ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VII, Stück: 3 (1789)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Karl Philipp Moritz,
Professor der Theorie der schönen Künste in Berlin.

Siebenden Bandes drittes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1789.

[<II>]

Nachricht.

Da ich die Herausgabe des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde nach meiner Zurükkunft aus Rom nun selbst übernommen habe; so ersuche ich diejenigen Wahrheitsfreunde, welche durch Mittheilung ihrer Erfahrungen und Beobachtungen den Endzweck dieses Unternehmens mit befördern wollen, unter der Addresse: An den Professor Moritz in Berlin, ihre Beiträge an mich einzusenden. Berlin, den 20. April 1789.

Moritz.

[III]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Karl Philipp Moritz,
Professor der Theorie der schönen Künste in Berlin.

Siebenter Band.

Berlin,
bei August Mylius 1789.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Siebenten Bandes drittes Stück.

<Revision.>

Einleitung.

Moritz, Karl Philipp

Als ich vor acht Jahren zuerst die Idee faßte, ein Magazin zur Erfahrungsseelenkunde herauszugeben, versprach ich mir, durch die Ausführung dieser Idee, der Wahrheit näher zu kommen, als es durch bloße Spekulation geschehen kann, die sich nur auf sich selber stützt. —

Um sichrer zu gehen, sammlete ich in den drei ersten Jahrgängen blos Fakta, unter gewisse Rubriken gebracht, und fieng mit dem vierten Jahrgange eine Revision über die drei ersten Bände an, wodurch das Ganze nun, so wie es fortschritte, immer mehr Zweckmäßigkeit, und das Einzelne immer mehr Beziehung auf einander erhalten sollte.

Mit dem Schluß des vierten Bandes mußte ich den Faden fallen lassen, den ich nun mit dem Schluß des siebenten Bandes wieder aufnehme, [2]nachdem ich während eines dreijährigen Aufenthalts in Italien, von der Fortsetzung dieses Magazins durch Herrn Pokels, keine Zeile zu Gesicht bekommen habe; und nunmehr, da ich dieses Magazin wieder allein herausgebe, mit einer Revision über die Revisionen des Herrn Pokels nothwendig den Anfang machen, und ohne Umschweife dabei zu Werke gehen muß, um über den eigentlichen Zweck dieses Magazins mich deutlich zu erklären.

[3]

<Revision.>

Revision über die Revisionen des Herrn Pockels in diesem Magazin.

Moritz, Karl Philipp

Mit dem ersten Stück des fünften Bandes fängt sich die Fortsetzung meiner Revision der drei ersten Bände dieses Magazins von Herrn Pockels, an.

Ich würde über Ahndungen mich nicht in einem so entscheidenden Tone erklärt haben, als Hr. P. gleich in dem ersten Aufsatze gethan hat, und muß mir also diesen Gegenstand zur eigenen Ausarbeitung vorbehalten.

Es läßt sich über diese Sache nicht so leicht weg räsonniren, wenn es einem um Wahrheit zu thun ist.

Es ist hier nicht die Frage, ob es den Menschen nützlicher sei, wenn sie an Ahndungen glauben, oder nicht daran glauben, sondern ob und in wie fern diese Erscheinung in der Natur unsers Wesens würklich gegründet oder nicht darin gegründet sei?

Ein Magazin zur Erfahrungsseelenkunde soll ja nicht unmittelbar Moral lehren, und eben so wenig unmittelbar dem Aberglauben entgegen arbeiten. — Dies ist sein Zweck nicht, sondern nur [4]eine sichre Folge, sobald man der Wahrheit um ihrer selbst willen näher zu kommen sucht. —

Durch solche Revisionen aber, wie die obigen, wird dies Werk zu einer blos moralischen Schrift, wo gegen dasjenige im eigentlichen Sinn geeifert wird, wovon man glaubt, daß der Glaube daran den Menschen schädlich seyn könne. —

Es giebt eine Sucht, viele Dinge leicht erklärlich zu finden, eben so wie es eine Sucht giebt, viele Dinge unerklärlich zu finden — und man fällt sehr leicht von einem Extrem aufs andere. —

Freilich muß am Ende sich alles natürlich erklären lassen, weil es nicht wohl anders, als natürlich seyn kann, aber welcher einzelne Mensch umfaßt die Natur mit seinen Gedanken, die von aller Menschen Gedanken noch nicht umfaßt worden ist?

Der zu schnelle Ausruf, bei irgend einer sonderbaren psychologischen Erscheinung: das läßt sich ja ganz natürlich erklären! ist immer schon verdächtig, weil der Erklärer seiner Sache zu gewiß ist, und fest zu glauben scheint, daß seinem alleserforschenden schnellen Blick kein wichtiger Umstand entgehen könne. —

Die Revisionen über die gesammleten Fakta in einem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde sind nicht dazu, um diese Fakta nur größtentheils als leere Einbildungen kurz abzufertigen, damit ja dem Aberglauben entgegen gearbeitet werde. Das ge-[5]schieht auf die Weise wahrlich nicht; denn der Aberglaube nützt die Schwäche, und Oberflächigkeit, womit seine Gegner gegen ihn anziehen, und hält das Ganze desto fester, was eine zu ohnmächtige Hand ihm entreißen wollte.

Der Aberglaube will nie von vorne, sondern unvermerkt in den Flanken angegriffen seyn, wenn seine festgeschlossenen Glieder getrennt werden sollen.

Das geschieht aber von selbst, sobald die Wahrheit um ihrer selbst willen, gesucht wird — denn alsdann muß doch am Ende sich jeder Knoten lösen, und das Verwirrte sich auseinander wickeln. —

Die Vernunft aber, welche bei jedem Schritt den sie vorwärts thut, in Schwärmerei zu gerathen fürchtet, ist eben so wie die Tugend, welche immer bewacht werden muß, der Schildwache nicht werth. —

Wenn man über seine Resultate so gewiß ist, wie Hr. P. in den von ihm entworfenen Revisionen, so sind wir ja mit unsern Untersuchungen am Ende, und es bedarf weiter keines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.

Der Mensch redet freilich gar zu gern über Sachen, unter denen er steht, und welche doch eigentlich über ihm sind. —

Es läßt sich wohl von diesen Sachen reden, wer sie aber mit einem Blick zu übersehen sich einbildet, [6]täuschet sich sicher, und wird dadurch selbst ein Gegenstand psychologischer Beobachtungen, indem er solche zu machen glaubt.

In dem zweiten Stück des sechsten Bandes auf der ersten Seite, sagt Hr. P.: »die Fakta in diesem Magazin verdienten vorzüglich deswegen eine genaue psychologische Beleuchtung, um den immer mehr einreißenden Glauben an die Einwirkung guter oder böser Geister auf das Gemüth und die Handlungen der Menschen mit Gründen der Vernunft zu widerlegen, und durch Aufdeckung seiner unreinen Quelle zu beschämen. —«

Was geht den Psychologen, als Psychologen irgend ein einreißender Glaube an? wozu will er irgend einen einreißenden Glauben beschämen?

Er ist ja nicht zum Glaubensreformator bestellt; er soll nur beobachten — ihm liegt ob, Acht zu geben, wie die Dinge wirklich sind, und Untersuchungen anzustellen, warum sie so sind; nicht aber, zu bestimmen, wie sie nach seiner Meinung seyn sollen. —

Durch die Physik ist auch dem Aberglauben entgegen gearbeitet worden, aber dies erfolgte von selbst, ohne daß man darauf absichtlich hinarbeitete. —

Denn was würde aus aller Wahrheitsforschung am Ende werden, wenn man bei jedem Resultat immer erst untersuchen sollte, ob auch einige abergläubische Menschen diesen oder jenen Satz nicht et-[7]wa mißbrauchen, und sich in ihrem Aberglauben dadurch bestärken könnten. —

Noch thörichter aber würde es seyn, ein Magazin zur Erfahrungsseelenkunde absichtlich gegen den Aberglauben zu schreiben.

Ein solches Werk muß ja schlechterdings gegen nichts geschrieben seyn, es muß gegen nichts arbeiten, wenn es seines Zwecks nicht ganz verfehlen will.

Im dritten Stück des sechsten Bandes auf der ersten Seite sagt Hr. P.: »das Gutachten über den Gemüthszustand des verabschiedeten Soldaten Matthias Matthiesen u.s.w. ist ein neuer Beitrag zu der Erfahrung, daß die Menschen sich durch nichts leichter als durch chimärische Hofnungen künftiger Glückseligkeit täuschen lassen.« Und in diesem moralisirenden Tone geht es fort. —

Um dergleichen Reflexionen zu machen, bedarf es freilich keines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde, dies bedarf aber auch solcher Reflexionen nicht. —

Auf der dritten Seite eben dieses Stücks erzählt Hr. P. in seiner Revision ein ganzes Faktum von Wort zu Wort wieder, und setzt am Ende ein paar sehr unbedeutende Reflexionen hinzu, wodurch die Revision eines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde denn freilich sehr erleichtert wird.

[8]

Wie leicht sich aber Hr. P. diese Arbeit zu machen gesucht hat, habe ich zu meinem Erstaunen auf der 28sten Seite des ersten Stücks vom siebenten Bande gesehen, wo eine fünf und vierzig Seiten lange Geschichte von einem Mörder Namens Simmen, die schon im ersten Stück des 2ten Bandes dieses Magazins S. 38. u.s.w. steht, beinahe von Wort zu Wort wieder abgedruckt ist, und offenbar beweißt, daß Hr. P. die ersten Bände dieses Magazins, bei seiner Fortsetzung desselben, entweder gar nicht, oder doch mit unverantwortlicher Flüchtigkeit muß durchgelesen haben.

Im 2ten Stück des siebenten Bandes S. 2. sagt Hr. P. in der letzten Fortsetzung seiner sogenannten Revision: »Man habe so viel möglich, alle Umstände zusammen genommen, um die bedeutenden Träume natürlich zu erklären, und zu beweisen, daß die Meinung von einer im Traum entstehenden Vorhersehungskraft der Seele eine leere Hypothese sey.«

Man muß nie Umstände, so viel wie möglich, zusammen nehmen, um irgend etwas zu beweisen, wenn es einem darum zu thun ist, die Wahrheit zu erforschen; denn der Beweis muß sich ja nach den Umständen, nicht aber die Umstände sich nach dem Beweise richten — denn wenn man erst so viel Umstände wie möglich zusammennimmt, um ei-[9]nen Beweis zu unterstützen, so scheint es ja, als ob der Beweis selbst auf schwachen Füßen stehe.

Hr. P. glaubt, »durch dergleichen Untersuchungen, sei der Nutzen gestiftet worden, daß man nicht mehr, so wie sonst, mit einer fanatischen Leichtgläubigkeit an Traumbedeutungen hänge, daß man dadurch den Mechanismus unsrer Einbildungskraft näher kennen gelernt habe; und daß dadurch dem Aberglauben wenigstens einiger Abbruch geschehen sei.«

Allein durch dergleichen Untersuchungen ist schlechterdings kein Nutzen gestiftet worden; man hängt ihnen zum Trotz an Traumbedeutungen; dem Aberglauben ist nicht der mindeste Abbruch dadurch geschehen; und der Mechanismus der Einbildungskraft, läßt sich durch keine Räsonnements auseinanderlegen, wobei man selber mechanisch zu Werke geht, indem man sich damit begnügt, wenn über die Sachen nur etwas hin und her geredet wird, ohne je in Erwegung zu ziehen, daß jenseit der unübersehbaren Fläche wohl etwas liegen könne, welches von Menschengedanken noch nicht erforschet ist. —

Wenn man aber nun freilich bedenkt, wie manche Leiden der Einbildungskraft es giebt, und daß es für manche Menschen äußerst gefährlich seyn kann, [10]den Ideen nachzuhängen, wodurch sie zu sehr auf sich und in sich selbst zurückgeführt werden — und diesen Menschen im Ernst zu schaden fürchtete, so müßte man lieber überhaupt kein Magazin zur Erfahrungsseelenkunde schreiben, als etwas ferner so benennen, das diesen Namen nicht verdiente. —

Dann dürfte aber auch von alle dem Guten und Schönen, was irgend einem Menschen durch Mißbrauch schaden kann, nichts mehr statt finden. —

Alles fernere Nachdenken über die Natur unsers Wesens, müßte mit der Poesie und den schönen Künsten auf immer verbannt seyn.

Denn was giebt es wohl Edles und Schönes, wodurch unser Auge nicht unwillkührlich auf uns selbst, und die verborgene Natur unsers Wesens zurückgelenkt würde, das noch von keines Menschen Gedanken umfaßt worden ist.

Der kühne Fuß des Menschen steigt in die tiefen Schachten der Erde hinab, und unser denkendes Wesen sollte es nicht wagen, in seine eigenen Tiefen hinabzusteigen, und dem edelsten Metalle da nachzuspähen, wo es so selten gesucht wird.

Auf dem Punkte, wo unser Wesen sich vollendet, darf es wahrlich nicht vor sich selbst erschrecken; es hält in seinen innern Tiefen sich an [11]sich selber fest, — und wo es erkannt wird, da entfliehen vor seiner leuchtenden Klarheit, alle eingebildeten Schreckengestalten — denn nichts ist wahrhaft schrecklich als der Irrthum, welcher das Schreckliche erzeugt —

Die folgenden beiden Aufsätze, welche meinen Behauptungen zu widersprechen scheinen, mögen sich zuerst an den Anfang dieser Revision anschließen.

(Die Fortsetzung folgt künftig.)

[12]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

Beitrag zur Bestätigung des Satzes, daß die Einbildungskraft und das Gedächtniß mehr dem Körper als der Seele zugehören.

Gruner, Johann Ernst

Der gelehrte Director S. zu C. erholte sich von einem hitzigen Fieber, und eines der ersten Dinge, die er nach wiedererlangtem Gebrauch seiner Vernunft verlangte, war Caffee.

Allein er hatte in dieser Krankheit nicht nur den Buchstaben f vergessen, sondern es hatte sich statt dieses verlohren gegangenen Buchstabens, der Buchstabe z substituirt, so daß er nun nicht Caffee, sondern Kazze verlangte, und so regelmäßig in allen andern Wörtern, die aus f mit zusammengesetzt waren, sich des z bediente.

Sein Arzt und seine Wärter merkten bald aus der genaubeobachteten Versetzung des z statt f die Verwirrung, und machten den Kranken darauf aufmerksam, der alsdann auch nach und nach wieder zur richtigen Aussprache zurückkam.

[13]

Einen viel empfindlichern Verlust erlitte ein junger hofnungsvoller Mensch K. aus A. Dieser wurde auf der Akademie, wo er ein halbes Jahr studirt hatte, von einem hitzigen Fieber befallen; und wie er von dieser Krankheit wieder genesen war, so hatte er nicht nur alles vergessen, was er während seines halbjährigen akademischen Lebens gelernt hatte, sondern es war ihm sogar unbewußt geworden, daß er an diesem Ort ein halbes Jahr gelebt und Umgang mit den Personen, mit denen er täglich in Gesellschaft gewesen war, gehabt hatte.

Es zeigte sich eine anhaltende Verstandsschwäche, die alle Hofnung benahm, ihn zu einem brauchbaren Manne noch zu bilden.

Seine Familie nahm ihn wieder zu sich, und in dieser lebt er noch, immer ärmer werdend am Stoff seiner Ideen, und auf nichts vorzüglich sinnend, als auf die Erhaltung des Körpers.

Er ist also jetzt noch im Besitz von folgenden Vorstellungen: Er weiß, daß er an dem Orte, wo er lebt, als Knabe und Jüngling gelebt hat, daß er da in die Schule gegangen ist, und daß er Bekanntschaft gehabt hat; auch von dem, was er vor der Akademie gelernt hat, weiß er noch vieles, und wußte noch mehr davon kurz nach seiner Krankheit.

Aber alle Begebenheiten seines Lebens auf der Akademie, alle seine daselbst erlernten Sprach- und Sachkenntnisse sind durchaus verwischt. Für dasjenige, was sich nach seiner Genesung und Eintre-[14]tung der Verstandsschwäche mit ihm zugetragen, ist er nicht sehr empfänglich, und äußert sich darüber wenig, sondern sitzt ruhig, in sich gekehrt, ohne heftige Begierden gegen irgend etwas zu äußern, in seinem Zimmer.

Fälle, die den erzählten ähnlich sind, finde ich bei Beattie*) 1 ; die ich jenen hier beifügen will, da ich noch keine teutsche Uebersetzung von den angeführten vortreflichen Abhandlungen kenne. »Der gesunde Zustand des Gehirns scheint in der That ebensowohl zu dem richtigen Gebrauch des Gedächtnisses, als zu unserm andern Verstandsvermögen nothwendig zu seyn.

Das Gedächtniß wird oft während des Schlafes gehemmt, und auch durch Krankheit, Alter und plötzliche und gewaltsame Zufälle geschwächt.

Thucydides erzählt in seiner Geschichte von der Pest zu Athen, daß etliche Personen, die diese schreckliche Krankheit überlebten, gänzlich ihr Gedächtniß verlohren, und ihre Freunde, sich selbst und alles andere vergaßen.

Ich habe gelesen, daß eine Person, die von einem Hause heruntergefallen, alle ihre Bekannten und selbst die Gesichter ihrer eigenen Familie vergessen hat; und daß ein Gelehrter durch den Schlag eines von dem Bücherbret ihm auf den [15]Kopf gefallenen Folianten; alle seine Kenntnisse verlohr, und genöthiget wurde, das a, b, c, zum zweitenmale zu lernen.

Von einem andern Gelehrten hat man mir erzählt, daß er durch einen gleichen Schlag nicht aller seiner Kenntnisse, sondern blos des Griechischen beraubt worden. Wenn man auch noch an einigen dieser Ereignisse zweifeln wollte, so ist doch das folgende vollkommen gewiß und wahr.

Ich kenne nehmlich einen Geistlichen, welcher, nachdem er vor ungefähr 16 Jahren*) 2 von einem Anfall des Schlags wieder genesen war, alles dasjenige vergessen hatte, was in den letzten vier Jahren vorgegangen war; was sich aber vor diesen Jahren ereignet hatte, das wußte er alles noch sehr wohl. Die Zeitungen von jenen vier letzten Jahren schaften ihm daher sehr viele Unterhaltung; denn beinahe alles überraschte ihn darin, zumal da in diese Periode einige sehr wichtige Begebenheiten fielen, als besonders die Thronbesteigung des jetzigen Königs und viele Siege des letzten Kriegs.

Nach und nach erlangte er, theils durch eigene Erweckung des Gedächtnisses, theils durch Unterricht das Verlohrengegangene wieder. Er lebt noch, obgleich alt und schwach, doch so verständig, als Personen von seinem Alter gewöhnlich sind.

[16]

Ferner kann ich noch anführen, daß ich verschiedenemale in meinem Leben in Ohnmacht gefallen bin: zweimal, so viel ich mich erinnere, durch Stürzen vom Pferd, und einmal durch plötzliches Hintreten ans Feuer aus der dumpfigen Luft einer Winternacht; und daß ich bei diesen Ohnmachten jedesmal, wenn ich mich wieder erholte, dasjenige gänzlich vergessen hatte, was vor dem Eintritt der Ohnmacht vorgegangen war, und mich nicht wenig darüber verwunderte, wenn die gegenwärtig gewesenen Personen uns alle Umstände erzählten.

Ein gleiches Vermissen des Gedächtnisses hatte ich Gelegenheit, etlichemal im Wachen und bei guter Gesundheit zu bemerken, da ich durch einen plötzlichen Lärmen erschreckt worden war.«

J. E. Gruner.

Fußnoten:

1: *) Dissertationes moral & critical. London 1783. in 4 to p. 12. 13.

2: *) ich denke, es war im Jahr 1761.

[17]

2.

Rau, ein Vatermörder.

Gruner, Johann Ernst

Ein Wort zu seiner Zeit scheint mir die Geschichte des unglücklichen Rau zu seyn. Man fängt an, so unzufrieden mit den natürlichen Kräften zu werden, und der Hang, an das Uebernatürliche zu glauben, greift so gewaltig zum empfindlichen Schaden aller wahren Untersuchung um sich, daß es nicht anders als heilsam seyn muß, in Beispielen zu zeigen, wohin endlich das Verachten der kalten Vernunft und das Nachhängen des Glaubens an geheime Wunderkräfte und deren Einwürkungen, uns führen müssen.

Das, was ich erzähle, ist theils aus Akten gezogen, theils von engen Bekannten des unglücklichen Mannes mir mitgetheilt worden; auch habe ich ihn selbst gekannt.

Rau war 1748. zu Coburg geboren, und studirte zu Leipzig Theologie. Sein vorzüglichster Lehrer auf dieser Akademie war Crusius.

Die Philosophie dieses Mannes wurde nicht nur die seinige, sondern von ihm nahm er auch den eignen Blick und die eigne Manier, die Bibel zu erklären, an. Unter den biblischen Büchern wurde bald die Offenbarung Johannis seine Lieblings-[18]lektüre. In diesem heiligen Labyrinth wagte er sich Anfangs nicht ohne Fackelträger zu wandeln, und Crusius und Bengel mußten ihn als Eingeweihte vorzüglich leiten.

