ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VII, Stück: 2 (1789)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

C. P. Moritz und C. F. Pockels.

Siebenden Bandes zweytes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1789.

[<II>]

Nachricht.

Da ich die Herausgabe des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde nach meiner Zurückkunft aus Rom nun selbst übernommen habe; so ersuche ich diejenigen Wahrheitsfreunde, welche durch Mittheilung ihrer Erfahrungen und Beobachtungen den Endzweck dieses Unternehmens mit befördern wollen, unter der Addresse: An den Professor Moritz in Berlin, ihre Beiträge an mich einzusenden. Berlin, den 20. April 1789.

Moritz.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Siebenten Bandes zweites Stück.

<Revision>

Fortsetzung der Revision des 4ten, 5ten und 6ten Bandes dieses Magazins.

Pockels, Carl Friedrich

Die sonderbare Meinung, daß man im Traume künftige Dinge vorhersehen könne, hatte sich ohnstreitig durch die historische Tradition, daß so etwas würklich gesehen seyn sollte, — woraus man denn gleich schloß, daß es würklich geschehen könne, und durch die wohl zufällige Erfüllung manches Traums, von jeher ein ziemlich allgemeines Ansehen erworben, bis aufgeklärtere Psychologen darzuthun suchten, daß ein solches Vorhersehn gar nicht in der Natur unsrer Erkenntniß gegründet sey, und daß die Menschen, welche im Traum etwas vorhergesehen haben wollten, wären es auch [2] die vortrefflichsten und klügsten Menschen gewesen — unschuldiger- oder schuldigerweise betrogen seyn mußten. — Allein selbst diese Beweise, so consequent sie auch angelegt waren, und so sehr sie sich auf ein näheres Studium der menschlichen Seele gründeten, haben nicht allgemein durchdringen können, das Ansehen gewisser heiliger Träume lag ihnen immer noch zu sehr im Wege, und man wird überall noch würklich aufgeklärte Köpfe finden, die durch jenes Ansehn verführt, ihren Glauben an die Bedeutsamkeit der Träume noch nicht aufzugeben wagen, und den Psychologen mit einer Menge von Beispielen zu betäuben suchen, welche jene Bedeutsamkeit erweisen sollen.

Mehrere dergleichen zum Theil sehr sonderbare Beispiele sind in diesem Magazin um so williger aufgenommen worden, weil denn doch eine psychologische Untersuchung derselben theils in diesem Magazin selbst; theils in andern öffentlichen Blättern nicht unterbleiben konnte. Das Resultat fiel selten zu Gunsten der bedeutenden Träume aus. Man nahm, so viel es möglich war, alle Umstände zusammen, solche Träume natürlich zu erklären, sie nach den Gesetzen der Einbildungskraft zu zergliedern, und aus der Natur unsrer Vorstellungen zu beweisen, daß ein Vorhersehen zufälliger Dinge bei keinem unendlichen Geiste angetroffen werden könne, und daß die Meinung von einer im Traum entstehenden Vorhersehungskraft der Seele eine leere Hypothese [3] sey. Durch dergleichen Untersuchungen ist allerdings der Nutzen gestiftet worden, daß man nicht mehr so sehr, wie sonst, mit einer fanatischen Leichtgläubigkeit an Traumbedeutungen hängt, daß man dadurch den Mechanismus unsrer Einbildungskraft näher kennen gelernt hat, und daß auch dadurch dem Aberglauben wenigstens einiger Abbruch gemacht wurde.

Wenn man die sogenanten bedeutenden Träume untersucht, und sich nicht bloß durch das Sonderbare ihrer Bilder und Folgen täuschen läßt; so wird man gemeiniglich finden, daß die Seele von der hinterher erfolgten Begebenheit vorher schon einige, wenigstens dunkle, Begriffe gehabt, und also nur gleichsam im Traume noch copirt hat; oder daß sie sich nur ein mit der Begebenheit homogenes Bild geträumt zu haben einbildete; oder daß schon würkliche Vermuthungen vorhergingen, die man in gewissen Momenten wieder vergessen hatte, welche aber der Traum wieder aufwekte, oder daß sich ein Betrug der Sinne, eine schwärmerische Nachbildung, auch wohl gar ein Drang, das würklich zu machen, was man zufällig geträumt hatte, mit ins Spiel mischte. Ich gebe gerne zu, daß es Träume giebt, wobei alle diese angeführten Umstände unanwendbar bleiben; aber wer wagt es zu läugnen, daß einer, oder der andre davon auf eine verstekte Art zum Grunde liegen kann, und daß ein [4]gewisser Zufall der Sache einen ganz eigenen Ausschlag gegeben haben dürfte.

Nach diesen vorausgeschikten wenigen Bemerkungen über die Bedeutsamkeit der Träume überhaupt, komm ich zur Bedeutung einiger einzelnen, die im lezten Stück des 4ten Bandes und im folgenden angeführt sind, und in der That wegen ihrer Sonderbarkeit etwas näher untersucht zu werden verdienen.

»Ein Rendant den der Herr Einsender des Traums Herr Seidel und Herr Prof. Moritz persönlich kannten, hatte das Unglück, daß ihm durch einen Bedienten eine beträchtliche Summe Kassengelder entwendet wurde. Die Verlegenheit des unglüklichen Mannes, der weiter kein Vermögen hatte, als was ihm sein Posten einbrachte, war außerordentlich groß. Das Fehlende sollte nun ersezt werden; sollte schon in weniger Zeit, als einem Monat ersezt seyn, weil er alsdenn Rechnung ablegen, und seine Kasse folglich richtig seyn mußte. Seine Freunde waren nicht im Stande, ihm eine so ansehnliche Summe gleich vorschießen zu können. — Er suchte alle noch so entfernte begüterte Bekannte auf, und die Zeit der Berechnungskasse nahete bis auf wenige Tage heran, ohne daß er Hülfe zu finden wußte.«

»Nun träumte er in der einen Nacht, als ob ihm jemand sage: er möchte in die *** Straße, in das *** Haus gehen. Beides, Straße und [5]Haus waren ihm so deutlich durch bekanntere Häuser bezeichnet, daß er nicht irren konnte. In dem Hause nun sollte er zwei Treppen hinaufgehen, sich aber auf der zweiten in Acht nehmen, daß er nicht herunterfalle, und so würde er das nöthige Geld erhalten.«

»Am Morgen des folgenden Tages, da ihn dieser Traum noch ganz beschäftigt, kommt einer seiner Freunde zu ihm, dem er diese seine Traumgeschichte erzählt, und von dem er zugleich erfährt, wer in dem bezeichneten Hause in der zweiten Etage wohne; — denn er selbst wußte das nicht. Der Mann, den er da finden, und der ihm Geld leihen sollte, war ihm so sehr unbekannt, daß er sich nur erinnerte, ihn ein einziges mahl in einer großen Gesellschaft gesehen zu haben. — Er fand es aber nicht für rathsam, zu einem ihm völlig unbekannten hinzu gehen.«

»Er sucht also denselben Tag aufs neue Hülfe; aber vergebens. Am zweiten Tage nach seinem gehabten Traum glaubt er aber seiner eigenen Ruhe auch das noch schuldig zu seyn, und zu dem Unbekannten zu gehen. — Er geht, — und erinnert sich im hinaufsteigen auf der zweiten Treppe des Hauses der Warnung nicht herabzufallen.«

»Er geht langsam und bedächtig fort, und ist nun fast hinauf, als oben das Zimmer zur rechten Hand heftig und ganz geöfnet wird, und durch die schnell aufgerissene Thür sich zugleich eine kleine Git-[6]terthür an der Treppe, die nicht befestigt war, einwärts nach der Treppe zu öfnet, so daß er durch diese ihm entgegenstoßende Gitterthür leicht hätte in Gefahr gerathen können, getroffen zu werden, oder gar herabzufallen. Gleich nach Eröfnung des Zimmers kommt jemand heraus, der ihn um Verzeihung bittet, daß er durch die plözliche Erweiterung seiner Thür, sein Heraufgehen aufgehalten und gehindert habe, und entschuldigt sich deshalb mit der Eilfertigkeit seiner Geschäfte.«

