Ketten und Banden müsse festgehalten werden. Und er wurde nun als ein solcher auf einem Wagen mit Ketten und Banden befestiget wieder zu seinen Eltern gebracht.

Was nun die eigentliche Ursache seiner so plötzlichen Raserei mag gewesen seyn und ob, und in wie fern dieser Besuch kann dazu beigetragen haben, vermag ich nicht zu sagen, nur muß ich bemerken, daß er in seiner Raserei einmal über das andere immer gerufen: Der Teufel ....! und die Teufelin ....!

Seine hierüber bestürzten Eltern hatten ihn nun erstlich einige Wochen bei sich, und erkundigten sich dann nach irgend einem Arzte, welchen sie auch fanden und ihn dahin bringen liessen.

[14]

Dieser stellte ihn nach einiger Zeit nicht nur von der Raserei völlig wieder her, sondern hatte ihn auch so weit gebracht, daß er sich, außer einzelnen kurzen Perioden, worin er sich närrisch zeigte, wie ein völlig vernünftiger Mensch betrug.

Seine Eltern glaubten nun, es werde sich nach grade von selbst schon ganz mit ihm bessern, und nahmen ihn wieder zu sich.

Die gehofte völlige Besserung aber erfolgte nicht, sein Vater starb bald darauf, und seine Mutter verkaufte das Meierguth, und zog zu ihrer Tochter, welche nach N.... verheirathet war.

Sie verkaufte das Guth, aber auf die Art, daß der Käufer desselben diesen unglücklichen Menschen gleichsam als ein auf diesem Guthe haftendes Onus mit übernehmen mußte, und mit dem Beding, daß er ihn entweder selbst ernähren, und so viel wie er könnte, mit zu seiner Arbeit brauchen oder ihm jährlich ein Gewisses zu seiner Erhaltung auszahlen solle.

Ihm war dies nun äußerst kränkend, und er beklagte sich auf das Bitterste und Rührendste über diese Härte und Lieblosigkeit seiner Mutter. Welches auch ganz natürlich war, da er von Natur viel Stolz besaß, und nun so tief gesunken war, daß er wie eine Sache mit verkauft wurde.

Anfänglich ließ er es sich jedoch gefallen, daß er bei seinem Besitzer mit an den Tisch gieng und ihm getreulich arbeiten half. Bald aber trug er [15]darauf an, daß ihm sein Besitzer nur Wohnung geben, und dann zu bestimmten Zeiten ein Gewisses an Gelde auszahlen möchte, welches ihm dann auch bewilliget wurde.

Seitdem hält er sich nun bald bei diesem bald bei jenem auf, und hilft ihm arbeiten. Bisweilen geht er auch zu seiner Mutter. Wer ihm zu essen und zu trinken giebt, dem verschmäht er solches nicht, sondern nimmt es dankbar an; es sey denn, daß man es ihm nicht auf eine höfliche Art anbiete. Seine Mutter sorgt für seine Kleidung.

In Ansehung seines so sehr gekränkten Stolzes aber hält ihn seine Phantasie vollkommen schadloß. Denn, wenn er sich eine Zeitlang bei irgend jemand ruhig und ordentlich aufgehalten hat, und ihm dann vermuthlich das Kränkende und Demüthigende seines Zustandes in die Gedanken kommen mag, so versetzt ihn seine Phantasie, statt, daß er sonst wohl in Verzweiflung geriethe, in irgend eine auffallende Scene des Lebens.

Er macht periodenweise bald den Held, indem er sich dann ordentlich bewafnet, als ein Krieger in der ganzen Gegend herumwandert, sich selbst alle Tage ein neu Quartier macht, welches ihm dann auch niemand leicht versagt, und vor demselben dann eine Fahne aufsteckt, welche er mit allerlei Farben und Bändern verziert hat, und womit er anzeigen will, daß hier das Hauptquartier sey.

[16]

Dann macht er mahl wieder nach einer ruhigen Periode den Mönch, wo er sich dann mit weiter nichts bekleidet, als das er ein großes weißes Lacken umhängt und also den ganzen Tag baarfuß umhergeht.

Er ist gut mit den biblischen Geschichten bekannt, und seine Phantasie läßt ihn daher auch öfters eine Person dieser Geschichte seyn, so daß er sich bald für den Täufer Johannes bald für den Apostel Petrus ausgiebt.

In diesen Perioden läßt er sich den Bart wachsen, und im erstern Falle trägt er einen großen Tornüster mit Büchern und ermahnt das Volk auf öffentlicher Straße durch lange Reden zur Buße.

Im andern Falle aber behängt er sich mit Schlüsseln, wodurch er öfters die Leute in Verlegenheit setzt, indem sie dann ihre Schlüssel vermissen, und sie doch nicht gerne bei ihm suchen mögen.

Solche Perioden dauern bisweilen einige Wochen, bisweilen auch einige Monate über, und ehe man es sich versieht, bleibt er wieder bei jemandem und beträgt sich vernünftig.

Wenn man ihn während der phantasirenden Perioden oder auch nachher darum befrägt, so giebt er weiter keine Antwort, als: er wäre das, was er vorstelle.

Man kann übrigens sowohl in als außer seinen phantasirenden Perioden über allerlei Gegenstände mit ihm sprechen, und bemerkt nichts Närrisches an ihm.

[17]

Was seinen Körper anlanget, so ist er gesund und stark, und sorgt auch für seine Gesundheit.

Denn wie ihm einst jemand den Vorschlag that, weil er sehr schön schreiben kann, daß er sich doch mit Abschreiben beschäftigen möchte, so führte er außer andern vernünftigen Gründen, als einen Hauptgrund dagegen an, daß das damit verbundene viele Sitzen seiner Gesundheit schaden würde, und er lieber die schwerste Arbeit thun und gesund als schreiben und krank seyn wollte.

Er ist sehr ökonomisch und bringt alles, was er erhält, in seine Kammer, welche ihm von seinem Besitzer und Kontrahenten eingegeben worden.

Diese Kammer verschließt er mit der größten Vorsicht und bezeichnet die Thür von außen mit Kreutzen, welches bei ihm Aberglauben anzeigt, und gegen übernatürliche Dinge als Zauberei und dergleichen dienen soll.

Dann macht er ferner Eintheilungen mit seiner kleinen Einnahme, welche monathlich nicht über zwei Thaler beträgt, daß man sich auf das höchste darüber wundern muß; indem er nicht nur das Wohlfeilere gegen das Theurere, das Gute gegen das Schlechtere, und das Unentbehrliche gegen das Entbehrliche so zu vergleichen, und das Vortheilhafteste für sich daraus zu wählen weiß, daß er mit seiner kleinen Einnahme, die in dem geringsten Verhältnisse noch immer mannichfaltigen Bedürf-[18]nisse bestreiten zu können scheint, ohne daß er sich unnöthiger Weise etwas Nothwendiges entzöge.

Und nun muß ich schließlich noch eines sonderbaren Umstandes erwähnen, daß er, seitdem er in diesem unglücklichen Zustande lebt, sehr leicht und ohne Anstoß spricht, auch so gut deklamiren kann, daß ihn die Sterbenden zu sich verlangen, damit er ihnen Sterbegebete vorlese.

[19]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Ueber den Zweck der Thränen.

Gruner, Johann Ernst

Aus einer ungedruckten Schrift über den Trost.

»Laß mich ausweinen,« sagt der Traurige, und wenn er lange und viel geweint hat, so wird er auch beruhigter; die Vorstellung des verlornen und geliebten Gegenstandes steht nicht mehr so lebhaft in ihm auf, wie vorher.

Wenn dies die Thränen wirklich vermögen, so beschleichen wir hier wieder die Natur auf einem der wohlthätigsten Wege. — Sie lehrt ja aber auch das Thier im Walde die Pflanze finden, die seine Wunde heilt; und wie sollte sie da den Menschen ganz sich selbst überlassen und nichts für ihn thun? Das thut sie aber auch nicht, sondern zu Wasser und zu Land, wenn ich mich so ausdrücken darf, sucht sie den Traurigen von seinem Hinsehnen nach dem, was er mit Schmerzen verloren hat, abzuwenden.

[20]

Das stete Eindringen der neuen Eindrücke von innen und außen, wenn sie auch oft von der stärker regen Vorstellung des Verlustes zurückgeschlagen worden, tritt endlich doch, wie wir gesehen haben, alle Spuren der Vorstellung des von dem verlornen Gegenstande aus; die Gehirnfibern, die ihn erweckten, nehmen durch die erhaltenen neuen Eindrücke auch neue und andere Bewegfertigkeiten an.

Die Thräne hingegen verschwemmt die Spuren, die den verlornen Gegenstand beherbergten.

Denn die Thränen sind Feuchtigkeiten, die sich aus den Thränendrüsen ergießen; diese stehen aber in Verbindung mit dem Gehirn und Nerven, und besonders mit dem Sehnerven. Jede Drüse besteht in einem Geflechte von Adern und Nerven, und ihre Verrichtungen beruhen nicht bloß auf physischen Gesetzen, sondern auch mit auf dem Einfluße der Nervenkräfte, und zuweilen sind sie auch Seelenwirkungen.*) 1

Da nun auch durch die Seele es bewirkt wird, daß die Thränendrüsen sich öfnen und ergießen, so kann man nach der Verbindung und dem vorhandenen gegenseitigen Einfluß dieser Drüsen mit dem [21]Gehirn und den Nerven, und nach der Gehirn- und Nervenmaße folgern; daß die Feuchtigkeiten, die sich ergießen, derjenigen Gehirnfiber vorzüglich, die den verlornen Gegenstand erweckte, und nun die Ursache des Thränenflusses ist, die Maße von flüssigen Theilen und Säften wegnehmen, die zur leichten Bewegung erforderlich ist.

Es wird also jetzt schwerer, daß diese Gehirnfiber sich bewegt, und einem neuen Eindruck wird es nun auch leichter, Besitz zu nehmen. Und wie konnte die Natur weiser und besser handeln, als daß sie die dem Geiste Traurigkeit verursachende Fiber ganz abspannte und sie ihres Dienstes entließ? Denn wenn die Gehirnfiber nicht anschlägt, so hat die Seele keine Vorstellung.

Nach Bonnets *) 2 sinnreicher Vorstellung ist das Seelenorgan einem Klavier, und die Seele selbst dem Spieler desselben zu vergleichen; und hier hätte also alsdann die Natur eine Saite so abgerissen, daß wohl eine andere, aber niemals die alte Saite aufgezogen werden könnte; es war unmöglich gemacht worden, den alten Ton ganz wieder hervorzubringen.

Die Thränenbehälter befinden überdies sich zu ihrem Zwecke in einer so glücklichen Lage, nehmlich in der Nähe des Sehnervens.

[22]

Nun ist aber kein Sinn bei dem Traurigen geschäftiger, als der des Sehens, welcher zugleich mit der Einbildungskraft in so geheimer und enger Freundschaft steht. Der Sinn des Hörens und das Gedächtniß ist dem Traurigen vielweniger gefährlich.

Die Einbildungskraft giebt uns die Sache ausgemacht in allen ihren Theilen und hingestellt in wirklich gewesene Verhältnisse und Umstände wieder; das Gedächtnis hingegen, welches eine später sich zeigende Fähigkeit ist, behält blos die willkührlichen Zeichen, die Worte, auf.

Das Wort ist gleichsam das Netz, welches über die sämtlichen Theile der Vorstellung geworfen wird und sie zusammenhält; das Wort schiebt uns die Vorstellung in die Gattung und Art, selten oder niemals aber in das Individuelle.

An dem bloßen Wort gnügt sich aber der Traurige niemals; er verindividualisirt sich alles; jeder Zug des abgeschiedenen Freundes ist lebhaft ausgemacht vor ihm.

Wenn aber der Traurige weint, so wähnt er so oft, dadurch den verlornen Gegenstand noch zu ehren; und wenn er zu weinen aufgehört hat, so fühlt er sich leichter; indem also der Leidende in der Meinung steht, er leiste dem geliebten Gegenstande noch die letzte Pflicht, so weiß er nicht, daß die Natur ihn dazu zwingt, daß durch seine Thränen, die Vorstellung an den vermißten Gegenstand in [23]ihm nach und nach verloren geht, und daß er selbst wieder in den Gemüthszustand gesetzet wird, welcher zur Erfüllung seiner Pflichten als Mensch und Weltbürger am zuträglichsten ist.

Allein es kann mir eingewendet werden: Wie vertragen sich mit dieser Hypothese folgende Erfahrungen? Niemand weint leichter als Kinder und Greise; auch weint ja der Leidende nicht allein, sondern auch der Freudige vergießt bisweilen Thränen. —

Ich antworte: So oft die Natur, nicht aber die Kunst, die so vieles erkünstelt, Thränen sich ergießen läßt, so sind Eindrücke dem Gemüthe überbracht worden, die zu heftig und daher dem vortheilhaftesten Gemüthszustande nicht zuträglich sind.

Allzugroße Freude kann tödten; und oft ist es vielleicht allein das Werk der fließenden Thränen, daß dieser Erfolg verhindert wird. Das Kind und der Greis müßen mehr und leichter weinen, als der gesetzte und der gebildete Mann, weil geringere Grade des Angenehmen und des Unangenehmen sie schon viel tiefer rühren, und viel leichter und empfindlicher ihren Gemüthszustand verändern.

Uebrigens untersuchten wir hier auch nur, was die Natur durch die Thränen bei dem Traurigen bewirken läßt; und in dieser Rücksicht verdient noch die allgemeine Erfahrung bemerkt zu werden; daß der Mensch vielmehr leidet, dessen Körperbau die leichtere Ergießung der Thränen verhindert.

[24]

Es ist Trieb der Natur, des Schmerzes loß zu werden, und hier wird die Natur daran gehindert. Die Gehirnfibern, die die unangenehmen Vorstellungen erwecken, sind reger wie jede andere, und maßen sich Alleinherrschaft an.

Die stockende Thräne beängstigt noch mehr. Darum soll der Traurige weinen, denn

expletur lacrymis egeriturque dolor.

Der Trost aber kömmt allein aus der Vernunft; doch dies gehört hieher nicht.

J. E. Gruner,
S. coburgischer Canzleysecretair.

Fußnoten:

1: *) Man sehe hierüber Unzers erste Gründe einer Physiologie. §. 156, 172, 209, 285, 471. Hallers Grundriß der Physiologie, nach Meckels Ausgabe von 1788. p. 205, 382. etc. 401. Carlegius de passionibus. Art. 128, 129.

2: *) Essai de Psychologie. p. 13.

[25]

2.

Einige Gedanken über die Muttermähler.

Grohmann, Johann Christian August

Die Sinnenwelt stellt uns die wundervollsten Erscheinungen auf, von denen sich weder Vernunft noch Philosophie etwas träumen läßt.

Sie macht mit ihrem materiellen Stoffe die geheimsten Zusammensetzungen, in deren Zubereitung nur ein beobachtendes Auge die Natur bisweilen belauschen kann. —

Jahrtausende vorher würden wir verkündigen können, was einst die Natur für Wundergestalten hervorbringen und schaffen würde, wenn Sinne die materielle, und Vernunft die geistige Welt und ihren beiderseitigen Einfluß aufrichtiger zu durchspähen und zu durchforschen im Stande wären.

Alle ihre Zusammensetzungen, die jetzt zufällig und unglückliche Fehlgebuhrten der Natur für uns sind, würden wir dann als nothwendig und den Gesetzen der Materie gemäß erblicken.

Vor allem aber hat keine Erscheinung die Aufmerksamkeit des Beobachters mehr erregt, als die Erscheinung der Muttermähler, die bis auf diesen Zeitpunkt noch ein unerklärbares Räthsel geblieben ist. —

[26]

Unbekannt mit den Geheimnissen der Erzeugung, und den productiven Kräften der Materie sehen wir Keime sich entwickeln, wachsen, zunehmen, und in tausend Häuten in dem innersten der Mutterschooß eingeschlossen, Merkmahle der Aussendinge und ihrer Einwürkungen an sich tragen. —

Aberglaube und Unglaube haben sich vereinigt, dieses Räthsel zu lösen, und jede Modifikation des menschlichen Denkens hat an der Erklärung desselben gearbeitet.

Mit geheimer Furcht zitterte der Aberglaube vor dieser Erscheinung als vor Würkung des überirrdischen Einflusses der unruhigen Geister, Dämonen und andern Ungeheuern seiner mystischen Einbildungskraft.

Mit spottendem Stolze verachtete sie der Unglaube als blinden Zufall der Materie, und als eine ohne Ursach erfolgte Würkung.

Nur neuere Zeiten konnten durch tiefere Nachforschungen und durch ausgebreitetere physische Erfahrungen den Beobachter behutsamer und sicherer machen. Einbildungskraft und unbekannte Würkung dieses Vermögens auf den Embryo scheint nun eines Theils der einen Parthei; nothwendige Folge von dem unendlichen Zusammensetzungsvermögen der Materie der andern Parthei der wahre Grund dieser seltsamen Erscheinung zu seyn.

Der grosse philosophische Naturforscher Büffon lacht laut über die abergläubische Verblendung seiner [27]Gegner, die eine nothwendige Folge der Natur auf Rechnung der Einbildungskraft und ihrer Würkung erklären.