Wie aber nach und nach die Imagination durch die aufgehängten großen Bilder erhitzt wurde, so wagte er sich nun selbst an das Enträthseln des Verhüllten, und glaubte auch, es glücke ihm in seinen Versuchen.

Die angebrannte Imagination ließ ihm das Willkührliche und Grundlose in seinen Erklärungsarten nicht bemerken, vielmehr arrogirte sie sich selbst den Namen von Scharfsinn und untersuchender Vernunft.

Die Deutungen, die er den Bildern jenes Buchs gegeben hatte, hatten sich bei ihm bald in den Besitz der Unfehlbarkeit gesetzt, und die natürliche Folge war, daß er anders denkende Menschen nicht dulden konnte, wenn sie nicht noch geschmeidig genug waren, seine Meinung anzunehmen.

Er glaubte einen Vorzug vor andern seines Gleichen zu haben, weil diesen die Schätze, welche er in jenem Buche gefunden zu haben glaubte, nicht so einleuchten wollten.

Die natürlichen Kräfte des menschlichen Geistes schienen ihm daher dies bei ihm auch nicht bewürkt zu haben, sondern das mußte durch eine höhere Kraft geschehen seyn.

[19]

Nun ist es aber die Pflicht eines jeden, der vorzugsweise erleuchtet worden ist, daß er mit seinem Licht auch um sich her erleuchtet, so viel nur in seinem Vermögen steht. Bis zu der Zeit, da dieser Gedanke in ihm lebhaft geworden, war er noch umgänglich, informirte Kinder, und that was ihm zukam; ob er gleich freilich immer hartnäckig disputirte, wenn es seine besondern Meinungen betraf.

Als er aber den Bekehrungsberuf lebhafter in sich zu fühlen anfieng, da äußerte er auch in seinen Predigten ungeheuchelter seine Meinungen. Die letzte Predigt, welche er hielt, schloß er mit den merkwürdigen Worten: »Wer keine Hexen glaubt, glaubt keinen Teufel; wer keinen Teufel glaubt, keinen Gott; wer keinen Gott glaubt, der ist verdammt.« Hierauf wurde ihm nicht mehr erlaubt zu predigen, und nun glaubte er sich berechtigt, öffentlich auf den Straßen seine Lehren zu verbreiten, und diejenigen namentlich anzugeben, die nicht von seiner Lehre waren.

Dieses Gassenpredigen unterließ er nach erhaltenem Verweiß; auch wurde er stiller. Die Obrigkeit wollte ihn an einen Sicherheitsort bringen lassen; aber der Vater bat, den Sohn bei ihm zu lassen.

Der Sohn schämte sich jetzt dessen, was er gethan hatte, und weigerte sich des Ausgehens. Endlich besserte es sich so weit mit ihm, daß er wieder [20]einige Spaziergänge hielt, doch behielt er noch immer unruhige Nächte.

Am 3. August 1779. hatte er noch zwei gute Freunde bei sich. Der Vater gab ihm immer bei diesem Besuche eine kleine Beschäftigung, bald mußte er Taback holen, bald Coffee einschenken; und wie der Sohn aus der Stube gieng, sagte der Vater zu den anwesenden Freunden, er müßte seinen Sohn immer in Beschäftigung erhalten, weil er sonst ganz still würde und in starres Nachdenken versänke. Bei diesem Besuche bemerkten die zwei Freunde, nach S. 55. der Akten, nichts unvernünftiges an ihm, wohl aber einige Aengstlichkeit, mit welcher er seinen Rock aufriß; auch that er hier die Aeußerung: er wünschte seine verlohrnen Kräfte wieder zu erlangen, alsdann wollte er wieder von neuem anfangen zu studieren.

Auf seine ehemalige Lieblingsvorwürfe kam das Gespräch nicht; aber als ein Zeichen des Daseyns seiner Vernunft kann noch angeführt werden, daß er mit dem einen Freund auf dem Damenbret gespielt, und sich auf den andern Tag zu einem Gartenbesuch versprochen.

Beim Abschiede, der des Nachts gegen 10 Uhr genommen wurde, bat er (nach S. 57. b. der Akten) den einen seiner Freunde, er möchte diese Nacht bei ihm bleiben; dieser schlug es aber aus.

Am 4. August früh zwischen 4 und 5 Uhr, sahen und hörten die Nachbarn, daß der Candidat [21]Rau seinen Vater mißhandelte; und da sie an die Hausthüre anschlugen, so zog der Sohn, der mit seinem Vater allein im Hause wohnte, die Thüre auf, und ließ Nachbarn und die herbeigeholte Wache ein. Der Vater lag auf der Erde in seinem Blute, ermordet von dem Sohne mit 15 Messerstichen und Aufschneidung der Gurgel.

Der Sohn gieng am Fenster auf und ab; in ihm wechselten jetzt Wehmuth, Anerkennung seiner Schuld, und Ausbrüche der Wuth; bald verklagte er sich selbst vor Gott, daß er eine so schreckliche, ihm nicht zu vergebende That gethan, bald behauptete er, er habe nicht seinen Vater, sondern einen Juden und einen alten Türken umgebracht.

Beim gerichtlichen Verhör sagte Rau nach S. 17. der Akten folgendes aus: »er habe den von ihm Ermordeten nicht vor seinen Vater gehalten, und er wisse sich von der Sache weiter nichts zu erinnern, als daß sein Vater ihn früh morgens in die Stube eingelassen, wo er ihn um Brod gebeten, aber zur Antwort erhalten habe, das könne er, der Vater, nicht schaffen.

Hierauf habe er den Schlüssel zum Geld seiner Mutter verlangt, um sich davon etwas zu nehmen; und als sein Vater sich dagegen gesetzt, wäre er sogleich seiner Sinne und seines Verstandes beraubt worden, und habe, da sein Vater ein Messer gehabt und auf ihn zugegangen, auch ein Messer ergriffen, was er aber nun damit an sei-[22]nem Vater verübet, würde er gar nicht wissen, wenn er es nicht nachher von andern Personen gehört hätte; denn er sey ganz außer sich von allen Sinnen, von Vernunft und Gedanken gewesen, und wisse nicht, was er gethan.«

Auf die Frage, wie er heiße? antwortete er: »er glaube gar nicht, daß er getauft sey, auch habe er seinen Vater nicht für seinen wahren Vater gehalten, denn er sähe ihm nicht gleich, und habe an sich nichts ähnliches von ihm.«

Ehe er die Gerichtsstube verließ, erklärte er sich noch, ohne darum befragt worden zu seyn, dahin: »er habe bisher stark die Commentarios über die Offenbarung Johannis gelesen, jetzo aber damit nichts mehr zu thun.«

In seinem Gefängniß äußerte er niemals Reue der That; auch seiner ehemaligen Meinungen gedachte er nicht.

Sein Betragen war wild und verrieth Stolz und Verachtung gegen alles.

Bei einem Gewitter brach er nach S. 21. der Akten, in die Worte aus: »der wilde Fürst komme, er habe den Kerl schon oft gehört.«

Und bei eben der Gelegenheit sagte er zum Gefängnißwärter: »er habe noch rechte Kerl von Büchern auf einem großen Kreuz, und unter andern auch ein Stück von dem Theophrastus Paracelsus liegen.« Er behauptete auch S. 22. »er [23]sey ein Staatsgefangener, der nicht hart gehalten werden dürfe.«

Es ist zu beklagen, daß keiner von den Bekannten dieses Unglücklichen, die genauern Umgang mit ihm hatten, seinen Gemüthszustand nach dem Vorfall mit dem Gassenpredigen mit philosophischem Geiste beobachtet hat. Mir ist es mehr als wahrscheinlich, daß nach den Predigten, die er zur Bekehrung seiner Stadt auf öffentlichen Straßen hielt, die Imagination erschlaffte; einige Lichtblicke der Vernunft ließen ihm sehen, daß er Gespinsten von seinem eigenen Machwerk gefolgt; die Schaam gesellte sich dazu; das Gehirn war durch die wilden Ausschweifungen der Einbildungskraft gestört und unfähig zur richtigen Betrachtung gemacht worden.

Das einzige, das er als unfehlbar angesehen, fiel vor ihm als ein Unding; er war zu schwach am Geiste geworden, um das Bessere zu suchen; er wußte nicht, woran er sich halten, was er glauben sollte; und so blieb ihm nichts übrig, als Verzweiflung an allem Wahren und Guten, diese brütete Anfangs im Stillen, und äußerte sich endlich auf jene schreckliche Weise.

Und einem solchen schrecklichen Zustande ist jeder ausgesetzt, der mehr schwärmt als kalt denkt und ruhig untersucht; der Gott nur in geheimen Offenbarungen finden will, und dagegen versäumt, Gott zu erkennen und anzubeten in seiner herrlichen [24]Schöpfung, und durch ein edles, rechtschaffenes und thätiges Leben seinem Nebenmenschen zu dienen und sich selbst dadurch die einzige, wahre Zufriedenheit zu verschaffen.

Freilich ist es der menschlichen Faulheit bequemer, sich den Himmel durch einen Zungenglauben zu erwerben, als durch Handlungen, die Mühe und Arbeit kosten, zu beweisen, daß man an Gott und eine Zukunft glaubt.

J. E. Gruner.

[25]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Aus dem Tagebuche eines Selbstbeobachters.*) 1

Moritz, Karl Philipp

Freitags den 24. Julii 1778.

Wie angenehm ist doch die Stille nach dem Gewitter; wie süß die Ruhe nach dem Streit, wie wirthbar das enge Stübchen nach der weiten Reise!

Ich danke dir Gott, daß du mir Ruhe der Seele gegeben hast! Gieb mir Gesundheit, gieb mir Thätigkeit, gieb mir Freude an mir selbst und an allen meinen Unternehmungen!

Und dann laß dies Büchlein einen unpartheiischen Zeugen meiner Handlungen seyn, damit es mir in der Zukunft, die vielleicht noch meiner war-[26]tet, von jedem merkwürdigen Tage meines Lebens, ein getreues Bild darstelle. —

Freitags den 23. Oct.

Von mehr als sechs Wochen — wie mancher Tag ist verlohren gegangen! Wie würde ich bestehen, wenn ich jetzt die große Rechnung von der Anwendung einer jeglichen Stunde, die mir gegeben war, ablegen sollte.

Ach, ich wagte es, nur einen einzigen Tag zu verschleudern, ohne Rechnung von ihm abzulegen, und nun — wie hat sich, fast ohne mein Wissen, die Schuld gehäuft!

Stärke mich Gott in meinem Entschluß, von nun an aufmerksam auf mich selbst zu seyn, und höre mein Gelübde in dieser Mittagsstunde, daß ich am Abend dieses Tages — mich seiner erinnern will.

Sonnabends den 24. Oct.

Hab ich mich seiner erinnert — des feierlichen Vorsatzes — am Abend des gestrigen Tages? — erinnert? ja, aber mit Schaam und Widerwillen, mit dem unseeligen Bestreben diese Erinnerung selbst aus meiner Seele zu verbannen. —

Wie zufrieden mit mir selbst hätt ich mich niederlegen können, wenn ich nicht noch in der letzten Stunde dieses Tages mich hätte verleiten lassen, [27]durch Reden, die die Menschheit entehren, meinen Vorsatz zu entweihen.

Donnerstag den 5. Nov. Abends.

Hab ich mich aufs neue entschlossen, nicht wegen ungewisser Hofnungen einer mißlichen Zukunft, gegenwärtige Freuden zu vernachlässigen, wenn dieselben gleich oft weit unter meinen Wünschen sind.

Sonntags den 15. Nov. Abends.

So wäre mir dann doch einmal eine Hofnung eingetroffen, die vor vierzehn Tagen noch ungewiß war.

Gemeiniglich wurde mir doch von meinen Wünschen ohngefähr die Hälfte gewährt — ich denke, das soll auch hier eintreffen, und damit will ich mich begnügen.

Wie schwer hält es doch, um erst einen Tag dem andern so ähnlich als möglich zu machen, und doch hängt davon größtentheils die Ruhe des Lebens ab.

Sonntags den 22. Nov.

Gesellschaft — ängstliche Bemühung nicht zu mißfallen — Unzufriedenheit mit mir selbst — Furcht vor einer drohenden Krankheit. —

Montag den 23. Nov.

Mangel an Lebhaftigkeit bei Geschäften — Unterhaltung des Geistes — Mendelssohn — [28]Iselin — Steifigkeit in Gesellschaft — unweise Furcht. —

Donnerstag den 11. Febr. 1779.

So sind acht Tage entflohen, ohne daß ich einmal ernsthaft an mich selbst gedacht habe. —

Zu meiner Schande sey inskünftige jede Lücke in diesem Buche! —

Ist denn ein mir von Gott geschenkter Tag nicht so viel werth, daß ich am Abend seine Geschichte entwerfe, zur Belehrung meiner künftigen Tage? —

O ich merke, daß ich nie ein guter Mensch, nie ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden kann, wo ich nicht bald anfange, ein genaues Register über meine Handlungen zu halten, und daß ich mich nie in rechte Thätigkeit setzen kann, so lange nicht meine Endzwecke gewisser und bestimmter gewählt sind, ich fühle es, daß ich über die Menge von Entwürfen, die ich gerne gänzlich ins Werk richten wollte, keinen einzigen ausführen werde, und daß es also Pflicht für mich ist, einige meiner Lieblingsideen von itzt an gänzlich fahren zu lassen, um unter meinen mannichfaltigen Entwürfen eine richtige Wahl zu treffen, und nur einen einzigen mit ungetheiltem Enthusiasmus hinauszuführen, so viel Ueberwindung mir auch indes die Vernachlässigung der übrigen kosten wird.

[29]

Sonntag den 14. März.

Heute vor acht Tagen faßte ich einen Vorsatz, den ich für unüberwindlich hielt, wenigstens eine einzige Woche so hinzubringen, daß ich am Ende derselben zu mir sagen könnte, du hast acht Tage so gut genutzt, wie du konntest; da aber unvermuthete Widerwärtigkeiten, und wenig versprochene Freuden sich einfanden, wo blieb da mein Vorsatz, und diese Standhaftigkeit der Seele, die ich mir zu besitzen einbildete.

Gott! wie schrecklich, wenn diese Woche ein Bild meines Lebens wäre, wenn alle Bemühungen, mein Leben angenehmer, und meinen Zustand vollkommner zu machen, vergeblich, wenn die künftige Hälfte meines Lebens um nichts besser und wünschenswürdiger als die vergangene wäre! —

Doch ich will es diese Woche noch einmal versuchen, will mir die Erfüllung keines einzigen meiner kleinen Wünsche gerade in dieser Woche versprechen, sondern mache mich jetzt auf alle das Unangenehme gefaßt, wovor ich noch nicht völlig sicher bin; und nehme mir fest vor, daß eine anhaltende Thätigkeit, jeden aufsteigenden Kummer, und jeden traurigen Gedanken, den ich nicht vermeiden kann, unterdrücken soll, und so bald wie ich merke, daß die Traurigkeit sich sonst nicht will verdrängen lassen, so will ich eins meiner Lieblingsgeschäfte vornehmen — ich will auch zu meiner Belehrung die Ge-[30]schichte der vorigen Woche entwerfen, so bald ich merke, daß es sich in meiner Seele aufgeklärt hat —

Und nun nicht eher als bis über acht Tage, will ich mir selbst Rechenschaft ablegen, in wie fern ich diesem Vorsatze getreu geblieben, und wie oft ich davon abgewichen bin — auch will ich mich alsdann befragen, wie oft ich bei Tische munter und gesprächig, und wie oft ich mürrisch und mit mir selbst unzufrieden gewesen bin? wie oft ich in meinen Berufsgeschäften so arbeitete, daß ich am Ende jeder Stunde überzeugt war, meine Pflicht gethan zu haben, und wie oft ich träge war, oder zu sehr an meine eigenen Angelegenheiten dachte, als daß ich dem Geschäfte meines Berufs meine ganze Aufmerksamkeit und Thätigkeit der Seele gewidmet hätte? —

Indem ich dies schreibe, werde ich schon aus einer Verlegenheit gerissen, die ich befürchtete, das soll mich aber nicht sicher machen; denn die Zukunft hat noch tausend kleine Verdrüßlichkeiten in Vorrath, die ich vielleicht gar nicht vermuthete, und die sich dennoch ereignen werden; so will ich mich auch hüten, daß mich die Freude über irgend eine unvermuthete Erfüllung meiner Wünsche, eben so wenig, als der Verdruß über eine fehlgeschlagene Hoffnung unthätig mache: vielmehr will ich die frohesten Stunden zur Arbeit nutzen, die Lebhaftigkeit und Anstrengung des Geistes erfordert.

[31]

Sonntags den 21. März.

Gerade um diese Zeit war es vor acht Tagen, als ich mir vornahm, heute mir selbst Rechenschaft zu geben, wie ich die Woche genutzt habe.

Mit Vergnügen schaue ich auf diese sieben Tage zurück, die mir in jedem Betracht sehr angenehm verstrichen sind.

Fast kein einziger Tag, an dem ich nicht irgend ein kleines unverhoftes Vergnügen, einen unerwarteten Brief, einen Spaziergang, eine angenehme Unterhaltung, genossen hätte. —

Dies hat mich aufgeheitert, hat mir Munterkeit in Beschäftigungen und Selbstzufriedenheit gewährt; ich bin von körperlichen Schmerzen und Trägheit der Seele befreiet gewesen. —

Meine Unternehmungen sind mir größtentheils nach Wunsch gelungen, und keine beträchtliche Hoffnung ist mir fehlgeschlagen.

Bei meinen Berufsgeschäften habe ich größtentheils die gehörige Lebhaftigkeit gehabt, so daß ich am Ende derselben mit mir selbst zufrieden war, und in Gesellschaft habe ich größtentheils heiter seyn können. —

Seit gestern Abend scheint es, als wenn sich wieder Wolken in meiner Seele zusammenziehen wollen, ich denke aber, eine ununterbrochene Thätigkeit, und ein Paar Briefe von meinen Freunden, davon ich eben jetzt einen erhalten habe, sollen sie schon wieder zerstreuen.

[32]

Ich will mir aber diese Woche nicht wieder so viele Freuden, wie in der vergangenen, versprechen; ich will mich auf Kopfschmerzen, Geistesleere, Stumpfheit der Empfindung, kleine fehlgeschlagene Hoffnungen, und alle diese Uebel gefaßt machen, die uns das Leben verbittern können — und will sie mir, so gut ich kann, durch den Gedanken an eine beßre Zukunft, zu erleichtern suchen.—

Diesen Morgen habe ich in einer süßen Abwechselung meiner Beschäftigungen sehr angenehm zugebracht, ich hoffe auch den übrigen Theil dieses Tages so anzuwenden, daß ich damit zufrieden seyn kann, und dann will ich mich bestreben, die übrigen Tage dieser Woche, so viel es sich thun läßt, diesem ähnlich zu machen. —

Am Ende derselben will ich insbesondere Rechenschaft von mir fordern, ob ich durch Mäßigkeit meine Gesundheit und die Heiterkeit meiner Seele beständig zu erhalten gesucht, und mich auf keine Weise zum Gegentheil habe verleiten lassen.

Sonntag den 28. März.

Die Heiterkeit meiner Seele ist diese Woche über einigemal in Gefahr gewesen, Schiffbruch zu leiden, aber der Sturm hörte noch gerade zu rechter Zeit auf zu toben. —

So angenehm wie die vorige, habe ich diese Woche nicht zugebracht, doch aber kann ich im Ganzen genommen, mit ihr zufrieden seyn.

[33]

Einige unüberlegte Handlungen sind Schuld an meinem meisten Kummer gewesen, und haben mich unzufrieden mit mir selbst gemacht.

Wann ich doch erst einmal so viel über mich vermöchte, daß ich jeden zuheftigen Wunsch sogleich unterdrücken könnte. Denn diese Woche habe ich wieder ein warnendes Beispiel an mir selbst gehabt, daß heftige Wünsche selten erfüllt werden, und gemeiniglich der Keim zu einer unvermeidlichen Schwermuth sind.

Gemeiniglich, wenn ich ganz ruhig bei einer Sache gewesen bin, und ihren Ausgang ganz gelassen erwartet habe, so bin ich oft über meine Erwartung glücklich gewesen.

Das that ich vorige Woche — ich bekümmerte mich nicht ängstlich um die Erfüllung meiner Wünsche, und erhielt sie ohne mein Zuthun.

Das Glück, wie ich sehe, läßt sich nicht erzwingen, und entwischt uns dann am leichtesten, wenn wir es am begierigsten verfolgen.

Der Dienstag soll mir ein merkwürdiger Tag seyn. — Gerade da, wo meine Erwartungen aufs Höchste stiegen, war es vielleicht nöthig, daß sie plötzlich darnieder geschlagen werden mußten, damit ich mich nicht überhübe. — Aber bald hätte mir dieser einzige Tag, oder vielmehr eine unglückliche Stunde desselben, eine ganze schöne Woche verderben können. —

[34]

Insbesondere will ich es mir von heute an zur Regel machen, einem gegenwärtigen Verdruß keinen Einfluß auf die Folgen haben zu lassen, denn das ist es eben, was mir schon so manchen Tag meines Lebens verbittert hat.