»Der unglückliche Rendant vermuthet, daß dies eben derselbe Mann sey, zu dem er wolle, und trägt nun, da er doppelt bestürzt ist, sein Anliegen ohne Umwege vor, — und erhält das Geld.«

Da bei der Erzählung fast jeder Traumgeschichte eine Menge von Umständen ausgelassen worden, die zur natürlichen Erklärung des Phänomens nothwendig sind, und auch dies wohl hier der Fall ist: so scheint erwähnter Traum, so wie er da erzählt wird, in der That sonderbar, und bedeutend genug zu seyn. Allein konnte nicht der Rendant bei seinem hin und her Grübeln: — woher wohl Geld anzuschaffen sey? nicht auch mit auf jenes Haus wenigstens Vermuthungsweise gefallen seyn?*) 1 Selbst die Nebenideen von andern in der Gegend liegenden Häusern, wodurch er sich im Schlafe orientirt, laßen dies vermuthen. [7]Das Traumbild von diesem Hause — und (da er während seiner Bekümmerniß wohl manche Treppe gestiegen seyn mochte) — von einer Treppe, die er hinauf steigen soll, vielleicht noch kurz vorher eine dergleichen Treppe gestiegen war, — konnte also sehr leicht in ihm entstehen, und dies wäre gar nichts Seltsames gewesen, — als welches nur in der Erfüllung seines Traums liegt; — aber nun eben diese Erfüllung? Sein Freund kennt den Mann, von dem er geträumt hat. — Hatte dieser nicht etwa schon, ohne daß es der Rendant je erfuhr, den reichen Mann dahin gestimmt, dem Unglüklichen die Summe vorzuschießen? — so daß also die Erfüllung des Traums durch den guten Freund, oder auch durch einen andern vermittelt wurde. Auf diese Art wäre das ganze Rätzel erklärt, wenn man es auch gar nicht einem bloßen Zufall zuschreiben wollte.


Der Traum, welchen Herr Voß im 3ten Stük des 4ten Bandes S. 84 ff. erzählt, scheint mir überhaupt genommen von keiner großen Bedeutung zu seyn, so lesenswürdig auch die vorhergehenden Bemerkungen über Träume von eben demselben Verfasser sind. Daß ein verheirathetes Frauenzimmer im Traume vergessen kann, daß sie verheirathet ist, daß sie den Liebesantrag eines andern jungen Mannes im Traume annimmt, Reflectionen [8]anstellt, ob es nicht besser sey, ihn nicht anzunehmen, und ihrer Phantasie ganz die Scene einer Verlobung spielen läßt, — — finde ich gar nicht ungewöhnlich, da sich die Seele, wenn sie träumt, so leicht in nicht existirende Situationen hinein denken und Zustände fingiren kann, die nicht einmahl möglich sind. Der Psychologe hat eine andre Absicht bei Beobachtung der Träume, als dem bloß gewöhnlichen Spiele ihrer Bilder nachzuforschen, und die Seelenlehre gewinnt durch die bloße Erzählung von Traumgeschichten nicht viel, wenn dabei nicht folgende Untersuchungen angestellt werden.

a) Welches waren die veranlaßenden Umstände von außen oder die gelegentlichen innern Ursachen in der Maschine, die der Seele den ersten Schwung gaben, eine gewisse Ideenreihe während des Schlafs zu beginnen? —

b) Warum fing sie diese Ideenreihe grade so und nicht anders an, warum ließ sie nähere lebhaftere Bilder liegen, grade als ob sie gar nie in der Seele existirt hätten, und ging zu ganz andern, ganz fremden über, ja zu Ideen, die sie sich vielleicht noch nie im Wachen gedacht hatte? —

c) Woher rührt die oft ganz vertilgte Gedächtnißkraft in Absicht der bekanntesten Vorstellungen, da doch in dem nehmli- [9] chen Moment die Seele längst verloschene Bilder in sich wieder mit einer erstaunlichen Deutlichkeit hervorruft, die ihr im Wachen nicht möglich seyn würde? —

d) Da die Seele im Traume ganz mechanisch zu handeln scheint, wie kommt es daß sie die Intervallen in ihren Ideenassociationen nicht immer bemerkt; sondern darüber hinwegeilt, und doch nach den logischen Gesetzen des Denkens gehandelt zu haben glaubt? —

e) Lassen sich die Erfüllungen vieler Träume nicht aus einer schon vorhergehabten Ideenfolge erklären, die man schon einmahl in Wachen gehabt, sie vergessen, und im Traum wieder mit einer neuen Lebhaftigkeit gedacht hatte? —

f) Läßt sich die Natur des Traums nach Bonnets Analyse lediglich aus dem Mechanismus der Fiberbewegung erklären, und hängt die verschrobene Ordnung des Denkens im Traume von gewissen innerlichen Stößen ab, welche sich nebenbei ereignen, und die Ordnung der Bewegungen und auch folglich die der Gedanken mehr oder weniger stöhren? *) 2

[10]

Dergleichen Untersuchungen müßten durchaus über die Theorie des Denkens und Empfindens selbst vieles Licht verbreiten, und würden am Ende deutlich zeigen, daß es keinen einzigen bedeutenden Traum giebt, der nicht auf eine ganz natürliche Art erklärt werden könnte.


Dies glaub ich ist der Fall bei allen im 5ten Bande dieses Magazins angeführten oft sehr sonderbar scheinenden Träumen. Ueber den Traum des Freiherrn von Seckendorf 5. B. 1. St. Seite 55 ff. habe ich mich schon am Beschluß der davon mir mitgetheilten Erzählung erklärt, und ich habe das Son-[11]derbare darin gar nicht finden können, was man darin finden wollte, ob ich gleich nicht läugnen will, daß manche darin vorkommende Scene etwas Schauderhaftes hat.

Nicht unerklärbarer ist der Traum Seite 103 St. 2. B. 5. den der seelige Professor Meier zu Halle seinen Zuhörern in den psychologischen Vorlesungen jährlich einmahl mittheilte: »Ein junger Gelehrter in Halle träumte einst, daß er sich auf dem dortigen Kirchhofe befände, und auf einem Leichenstein seinen eigenen Namen nebst dem Tage seines Todes deutlich angezeigt fand. Nur die lezte Ziffer der Jahrszahl war mit Moos bewachsen; er wollte ihn wegkratzen; aber in dem Augenblick erwachte er. Er schrieb sogleich den ganzen Traum auf, versiegelte das Papier, und schloß es in seinen Schreibschrank, mit der völligen Ueberzeugung, daß er bald und an dem angezeigten Tage sterben werde. Er gab Meiern kurz vor seinem Tode den Schlüssel zum Schreibtisch, und Meier fand bei der Eröfnung des versiegelten Papiers, daß der Traum des jungen Gelehrten richtig eingetroffen war, denn er starb grade an dem angezeigten Tage.«

Bei der ganzen Geschichte ist mir dies gleich anfangs aufgefallen, daß der junge Gelehrte seinen Tod nicht bestimmt vorhersahe, denn die lezte Ziffer der Jahrszahl war ihm unbekannt geblieben; der Tag traf freilich richtig ein, allein man weiß aus mehrern Beispielen dieser Art, daß eine sehr lebhaft [12]erregte Einbildungskraft zur Erfüllung solcher schwarzen Bilder sehr viel beitragen kann, wovon mehrere auffallende Exempel in diesem Magazin vorkommen. Unläugbar ist es, daß solche Erschütterungen auf die Gesundheit des menschlichen Körpers gewaltig würken, und daß diese gleichsam in den Graden abnimmt, als sich die Seele dem sich fast eingebildeten Ziele zu nähern glaubt. Es liegt daher in dem Gedanken gar nichts unnatürliches, daß die Einbildungskraft ein physischer Grund des Todes worden, und daß die menschliche Seele im Körper zu existiren aufhören kann, wenn sie sich den Gedanken einmahl fest imprimirt und den Körper zu einer successiven Abnahme seiner Kräfte gezwungen hatte. Vielleicht giebt es selbst einen so hohen Grad der Einbildungskraft, daß die Seele zu denken, und sich ihrer Bewust zu seyn in dem Moment aufhört, wo sie sichs fest einbildet, daß sie zu denken aufhören müsse; so daß also, ob wir gleich hievon noch keine genaue Beispiele*) 3 anführen können, der Tod bloß die Folge einer sehr lebhaften Vorstellung werden könnte, welche sich die Seele einige Zeit, als das lezte Ziel ihrer Thätigkeit gedacht hatte.