In seiner Naturgeschichte in dem Artikel über den Menschen sagt er folgende Gedanken über diese Materie:

»Ob schon der Foetus keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der Gebährmutter hat; sondern blos mittelst kleiner faserichter Theilchen (mammelons), die sich an der äussern Seite seiner Einwicklungen befinden, mit ihr verbunden ist; auch kein Zusammenfluß zwischen seinem und der Mutter Blute statt findet, und kurz, in verschiedener Rücksicht eben so unabhängig von der Mutter ist, als das Ey von der Henne, die es ausbrütet: so hat man doch behauptet, daß alles das, was auf die Mutter, auch auf den Foetus würkte, die Eindrücke der einen sich auf das Gehirn der andern fortpflanzten; kurz, man hat von diesem eingebildeten Einfluß die Aehnlichkeiten, die Misgebuhrten, und überhaupt alle Mähler, die sich auf der Haut zeigen, herleiten wollen.

Ich habe viele von diesen Mählern untersucht, aber jederzeit gefunden, daß es Flecken waren, die von einer Zerrüttung des Gewebes der Haut herkamen. Freilich muß jedes Mahl eine gewisse Gestalt haben, welche, wenn man will, mit etwas Aehnlichkeit haben kann, welche aber doch, wie ich glaube, nicht so wohl von der [28]Einbildungskraft der Mutter, als von der Einbildung derer, die es sehen, abhängt. Man hat hierinnen das Wunderbare auf das weiteste getrieben; so daß nicht allein der Foetus würkliche Abbildungen von den sinnlichen Begierden der Mutter hat an sich tragen sollen, sondern daß man sogar behauptet hat, es veränderten die Mähler, welche Früchte, z.B. Erdbeeren, Kirschen, Maulbeeren, die die Mutter zu essen verlanget, vorstellten, in der Jahrszeit, wo die Früchte reif werden, ihre Farbe, und nähmen eine dunklere Mischung an.

Man kann aber nur mit wenig mehr Aufmerksamkeit und weniger Vorurtheil die Farbe dieser Mähler sich öfters verändern sehen, denn dieses ereignet sich jederzeit, bei einem geschwindern Umlaufe des Blutes, welches in der Zeit, wo die Früchte von der Sonnenhitze reifen, statt findet. Die Farbe dieser Mähler ist entweder gelb, roth oder schwarz, weil das Blut, wenn es in allzugroßer Menge in die Gefässe dringt, mit denen die Haut gleichsam durchsäet ist, eine solche Mischung von Farbe hervorbringt.

Rühren aber diese Flecken von der sinnlichen Begierde der Mutter her, warum haben sie nicht eben so verschiedene Gestalten und Farben als die Gegenstände selbst, nach denen die Mutter verlangt hat? Welche sonderbare Figuren würde man nicht sehen, wenn die flüchtigen Begierden [29]der Mutter sich auf der Haut des Kindes abmahlten! —

Da unsere Empfindungen gar nichts mit den Gegenständen, die sie hervorbringen, Aehnliches haben; so ist es unmöglich, daß Verlangen, Furcht, Schrecken, und jede andere Leidenschaft und innre Erschütterung, würkliche Bilder von den Gegenständen hervorbringen können.

Da in dieser Rücksicht das Kind von der Mutter eben so unabhängig ist, als das Ey von der Henne, die es ausbrütet: so kann ich so gerne, oder vielmehr eben so wenig glauben, daß die Einbildungskraft einer Henne, die einem Hahne den Hals umdrehen sieht, in den Eyern, die sie blos erwärmet, Hühnchen hervorbringen könne, deren Hälse auch umgedrehet wären: als ich die Geschichte von der Würkung der Einbildungskraft einer Frau glauben kann, die nachdem sie einen Verbrecher rädern gesehen, ein Kind zur Welt gebracht habe, dessen Glieder zerbrochen gewesen.

Gesetzt aber auch auf einen Augenblick, daß diese Geschichte wahr ist; so behaupte ich dennoch, daß die Einbildungskraft der Mutter eine solche Würkung nicht hat hervorbringen können; denn welches kann wohl der Erfolg von dieser Gemüthsbewegung und von diesem Schrecken seyn? —

Wenn man will, eine innre Erschütterung, gichtische Bewegung in dem Körper der Mutter, welche die Gebährmutter auch in Bewegung setzen [30]wird. Aus dieser Bewegung aber was kann da entspringen? gewiß nichts Aehnliches mit der Ursache, denn, ist diese Erschütterung sehr heftig, so kann man wohl begreifen, daß der Foetus einen Stoß bekommen kann, welcher ihn tödten, verletzen oder einige seiner Theile, die mehr als die andern sind erschüttert worden, ungestaltet machen kann. Allein das sehe ich nicht ein, wie eine solche der Gebährmutter mitgetheilte Bewegung in dem Foetus etwas Aehnliches mit der Empfindung der Mutter hervorbringen könne, geschweige denn, mit Harvey zu sagen, daß die Gebährmutter das Vermögen hat, Ideen aufzunehmen, und sie auf den Foetus würken zu lassen.

Aber wird man mich fragen, wie soll denn also diese Erscheinung erklärt werden? Wenn nicht die Einbildungskraft der Mutter auf den Foetus würkt, wie kommt es, daß es mit zerbrochenen Gliedern auf die Welt gekommen ist? —

Hierauf antworte ich: nicht zu gedenken der Verwegenheit, eine Erscheinung die so wohl ausserordentlich als ungewiß ist, erklären zu wollen, wie auch des wenigen Nutzens, von ihr als wahr vorausgesetzt, Grund und Ursache angeben zu wollen, da man die Umstände nicht weiß, die darbei konkurrirt haben: so glaube ich doch, daß man auf eine befriedigende Art auf eine Frage antworten kann, von der man keine vollkommene Auflösung verlangen kann.

[31]

Die Erscheinungen, die ganz wider den Lauf der Natur sind und sich selten zutragen, geschehen doch eben so nothwendig, als die, welche ganz natürlich und sich täglich ereignen. Unter den unendlichen Verbindungen, welche die Natur macht, müssen sich auch die ausserordentlichsten Zusammensetzungen befinden, wie es auch würklich ist: freilich aber viel seltner, als andere, die ganz denen Gesetzen der Natur gemäß zu seyn scheinen. Man kann daher dafür stehen, und vielleicht mit Gewisheit, daß von einer Million oder tausend Millionen Kindern, welche gebohren werden, eins mit zwei Köpfen, oder vier Füssen mit zerbrochenen Gliedern, oder mit der sonderbarsten Ungestalt, welche man nur annehmen will, zur Welt kommen wird.

Es geht daher ganz natürlich zu, ohne daß die Einbildungskraft der Mutter daran Theil hat, daß ein Kind mit zerbrochenen Gliedern zur Welt kommt: ja es ist sogar möglich, daß dieses mehr als einmal sich zuträgt, nur daß auf eine ganz natürliche Weise die Frau, die mit einem solchen Kinde hat niederkommen sollen, dem Rädern des Verbrechers zugesehen hat, und daß man denn daher von dem, was sie gesehen hatte, und von ihrer erhitzten Einbildungskraft die unvollkommene Bildung des Kindes hergeschrieben hat.«

In wie fern diese Meinung des grossen Beobachters gegründet und die Beweise richtig und [32]bestätigend sind, werden wir nun nach einer nähern Untersuchung deutlich ersehen.

Die ganze Auflösung der Frage, Sind die Muttermähler zufällige Zusammensetzung der Materie oder Würkung der Empfindungen der Mutter? Beruhet besonders auf der Erörterung dieser Punkte:

1) in was für Verbindung steht der Foetus mit der Mutter, und was ist sein thierisches und empfindendes Leben?

2) was hat das Empfinden als Würkung mit der Ursache oder mit dem Aussendinge Aehnliches?

Das Resultat dieser Untersuchung wird die Entscheidung und Beantwortung der obigen Hauptfrage seyn.

Wundern muß man sich, wie Büffon sagen kann: der Foetus sey von der Mutter eben so unabhängig, als das Ey von der Henne, die es ausbrütet: da er nicht allein im Widerspruch mit sich selbst, sondern auch mit der ganzen anatomischen Erfahrung befunden wird.

Er selbst hat an vielen andern Orten den Zusammenhang des Foetus mit der Gebährmutter gezeigt, und die Theile, die diese Vereinigung bewürken, mit Namen genennt. Gesetzt aber auch, daß wir seine eigenen Beweise nicht hätten, so ist uns ja die ganze anatomische Erfahrung Bürge von der Wahrheit dieser beiderseitigen genauen Vereinigung. — Es wäre unnöthig, hier diese Theile, [33]die diesen Zusammenhang bewürken, anatomisch zu zergliedern, da nur die geringste Kenntniß von der physischen körperlichen Beschaffenheit des Menschen einen jeden leicht davon überzeugen kann. — Schon der Wachsthum und die Entwickelung des Embryo beweisen uns die Vereinigung dieser Theile, da jenes ohne Zufluß von Nahrungssäften unmöglich, und diese aus keiner andern Quelle, als von den Säften der Mutter auf natürliche Wege, die den Foetus mit der Mutter verbinden müssen, sich ableiten können. Doch dieses ist zu ausgemacht, als daß es noch mehrerer Beweise bedürfe. Wir wollen daher zu der Frage: was das thierische und empfindende Leben des Embryo ist, fortgehen. —

Es ist ganz gewiß, daß man sinnliche Erfahrung zur Führerin in diesen Untersuchungen nehmen muß: doch aber glaube ich, daß das zu grosse Vertrauen auf ihre Sicherheit eine Ursache der vielen Verirrungen, Hypothesen und Meinungen ist, die in der Lehre von der thierischen Erzeugung obwalten. Sinnliche Erfahrung ist viel zu eingeschränkt, und anatomische Zergliederung noch zu grob, als daraus das Werk der Erzeugung, die geheimen Geschäfte und Zubereitungen derselben deutlich sehen zu können. Blosse Analogie, Schlusart vom Gröbern aufs Kleinere kann uns in solchen Untersuchungen sicher leiten und führen.

Die Natur bleibt sich überall gleich, so wohl im Großen als im Kleinen, immer würkt sie nach [34]einerlei Gesetzen, nur für uns verschiedenen, da unsere Sinne an das Gröbere gewöhnt, nicht Ursache und Würkung, Mittel und Endzweck in dem Kleinen der Natur wahrnehmen können. So weit als möglich müssen wir uns also von den täuschenden Sinnen entfernen, und Schlusart des Analogischen in dergleichen Untersuchungen zu Hülfe nehmen.

Der Zeitpunkt der Entwicklung des Keims, sagen unsere Sinne, ist, so bald als er in das Innre der Gebährmutter eingedrungen ist, da doch gewiß nach aller Wahrscheinlichkeit seine Entwicklung schon von Ewigkeit her angefangen und der Keim nur dieses Orts bedurfte, um einer vollendeteren Ausbildung entgegenzugehen. Die Natur steht niemals still, überall Entwicklung und Wachsthum, so wohl im Großen als im Kleinen, so in dem alterndem Greise, so in dem Keime, der in dem neugebohrnen Kinde zu einer künftigen Generation verborgen liegt: immer Fortschreiten auf höhere Stufen der Vollkommenheit und Ausbildung.

Wollt ihr also einen Anfang der Entwicklung festsetzen, so nehmet den Anfang des Weltgebäudes, hier ist der Standpunkt, wo sie beginnet, und das Ende — Ewigkeit. —

Ihr Weisen macht die ganze Natur tod und ohne Leben, da sie doch überall lebt und arbeitet. Der erste Athemzug, mit welchem das Leben des Kindes anfähet, ist, sagt ihr, der Augenblick, wo das Kind sein Wehklagen anstimmet, ungewohnt [35]der hiesigen Erde. Ihr habt recht, wenn ihr eure Sinne fragt, allein nur ein Blick auf die Natur, — und dann Schlus, alles athmet Leben, also auch der Keim, der jetzt in tausend Häuten eingeschlossen zu der spätesten Generation, die die Kette des Menschengeschlechts beschliessen wird, bestimmet ist. — Doch laßt uns langsamer und behutsamer dem Wachsthum und der Entwicklung des Keimes nachgehen.

Zufluß von Nahrung und Verwandlung derselben in eigene conforme materielle Substanz sind die ersten Erfordernisse des Wachsthums. Jenes ist da, die Mutter läßt dem Keime die ausgearbeitetsten Säfte zufließen, und dieses ist gewiß auch vorhanden, indem sonst Wachsthum nicht möglich wäre. Würkung und Gegenwürkung immerwährende Thätigkeit sind die Mittel des letztern, und hingegen Ruhe und Stillstand Mittel der Fäulniß und der Verderbniß des Keims. Ganz gewiß würde der Keim, statt sich zu entwickeln, in Fäulniß übergehen, wenn nicht bei der großen Wärme, die in dem Leibe der Mutter enthalten ist, immer Thätigkeit, Würkung und Gegenwürkung wäre, d.h. wenn nicht Luft da wäre, ohne welche Thätigkeit und Ausdehnung nicht gedenkbar ist.

Physische Erfahrung zeigt uns aber auch die Würklichkeit dessen, was unsere Vernunft blos vorher gewähnt hatte, nämlich, Wärme, die im höchsten Grade im Mutterleibe enthalten ist, ist [36]eine Ursache der Luft und ihrer Verdünnung. Ausserdem also, daß die dem Blute ähnlichen Säfte viele Luftteilchen in sich enthalten, finden wir auch noch einen neuen Beweis von dem Daseyn der Luft in den Behältnissen des Embryo, weil Wärme ein Erzeugniß der verdünnenden Luft ist.

Mit Recht können wir annehmen, daß die Werkzeuge des Athemholens im Kleinen gebildet, und auch ihre Bestimmung zu erreichen geschickt sind, da auch noch überdies die Luft, womit der Embryo umgeben ist, flüssiger, verdünnter, und also seinen Organen angemessener ist. Der Foetus athmet also schon im Mutterleibe, und bringt dadurch die Säfte und Nahrung in Umlauf und Umkreis, Würkung und Gegenwürkung, als ein thätiges Hinderniß der Fäulniß.

Ich kann überhaupt nicht einsehen, warum man alle Luft von dem Embryo im Mutterleibe ausgeschlossen hat, da doch in dem Ey, das die Henne leget, und in dem das künftige Thier enthalten ist, genug Luft enthalten ist. Denn da das Ey nicht völlig inwendig von der flüssigen Materie angefüllet ist, wie wollte die Schaale dem Druck der äussern Luft widerstehn, wenn nicht in dem leeren Raume des Eys, Gegenwürkung, d.h. Luft enthalten wäre?

Mit Recht nehmen wir also an, daß, da sogar in dem Ey der Keim mit Luft als das Verwahrungsmittel vor Fäulniß umgeben ist, daß auch der [37]Foetus im Mutterleibe von dieser flüssigen Materie in Leben und Bewegung gesetzt wird.

Die thierischen Geschäfte gehen also schon im Kleinen vor sich, obschon vor unsern Sinnen verborgen. Das Athemholen geht täglich fort, und setzt die ganze Maschine des Körpers in Bewegung, wodurch es die zufliessenden Nahrungstheilchen an sich zieht, in seine Substanz verwandelt, und so zunimmt und sich entwickelt.

Woher denn aber die Erscheinung, möchte man fragen, daß die Lunge des Kindes oberhalb des Wassers bleibt, oder untersinkt, je nachdem es schon Athem oder nicht Athem geholt hat?

Hierauf antworte ich, ist diese Erscheinung ja ein wahrer Beweis, daß das Kind gelebet oder nicht gelebet hat; so scheint mir doch der Grund davon nicht der zu seyn, daß der Embryo im Mutterleibe gar keinen Athem geschöpfet hat, als vielmehr, weil die Luft im Innern der Mutter flüssiger und verdünnter ist, und also auch weniger die Lunge ausdehnt, als die äussere, die dicker und elastischer ist. — Doch genug hiervon. Laßt uns nun zu dem empfindenden Wesen des Foetus hinaufsteigen!

So unvollkommen und so schwach vielleicht seine thierischen Geschäfte vor sich gehen, eben so unvollkommen ist gewiß auch sein empfindender Zustand, und so an das Bewustlose gränzend, wie in dem Insekte, das die unterste Stufe der thierischen [38]Leiber beschließt. Sein Körper, seine Muskeln, und sein ganzes Nervensystem ist noch zu weich und hat noch zu wenig Festigkeit, als daß es die Eindrücke lange behalten, und der Seele vorstellen könne. Seine Empfindung ist gewiß daher nur das Werk eines Augenblicks, und ihre Dauer ein Zeittheilchen einer Minute, nach welchem sie wieder verschwinden, obschon Spuren zurücklassen, die nur unsere Sinne nicht entdecken können.

Wollt ihr euch seinen Zustand vorstellen, so versetzt euch einen Augenblick auf die unterste Stufe der thierischen Empfindung, und betrachtet da den Zustand der lebenden und empfindenden Geschöpfe. —

Das Resultat also von dieser Untersuchung kann kein anderes seyn, als: 1) Alle thierische Verrichtungen gehen im Kleinen in dem Embryo so vor sich, wie nach seiner völligen Ausbildung. 2) Sein empfindender Zustand ist schwach, doch niemals so schwach, daß er keine Spuren von sich zurückließe.

Wir kommen nun zur andern Hauptfrage, welche darin bestehet. Was hat jede Empfindung Aehnliches mit der Ursache dem Aussendinge?

Eindruck des Gegenstandes auf den Körper heißt nichts anders, als Bestreben der ausfliessenden Theilchen des Aussendinges, den Körper oder die Nerven, die sie berühren, in eine ähnliche Bewegung und Bestimmung zu setzen.