Anstatt mich aus einem unangenehmen Zustande mit einiger Anstrengung herauszureißen, arbeitete ich mich vielmehr muthwilligerweise immer tiefer hinein.

Aber das gute Zeugniß muß ich mir auch geben, daß ich diese Woche einen guten Entschluß ins Werk gerichtet habe, ohngeachtet aller Hindernisse, die mich davon hätten abhalten können.

Auch habe ich mich über einige fehlgeschlagene Hofnungen bald zufrieden gegeben, weil ich mich vorher darauf gefaßt gemacht hatte; und ein paarmal, da ich im Begriff war, wieder in meine üble Laune zu verfallen, habe ich mich durch Thätigkeit und Bewegung, und durch angenehme Vorstellungen von der Zukunft, glücklich wieder davon befreiet. —

Aber bei meinen Berufsgeschäften und im gesellschaftlichen Umgange habe ich, besonders in der letzten Hälfte der Woche, Ursache gehabt, mit mir selbst unzufrieden zu seyn. —

Ich bin hierüber sehr bekümmert, weil ich daraus sehe, daß auch die stärksten Entschließungen so leicht wieder durch einen kleinen unerwarteten Zufall geschwächt werden können. —

[35]

Auch heute Morgen habe ich eine Unbesonnenheit begangen, die mich itzt sehr gereuet, und wovon ich die unangenehme Erinnerung mit aller Anstrengung nicht verbannen kann, weil es scheinet, als ob ich üble Folgen davon befürchten muß. — Ich will mir das aber, so viel wie möglich, aus den Gedanken zu schlagen suchen. —

Diese Woche wünschte ich insbesondere, daß ich kein einziges mal im gesellschaftlichen Umgange und bei meinen Berufsgeschäften, meine Entschliessung vergessen, und das gute Vernehmen mit mir selbst auf alle mögliche Weise zu erhalten suchen möchte. —

Mittwoch den 7. April.

Am Sonntage habe ich meine Rechnung nicht abgelegt — ich gelobe mir heute, daß ich dies nie wieder versäumen will, ich mag auch seyn, wo ich wolle. —

Die erste Hälfte der vorigen Woche war ich zu niedergeschlagen, und die andere Hälfte zu ausgelassen froh, als daß ich das gerade hätte thun können, was ich hätte thun sollen. —

Ich will aber so viel über mich zu gewinnen suchen, daß die beständige Abwechselung von Freude und Kummer in meiner Seele, welche nun einmal bei mir unvermeidlich zu seyn scheinet, meine Thätigkeit, und den ununterbrochenen Fortgang bestimmter Geschäfte, nicht hindern soll.

[36]

Diese vergangene Woche ist mir wieder eine fehlgeschlagene Hofnung, die mich zwei Tage mißvergnügt machte, durch eine unerwartete Freude ersetzt worden, die mich vier Tage lang aufheiterte — wo so viel angenehme Hofnungen, durch die gegenwärtigen kleinen Vergnügungen, in meiner Seele erweckt wurden, daß sich mein Gefühl zuletzt überspannte, und ich nothwendig wieder in eine plötzliche Trägheit versinken mußte, welche eben Schuld war, daß ich am Sonntage Mittag meine Handlungen und Empfindungen, die Woche über, nicht wiederholen konnte. —

Die Hälfte dieser Woche über haben Freude und Leid schon sehr oft bei mir abgewechselt, und oft, wenn mein Muth schon ganz anfieng zu sinken, bekam ich wieder eine unerwartete Aufmunterung. —

Die andere Hälfte will ich nun, so gut ich kann, zu nutzen suchen, und mir am Sonntage Rechenschaft ablegen, ob, und wie ich diesen Vorsatz ins Werk gerichtet habe. —

Sonnabends den 21. Julius Nachmittags.

Welche Unbeständigkeit in meinen Gedanken! —

Bald gereuet mich das, was ich thue, und bald freuet es mich; bald billige ich es, und bald tadle ich es wieder.

So wechseln angenehme und unangenehme Empfindungen beständig in meiner Seele ab.

[37]

Ich wanke jetzt zwischen Ehrbegierde und Glückseligkeit. Bei der ersten kann, bei mir, die letztre, und bei der letztern die erstre nicht bestehen — welche werd' ich aufopfern? —

Wenn ich denke, ich will diesen quälenden Durst nach Ruhm, durch vernünftige Ueberlegung in meiner Seel' ersticken, so fürchte ich mich sogar, diese Ueberlegungen anzustellen, weil ich jenen Trieb, ohngeachtet des Kummers, den er mir verursacht, nicht gern verlieren will.

Also befreit seyn wollen kann ich nicht einmal davon — o Freiheit, was bist du?

Sonntag den 22. Julius.

Manchmal ist es mir, als wenn ich noch so viel Muth hätte, etwas Großes zu unternehmen, und allen Hindernissen und Gefahren Trotz zu bieten. —

Dann giebt es wieder Zeitpunkte, wo ich mir weiter nichts wünsche, als ruhig in meinem Gleise fortwandeln zu können, und mich weder zur Rechten noch zur Linken umzusehen — wo alle mein Muth erloschen ist, daß auch kein Fünkchen mehr davon übrig zu seyn scheint — wenn ich mich dann niederlege, so kann ich eine so außerordentliche Wonne, kurz vor dem Einschlafen, empfinden, daß ich mir in dem Augenblick gar kein höheres Glück wünsche. —

So war es mir heute Morgen, wo mir alles — alles zuwider, und der Schlaf meine [38]einzige Zuflucht vor dem wachsenden Unmuth war. —

In E.... würde ich gewiß ein Raub der Verzweiflung geworden seyn, wenn mich ein wohlthätiger Schlaf, obgleich auf einem Lager von Stroh, nicht vor ihrer Wuth geschützt hätte — und manchmal, wenn ich unnatürlich lange geschlafen hatte, mit welchen frölichen Aussichten konnte ich da erwachen! wie leicht schüttelte ich die Bürde meines entsetzlichen Zustandes ab, und bot allen meinen Widerwärtigkeiten muthig Trotz!

Donnerstag den 2. August.

Was hätte ich nicht diese Tage über ausrichten können, wenn ich immer auf einen Zweck gearbeitet hätte.

So aber verdrängte immer ein Plan den andern, und ich habe meine kostbarste Zeit in der größten Unthätigkeit zugebracht.

Heute Morgen schien ein fester Entschluß in meiner Seele zur Reife zu kommen; noch aber hat er nicht durchdringen können.

Wenn ich mein ...projekt durchsetzen will, so muß ich von diesem Augenblick an beinahe keine Minute mehr verlieren. Ich will doch sehen, wie viel ich heute Abend noch leisten werde?

Sonntag den 4. August.

Verdrießlich — ein unbehagliches Wort — mir gellen die Ohren, wenn ich es höre — und ein [39]unerträglicher Zustand — nicht so heftig wie Traurigkeit, und doch weit schlimmer. —

Was soll ich thun, um den nagenden Verdruß abzuschütteln?

Ich habe den Muth zu allem verlohren. —

Wie wird das gehn, wenn ich mit meinem Vorsatze nicht durch alle diese Verdrüßlichkeiten hindurchdringe? —

Schon vier Tage von vierzehn sind verflossen, und noch habe ich nichts gethan — und habe auch nicht die Kraft, die gegenwärtige Muße zu nutzen — ich fühle die Bürde des Lebens, und habe sie immer gefühlt — das war mein Wunsch so oft, im Genuß eines langgehoften Glücks zu sterben. —

Schon in ..... wünschte ich dies einmal, und hofte es sogar, da ich auch ein damals für mich großes Glück erreichte.

Vor ... Jahren wünschte ich es, da ich alle meine Wünsche gewissermaßen erfüllt sahe — und nun? — Ja, wenn ich leben soll, so muß es zu meiner Freude seyn, und das kann wieder nicht ohne eine ununterbrochene Thätigkeit geschehen, und diese wird doch durch jeden Verdruß unterbrochen. —

Warum kann ich so wenig frohe Zeitpunkte in meinem Leben zählen?

Weil mein würkliches Leben nach dem Laufe der Natur, nur so selten in mein idealisches Leben eingreifen konnte.

[40]

Abends.

Während dem Gehen gelang es mir, die Gedanken, die mich traurig machten, nach und nach zu unterdrücken. Es traten andre an ihre Stelle, welche sie verdrängten. Ich fand, wie klein und unbedeutend mein gegenwärtiger Verdruß im Verhältniß gegen meine Entwürfe sey.

Diese Entwürfe rollten sich alle in meiner Seele aus einander, und gewährten mir eine süße Täuschung.

Das alles geschah aber erst, nachdem ich eine Weile schnell gegangen war, und nachdem wenigstens einer meiner kleinen Wünsche befriediget war.

Sobald ich merke, daß es mir nur in einem Stücke gelingt, so schöpfe ich auch gleich wieder große Hofnung.

Bin ich nicht dazu bestimmt, etwas Großes zu unternehmen, woher diese brennenden Wünsche, mich auszubreiten, mich loßzureißen von dem Joche, das mich darnieder zieht? — Und was ist das, etwas Großes unternehmen?

Wäre es nicht das Größte, diese brennenden Wünsche zu unterdrücken, und im Stillen Gutes zu thun?

Aber das kömmt mir so fremd, so unmöglich vor — und doch bin ich zu schwach, (wie schwer es mir wird, das Wort hinzuschreiben!) das erste ununterbrochen hinauszuführen.

[41]

Freitag den 10. August.

Wo ist meine Kraft? — Stunden, Tage und Wochen verfließen ungenutzt, die mir jetzt über alles kostbar seyn sollten. —

In der Lage, worin ich jetzt bin, gieng das an, aber wird es auch in der angehen, worin ich komme? — Ach, was wird dann aus mir werden, wenn diese Trägheit wiederkehren sollte, die mich oft ganze Tage hindurch zu jedem Geschäft so unfähig macht?

Aber Muth gefaßt! Nun muß es doch zu einem Ziele kommen — stelle dir doch immer vor, wie du vielleicht künftig wieder von dem denken wirst, was dir jetzt so reizend zu seyn scheinet, und was dir doch schon so unerträglich geschienen hat.

Denke, daß diese letzten Vorstellungen wiederkehren können, und daß es dich vielleicht gereuen wird, das nicht gethan zu haben, was du jetzt thun willst, und wieder nicht willst. —

Die Stunden eilen hin — ergreife die gegenwärtige — eh du noch den Muth dazu verlierst!

Abends.

Wenn wird es ruhig werden in meiner Seele? — Ach wenn die kühle Gruft mich deckt. —

Ich fühle es lebhaft und immer lebhafter. —

Ich wäre fähig, meine eigne Existenz um die Existenz in andern wegzugeben — und was ist das? —

[42]

Vergehen, vergehen muß ich — ach, so gewiß, als o dieser Augenblick mein letzter wäre — so gewiß ist der Augenblick meines Todes — er ist da! — und wo ist dann meine Größe? — Wo sind alle meine Entwürfe? — Und ich härme mich um ein Blendwerk ab — Und genieße keine der Freuden, die ich genießen könnte. —

O, wer stillet den Tumult meiner Gedanken? — Ich sehe es immer deutlicher ein, wie thöricht ich gehandelt habe. —

Mittwoch den 22. August.

Thus let me live, unseen, unknown, Thus unlamented let me die, steal from the World, and not a stone tell where I lie!

Pope.

So dachtest du in deinem zwölften Jahre, edler Mann! — Aber du lebtest nicht unbekannt und unbemerkt, sondern verehrt und gepriesen von deinen Zeitgenossen, mitten im Schauplatz der grossen Welt; auch starbst du nicht unbeweinet, und dein Andenken ist der spätern Nachwelt heilig!

Der entscheidende Schritt ist also zurück gethan — Wem würde ich dieses geglaubt haben, der mir es am siebenten Julii vorausgesagt hätte? — daß ich mich nach alle den Aussichten in die weite Welt, wieder einschränken würde in das enge Stübchen? — daß alle meine Wünsche und Begierden auf ein anderes Ziel geheftet seyn würden? —

[43]

Der Abgrund war mit Rosenhecken umwachsen — ich hätte eine nach der andern abgepflückt, und bei der letzten hätte ich erst mein Verderben eingesehen, und wäre unaufhaltsam hinabgestürzt. —

Aber du ließest Gedanken in meine Seele strömen, Allgütiger, die der kalten Vernunft das Uebergewicht über die gaukelnden Phantasien gaben. —

Und ihr habe ich es zu danken, daß ich nun wieder einen stillen frohen Tag genossen habe, an welchem Beschäftigung und Vergnügen mit einander abwechselten, und von dem ich am Abend mit frohem Herzen Abschied nehmen kann. —

Vielleicht schwankte ich jetzt zwischen tausend widerwärtigen Entschließungen umher, irrte aus einem Labyrinth ins andere, hätte keine bleibende Stätte, und fände nirgends Ruhe, wenn die gaukelnden Phantasien das Uebergewicht behalten hätten, die gerade noch zu rechter Zeit ihrer tyrannischen, quälenden Herrschaft in meiner Seele entsetzt, und dem festen Triebe nach gewisser Glückseligkeit untergeordnet wurden.

Donnerstag den 23. August. Gegen Abend auf dem Felde.

Ach Gott, sollte diese Stumpfheit, diese entsetzliche Trägheit der Seele auch einmal über mich kommen, die mich unfähig zum Entzücken und zu der süßen Schwermuth macht; o lieber laß mich leiden und dulden, und mit tausend Widerwärtigkeiten [44]kämpfen, als diese fürchterlich einförmige Glückseligkeit erlangen!

Aber so warte doch wenigstens, bis du mit wahren Widerwärtigkeiten zu kämpfen hast, und verlange nicht mit solcher Ungeduld darnach, daß du sie dir selber thörichter Weise zu bereiten suchst?

Sonntag den 2. September.

Was wünsch ich mir denn weiter, als das? — Einsamkeit! mit vollen Zügen schlürf' ich jetzt ihren bezaubernden Nektar ein. —

Ja es ist eine große Glückseligkeit, seinen Fuß hinsetzen können, wohin man will, und seinen liebsten Gedanken ungestört nachzuhängen! —

Es scheint, ich habe nun den Muth gefaßt, glücklich zu seyn. —

Nun will ich in dieser Morgenstunde, in diesem Garten, unter freiem Himmel, noch einen feierlichen Vorsatz fassen, inskünftige

wahr zu seyn,

nicht mehr zu scheinen, weder mir selbst noch andern, in keinem Stücke; das war es eben, was mir bisher so viele Glückseligkeit geraubt hat.

Ich bin nicht den geraden Weg zum Ziele gegangen, sondern habe auf tausend Umwegen das gesucht, was mir vielleicht sehr nahe lag. —

Fußnoten:

1: *) Erzwungene Religiösität und erzwungene Moralität leuchtet fast aus jeder Zeile dieses Tagebuchs hervor, das viele lange Gebete und allgemeine moralische Betrachtungen enthält, die ich weggelassen habe, um nur das Wesentliche auszuziehen.

[45]

2.

Ueber Selbsttäuschung.

Moritz, Karl Philipp

Eine Parenthese zu dem Tagebuche eines Selbstbeobachters.

Ich unterbreche gerade hier das Tagebuch, um auf den Gesichtspunkt aufmerksam zu machen, wodurch es für den Psychologen interessant wird.

Es läßt sich kein höherer Grad von Selbsttäuschung denken, als den Vorsatz zu fassen, inskünftige wahr zu seyn, und vor sich selber nicht mehr anders zu scheinen, als wie man ist.

Ohne dabei in Erwägung zu ziehen, daß dieser Vorsatz selbst unmöglich wahr seyn kann; weil es gar keines solchen Vorsatzes mehr bedürfte, sobald man ein wirkliches Vergnügen daran fände, wahr zu seyn, und einem der Schein nicht selbst noch in diesem Augenblicke, lieber als die Wahrheit, wäre.

Nun ist aber dieser höchste Grad von Selbsttäuschung gewiß eine der sonderbarsten Erscheinungen der menschlichen Seele — weil die Wahrheit selber unter der Täuschung erliegt. —

Denn die folgenden Ausdrücke: Das war es eben, was mir bisher so viele Glückseligkeit geraubt hat — und: ich bin nicht den geraden [46] Weg gegangen, sondern habe auf tausend Umwegen das gesucht, was mir vielleicht sehr nahe lag — sind doch wahr — aber der Vorsatz, wahr zu seyn, der in der Morgenstunde, in dem Garten, unter freiem Himmel, feierlich gefaßt wird, hebt alles wieder auf, und macht, daß es leere Worte sind.

Geheime Tagebücher können über dieses noch in tiefes Dunkel gehüllte Phänomen der Selbsttäuschung die besten Aufschlüsse geben.

Sie sind laurende Verräther, redende Zeugen, aber auch lockende Verführer. —

Der Mensch will sich gern in den Buchstaben spiegeln, die kein anderes Auge erblicket, und will doch auch da nicht häßlich vor sich selbst erscheinen. —

Er macht sich die bittersten Vorwürfe, und denkt doch darauf, die Worte wohl zu setzen, wodurch er sich Vorwürfe macht. —

Das Tagebuch soll ein unpartheiischer Zeuge seiner Handlungen seyn, damit es ihm in der Zukunft, die vielleicht noch seiner wartet, von jedem merkwürdigen Tage seines Lebens ein getreues Bild darstelle.

Er sucht, durch das Tagebuch, seinem Leben eine Wichtigkeit zu geben, die es sonst nicht hat — die Selbstbeobachtung ist nicht sein Hauptzweck. —

Er schreibt schöne Gebete an Gott, in welche er seine Vorsätze kleidet, um sie dadurch festzuhal-[47]ten — und fühlt das Mißverhältniß nicht, das die ganze Masse seines Lebens sich an den Buchstaben festhalten soll, die seine Hand niederschreibt. —

Er will das durch die Buchstaben zwingen, was die Buchstaben selber zwingt.

Unwillkührlich entsteht hieraus die affektirte Sprache einer erzwungenen Religiösität und Moralität; das Unbestimmte, Schiefe und Schwankende in den Ausdrücken; und das oft Fade und Oberflächige der abgleitenden Gedanken, unter denen doch immer der Ausdruck des Wahren sich emporarbeitet, bis auf den Punkt, wo der Wunsch des Wahren selbst zur Lüge, der Haß vor der Verstellung selbst zur Verstellung, und die Furcht vor der Selbsttäuschung selbst zur Täuschung wird.

Daß dies nun in der Natur unsers denkenden und empfindenden Wesens möglich ist, und wie es möglich ist, verlohnet wohl der Mühe des Nachforschens und Denkens — weil da, wo unser Wesen sich selber täuscht, gewiß noch unentdeckte Spuren von seinen verborgenen Grenzen und Umrissen liegen.

Für jetzt lassen wir den Selbstbeobachter weiterreden!

[48]

3.

Fortsetzung des Tagebuchs.

Moritz, Karl Philipp

Sonnabends den 3. Julii 1782.

Sollte man es wohl dahin bringen können, daß man sich immer selbst gleich bliebe?

Mittwoch den 14. Julii.

Wohl mir! daß ich wenigstens aufs neue einen guten Vorsatz wieder fassen kann, den ich sonst Jahre lang vergaß. —

Noch einmal — nein! — so oft es nöthig ist — will ich es versuchen, diese unruhige Leidenschaft zu besiegen, die mich so oft zu jeder guten That unfähig, und mit. mir selbst so unzufrieden macht.

Morgen will ich den Anfang machen, und wenn sich meine ganze Seele dagegen empören sollte, das zu thun, was ich thun soll, es mag mir nun so unangenehm und widrig seyn, wie es wolle; und von nun an, will ich die Vorsätze, die ich auf den folgenden Tag fasse, in mein Tagebuch schreiben, und mir am Abend desselben Rechenschaft ablegen, in wie ferne ich sie ins Werk gerichtet habe.

Ist es nur halb geschehen, so sey dies H. ein beschämendes Zeichen für mich; ist es ganz geschehen, so soll mir dies G. ein selbstbelohnendes Merk-[49]mal seyn; ist es gar nicht geschehen, so soll mich dieses N. so lange mißvergnügt machen, bis ich meinen Fehler genug bereuet habe, um ihn inskünftige vermeiden zu können.

Dienstag den 11. Sept. Um 4 Uhr.

O du süßes, süßes Gefühl der Ausübung meiner Pflicht, wie lange hab ich deinen Reiz verkannt! Ewig sollst du mir theuer seyn.

Ach, was kann der Mensch nicht thun, wenn er will! Wem hätte ich es vor vier Wochen noch geglaubt, daß ich mir die Stunden meines Berufs so würde versüßen können, daß es nun die seligsten Stunden meines Lebens werden?

Also kann ich mir auch diese Wüste zu einem Tempe umschaffen? —

Aufmerksamkeit aufs Einzelne, du Schöpferinn der Glückseligkeit, du einzige wahre Weißheit des Lebens, wodurch wir dem Schöpfer des Weltalls ähnlich werden, du bist es, die ich noch immer von mir stieß, indem ich ein leeres Ganze zusammenfassen wollte, das keinen innern Gehalt und Festigkeit hatte.

Donnerstag den 25. Oktober.