[13] Seite 18. St. 3 des 5ten Bandes kommt ein Traum vor, der vielen sehr sonderbar geschienen hat. »Der Ehemann einer jungen Dame ist verreist, sie erhält eines Abends einen Brief, daß er sich ganz wohl befinde, und bald wieder bei ihr zu seyn gedächte. Das junge Weib schläft ein, erwacht aber bald wieder mit einem kreischenden Geschrei und sagt: daß ihr Mann ermordet sey, sie habe ihn eben sterben gesehen. Sie erzählt eine Menge von Umständen, die dabei vorgefallen sind. Man sucht sie zu beruhigen; sie schläft wieder ein, wird aber von dem nehmlichen Traume noch einmahl aufgewekt, und nun bleibt sie dabei, daß ihr Mann todt sey. Die Sache hat seine Richtigkeit. Vier Monat nach ihrem Wittwenstande geht sie in die Kirche, und sieht da einen Officier, welchen sie im Traume erblikte, als sie die Vision von ihres Mannes Tode hatte, eben den Mann, der ihrem Gatten bei seinem Verscheiden noch den lezten Beistand leistete. Sie hatte das größte Verlangen diesen Mann zu sprechen, und er war es würklich, der bei dem Tode ihres Gatten zugegen gewesen war. Auch trafen alle Umstände seiner Erzählung mit ihrem Traume vollkommen überein.«

Da ich mich über diesen Traum schon am angeführten Orte erklärt habe, und ihn würklich für eine Erzählung halte, wobei vielerley Umstände ausgelassen sind; so ists nicht nöthig, mich hierüber weiter auszulassen; indessen will ich doch die Erklärung des [14]Herrn Professor Tiedemanns beifügen, die er von diesem Traume in seinen Untersuchungen über den Menschen Theil III. S. 240 dem Publico mitgetheilt hat:

Das, was nach der Erzählung Wunderbares in dem Traume ist, ist folgendes: die Dame träumt noch an eben dem Abend vom Tode ihres Gemahls, da sie doch einen Brief von seinem Wohlseyn empfangen hat; sie sieht im Traume den Ort, wo er ermordet ist; sie wird auch den Officier gewahr, der ihm beigestanden hat, und erkennt ihn hernach, ohne ihn vorher gesehen zu haben; sie erblikt endlich ganz genau die Art, wie er verwundet wurde, und daß der Officier ihn aus seinem Hute tränkte. Dies Wunderbare verschwindet, so bald man annimmt: daß die Dame die Gegenden alle genau kannte; daß sie Gefahr zu besorgen Ursache hatte; daß endlich auch der Zufall seine Rolle dabei zu spielen nicht unterließ. b

Dies anzunehmen berechtigt mich die Erzählung selbst. Der Mann schrieb: es hätte nicht das Ansehen, daß er Gefahr laufen würde: also war er in einer gefährlichen Gegend, also kannte die Dame die Art von Gefahr, die zu besorgen war, und auch die Gegend, wo sie zu besorgen war. Der Mann hatte den Abend vorher geschrieben, wo er zulezt gewesen war: hieraus also konnte die Dame leicht berechnen, wo er von da hingekommen, durch welche Wege er dahin gekommen war. Ohne Zweifel [15]"wuste sie auch, daß es in der Gegend viele Officiers gab, daß folglich ein Officier ihm wahrscheinlich zu Hülfe kommen würde.

Nach diesen in der Erzählung selbst gegründeten Voraussetzungen erkläre ich nun nun alles sehr natürlich so: Die Dame schlief mit großer Bekümmerniß um ihren Gemahl ein; vermuthlich hatten die Worte des Briefes, es wäre kein Anschein von Gefahr da, diese noch lebhafter gemacht; denn wo man etwas sehr fürchtet, da nimmt man selbst aus den Gründen, nichts zu fürchten, Furcht her. Nach dem Briefe wuste sie, von wo ihr Gemahl zulezt ausgereiset war, und da sie die Gegenden kannte, vielleicht auch aus andern Nachrichten wuste, daß es bei einer gewissen Quelle unter gewissen Bäumen nicht sicher wäre: so sezte sie da die Scene des Todes hin. Oder auch vielleicht waren auf dem Wege sonst keine Bäume, als bei der Quelle, und unter den Bäumen mußte doch nach der Natur der Dinge der Mord eher geschehen, als im freien Felde. Weil sich in der Gegend Truppen aufhielten, weil die Dame von einem Officier eher Beistand als von einem andern vermuthen konnte: so sezte ihre Phantasie einen Officier zum Beistand. Dieser Officier hatte ein blaues Kleid, weil die Dame wuste, daß es so gekleidete Officiers da gab. Daß sie die Wunde ihres Mannes in die Seite sezte, kam vielleicht aus der Art, wie sie sich die Angreifer und den Angriff vorstellte, die man uns aber nicht be-[16]richtet hat. Aus der Erzählung sieht man, daß der Herr ein Mann vom Stande war; ein solcher wehrt sich mit dem Degen, man läßt ihn also auch nach den natürlichen Gesetzen der Association mit einem Degen angegriffen werden, und ein Stich geht nach eben der Regel eher in die Seite als sonst wohin. Er war verwundet, an einer Quelle verwundet; es war nur ein Officier da: was war also natürlicher, als daß die Phantasie ihr ihren Gemahl durstig und den Officier ihn aus seinem Hute, aus Mangel eines andern Hülfsmittels, tränkend darstellte? Sie erkannte den Officier wieder, entweder weil er eine von den Gestalten hatte, dergleichen es viele giebt, und weil ihre Imagination ihr eine solche Alltagsgestalt dargestellt hatte, oder auch weil der Zufall wollte, daß er eben die Bildung hatte, die sie im Traume gesehen hatte. Daß dieser Traum erfüllt wurde, war gleichfalls eine Wirkung des Zufalls, der so manche in unsern Augen sonderbare Dinge hervorbringt.


Eben dieß lezte war ohnstreitig der Fall bei einem Seite 75 St. 3, des 5ten Bandes angeführten Traume, der mir von dem kürzlich verstorbenen Consistorialrath Feddersen mitgetheilt worden ist.

Der Herzog von *** träumt 1769 vom 8. zum 9. October: es würde ihm am folgenden Tage ein fürchterliches Unglük begegnen. Er bittet seine [17]Familie an dem Tage nicht auszufahren, oder auszugehen, weil ihm bange sey, es möchte einem von ihnen ein Unglük begegnen; — der Traum bleibt jezt unerfüllt. Aber im Anfange des Octobers 1770 wird seine Gemahlin von einer Prinzessin glüklich entbunden. Am 9. October fühlt sie sich so munter, und gestärkt, daß sie das erstemahl aus dem Wochenbette aufsteht, um eine Stunde im Sopha zu sitzen. Um ihrem Gemahl eine Freude dadurch zu machen, läßt sie ihn rufen. — Freudig eilt er die Treppe herunter, — aber — indem er in ihr Zimmer tritt, sieht er sie — sterben. In der Minute, da sie ihm die frohe Nachricht geben ließ, hatte sie der Schlag getroffen. — Genau ein Jahr nachher wurde also erst der Traum erfüllt. —

Also um ein ganzes Jahr hatte diesmahl die Ahndung getrogen! — Es lassen sich sehr viele physicalische und andre Umstände denken, warum uns bisweilen ein ängstliches Bild während des Traums vorschwebt, das wir sonderlich bei zu vielem Blut und einem furchtsamen Temperament für eine Vorbedeutung zu halten geneigt sind, — so wie wir manche dunkle Ideen aus Träumen mit in den Zustand des Wachens herübernehmen, die uns auf ganze Tage verstimmen und in die finstersten Launen versetzen können.