[39]

Jeder Körper ist in einem beständigen Aus- und Abfluß, immer sondern sich Theilchen von ihm ab, die eine eigene Modifikation, Gestalt, Bewegungs- und Bestimmungsart haben, je von welchen Elementen des Körpers zusammengesetzt sie ausfliessen. Jeden Gegenstand, den diese Theilchen begegnen, suchen sie in eine harmonische Bestimmungsart mit sich zu setzen, indem sie sich einander ihre besondern Elemente mittheilen und mit einander vermischen. Je mehr die Elemente des einen Körpers mit den andern disharmoniren, mehr oder weniger fest unter sich zusammenhängen, nachdem ist auch der Widerstand, ehe sich die zwei Körper von verschiedener Natur vereinbaren. Feuer z. B. erregt in unserm Körper eine heftigere Empfindung, als Wasser, weil die elementarischen Theilchen des Feuers einen festern Zusammenhang und eine thätigere Bestimmungsart haben, als die Theilchen des Wassers. —

Der gemachte Eindruck also des Gegenstandes auf unsere Nerven ist ähnlich mit dem Wesen des Gegenstandes selbst, dessen Theilchen den Nerven affiziret haben; er ist blosse Nachahmung des Körpers selbst. Die Empfindung, die wir von einem Gegenstande haben, wenn er auch schon abwesend ist, ist ein deutlicher Beweis, daß der Eindruck in nichts anderm bestehet, als wie wir ihn beschrieben haben. Denn wie wäre es möglich, daß wir durch Erinnerung eine ähnliche Empfindung mit dem ge-[40]genwärtigen Eindrucke des Gegenstandes hervorbringen könnten, wenn nicht eine gleiche Ursache mit dem Gegenstande, der uns gerührt hat, in unserm Körper statt fände.

Die Bewegfertigkeit, die durch den Eindruck eines Aussendinges in unsern Nerven hervorgebracht wird, ist nicht hinreichend, eben dieselbe Empfindung während der Abwesenheit des Gegenstandes in uns zu bewürken; denn Bewegfertigkeit ist die Folge von jedem Eindrucke der heterogensten Körper, die durch nichts als der Stärke und dem Grade nach unterschieden seyn kann. Es muß also eine eigene Art von Bewegung seyn, die jeder Körper nach seinen elementarischen Theilchen in unsern Nerven hervorbringt. Die Stärke der Bewegfertigkeit in dem Nerven kann wohl die Stärke der Empfindung, aber nicht ihre Art und ihr Wesen bestimmen. Wir sehen also deutlich, daß jeder hinterlassene Eindruck Aehnlichkeit haben muß mit dem Gegenstande selbst, der ihn hervorgebracht hat, weil jener die nämliche Empfindung, die das würkliche Einwürken erregt hat, wiederholen kann.

Ein zweiter Beweis von der Wahrheit dieses Satzes ist die Aehnlichkeit, die wir mit dem Gegenstande annehmen, dessen Eindrücke wir oft und lange erfahren haben. Ein jeder Handwerker trägt die Art seines Handwerks an sich, wie wäre aber dieses möglich, wenn seine Nerven nicht ähnliche Bestimmungsart mit dem Gegenstande anzunehmen [41]im Stande wären? Ob schon also die Empfindung nichts Aehnliches mit dem Gegenstande hat, so ist der äussere Eindruck, der unsern Nerven inwohnet, mit dem Wesen des Aussendinges gleich und ähnlich. —

Hier wollen wir nun in der Untersuchung über die Empfindungen stehen bleiben, und blos zur Anwendung derselben auf die Muttermähler anwenden. Das Resultat wird folgendes seyn: Der Foetus kann die nämliche Empfindung haben, die die Mutter hat, ob er gleich nicht selbst von dem Aussendinge ist gerührt worden. Der Eindruck nämlich, d.h. die mit dem Wesen des Gegenstandes harmonische Erschütterung der Nerven pflanzt sich vermöge des beiderseitigen Zusammenhangs auf den Foetus fort, der dann die nämliche Empfindung haben wird, weil die Erschütterung der Nerven mit dem Gegenstande selbst ähnliche Empfindungen hervorbringen kann.

Um sich dieses deutlich vorzustellen, so denke man es sich unter dem Bilde eines elektrischen Funkens, der aus einer Maschine sich einem Menschen mittheilt. Steht dieser wieder mit andern Körpern, die Empfindungen fähig sind, in Verbindung, so wird z. B. jeder Mensch, der mit in der verbindenden Reihe stehet, eben denselben Schlag und eben dieselbe Empfindung bekommen, als der erste unmittelbar an der Maschine, ob jene gleich den Eindruck nicht unmittelbar von der Maschine selbst [42]erhalten haben. Eben so verhält es sich mit dem Foetus und der Mutter, wenn man die Anwendung davon machen will auf die Geschichte, die Büffon von der Frau erzählet, die nachdem sie einen Verbrecher rädern gesehen, ein Kind mit zerbrochenen Gliedern zur Welt gebracht hat.

Ich glaube nicht nöthig zu haben, die Empfindungen des Schmerzes, der Sympathie und des Mitgefühls hier zu erklären, denn wer sollte ihre Würkungen aus eigener Erfahrung nicht kennen, und wissen, wie stark ihre Gefühle und wie betäubend sie sind. Zu keiner Zeit ist eben der weibliche Körper den stärksten Empfindungen ausgesetzt, als zu der Zeit der Schwangerschaft, wo das Blut und alle Säfte in der geschwindesten, heftigsten Bewegung und Umlaufe sind, und der ganze Körper Gefühl und Empfindung ist.

Setzt euch nun in die Lage dieser Frau, die während ihrer Schwangerschaft einem Schauspiel zusieht, bei welchem auch der härteste und kälteste Mensch nicht gleichgültig und unempfindlich bleiben kann, und gewiß ihr werdet euch nicht verwundern über die Würkungen, die solche Empfindungen auf den Foetus hervorbringen müssen.

Der Verbrecher steigt auf das Mordgerüste — welche leidende und sympathisirende Empfindungen muß da nicht die Frau haben! — sie selbst steigt auf das Mordgerüste — Mit einem Schlage werden die Glieder des Verbrechers zertrümmert — [43]Einbildungskraft, Sympathie, leidende Menschheit, welche Gefühle erregt die nicht! Die Frau empfindet den Stoß selbst in ihren Gliedern, der Zerrüttung und Schmerz in ihnen hervorbringen muß. Der Embryo bekommt nun auch diese Erschütterung und folglich auch die verhältnißmäßigen heftigen Empfindungen, deren Zurückwürkung in dem Körper des Foetus Zerrüttung und Schmerz hervorbringen.

Daß diese Zerrüttung gerade in den Theilen des Foetus vorgegangen ist, welche dem Verbrecher sind zertrümmert worden, macht vielleicht ein uns unsichtbarer Zusammenhang der Glieder des Foetus mit denen der Mutter, mittelst Adern, Gefässe, Nerven, u.d.gl. andern Verbindungswerkzeugen. Ich glaube, daß dieses eben keine Hypothese ist, die in das Reich der Unmöglichkeit zu setzen ist.

Büffon schreibt diese Erscheinung einer nothwendigen Folge des unendlichen Zusammensetzungsvermögen der Materie zu. Es ist nicht zu läugnen, daß die materielle Welt ein solches Vermögen hat; aber nur auch bestimmende Ursachen müssen da seyn, welche sie jedesmahl zu dieser oder jener Zusammensetzung vermögen. Ob aber diese bestimmenden Ursachen in der Materie selbst oder ausserhalb in andern Umständen liegen, davon hat Büffon nichts ausgemacht, und nicht einmal daran gedacht. Doch genug hiervon. —

[44]

Ein jeder mag urtheilen, in wie fern die Gedanken, die diese Untersuchung ausmachen, wahr oder falsch, mehr oder weniger mit der menschlichen Natur übereinstimmend, und in wie fern sie einer weitern Bearbeitung würdig sind. Ich habe nichts als eine Skize von meinen Gedanken über die Erscheinung der Muttermähler entwerfen wollen.

Grohmann.

[45]

3.

Oral' über Taubstumme.

Eschke, Ernst Adolf

Bruchstück eines Gesprächs mit Becker.
An Becker.

Sie verlangen von mir schriftlich die Antwort der Frage:

Warum wir*) 1 es bei den Taubstummen nicht mit der Schriftsprache bewenden lassen, sondern ihnen auch die Tonsprache beibringen?

Ach! Warum verlangen Sie das schriftlich? Ich erklärte Ihnen ja mündlich Alles noch deutlicher, als die Juden ihre mündliche Satzungen zu erklären pflegen**) 2 — Und doch wollte ich Ihnen ungern die Erste Bitte abschlagen. Sie kennen [46]mich erst seit gestern und ehegestern, und möchten wohl gar aus meiner Weigerung etwas Unangenehmes schließen. Und es wäre nichts anders daran Schuld, als das Bewußtseyn meiner Schriftstellerunfähigkeit.*) 3 Dies ist keine kindische Ziererei, keine weibliche Affektation.

Ueberdies haben Sie ein gegründetes Recht auf meine Gewährung; Sie sind der Freund meines Ebert und Bürger. — Also sey es gewagt!

Die nämliche Frage that ohnlängst der verdienstvolle Herr Oberkonsistorialrath Gedike an mich. Aber lieber Himmel! ohne Tonsprache getraue ich mir nicht einen einzigen Begriff den Taubstummen dauerhaft beizubringen. Die Tonsprache entwickeln wir dadurch, indem wir dem fehlenden Gehörssinn den Geschmackssinn substituiren, und diesen — Allein das führte mich hier von meinem jetzigen Ziel. Sie dürfen nur Heinik's Schriften **) 4 lesen, um das zu erfahren.

[47]

Ehe der Taubstumme die schriftliche Folge der Buchstaben mechanisch lernt, welche und wie viel Schwürigkeiten muß er vorher zu überwinden haben! Schwürigkeiten, die so unübersehbar groß sind, daß ich mir gar keine Idee davon machen kann! Die Buchstaben kann er nicht nennen! Buchstabiren und Silbiren kann er nicht lernen! Wörter kann er gar nicht lesen! Er muß daher von der Buchstabenfolge in den Wörtern ungefähr so denken: »jetzt kommt eine ovalrunde Maschine und ein Haken am Kopfe, hierauf ein Strich herunter mit einem Hieb durch den Fuß, dann ein rundes, fast ganz ofnes Loch mit einem Punkt, alsdann eine größere Figur mit einer Zunge zum [48]Maule heraus, endlich ein langes hagres Ding mit einer Nase — oder mit einem Bein- und Halseisen, wie die Baugefangenen in Dresden, und die Festungsgefangenen in Spandau,« — oder wie er sich den Firlefanz sonst denkt. — Und das ganze Wort heißt

Stork.

Der Himmel mag wissen, welche Gleichförmigkeit er den Buchstaben und Wörtern nun beilegt, und was bei deren Malerei in ihm vorgeht.

Und wie wollten sie ihm abstrakte Begriffe durch die Schriftsprache inokuliren? Wie wollten Sie Gerüche, Töne, Empfindungen und andre Dinge für das Gesicht kopeilich darstellen?

Auch vergißt der Taubstumme, der die Schriftsprache ohne Tonsprache erlernt hat, jene bald wieder, indem er sich lieber an seine kurzen pantomimischen Zeichen, als an die langen krüplichten vorn und hinten gebuckelten schieffüssigen Figuren hält. Der Taubstumme, der blos Schriftsprache erlernt hat, kann sich nicht stets darin üben, und denken kann er in derselben gar nicht; wie Heinike in seinen Schriften erwiesen hat. Dünkt es Sie nun natürlich, daß die mannichfaltigen, fast unmerklichen Empfindungen, und die Fertigkeiten in der Hand zur Schrift, ohne untergelegte Tonsprache, bei ihm schnell wieder schwinden müssen?

[49]

Denn die Artikulationen, aber nicht die Töne allein, die durch andre Mittel bei Taubstummen ersetzt werden, sind das Fundament der Tonsprache, und die Schriftsprache ist blosse sichtbare Kopie von jener. Doch davon kann man sich nur eine Idee machen, in so fern man menschliche Denkart studirt, und die Würkung nicht für die Ursache nimmt. Denn Erkennen und Denken sind kein Empfinden; dies gehört zur sensiblen, jenes aber zur intelligiblen Natur.

Berlin, am 10. Mai 1789.

Eschke

Fußnoten:

1: *) Hr. Heinike, Churfürstl. Sächs. Direktor des Instituts für Stumme in Leipzig, und Eschke in Berlin.

2: **) Daher — meine ziemlich seltsame Ueberschrift: Oral.
Eschke.

3: *) Hr. Becker schrieb an Eschke: daß er ihm sodann auch erlauben müsse, seine Beantwortung einer periodischen Schrift inseriren zu lassen.

4: **) Beobachtungen über Stumme, und über die menschliche Sprache, in Briefen von Samuel Heinike. Hamburg, in der Heroldschen Buchhandlung, 778. a
Ueber die Denkart der Taubstummen, und die Mißhandlungen, welchen sie durch unsinnige Kuren und Lehrarten ausgesetzt sind. Ein Fragment von S. Heinike. Leipzig, bei Hilscher, 780.
Wichtige Entdeckungen und Beiträge zur Seelenlehre und zur menschlichen Sprache von S. Heinike. Leipzig, bei Haug, 784.
Auszug aus einem Briefe des Herrn Direktor Heinike an den Abbé l'Epee. (in Moritz's Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, 2ten B. 2tes St. S. 66-72.)
Besonders
Ueber graue Vorurtheile und ihre Schädlichkeit, von S. Heinike. Leipzig, bei Böhme, 788.
und
Reflexionen über Thier- und Menschensprache, auch über die sämmtlichen Lehrer der Taubstummen. Fragment eines Briefes an Bürger, von Eschke. (in Müller's und Hofmann's medicinischen Annalen. Frankfurt am Mayn, bei Fleischer, 789.)

Erläuterungen:

a: Heinicke 1778.

[50]

4.

Ueber das Band zwischen Geist und Körper.

Graf von Grävenitz

Auszug aus einem Briefe.

Polchow bei Güstrow in Meklenburg,
den 32. Juli 1789. a

Schon oben habe ich bemerkt, daß ich von der harten Leibes- und Nervenkrankheit in meinem 14ten Jahr befallen ward; und ich will über die sonderbaren Eräugnisse derselben mich verbreiten, da sie Folgen der Krankheit waren; sieben starke Bauernkerls waren nicht vermögend, den heftigen convulsivischen Bewegungen, die unwillkührlich bei vollem Bewußtseyn meine Glieder verdreheten, ein Hinderniß zu legen. Sie alle sieben flogen von Arm und Füssen wie Federn, wenn der unwillkührliche Schlag durch meine Glieder zuckte.

Doch schon viel wichtiger auf meine Seele würkten die Zufälle, wenn ich bei heftigem Kopfweh eiskalt ward, und nun in eines weg, gleich einem Narren mit durchdringenden Gelächter meine Wächter erschreckte, ohne dieses Lachen bei allem Bestreben unterlassen zu können. Wenn ich Griechisch und Hebräisch und noch eine Sprache, die niemand kannte, mit aller Geläufigkeit redete, sehr wohl [51]mit derselben einen Sinn verband, den man im Griechischen und Hebräischen verstand, ohne daß ich je mit letzterer Sprache bekannt gewesen, und von ersterer noch nichts weiß.

Oft aber alle Thiere nachmachte, im Geschrei und Gang, selbst in ihren Eigenschaften, vorzüglich das Stampfen und das Wiehern der Pferde, so unwillkührlich, daß ein Strick, den man mir an den Leib gebunden, weder die Bewegung meiner Füsse hemmen, noch mein Geschrei durch Drohung und Zwang verhindert werden konnte; ja so, daß, als ich ein Füllen auf dem Hof sahe, ich in einem solchen Pferdesinn zu ihm hinaus wollte, und mit der Hand ein Fenster einschlug, das eine Sehne mir an der rechten Hand abschnitt.

Ein solcher Zufall endigte sich allemal mit einem epileptischen convulsivischen Zufall, der die Sinnen wieder in Ordnung brachte, und die Imagination berichtigte. War ich kalt während diesem Zufall gewesen, so glüheten nun alle Adern.

War ich warm und in Hitze gewesen bei Eintritt meines Zufalls, so war ich beim Ende eiskalt, zum gewissen Beweis, daß der Zufall bald wieder kommen würde.

Ich schlief und aß, trank und hatte alle natürliche Wirkungen eines Gesunden so vollkommen, wie mein gutes Ansehen, daß bei gesunden Augenblicken, man alles für Verstellung gehalten haben würde. Oft war meine Seele unwillig über die [52]unwillkührliche Bewegung meines Körpers, und oft folgte sie dem Körper mit gänzlicher Ueberlassung seiner selbst.

Es wird gewiß jedem Psychologen schwer werden, schon dieses nur einigermaßen zu erklären. Aber gewiß nachfolgende Umstände weit mehr noch! Nach drei Jahren ward die Heftigkeit der Krankheit so gebrochen, daß bloß alle 6 Wochen convulsivische krämpfigte Zufälle, durch 3, 4, auch 8 Tage eintraten, keine andere Zufälle aber sich äusserten.

Unter diesem Zeitpunkt war der siebenjährige Krieg eingetreten. Mein Bruder bei der hannövrischen Armee engagirt; und ich ein eifriger partheinehmender Verehrer Ihres großen Königs. Ich lebte zu Glückstadt bei meinem Oheim, dem Grafen von D...., Canzler in Glückstadt, der sehr Oestreichisch gesinnt, dessen älteste Tochter aber, weil sie an den Sohn des Generallieutenannt, Graf Kielmansegg, unter dessen Regiment mein Bruder angestellt, versprochen war, mit mir eine Parthei hielt.