So lang habe ich nichts in mein Tagebuch geschrieben, und das hat seinen guten Grund.

Das handelnde Leben verträgt sich nicht sehr gut mit dem beschauenden Leben. Ich bin diese Zeit [50]über fast täglich vom Denken zum Empfinden, vom Empfinden wiederum zum Denken und Handeln übergegangen, und so habe ich mich auch durch die Dornen des Lebens gedrängt, ich weiß nicht wie.

Manches reine und edle Vergnügen haben mir meine Berufsgeschäfte gewährt, und wenn eine trübe Stunde kam, so hab ich doch immer wieder Muth gefaßt, und gedacht, es wird sich wieder aufklären, und das that es denn auch.

Mög' es nur so bleiben, wie es jetzt ist, so will ich zufrieden seyn.

Mittwoch den 12. December.

Warum sollte ich mir denn selbst unwichtig seyn? Was bin ich und hab' ich dann, als mich selber? Kann ich meine Persönlichkeit ablegen, und ein anderes Wesen seyn, wenn ich will?

Trübe Tage! trübe Stunden! lästige Zeit! Und das alles, weil mir das Gegenwärtige wieder so klein, so nichtswürdig vorkömmt. —

Aengstlich Streben hilft dir nichts, und macht dich elend! —

Aber ach, wenn ich nun ewig zurückbleibe im Staube, wenn ich am Ende allen Muth verliere — o wehe, wehe mir! —

Ich werfe mich zu sehr weg — das ist es, was mich jetzt unglücklich macht — ich achte mich selber nicht mehr —

Lebe wieder auf mein Muth, sonst wirds zu spät!

[51]

Sonntag den 20. Januar.

Mein Unglück soll mich nicht darnieder beugen — und es thuts auch nicht, es flößt mir edeln Muth ein; es macht mich in meinen eigenen Augen werth, und spornt mich zu hoher Tugend an. —

Ja, die will ich auszuüben suchen, damit ich ohne zu erröthen sagen kann: mir geschiehet Unrecht! —

Freilich schmerzt es tief, wenn ich eine Stunde mich von der Arbeit erhole — so lange ich aber arbeite, kann ichs wohl ertragen. —

Die Stunden dieses Tages sind mir doch ziemlich vergnügt entflohen. —

O Gott, laß mir meine Arbeit wohl gelingen, da du nach deinem weisen Rathe mir so vieles, vieles mißlingen lässest, o laß mir diesen Trost in meinem Kummer, damit ich nicht ganz verzagen darf! —

Den 7. Febr.

Jetzt sey ein Mann! jetzt kämpfe gegen den Unmuth, der jede Kraft in dir darnieder drücken will!

Aber wenn sich alles vereiniget, dem schwachen Sterblichen eine trübe Stunde zu machen, wer kann sich da wohl helfen? Aber das soll mein Trost seyn, daß ich meinen Kummer diesem Buche, wie einem getreuen Freunde klagen kann.

Ja, wenn mich jeder Trost verläßt, dann will ich eilen, und meine Thränen hier ausweinen. Da-[52]mit ich doch noch etwas von der Vergangenheit behalte, will ich meine Klagen, und meine kleinen Freuden sammeln, und will sie aufbewahren, damit ich mich einmal daran ergötzen kann, wenn die Gegenwart keinen Reiz mehr für mich hat, o daß ich dann die vergangenen Stunden meines Lebens zurückrufen, und die kummervollsten zählen kann, wie ein Gefangener ein Vergnügen daran findet, jeden Tag mit einem Striche an die schwarze Wand zu bezeichnen, um zu wissen, wie viele Tage er schon in seinem Kerker schmachtet.

[53]

4.

Mystische Briefe des Herrn von F...*) 1

Fleischbein, Johann Friedrich von

den 14. August 1758.

Ihr Brief vom 24. Julii, den ich gestern empfangen, war mir und meinen Hausgenossen sehr erfreulich, da wir so deutliche Spuren des Schutzes, der Vorsehung und der Führung Gottes über Sie beides innerlich und äußerlich daraus wahrnehmen konnten. Gelobet sey Gott, der bisher seine Verheißung an Ihnen erfüllet, daß alle, die in Gott vertrauen, nicht sollen zu Schanden werden. Der Herr erhalte und schütze Sie ferner von innen und äußerlich, Jesus seegne und stärke Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden. Ich und meine Hausgenossen grüßen Sie herzlich, und es ist uns sehr erfreulich, Briefe und Nachricht von Ihnen zu erhalten, und wann Ihre Briefe lang und groß sind. Ihr Inners betreffend, so sind Sie auf der rechten Spur, Sie haben durch die Salbung und Gegenwart Got-[54]tes in Ihrem Innern die Ruhe und den Frieden, so lange Sie getreu sind, Ihrem innern Führer auf den Wink zu folgen und zu gehorchen; und Unruhe und Pein, wann Sie davon abweichen. So seyn Sie dann Gott getreu, und in allem gehorsam und folgsam, was er Ihnen innerlich zu erkennen giebt, und bitten den liebreichen göttlichen Erlöser nach der Weise Ihres Gebets durch Herzensseufzer, und Ihre Einwilligung, wann Sie dieses lesen, daß er Sie in Ihrer Treue und Unterwerfung unter den Geist der Genaden und dessen Führung erhalten wolle. Die Unruhe oder Furcht, die Sie in jenem Dorf, in welchem Sie die Nacht über bleiben wollten, gehabt haben, ist eine deutliche Warnung von Gott, damit Sie wieder zu Ihrem Regiment gleich kehreten, und für Ueberfall und Gefangenschaft bewahret würden. Merken Sie auf diese Begebenheiten und Warnungen, indem die göttliche Vorsehung durch dergleichen, oder auch durch Warnung von andern, Sie schützen und bewahren wird.

Für die gegebenen Nachrichten von frommen Freunden danke ich Ihnen gar sehr. Was Sie hierinnen ferner erfahren, werden Sie mir jederzeit ausführlich melden. Das unter dergleichen Frommen keine Harmonie noch Eintracht ist, ist die Ursache, weil Sie noch in der Vielfältigkeit stehen, nicht durch den allgemeinen Geist Jesu sich führen lassen, und jeder durch einen besondern Geist ge-[55]führet wird. Wann Sie hingegen wahre innere Seelen, die durch den Geist Jesu sich führen lassen, antreffen sollten, so werden Sie so, wie hier im Hause, wenn Sie uns besuchet hatten, eine völlige Harmonie und Uebereinstimmung des Innern finden. Ich hätte Ihnen noch vieles zu schreiben, allein die Zeit fehlet, indem ich gestern den beikommenden langen Brief für Sie geschrieben habe, welchen ich bitte, behutsam zu gebrauchen, und solchen niemand zu zeigen, der einen übeln Gebrauch davon machen könnte. Grüßen Sie alle Freunde, die Sie antreffen, von mir und meinen Hausgenossen herzlich.

Die Namen Goyer und Lobach waren uns wohl bekannt. Grüßen Sie insbesondere den Hrn. Goyer, er hatte einen sehr frommen Onkel, der unser großer Freund war. Die Frau Fussin werden Sie wohl am besten unter dem Namen Helena Meusers, erfragen, den sie vor ihrer Verheirathung führete. Sie wohnet zu Dumbach, einem Ort im Bergischen, etliche Stunden von Mühlheim bei Cölln entfernet. Zu Elberfeld wohnete einer vor zehn und mehr Jahren, Namens Peter Kohl und seine Frau, zwei in den innern Wegen erfahrene Seelen. In Rheimbergen wohnet auch ein frommer Freund, Namens Hr. Weck, beide, wann Sie nach Reinsberg oder Elberfeld kommen, grüßen Sie herzlich. Zu Burcheid bei Aken, in einem Haus, die verkehrte Welt genannt, hat ehe-[56]mals gewohnt einer Namens Hr. Bieberbach, der nebst seiner Frau, wann sie noch leben, im Innern weit gekommen seyn müssen, grüßen Sie dieselben von mir gar herzlich, wann Sie dahin kommen. Ich sende mit diesem Brief einen halben Louisd'or an Ihre Frau, für Sie zum freundlichen Liebesgruß von M. L. Sch. und mir, sie können Ihrer Frau schreiben, was sie mit dem halben Luisd'or machen soll. Ich grüße Sie nochmals herzlich. Adieu!


den 4. Nov. 1759.

Ihr Brief vom 2ten hat mich sehr erfreuet, daraus zu ersehen, daß Gott es Ihnen offenbaret, worinnen Sie bisher gefehlet haben, Sie haben wohl gethan, mir alle Umstände davon zu schreiben, Sie würden aber besser gethan haben, es eher zu melden. Gott fordert diese Treue von Ihnen, und von allen, die auf diese Weise mittelbar geführet werden. Gott hätte es mir zwar auch entdecken können, wann Sie aber darauf hätten warten wollen, so würden Sie auf ein Wunderwerk gewartet haben, welches ist, Gott versuchen. Sie waren mir lieb, als Sie hier waren, das machte, die Mittheilung hatte bei Ihnen Eingang, Sie blieben in der Stille, und dadurch wurde wieder ein neuer Grund gelegt, wodurch, wie auch durch die Entrückung Ihrer [57]l. Fr. die Gott als ein Mittel darzu brauchte, Ihnen die Augen sind geöfnet worden. Indessen wunderte es mich selbsten, während Ihrer Anwesenheit, daß ich so wenig mit Ihnen reden konnte, ich überließ aber dieses, wie alles andre, Gott, und konnte Ihnen weiter nichts sagen, als daß Sie sich, der Zerstreuungen ohngeachtet, stets in der Gegenwart Gottes zu erhalten, trachten sollten. Hierauf muß ich Sie auch jetzo verweisen, und daß Sie, so oft Sie können, etwas in M. G. oder andern mystischen Schriften lesen. Sie haben jetzo mehr nöthig, sich sehr oft des Tages über, in die Gegenwart Gottes zu stellen, und mit einem Seufzer ihm Ihr Herz und alles zu widmen und aufzuopfern, dieses ist Ihnen von einer absoluten Nothwendigkeit, und da Sie anfangen, schwächer zu werden, und ein erster Winter in Ihrem Innern zu kommen scheinet, so würden Sie in gänzlichen Verfall kommen, und wieder zur Welt kehren, wann Sie diese Uebung, sich stets bei Gott zu halten, vernachlässigten. Merken Sie sich dieses wohl mein liebes K. und seyn Sie getreu der Gnade, die Sie von Gott empfangen haben; gedenken Sie an die Israeliten in der Wüsten: keinem Volke ist jemals so große Gnade durch mancherlei Zeichen und Wunder wiederfahren, als diesen Israeliten, aber auch keine sind jemals so hart gestrafet worden als diese, weil sie gegen die übergroße Barmherzigkeit und Heimsuchung Gottes ungetreu wurden, daher auch [58]von 600,000 Mann nur 2 ins Land der Verheißung kamen, die übrigen aber alle in der Wüste umkamen. Dieses zu einem erstaunlichen Exempel, wie hart Gott die Undankbarkeit und Mißbrauch der erwiesenen Gnaden strafet. Ich bitte Gott um seiner unendlichen Erbarmung und um Jesu Christi Leiden und Verdienst willen, daß er Sie für einen so schrecklichen Unglück bewahren wolle. Jesus seegne Sie, mein liebes K. Jesus stärke und vermehre Ihren Glauben, und gebe Ihnen Treue und Beständigkeit, fest bei der Gnade Gottes zu halten, und dieselbe durch Untreue nicht zu verscherzen. Jesus schütze und erhalte Sie bei allen Gefahren, er seegne Sie und gebe Ihnen seinen Frieden, Amen! Ich und meine Hausgenossen grüßen Sie herzlich und innigst, und wünschen mit Ihnen im Herzen Jesu stets vereiniget zu bleiben. Ach mein liebes Kind, seyn Sie getreu gegen die unendlich große Gnade, die Gott Ihnen unter vielen tausenden erwiesen hat. Welche Strafe in der Ewigkeit würden Sie nicht verdienen und leiden müssen, wenn Sie treuloß sollten erfunden werden, wofür der erbarmende Jesus Sie bewahren wolle.

Für die ertheilte Nachricht in diesem und in Ihrem vorigen Brief, danke ich Ihnen. Gott wird ja endlich eine Errettung schaffen. Vielen Nachrichten zufolge, möchte sich Spanien für die Allianz mit England und Preußen erklären, welches den Sachen ein anderes Ansehen geben wird.

[59]

Ich grüße Sie nochmals in dem Herzen Jesu innigst. Adieu!


den 14. Julii 1759.

Ihre drei Briefe vom 4ten, 9ten und 12ten dieses, habe ich alle wohl erhalten, und danke Ihnen gar sehr für die vielen Nachrichten von frommen Personen, die Sie auf dem Wege angetroffen haben. Es hat mich diese Nachricht sehr erfreuet, indem daraus erhellet, daß obgleich im Allgemeinen keine Bekehrung der Welt durch diese Strafgerichte Gottes erfolget, jedennoch sich hin und wieder Seelen finden, die sich Gott ergeben, damit Jesus Christus sein Reich in ihnen aufrichten könne. Vom Dorf Gaufeld oder Coofeld waren verschiedene von dortigen Erweckten hier, zwei Bäuerinnen von solchen waren bei mir, und ihr Bericht stimmet mit dem überein, was Sie mir davon gemeldet haben, diese Bäuerinnen heißen Margret Ilsebein und Catharine Hartzieger, Ihnen zur Nachricht, wenn Sie durch diese Gegend wieder marschieren sollten, ich gab ihnen einige Bücher; auch das kurze Mittel und Prophezey der M. G. einer andern Weibsperson, die sich auch Ilsebein nannte, und aus dem Ottokrug ist. Die Freunde auf dem Salzwerk, die von Hehlen und Hr. Weyl, lassen Sie hinwieder herzlich grüßen, und erfreuen sich nebst [60]meinen Hausgenossen und mir, daß Sie sich wohl befinden.

Wann Hameln sollte belagert werden, werden Sie sehr wohl thun, ihre Frau und Kinder vorher von dannen weg, und an einen andern Ort zu schicken. Was mich betrift und nach meiner kleinen Einsicht, kann ich mir nicht vorstellen, daß die Franzosen Hameln sollten belagern wollen, so lang die alliirte Armee noch ganz und im jetzigen Stande ist, wann sie aber von den Franzosen geschlagen zu werden das Unglück hätten, alsdann kann es eher geschehen, daß die Franzosen eine Belagerung unternehmen. Ist der Ruf wahr, daß die Russen sich zurück ziehen, so werden die klugen französischen Generals um so weniger gedenken Hameln zu belagern, als es leicht, ja gewiß geschehen würde, daß der König in Preußen ein Heer nach Niedersachsen detachiren würde, wodurch den Franzosen Zufuhr und Retraite abgeschnitten werden würde, wann sie sich in die Weser Berge engagirten. Man debitiret hier noch andere Neuigkeiten, da solche aber von Hameln kommen sollen, so werden Sie alles besser und gewisser wissen. Ich wünsche wohl, daß Sie uns wieder besuchen möchten; allein in jetziger Crisis ist es Ihnen nicht rathsam, und ändern sich die Sachen, so ist zu befürchten, daß ein neuer Marsch Sie verhindern würde, hieher zu kommen. Man muß also die Vorsehung Gottes machen lassen, und von derselben erwarten, wann und wie Sie uns [61]sicher werden besuchen können, welches uns allezeit sehr lieb seyn wird. Ich hoffe, daß der Hr. General von Pr. da er einen Paß hat, daß er hier den Brunnen getrunken, ohne Anstoß seinen Weg wird fortgesetzet haben, es ist mir lieb, daß Sie mit ihm und seinem Herrn Sohn gesprochen haben. Er, der Herr General, ist ein eben so tapferer wohlmeritirter Officier, als sein Herz rechtschaffen an Gott ist. Hr. Weyl ist gegenwärtig noch hier, und wird wohl bis gegen das Ende der künftigen Woche hier verbleiben. Er hat mir ein Portrait von M. G. von Hrn. Schepp verfertiget, mitgebracht, das sehr schön ausgearbeitet ist. Es hat mich innigst erfreuet, daß Sie nach dem Innern Ihren Weg zu Gott fortsetzen. Seyn Sie getreu bei der unschätzbar großen Gabe und Gnade, die Sie von Gottes Erbarmen empfangen haben, daß er Sie ins Innere Gebet eingeführet hat. Trachten Sie den salbungsvollen Frieden der wahrnehmlichen Gegenwart Gottes in Ihrer Seele zu bewahren; dieses ist das Manna und Brod des Lebens, das Ihre Seele stärken, bewahren, und von einer Gnade zur andern führen wird. Sie werden aber diese innere Ruhe und Frieden erhalten und bewahren, wann Sie der innern Stimme Gottes folgen werden, das Böse zu vermeiden und das Gute zu vollbringen. Jesus seegne Sie, er stärke, schütze und erhalte Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden. Sie sind mir und meinen Hausgenossen innigst lieb, und [62]ich hoffe im Geist Jesu mit Ihnen vereiniget zu bleiben. Ich und meine Hausgenossen grüßen Sie herzlich. Auch wird Ihre liebe Frau herzlich gegrüßet. Es scheinet, daß es sich mit meiner Gesundheit bessert. Allein hierauf ist nicht zu bauen, Gott, schreibet M. G. ändert die Disposition auch des Leibes und der Gesundheit vielmals, und setzet die Seele in allerlei Stellung, damit sie in ihrem unumschränkten Abhangen von dem Willen Gottes bei allerlei Proben fest bleibe. Gott wird ferner thun, was sein heiliger Wille ist. Amen! Wie Hr. Pastor Dannemann innerlich stehet, so stehen die meisten Pastores, die würklich Gott fürchten, aber bei ihren Lehrbegriffen stehen bleiben. Sie verstehen nicht, was mystische Schriften sind, indem sie keine Erfahrung davon haben. Es ist auch nicht gut, sich mit solchen, wann sie nicht was tiefes erkennen noch haben, allzu bekannt zu machen, weil man leicht mit einem Heuchler könnte bekannt werden, der sich gut zu seyn stellen könnte, und alsdann könnte ein solcher Ihnen leichtlich Verfolgung und allerlei Leiden erwecken. Jedoch hoffe ich, daß Gott Sie erhalten und hierinnen bewahren werde. In Bergholzhausen bei Ravensberg soll ein sehr frommer Pastor seyn, Namens Hr. Pauli, ein Landmann daselbst, Namens Herrmann Christoph Rihberg, sagte mir vieles von demselben. Ein frommer Sattler soll in Herford wohnen. Zu Güterslose, in der Grafschaft Reda, ist auch ein [63]frommer Oberpfarrer, Namens Hr. Edler, und daselbst ist auch eine Weibsperson, Gerdrut Frederich, denen ich der M. Guion Bücher gegeben habe. Wann Sie wieder nach Bielefeld kommen sollten, werden Sie daselbst und in der dortigen Gegend viele Freunde sehen, die sich über Ihre Ankunft sehr erfreuen werden.

Ich grüße Sie nochmals herzlich, Sie sind mir innigst lieb, laßt uns in dem Liebesherzen Jesu uns sehen. Jesus seegne Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden, Amen. Schreiben Sie mir oft, so lange Sie noch in Hameln sind. Adieu!


den 31. August 1759.

Ihr Brief war mir sehr erfreulich, und hatte Hr. Weil mir schon gemeldet, daß Sie ihn mit einem Besuch erfreuet hätten. Da Gott Sie bisher so gnädig und wunderbar, bei Ihrem schwachen Körper erhalten hat, so wird Gott dieses noch ferner thun, und Sie schützen und bewahren, wenn Sie nur in seiner Gegenwart stets zu wandeln trachten werden. Gott sagte zu der heiligen Gertrud: Sorge du für mich, so will ich für dich sorgen. Dieses appliciren Sie auf sich, und glauben gewiß, daß die Treue dessen, der der Treue und Wahrhaftige ist, seine arme Creatur, die ihr gänzliches Vertrauen auf ihn setzet, nimmermehr verlas-[64]sen noch versäumen wird. Jesus seegne Sie, er stärke Ihren Glauben und Vertrauen in ihm, er schütze und erhalte Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden, Amen! So herrlich und geseegnet von Gott der Sieg bei Minden gewesen, so hat uns doch die Nachricht von dem Verlust der Preußen bei Kunersdorf den 12. dieses in Besorgniß gesetzet. Wir müssen aber allezeit sagen: Herr du bist gerecht, und deine Gerichte sind auch recht! Nachdem die ......länder genug werden gelitten haben, und darinnen durch die Trübsale viele Seelen werden zubereitet worden seyn, daß die Gnade Gottes in ihnen wirken kann; nachdem auch der König in Pr. sich vor Gott genugsam wird gedemüthiget haben, wird sich das Unglück wenden, und alles unendlich besser und glücklicher gehen, als man es hätte hoffen können. Wir müssen Gott vertrauen. Gott wird, wie M. G. sagt, seinen Knechten den Propheten, den ihnen verheißenen Lohn auch darinnen geben, daß er aller Welt zeigen wird, wie das, was er Sie, durch seinen Geist getrieben, hat reden und schreiben gemacht, wahr sey, und aufs genaueste erfüllet werden muß. Durch Antrieb des Geistes Gottes schrieb M. G. von diesem allerblutigsten Kriege, den wir jetzo haben, welches und unzählig anderes aufs genaueste ist erfüllet worden. Was sie vom König dem Ueberwinder geschrieben, davon ist zwar die Deutung noch einigem Zweifel unterworfen, allein so viele andere Kennzeichen schei-[65]nen zu vergewissern, daß dieser König der Ueberwinder, der König in Preußen sey, aber dieser, schreibet sie, soll siegen, nachdem Satanas sich aus allen Kräften wird gewehret haben, und alsdann soll er siegen, und alles dem Reiche Jesu Christi unterwerfen, allein der Streit werde erschrecklich seyn. Wenn der Streit erschrecklich seyn soll, ja wenn alles scheinen soll, als ob alles geschehen, und alles bis zur Verzweiflung gestiegen sey; so folget ja, daß die Feinde des Königs, des Ueberwinders, auch manchen großen Vortheil werden gehabt haben müssen, ehe sie besieget, und alles dem Reiche Jesu Christi unterworfen worden. Mir kamen bei der vorgemeldeten Schlacht vom 12. dieses, die Worte des Davids (1 Sam. 17.) ins Gemüthe: Es entfalle keinem das Herz. Wir wollen Gott vertrauen, Gott wird helfen, Amen! Ich hoffe und erwarte einen Streich von der Hand unsers allerheiligsten Gotteskindes Jesu, zu unserer Errettung.