Dergleichen dumpfe Empfindungen können aber nicht als etwas Vorbedeutendes angesehen werden, weil wir nicht einmahl wissen, worauf sie sich be- [18] ziehen. Trägt sich hingegen darauf irgend ein Unglük von ohngefähr zu; so wird denn gleich die dunkle unangenehme Empfindung darauf applicirt, — sie mag sich dazu passen oder nicht, und der Zusammenhang zwischen dem Vorhersehen und der Begebenheit mag noch so ungewiß seyn.

Ich habe manchmahl darüber nachgedacht, warum die meisten Menschen so gern das Ansehn haben wollen, — etwas vorhersehen zu können, oder etwas vorhergesehen zu haben; und ich habe den Grund davon gemeiniglich in einer furchtsamen Gemüthsart, die sich so gern schwarze Bilder schaft, und in der Begierde zum Außerordentlichen gefunden. Jene ist vermöge ihrer Natur mißtrauisch gegen Facta und Menschen, und transferirt ihre Einbildungen gar leicht auf würkliche Objecte, weil ihr gleichsam das Vermögen fehlt, die Distanz zwischen dem imaginirten Bilde, und einer würklichen Sache zu messen, sondern beides mit einander verwechselt. — Diese, nehmlich die Begierde zum Außerordentlichen, welche psychologisch mit der Furchtsamkeit des Gemüths zusammenhängt, reizt die Imagination viel zu sehr, als daß bei ihren Phantasien die Vernunft immer zu Rathe gezogen würde. Jene, die Imagination, bewürkt durch das Außerordentliche ein gewisses Schaudern, das uns nicht unangenehm ist, weil es uns mit hundert neuen Bildern beschäftigt, und unsern in der Jugend empfangenen Begriffen vom Wunderbaren [19]reichliche Nahrung verschaft. Diese frühen Begriffe haben sich gemeiniglich so fest gesezt, daß wir erwachsene und gescheidte Leute eben so wohl als Kinder mit erneuerter Aufmerksamkeit aufhorchen sehen, wenn ein Geschichtchen von Ahndungen, Visionen, und andern dergleichen Fabeleien erzählt wird.

C. F. Pockels.

Die Fortsetzung folgt.

Fußnoten:

1: Man konnte ihn auch von jenem Manne gesagt haben, was aber der Rendant wieder vergessen hatte.

2: *) Wir wissen aus der Erfahrung sagt Bonnet, II. Theil seines Werks über die Seelenkräfte S. 57 und 58 a daß die Bewegung (der Fibern) sich nach der Seite auszubreiten sucht, wo sie den wenigsten Widerstand findet. Nun findet sie aber weniger Widerstand, wenn sie sich nach der Ordnung ausbreitet wonach die verschiedenen Fiberlagen öfters erschüttert worden, Z.B. nach der Ordnung, die wir durch die Reihe A, B, C, D, E, F, G ausgedrukt haben. Nehmen wir nun an, daß ein innerlicher Stoß die Lage A erschüttere; so wird sich die Bewegung von A nach B, von B nach C u.s.f. auszubreiten suchen. Wenn aber in dem Augenblick, da die Lage C so eben von der Lage B erschüttert werden soll, ein neuer innerlicher Stoß dazu kommt, welcher die Lage F stärker erschüttert, als die Lage C von der Lage B erschüttert werden kann; so erfolgt die Vorstellung F unmittelbar nach der Vorstellung B, und so wird die Reihe also in Unordnung gebracht.

3: *) Ein dergleichen Beispiel wird doch in folgendem Stük vorkommen.

[20]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

Auszug aus dem Mercure de France dieses Jahrs. Nro. 2.

Anonym

Es ist ausgemacht, daß die jetzige Krankheit des Königs von England schon seit einiger Zeit ihren Anfang genommen hatte, ehe das Publicum davon benachrichtigt wurde. Der erste Zug, wodurch sich der Wahnsinn des Königs entdeckte, war eine Veränderung in seiner Namens Unterschrift, worin er sich nicht mehr, wie sonst, Georg; sondern Georgius nannte. Sein gewöhnlicher Weise gleiches und sanftes Hümeur äußerte sich (schon vor dem gänzlichen Ausbruch seines traurigen Uebels) bisweilen auf eine stürmische Art. Schon im Bade zu Cheltenham bemerkte man gewisse Reden des Königs in Betreff der alten Minister, die sein Zutrauen verlohren hatten. — Reden die er Leuten eröffnete, die nicht dazu gemacht waren, dergleichen Vertraulichkeiten zu empfangen. Bald entdeckten sich aber noch mehrere Spuren seines verworrenen Gemüthszustandes. Kurze Zeit nach [21]seiner Zurückkunft aus dem Bade sprach er den portugisischen Minister, — der König befahl ihm mit einem heftigen Tone, sich sogleich wegzubegeben! Der erschrockene Envoye eilte nach Hause, und sagte seinem Secretär: wir müssen sogleich einpacken, denn wir werden Krieg bekommen! — Der Doctor Willis, dessen Sorgfalt der König ganz allein anvertraut ist, verdient eine besondere Aufmerksamkeit. Es giebt wenige außerordentlichere und gescheidtere Leute. Schon seit langer Zeit unterhielt er in der Grafschaft Lincoln eine Pensionsanstalt für vornehme Wahnwitzige. Er besizt ein außerordentliches Ansehn über sie, welches er seiner Festigkeit, seinem kalten Blute und seiner ebenso gebietherischen Physiognomie, als sein ganzer Character ist, zu verdanken hat. Da er seine Kranken wie Kinder betrachtet, die ihrer Vernunft nicht mächtig sind; so beherrscht er sie durch Furcht. Sie würden boshaft werden, wenn sie wüßten, daß sie Furcht erregen könnten; man macht sie aber nachgebend und gehorsam, wenn man immer kaltblütig mit ihnen verfährt. Doctor Willis läßt sie zusammen speisen; bisweilen ladet er auch Fremde zu diesen Mahlzeiten ein. Manchmahl ist er freilich auch dem Unwillen seiner Kranken ausgesezt, wenn er ihren Narrheiten nicht nachgeben will. Eines Tages warf während der Mahlzeit einer von diesen Tollen sein Messer auf den Doctor mit der Absicht, seine Brust zu durchboren. Der Wurf ging fehl. Willis, [22]ohne sich zu erschrecken, oder in mindesten aufgebracht zu werden, befahl dem Wahnwitzigen, sein Messer wieder aufzuheben, und sich sogleich in seine Kammer zu verfügen. Eine ähnliche Begebenheit trug sich auch einst mit einem Pistolet zu; — aber er beherrscht sie bei allen ihren wüthenden Anfällen auf die nehmliche Art. Jeder hat seinen eigenen Wächter bei sich. Wenn die Anfälle zu heftig werden, so nimmt er seine Zuflucht zu einem sehr engen Rocke (Strait waits-coat) welcher ihre Arme zusammenschnürt, und den ganzen Körper fesselt. Das Schrecken vor diesem Zwangkleide dient ihm zu einem Zaum, seine Patienten zu regieren. Die gewöhnlichen Aerzte des Königs konnten mit ihm nicht fertig werden; Willis aber behandelt seinen hohen Kranken, wie die andern. Er hat sogar seinen gebietherischen Ton gegen ihn noch erhöht. Sein Sohn und seine eigenen Leute, die an dergleichen Art von Dienst gewöhnt sind, haben die Stellen der gewöhnlichen Dienerschaft des Königs eingenommen, welcher seinem Oberaufseher Willis das herablassendste Zutrauen schenkt. Gewöhnlicher Weise ist der Kranke sanft und nachgebend. Aber wenn ihn seine Unruh beherrscht; so fließen ihm seine Worte wie ein Strom aus dem Munde. Er hat dabei ein ungeheures Gedächtniß, und sprach einst (dies ist ein ausgemachtes Factum) 19 Stunden hintereinander. Neulich verstattete man der Königin einen Besuch bei ihrem Gemahl, indem man [23]jezt dadurch die Zärtlichkeit des Königs nicht sehr zu erschüttern glaubte. — Endlich glaubte man, daß die Königin sich wegbegeben müsse — die Scene ward fürchterlich. Der König wollte nicht in die Entfernung seiner Gemahlin willigen, er schrie laut, daß er seit der Abwesenheit seiner Gemahlin zu unglüklich gewesen wäre, und daß man sie nicht mehr von ihm absondern möchte! — Willis aber stellte dem Könige sogleich vor, daß die Königin schmerzlich gerührt sey, daß sie krank werden könnte, und sogleich gab der König nach, und entfernte sich.