Da ich mit jenen leidigen Zufällen bis in mein zwei und dreißigstes Jahr behaftet war, so war ich auch dort, wie gewöhnlich, von Zeit zu Zeit damit befallen. Nie war meine Seele munterer, zum Studieren mehr aufgelegt, als dann, so schwach der Körper und die Nerven auch dann und in solchem Grade waren, daß ich zuletzt krum und gebückt einherging, wenn ein solcher Zufall eintrat.

[53]

Nun traf es sich, daß ich einmal krank ward, als ich den Abend vorher über die Operationen der hannövrischen Armee mich weidlich die Charte zur Hand gestritten hatte; und unsere letzten Nachrichten waren von Minden.

Ich lag des Morgens auf meinem Bette, halb schlummernd, doch nicht schlafend, sahe die ganze alliirte Armee gegen die Franzosen würken, wußte wer am rechten und linken Flügel commandirte. Sahe, wie die Franzosen in die Flucht gingen, und die Leichen, und meinen Bruder betäubt von einer Kugel, die seinen Kammeraden niederschoß, zur Erde fallen, und zugleich, daß der Erbprinz und Graf Kielmansegg an einem andern Ort einen französischen General schlugen.

Erwachte aus meinem Schlummer, und war meiner Sache so gewiß, daß ich es als Gewißheit mit allen Umständen erzählte; und erst acht Tage nachher erhielten wir volle Bestätigung.

Eben denselben Vorfall hatte ich, da ihr König die große Bataille gegen die Russen verlor. Ich sahe ihn und sein Heer fliehen, und ihn allein.

Ich sagte es denselben Tag mit allen Umständen, und endlich war mir auch die Uebergabe von Dresden mit 150 Kanonen so bekannt und gewiß am Tage der Uebergabe, daß ich meinen Kopf darauf verpfändet hätte.

Auf einen bloßen Zufall lassen sich dergleichen bestimmte Wirkungen der Seele nicht rechnen. [54]Zufall und Ungefähr sind mir immer äusserst seltsame Aufklärung über unbegreifliche Wirkungen unserer Seele oder Körpers. Läßt Krankheit des Körpers solche Wirkungen der Seele entstehen? kann sie das, die an sich der Natur der Seele zuwider und entgegen ist.

Und wie läßt sich ein Bewußtsein von Dingen und Begebenheiten, die auf zehn Meilen von uns vorgehen, auch nur einigermaaßen erklären, da unsere Seele sehr oft und viel Dinge, die ausser und neben uns geschehen, nicht weiß, weil die Sinnen sie nicht fassen.

Die Belagerung von Dresden war indessen der letzte Vorgang dieser Art. Meine academische Studien und Aemter mußten natürlich meiner Imagination nicht mehr die Zeit lassen, sich so sehr Dinge einzuprägen, daß die Seele durch ihre Eindrücke sich auf Meilen weit von mir entfernte; ob ich gleich noch vierzehn Jahr hindurch selbst in Wien, von meiner Krankheit oft ergriffen, und bis zum Ausbruch oft die wichtigsten Arbeiten mit möglichster Gegenwart des Geistes, Gedächtniß und Ordnung bearbeitet hatte, und die schwersten Sachen fast immer dahin sparte, weil ich denn besser und leichter zu arbeiten gewohnt war.

Graf von Grävenitz.

Erläuterungen:

a: Für ihre Recherchen zu Polchow und zur Familie Grävenitz sind wir Frau Brigitta Steinbruch, Landeshauptarchiv Schwerin, sehr zu Dank verpflichtet.

[55]

5.

Beobachtungen über Taubstumme.

Eschke, Ernst Adolf

Erster Versuch.

Niemand wird wohl bezweifeln, daß es der Mühe werth sey, diese Klasse der Menschen zu belauschen, zu sehen, in welchen Stücken sie sich uns Hörenden nähern, oder von uns abweichen und sich entfernen. Dieß und nichts anders ist der Zweck aller Beobachter, die berufen oder unberufen ihr Augenmerk auf Geistesentwicklung und Denkart der Taubstummen richten; und ob deren Anzahl gleich groß ist, so hoffe ich dennoch ein Plätzchen darunter zu finden, und werde zu dem Ende in jedem Stücke dieses Magazins kleine Beobachtungen über Taubstumme liefern, worin ich dem Leser ohne Rückhalt sage, wie weit die Erkenntniß der Taubstummen in abstrakten Begriffen geht; oder worin ich vielmehr Gründe beibringe, durch die ich beweise, daß Taubstummgeborne eigentlich gar keine Erkenntniß abstrakter Begriffe haben. Ausser dem verspreche ich zu zeigen, daß eine lange zusammenhängende Gedankenreihe und Erinnerung an die Vergangenheit der Taubstummen Sache nicht ist, ohne durch gegenwärtige Eindrücke darauf gebracht zu werden.

[56]

Ich schreibe: kleine Beobachtungen. Denn ich will hier die kleine Münze einzelner Erfahrung so lange sammeln, bis ich sie in Goldstücke allgemeiner Anmerkungen umsetzen, und diese zu dem wichtigen Kapitale gedachter Resultate schlagen kann.

Von meinem Schwiegervater Heinike, und durch eignes Studium und unablässigen Selbsteifer ärndtete ich viele Erfahrung in meinem Fache. Des darf ich mich wohl rühmen, ohne den Fehler der Aufgeblasenheit mir auf die Schultern zu bürden.

Lebrecht F. ein Zögling im Institute zu Leipzig, war 15 1/2 Jahr alt, als er in das Institut kam.

Er hat in der zartesten Jugend, ehe er die Sprache noch fassen konnte, das Gehör durch die Pocken verloren. Beim ersten Blick sieht man es ihm an, daß sein Körper von einer thätigen Seele bewohnt wird.

Sein Geschäftigkeitstrieb ist ausserordentlich. Sich die Zeit zu kürzen, sann er darauf, Fliegen und Flöhe zu verbannen, Vögel und Fische hingegen auf eine schlaue Art zu fangen.

Besonders mußte ihm die Verbannung der Flöhe unglaubliches Kopfzerbrechen gekostet haben, denn sie war künstlich und sinnreich. Ich will sie im zweiten Versuche beschreiben.

[57]

Lebrecht stellt seine Gedanken durch sehr passende Zeichen allemal dar, und ich vermuthe schier, daß Herrn Abbé de l'Epee und Herrn Abbé Storks gepriesene methodische Zeichen nicht passender seyn können.*) 1

Bei seiner Ankunft im Institute zu Leipzig sah sich Lebrecht in eine neue Welt versetzt, und man witterte es ihm ab, daß er sich lieber wieder in die alte sehnte. Herr Direktor Heinike und ich däuchten seiner Freiheit ein Kapzaum, und er schien darüber empfindlich. Indessen erwarb ich mir bald Zugang zu seinem Herzen, Liebe und Vertrauen. Ich gab ihm nach, wo ich konnte. Erlaubten Wünschen eilte ich zuvor, und blieb ihre Erfüllung augenblicklich unmöglich, so suchte ich sie wenigstens zu beflügeln. Ich lauerte auf die Minuten, wo er meinen Unterricht anzunehmen geneigt war. Ich strengte ihn Anfangs nicht im mindesten an. Worauf seine Aufmerksamkeit stieß, da folgte ich ihm treulich. Und so betrachteten wir in einer Stunde öfters mit ziemlich flüchtigen Blicken eine Menge Gegenstände, die so pudelnärrisch durch einander liefen, wie sie kaum ein Marionettendirektor zusammenzumischen im Stande ist.

[58]

Ueberdies brauchte ich bei ihm noch diejenigen schuldlosen Kunstgriffe, mit welchen ich so vielen der Taubstummen Lust zum Lernen inokulirte, und die ich, ohne Winkelzug und Zikzak, dem Publikum enthüllte in meinen

Reflexionen über Thier- und Menschensprache; auch über die sämmtlichen Lehrer der Taubstummen. Fragment eines Briefes an Bürger. (in Müller' s und Hofmann' s medizinischen Annalen.)

Hierdurch gelang es mir: seinem nicht geringen, beinahe akademischen Freiheitsstolze Zaum und Gebiß in's Maul zu legen, und den guten Lebrecht ganz an mich zu ketten. Ich wurde gewahr, daß die Krankheit des leidigen Geniefiebers, Sturm und Drang, heimlich in ihm wüthete. Wie ich dagegen eiferte, wie und welche Medikamente, aus Beweisen, Thatsachen und Beispielen, ja sogar aus meinem eignen Beispiele komponirt ich ihm eingab: dies behalte ich mir vor künftig zu erwähnen. Es ist gewiß, daß jeder gute junge Kopf die sublunarische Welt in der Erst als Dichter und Träumer angaft. Er schaut alles edler, höher, vollkommner, himmlischer, geläutert und gesäubert vom Unreinen, Irdischen; natürlich auch übertriebner, wilder und verwirrter. Am besten dünkt mich, wenn er das im Stillen auskocht; sonst wird er ein Kontreband in der menschlichen Gesellschaft.

[59]

Acht Wochen spielte ich, so zu sagen, mit ihm. Aber nachdem griffen wir unser Werk mit vereinten Kräften fröhlich und guter Dinge an. Binnen sechs Wochen brachten es Herr Direktor Heinike, ich und sein eigner Fleiß so weit, daß Lebrecht die ihm vorgelegten Fragen zu beantworten vermochte, wie man es verlangte. Es versteht sich, daß es Fragen über sensible Dinge seyn mußten. Vom Sensiblen geht man dann zum Intelligiblen.

Ich habe bei unserm Lebrecht so Vieles bemerkt, was in psychologischer Rücksicht merkwürdig mir scheint. — Aber ich fand mich genöthigt, hier erst minder interessante Sachen zu erzählen, um im zweiten Versuche dahin zu kommen, wohin ich will.

Berlin am 14ten Oktober 1789.

Ernst Adolf Eschke.

Fußnoten:

1: *) Mit beiden Herren Abbés stehe ich jetzt über unsre heterogenen Lehrarten im Briefwechsel.
Eschke.

[60]

6.

Fortsetzung des Tagebuchs eines Selbstbeobachters.

Moritz, Karl Philipp

Den 20. Febr. 1783.

Ich will meine Stirne aufheitern und will fröhlich seyn — Der Gram ist bitter und verkürzet das Leben — Gieb mir Kraft, du Geist der Freuden, den Geist der Traurigkeit zu überwinden! der mich mit schwerer Hand danieder drückt, daß mein Herz sich nicht erheben, und mein Gemüth nicht frohlocken kann. —

Doch, ich will mich ermannen, will frischen Muth fassen, und Herr über mich selbst seyn — manchen Fehler hab' ich mir schon abgewöhnt, warum sollt' es mir nicht auch bei diesem gelingen! — Morgen will ich schon fröhlicher seyn, wie heute, und wird es mir auch im Anfang schwer, so wird es doch nach und nach immer leichter werden.

Was fehlt mir denn? worüber beklage ich mich? — Bin ich mit mir selbst unzufrieden, so will ich mich bestreben mit jedem Tage besser zu werden, und das wird mir an jedem Tage ein neues Vergnügen erwecken. —

Ich will mich also zuerst bestreben, jedes nothwendige Geschäft, dem blos nützlichen und ange-[61]nehmen vorzuziehen, es mag mir auch noch so viel Ueberwindung kosten. —

Das will ich thun, was ich mir schon so lange vorgenommen habe, keinen Abend hingehen zu lassen, an dem ich nicht einige Beobachtungen, die ich den Tag über gesammlet habe, aufschreibe. —

Und daß dieser Entschluß nicht erkalten möge, will ich noch heute damit den Anfang machen. —

Auch will ich meine Zeit besser zu rathe halten, und auf jede Stunde geitzig seyn, will mich lieber der Gesellschaft entziehen, wenn ich merke, daß ich sie durch üble Laune stöhren werde, will mir aber auch vor allen Dingen diese üble Laune gänzlich abgewöhnen, und diese gefaßten Vorsätze will ich vors erste täglich zweimal überlesen. —

Den 30. Febr.

Welch eine unverantwortliche Sünde ist es, seinen Mitmenschen die besten Stunden, die sie hier auf Erden genießen, durch üble Laune zu verderben! —

Unglücklicher! wenn du mißvergnügt seyn mußt, so sey es allein, und sey kein Freudenstöhrer!

Das sey inskünftige meine feste Entschließung, daß ich lieber alle Gesellschaft der Menschen fliehen, als durch meine Traurigkeit ihre Freude vermindern will. —

Aber, Gott, der du mein Herz zur Freude schufst, o sollte es nicht möglich seyn, durch deinen [62]Beistand dieß Mißvergnügen zu überwinden, daß so oft wider meinen Willen in meiner Seele emporsteigt! — Laß, o laß mich die trübe Quelle entdecken, aus welcher so viele finstre Augenblicke dahinströhmen, die den Frühling meines Lebens verdunkeln! —

Ist es Unzufriedenheit mit mir selbst, weil ich andre im hellen Licht erblicke, wodurch ich immer mehr verdunkelt werde; weil ich an andern ein angenehmes Wesen, einen gefälligen unterhaltenden Ton bemerke, den ich an mir selbst vermisse; weil ich merke, daß ich der Gesellschaft mißfällig, lästig — werde, und daß ich diesen Mißfallen verdiene.

Weil ich mir nun nicht mehr soviel zutraue, etwas vorzubringen, daß mit Beifall könnte aufgenommen werden, da ich mich einmal durch mein Stillschweigen in der Gesellschaft unwichtig gemacht habe, und dasjenige, was ich nun sagen will, entweder sehr interessant seyn muß, oder gewiß wenig Beifall finden wird. —

Gott! sollte es jene niedrige Gesinnung, sollte es jener hämische Neid seyn, der Kains Stirne verfinsterte, wenn er die bessern Eigenschaften seines Bruders bemerkte — o wie verderbt ist dann noch mein Herz. —

Aber ich kann es mich noch nicht überreden, daß dieses die Quelle meines Kummers seyn sollte — Vielleicht ist es blos Mangel an Selbstzutrauen — und sollt' es das seyn — so will ich es [63]noch einmal wagen, einer Gesellschaft beizuwohnen — will mich bestreben heiter zu seyn, und will jeden Gedanken an meine Unvollkommenheit, und mein Verhältniß gegen andre, zu unterdrücken suchen. —

Wer weiß, liegt es nicht vielleicht blos an mir, mir eben das einnehmende Wesen, eben diese Freimüthigkeit im gesellschaftlichen Umgange, die ich an ihnen bewundre, durch wiederholte Bemühung zu erwerben? — und ich glaube, das ist immer vernünftiger, als wenn ich mich der Gesellschaft ganz entziehen wollte, und doch werde ich dieß letztere thun müssen, so bald ich merke, daß es mir unmöglich ist, mein Mißvergnügen und meine Traurigkeit zu überwinden. —

Dann o Gott, vergieb es mir, der du mich zu einem Mitgliede der menschlichen Gesellschaft schufst, daß ich nichts zum Vergnügen meiner Freunde im gesellschaftlichen Umgange beitragen kann. —

Ich will mich demohngeachtet bestreben, nicht ganz unnütz zu seyn — ich will die Stunden der Einsamkeit nutzen, zum Vergnügen meiner Mitmenschen zu arbeiten, da ich durch meinen persönlichen Umgang nichts dazu beitragen kann. —

Und doch ist der Umgang mit edlen Seelen, die uns lieben und schätzen die größte Glückseligkeit des Lebens — aber dieses Glücks bin ich vielleicht noch nicht werth, und ich will gern so lange Ver-[64]zicht darauf thun, bis ich mich desselben einmal würdig gemacht habe. —

Den 18. März.

Einen ganzen schönen Nachmittag habe ich mit den Gedanken an Entwürfe verdorben, die vielleicht nie zur Reiffe kommen werden, und ob ich dieß gleich voraussehen konnte, war es mir doch nicht möglich meine Gedanken davon abzulenken.

Ich will inskünftige suchen so viel Herr über mich selbst zu seyn, daß ich alle diese Entwürfe, die so gern von meinem Herzen Platz nehmen wollen, kurz abfertige, und sie entweder, bis auf eine gelegnere Zeit, der Schreibtafel anvertraue, oder sie gänzlich zu vergessen suche.

Auch das ist Sünde, und das merke ich daran, weil es mich mit Mißvergnügen erfüllt; auch das ist Sünde, wenn man seine Gedanken unrecht anwendet

Wie viel Nützliches hätte ich gestern Nachmittag zu Hause und beim Spatzierengehen denken können, anstatt daß sich meine ganze Seele mit leeren Projekten beschäftigte, und darüber sogar den Genuß einer angenehmen Gegenwart vergaß.

Ein Brief von einem Freunde aus H... — wie viel süsses hat das Andenken an unsre vergangnen Tage, wenn wir so ins Leben zurückschauen, uns in unserm jetzigen Zustande denken, und uns dann alle der abwechselnden Scenen, seit einer ge-[65]raumen Zeit erinnern, das erweitert unsre ganze Seele, und lockt Thränen einer mit Wehmuth vermischten Freude aus unsern Augen. —

Den 20. März Abends.

Trauern will ich, aber ich will mich nicht an Gott versündigen! Ich will mich nun einmal mit Muth und Entschlossenheit wafnen, und auch die Bitterkeiten des Lebens ertragen lernen!

Wie leicht würde es mir jetzt seyn, von dem Leben Abschied zu nehmen! Aber ich will den Muth doch nicht sinken lassen.

Heute will ich weinen. Vielleicht heitert sich Morgen mein Schicksal wieder auf.

Aber warum bin ich denn so niedergeschlagen? Ach, meine Absicht war nicht rein, bei meinem Unternehmen; wäre sie das gewesen, so würde ich mich damit beruhigen, daß meine Arbeit gut gemeint war.