Man debitiret hier, daß Münster in der Alliirten Händen sey. Ist dieses, so werden Sie vielleicht weiter marschieren müssen.

Wann Sie nun wieder gute, dem Innern ergebene Seelen antreffen, so grüßen Sie dieselben von mir, und geben mir mit Gelegenheit Nachricht von ihnen.

Ich und meine Hausgenossen grüßen Sie herzlich, und hoffen auch, wenn Sie in die Nähe kommen, (woran ich vor Ende dieser Campagne zweifle, [66]aber vielleicht bei den Winterquartieren) daß Sie uns besuchen werden. Die Freunde auf dem Salzwerke grüßen Sie ebenfalls. Jesus seegne Sie und gebe Ihnen seinen Frieden. Ich hoffe, Sie werden getreu seyn in der Gnade, dieGott Ihnen schenket. Adieu!


den 28. May 1759.

Was Sie von Ihrem Innern melden, hat mich sehr erfreuet, ich hoffe ebenfalls, daß Ihr Besuch bei uns im Seegen gewesen, und Ihnen nützlich seyn werde. Seyn Sie ja getreu, in der Ordnung Gottes zu bleiben, und alle Excesse im Trinken zu meiden. Ein Fehler bleibt selten allein, es folgen mehrere aus einem, die unser Inners gar verstellen. Suchen Sie auch in der Trockenheit und Blöße, und in allen innern Schmerzen sich stets in der Gegenwart Gottes zu halten, und wann Sie sich zerstreuet befinden, so lesen Sie etwas in M. G. und dergleichen Schriften. Beim Feuer erwärmet man sich, bleibt man zu lange vom Feuer entfernet, so wird man immer kälter, und endlich erstarren alle Glieder. Wie dieses in der Natur ist, so ist es auch in der Gnade: daher muß man keinen Augenblick versäumen, wieder zu Gott zu kehren, wenn man merket, daß man sich von Gott entfernet hat. In der Trockenheit, Blöße und innern Druck hält [67]es schwer, sich zu Gott zu halten: allein man muß hier Gewalt brauchen, die Natur überwinden, und sich dennoch in der Gegenwart Gottes halten. Taulerus sagt: Es sind noch wohl Menschen, die Gott ums Lohn dienen, wann er uns Trost und Süßigkeit innerlich giebt, aber Gott ohne Sold, in der Blöße, Trockenheit und innern Leiden dienen, das wollen wenige. Und ein anderer Heiliger sagte: Wann wir bei Gott aushalten in der Trockenheit, Blöße, Creuz und Leiden; damit beweisen wir Gott unsere Liebe und Treue: wann aber Gott uns Trost und Süßigkeit mittheilet, so ist es Gott, der uns seine Treue und Liebe erweiset, welches geschiehet um unserer Schwachheit willen. In dem Stande von Innen, worin Sie sich befinden, erfähret man zweierlei, innern Druck und Peinlichkeit. Das eine wird verursachet durch unsre Untreue, welches wir bald merken können, und den Fehler sogleich verbessern müssen. Das andre Leiden ist der Hunger der Seele nach dem lebendigen Gott. Wir hungern, verlangen und sehnen uns nach Gott, weil wir aber noch unsere Satisfaktion, Trost, Geschmack, Süßigkeit dabei suchen und darnach hungern, und dieses letztere wohl der hauptsächlichste Gegenstand unsers Verlangens ist, und wir um die Reinigkeit der Liebe zu Gott, und um Gottes eigenes Interesse und Ehre weniger bekümmert sind; so ist dieser Hunger und Verlangen der Seele noch viel zu unrein, als daß Gott diesen Hunger mit sich [68]selbst sättigen könnte, daher stößet er die Seele, die er mit diesem von ihm gegebenen Hunger zugleich zu sich ziehet, zurück, damit sie allmählich lerne, alles eigne Gesuch fahren zu lassen, und Gott in Reinigkeit zu lieben um sein selbst willen, und nicht aus Interesse noch Absicht auf uns. Dieser Hunger macht ein Hauptstück unserer Reinigung in dieser Welt, und ist das Reinigungsfeuer und Fegfeuer in jener Welt, für solche Seelen, die in der Unvollkommenheit abgeschieden sind, und da hier in dieser Welt die Gnadenzeit ist, sie aber solche versäumet haben, oder untreu gewesen, denen reinigenden Bewürkungen der Gnade stille zu halten, so verursachet dieser ihr Hunger und Verlangen nach etwas, das sie nicht haben können, ihnen eine solche Pein, die alles unendlich übertrift, was man davon sagen kann. Die verdammten Seelen und bösen Geister haben auch diesen Hunger, ja einen rasenden Wolfshunger, aber nicht nach Gott, sondern bloß nach einer Glückseligkeit, die sie verscherzet haben, und bis nach Endigungen der Saecula Saeculorum nicht mehr haben können, und in der Ersättigung mit Gott in der Zeit ihrer Verdammniß auch nicht haben wollen, denn sie hassen, verabscheuen und lästern Gott, und sind in einer immerwährenden Rebellion wider Gott, und fliehen vor ihm. Da aber ihre Seele die Eigenschaft, die ihr anerschaffen ist, und nimmermehr von ihr geschieden werden kann, hat, daß sie [69]gern glückselig und vergnügt seyn wollen, sie aber dieser Glückseligkeit sich auf immer und ewig beraubt zu seyn glauben, dennoch aber einen wüthenden Wolfshunger darnach haben, so verursachet dieses ihnen eine so unaussprechlich große Höllenqual, dafür auch die Teufel selbst erzitterten, da sie zu Jesu Christo sprachen: Du bist kommen uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist. Und dieser wüthende Wolfshunger ist der nagende Wurm, der nicht stirbt, wie Jesus Christus sagt. Hierzu kommen noch andre unaussprechliche Quaalen, und die Gesellschaft unzähliger anderer verdammten Geister, welche die verdammten Seelen und verdammten Geister werden leiden müssen. Gleichwie aber diese nach einer satisfaksanten Glückseligkeit hungernde und begehrende Eigenschaften von der Seele von den verdammten Seelen immer und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten nicht kann getrennet werden, und eben dieses der allerpeinlichste Theil ihrer Höllenqual ist; so wird auch eben diese Eigenschaft Ursach zu ihrer endlichen Wiederbringung und Wiederaufrichtung in die göttliche Gnade seyn: denn wenn dieser nagende Wurm, der nicht stirbt, ferner die quälende Gesellschaft der andern verdammten Geister, und andre unaussprechlich große Quaalen, durch so viele Saecula Saeculorum hindurch gewähret, sie so abgemattet, ermüdet und in die Enge getrieben hat, daß sie es gar nicht mehr ertragen noch ausstehen können, Gott aber aus [70]Gnaden, und um des unermeßlich großen und ewigen Verdienstes Jesu Christi willen, ihnen einen Blick der Hofnung giebt, daß sie, wenn sie sich unter Gott demüthigen und beugen wollen, ihnen wohl Gnade wiederfahren, und sie ihre verlohrne Glückseligkeit wieder erlangen können; so ist kein Zweifel, daß sie diesen Blick der Hofnung ergreifen, und wie der verlohrne Sohn sich in wahrer Reue zu Gott wieder wenden werden: und dieses wird alsdann der Anfang seyn, daß von diesem Augenblick an, ihre Höllenpein sich in ein Reinigungsfeuer, wie bei den Seelen im Fegfeuer, verwandeln wird. Und ob sie gleich eben wie zuvor in der Hölle bei den verdammten Geistern, so lange ihre Reinigung währen und dauern wird, bleiben und aushalten müssen, gleichwie die bekehrten Sünder in der Welt unter den Bösen, von denen sie unzählige Uebel erdulden müssen, bleiben und aushalten müssen; so ist doch von diesem Augenblick an, da sie den Willen sich unter Gott zu demüthigen, gefaßt haben, ihr innerer Zustand verändert, und ihre Reinigung angefangen, welche wird vollendet und vollführet werden. Wann Jesus Christus (1 Cor. 15, 22 bis 28.) den letzten Feind, den Tod, wird aufgehoben haben, nämlich, wann der feurige Schwefelpfuhl, (Apoc. 20, 14.) welches ist der andre Tod, ganz und gar nicht mehr seyn, und von Jesu Christo aufgehoben, das ist, ganz und gar zernichtet seyn wird; alsdann, und wann alle und [71]jede gefallne Creatur, keine einzige ausgenommen, Jesu Christo wieder freiwillig und aus Liebe wird unterthan gemacht worden seyn, alsdann wird er das Reich Gott und dem Vater überantworten, damit Gott alles in allem sey. Alsdann haben aufgehöret alle Zeiten und Weltalter, und die ewige niemals sich endigende Glückseligkeit aller und jeder Creaturen, keine ausgenommen, nimmt ihren Anfang.

Sie werden aus diesem Allem, was ich Ihnen von dem Hunger der Seelen geschrieben habe, so viel auf Ihren Zustand appliciren können, daß es gar nicht darauf ankommt, ob Sie innerlich etwas deutliches von der Gnade Gottes wahrnehmen oder nicht, indem, wann Sie es deutlich wahrnehmen thäten, so müste es erstlich durch einige satisfaksante Sättigung des Hungers, und die Ihnen Zugleich ein Licht giebt, geschehen, und dieses würde Sie aus dem Reinigungsstande heraussetzen, und ihre Reinigung um eben so lange aufhalten und verspäten, als der wahrnehmliche Eindruck hiervon in ihrer Seele haften würde. Zweitens würden Sie sich dessen anmaßen und darinnen sich wohlgefallen, welches ein unaussprechlich großes Uebel für Sie seyn würde. Sie müssen also auf keine wahrnehmliche Tröstungen warten noch solche verlangen, sondern diesen peinlichen Reinigungshunger in der Ueber-[72]gabe und Unterwerfung unter Gottes Willen erdulden wollen, so lange Gott solchen auf Ihnen lassen will. Sind Sie in dieser Uebergabe, so werden Sie allezeit dabei einen Non trouble (wie M. Guion solches nennet) haben, das ist, eine Nichtunruhe, eine Nichtverwirrung, und hierdurch werden Sie in allen Zeiten, da dieser peinliche Hunger sich empfindlich spüren läßt, aushalten können. Es kommen jedoch, und um der Seelen Schwachheit willen, Zwischenzeiten, da dieser quälende Hunger nachläßt, und man wieder Ruhe und Erquickung empfindet. Diese Abwechselungen müssen Sie so erdulden, und sich so viel möglich enthalten, etwas zu wünschen noch zu begehren, nämlich nicht mit dem obern an Gott überlassenen Willen, welches Sie sehr fördern wird, immer weiter fort zu schreiten. Kommt der quälende Hunger, so dulden und tragen Sie ferner denselben so gut Sie können; kommen Tröstungen, so gedenken Sie an die Worte des Engels zum Elia, da er ihm Brod und Wasser brachte, oder an die Worte der heiligen Schrift: er, der Elias, gieng durch die Kraft dieser Speise bis an den Berg Horeb, vierzig Tage und vierzig Nächte. Diese vierzige Zahl beziehet sich auf unsre Reinigung, (auf die vierzig Stunden Jesu Christi im Grabe, auf seine vierzigtägige Versuchung vom Satan, auf die vierzig Jahre der Israeliten in der Wüsten etc.) und diese Erquickungen der [73]Speise sind uns auch nöthig, um der Schwachheit unserer Seele willen. Daher wir es in Demuth annehmen müssen, aber auch diese Speise der Tröstungen nicht länger behalten wollen, als Gott sie uns läßt, um unsern Weg in der Reinigung fortzusetzen.

Noch weniger aber müssen Sie verlangen, etwas deutliches in sich wahrzunehmen oder zu empfinden, oder eine große Veränderung zu erfahren; das erste ist ganz und gar wider Ihren Stand, dann Sie sollen keinen Lichtsweg gehen, sondern im dunkeln Glauben, in der dunkeln Glaubenswüste wandeln. Das letzte aber, eine große Veränderung zu erfahren, das ist, das würklich verborgene Leben mit Christo in Gott, darzu ist bei Ihnen die Zeit noch lange nicht. Sie werden aber nach und nach, und wann Sie in allem, wie ich oben gemeldet, getreu seyn werden, dahin geführet werden, daß Sie, obschon unter unzähligem Elend, das Zeugniß der Kindschaft Gottes in sich fühlen und empfinden werden.

Dieses sey für diesmal genug, zur Beantwortung dessen, was Sie von mir zu wissen verlangt haben. Die eigne Erfahrung und M. G. Schriften, werden Ihnen künftig, und nach und nach, mehreres aufschließen.

[74]

Ich und meine Hausgenossen grüßen Sie herzlich und innigst. Der Engel des Herrn geleite, schütze und bewahre Sie in Ihrem Beruf und Amte. Jesus seegne Sie, er schütze und erhalte Sie, er erhalte Sie gesund, und gebe Ihnen seinen Frieden. Ich hoffe, wir werden in dem Willen Gottes zusammen vereiniget bleiben, Amen.

Fußnoten:

1: *) Ich besitze die Originale von diesen merkwürdigen Briefen eines sehr merkwürdigen Mannes, und theile sie hier mit, weil sie mit dem Leben und dem Charakter dieses Mannes, von dem ich noch öfter reden werde, zusammen genommen, für den Psychologen in mehr als einer Rücksicht interessant sind.

[75]

5.

Ueber Mystik.

Moritz, Karl Philipp

Wenn irgend etwas verdient, psychologisch betrachtet zu werden, so sind es die Lehren der Mystik, welche auf die Gemüther der Menschen einen so erstaunlichen Einfluß von jeher gehabt haben, und noch haben.

Dieses Einflusses wegen sind sie schon der Betrachtung werth — da insbesondere die höhere Mystik gar keine Reize für die Einbildungskraft hat, sondern vielmehr alle Bilder selbst erst aus der Seele vertilgt wissen will, ehe das eigentliche Licht darin erscheinen kann, welches denn auch wieder mehr eine verzehrende als wohlthätige Flamme ist.

Dergleichen Dinge mit Machtsprüchen an die Seite zu werfen, führt uns nicht weiter; denn sie kommen dadurch nicht an die Seite, sondern bleiben immer auf ihrer Stelle liegen, und hemmen den Weg.

So viel leuchtet freilich ein, daß die Mystik schon deswegen keinen festen Grund haben könne, weil sie die übrigen reellen menschlichen Kenntnisse und Wissenschaften nicht voraus setzt, sondern gleich das Resultat vorwegnimmt.

[76]

Es ist gleichsam eine Metaphisik ohne Physik — ein Etwas, das über einem Abgrunde schwebt und gaukelt, aber doch immer ein Etwas bleibt, woran zu zarte Gemüther sich gern festhalten mögen, weil sie durch das gröbere Irrdische sich durchzuarbeiten scheuen; weil sie von der Menschenmasse gedrückt werden, und nun auf einmal ganz isolirt, in einer schönen Einsamkeit sich wiederfinden. —

(Die Fortsetzung folgt.)

Moritz.

[77]

6.

Einige Beispiele von Geistes- oder Gedächtnißabwesenheit.

Goens, Rijklof Michael van

Ein Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde vom Herrn van Goens.
1.

In meiner Jugend übertrug man einem ziemlich einfältigen Menschen einen Dienst, bei welchem alle Verrichtungen darin bestanden, seinen Namen zu unterzeichnen.

Um uns eine Idee davon zu machen, wie viel Arbeit er habe, erzählte er, daß er seinen Namen in einem Morgen so oft geschrieben, daß er ihn am Ende vergessen hätte.

Man lachte ihm ins Gesicht, und jemehr er die Sache im Ernst behauptete, destomehr wurde er belacht.

Ich glaube, daß man Unrecht hatte, und daß die Sache, obgleich außerordentlich, doch nicht unmöglich und sonderbarer war, als es diesem Manne selbst vorgekommen.

[78]
2.

Hr. v. Br***, ehemals Abgesandter zu Madrid, nachher zu Petersburg, ein sehr ernsthafter, jedoch gar nicht hypochondrischer Mann, geht des Morgens aus, um einige Besuche zu machen.

Sein Besuch traf unter andern ein Haus, wo er Ursach hatte zu glauben, daß die Domestiken ihn nicht kennen würden.

Also mußte er seinen Namen sagen, aber diesen Namen, seinen eigenen Namen, hatte er vergessen.

Er glaubte närrisch geworden zu seyn, unterdessen bemerkte er doch keine andere Verwirrung; allein seinen Namen konnte er auf keine Weise wieder finden.

Er wendet sich zu einem hinter ihm herkommenden Freund: Sagen Sie mir um Gotteswillen, wie nenne ich mich?

Man belacht ihn, er aber besteht darauf, und versichert sehr ernsthaft, daß er wirklich seinen Namen vergessen habe. Man sagt ihm den Namen, und er macht seinen Besuch.

Ich habe diese Anekdote von dem Freunde selbst, welcher ihn aus dem Handel gezogen.

3.

Die Frau des Hrn. Hennert, sehr berühmten Professors der Mathematik zu Utrecht, welche selbst [79]Mathematiker und Astronom wie ihr Mann war, bekam auf einmal, nach einer Krankheit, ein Vergessen oder vielmehr ein Unvermögen, eine Verwirrung der Sprache, welche der biblischen Beschreibung von der Verwirrung zu Babel, vollkommen gleich war.

Nemlich, wenn sie einen Stuhl begehrte, forderte sie einen Tisch, wenn sie ein Buch haben wollte, forderte sie einen Spiegel. Und wenn man ihr das Wort, welches sie gesucht, und an dessen Statt sie ein anderes gesetzt hatte, vorsagte, konnte sie niemals dazu kommen, es zu wiederholen.

Bisweilen merkte sie selbst, daß sie die Sache unrecht nannte, ein ander mal ärgerte sie sich, wenn man, da sie ihren Fächer forderte, ihr denselben brachte, anstatt der Haube, welche sie glaubte genannt zu haben.

Dieses außerordentliche Derangement hat verschiedene Monathe bei ihr angehalten.

Ueberhaupt war ihre Sprache verwirrt und ein wenig schwer, aber ihre Vergessenheit erstreckte sich nur auf einige Worte der Sprache. Sie hatte übrigens ein so getreues Gedächtniß, daß sie fortfuhr, ihren Haushalt zu besorgen; sie zeigte sogar ihrem Manne den Stand des Himmels auf einer Karte so richtig als bei vollkommener Gesundheit.

Nach und nach ist die Frau H. wieder genesen, und hat noch verschiedene Jahre, bei dem vollkommenen Gebrauch ihrer Seelenkräfte, gelebt.

[80]

Ich habe die Frau selbst in diesem Zustande nicht gesehen. Hr. H. aber hat die Geschichte dieser sonderbaren Krankheit herausgeben wollen. Ich weiß nicht, ob sie es etwa nicht gewollt hat. Aber ich vermuthe, daß er noch wohl Bemerkungen wird auf bewahrt haben, welche der Mühe werth wären, sie für das Magazin von ihm zu erbitten.

[81]

7.

Grundlinien zu einer Gedankenperspektive.

Moritz, Karl Philipp

Wir sehen gerade durch, und die Gegenstände reihen und ordnen sich von selber.

Wir sehen das Entferntere nicht unmittelbar, sondern durch das Nähere.

Das Entferntere scheint uns nur klein, in Vergleichung mit dem Nähern — oder, in so fern wir es uns, wie auf der Fläche eines Gemäldes, eben so nahe wie das Nähere denken; oder es mit dem Nähern gleichsam in eine Reihe stellen.

Daher kommt es, daß die Ferne zusammendrängt.

Die Gegenstände nähern sich in der Entfernung immer mehr der bloßen Idee von den Gegenständen; das Gesicht nähert sich immer mehr der Einbildungskraft, je weiter der Gesichtskreis wird.