2.

<Berichtigung eines psychologischen Problems.>

Pfeffel, Gottlieb Conrad

Mit Vergnügen benutze ich die mir angebotene Gelegenheit, eine im 3ten Bande des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde 3tes Stück, Seite 106. eingerückte Geschichte zu berichtigen, die der mir unbekannte Einsender gewiß nicht aus meinem Munde gehört, oder wenigstens nicht recht behalten hat.

Der Vorfall ist im Ganzen wahr, die Umstände aber sind sehr verunstaltet. Er begab sich am hellen Tage in meinem außerhalb der Stadt liegenden Garten, der noch am Ende des vorigen Jahrhunderts ein offner Weinberg war. Ein junger Geistlicher, der mich dahin begleitete und zuvor nie da [24]gewesen war, fühlte auf einem gewissen Platze einen Schauer, den ich am besten mit einer elektrischen Erschütterung vergleichen kann. Wir beide waren allein. Ich mußte mehrmals in ihn dringen, bis er mir sagte, daß ihn dieser Schauer fast immer an Orten anwandle, wo Jemand begraben liegt. Er fügte hinzu, die Dunkelheit der Nacht würde vermuthlich seine Wahrnehmung bestätigen. Abends um 9 Uhr (es war Frühling 1759.) kehrte ich mit ihm in den Garten zurück, und er versicherte mich, auf dem besagten Platze, nicht eine lange hagere Gestalt, sondern eine kaum fünf Fuß hohe Dunstsäule zu erblicken, die ihm einer weiblichen Figur ähnlich schien. Ich trat dicht auf die Stelle, konnte ihn aber nicht dazu bewegen ein gleiches zu thun. Ich fuhr mit dem Stocke und mit der bloßen Hand überall umher, ohne weder einen Widerstand noch einen andern Eindruck zu empfinden. Mein Gefährte versicherte mich, so wie ich die Dunstsäule zertheilte, flöße sie wieder, gleich einer getrennten Flamme, zusammen.

Diese nächtliche Wallfahrt habe ich mit mehrern meiner Freunde im Lauf eines Jahres bei jeder Witterung öfters wiederholt, ohne daß, außer dem ersten Entdecker, jemand das Mindeste gesehen oder verspürt hätte. Einmal schob ich mit Hülfe meines Bruders ihn mit Gewalt auf die gedachte Stelle. Zittern und Grauen ergriffen ihn, und [25]noch des andern Tages bemerkte Jedermann die Todesblässe seines Gesichtes.

Den folgenden Frühling ließ ich, nicht des Nachts (ich wüßte nicht, warum ich, der ich hier keinen Schatz suchte, die Geisterstunde hätte wählen sollen) sondern an einem schönen Tage und in Beiseyn mehrerer noch lebenden Personen, auf dem Platze nachgraben, und wir fanden würklich ungefähr fünf Fuß in der Erde, unter einer isolirten Schichte Kalchs, sehr vollständige Reste eines menschlichen Gerippes, wobei besonders der Schedel und die Kinnbacken mit den Zähnen noch ganz erhalten waren.

Wahr ists, daß mein schätzbarer Freund, den ich nach dieser Operation auf die Stelle führte, nicht die mindeste Abneigung oder Erschütterung mehr spüren ließ, und daß ich nachher noch mehr als einmal Gelegenheit hatte, mich zu überzeugen, daß sein Nervensystem durch die Ausdünstungen auch von alten Gräbern, auf eine mir unerklärliche Art angegriffen wurde. Dabei besitzt er ein äußerst scharfes Gesicht und kann noch jezt sich des Nachts überall ohne Licht finden.

Da Herrn Moritz daran gelegen seyn muß, lauter getreue Thatsachen zu liefern, so willige ich sehr gerne darein, daß ihm gegenwärtige Erläuterungen und Zusätze mitgetheilt werden. Die übrigen Umstände seiner Erzählung sind der Wahrheit [26]gemäß: deswegen hielt ich für unnöthig, sie zu wiederholen.

Vielleicht kann dieses Phänomen, das gewiß nicht das einzige seiner Art ist, den Glauben des Alterthums erklären, daß die Schatten der Verstorbenen über ihren Gräbern schweben. Und da der Irrthum sich so oft in den Nimbus der Wahrheit gehüllt hat, so können unreine Hände wohl auch der Wahrheit das phantastische Gewand des Irrthums umgehängt haben.

Pfeffel.

3.

Ueber Seelenkrankheit und einen Seelenkranken Menschen.