Aber ich that's aus Ehrfurcht, und der Nutzen, den es stiften sollte, war nur der Deckmantel meiner Leidenschaft, nun diese nicht befriediget wird, weine und klage ich. O vergieb mir diese sündlichen Thränen, die ich weine, Barmherziger!

Ich schaudre vor mir selbst! Gott, was bin ich! welch ein fürchterlicher Gedanke! indem ich zu dir bete, fühle ich es, daß ich noch im Innersten meiner Seele an deinem Daseyn zweifle.

[66]

Ach, wie dunkel, wie dunkel wird es um mich her! Ist mein Geist unsterblich? o welche bange Zweifel erwachen in meiner Seele?

Und alle diese wurden doch nur durch meinen Unmuth aufgeweckt, und mein Weinen entstand aus einer unbefriedigten Leidenschaft, und meine Leidenschaft entstand aus mir selbst, und wird mir noch manche Thräne auspressen, mein ganzes Leben hindurch.

Sie wird mich in eine einsame Hütte verbannen, und wird mich von der Gesellschaft der Menschen entfernen. Und ich werde die Tage meines Lebens in Trauern hinbringen.

Ohne von irgend einem Menschen gekannt und geliebt zu seyn.

Mit Thränen werde ich mein Brod essen, und mit nassem Blick werde ich der Sonne entgegen sehen, wenn sie aufgeht, und mit meinen Thränen werde ich sie begleiten, wenn sie untergeht, bis die Quelle versiegt, und meine Augen trocken werden.

Dann ist meine Lebenskraft verzehrt, meine Schmerzen sind vorüber, ich empfinde weder Wehmuth noch Freude mehr, ich lächle froh, und weiß nicht worüber.

Meine Leiden hören auf, und es wird besser mit mir werden; dann währet es kurze Zeit, so deckt die Erde meinen Staub, und man gedenket meiner nicht! —

[67]

Und man gedenket meiner nicht! und warum sollte man denn auch meiner gedenken? Ich bin ein elendes verworfnes Geschöpf! Und muß es erkennen, daß ich es bin!

Andre sind es auch, aber es hängt eine Decke vor ihrer Seele, und sie können nicht hineinschauen, darum sind sie glücklich und zufrieden mit sich selbst.

Aber ich fühle mein Elend! Ich irre im Dunkeln, und finde keinen Ausweg! Erbarme dich meiner, du unbegreifliche Ursach meines Daseyns!

Meine Arbeit, worin ich hätte Freude finden können, muß mir mißlingen, und nun habe ich keine Freude mehr! Ach was hilft mir nun mein Leben?

Aber gern wollt' ichs tragen, wenn ich wüßte, daß ich noch einmal glücklich, glücklich, seyn sollte. Jetzt glaubt' ich es zu werden, und wo ist meine Hofnung hin? —

Aber sollt' es denn unmöglich seyn, auch den Unmuth zu überwinden? Jetzt will ich, ohngeachtet daß meine Seele sich dagegen empört, will arbeiten, will mit den Zähnen knirschen, und meinen ausbrechenden Kummer unterdrücken! und wenn auch, von diesem Abend an sey das mein Entschluß, und wenn auch Verachtung mein Looß ist, und wenn auch mein liebstes Werk mir mißlingt, so will ich arbeiten, und jeden aufkeimenden stolzen Gedanken unterdrücken.

Vergessen will ich es, daß ich meinen Haß und meine eigne Verachtung verdiene! Meine Thränen [68]sind ausgetrocknet, und sie sollen nicht wieder fließen, wenn es mir das Leben kostete!

Nun wäre die Wunde zugeheilt, aber sie schmerzt noch, daß es mir die Sinne betäubt.

O warum habt ihr mir diese Wunde versetzt? aber ihr wußtet es nicht, daß ihr mir mein Leben verbittern würdet, sonst hättet ihr es gewiß nicht gethan. —

Nun Gottlob! Der Sturm in meiner Seele ist vorüber. Ich bin doch diesmal nicht so tief wie sonst herabgesunken, und habe mich ehr von meinem Falle wieder aufgerafft. Nun will ich aufs neue den festen Versuch fassen, mich nicht durch ähnliche Fälle, wie der heutige, so sehr niederschlagen zu lassen.

Den 21. März.

Die Wunde war nicht zugeheilt, wie ich glaubte. Jetzt wacht mein Unmuth wieder auf.

Kann mich das schon so betrüben, was andre vielleicht nicht achten würden, wie viele Thränen sind mir dann noch aufgespart! Und wie kömmt es denn, daß ich selbst im Trauren, diese Wonne, diesen Trost finde! —

Der Tag ist noch so heiter, und ich kann mich doch nicht dieses Tages freuen. Ach der Gedanke an ein mißlungnes Werk ist fähig unsre ganze Thätigkeit zu hemmen.

[69]

Wir verlieren die Freude an uns selbst, wenn uns unsre Arbeit nicht mehr gefällt, und haben wir diese verloren, so ist es aus mit unsrer irrdischen Glückseligkeit.

Wer gibt mir die Ruhe meiner Seele wieder, die ich seit gestern verloren habe?

Den 27. März Abends.

Diese vier Tage muß ich für verloren schätzen. Ich habe keine Freude darin genossen, und habe auch auf keine künftige Freude vorgearbeitet.

Ich habe mich fast bis zur äußersten Verzweiflung hinreissen lassen, ohne daß ich eine wirkliche Ursach dazu hatte.

Nun ist die anscheinende Ursach gehoben, und meine Ruhe ist vors erste wieder hergestellt, aber die vier verlornen Tage sind doch einmal dahin.

Indes will ich das nun gut seyn lassen, denn was hilfts mir nun, wenn ich mich auch noch so sehr darüber kränken wollte?

Aber doch ist es immer, als ob noch ein geheimer Kummer in meiner Seele verborgen liegt, der mir mein Leben verbittern will.

Ich befürchte nehmlich, daß noch manche solche trübe Tage in der Zukunft meiner warten.

Um diesen einigermaaßen vorzubeugen, will ich bei allem, was ich thue, mehr auf die redliche Absicht, als auf den Erfolg sehen. Dies will ich mir von heute an zum Gesetz machen.

[70]

Ich will mir auch vornehmen, mich durch kleine Hindernisse nicht gleich von einer sonst nützlichen Sache abschrecken zu lassen.

Ich will den Gedanken zu verbannen suchen, als ob mir Unrecht geschiehet. Und doch ist es mir, als ob dies der Fall wäre, und als ob meine ganze Seele sich gegen das zugefügte Unrecht von Menschen empören wollte.

Durch diese vier mißvergnügten Tage habe ich wieder meiner Gesundheit merklich geschadet.

Aber nun will ich auch mein Leben nutzen, weil ich es habe, meine — — sollen nun wieder meine Lieblingsbeschäftigung seyn. Ich will dadurch selbst fromme Empfindungen in mir zu erwecken suchen.

Und von meiner redlichen Absicht überzeugt, will ich mich nicht mehr an die oft voreiligen Urtheile der Menschen kehren.

Sondern will meinen Weg gerade vor mich hingehen, und mich weder durch Lob noch Tadel, von der rechten Bahn ableiten lassen.

Mein Kummer ist mir doch nun wieder durch einen vergnügten Abend ersetzt worden. Das betrübt mich aber immer noch, daß ich diese vier Tage über betrübt gewesen bin, ohne gegründete Ursach dazu gehabt zu haben, indeß freuet es mich doch, daß ich anfange, aufmerksamer auf mich selbst zu werden.

[71]

7.

Waffen der Mystik gegen die Versuchungen zur Wollust.

Fleischbein, Johann Friedrich von

Auszug aus einem Briefe des Hr. v. F...

den 14. Juni 1759.

Ihre Versuchungsgedanken betreffend, haben Sie sehr wohl gethan, solche in Einfalt an mich zu schreiben.

Schämen Sie sich nicht vor mir, wie könnte ich Ihnen meinen geringen Rath in einer Sache ertheilen, wann ich eben diese Sache nicht vorher auch erfahren hätte?

Die Versuchung, worüber Sie klagen, haben die größten Knechte Gottes in ihrem Glaubensweg erfahren müssen.

Wann Sie der M. G. Lebenslauf ganz gelesen haben, werden Sie sich entsinnen können, daß sie meldet, wie eine Nonne, die sich eben dieser Versuchung wegen an einer andern ärgerte, und ferner ein alter treuer Diener Gottes damit befallen worden.

Bei diesen Umständen, muß man trachten, nicht den Gedanken geradezu zu widerstehen, welches selten gut von statten gehet, sondern sie fallen zu [72]lassen, also, daß man sich sachte davon abwendet, an etwas anders zu gedenken trachtet, und sich in der Gegenwart Gottes hält, hiermit kann man oft dem Versucher entrinnen.

Hält aber dieses nicht die Versuchung ab, noch alles nicht, was man dagegen vernimmt, so muß man es tragen so gut man kann, und sich von Zeit zu Zeit immer wieder davon ab und zu Gott wenden.

Diese Versuchungen wiederfahren den Seelen zu ihrer Prüfung auch oft, weil sie sich innerlich erhoben, oder der Gaben und Gnaden angemaßt haben; allein alsdann ist dieses der Koth den J. Chr. gleichsam den geistlichblindgebohrnen auf die Augen leget, damit sie ihr Elend und Unvermögen sehen und erkennen sollen, und wissen, daß sie nichts als Elend und Verdorbenheit sind, Gott aber allein heilig ist.

Also lassen auch Sie sich diese Prüfung dienen, und solche Sie ja nicht abhalten, sich stets in der Gegenwart Gottes zu halten zu trachten, und zu allem und jedem dem Willen Gottes unterworfen zu bleiben.

Wie bist du sehend worden? fragten die Pharisäer den Blindgebohrnen, welcher antwortete: Koth legte er mir auf die Augen. Ihre Uebergabe muß auch dahin sich erstrecken, daß, nachdem Sie alles angewandt haben, was vermittelst der Gnade in Ihren Kräften stehet, und Sie dessenohn-[73]geachtet diese Gedanken nicht loß werden können, daß Sie sich der Gerechtigkeit Gottes aufopfern, um diese schwere Probe bis in Ihr Grab zu tragen.

Sie müssen sich aber hüten und getreu seyn, nicht darein zu willigen, und was wider Ihren Willen Ihnen begegnet, rechnet Gott Ihnen nicht zur Sünde.

Aeusserlich aber müssen Sie mit Weibspersonen allen vertraulichen Umgang vermeiden. Kennest du, spricht Thomas a Kempis, eine Gott ergebene Weibsperson, so befiehl sie Gott, und bleibe für Dich in der innern Stille und Einsamkeit ohne mit ihr vielen Umgang zu haben.

Hüten Sie sich sonderlich für jungen Weibspersonen, durch welche der Feind leicht Stricke der Versuchung uns zu legen pfleget.

Gott wird Sie schützen und erhalten, daß die Versuchung ein solches Ende gewinnet, daß dieselbe Ihnen an ihrem Seelenheil nicht schadet, und Sie solche ertragen können.

Es fallen mir zwei Begebenheiten dieser Versuchung wegen bei. Eine Person, die damit mit der größten Heftigkeit befallen wurde, belegte ihren bloßen Rücken mit frischen Brennesseln, welches aber die Versuchung vermehrte und noch weit heftiger machte, anstatt, daß sie glaubte, ihr Fleisch zu züchtigen und der Versuchung Einhalt zu thun. Diese Person aber hatte noch keine Erfahrung in den innern Wegen.

[74]

Die andre Begebenheit ist diese: Ein Frauenzimmer, die eine bejahrte Matrone war, und den Genuß der steten Gegenwart Gottes hatte, auch Erfahrung besaß, und dabei oft mit dieser Versuchung befallen wurde, sagte: sie sehe dise Versuchung an, wie eine Leibeskrankheit, deren man nicht loß werden könnte, wann sie käme, und die man in Gedult und mit Ueberlassung in den Willen Gottes tragen müßte.

Wann Sie es auch also machen, und Ihren Willen davon abziehen, wird dieses Ihnen nicht schaden, sondern in Erkennung Ihrer Nichtigkeit, Elends und Unvermögens Sie allmählig in der Demuth gründen. Hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch thust wider Gottes Gebote, sagte der alte Tobias zu seinem Sohn.

In Ansehung Ihrer obengemeldeten Versuchung habe ich noch zu melden, daß, wann Gott zu Ihrer Demüthigung zulassen sollte, daß Sie in der Versuchung unterliegen und fallen sollten, (welches ich jedoch hoffe, daß es nicht geschehen werde) so müssen Sie nach Anweisung der bewährtesten und erleuchtetsten geistlichen Führer, in Ihrem Fall weder liegen bleiben, noch sich lange damit aufhalten, Ihren Fehler zu betrachten, sondern Sie müssen sich geschwinde wieder aufraffen, und zu Jesu Ihre Zuflucht nehmen, Ihren Fehler vor dem Angesicht Gottes erkennen, bekennen und nicht bemänteln noch sich entschuldigen, auch müssen [75]Sie den innern Schmerz tragen und diese innere Pein sich so lange sie währen mögte, zernagen lassen, ohne was anders zu thun, als, daß Sie, wie vorher, sich in der Gegenwart Gottes stets und von neuem wieder zu halten trachten, und Ihre innere Uebungen wie vorher fortsetzen.

So wird ein solcher Fehler durch die rächende eifersüchtige Liebe Gottes vermittelst dieses innern Nagens und Schmerzens, selbst gereiniget werden; Sie werden hierdurch wieder die Gnade Gottes erlangen, und diese Demüthigung sammt den innern Nagen und Brennen wird verschaffen, daß Sie ihre Nichtigkeit und Ohnmacht zu allem Guten, tiefer erkennen, und sich künftig für den geistlichen Hochmuth und Erhebung des Herzens wegen der Ihnen verliehenen Gnaden, mehr hüten werden.

Gott allein kann Sie durch seine Gnade erhalten und bewahren, daher müssen Sie das Ansicht des HERRN suchen vermittelst des inneren Gebets und der Uebung der Gegenwart Gottes, wie sie in den Schriften der M. G. gelehret werden.

[76]

8.

Starker Glaube an die Kraft des Gebets.

Fleischbein, Johann Friedrich von

Aus einem Briefe des Herrn von F.

den 21. Oktober 1768.

Die Frau G..., des seel. Hrn. M... Tochter, bedaure ich herzlich wegen ihrer Krankheit. Solche ist zwar durch die Nerven, wie die Medici urtheilen, allein nach meiner Meinung ist noch was anders, das die Nerven erreget, wovon ich aber weiter nichts schreiben werde.

Wann es eine Art von fallender Sucht ist, wird keine Brunencur sie heilen können. Gott allein kann sie heilen.

Sie muß in die Uebergabe an Gott völlig eingehen, sich seinem heiligen Willen unterwerfen, um diese Krankheit so lange zu dulden, als es sein heiliger Wille ist, der sie selig machen will, und zu diesem Ende ihr diese Krankheit zusendet.

Ich bete täglich, so wohl Tags als Nacht, für alle Freunde, und in meinem Gebet ist diese Frau G... allezeit eingeschlossen, wie auch die Ihrige, will sie sich von ganzem Herzen zu Gott wenden, und sich mit diesem meinem Gebet vereinigen, so wird vielleicht Gott ihr Linderung verschaffen.

[77]

Meine ordentliche Stunde ist des Morgens von halb neun bis halb zehn Uhr, und des Nachts nach Mitternacht, welche letzte Stunde unbestimmt ist, je nachdem ich noch viel zu schreiben habe, doch insgemein von halb ein bis halb zwei Uhr.

Wann Sie sich schlaffen legt, kann Sie sich in Gedanken und im Geist, ehe Sie einschläft, mit meinem Gebet vereinigen, so wird es auch im Schlaf nach ihrem Glauben seine Wirkung haben, dann alles ist möglich dem, der da glaubet.

Morgens von halb neun bis halb zehn Uhr kann Sie sich mit meinem Gebet vereinigen, und in der Bibel und in M. G. Schriften lesen, und diese Stunde als Gott gewidmet im Gebet und Lesen, und sich in Gottes Gegenwart zu halten, zubringen.

[78]

9.

Rath der Mystik wider die Schwärmereien der Einbildungskraft.

Moritz, Karl Philipp

Diesen Rath, welcher freilich sonderbar genug ist, enthält folgender Brief des Hrn. v. F... an einen seiner geistlichen Zöglinge, der ihm berichtet hatte, daß er eine Aenderung in seinem Innern erfahre, indem ihn eine Menge zerstreuender Gedanken beunruhigten. Er antwortet demselben darauf, daß auf die Tröstungen und Süßigkeiten jederzeit Trockenheiten und Zerstreuungen der Gedanken folgten, indem man über die flüchtige Einbildungskraft nicht Meister werden könne.

Dies findet überhaupt im menschlichen Leben statt, und der Verfasser des folgenden Briefes scheint nicht Unrecht zu haben, wenn er den Grund davon darin sucht, daß man über die flüchtige Einbildungskraft nicht Meister werden könne. Denn das Würkliche und dessen Verhältniß gegen uns kann immer noch dasselbe seyn und gleichwohl einen ganz verschiedenen Eindruck auf uns machen, je nachdem unsre Einbildungskraft der Vorstellung von dem gegenwärtigen Würklichen andere angenehmere oder unangenehmere Vorstellungen an die Seite setzt, und sie hiermit vergleicht.

[79]

Je eingeschränkter nun aber die Einbildungskraft bei einem Menschen ist, je mehr hält er sich bloß an die Vorstellung von dem gegenwärtigen Würklichen, je reger sie aber bei ihm ist, je mehr und öfter geht er davon ab.