Daher sind wir im Stande, uns die Gegend wie ein Gemälde, und das Gemälde wie die Gegend zu denken.

Wir wandeln die Allee hinunter; das Zusammengedrängte erweitert sich, wie wir uns nach und nach ihm nähern; die Wirklichkeit tritt wieder in ihre Rechte.

[82]

Wo das Auge durch nichts gehindert wird, da sehen wir Wölbung und Fläche. —

Das Höchste, was uns erscheinen kann, ist die Wölbung — über diese kann uns nichts erscheinen; denn die Wölbung ist über allem. —

(Die Fortsetzung folgt.)

Moritz.

[83]

<8.>

Konfessionen der Madame J. M. B. de la Mothe Guion.
aus ihrem Leben, welches von ihr selbst beschrieben ist.

Guyon, Jeanne Marie de la Mothe

*) 1 Wie mein Leben jederzeit dem Creuze gewidmet gewesen ist, so war ich kaum wieder aus dem Gefängniß loß, und der Geist fieng kaum an sich wieder zu erholen nach so vielen Widerwärtigkeiten, da fand sich der Leib von allerlei Schwachheiten und Unpäßlichkeiten überhäuft, und ich hatte fast immerwährende Krankheiten, wobei ich oft dem Tode sehr nahe kam.

In diesen letzten Zeiten kann ich nur sehr wenig oder nichts von meiner innerlichen Gemüthsbeschaffenheit sprechen, weil mein Stand einfältig und unveränderlich worden ist.

Der Grund dieses Standes ist eine tiefe Vernichtigung, also daß ich nichts in mir finden kann, dem ich einigen Namen geben könnte.

[84]

Das ist alles was ich weiß, daß Gott unendlich heilig, gerecht, gut, selig ist; daß er alles Gute in sich begreift, und ich alles Elend.

Ich sehe nichts geringers als mich, und nichts unwürdigers als mich. Ich erkenne, daß Gott mir solche Gnaden erwiesen hat, wodurch eine ganze Welt könnte selig gemacht werden, und daß ich vielleicht alles mit Undank bezahlt habe. Ich sage vielleicht: denn weder Böses noch Gutes hat einen wesentlichen Bestand in mir (als in mir.) Das Gute ist in Gott: das Nichts allein ist mein Antheil.

Was kann ich sagen von einem solchen Stand, der immer einerlei ist, ohne Absicht und ohne Veränderung? Denn die Trockenheit (da man keine empfindliche Kraft noch Gefühl von nichts hat) wenn sich anders solche bei mir findet, ist mir eben so lieb, als der allervergnügteste Stand von der Welt.

Alles ist verlohren in dem unermeßlichen Wesen, und ich kann weder wollen noch denken. Es ist als wie ein kleines Tröpflein Wasser, das in dem Meer verlohren und versenkt ist: es ist nicht allein mit dem Meer umgeben, sondern ganz darin verschlungen.

In dieser göttlichen Unermeßlichkeit siehet es sich nicht mehr, aber es erkennt die Dinge, die da vorkommen, in Gott, und beurtheilt sie gleichwohl nicht anders,als durch das reine Gefühl und Urtheil des Herzens.

[85]

Alles ist eitel Finsterniß und Dunkelheit seiner Seits; alles ist Licht von Seiten Gottes, der es in keiner Sache unwissend läßt, und dennoch weiß es nicht, was es weiß, noch wie es dasselbige weiß, und ohne daß ihm die geringste Gestalt davon übrig bleibt.

Da ist weder Geschrei noch Schmerz, noch Mühseligkeit, noch Lust, noch Ungewißheit; sondern ein vollkommener Friede, nicht in ihm, sondern in Gott; kein Eigennutz noch Eigengesuch für sich, kein Andenken noch Beschäftigung auf oder mit sich selbst. Siehe, das ist Gott in einer solchen Kreatur, und so weit kann er es mit ihr bringen! Für sich ist sie nichts als Elend, Schwachheit, Armseligkeit, ohne daß sie weder auf ihr Elend noch auf ihre Würde denket.

Wenn man etwas Gutes von mir glaubt, so betrügt man sich, und thut Gott dem Herrn Unrecht. Alles Gute ist in ihm, und um seinet willen. Wenn ich irgend ein Vergnügen haben könnte, o so wäre es darüber, daß Er ist, was Er ist, und daß Er es auch immer seyn wird. Macht er mich selig, so geschieht es aus lauter Gnade und ohne alles Verdienst: denn ich habe weder Verdienst noch Würdigkeit.

Ich muß mich höchlich wundern, daß man einiges Vertrauen in dieses Nichts setzt: ich habe es gesagt: nichts destoweniger antworte ich auf das, [86]was man mich fragt, ohne mich zu bekümmern, ob ich recht oder unrecht antworte.

Rede ich unrecht, so befremdet mich solches nicht: rede ich aber recht, so eigne ich mir beileibe solches nicht zu. Ich gehe ohne Gehen, ohne Absichten, ohne daß ich weiß, wo ich hingehe. Ich will weder gehen noch zurückbleiben.

Der Wille und die Triebe sind verschwunden: Armuth und Blöße ist mein Theil. Ich habe weder Vertrauen noch Mißtrauen, mit einem Wort: Nichts, Nichts, Nichts.

So wenig ich auch auf ein Nachdenken in mir selbst gebracht werde, so glaube ich, ich betrüge alle Menschen, und ich weiß doch nicht, wie ich sie betrüge, noch was ich thue sie zu betrügen. Es giebt Zeiten, da ich gerne wollte, daß Gott möchte erkannt und geliebet werden, sollte es mich auch tausend Leben kosten.

Ich liebe die Kirche: alles was sie beleidiget, das beleidigt auch mich. Ich fürchte mich vor allem, was ihr entgegen ist; aber ich kann dieser Furcht keinen Namen geben. Es ist damit eben als wie mit einem Kinde, das an seiner Mutter Brust liegt, welches sich von einem fürchterlichen Ungeheuer gleich abwendet, und es nicht lang anschaut, es zu erkennen, was es sey. Ich suche nichts; aber es werden mir auf der Stelle und zur Stunde die allerkräftigsten Ausdrückungen und Worte gegeben: wenn ich sie aber selbst suchen oder [87]behalten wollte, würden sie mir entgehen; und wenn ich sie auch nochmals fangen wollte, würde es mir eben so gehen. Wenn ich etwas zu reden habe, und man fällt mir in die Rede, so verliert sich alles: da bin ich denn als ein Kind, dem man einen Apfel genommen hat, ohne daß es solchen inne wird: es sucht ihn, und findet ihn nicht mehr: ich werde einen Augenblick unwillig darüber, daß man mir ihn genommen hat, aber ich vergesse es alsobald.

Gott hält mich in einer ungemeinen Einfältigkeit, Herzensredlichkeit und uneingeschränktem Wesen, dergestalt, daß ich diese Dinge nicht merke als nur bei Gelegenheiten; denn ohne eine Gelegenheit, die solches erreget, sehe ich überall nichts.

Wenn man etwas zu meinem Ruhm sagen sollte, so würde es mich befremden, indem ich nichts in mir finde. Redet man mir aber Uebels nach, so weiß ich nichts anders, als daß ich lauter Elend bin; aber ich sehe doch das nicht an mir, was man mir Uebels nachredet: ich glaube es, ob ich es gleich nicht sehe, und sodann verschwindet alles.

Macht man, daß ich auf mich zurück denke, so erkenne ich nichts Gutes an mir. Ich sehe alles Gute in Gott; ich weiß, daß er der Grund und Ursprung alles Dinges ist, und daß ich ohne ihn nur ein dummes Thier bin.

Er giebt mir ein freies ungezwungenes Wesen, und macht, daß ich mit den Leuten umgehen kann, nicht nach meinem Zustand, sondern nach dem Zu-[88]stand, worinnen sie stehen, also daß er mir auch wohl natürlichen Verstand giebt bei denen, die dergleichen haben, und das mit einem so freien ungezwungenen Wesen, daß sie ganz vergnügt von mir gehen.

Es giebt eine Art frommer Leute, deren Sprache für mich ein lahmes Geschwätz ist: ich fürchte mich nicht vor den Fallstricken, die sie mir legen. Ich verwahre mich in keiner Sache zum Voraus, so gehet alles gut. Man sagt bisweilen zu mir: nehmt euch in Acht, was ihr mit den und denen Leuten redet: aber ich vergesse es alsobald, und kann nicht darauf Achtung geben.

Zuweilen sagt man zu mir: ihr habt das und das gesagt; diese Leute können es übel auslegen; ihr seyd gar zu einfältig: ich glaube es; aber ich kann nicht anders thun, als einfältig seyn.

O fleischliche Klugheit, wie befinde ich dich so sehr der Einfältigkeit Jesu Christi zuwider zu seyn! Ich lasse dich deinen Anhängern. Was mich anlangt, so ist der einfältige und niedrige Jesus meine Klugheit und meine Weisheit.

Und wenn ich sollte eine Königin werden, und es anders machen in meinem Leben und Wandel, ich könnte es nicht. Wenn meine Einfältigkeit mir alle Noth von der Welt verursachen sollte, so könnte ich sie doch nicht fahren lassen.

Nichts ist größer denn Gott; nichts ist kleiner und geringer denn ich. Er ist reich; ich bin sehr [89]arm, und mangelt mir doch nichts. Ich fühle nicht, daß ich das geringste bedarf. Der Tod, das Leben, alles ist mir gleich: die Ewigkeit, die Zeit; alles ist Ewigkeit, alles ist Gott.

Gott ist Liebe, und die Liebe ist Gott, und alles in Gott und um Gottes willen. Man sollte eher das Licht aus der Finsterniß ziehen können, als etwas aus diesem Nichts: es ist ein Chaos, jedoch ohne Verwirrung und Unordnung. Alle Gestalten sind außer dem Nichts, und das Nichts nimmt keine Gestalt an.

Die Gedanken gehen uns vorbei, nichts hält sie auf. Ich kann nichts mit vielem Vorbedacht vorbringen. Was ich gesagt oder geschrieben habe, das ist vorbei, ich kann mich es nicht mehr erinnern: es ist mir eben, als ob es für jemand anders wäre.

Ich kann weder Rechtfertigung noch Hochachtung wollen. Wenn aber Gott das eine oder das andere haben will, so wird er thun, was er will, es liegt mir nichts daran. Er mag sich verherrlichen durch meinen Untergang, oder durch Herstellung meiner Ehre und guten Namens, eines ist wie das andere in gleichem Gewicht.

Meine lieben Kinder, ich will euch nicht betrügen, und will auch nicht, daß ihr von mir nicht sollet betrogen werden: Gott muß es thun und euch erleuchten, und euch entweder eine Abkehr oder Neigung zu diesem Nichts geben, welches nicht von seiner Stelle weichet.

[90]

Es ist eine ledige Leuchte: man kann eine Fackel dabei anzünden. Vielleicht ist es nur ein falscher Glanz oder Schimmer, der in den Abgrund stürzen kann. Ich weiß es nicht, Gott weiß es; es ist meine Sache nicht, ihr müsset ein gesundes Unterscheidungsurtheil darüber fällen.

Man muß nur den falschen Glanz auslöschen, die Fackel wird sich nimmermehr von selbst anstecken, wenn sie Gott nicht ansteckt. Ich bitte Gott, er wolle euch immerdar erleuchten, daß ihr nur seinen Willen thun möget; was mich anlangt, wenn ihr mich unter die Füße treten solltet, so würdet ihr mir nicht unrecht thun, und ich würde nichts dagegen sagen können.

Das ist es, was ich sagen kann von meinem Nichts, daß ich wollte, wenn ich etwas wollen könnte, daß man seiner ewiglich vergessen möchte. Wenn mein Lebenslauf nicht geschrieben wäre, würde er wohl schwerlich geschrieben werden; und nichts destoweniger wollte ich ihn dennoch auf das geringste gegebene Zeichen, auf das neue wieder schreiben, ohne zu wissen warum, oder was ich sagen will.

Heiliger Vater, ich habe dir diejenigen wieder in deine Hände gegeben, die du mir gegeben hast; erhalte sie in deiner Wahrheit, damit die Lügen nicht möge zu ihnen nahen!

Das heißt in der Lügen stehen, wenn man sich das allergeringste zueignet; es heißt in der Lügen stehen, wenn man glaubt, man könne etwas, wenn [91]man etwas von sich oder für sich und um sein selbst willen hoffet, wenn man glaubt, man besitze etwas.

Gieb ihnen zu erkennen, o mein Gott, daß dies die Wahrheit sey, worüber du eiferst! Alle andere Sprache, die da abgehet von diesem Grundsatz, ist Lügen und Falschheit, wer demselben nahe kommt, der kommt der Wahrheit nahe; wer aber nichts anders spricht, als das Alles Gottes und das Nichts der Kreatur, der stehet in der Wahrheit, und die Wahrheit wohnet in ihm: denn weil die widersprechliche Anmaßung und alles eigene von ihm ausgebauet ist, so muß nothwendiger Weise die Wahrheit in ihm wohnen.

Meine lieben Kinder, nehmet diese Unterweisung an von eurer Mutter, so wird sie euch das Leben bringen.

Nehmet sie an durch sie, und nicht als von ihr, oder als ob sie ihr zugehörte; sondern als von Gott, und als die Gott allein zugehöret.

Fußnoten:

1: *) Dies ist das letzte Kapitel aus ihrer Lebensbeschreibung, und schildert einen Zustand der Seele, welcher, in so fern er Täuschung war, auch als Täuschung gewiß näher betrachtet zu werden verdient. <M. >

[92]

Zur Seelenzeichenkunde.

1.

Beiträge zur Zeichnung jugendlicher Charaktere.

Mauchart, Immanuel David

1.

K. A. E. ein Knabe zwischen 10 und 11 Jahren, hat vielversprechende Anlagen, die, wenn sie zur gehörigen Reife kommen, einen für die Welt sehr brauchbaren Mann aus ihm machen können. Man sieht in dem Knaben schon beinahe den ganzen Charakter seines Vaters, und wohl ihm, wenn er einst ein Mann wird, wie der. Nur muß einigen seiner Leidenschaften und Neigungen noch eine etwas andere Richtung gegeben werden, wenn er nicht in Gefahr kommen soll, daß sie ausarten. Für einen zehnjährigen Knaben hat er schon sehr viele Ernsthaftigkeit und Gesetztheit in seinem ganzen Betragen, die ihn oft verleitet, seine jüngere Geschwister, die lebhafter sind als er, zu hofmeistern, und doch kann er oft, wenn er sich in ihre Spiele mischt, eben so kindisch thun als sie, welches dann freilich [93]die Folge hat, daß sein Hofmeistere seine jüngern Geschwister nicht viel bekümmert. — Die Anlage seines Herzens ist gut, nur hat er zu wenig Offenheit, und zu viel verstecktes Wesen, welches öfters verursacht, daß man ihn, wenn man nicht seinen Charakter ausdrücklich studirt, leicht für falsch und heimtückisch halten kann, besonders, da er aus Ehrgeiz seine gemachten Fehler sehr sorgfältig zu verbergen sucht. Doch habe ich ganz sichere Erfahrungen, daß er bei Gelegenheiten, wo ich die Güte seines Herzens, ohne daß er es merken konnte, auf die Probe stellte, unwiderlegliche Beweise davon gegeben hat. — In seinen Handlungen herrscht viele Bedächtlichkeit, und von der bei Kindern von diesem Alter sonst anzutreffenden Hastigkeit, zeigt sich nicht viel bei ihm. Besonders aber wird er beinahe in allen seinen Handlungen von dem Bestreben bestimmt, das Wohlgefallen seines Vaters zu verdienen; denn dessen Befehle sind ihm fast die einzige Richtschnur seiner Handlungen, und er rügt die Uebertretungen derselben an seinen Geschwistern plötzlich; dies läßt hoffen, daß, wenn er diese Anhänglichkeit an das, was ihm sein Vater sagt, behält, er auch den Grundsätzen, die ihm jetzt von ihm eingeflößt werden, getreu bleiben, und dadurch zu einem glücklichen Manne reifen werde. — Kühnheit und Entschlossenheit ist ihm nicht eigen, sondern er besitzt vielmehr einen gewissen Grad von Furchtsamkeit, der ihn öfters, auch seinen Geschwi-[94]stern, besonders seinem jüngern Bruder, lächerlich macht. — Schon aus dem bisher gesagten wird sich schließen lassen, daß er auch keine Flüchtigkeit in seinem Charakter hat. Was er angreift, dabei bleibt er, und läßt sich nicht so leicht durch äußere Gegenstände davon abbringen, selbst bei Arbeiten, die ihm anfänglich unangenehm sind, beharrt er doch, wenn er sieht, daß sie gethan seyn müssen, und er sie einmal angefangen hat. — Die Kenntnisse, die er schon gesammelt hat, sein natürlicher Verstand und sein Ehrgeiz verleiten ihn oft zu einer schon etwas übertriebenen Disputirsucht, die, wenn sie nicht in Zeiten noch gedämpft wird, unleidlich werden kann. Denn wenn er etwas behauptet, und man ihm widerspricht, oder wenn man ihn eines Fehlers beschuldigt, den er entschuldigen zu können glaubt, so streitet er so lange dawider, bis er gewonnen zu haben meint, und wenn man ihm alsdann Recht giebt, so funkeln seine Augen vor Freude. Hingegen wird er sehr dadurch gebeugt, wenn man sich nicht in Streit mit ihm einläßt, und ihn gleich Anfangs Recht giebt, weil er dieses für Verachtung ansieht. Denn alsdann hört er plötzlich auf zu disputiren, und dies scheint auch das beste Mittel zu seyn, seine Disputirsucht zu dämpfen. — Sein Gang und seine Stellung ist charakteristisch. Der erstere ist gewöhnlich langsam, doch nicht auffallend, und im Gegentheil kann er, wann es darauf ankommt, doch besser springen, [95]als sein weit lebhafterer Bruder. Seine Stellung ist verschieden, nachdem er entweder allein oder in Gesellschaft ist, und je nachdem die Personen sind, mit denen er spricht, denn alsdann äußern sich beinahe alle seine Leidenschaften, bald Ehrgeiz, bald Befehlshaberei, bald bittendes Schmeicheln darin. Ist er aber allein, so hat sie gewöhnlich etwas phlegmatisches. — Seine Mienen und Gesichtszüge verrathen schon viel Urtheilskraft, sind aber auch die getreuen Ausleger seiner Leidenschaften, denn er hat sie nicht so in seiner Gewalt, daß er sie sonderlich verstellen könnte. — In seinem äußerlichen Betragen ist er zwar etwas schüchtern und leutescheu, hat aber doch viel Einnehmendes, weil ihn, besonders bei alten Personen, seine Gesetztheit und Ernsthaftigkeit empfiehlt. Besonders hält er viel von Ordnung, wozu er von Jugend auf gewöhnt worden ist, daher er auch ein großes Geschrei darüber erheben kann, wenn ihm jemand sein Spielwerk oder Bücher etc. außer Ordnung gebracht hat. — Sein Körperbau und Nervensystem ist seiner Seele angemessen, etwas empfindlich, dabei aber doch fest und gesund. — Die Fähigkeiten und Anlagen seiner Seele sind vorzüglich. Er hat ein außerordentlich gutes Gedächtniß, das zwar nicht allzuschnell faßt, aber das gefaßte unauslöschlich behält. Wann ich ihm kleine oder große Geschichten erzähle, die für ihn unterhaltend sind, so weiß er sie noch einige Tage nachher seinem Vater nach Sach' und [96]Ordnung so vollständig wieder zu erzählen, daß ihm auch nicht der geringste Umstand entschlüpft. Nicht minder vorzüglich ist sein Verstand und seine Beurtheilungskraft. Ich hatte ihm und seinem Bruder einst beim Religionsunterricht nach dem Schützischen Elementarwerk den Begriff des Individuums erklärt, und machte ihm nachher, indem ich ihn durch ein vieleckigt geschliffenes Glas gegen seinen Bruder hinsehen ließ, die Einwendung: »durch dieses Glas sieht man ja viele C...., also giebt es mehr als diesen einzigen;« allein er antwortete mir schnell: »nein, das sind nur Bilder von ihm.« — Dabei hat er vielen Fleiß und eigene Lust zur Arbeit, die ihm vieles von dem, was er zu thun hat, leicht macht. Er erzählte mir einst, als wir in der lateinischen Lektion ein Pensum wiederholten, das er schon einmal übersetzt hatte, er habe eben dieses Stück erst kürzlich auch bei Nacht übersetzt. Ich fragte ihn, ob es ihm denn im Traum vorgekommen sey? »Nein,« sagte er, »ich habe es wachend gemacht, weil ich noch nicht einschlafen konnte, und das Ding weiß ich auswendig.« Ein Beweis nicht nur von seinem guten Gedächtniß, sondern auch von seiner Lust an ernsthaften Beschäftigungen. Und bei den Uebersetzungen, die er zu verfertigen hat, wendet er so viel Genauigkeit an, daß er, wann seine Uebersetzung fertig ist, sie von Wort zu Wort mit dem Original vergleicht, um etwa gemachte Fehler noch zu verbessern. — An-[97]lagen zu mechanischen Geschicklichkeiten scheint er auch zu haben, denn er giebt sich z.B. oft damit ab, daß er aus Bohnen, die noch in den Hülsen sind, oder andern länglichten Körpern mit vieler Mühe Holzstöße und Fugen erbaut, die ihm eine desto größere Freude machen, je höher er sie, ohne daß sie einfallen, bauen kann, oder er macht manchmal selbst aus kleinen Stückchen Holz und Fäden ganz kleine Zuggeschirre für seine hölzernen Pferde, womit er sie an irgend etwas, das einem Fuhrwerk ähnlich ist, anspannt. Auch hatte er eine große Freude daran, und war sehr dabei beschäftigt, als ich ihm einst eine Jägertasche verfertigen half, wie Robinson sich eine machte. Anlage zur Dichtkunst hingegen konnte ich nicht in ihm entdecken, vielmehr habe ich die sonderbare Bemerkung an ihm gemacht, daß er Erzählungen und Fabeln in Versen bei weitem nicht so gerne hört, als die in Prose. — Unter seinen Leidenschaften ist wohl der Ehrtrieb die stärkste; und eben diese ist es, von der ich oben sagte, daß sie leicht ausarten könnte, wenn sie nicht jetzo schon richtig gelenkt und gehörig eingeschränkt würde. Das Lob seines Vaters zu verdienen, oder auf seiner Meriten Liste optime etc. von mir zu erhalten, dies sind ihm so wichtige Dinge, daß er alles mögliche anwendet, um nicht ihrer beraubt zu werden. Giebt ihm sein Vater eine thätige Probe seines Wohlgefallens, so wird er dadurch so sehr zum Guten angespornt, daß er nun aus allen Kräf-[98]ten arbeitet, dieses Wohlgefallen auch künftig zu verdienen, und eben so funkeln ihm die Augen vor Freude, wenn er auf seiner Meritenliste ein- oder mehreremale optime bekommt. Hingegen, wenn er auch nur: mittelmäßig bekommt, so betrübt ihn dieses so sehr, daß er es gar nicht für möglich hält, daß es dabei bleiben sollte. Ich habe ihn über einem solchen mittelmäßig schon Stunden lang weinen sehen, selbst bei einem bene kann er weinen, besonders, wenn sein jüngerer Bruder optime bekommen hatte, und doch schämt er sich alsdann, wann das Weinen vorbei ist, mit den thränenrothen Augen unter die Leute zu gehen. — Wenn man ihm aufgiebt, seinen jüngern Geschwistern ihre Lektionen aufsagen zu lassen, so schmeichelt ihm dies sehr, und er weiß sich dabei ein solches Ansehen zu geben, als nur immer ein Schulmonarch sich unter seinen Kindern geben kann, wo dann freilich die angenommene Ernsthaftigkeit im Kontrast mit dem Alter des Knaben lächerlich genug auffält. — Was Strafen bei ihm bewürken, sieht man nun aus dem bisherigen schon, allein sie sind deswegen nicht fruchtlos, im Gegentheil wird er dadurch auf die Zukunft nur desto eifriger, sie zu vermeiden, weil sie ihm eine so gar unangenehme Sache sind. — Gegen Schmerz und Vergnügen ist er sehr empfindlich. Wenn er in den kleinen Spielen mit seinen Geschwistern, wo um Bohnen etc. gespielt wird, verliert, so wird er so dadurch niedergeschlagen, daß [99]er alle Freude an diesem Spiel verliert, da hingegen beim Gewinnst seine Freude eben so übermäßig ist. Dies giebt bedeutende Winke für den Erzieher, ihn so viel möglich vor der Neigung zum Spiele zu verwahren, denn sollte er einmal das Unglück haben, ins Spiel zu gerathen, so würde er gewiß auch recht unglücklich dadurch werden. Im übrigen hat seine Empfindlichkeit und Empfindsamkeit den rechten Grad. Zwar wird er nicht durch jede rührende Erzählung bis zum Weinen gerührt, — allein ist dies nöthig?— und doch habe ich auch schon bei der Geschichte Josephs, die ich ihm erzählte, eine Thräne seinem Auge entquellen sehen.