Zur Hellen

Der Herr Professor Moritz äußert in seiner Revision der drey erstern Bände seines Magazins die Meinung: daß jedes Laster eine Seelenkrankheit sey. Ich bin ebenfalls der Meinung, daß jeder Lasterhafte ein Seelenkranker sey, und eigentlich diese Benennung einem solchen nur beigelegt werden könne. Verwirrung, Raserey, Tiefsinn, Schwermüthigkeit u.s.w. sind eigentlich keine Seelenkrankheiten, weil der Grund dieser Krankheiten (vielmehr Schwachheiten) nicht in der Seele, sondern in dem thierischen Körper selbst gesucht werden muß. Kör-[27]perliche Umstände verhindern die Seele so oft sie leidet in ihren Wirkungen und zerrütten ihren natürlichen Zustand der Selbstthätigkeit. Verletzung oder Druck des Nervensystems, die durch vielerlei Veränderungen im Körper und durch äussere Umstände verursacht werden kann; durch verdicktes, schweres Geblüt, durch schlechte Beschaffenheit des Magens, durch Würmer, durch Kontusionen des Kopfs, durch Schreck, Furcht, Freude, mithin durch tausendfältige Umstände, wodurch die thierische Maschine, der sich die Seele zu ihren Wirkungen bedient, ihr eigenthümliches Vermögen und Kraft, zum freien Wirken verlieret, ist allemal Ursach der Verstandlosigkeit und der unregelmässigen Handlungen (Aeusserungen) der Seele. Verwirrung, Raserey und all' die sonderbaren Erscheinungen, die uns eine aus ihrem Wirkungskreise versezte Seele sehen läßt, wär also kein kranker Seelenzustand, wohl aber zeigte ein solcher Umstand eine Verhinderung der Seele an, die durch Schuld ihrer beschädigten Maschine nicht regelmässig wirken kann. Die körperliche Krankheit, woher wir den Begriff Seelenkrankheit ableiten, giebt uns die Idee an, was Krankheit, (Schwächlichkeit, Ungesundheit) sey, nemlich; wir nennen Krankheit denjenigen Zustand des Körpers, in welchen der Mensch untüchtig ist, sein natürliches (angebohrnes) Vermögen zu wirken oder handeln, anzuwenden; ist dieses Vermögen zum Wirken irgend wodurch gehemmt [28]oder geschwächt, wie z.B. durch Mattigkeit, Schmerz, Verstümlung u.s.f. so nennen wir den Menschen krank, d.i. unbrauchbar zur Arbeit zu seinen Geschäften, zu denen er sonst aufgelegt, tüchtig war. Krankheit des Körpers ist folglich ein veränderter, geschwächter Zustand des Körpers, der aus dem Körper selbst seinen Ursprung nimmt, und den Grund seines veränderten Zustandes in sich hat. Nach dieser Idee, die ich mir von der Natur der körperlichen Krankheit bilde, formire ich die mangelhafte Idee von der Seelenkrankheit. Ist die Seele krank, so muß ihr natürliches Vermögen zum Wirken behindert werden, folglich eine verkehrte unzweckmäßige Richtung nehmen; ihr Vermögen muß stocken, verlähmt seyn, nicht so wirken und selbstthätig handeln zu können, als sie ihrer Natur nach kann und gewohnt ist; ihr natürlicher Zustand ist also verändert, sie kann ihre natürliche Kraft nicht anwenden; ihre Natur leidet also durch gewisse Hindernisse. Dieser veränderte Zustand nun findet seinen Grund in der Natur der Seele selbst, so wie die Krankheit des Körpers ihren Grund im Körper findet; die Seele wie der Körper wirken diesen ihren veränderten Zustand (Krankheit), durch gewisse Umstände gezwungen, und werden durch diese hervorgebrachte Wirkung die Ursach ihres veränderten Zustandes. Ist die Seelenkrankheit durch zufällige Umstände eine Wirkung der Natur der [29]Seele, und ist in der Seele das Principium zu suchen, gleich der körperlichen Krankheit, wovon der Körper allein den Grund enthält und Ursach wird, so kann diejenige Seele nicht krank heissen, die durch körperliche Umstände gehindert wird ihre Wirkungen fortzusetzen, oder die natürlichen Kräfte ihrer Natur anzuwenden, weil der Grund dieser zufälligen Verhinderungen nicht in der Natur der Seele, sondern in gewissen Umständen des Körpers liegen. Die Seele ist in dem Zustande der Verstandlosigkeit also nicht krank, sondern verlähmt, geschwächt, oder unvermögend zu nennen. Eine lasterhafte Seele würde eigentlicher eine kranke, unvermögende, geschwächte Seele zu nennen seyn; denn so wie körperliche Krankheiten von zufälligen Umständen abhangen, die in dem Körper den Grund der Krankheiten finden, und von sehr verschiedner Art sind, je nachdem der Körper beschaffen ist, so hängt die Seelenkrankheit, die ebenfalls durch sehr verschiedene Umstände generirt wird, von zufälligen Umständen ab, die in der Seele den Grund der Krankheit finden. Die eine körperliche Krankheit ist heftiger, die andern zusammengesezter und weit gefährlicher als die andern — eben so die Seelenkrankheit, die Lasterhaftigkeit. Die eine Seele ist mehreren Lastern zugleich, die andere ist in einem ausnehmend hohen Grad einem gewissen Laster besonders ergeben; z.E. der förmliche Dieb ist gemeiniglich mehrern Lastern, [30]der Säufer oft nur dem einen Laster, im höchsten Grad ergeben, wodurch seine Seele alle Brauchbarkeit verliehret. Es giebt Menschen, deren ganzes Leben eine Krankheit zu nennen ist, die in diesem durchaus zerrütteten Zustande ganz unfähig sind, die natürlichen Kräfte ihres Körpers ihrer Anlage nach zu gebrauchen; so finden sich auf ähnliche Art Seelenkranke, deren ganzes Leben, (die ersten Jugendjahre ausgenommen) eine Seelenkrankheit genannt werden kann, weil ihre Seele in einem so unordentlichen Zustande ist, in welchem sie aller guten Thätigkeit, Aeusserungen, Wirkungen, gewissermaßen ihrer ganzen Brauchbarkeit beraubt wird, und ihren erschlaften, verlähmten Kräften die gehörige Richtung nicht geben kann. Der Seelenkranke, der Lasterhafte, der sich seit Jahren gewissen Lastern ganz überlassen hat, fühlt sich wie gezwungen, seiner Seelenbegehrungskraft immer freien Lauf zu lassen, sie ist herrschend auf Gegenstände gerichtet, von denen sie gleichsam unwiderstehlich angezogen wird, und der die übrigen Seelenkräfte die Waage nicht mehr halten können, weil sie einmal das völlige Uebergewicht erlangt hat. Eine solche Seele ist ja wohl recht krank, weil ihre übrigen gesunden Kräfte der weit stärker gewordenen ungesunden (verkehrt gerichteten) erschlaften Kraft unterliegen, und dadurch die Seele krank wird. Der Körper wird krank, wenn sein Blut und seine Nerven leiden, wovon der Grund in der veränderten [31]Beschaffenheit des Körpers zu suchen ist; die Seele wird krank, wenn ihre Begehrungskraft eine üble Richtung oder Hang erhält, wovon der Grund in der vernachlässigten Kultur der Empfindungs- und Erkenntnißkraft der Seele zu suchen ist. Ist die ganze Seele zerrüttet, d.i. die Begehrungskraft durchaus verstimmet, vernachlässiget, mithin ganz lasterhaft, so ist dies Beweis von einer ganz vernachlässigten Kultur der beiden übrigen Seelenkräfte, die nun ihre gehörige Wirkungen nicht mehr äussern können, die dritte Seelenkraft also nothwendig in Unordnung gerathen muß. Kein Wunder wenn die durchaus lasterhafte Seele ihre beste Kraft zu guter Thätigkeit verlohren hat, kein Wunder wenn der Lasterhafte schlecht handeln muß, und nicht anders handeln kann, weil eine zu große Veränderung mit ihm vorgehen muß, und seine übrigen Seelenkräfte neu angebauet werden müssen, wenn er besser handeln soll, als er nun kann. Daher die Seltenheit einer gebesserten Lasterseele und die anscheinende Unmöglichkeit, manchen Lasterhaften zu bessern. Die lezten Lebensstunden eines solchen Menschen reichen zu seiner völligen Besserung nicht zu, wenigstens nicht ohne ein anzunehmendes W. W. Der Weg zur Besserung ist ein natürlicher Weg, und die Mittel der Natur der Seele ganz gemäß. Die Kultur der Empfindungs- und die Richtung der Erkenntnißkraft macht den Menschen, entweder tugend- oder lasterhaft, je nachdem beide [32]Kräfte die eine kultivirt, und die andere gerichtet wird, beide Kräfte geben das Triebrad, Empfindung, Neigung, Trieb, und die Begehrungskraft wendet sie an.

Die Seele kann nach ihren Anlagen und Kräften vollkommen seyn, metaphysisch dem Menschen die metaphysische Vollkommenheit geben, und er kann doch das schändlichste, verabscheuungswürdigste Ungeheuer der Schöpfung werden. So lebt in meiner Gemeine ein Mensch, der gewiß die metaphysische Vollkommenheit in einem hohen Grade besizt, ein Mensch von höchstens 38 Jahren. Die Regelmässigkeit seines Körperbaues, seiner Bildung giebt ihm eine ausgezeichnete Schön- und Vollkommenheit; jeder Theil seines Körpers ist regelmässig schön, ist Original, und bestätigt Socratis Ausspruch vollkommen: ein schöner Körper verräth eine schöne Seele (den Anlagen nach). Die Seele dieses Menschen ist in ihrem Ursprunge gewiß vollkommen; viel Witz, Scharfsinn, Verstand, Muth, Lebhaftigkeit alles zeichnet seine Seele vorzüglich aus. Und eben dieser Mensch ist das einzige ächte Original von Lasterhaftigkeit, das ich unter allen Lasterhaften Menschen kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe, auch meine Lectüre reicht nicht hin, sein Urbild in einem Rival dieser Art zu finden. Es ist kein einziges unter allen Lastern, in so weit sie dieser Mensch kennet, das ihm nicht ganz eigen wie natürlich geworden wäre. Der grobe Diebstahl ausgenommen [33]denn sein lasterhaftes Pointd'honnör ist zu groß und duldet dieses Laster nicht. Seit seinem 16ten Jahre ohngefähr ist er zu diesem Original erwachsen als Bauern Sohn, bei einer sehr guten gemeinen Erkenntniß; hat auch hier und da bei recht guten Leuten gedient. Die Schwärze seines Herzens hat nach meiner geringen Menschenkenntniß ihren höchsten Staffel erreicht. Lachend und scherzend mit satanisch höhnender Miene ist er fähig, jeden Menschen, die Unschuld selbst auf die herzkränkendste Weise zu betrüben, ohn Anlaß und Ursach! Verrätherey, die listig entlockten Geheimnisse seines Busenfreundes frohlockend kund zu machen, ist sichtbare Wollust für seine Seele. Brünstig wiehrend wie Vieh in der Menschenhaut lockt und liebkoset er so, als Jüngling, so als Mann (ehemals mit einer Art von Zauberkraft, jezt fängt seine Schönheit unter dem Laster an zu verwelcken) und ist barbarisch genug nach seiner Sätigung, selbst die schönste entknospte Unschuld grausam zu mißhandeln und ohn' Erbarmen, hart gegen alles Gewinsel, ins Elend von sich zu stoßen. Die schönsten Kinder seiner Brut müssen oft des Lebens unsicher seiner Wuth entfliehen, und mit der Mutter unter freiem Himmel elende Nächte durchwachen. In solchen Augenblicken, wo er sich selbst zu überwinden scheint, ist er wie eine Mißgeburth der Natur, deren sonst laute Stimme er auch nüchternen Muths nicht hört. Auch die schönste Statue, die ihn mit Affenneigung [34]zu fesseln schien, (denn er hat schon mehrere Weiber und Koncubinen im Besiz gehabt) wird unter viehischer Art barbarisch behandelt, wie ein Block zerpeitschet, und wie ein Ball hin und her gestoßen, nur glüklicher Zufall und Flucht rettete schon mehreren derselben das Leben.