Da nun die Schwärmerei der Mystik einen höhern als gewöhnlichen Grad von reger Einbildungskraft voraussetzt, indem sie doch, obgleich sie alle Bilder verdrängt wissen will, ja ihr Wesen darin hat, so ist ganz natürlich, daß sie sich hier auch am meisten äußern muß.

In der Mystik wird aber etwas als würklich angenommen, welches doch nichts weniger als würklich ist, sondern nur bloß in der Einbildung besteht, und wovon die Einbildung nicht abgehen soll.

Da das in der Mystik als würklich angenommene, welches wie ein Mittelpunkt festgesetzt worden, nichts körperlich merkbares an sich hat, sondern nur in einer dunkeln Empfindung besteht, und also das zarteste ist, was man sich nur denken kann; so muß es einem Mystiker erstaunend schwer werden, gerade die schon gehabte dunkle Empfindung wieder bei sich zu erwecken, wenn er durch seine flüchtige Einbildungskraft sich einmal von diesen Mittelpunkte verloren.

Es ist nun kein andrer Weg und kein anderes Mittel für ihn, als daß er den Weg, durch den er von seinem Standpunkte abgegangen, wieder [80]zurückgehe, und sich daher wieder etwas einbilde, dadurch er denn endlich dahin gelanget, daß er sich fest einbildet, er habe die verlorne Empfindung nun wieder, und sey also wieder auf dem rechten Wege.

Um aber recht sicher zu gehen, vertrauet er sich einem Führer an, der der Gegend und des Weges kundig; und auf diese Art giebt es eine eigene ordentliche Verfahrungsart in der Mystik, welcher nachzuspähen keine unnütze Beschäftigung für die Psychologie zu seyn scheint, in so fern die verschiedenen Arten von Selbsttäuschung dabei in Betracht kommen.

Herr von F.... aber lehret seinen Zögling also:

den 8. December 1769.

Sie schreiben, daß Sie seit zwei oder drei Wochen eine Aenderung in Ihrem Innern erführen, und eine Menge zerstreuender Gedanken Sie beunruhigten.

Auf die Tröstungen und Süßigkeiten folgen jederzeit Trockenheiten und Zerstreuungen der Gedanken, indem man über die flüchtige Einbildungskraft nicht Meister werden kann. Diese Abwechselungen werden Sie noch lange Zeit erfahren. Hierbei ist absolut nöthig, daß Sie nicht müde werden, noch sich abhalten lassen, die zum innern Gebet bestimmte Zeiten dennoch in der Gegenwart Gottes auszuhalten und in der Stille zu bleiben, sich so viel möglich immer wieder zu sammlen, auch [81]wohl ein paar Blätter vor dieser Zeit in der M. G. Schriften zu lesen, der Friede wird schon wieder kommen. Dulden Sie diese Prüfung, wodurch Ihr innerer Grund stets mehr geläutert wird, und lassen sich ja nichts in der Welt abhalten, die zum innern Gebet bestimmte Zeiten in der Stille vor Gott zu bleiben, auszuüben und zu erhalten. Werden Sie von Ihren Berufsgeschäften, die Sie ja nicht versäumen müssen, davon abgehalten, so holen sie diese Zeit nach, auf eine andre Zeit des Tags.

Sie werden erfahren, daß, wann Sie hierin getreu sind, und in den Zerstreuungen die bestimmte Zeit des innern stillen Gebets doch aushalten, daß Ihnen für die übrige Zeit des Tags unter den Geschäften doch eine verborgene Salbung und Sammlung bleiben wird, daß Sie werden ruhig seyn und Ihre Geschäfte in dem Willen Gottes vollbringen können, und daß die göttliche Gnade in Ihnen erhalten wird. Wollten Sie aber ohne Noth, noch daß die Berufsgeschäfte es erfordern, die zum innern Gebet bestimmte Zeit vernachlässigen, so würde alles verloren gehen, und Sie nach und nach wie eine Schnecke austrocknen, daß Sie zuletzt alles innere Gebet verlieren, und wieder zur Welt kehrten, wofür Sie die Erbarmung Gottes bewahren wird.

Ihre Fehler betreffend, so seyn Sie ja getreu, solche nicht bemänteln zu wollen, und sind solche [82]so, daß Sie damit andre beleidigen, so machen Sie es gut damit, daß Sie solche und das Aergerniß abbitten, diese Demüthigung wird Ihr Inneres fördern.

Kommt Ihnen in Gedanken, Sie hätten in diesem oder jenem gefehlet, so ergreifen Sie diese Gedanken gleich, und hören die Entschuldigungen anderer darauf folgender Gedanken, die nur von der Eigenliebe und Furcht für Beschämung und Demüthigung kommen, nicht an, sondern sprechen: ja ich habe gefehlet. Bringen Sie diesen Fehler vor Gott, und bitten Sie Ihn, Sie davon zu reinigen, worauf Sie ruhig werden werden, und dann halten Sie sich nicht länger bei den Fehlern auf.

Seyn Sie aber höchstens getreu, allen innern Anforderungen Gottes, dieses und jenes zu thun oder zu lassen, genau nachzukommen, ohne welches Ihr Inneres nicht zunehmen wird.

v. F.

[83]

10.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit.

K. St.

1.

Daß gewisse Momente in der Kindheit gleichsam ein Erwachen aus einem Schlummer sind, scheint aus Folgendem zu erhellen.

Als ich zwei Jahr alt war, wohnten meine Eltern den Sommer über in Pyrmont. In demselben Hause wohnte auch ein Schuster, welcher fast alle Abend nach der Arbeit mich auf den Arm nahm, und mit mir spatzieren gieng.

Dies weiß ich nur aus der Erzählung meiner Eltern, und besinne mich nichts davon.

Als aber eines Abends die Allee bei dem Gesundbrunnen erleuchtet war, so ging dieser Schuster mit mir auf die gewöhnliche Art nach einer Anhöhe, wo man dieses Schauspiel ganz übersehen konnte.

Dieses einzigen Umstandes erinnere ich mich mit Ausschliessung alles Uebrigen, mit der größten Lebhaftigkeit und Deutlichkeit.

Es war das erstemal in meinem Leben, das ich so etwas sah, ich wurde damit überrascht, und die Erinnerung ist mir noch so, als wenn ich zwischen einem Schlummer einmal erwacht, und dann plötzlich wieder eingeschlafen wäre. In diesem [84]Momente aber war mir alles neu, und ich wußte doch alles zu unterscheiden.

Es war angenehmes Wetter — das ganz umher verbreitete Dunkel machte mit den Lichtern in den grünen Bäumen einen schönen Kontrast, so wie auch die von den Lichtern in der Stille der Nacht herschallende Musik. —

Es war, als ob mich einer durch die Luft dahin ziehen wollte, aber der Schuster ging wieder mit mir zurück.

Der Schuster mit seiner Gestalt, seiner Kleidung, seinem schlotternden Schurzfell, ist mir noch wie gegenwärtig. Auf den Rückweg aber kann ich mich nicht bis dahin besinnen, daß wir wieder zu Haus gekommen, auch sonst nicht weiter auf den Schuster und den Ort; obgleich meine Eltern nachher noch da gewesen sind, und der Schuster mich alle Abend auf seinem Arm herumgetragen hat.

Es scheint mir indessen merkwürdig, daß ich aus diesem Zeitpunkt meiner ersten Lebensjahre gerade dies im Gedächtniß behalten habe, und zwar nicht die Hauptsache allein, sondern mit ihr alle Nebensachen.

Meine Eltern haben mir nachher auch nicht etwa davon vorgeredet, daß ich es daher ins Gedächtniß bekommen hätte. Sie haben sich aber, seitdem ich es erzählen können, zum Höchsten darüber gewundert, indem sie es in allen Punkten wahr befunden.

[85]

Es hat diese Sache aber einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich nicht nur nachher zum öftern davon geträumt, sondern mir auch, nachdem man mir vom Himmel und Paradiese vorgesagt, diese Oerter nicht anders als unter einer solchen Erleuchtung habe denken können.

2.

Folgende Erinnerung von meinem vierten bis sechsten Jahre ist mir noch recht lebhaft und scheint mir wegen der Ideenverbindung in der Kindheit merkwürdig.

Meine Eltern wohnten zu H.... in einem Brauhause, ganz oben unmittelbar unter dem Kornboden, auf welchem fast alle Tage das Korn umgestochen und Säcke mit Korn niedergeworfen wurden.

Dieses erschütterte öfters unsre ganze Wohnung, und einmal so, daß ein großes Stück Mauer in unsrer Kammer einstürzte.

Wir liefen gleich hinzu, und ich sahe diese Zerstörung, und meine Mutter mit aufgehobenen Händen dabei stehen, welche ganz erschrocken war, und mit einer mir furchtbaren Mine und Stimme sagte: Mein Gott! wer hier gestanden hätte, den hätte dies Stück Mauer auf der Stelle todt geschlagen!

[86]

Diese Worte, die Mine und Stimme, mit welcher sie sie aussprach, und das dabei liegende große Stück Mauer machten einen solchen Eindruck auf mich, daß ich nachher der Festigkeit des ganzen Hauses nicht mehr trauete, und bei jedesmaligem Lärm auf dem Boden und Erschütterung unsrer Wohnung, wegen der Unsicherheit und Gefahr meines Lebens oft stundenlang weinte.

Da ich nun aber einmal die Möglichkeit gesehen hatte, daß von dem Hause etwas loßgehen konnte, so setzte sich neben der Idee, daß es nicht aus einem Stücke bestehe, sondern von mehrern zusammengesetzt sey, auch die Idee bei mir fest, daß es mit dem Hause wie mit einem Thiere oder einer Pflanze, und ein Theil dem andern nothwendig wäre, so daß die Verletzung des einen Theiles den Untergang des Ganzen nothwendig nach sich ziehen müsse.

Als meine Mutter nun einsmals mit mir ausgewesen war, und wir wieder ins Haus kamen, so war unter der Zeit die unterste Stufe von der Treppe, welche wir ersteigen mußten, weggenommen, um ausgebessert zu werden.

Dies sahe ich nun erstlich mit der größten Verwunderung und Bestürzung an; denn ich konnte nicht begreifen, wie es möglich sey, daß die übrigen Stufen der Treppe, die Theile des Hauses, welche mit dieser in Verbindung standen, und überhaupt das ganze Haus nun ferner noch einen Augen-[87]blick stehen konnten, da die unterste Stufe der Treppe fehlte.

Mir wurde nun bange, ich fing an zu weinen, und wollte wieder zum Hause hinaus; denn der Einsturz des ganzen Hauses schien mir doch nun einmal unvermeidlich. Aber meine Mutter nahm mich mit Gewalt auf den Arm und stieg mit mir auf die folgende Stufe der Treppe, und so weiter bis zu unsrer Wohnung hinauf, indes ich bei jedem Tritt den Einsturz der Treppe und des ganzen Hauses mit Todesangst befürchtete.

Wie wir nun doch einmal oben waren, so kam es mir zwar wunderbar vor, daß der Einsturz des Hauses noch immer nicht erfolgte, aber ich wurde doch nicht eher ruhig bis ich sahe, daß die unterste Stufe wieder da war.

In diesem Hause brachte ich nun, seitdem das Stück Mauer in unsrer Kammer eingestürzt war, keinen Tag ohne Furcht zu.

Dieß dauerte wohl zwei Jahr, da denn meine Eltern sechs Meilen von dieser Stadt wegzogen.

Bei dieser Gelegenheit aber hatte ich noch erst wegen meiner Furchtsamkeit einen äußerst harten Stand. Denn wir fuhren diese sechs Meilen auf einem Frachtwagen, welcher hoch bepackt war, und auf welchem Gepäcke wir oben aufsaßen.

[88]

Hier saß ich nun zwar so, daß ich mich wegen des Herunterfallens sicher glaubte, aber nun trat ein andrer gefährlicher Umstand ein.

Wenn nehmlich der Wagen ein wenig schief gieng, so befürchtete ich dessen Umsturz und fieng daher laut an zu schreien, rief dem Fuhrmann zu und bat ihn flehentlich, stille zu halten.

So oft ich nun aber schrie, machte mich meine Mutter mit dem Scheuwerden der Pferde bange, und machte mir eine so erschreckliche Beschreibung davon, daß ich dieserwegen nicht weniger als wegen des Umwerfens, und also auf diesem ganzen Wege in einer doppelten Furcht schwebte, weil ich, wenn der Wagen schief gieng, mich selbst zu schreien fürchten mußte, um die Pferde nicht scheu zu machen.

Wie wir nun an Ort und Stelle waren, so fielen zwar die furchterregenden Dinge weg. Es war auf dem Lande, wir wohnten in einem Bauerhause an der Erde, über unsrer Wohnung war kein lärmiger Boden, die Idee von dem Einstürzen des Hauses kam mir aus dem Sinn; ich kam unter mehrere Kinder, sah diese gefährliche Dinge vornehmen, und wurde ziemlich furchtloß.

Die Bilder aber von dem eingestürzten Stück Mauer, und dem Frachtwagen, haben sich nachher meiner Vorstellung beständig wieder aufgedrängt, so oft ich durch etwas in Furcht oder Schrecken gesetzt worden bin. —

[89]
3.

Besonders auffallend ist es mir, daß ich in meiner Kindheit immer eine Aehnlichkeit unter den Sachen und ihren Namen suchte.

Daher kam es, z.B. daß ich roth immer blau nannte. Denn weil roth die Farbe des Bluts ist, und dies im Plattdeutschen Blaut genannt wird, so hielt ich es wahrscheinlicher Weise für natürlich, der Farbe des Bluts auch die Benennung zu geben, die dem Namen des Bluts am ähnlichsten war; dahingegen ich, da ich doch einen Unterschied in Ansehung der Farben machte, blau roth nannte, mich aber übrigens durch nichts von meiner Benennung abbringen ließ.

Eben so hartnäckig nannte ich die Flöte Hobo und die Hobo Flöte; welches ganz wahrscheinlich daher rührt, weil zwischen dem Laut des Worts Hobo und dem vollen sanften Laut der Flöte in den untern Tönen, welche mir besonders gefielen, und zwischen dem Worte Flöte wegen des zugespitzten ö, und dem schneidenden Tone der Hobo wirklich einige Aehnlichkeit statt zu finden scheint.

K. St.

[90]

11.

Fragment aus dem vierten Theil von Anton Reisers Lebensgeschichte. a

Moritz, Karl Philipp

Hier nahm nun die Idee des ruhigen Bleibens auf einmal wieder so sehr bei ihm die Oberhand, daß er jetzt, in seinem neunzehnten Jahre, an seinen Freund in H.... schrieb, er hoffe und wünsche nunmehr den Rest seiner Tage in Erfurt zu beschließen.

Seine lernende Laufbahn sollte nehmlich hier unmittelbar in die Lehrende übergehn, und so sollte das Ziel aller seiner Wünsche und Hofnungen dann erreicht seyn. — Auf alles übrige Glänzende glaubte er nun Verzicht gethan zu haben, und alle die schimmernden Theaterphantasien schienen auf eine Zeitlang aus seinem Kopfe verschwunden zu seyn.

Er war nun doch auf einmal in eine neue Welt versetzt, und hatte gegen seinen Aufenthalt in H.... immer erstaunlich viel gewonnen.

Wenn er auf den Wällen von Erfurt um die Stadt spatzieren gieng, so fühlte er lebhaft, daß er durch eigne Anstrengung sich aus seinem unerträglichen Zustande gerissen, und seinen Standpunkt in der Welt aus eigner Kraft verändert hatte.

[91]

Wenn er dann die Glocken von Erfurt läuten hörte, so wurden allmählig alle seine Erinnerungen an das Vergangene rege — der gegenwärtige Moment beschränkte sein Daseyn nicht — sondern er faßte alles das wieder mit, was schon entschwunden war.

Und dies waren die glücklichsten Momente seines Lebens, wo sein eigenes Daseyn erst anfing ihn zu interessiren, weil er es in einem gewissen Zusammenhange, und nicht einzeln und zerstückt, betrachtete.

Das Einzelne, Abgerissene und Zerstückte in seinem Daseyn, war es immer, das ihm Verdruß und Eckel erweckte.

Und dieß entstand so oft, als unter dem Druck der Umstände seine Gedanken sich nicht über den gegenwärtigen Moment erheben konnten. — Dann war alles so unbedeutend, so leer und trocken, und nicht der Mühe des Denkens werth. —

Dieser Zustand ließ ihn immer die Ankunft der Nacht, einen tiefen Schlummer, ein gänzliches Vergessen seiner Selbst wünschen — ihm kroch die Zeit mit Schneckenschritten fort — und er konnte sich nie erklären, warum er in diesem Augenblicke lebte.

Im Anfange seines Aufenthalts in Erfurt waren dieser Augenblicke nur wenige — er übersah das Leben immer mehr im Ganzen — die Ortsveränderung war noch neu — seine Einbildungs-[92]kraft war durch das Immerwiederkehrende noch nicht gefesselt. —

Dieß Immerwiederkehrende in den sinnlichen Eindrücken scheint es vorzüglich zu seyn, was die Menschen im Zaum hält, und sie auf einen kleinen Fleck beschränkt. — Man fühlt sich nach und nach selbst von der Einförmigkeit des Kreises, in welchem man sich umdrehet, unwiderstehlich angezogen, gewinnt das Alte lieb, und flieht das Neue — es scheint eine Art von Frevel, aus dieser Umgebung hinauszutreten, die gleichsam zu einem zweiten Körper von uns geworden ist, in welchen der erstere sich gefügt hat.