2.

C. F. E. ein Bruder des vorigen, zwischen 8 und 9 Jahren, in gewissen Stücken ihm ganz ähnlich, in andern das völlige Gegentheil von ihm. Aehnlich in seinen Anlagen und Fähigkeiten, völlig verschieden in den Aeußerungen derselben. Er hat ein außerordentlich lebhaftes Temperament, das man schon in jedem seiner Gesichtszüge und in jeder Bewegung erkennt. Sein Gesicht hat so viel offenes und gutmüthiges, daß man ihn schon darum lieb gewinnen müßte, wenn man auch seine Herzensgüte nicht kennete. Dabei hat er es so in seiner Gewalt, und kann sich damit oft ein so drollichtes Ansehen geben, das auch den Ernsthaftesten aus seinem Gleichgewicht bringen kann. Sein Gang ist [100]seinem Temperament angemessen, meistens schnell abwechselnd auf einem Fuß hüpfend, seine Stellung ist ganz unbekümmert, er mag vor sich haben, wen er will, ganz Natur, und dabei der auffallendste Ausdruck seiner Unverstelltheit. Sein äußerliches Betragen entspricht seinen Gesichtszügen, seinem Gang und seiner Stellung völlig. Ganz ungenirt, und ohne sich an die Ceremoniengesetze der feinern Welt zu kehren, sagt er jedem, der ihn nicht durch finstere Minen von sich abschreckt, seine Herzensmeinung offen, wo aber dieses ist, da entfernt er sich gänzlich. Dabei ist es ihm auch nicht darum zu thun, unbeleidigende Ausdrücke zu wählen, sondern er bekümmert sich wenig darum, ob das, was er sagt, jemand beleidigen könnte oder nicht, doch meint er es nie bös dabei. Auf Ordnung hält er nicht so viel als sein Bruder, doch ist sie ihm auch nicht ganz fremd. Sein ganzes Wesen ist unverstellte Munterkeit und Heiterkeit. Wer ihn in den Aeußerungen derselben stören will, dem ist er nicht gut, und er läßt sich auch nicht leicht dabei einschränken. Meistens äußert er sie in solchen possirlichen Handlungen und Geberden, daß er oft einem wahren Harlekin ähnlich wird. — Diese Heiterkeit aber ist mit einer unverstellten Herzensgüte verbunden, die ihm die Liebe aller, die ihn kennen, erwerben muß. Entfernt von aller Tücke oder Bosheit liebt er alle Menschen, aber er sagt es niemand, daß er ihn liebt, und es kommt ihm sogar sauer an, [101]es zu sagen, wenn man es von ihm fodert. Dabei ist er offenherzig, gesteht seine Fehler, oft auch ungefragt, aufrichtig, und erlaubt sich nie eine Lüge, wo er sich schuldig findet. Bekommt er von andern etwas geschenkt, das seine Geschwister nicht haben, so theilt er im ganzen Hause davon aus, ist dabei außerordentlich geschäftig, und die gutmüthige Freude leuchtet dabei aus allen seinen Minen hervor. Wen er lieb gewonnen hat, für den ließe er Leib und Leben, und nichts freut ihn mehr, als Erzählungen von wohlthätigen Handlungen. So sagte er einst bei der Geschichte Herzog Ulrich von Würtemberg, wenn er damals ein deutscher Fürst gewesen wäre, so hätte er dem Herzog Ulrich alle seine Soldaten geschickt, er wollte den Schwäbischen Bund schon aus dem Lande hinausgejagt haben; und bei der Erzählung der Stiftung des Hallischen Waisenhauses wünschte er sich viel Geld, »um auch ein solches Haus für arme Kinder bauen zu lassen, wie der Prof. Franke.« Und er ist auch wirklich, wenn es darauf ankommt, das freigebigste unter allen seinen Geschwistern. Es wurde einst eine Kollekte für arme abgebrannte Kinder bei uns gesammelt, und als nun sein Vater alle fragte, ob sie auch etwas von ihrem Taschengelde geben wollten, so war er nicht nur der erste, der Ja sagte, sondern erbot sich auch, als sein Vater sich von jedem Kind besonders, ohne daß eines mit dem andern etwas verabreden durfte, in der Stille seinen [102]Entschluß sagen ließ, zum größten Beitrag unter allen.

Bei Krankheiten seiner Eltern oder Geschwister bezeigt er so viel Besorgniß, Mitleiden und Bereitwilligkeit, so viel er kann, zu helfen, daß er dadurch ungemein liebenswürdig wird; und eben so verzeiht er auch Beleidigungen sehr schnell wieder, wenn sie ihn auch noch so aufbrachten, und ist seinem Beleidiger in einer Viertelstunde wieder herzlich gut. — Hastigkeit besitzt er dabei sehr viel, aber sie ist blos eine Folge seines lebhaften Temperaments, und selbst auch mit Herzensgüte verbunden. Hat ihm jemand Vergnügen gemacht, oder hat er eines zu erwarten, so pauckt er für Freude auf jedermann herum, wer ihm begegnet, allein man kanns ihm nicht übel nehmen, denn man sieht die Unschuld dabei auf seinem Gesichte. Eben so verleitet ihn sein lebhaftes Temperament öfters zu einem schnellen Zorn, worin er auch Schläge austheilt, allein es ist nicht so bös gemeint, als es scheint, und wenn man ihn nicht dabei noch mehr reizt, oder wenn er sieht, daß er dadurch jemand Schaden gethan hat, so ist er plötzlich wieder gut und bereut es. — Kühnheit und Entschlossenheit hat er sehr viel. Ein Beweis davon ist schon die oben erzählte Aeußerung bei der Geschichte Herzog Ulrichs. Wer ihn angreifen will, gegen den wehrt er sich, so lang er kann, und giebt nicht leicht gewonnen. Ich stellte mich einst, als ob ich über ihn und [103]seinen Bruder Wasser hinunter gießen wollte, worauf er aber auffuhr, und sich wehrte, da hingegen sein älterer Bruder sich unter den Tisch bückte. Ein anderes mal fragte ihn sein Bruder, was er unter den Thieren am liebsten seyn möchte, und schnell antwortete er: ein Elephant. Diese Kühnheit und Entschlossenheit äußert sich auch in seinen Spielen, denn diese haben immer etwas kriegerisches, und nicht selten denkt er sich als einen General, der eine Armee zu Felde führen muß, und dann kommt er zu mir, und erzählt mir, was er für Schlachten geliefert habe, und wie viel auf seiner, und auf des Feindes Seite geblieben, wo dann gewöhnlich er den Sieg davon getragen hat.

Flüchtigkeit ist nun freilich auch ein starker Zug in seinem Charakter, und am liebsten ists ihm, wenn er immer in Lüften seyn kann; besonders über Geschäfte, die ihm nicht angenehm sind, eilt er mit einem flüchtigen Blick hinweg, der ihn schon um manches optime auf seiner Meritenliste gebracht hat; und doch hat er bei alledem eine gewisse Beharrlichkeit, die man vielleicht von einem Charakter, wie der seinige ist, nicht erwarten sollte, denn wenn er z.B. ein Spiel spielt, das ihm gefällt, so währt seine Freude daran so lang, und er spielt es so oft, als nicht leicht ein anderer thun würde.

Die Disputirsucht hat er mit seinem Bruder gemein, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht so hartnäckig ist, wie bei jenem, und seine Disputen [104]meistens auf einen Schwank hinauslaufen. — Sein Ehrtrieb ist ebenfalls nicht gering, doch ist es kein eigentlicher Ehrgeiz, wie bei seinem Bruder. Lob ist ihm zwar sehr angenehm, allein es drückt sich dabei eine solche unschuldige Freude in seinem Gesicht aus, und man kann eigentlich sagen, daß durch Strafen wenig oder gar nichts bei ihm ausgerichtet wird, da man hingegen durch Güte, Nachsicht und Freundlichkeit alles bei ihm ausrichten kann.

Schmerz und Vergnügen, besonders der erstere, affiziren ihn auch nicht so sehr, wie seinen Bruder. Wo dieser bei Verlust im Spiel ganz niedergeschlagen wird, da behält er philosophische Gelassenheit, und schon oft hat er dabei zu mir gesagt: »Was soll ich traurig seyn, es ist ja kein rechtes Geld?« Und eben so wenig ist alsdann seine Freude beim Gewinnst so übermäßig, wie die seines Bruders. Auch körperliche Schmerzen verschmerzt er leicht, und kann manchen Unfall mit lachendem Munde ertragen. Empfindsam ist er dabei, wie sich leicht schließen läßt, auch nicht in hohem Grad, doch rührt ihn die Erzählung einer rechtschaffenen, und besonders einer wohlthätigen Handlung sehr. Bei Erzählungen von dem Unglück anderer Personen wird er ganz ernsthaft und in sich gekehrt, und hört sie auch nicht gern, sind es aber Fabeln, so tröstet er sich damit, daß es nicht wahr sey, wenns allzu traurig ist. Eben so auch bei Kupferstichen oder Gemählden, wo ein Unglück vorgestellt ist, wird er [105]oft anfangs ganz in sich versenkt, endlich aber geht er davon weg, und sagt: »ach, das sind ja nur Bilder, denen thuts nicht weh. Nicht wahr?« — Neben dem sind die Anlagen und Fähigkeiten seiner Seele eben so vorzüglich, als die seines Bruders. Verstand, Fassungskraft, Gedächtniß, Einbildungskraft und Witz sind in gleichem Grade und in der glücklichsten Mischung bei ihm vereinigt. Was man ihm sagt, faßt er schnell und leicht, ist aber nicht zufrieden, bis er die Sache ganz begriffen hat, und wenn ihm daher anfänglich etwas nicht ganz deutlich ist, so ruht er so lange nicht mit Fragen, bis es ihm völlig hell geworden ist; nicht ganz so glücklich ist er im Behalten dessen, was er gefaßt hat. Was er liebt, darüber denkt er nach, und macht dann Einwendungen dagegen, die von vielem Verstande zeugen. So las er einst Abends in meinem Zimmer vor sich in der Bibel. Plötzlich fuhr er auf und sagte: »Ei, man sagt, die Bibel sey wahr, und das ist doch nichts!« Ich fragte: Warum? Dann zeigte er mir die Stellen: Pred. Sal. 1, 4. und Kap. 3, 19. und sagte: »Das ist ja nicht wahr, was hier steht.« Ich erklärte ihm dann die Stellen, und endlich gab er sich zufrieden. Ein anderesmal fragte er mich schnell: »Ist der Wind ewig?« Warum? sagte ich, Er: »weil er unsichtbar ist; es heißt ja in einem Spruch: was unsichtbar ist, das ist ewig.«

M. I. D. Mauchart.

[106]

Zur Seelenheilkunde.

<1.>

Eine Geschichte eines unglücklichen Hangs zum Theater.

Mauchart, Immanuel David

Ein Pendant zu der 3. B. 1. St. S. 117 ff. und 4. B. 1. St. S. 85 ff. erzählten Geschichte.

Der folgende Brief eines meiner Freunde, der seine eigene wahre Geschichte darin beschreibt, dünkt mir ein nicht ganz unwichtiger Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde, und besonders eine ächte Parallele zu derjenigen Geschichte zu seyn, die im ersten Stück des 3. B. dieses Magazins S. 117 ff. erzählt ist. Ich trage daher kein Bedenken, ihn ganz hier mitzutheilen, weil ich glaube, daß die Geschichte, die er enthält, für den Psychologen und Erzieher gleich interessant seyn wird.

P.... den 17. Febr. 86.

Lieber Freund!

Hier folgt das Stück vom H. Prof. Moritz Magazin zur Erfahrungsseelenkunde wieder zurück, das [107]Du mir neulich geliehen hast. Mit recht vielem Dank schicke ich es Dir wieder, denn ich habe nicht nur viele Unterhaltung davon gehabt, sondern auch vieles daraus gelernt. Ich bitte Dich daher, schicke mir auch die nachfolgenden Stücke, wann Du sie gelesen hast.

Warum ich nun aber Dir diesmal einen so langen Brief schreibe, der sich, wie Du finden wirst, lediglich auf dieses Magazin bezieht, das will ich Dir nur lieber gleich zu Anfang sagen. Ich habe darin einen Aufsatz gefunden, der den unglückseligen Hang eines Jünglings zum Theater enthält, und dabei ist mir meine eigene Geschichte, die Dir der Hauptsache nach noch wohl erinnerlich seyn wird, so lebhaft wieder eingefallen, daß ich beschloß, mich gleich hinzusetzen, und sie Dir schriftlich zu überschicken, weil ich dachte, daß Du sie an Hrn. Prof. Moritz in Berlin schicken könntest, ob sie ihm nicht vielleicht für sein Magazin taugt.

Ich habe sie ganz aufgesetzt, weil ich dachte, Du würdest vielleicht an einige kleine Umstände Dich nicht mehr so recht erinnern. Aber darum muß ich Dich noch bitten, daß Du einige Erläuterungen dazu setzest, besonders was die Veranlassung und Ursachen dieser theatralischen Neigung betrift, weil Du sie doch von unserm langen Auffenthalt und Umgang zu S... her, noch wohl wissen wirst, und sie besser als ich, der ich nicht auf Universitäten studirt habe, wirst auseinandersetzen können. —

[108]

Aber ich will Dich nicht länger aufhalten, sondern jetzt anfangen.«

»Du wirst Dich noch erinnern, daß ich einst — es sind freilich jetzt schon viele Jahre — als wir noch mit einander auf dem Gymnasio zu S... studirten, eine solche unüberwindliche Neigung zum Theaterwesen bekam, daß sie mich an allen ernsthaften Arbeiten hinderte. Weißt Du noch, daß in selbigem Sommer die Sch.....sche Komödiantenbande zu S... war? Die, glaube ich, war der Grund meines Unglücks.«

»Ich war einigemal in der Komödie, und diese Schauspiele gefielen mir so wohl, daß ich nachher nichts anderes mehr denken konnte, als das Theater, das ich gesehen hatte, und die Stücke, die ich hatte aufführen sehen, und all das Zeug, das zur Komödie gehört. Ich hatte freilich vorher nicht viel dergleichen gesehen, daher nimmt michs nun nicht Wunder, daß es mir so gar wohl gefiel. Aber, lieber Freund, wenns doch nur so eine vorüberrauschende Betäubung gewesen wäre! allein Du weißt, wie tief es sich in meiner Seele festsetzte, und wie viel ich darüber habe ausstehen müssen.«

»Du weißt nicht, was ich zu Haus oft ganze Tage über gethan habe, damit ich meinen heißen Durst nach diesen Vergnügungen stillen möchte. Nichts denken konnte ich mehr als Komödie, konnte mich auch mit nichts mehr beschäftigen, als damit.« —

[109]

»Doch, ich werde zu weitläuftig, ich will es kürzer machen. Man brachte in das Haus, worin ich logirte, alle Tage einen Komödienzettel, wie begierig war ich, ihn zu sehen, und wenn ich einen eigenen, — wenns öfters auch nur ein alter war — bekommen konnte, wie hob ich ihn als ein Heiligthum auf. Du weißt, daß R..., bei dem ich im Haus und in der Kost war, es nicht gelitten hätte, und mich gewiß übel behandelt hätte, wenn ich ihm meine Neigung entdeckt hätte, deswegen mußte ich oft die Komödienzettel nur verstohlen bekommen, und dann schrieb ich sie nicht ab, nein, zeichnete sie, Buchstabe nach Buchstabe, am Fenster ab, um ja das ganze Modell davon zu haben.«

»Wann ich allein auf meinem Zimmer war, so nahm ich oft ein Schnupftuch oder Waschtuch, rollte es auf, und ließ es dann wieder herunter fallen, weil ich dadurch das Aufziehen und Niederlassen des Theatervorhangs nachmachen wollte, lief in meiner Stube auf und ab, und deklamirte die Rollen, die mir am meisten gefallen hatten, so viel ich davon auswendig behalten hatte, kurz, was ich den ganzen Tag über dachte und redete, war Komödie. — Wie oft habe ich dich bei unsern gesellschaftlichen Zusammenkünften mit solchen Diskursen vielleicht inkommodirt, aber was ist es mir auch für eine Erleichterung gewesen, wenn ich mein volles Herz in den Busen eines Freundes ausschütten durfte.« —

[110]

»Was mir R. für Hindernisse entgegen gestellt hat, als er meinen Hang endlich entdeckte, weißt Du, aber das war nur Oel für die Flamme. Nun durfte ich nie mehr in die Komödie gehen, o wie sah ich da das mir so theure Haus oft mit betrübten Augen an, wann ich daran vorbei spazieren gegangen bin; und doch stahl ich mich oft von Haus weg, um nur der Probe beiwohnen zu können. Freilich mußte R. wohl merken, daß meine Neigung durch sein Verbot nicht abgenommen hatte, daß ich nichts mehr studirte, daß ich mit taubem Hinbrüten ganze Tage zubrachte, daß ich zu allen ernsthaften Geschäften unfähig war; deswegen nahm er mich einmal vor sich, weil er einen Haufen gedruckter und geschriebener Komödien und Komödienzettel in meinem Zimmer angetroffen hatte, machte mir zwei Stunden lang alle nur mögliche Vorstellungen, und wollte mich von der unseligen Neigung abbringen, aber was halfs? ich wurde zwar aufmerksam darauf, daß ich auf Abwegen war, aber die Neigung war so stark bei mir, daß ich keine Kräfte mehr zu haben glaubte, womit ich sie hätte überwinden können.« —