Die Religion, alles was Heilig und Tugend heißt, ist ihm ein Gegenstand des lautesten Gespötts; seine Zunge stößt mit einer Art von Nattergift, die seltsamsten Verwünschungen und gräßlichsten Flüche von sich, mit einer Manier und Schnelligkeit, die eine große Fertigkeit anzeigt, seine Wege wiederhallen gemeiniglich wenn er getrunken hat von einem wildtobenden Gebrüll weit umher bei schäumenden Maule, und jeder eilt bei Seite — sein Geist scheint in dem Zustande ihm eine quälende Marter zu seyn. Die unschuldigsten Menschen werden oft, wenn die Gelegenheit es will, der Gegenstand seiner tigerischen Wuth, die er mit einer List mörderisch anzufallen weiß, die oft einzig in ihrer Art ist; nur die waltende Vorsicht rettete bereits manchen ihr Leben, frolockendes Triumphgebrüll verkündigt dann laut umher seinen erfochtenen Sieg. Kein einziges Gesetz ist seiner Befolgung werth, und er scheint ohne Gesetz ungebunden leben zu müssen. Seine Verstellung, Freundlichkeit, Dienstfertigkeit, verständige Reden, einnehmender Ausdruck, anständige Dreustigkeit sind die Zauberkünste, wodurch er sich ausnehmend glüklich einzuschmeicheln, [35]und jeder dem er unbekannt ist, für sich einzunehmen weiß. Die Miene der Ehrbarkeit und wirklicher Rechtschaffenheit; sich mit einer Art von Würde in fremde Angelegenheiten zu mischen, sich hier und da bei Leuten nothwendig zu machen, ist eine Kunst, die er gründlich studirt hat. An Beredsamkeit und rednerischen Wendungen ist er ausnehmend reich, und weiß sich dergestalt aus seinen verwickelsten Händeln zu schwatzen, daß man in Zweifel geräth, ob er Engelrein oder schwarz wie das Haupt aller Lasterhaftigkeit sey. Den Obrigkeitlichen Personen hat er bereits manche Last gemacht. In seinem gemeinen Leben ist ihm Schande aller Art eine reiche Ehrenernte, und er brüstet sich wirklich mit Lastern, die der halbgesittete ohne zu erröthen nicht hören kann. Es ist ihm sichtbare Freude, sich über alle Scham so weit erhoben zu fühlen, daß er schon mit ihr unbekannt geworden ist. Die schändlichsten Thaten von ihm begangen sind in seinen Augen Heldenthaten, wenn er Parthey nimmt, macht er sich eine Ehre daraus, durch seine Eidschwüre die Sache seines Klienten durchsetzen zu helfen, und ist ihm in dem Fall eine Freude, wenn er wie angebothner Zeuge vor Gericht als ein solcher mitagiren und seiner Parthey dienen kann. Bei aller Gelegenheit rühmt er seine Talente zu Lasterthaten, spricht von seinen genoßnen Lasterfreuden mit einer Ruhe und Delicatesse, und seine Seelenheiterkeit ist dabei so groß, daß mans ihm wirklich zuglauben sollte, er sey ohne alle Moralität [36]gebohren, gezwungen durch Natur so zu handeln und zu seyn, als er handelt und ist. Seinen in den benachbarten Gemeinen bekannten Ruf kennet er vollkommen; nennt declamatorisch sehr oft seinen Haus- und Taufnamen, scheint den Effect davon zu seiner Aufblähung recht zu empfinden, sich als Lasterheld fühlend, gleich jenem Helde im Shakespear: ich selbst bin ganz allein ich selbst! So ein Urbild von Lasterhaftigkeit in Natura ist dieser Mensch kein Ideal wie Shakespear sich bildete. Nur geehrt und geachtet will er durchaus bei allen Menschenclassen seyn; diesen Anspruch glaubt er durch seine Lasterrenommisterey erworben zu haben. Zwölf bis vierzehn Jahre mag dieser Patient in diesem Kreise seiner unheilbaren Seelenkrankheit herumgetaumelt seyn, der vielen Menschen ein verderbliches Exempel ist, wie die verherende Pest, vieler Menschen Fall geworden, und noch mehrern eine tägliche Plage ist, sich selbst aber ein fressendes Feuer, das sich selbst verzehret.

Weder militär- noch bürgerliche Züchtigungen, die oft fühlbar genug waren, haben ihn heilen können; selbst seine jetzige Armuth kann ihn nicht zähmen, nur fällt ihm jezt manche Lasterkost zu kostbar, wodurch er jedoch noch ärger wird. Dieser Mensch ist offenbar ein unheilbarer Seelenkranker, dessen ganze Seelenkrankheit in ihrem Umfange ich nicht zu beschreiben im Stande bin. Alle moralische Mittel zu seiner Besserung sind wirklich bereits [37]erschöpft. Religion kennt er, aber hat sie nicht, hält sie für ein Hirngespenst, und stößt sie von sich, wo sie seine Schritte zügeln will. Die gemeine Menschenehre ist ihm Thorheit; Wohlstand, Beifall, Glauben, Zutrauen des Nächsten sucht er nicht; seine Lüste zu fröhnen, ohne Einschränkung zügellos zu leben, nur das ist sein einziges Augenmerk, das Ziel der Ehre wohin er strebt. Zwangmittel sind bisher fruchtlos gewesen, und moralische als die einzigen ächten Besserungsmittel für den Menschen, werden fruchtlos bleiben. Kömmt einmal sein Sterbelager näher, so möchte höchstens eine erzwungene Galgenbuße seine Miene frömmer machen, aber sicher sein Herz nicht bessern, seine Seele nicht heilen. Wollen wir kein Wunderwerk annehmen, so kann diese durchaus erkrankte Seele schwerlich auf dem natürlichen Wege der Besserung durch neue Kultur der Seelenkräfte gebessert werden. Ein Arbeits- lieber Besserungs- als Zuchthaus, wo ein solcher Mensch mehrere Jahre im Stillen ohne alle Gesellschaft fleißig arbeiten müßte, wäre die beste Kur und zugleich Wohlthat für den Staat. In Gesellschaft zu arbeiten würde ein solcher Mensch sicher der alte bleiben, die Seele nie recht aufwachen und zu sich selbst kommen. Sonst muß wohl der treue Volkslehrer das beste thun, solche Krankheiten durch Popularität im Predigen, Katechisiren und Hausbesuchen, zu heilen und vorzubeugen suchen. Aecht populäre Prediger, die zu diesem [38]Geschäft abzweckten, kenne ich noch nicht. Was gemeinhin populär heißt, ist bei weitem nicht für alle aus der Volksclasse populär. Die Local-Volkssprache wissen, die Erkenntniß, Denkungsart, Sitten, Vorurtheile, Gebräuche, Gewohnheiten und besonders den Winkelwandel, ich will sagen das gemeine tägliche Betragen des Volks unter und gegen einander auszuspähen, treulich benutzen, verlangt die eigentliche Popularität. An jedem Orte, für jedes gemeine Volk populär und gleich nüzlich zu seyn, ist Unmöglichkeit; das Stadtvolk verlangt einen ganz andern populären Vortrag als das Landvolk, und die eine Landgemeine wieder einen andern, als die zweite Gemeine in einer benachbarten Provinz. Gut wär' es, wenn jeder treue Prediger eine genaue unpartheische Liste über den moralischen Wandel und Gemüthszustand seiner Eingepfarrten halten könnte; wahrscheinlich würde sie ihm gute Dienste leisten. —

Zur Hellen
Prediger in der Grafschaft Ravensberg.