Reisers Wohnung auf der Kirschlache hatte selbst, so schlecht sie war, etwas Anziehendes für ihn — es war eine Reihe kleiner Häuser, längst einem kleinen Kanale hingebaut — es war doch keine ganz eingeengte Straße, sondern das vorüberfließende Wasser, und selbst die Kleinheit der Häuser trugen dazu bei, dieser Gegend der alten Stadt ein freieres, ländliches Ansehn zu geben.

Hinter dem Hause war gleich die alte Stadtmauer, von welcher man die Aussicht nach dem Kartheuserkloster hatte.

Die Mauer war oben zum Theil mit Graß bewachsen, und an verschiedenen Orten halb eingefallen, so daß man bequem hinaufsteigen konnte.

Nun hatte die Aussicht über die Gärten nach dem Kartheuserkloster hin so etwas Romantisches, [93]das Reisern unwiderstehlich anzog, und seine Blicke auf jenen stillen Sitz der Einsamkeit heftete, nach welcher er eine heimliche Sehnsucht empfand. —

Da das Gebäude seiner Phantasie gescheitert war, und er die geräuschvollen Weltscenen weder im wirklichen Leben, noch auf dem Theater hatte durchspielen können, so fiel er nun, wie es gemeiniglich zu geschehen pflegt, mit seiner ganzen Empfindung auf das andere Extrem.

Ganz von der Welt vergessen, von Menschen abgeschieden, in der stillen Einsamkeit seine Tage zu verleben, hatte einen unaussprechlichen Reitz für ihn — und diese Abgeschiedenheit erhielt in seinen Gedanken einen desto höhern Werth, je größer das Opfer war, das er brachte. — Denn das, worauf er Verzicht that, waren seine liebsten Wünsche, die in sein Wesen eingewebt schienen. —

Die Lampen und Kulissen, das glänzende Amphytheater war verschwunden, die einsame Zelle nahm ihn auf. —

Die hohe Mauer, welche das Kartheuserkloster umschließt, das Thürmchen auf der Kirche, die einzelnen Häuschen, die innerhalb der Mauer in einer Reihe nach einander stehn, und wovon jedes durch eine Mauer vom andern abgesondert, ein eigenes Fleckchen zum Garten hat; dies alles macht einen sehr interessanten Anblick, und diese Höhe der Mauer, diese einzelnen Häuser, und diese Gärtchen dazwischen, bezeichnen sehr auffallend und bedeutend [94]die Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Bewohner dieses Orts.

So oft die Glocke auf dem Thürmchen angezogen wurde, tönte sie in Reisers Ohren, wie die Sterbeglocke aller irrdischen Wünsche und Aussichten, in die Zukunft dieses Lebens. —

Denn hier war nun das Ziel von allem — nie durfte der Fuß des Eingeweihten wieder aus den Bezirk dieser Mauren treten — er fand hier seine immerwährende Wohnung, und sein Grab. —

Das Geläute der Kartheuser wird noch mehr durch die Art, mit der es geschieht, und durch seine Langsamkeit traurig und melancholisch. —

So wie nehmlich die Kartheuser sich auf dem Chor versammlen, thut jeder nach der Reihe einen Zug an der Glocke, und nimmt darauf seinen Platz ein, bis alle vom Aeltesten bis zum Jüngsten hereingetreten sind.

Nun horchte Reiser auf den Schall dieser Glocke zuweilen in der stillen Mittagsstunde, zuweilen um Mitternacht, oder bei frühem Morgen, und jedesmal erneuerte sich der Eindruck davon so lebhaft in seinem Gemüthe, daß immer das ganze Bild der Einsamkeit und Stille des Grabes mit erwachte. —

Es kam ihm vor, als ob diese abgeschiedenen Menschen ihren eigenen Tod überlebten, in ihren Gräbern umher wandelten, und sich einander die Hände reichten —

[95]

Mit dieser Idee wurde er nach und nach so vertraut, und sie wurde ihm so lieb, daß er sie manchmal um die angenehmsten Aussichten in das Leben nicht hätte vertauschen mögen.

Er hatte nun auch wieder einen Brief von Philipp Reiser aus Hannover erhalten, der eben so wie ehemals die Gespräche desselben, statt einer besondern Theilnehmung an seines Freundes Schicksale, eine etwas weitläuftige Schilderung seiner damaligen Liebe enthielt, und wie weit er nun schon in dieser Liebe gekommen sey, und was ihm noch für Hindernisse im Wege ständen.

Demohngeachtet trug Reiser diesen Brief beständig bei sich, und laß ihn zum öftern durch, weil Philipp Reiser doch sein einziger Freund war.

Ohnweit der Kirschlache war ein angenehmer Spatziergang, wo zwischen grünem Gebüsch im Thale sich ein klarer Bach ergoß. — Die Aussicht war rund umher gehemmt, und man befand sich in einer reitzenden Einsamkeit. —

Hier brachte Reiser manche Stunde auf den grünen Rasen am Ufer des Baches zu, und dachte über sein Schicksal nach, und wenn er zu denken müde war, so laß er den Brief seines Freundes durch, den er, so wenig ihn auch der Inhalt interessirte, am Ende fast auswendig lernte — denn er hatte doch einmal nichts zu lesen, was ihm näher gewesen wäre, als dieser Brief.

[96]

Dazu kam noch der Umstand, daß Philipp Reiser aus Erfurt gebürtig war; sie hatten also beide ihre Vaterstädte vertauscht — und Anton Reiser befand sich nun auf demselbigen Fleck, wo sein Freund die ersten Tage seiner Jugend verlebt, und die ersten Eindrücke von der ihn umgebenden Welt erhalten hatte.

Er durchlebte hier in Gedanken Philipp Reisers Kinderjahre, und verdoppelte sich in ihn, wenn er in dem Thal am Bache saß, und seinen Brief laß, der ihm denn sein ganzes Wesen wieder in Erinnerung brachte.

Darum war ihm unter den Studenten auch O... so lieb, der Philipp Reisern in Erfurt noch gekannt hatte, und mit dem er sich am öftersten von ihm unterredete.

Dieser O... war damals ein junger liebenswürdiger Schwärmer, vor seiner Phantasie schwebte noch der jugendliche Lebensreitz, und ihn beseelten hohe Freundschaftsgefühle — zuweilen lief ein klein wenig Affektation mit unter, im Grunde aber hatte er wirklich ein gefühlvolles Herz.

An ihm fand Reiser seinen Mann, und ruhte nicht eher, bis er an einem Sonntage mit ihm in die Kartheuserkirche gieng; denn allein hatte er sich, weil es ihm zu auffallend schien, noch nicht getraut, hineinzugehen.

Sie hatten sich unterwegens von der Nichtigkeit und Kürze des Lebens unterhalten, wobei zu [97]bemerken ist, daß Reiser damals neunzehn und O... zwanzig Jahr alt war, und wußten nicht, was sie mit dem Rest ihrer Tage anfangen sollten, als sie in dem Kloster anlangten, und in die Kirche traten, welche schon durch ihre leeren weißen Wände, und den einsamen Chor die Stille des Grabes predigte.

Die Kirche wird nehmlich außer den Karthäusern selber fast von niemand besucht, und weil keine Gemeinde dazu gehört, so ist hier auch weder Kanzel noch Stühle oder Bänke, sondern nichts als die leeren Wände und der flache Boden, welches dieser Kirche, bei dem dämmernden Lichte, das von oben durch die Fenster fällt, ein sehr ernstes und melancholisches Ansehn giebt.

O... und Reiser knieten ganz allein an einem Pult vor dem Chore, als die weißgekleideten Mönche einer nach dem andern hereintraten, und jeder sich bückend seinen Zug an der Glocke that.

Sie setzten sich an ihre Pulte auf dem Chor und stimmten ihren Bußgesang in tiefen, traurigen Tönen an — bald standen sie auf und sangen Hymnen, die traurig zurück erschallten; dann fielen sie auf ihr Angesicht, und flehten in tiefen klagenden Tönen um Erbarmung. —

Ganz an dem einem Ende des halben Zirkels stand ein Jüngling mit blassen Wangen von ausnehmend schöner Bildung — Reiser konnte seine [98]Augen nicht von den seinigen wenden, die er andachtsvoll gen Himmel schlug. —

O... kannte diesen Unglücklichen, der in den Orden der Karthäuser getreten war, weil der Blitz seinen Jugendfreund an seiner Seite erschlagen hatte — und Reisern schwebte das Bild dieses Jünglings von nun an beständig vor der Seele. —

Halbe Tage brachte er auf der alten Mauer hinter seiner Wohnung zu, und sehnte sich in den Bezirk jener stillen Mauren hin, die seiner Meinung nach eine ganze Welt mit allen ihren Täuschungen und Blendwerken ausschlossen. —

Mit jenem Jüngling wollte er dort verblühen, und dem Grabe zuwelken — dort wollte er selber sein einsames Gärtchen bauen, — den sanften Strahl der Abendsonne in seiner Zelle begrüßen — und allen irrdischen Wünschen und Hofnungen entnommen mit Ruhe und Heiterkeit dem Tode entgegen sehen.

Als er schon einige Tage in diesen Gedanken vertieft gewesen war, kam O... zu ihm und sagte, daß die Studenten in Erfurt willens wären eine Komödie zu spielen, und daß einige Rollen noch unbesetzt wären. — — —

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA I, S. 383-390 u. 1043-1048.

[99]

12.

Die Würkungen der äußern Sinne in psychologischer Rücksicht.

K. St.

Ueber das musikalische Gehör.

Unter musikalischem Gehör denkt man sich gemeiniglich das Vermögen ein gewisses Verhältniß unter den Tönen wahrzunehmen, und zwar so deutlich, daß man es nachher immer richtig wieder außer sich hervorbringen kann.

Es ist in Ansehung des Gehörs dasjenige, was man in Ansehung des Sehens ein richtiges Augenmaaß und in Ansehung des Gefühls ein feines Gefühl nennt.

So wie das Auge ein gewisses Verhältniß unter den sichtbaren Dingen in Ansehung der Größe und Farbe, und das Gefühl ein solches in Ansehung der Schwere und des Harten und Weichen findet, so findet es das Ohr unter den Tönen in Ansehung ihrer Dauer, Höhe und Tiefe.

Um sich nun von der Richtigkeit eines Verhältnisses zu überzeugen, hat man für die Größe Maaßen und für die Schwere Gewichte erfunden, [100]und sie dadurch mehr zu Gegenständen des Verstandes gemacht.

Dies findet aber in Ansehung der Farbe, des Gefühls von Hart und Weich, und der Töne nicht statt.

In Ansehung der letztern scheint es bloß auf die richtige Bemerkung des Eindrucks anzukommen, welchen ein Ton, der gehört wird, gegen einen der schon gehört worden, auf uns macht.

Hierbei müssen wir bemerken, daß zuweilen selbst Kinder dieses Verhältniß richtig wahrnehmen, da hingegen manchmal erwachsene Personen ihres guten Verstandes ohngeachtet es nicht im Stande sind.

Daß es nun bei letztern daran liegen müsse, daß sie nicht eines so starken Eindrucks fähig sind, welcher vermögend wäre, durch die Empfindung in den Verstand zu dringen, und sich da dem Gedächtniß einzuprägen, scheint außer Zweifel zu seyn.

Da man diesen Menschen aber doch keinesweges Empfindung absprechen kann, da sie öfters wohl empfindsamer sind, als andere, so scheint der Unterschied darin zu liegen, daß sie mittelbar durch den Verstand empfinden, weil die Dinge, die sie erkennen und einsehn, erst einigen Eindruck auf sie machen; und daß so, wie bei jenen der Eindruck durch die Empfindung auf den Verstand, bei diesen durch den Verstand auf die Empfindung würkt.

[101]

Auffallend ist die körperliche Bewegung bei der Musik, welche man schon oft bei kleinen Kindern wahrnimmt, die sich auf eine freudige Art heben, wenn sie eine ihnen angenehme Musik hören.

Der Schall scheint gleichsam in dem Gehöre einen Punkt zu finden, wo er zurückprallt, eine andere Richtung nimmt, wodurch er sich im Körper verbreitet, und daselbst eine ihm gleichförmige Bewegung verursacht, welche sich außerhalb des Körpers dem Auge darstellt.

Der Takt scheint auf den ersten Anblick eine Sache zu seyn, die bloß den Verstand angeht, wenn man ihn aber näher betrachtet, so scheint er dem Verstande nur mehr anzugehen, als die Bemerkung des Verhältnisses der Töne in Ansehung ihrer Höhe und Tiefe.

Wenn bloß ein guter Verstand dazu gehörte, einen richtigen Takt zu halten, so müßte ein jeder, der jenen hätte, auch dieses können.

Nun findet man aber Leute, die jenen besitzen, und dieses doch nicht lernen können; und man kann es bald merken, wenn sie es zu können scheinen, daß es doch nicht andem ist, indem man an ihrem Ausdruck hört, daß sie die Nothwendigkeit davon nicht wirklich in sich fühlen, sondern dieses Gefühl nur affektiren.

Ein wahrer Musikus aber braucht seinen Verstand nicht anzustrengen, um ein richtiges Zeitmaaß zu beobachten, sondern sein Gefühl hält ihn [102]schon dazu an, er kann nicht anders, es ist ihm nothwendig; er findet sich gleichsam wie ein Uhrwerk aufgezogen, wenn von einem Stücke in der Musik nur der erste Takt angegeben worden, daß es ihm fast nicht möglich ist, geschwinder oder langsamer zu singen oder zu spielen, als es einmal angefangen.

Der Verstand aber bemerkt die Ordnung, die dadurch in der Musik liegt, und abstrahirt sie von dieser.

Da er nun hierin dasselbe Verhältniß der Theile zum Ganzen findet, welches er in dem Größenmaaß und Gewichte antrift, so setzt er es mit diesem in eine Klasse, ohne den Unterschied zu machen, daß das Maaß der Größe und Schwere in sichtbaren bleibenden Dingen besteht, und der Takt hingegen weder sichtbar noch bleibend ist, sondern sein Wesen in etwas andern haben muß, welches denn wohl nichts anders als die Empfindung seyn kann.

Das Verhältniß der Töne in Ansehung ihrer Höhe und Tiefe aber selbst kann er nicht von der Musik abstrahiren, und macht nun einen Unterschied in diesem Verhältniß und dem in Ansehung ihrer Dauer, und eignet die Bemerkung des ersten der Empfindung und des letzten dem Verstande zu, da doch das letztere nicht weniger die Empfindung angeht als das erstere, sondern sich nur abstrahiren und daher mit dem Verstande begreifen läßt.

[103]

Dieser Takt ist ja auch in dem großen Ganzen der Natur gegründet, von dem Lauf der Weltkörper bis auf den Lauf des Bluts in unsern Adern. Nichts kann dagegen angehen, wie die Ursache so die Wirkung.

In der Bewegung aber die wirklich aus der Natur des Menschen ihren Ursprung hat, worin er gleichsam sein Wesen abdruckt, da muß auch dieser Takt sich zeigen. —

Wenn der Musikus mit dem Gehöre ein gewisses Verhältniß der Töne bemerkt, so bemerkt er dieß eigentlich nicht außer, sondern in sich. Er ist eigentlich das Instrument, welches gespielt wird. Ohne Gehör ist kein Ton zu denken.

Das Verhältniß der Töne aber untereinander ist keinesweges willkührlich, sondern in der Natur gegründet, welches der Monochord auch dem Auge zeigt.

Und die Verhältnisse, welche in Ansehung der Größe in verschiedenen Graden dem Auge angenehm oder unangenehm sind, sind es auch in Ansehung der Töne dem Ohr. — Dies scheint zu weitern Untersuchungen Anlaß zu geben.

K. St.

[104]

13.

Sprache in psychologischer Rücksicht.

Moritz, Karl Philipp

Die Idee des Fallens wird in unserer Sprache durch alle die verwandten Begriffe, die sich daran knüpfen, mit einer bewundernswürdigen Einfachheit durchgeführt.—

Der dem Fallen so nah verwandte Begriff des Fehlens wird auch beinahe mit eben dem Laute bezeichnet, nur daß der Ausdruck weniger schnell, und durch das dehnende h gehemmter ist. —

Was im Gewande zusammen fällt, heißt Falte — Dem Fall ist gleichsam seine Grenze vorgeschrieben — Ein Ganzes faltet sich — es fällt zusammen gleichsam mit dem Vorbehalt, sich wiederum auszudehnen, sobald es will. — Das hemmende t am Ende giebt erst dem Worte sein Gepräge — der negative Begriff des Fallens wird positiv.

So schießt der Falk auf seinen Raub. — Der Begriff des Fallens verbindet sich mit der Idee von Kraft, die ihn beseelet; das k am Ende hemmt den Fall, und setzt ihn in die Macht des aus der Luft herabschießenden Räubers, der davon seinen Nahmen führt.

Man denkt sich das, was liegt, als wie gefallen; die flache Ebne heißt das Feld. — Das d [105]am Ende hemmt nur schwach den Fall. Doch ist diese Hemmung sehr bezeichnend, man nennt nehmlich das ein Feld, was in einer Einfassung, in einer gewissen Begrenzung vor dem Blick sich senkt, und flach scheint, es mag nun auf einer Anhöhe oder in der Ebne liegen.

Was aber emporstehend und dennoch schwer fallend sich niedersenkt, heißt Fels — Das Feld liegt da — der Fels aber steht und steigt empor. — Das s am Ende hebt gleichsam den Fall, und dieser einzige Laut erweckt eine Menge Nebenbegriffe, welche unvermerkt an die bezeichnete Sache erinnern.

[106]

Zur Seelenzeichenkunde.