»Nun wuchs die Neigung immer mehr, weil ich ihr keinen Widerstand entgegen setzte, und wuchs bis zur Lust, selber aufs Theater zu gehen. Nur zwei Dinge hielten mich noch ab, sonst, wer weiß, wo ich jetzt wäre? nemlich, die Furcht, mein Vater würde nicht darein willigen, dem ich auch meinen Entschluß nicht entdeckte, und dann das Vorurtheil, [111]das damals zu S... noch herrschte: ein Komödiant dürfe nicht zum heil. Abendmahl gehen, und könne auch nicht selig werden.«

»Endlich entschloß ich mich, einen Ausweg zu treffen, und fiel auf den Gedanken, selber ein kleines Theater zu errichten. Ich hatte noch einige Schulkameraden in meiner Vaterstadt, und weil ich von S... aus oft dahin kam, so wurde ich mit diesen eins, in einem ihrer Häuser ein Theater aufzurichten, wo wir alle Wochen einmal spielen wollten; wir gewannen auch einige Mädchens dazu, und nun glaubte ich alle meine Wünsche erreicht zu haben, als die Aeltern meines Kameraden unser Vorhaben begünstigten, und noch mehr, als wir wirklich darauf zur Probe ein kleines Schauspiel aufführten.« —

»Zu dem Ende habe ich, wie Du weist, die vielen Komödien theils abgeschrieben, theils aus Moliere übersetzt, theils selbst verfertigt, wozu ich nur die Sch...sche Komödienzettel, worauf der Titel und die Personen eines Stücks standen, gebrauchte. Ich habe sie Dir, wenn ichs noch recht weiß, einmal gezeigt, und ich wünsche nur, daß ich sie aufbehalten hätte, weil ich vielleicht noch jetzt mir manches daraus abstrahiren könnte.« —

»Allein aus unserm Theater wurde außer der ersten Probe nichts. Denn es kam ein Zufall dazwischen, der — ich danke Gott noch dafür, wenn ich mich seiner erinnere — mich vor dem Unglück, [112]in welches ich ohne Rettung gestürzt wäre, bewahrt hat. R. der meine immer zunehmende Abneigung vom Studiren sehen mußte, und doch nicht helfen konnte, reiste zu meinem Vater, und entdeckte ihm meine Umstände. Mein Vater berief mich alsdann auch zu sich, nahm mich ganz allein auf seine Stube, und stellte mir die Folgen meines unseeligen Hangs so lebhaft vor, daß ich zitterte. Ich antwortete ihm, ich könne mich eben nicht zufrieden geben, wenn ich keine Komödie sehen dürfe; dies erlaubte er mir dann, gab mir Geld dazu, und sagte mir aber, daß ich den Tag darauf, nachdem ich in der Komödie gewesen wäre, wieder zu ihm kommen sollte. Ich gieng darein, war wie im Himmel darin, aber als ich heraus kam, und noch mehr, als ich den Tag darauf zu meinem Vater reiste, war die lodernde Flamme schon etwas gedämpft. Als nun vollends seine so liebreichen Vorstellungen dazu kamen, so würkten diese und seine unvermuthete Erlaubniß, in die Komödie gehen zu dürfen, so viel bei mir, daß ich erwachte, und den Entschluß faßte, mich ganz diesem Taumel zu entreißen. Ich führte den Entschluß auch gleich dadurch aus, daß ich die Komödien, die ich zu dem vorgehabten Theater gesammelt hatte, ins Feuer warf, wo ich sie mit wahrer Herzensfreude hell auflodern sah.« —

»Und von dieser Zeit an bin ich wieder ein vernünftiger Mensch geworden, nachdem ich länger als ein Jahr im unvernünftigen Taumel zugebracht hatte.«

[113]

»Dies ist die Geschichte meiner Verirrung. Ich überlasse Dir es nun: einen Gebrauch davon zu machen, welchen Du willst, denn ich bin von Deiner Freundschaft versichert, daß Du keinen unrechten davon machen wirst. — Aber meinen Namen laß weg, wo möglich. Lebe wohl. Auf die folgenden Stücke des Magazins warte ich gewiß. Ich bin etc.

H. T.«

Ich will nun, nach dem Wunsch meines Freundes, einige wenige, aber allerdings nöthige Erläuterungen beifügen, welche die Geschichte psychologisch erklärbarer machen. —

Zuerst über die Veranlassung und Ursachen dieser sonderbaren Theaterwuth. Wenn mein Freund sagt, daß ihn die Schauspiele zu S... deswegen so hinrissen, weil er noch nicht viel dergleichen Dinge gesehen hatte, so hat er in so fern recht, als ihm seit acht oder mehrern Jahren nichts mehr von der Art unter die Augen gekommen war. Er muß aber dabei doch vergessen haben, was er mir öfters selbst erzählte, daß er schon in seiner frühen Jugend, im sechsten Jahre ungefähr, zum erstenmal mehrere Schauspiele in seiner Vaterstadt gesehen hatte, von welchen er immer noch mit schwärmerischem Vergnügen redete, und welche vermuthlich schon den ersten Grund zu dem nachmalichen starken Hang zum Theater in ihm gelegt hatten, um so mehr, da natürlich Schauspiele auf [114]eine Kinderseele starken Eindruck machen müssen, und bei ihm besonders, da sie ihm nicht alltäglich und zur Gewohnheit wurden, die den allzustarken Eindruck hätte vermindern können, sondern er erst nach Verlauf von ungefähr acht Jahren, also zu einer Zeit, wo die jugendliche Einbildungskraft am stärksten und feurigsten ist, die besonders er noch jetzt in einem hohen Grade besitzt, wieder zu dem Genuß eines Vergnügens gelangte, das ihn schon in der Kindheit so hingerissen hatte. —

Dazu kommt noch, daß er noch in sehr jungen Jahren auf das Gymnasium zu S... kam, und da man hier die Privatstudien größtentheils eines jedem eigenem Fleiße überläßt, mein Freund hingegen noch von Schulen her daran gewöhnt war, alle Zeit, wo ihm nicht ausdrücklich etwas zu lernen oder zu thun aufgegeben war, zu seinem Vergnügen anzuwenden, so wußte er sich hier außer den Lektionsstunden nicht gehörig selbst zu beschäftigen, und, da die Seele natürlich doch Beschäftigung haben wollte, so war es daher leicht möglich, daß er bei den so zusammen treffenden Umständen, da gerade um diese Zeit eine Schauspielergesellschaft nach S... kam, auf die erzählten Abwege gerieth, und sich in diesen Vergnügungen gleichsam ersäufte. —

Allein glücklich für ihn, wenn er sich nur früher darin ersäuft und durch Uebermaaß im Genuß zuletzt Eckel daran gefaßt hätte. Ich habe schon oft den Kunstgriff der Zuckerbäcker bewundert, die ihre Lehr-[115]jungen von allen Süßigkeiten so viel genießen lassen, als sie wollen, bis endlich durch Uebermaaß im Genuß Eckel davor entsteht, und sie dann nichts mehr kosten mögen. Und so ists wahrhaftig mit den halb sinnlichen und halb geistigen Vergnügungen, dergleichen die Schauspiele sind, auch, und dieses Mittel hier um so sicherer anzuwenden, weil Schauspiele an und vor sich noch kein schädliches Vergnügen sind. — Da nun aber meinem Freunde gleich Anfangs solche Hindernisse in den Weg gelegt wurden, so ist es für den Psychologen ganz leicht begreiflich, wie nach und nach diese herrschende Neigung in solche lichte Flamme ausbrechen konnte, deren Würkungen in der That erstaunlich waren, und den guten Jüngling zuletzt bis an die Grenzen des Wahnsinns hätten führen können. —

Aus dem nemlichen Grunde läßt es sich auch begreifen, warum bei der vernünftigen Behandlung seines Vaters mein Freund wirklich mehr gebessert wurde, als durch die ihm vorgelegten Hindernisse, seine Neigung zu befriedigen. — Denn auch die immer noch widernatürliche Heftigkeit, womit er den Entschluß der Besserung auszuführen anfieng, indem er seine gesammelten Schauspiele verbrannte, würkte wahrscheinlich zur nachmaligen gänzlichen Besserung nicht so viel, als die fortgesetzte Erlaubniß, die Schauspiele zuweilen besuchen zu dürfen. —

Schade ists aber immer, daß er die geschriebenen Schauspiele nicht aufbewahrt hat, denn sie würden, [116]da sie meistens von ihm selbst verfertigt waren, für den Psychologen immer brauchbar gewesen seyn, und den damaligen Gang seiner Phantasie verrathen haben, dem Verfasser selber aber wahrscheinlich nun manches Lächeln abnöthigen. —

Er ist übrigens, wie er selbst versichert, von dieser tobenden Neigung jetzt ganz abgekommen, nur ist eine große Freude an Schauspielen immer noch in ihm übrig, und er versäumt daher gewiß keines, wenn er eben des Jahres ein- oder zweimal nach S... kommt, wo indessen ein Nationaltheater errichtet worden ist. Auch hat er mich einst versichert, daß, wenn er etwa in seinem jetzigen Stand durch irgend einen Zufall unglücklich werden sollte, und er sich nicht mehr zu helfen wüßte, sein erstes Bemühen seyn würde, sich bei einem stehenden Theater zu engagiren. — Allein diese übriggebliebene Neigung ist ihm sogar nicht mehr schädlich, daß er vielmehr jetzt an seinen Berufsgeschäften viel Vergnügen findet, und sich keinen Stand denken kann, in welchem er glücklicher seyn würde, als in dem, worin er sich jetzt befindet.

Die mancherlei Winke, die für einen Erzieher in dieser Geschichte liegen, will ich hier nicht aus einander setzen, jeder Vernünftige wird sie sich selbst abstrahiren können.

M. I. D. Mauchart.

[117]

3.

Beispiel eines ungewöhnlichen Gedächtnisses.

Mauchart, Immanuel David

Zu I......n, einem Dorfe in hiesiger Gegend, lebt ein Mädchen, das wegen seines ungewöhnlich starken Gedächtnisses in der ganzen Gegend berühmt ist. Man sagt, sie sey in ihrer Kindheit ein sehr schönes Kind gewesen, habe aber die Blattern bekommen, und sey so hart daran krank gelegen, daß keine Hoffnung zu ihrer Genesung mehr vorhanden gewesen sei. Die Aeltern haben darüber eine große Wehklage erhoben, und Gott inständigst gebeten, das Kind lieber aller äußerlichen Vorzüge zu berauben, und es nur beim Leben zu erhalten, worauf das Kind wieder genesen, aber blind und von den Blattern entsetzlich entstellt worden sey.

So viel ist richtig: das Mädchen ist blind, und seine Gesichtzüge sind von den Blattern sehr verderbt. — Bald aber bemerkte man an dem blinden Kinde desto stärkere Seelenkräfte, und besonders ein vortrefliches Gedächtniß. Als es zur Schule gebracht wurde, so brauchte es das, was ihm zu lernen aufgegeben wurde, nur ein einziges-[118]mal sich vorlesen zu lassen, um es schon vollkommen auswendig zu können, selbst lange Gesänge, die es lernen mußte, ließ es sich einmal vorlesen, und sagte sie gleich darauf mit unglaublicher Fertigkeit ohne Anstoß her, lernte auch jedesmal, weil ihr das Aufgeben zu wenig war noch zwei oder drei Gesänge aus eigenem Antrieb dazu, und war doch mit allem in weniger als einer Stunde fertig. —

Wann sie jetzt in die Kirche kommt, — und das thut sie sehr fleißig, — so richtet sie alle ihre Aufmerksamkeit auf den Prediger, und weiß alsdann nach der Kirche die ganze Predigt von Wort zu Wort herzusagen, selbst mit allen in der Predigt angeführten biblischen Stellen,wobei sie noch genau das Buch, das Kapitel, und den Vers von jeder angeben kann. — Und so schnell sie faßt, eben so treu ist ihr Gedächtniß auch im Behalten des Gefaßten. Ihre Mutter nahm sie einst mit sich nach Stuttgart, und führte sie daselbst in die Kirche, um einen gewissen berühmten Prediger da zu hören. Als das Mädchen wieder nach Hause kam, so fragte man sie, was dieser Mann geprediget hätte, und sie wußte noch eben so gut die ganze Predigt herzusagen, wie sonst die kurz vorher gehörte.

Einst geschah es, daß sie gefragt wurde, ob sie nicht mehr wüßte, was ihr Herr Pfarrer vor einem [119]Jahre über eine gewisse Materie geprediget hätte, worauf sie zur Antwort gab: »Ja, das weiß ich noch wohl, es war an dem Sonntag, über das Evangelium,« und nun zum Erstaunen aller Anwesenden, alles, was der Pfarrer über diese Materie gesagt hatte, wiederholte, so daß der Pfarrer es völlig mit seinen eigenen Worten übereinstimmend fand.

M. I. D. Mauchart.

[120]

Von der Heilkunde der Seele.

Cicero, Marcus Tullius

(Aus Cicero's Tuskulanischen Quästionen.)

Woher, o Brutus, kömmt es wohl, da wir doch aus Leib und Seele bestehen, daß man sich um die Kunst, den Körper zu heilen, und vor Krankheiten zu schützen, und um die nützliche Anwendung dieser Kunst bemüht, und den unsterblichen Göttern sogar die Ehre der Erfindung derselben zugeeignet hat; daß man hingegen die Heilkunde der Seele, weder vor ihrer Erfindung so sehr zu besitzen, noch nach ihrer Erfindung, dieselbe auszuüben gewünscht hat; und daß diese auch lange nicht bei so vielen Beifall und Liebe erhalten hat, als die Heilkunde des Körpers; ja, daß sie manchem sogar verhaßt und verdächtig geworden ist?

Kömmt dies vielleicht daher, weil wir vermittelst der Seele über unsre körperlichen Krankheiten und Gebrechen urtheilen, der Körper aber nicht so die Krankheiten und Schwächen der Seele bemerken kann? und weil also, indem die Seele über sich selbst urtheilt, dasjenige, womit sie urtheilt, selbst krank ist?

[121]

Hätte uns die Natur so geschaffen, daß wir sie selbst anschauen und durchschauen, und unter ihrer besten Führung unser Leben vollenden könnten, so bedürfte es weiter keiner Grundsätze, keiner Lebensregeln. Nun aber hat sie bloß einige kleine Fünkchen in uns gelegt, die wir bald, durch böse Sitten und Meinungen verschlimmert, dergestalt auslöschen und dämpfen, daß nie das Licht, welches uns die Natur gab, wieder hervorbrechen kann.

Die Keime aller Tugenden schlummern in unsern Seelen, dürften sie ungehindert emporschiessen, so würde selbst die Natur uns zur Glückseligkeit leiten. Itzt aber sind wir kaum geboren, so sind wir sogleich von aller Verderbtheit, und von der äußersten Verkehrtheit der Meinungen umgeben; so daß wir gleichsam schon mit der Ammenmilch den Irrthum einsaugen. Sind wir denn, von der Brust der Amme entwöhnt, unsern Aeltern wieder überliefert, so dauert es nicht lange, bis wir unter die Zucht unserer Lehrmeister gegeben werden, wo wir denn wieder mit einer solchen Menge von Irrthümern überschüttet werden, daß die Wahrheit dem Wahne, und dem eingewurzelten Vorurtheile die Natur selber weicht.

Laßt uns also untersuchen, welcher wichtigen Heilmittel denn die Philosophie gegen die Krankheiten der Seele sich bedient — denn es giebt ge-[122]wiß eine Arznei für die Seele; und die Natur kann unmöglich gegen das menschliche Geschlecht so hämisch und feindselig gesinnt gewesen seyn, daß sie für den Körper so heilsame Dinge, und für die Seele nichts dergleichen besorgt hätte.

Dem Körper kann nur von außenher zu Hülfe gekommen werden, was die Seele beglückt, ist in ihr selbst verschlossen. Je größer aber ihr Vorzug vor dem Körper, und je göttlicher ihr Ursprung ist, mit destomehr Aufmerksamkeit verdient sie behandelt zu werden. Eine wohlgeordnete Vernunft entdeckt immer, was das beste sey: da sie hingegen, sobald sie vernachläßigt wird, sich in unzählige Irrthümer verwickelt.

Die Heilungsarten der verschiedenen Krankheiten der Seele aber, sind eben so verschieden, als diese Krankheit selber. Jede Traurigkeit kann nicht durch einerlei Bewegungsgrund gestillt werden. Der Traurende, der Bemitleidende, der Beneidende, bedürfen jeder einer andern Arznei.

Das aber ist immer die gewisseste und sicherste Kur, wenn man den Kranken belehrt, daß die Unordnung in seiner Seele, mag sie auch entstehen woher sie wolle, an und für sich selbst schon ein Fehler, und weder nothwendig noch natürlich sey.

[123]

Oft scheint es, als ob wir die Traurigkeit selbst dadurch lindern können, wenn wir den Traurenden ihre weibische Schwachheit vorwerfen, und hingegen die Standhaftigkeit und Seelengröße dererjenigen loben, die gegen die Schicksale, denen der Mensch ausgesetzt ist, nicht murren.

Wir wollen, daß derjenige, den wir einen weisen und edeln Mann nennen sollen, standhaft, ruhig und gesetzt sey.

Ein solcher aber darf weder traurig noch furchtsam seyn, er darf weder etwas zu heftig wünschen, noch sich zu heftig freuen, wenn er das Gewünschte erlangt hat, denn das thun nur diejenigen, welche glauben, daß ihre Seelen nicht über die menschlichen Schicksale erhaben sind.

Die sicherste Heilart der Seele ist die, daß man, ohne darauf zu sehen, woher die Unordnung in ihr entstehe, von dieser Unordnung selbst, als von etwas Verwerflichem rede, und ihr einen Abscheu dagegen beizubringen suche.

Zusatz.

Woher kann aber der Seele ein Abscheu vor der Unordnung, welche in ihr herrscht, bei-[124]gebracht werden, wenn das unangenehme Gefühl von dieser Unordnung selbst nicht fähig ist, ihr einen Abscheu dagegen beizubringen? Und, wenn diese Unordnung durch die Länge der Zeit gleichsam mit ihrem Wesen einstimmig geworden ist, und daher von ihr selbst gepflegt und genährt wird? —

M.

[125]

Inhalt des siebenten Bandes.

<Liste der Beiträge>

Erstes Stück.
Fortsetzung der Revisionen des 4ten 5ten und 6ten Bandes dieses Magazins. von Hrn. Pockels. Seite 1
Zur Seelenkrankheitskunde.
Johann Herrmann Simmen. von Herrn Pockels. 25
Zur Seelennaturkunde.
Psychologische Bemerkungen über Träume und Nachtwandler. von Hrn. Pockels. Fortsetzung. 74
Zweites Stück.
Fortsetzung der Revisionen des 4ten 5ten und 6ten Bandes dieses Magazins. von Hrn. Pockels. 3
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Auszug aus dem Mercure de France dieses Jahrs No. 2 20
2. Berichtigung eines psychologischen Phänomens. von Hrn. Pfeffel. 23
3. Ueber Seelenkrankheit und einen Seelenkranken Menschen. von Hrn. Prediger Zur Hellen. 26
4. Bemerkungen über einen inkorrigiblen Dieb in psychologischer Rücksicht. 38
Zur Seelennaturkunde.
1. Psychologische Bemerkungen über Träume und Nachtwandler. Fortsetzung. 58
2. Beobachtungen zur Seelenkunde. von L. A. Schlichting. 92
Zur Seelenzeichenkunde.
Aus den Papieren eines Selbstbeobachters. 97
An die Leser des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde. von K. P. Moritz. 125
[126]
Drittes Stück.
Einleitung. Seite 1
Revision über die Revisionen des Hrn. Pockels in diesem Magazin. von K. P. Moritz. 3
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Beitrag zur Bestätigung des Satzes, daß die Einbildungskraft und das Gedächtniß mehr dem Körper, als der Seele zugehören. von J. E. Gruner. 16
2. Rau, ein Vatermörder. J. E. Gruner. 17
Zur Seelennaturkunde.
1. Aus dem Tagebuch eines Selbstbeobachters. 25
2. Ueber Selbsttäuschung. Eine Parenthese zu dem Tagebuche eines Selbstbeobachters. 45
3. Fortsetzung des Tagebuchs. 48
4. Mystische Briefe des Hrn. von F.. 53
5. Ueber Mystik. 75
6. Einige Beispiele von Geistes- oder Gedächtnißabwesenheit. von Hrn. van Goens. 77
7. Grundlinien zu einer Gedankenperspektive. 81
8. Konfessionen der Madame de la Mothe Guion. 83
Zur Seelenzeichenkunde.
Beiträge zur Zeichnung jugendlicher Charaktere, von I. D. Mauchart. 92
Zur Seelenheilkunde.
Eine Geschichte eines unglücklichen Hangs zum Theater. 106
Von der Heilkunde der Seele, aus Cicero's tuskulanischen Quästionen. 120