<1.>

<M... in R.... von Z...>

Z.

M... in R. — Man nannte ihn immer den Jupiter, wegen der auffallenden Aehnlichkeit seines Kopfes mit dem Kopfe des Jupiters, so wie die Alten ihn sich dachten und bildeten. —

Nichts als eine gar zu sehr hervorstehende Unterlippe und hervorstehendes Kinn machten die Bildung unvollkommen. —

In seinem Wesen schien kein einziger falscher Zug seyn, alles schien an ihm zu sagen, das er der Falschheit nicht bedürfe. —

Der edlere Theil seines Wesens zeichnete sich bis auf die Unterlippe, von da an senkte sich alles zum thierischen Genuß. —

Es kann wohl nicht leicht eine Bildung geben, wo der Ausdruck der ganz thierischen Natur, so stark und nahe, an den Ausdruck des Erhabensten grenzt. —

Der Vater der Götter und Menschen ist zum Stier geworden.

Am Morgen hebt sich M... bis zu der zartesten Empfindung in der Kunst empor — am Abend sucht er wieder geflissentlich das ganz Platte, Grobe [107]und Gemeine im Umgange, und fühlt sich glücklich dabei.

In die menschlichen Verhältnisse kann er sich nicht fügen, und glücklicherweise setzt seine Lage ihn in den Stand, daß er es nicht braucht. —

Wenn er etwas beweisen und demonstriren will, so hat er eine Bewegung mit der Hand und dem Arme an sich, womit er allen Widerspruch weit von sich wegschleudert.

Um den Mund bildet sich zuweilen der sanfteste Zug, den man sich nur denken kann, und zuweilen bezeichnet sich darin Erschlaffung, Unempfindlichkeit, und Gleichgültigkeit in hohem Grade — gleichsam als ob hier die Extreme zusammentreten.

M... war von Kindheit auf kühn in Gefahren, und hat doch überhaupt eine große Furcht vor dem Tode — es schmerzt ihn immer, wenn er denkt, daß er sterben könne, ehe er sein Werk vollendet hat. —

Er kann wie der subtilste Metaphysiker über die abstraktesten Dinge nachdenken; aber wenn er es thut, so schämt er sich darüber.

Von feinen Dingen redet er gern mit groben Ausdrücken — er spricht einen mäßigen Baß; seine Stimme hebt sich gar leicht, und wird aufrührisch.

Er kann gar keinen Reverenz machen — Eine spöttische Miene ist ihm nicht wohl möglich — sie ist zu klein für die Züge seines Gesichts.

[108]

Jede Art eines entbehrten Genusses bezeichnet er durch eine Pantomime, als ob ihm der Mund wässericht würde, welches sich sehr widrig ausnimmt.

Wenn er nichts hat, so borgt er von aller Welt, und wenn er hat, so leihet er aller Welt.

Seine Affektation ist, daß er bei jeder Gelegenheit den Weintrinker spielen, und manchmal ein rechter lüderlicher Kerl scheinen will. — Es freuet ihn, von dem Mangel des Weins, als dem höchsten menschlichen Unglück zu reden.

Er hat eben nichts Lächerliches an sich, weil er gemeiniglich eher über sich lacht, als andere über ihn lachen.

Wenn er in der Liebe schwärmt, so ist er ein liebenswürdiger Thor — er muß dann auch einen Vertrauten haben, dem er seinen Zustand klagt. —

Ueberhaupt ist er vertraulich, gesellig und dienstfertig — aber etwas Bequemlichkeit liebend — dieß letztere nimmt immer bei ihm zu, da er die menschlichen Verhältnisse flieht, und also in keinen Zustand kömmt, der ihn halb wider Willen hinaufzieht. —

Wird er demohngeachtet aus eignen Kräften steigen? — oder sinken? — —

Z.

[109]

2.

Zeichnung jugendlicher Charaktere.

Z.

B. Zwölf Jahr alt, hat ein zärtliches Herz, zur Freundschaft geschaffen, dabei aber auch schon viel Fertigkeit und Entschlossenheit — dies sieht man an jeder seiner Bewegungen, die alle schnell sind, und immer die einmal vorgesetzte Richtung behalten.

Er redet immer mit einem gewissen Hineilen auf den Hauptgedanken, und konzentrirt darauf die ganze Stärke der Stimme.

In dieser letztern Rücksicht habe ich noch T. H. und F. beobachtet, die alle drei in Ansehung des Alters von dem ersten nicht sehr verschieden sind.

T... redet ebenfalls immer zu dem Hauptgedanken hineilend, und zwar mit einem noch weit stärkern Zulauf wie B.., so daß er sich kaum Zeit nimmt, die weniger bedeutenden Worte zu sagen, um desto schneller zu der Hauptsache zu kommen.

Sobald dieß Hineilen bei ihm aber noch um einen Grad stärker wäre, so würde es, da es jetzt eine Kraft ist, wieder zur Schwäche werden. Er würde den Gedanken vorwegnehmen, und darüber in ein unvermeidliches Stottern gerathen.

[110]

H... hingegen redet in einem ganz oberflächigen Tone — oder er berührt mit seinem Tone gleichsam nur die Oberfläche der Ideen, die er ausdrücken will. — Die heraushebende Kraft, das konzentrirte Licht auf dem Hauptgedanken fehlt ihm.

Diese Oberflächigkeit zeichnet sich in seinem ganzen übrigen Wesen, und auch in seiner Bildung aus, wo die markirten Züge gleichsam wegfallen und schwinden, die Lippen beim Reden scheinen sich maschinenmäßig zu bewegen, und überhaupt kein rechter innerer Kern vorhanden zu seyn, der eine feste Gewalt über den Körper ausübte. —

Er kann in eine fürchterliche Erbitterung gerathen, die ihn aber auch ganz außer Thätigkeit setzt, und seine Glieder konvulsivisch bewegt. Sein Auge ist klein und matt.

F... giebt auch zwar im Reden immer dem Hauptgedanken das meiste Gewicht, aber er eilet nicht, sondern schreitet bedächtig hinzu — dieß nimmt ihm zu viele Zeit im Denken weg, um über vieles in seinem Leben nachdenken zu können.

Es scheint, als wenn er einmal richtig und vernünftig handeln, aber aus dem eigentlichen Denken nie ein Hauptgeschäft machen werde.

Die gemeinsten Köpfe scheinen, wenn es nicht eine besondre Angewohnheit ist, sich vorzüglich dadurch mit auszuzeichnen, daß sie im Reden auf den Hülfswörtern, fast eben so lange, wie auf den Hauptwörtern verweilen; die Hülfswörter haben, [111] sollen, müssen, u.s.w. auf eine unerträgliche Weise nachschleppen lassen — und am allerbedeutendsten ist gewiß dieß Merkzeichen, wenn es sich schon in der frühern Jugend oder Kindheit äußert.

Zum Denken gehört vorzüglich, in kurzer Zeit viel zu denken, weil dieß allein einen Ueberblick eines Ganzen giebt, das sonst sogleich wieder entschlüpft, wenn man zu lange zaudern muß, ehe man es fassen kann.

Sprach- und Denkorgan stehen in dieser Rücksicht gewiß in der genauesten Verbindung miteinander. —

Welche unendlich feine Nüancen finden nun nicht im Ausdruck der Gedanken durch die Sprache statt, und welch eine reine Quelle zu wichtigen und nützlichen Bemerkungen ist dieß nicht für den Jugendbeobachter!

Einzeln fallen die Besonderheiten nicht auf — man muß einen Haufen junger Leute beisammen und oft beisammen sehn — dann zeigen sich nach und nach eine Menge bedeutender Verschiedenheiten, die oft unerwartete Aufschlüsse geben.

Denn es giebt gewiß Gesichtspunkte für die einzelnen Charaktere, woraus sich die Modifikationen derselben erklären lassen; nur muß man die Resultate nicht zu früh ziehen, und über den Sammlungen von Beobachtungen nicht ermüden.

Z.

[112]

3.

Selbstgeständniß des Herrn O. C. R. B.*) a 1

Büsching, Anton Friedrich

Mein Charakter.

Ehrlich, redlich und offenherzig, dienstfertig, gefällig und mitleidig, doch habe ich seit mehrern Jahren lernen müssen, gegen viele Personen, und in vielen Fällen, hart zu seyn.

Gott und dem Heiland der Welt aus Dankbarkeit aufrichtig ergeben, und derselben Bekenner, ohne Kunst und Verstellung, auch ohne Furcht, durch vieljährige Erfahrung von der wahren und großen Glückseligkeit, die dadurch erlanget wird, aufs stärkste überzeuget. Stark im Vertrauen zu Gott, und völlig mit seinen Führungen zufrieden.

Sehr lebhaft und feurig, zur kurzwährenden Heftigkeit in der Hitze geneigt, aber auch in manchem Fall für hitzig gehalten, wo nur natürliche und ordentliche Lebhaftigkeit war.

Geschwind und schnell, den Langsamen allezeit, den Muntern oft, und in einigen Fällen wirklich zu geschwind, so daß Uebereilung daraus entstehet, [113]doch nicht so oft, als es diesem und jenem vorkommt, der nicht gewohnt ist, geschwind zu denken, sich zu entschliessen und zu handeln.

Standhaft, oft bis zum Schein des Eigensinns und der Fühllosigkeit bei gegenseitigen Vorstellungen, die doch vorher gedacht und überlegt waren. Muthig, herzhaft und dreist, oft in hohem Grade.

Mäßig in allen Dingen, zufrieden mit Wenigem, Herr und Meister des Appetits.

Im Umgang mir selbst zu lebhaft und zu viel sprechend, also nach demselben gemeiniglich sehr unzufrieden mit mir selbst, und eben deswegen geneigt den Umgang sehr einzuschränken, und Gesellschaften zu fliehen.

Von Stolz frei, aber nicht von Ruhmbegierde, doch im beständigen innern Kampf und Streite mit derselben, und bei hinlänglicher Ueberlegung vermögend, sie ganz zu unterdrücken und zu vermeiden.

Der Beifall eines rechschaffenen und zur Beurtheilung tüchtigen Mannes ist mir wichtig, und gereicht mir zur Ermunterung.

So arbeitsam, daß die Arbeit mit zu meinem Lebensbedürfniß gehört, und daß der Trieb zu derselben größer, als zu irgend einem sinnlichen Vergnügen ist.

Fußnoten:

1: *) Dieß Selbstgeständniß eines sehr bekannten Mannes verdient wohl in einem psychologischen Magazin besonders aufgestellt zu werden. <M.>

Erläuterungen:

a: Quelle: Büsching 1789, S. 605f.

[114]

Zur Seelenheilkunde.

Beispiel eines Mannes, welcher von seinem dreißigsten bis vier und funfzigsten Jahre ein recht eifriger Mystiker gewesen, nachher aber nach und nach davon losgekommen, und von seinem sechszigsten bis vier und sechszigsten Jahre ganz von Vorurtheilen frei, noch glücklich gelebt hat.

K. St.

Dieser Mann war ein so eifriger Mystiker, daß er sein Leben dafür würde gelassen haben.

Er hielt es für Pflicht, sich jede Verachtung und Demüthigung lieb seyn zu lassen; durch nichts die äußern Sinne und die Einbildungskraft zu vergnügen und zu zerstreuen; und daher in kein Schauspiel zu gehen; keinen Roman zu lesen; auch nicht auf die entfernteste Weise, selbst nicht durch Tugend, nach Ehr und Ruhm zu streben; keine Musik zu machen; ja sogar kein Puder in die Haare zu streuen.

Sein geistlicher Führer bezeugte ihm hierüber seinen Beifall, und gab ihm zu erkennen, daß er [115]es noch sehr weit im Innern bringen werde; wobei er ihn denn auch in Ansehung seines Aeußerlichen auf allerhand Art zu unterstützen suchte; indem er verschiedenen wohlbemittelten frommen Leuten seine Fürbitte rekommandirte.

Da dieser Mann nun aber um in den Wegen des Innern nicht aufgehalten und zerstreuet zu werden, natürlicher Weise seine Gedanken auch von der Betreibung seines Berufs und seiner Haushaltung wandte, auch sich nicht um die Erhaltung des Friedens in der Ehe bekümmerte, und seine Frau in seinen Innern nicht fand, was sie wünschte; indem hier auch die eheliche Liebe keinen Platz behalten durfte; daß sie daher mißvergnügt mit seinen Innern werden mußte; da er über dieses, ob es gleich ihm sein geistlicher Führer widerrieth, seinen etwas unruhigen Beruf mit einem dem Anschein nach geruhigern, aber dafür mit einem weit unbeträchtlichern Einkommen verknüpften, vertauschte ; so mußte auch natürlicher Weise sein Aeusseres einer immer größern Unterstützung bedürfen, und auch der Friede in der Ehe gar sehr leiden, wodurch denn der Haushalt noch zerrütteter wurde.

Da er sich in solchen Umständen nun öfters demüthigen mußte, und aus Menschengefälligkeit auch wohl zuweilen einen kleinen Fehler begieng, so glaubte er nicht anders, als daß dieß alles geistliche Prüfungen wären, wodurch sein geistlicher [116]Hochmuth darniedergeschlagen werden sollte; und suchte sich also immer fester in seinem Innern zu setzen.

In Ansehung seines Führers im Innern aber änderte sich etwas.

Dieser hatte nehmlich, wie er ihm die Veränderung seines Berufs widerrieth, gar deutlich eingesehen, daß hierdurch das Aeußere so sehr leiden würde, daß es ihm als seinen Führer zur Last fallen könnte.

Daher glaubte er nun die Eingebung zu haben, daß er sich um seinen geistlichen Zögling nun ferner nicht mehr bekümmern, ihm auf seine Briefe nicht mehr antworten, und ihn allein Gott überlassen müsse.

Das Ausbleiben der Antworten auf seine Briefe an seinen geistlichen Führer kam nun unserm Manne sonderbar vor, er hielt denn aber auch dieß für Prüfungen des Innern, suchte sich selbst immer aus den gar zu verlegnen Umständen zu helfen, und lebte übrigens so in seinem Elende fort, bis er bereits vier und funfzig Jahr darüber alt geworden war.

Nun aber that er eine Reise, auf welcher er alle Personen mit denen er wegen der Mystik durch seinen geistlichen Führer bekannt war, außer seinen geistlichen Führer selbst, welcher schon gestorben war, besuchte; um zu erfahren, ob und wie weit [117]er im Innern Fortschritte gemacht oder zurückgekommen sey.

Auf dieser Reise fand er alles anders, als er es sich vorgestellt hatte.

Gleich beim ersten, den er besuchte, fand er, daß derselbe nicht mehr in den von ihrem gemeinschaftlichen geistlichen Führer empfohlnen Schriften las, sondern anstatt dessen selbst schrieb, welches unserm Reisenden nicht im mindesten anstand, weil diese Schriften ganz von den empfohlnen Schriften abgiengen.

Bei einem andern fand er gar kein Zutrauen und konnte also mit ihm nicht reden.

Ein dritter machte zwar viele Worte, aber gab dadurch weiter nichts zu verstehen, als daß er den eigentlichen Inhalt dieser Schriften gar nicht wußte.

Er hörte diesen mit einem Gegner disputiren. Der Gegner bewieß die Unmöglichkeit, daß alle Welt so seyn könnte, und der Mystiker verstummte.

Er selbst wollte sich dadurch nicht irre machen lassen, empfand aber doch etwas in sich, welches einem sich stark aufdringenden Zweifel nicht unähnlich war.

(Die Fortsetzung folgt.)

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Inhalt.

<Liste der Beiträge>

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Ueber den Endzweck des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde, von K. P. Moriz. 1
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Aus einem Briefe. 6
2. Methode im Wahnwitz. Auszug aus einem Briefe, von K. St. 11
Zur Seelennaturkunde.
1. Ueber den Zweck der Thränen. Aus einer ungedruckten Schrift über den Trost, von Hrn. Gruner. 19
2. Einige Gedanken über die Muttermähler, von Hrn. Grohmann. 25
3. Oral' über Taubstumme. Bruchstück eines Gesprächs mit Becker. An Becker. von Hrn. Eschke. 45
4. Ueber das Band zwischen Geist und Körper. Auszug aus einem Briefe, von Hrn. Graf von Grävenitz. 50
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Inhalt.

Seite
5. Beobachtungen über Taubstumme. Erster Versuch, von Hrn. Eschke. 55
6. Fortsetzung des Tagebuchs eines Selbstbeobachters. 60
7. Waffen der Mystik gegen die Versuchungen zur Wollust. Auszug aus einem Briefe des Hrn. v. F... 71
8. Starker Glaube an die Kraft des Gebets. Aus einem Briefe des Hrn. v. F... 76
9. Rath der Mystik wider die Schwärmereien der Einbildungskraft. 78
10. Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, von K. St. 83
11. Fragment aus dem vierten Theil von Anton Reisers Lebensgeschichte. 90
12. Die Würkungen der äußern Sinne in psychologischer Rücksicht. Ueber das musikalische Gehör, von K. St. 99
13. Sprache in psychologischer Rücksicht, von K. P. Moritz. 104
Zur Seelenzeichenkunde.
1. M... in R... von Z... 106
2. Zeichnung jugendlicher Charaktere von Z. 109
3. Selbstschilderung des Hrn. O. C. R. B. 112
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Inhalt.

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Zur Seelenheilkunde.
Beispiel eines Mannes, welcher von seinem dreißigsten bis vier und funfzigsten Jahre ein recht eifriger Mystiker gewesen, nachher aber nach und nach davon loßgekommen, und von seinem sechszigsten bis vier und sechszigsten Jahre ganz von Vorurtheilen frei, noch glücklich gelebt hat. 114