4.

Bemerkungen über einen inkorrigiblen Dieb in psychologischer Rücksicht.

Zur Hellen

Das Laster ist bekanntlich eine herrschende böse Neigung, die durch öftere Befriedigung Fertigkeit [39]in Volbringung böser Thaten und oft unvertilgbarer Hang zu bösen Thaten wird; Diese Fertigkeit, unedler Hang, böse Neigung bestimmen den moralischen Character des Lasterhaften. Nur wenige lasterhafte Menschen im eigentlichen Sinn der Wortbedeutung, sind von Grund aus zu heilen. Laster ist und kann also nichts Angebohrnes, nichts der menschlichen Natur Eigentümliches seyn, in Rüksicht ihrer ursprünglichen Beschaffenheit; böse Neigung ist Laster, wenn sie herrschend wird, und sie müßte herrschend seyn, wenn sie angebohren wäre. Der Verfasser der Geschichte seiner Verirrungen B. 3. St. 1. der Erfahrungsseelenkunde irrt sich folglich, wenn er S. 11 sagt, gutes und böses Herz werden wohl angebohren. Grundtriebe, Affecten, Temperament, werden angebohren, verherrlichende Weisheit des großen Schöpfers vermögen zum Bösen, es zu begehen, anzunehmen u.s.w. Der Zunder, die Empfänglichkeit fürs Böse, offen für unedle Neigungen, ist in der menschlichen Natur anzutreffen, entspringt und ist aufs wesentlichste mit den Grundtrieben, Affecten und Temperament des Menschen vereint. Der Mensch ist mithin durch seine Natur zu keinen unedlen Neigungen gezwungen; wär ers, hätte er ein angebohrnes schlechtes Herz: wie wären auch die Haupteigenschaften Gottes, seine Gerechtigkeit, seine uneingeschränkte unpartheische Menschenliebe, womit er aller Menschen Wohl und dauerndes Glük so offenbar will, [40]zu rechtfertigen? Daß der eine Mensch mehr Zunder, mehr Empfänglichkeit, mehr Offenheit, wenn ich so reden darf, für unedle Neigungen hat, als der andere, so wie der eine mehr Lebhaftigkeit des Temperaments, heftigere Affecten, stärkere Grundtriebe besizt als der andere ist ausser Zweifel. Diese oft auffallende Verschiedenheit hat die Idee erzeugt: er ist mit dem Strick gebohren, wie der große und fromme Saurin, auch so manche andere Beispiele diese Idee zu begünstigen scheinen. Gewisse unedle Neigungen, gewisse böse Triebe können der Natur des Menschen nicht angebohren seyn, weil er sonst auch wider Willen zu bösen Handlungen gezwungen seyn würde, also wie eine todte Maschiene nie zu einem moralischen Character gelangen könnte, und ohne diesen ist der Mensch Idiot, oder ein Verstandloser, der keinen Willen hat, — denn sein moralischer Character hängt lediglich von seinem freien Betragen und Verbindungen ab, folglich weder durch Kultur der Seelenkräfte, durch Erziehung, durch Umgang, durch Gewohnheit, durch zufällige Umstände des Körpers, noch durch die Religion gebildet werden könnte. Das Vermögen darf ich sagen, die Kraft zu guten als bösen Neigungen, der Zunder für beides muß der Natur der Seele eigen seyn, und muß ohnstreitig zu der metaphysischen Vollkommenheit des Menschen gehören, so wie er in seinem gegenwärtigen Zustande seyn sollte, nemlich für diese beste Welt, metaphysisch eingeschränkt, aus [41]welcher Einschränkung moralische als physische Uebel nothwendig erfolgen müssen, und auch nach dem unübersehbaren Plane des Ewigen zum Besten seiner Welt erfolgen sollten. Das Vermögen, die Kraft, die der Mensch zum Bösen frey hat, bestimmt ihn aber durchaus nicht, irgend eine böse Neigung bey sich herrschend werden zu laßen, sonst würde sein natürliches Seelentemperament einen nothwendigen Einfluß in seinen sittlichen Character haben, den es doch nothwendig nicht hat, noch haben kann; dies beweiset schon die bekannte Geschichte in Socratis Leben. Selbst der moralische Character des Menschen würde aufgehoben, wenn er nothwendig durch Natur gezwungen, in eine böse Neigung, die Unglük für ihn wird, willigen müßte. Freyer Wille, der des Menschen Moralität allein bestimmt, und angebohrne schlechte Neigungen oder ein böses Herz die elend machen, laßen sich nicht bei einander gedenken. Angebohren ist gezwungen, es ist Grundtrieb und determiniret meinen Willen, so lange die Seele ihre Herrschaft noch hat. Wäre irgend ein Mensch durch die ursprüngliche Beschaffenheit seines Seelentemperaments zu gewissen unedlen Neigungen gezwungen, oder auch durch das Temperament des Körpers, so würde seine moralische Unvollkommenheit in Ewigkeit wachsen, und so unaufhörlich fort aller Verbesserung unfähig bleiben, oder Gott müßte das Wesen der Seele selbst umschaffen und das wird er doch nicht. Das böse [42]Herz, Lasterhaftigkeit, Fertigkeit böser Neigungen, muß also doch wohl durch eine verkehrte Richtung der Seelenkräfte, also durch eigene Schuld des Menschen, durch Vernachläßigung, schlechte Erziehung und äußere Umstände erzeuget werden. Wenigstens fehlt mirs an aller philosophischer Ueberzeugung, daß ein Mensch durch die ursprüngliche Beschaffenheit seiner Natur zu gewissen unedlen Neigungen oder Lasterhaftigkeit gezwungen wäre.

Es heißt: jeder Dieb ist mit dem Strick gebohren, er kann das Stehlen nicht laßen, er muß stehlen, er weiß selbst nicht wenn er stiehlt; eine Erscheinung dieser Art findet sich in der Erfahrungsseelenkunde B. II. St. 1. S. 18. dasselbe muß von Säufern auch gesagt werden können, da mancher bis in seinen Tod säuft, und ebenfalls incorrigible ist, ob er gleich nicht so früh säuft als jener stahl. Von beiden sind mir während meiner siebenjährigen Amtsführung mehrere Exempel bekannt geworden. Ich glaube lieber, daß eigentlich lasterhafte incorrigible Menschen durch eine frühzeitig verstimmte irre geleitete Seelenkraft krank an der Seele sind, und daß ihr unüberwindlich gewordener Hang zu einem gewissen Laster die übrigen Seelenkräfte ganz überwieget, und die entgegenstehende gute Neigung unterdrücket. Ein beständiges Abweichen vom rechten Wege läßt doch wohl ein gewisses Kopfübel vermuthen — wer immer fehl siehet, muß ein schielendes oder schwaches Auge haben, beides ist Augenkrank-[43]heit. Angebohren ist keinem Menschen das Stehlen, Huren, Saufen u.s.w., weil jedes Laster da erst Laster wird, wo des Menschen moralischer Character zu wachsen anfängt, wo er freywillig wählen, sich entschließen und bestimmen kann — wo er wählen und frey handeln kann, da erst kann die gefaßte unedle Neigung Laster werden. Der sechs bis neunjährige kleine Dieb wird aus guten Gründen wenn ich so reden mag, mit der Zeit ein incorrigibler Dieb, wie nachfolgende Geschichte darthun wird. Wird das Kind besonders aus niederem Stande, dem es gar zu oft an guter Erziehung und Anführung fehlt, mit den Jahren ein Lasterhafter, in welcher Rüksicht es sey und zwar ein solcher, der auf keine Weise zu bessern ist, so sind seine ursprünglich unschuldigen Neigungen, Grundtriebe, offenbar nicht directe Schuld, wohl aber kann schlechte Erziehung, böses Exempel und andere Umstände dem Kinde mit der Zeit überwiegenden Hang zu unedlen Neigungen beybringen, die durch seine mehr oder minder heftige Affecten und Temperament angeflammt herrschend werden. Dadurch wird dann gleichsam die ganze Seelenbegehrungskraft verstimmet, verdorben und endlich die ihr natürlichste und mächtigste Kraft, wornach der Mensch denn handeln muß; er kann dann nicht anders als schlecht begehren und handeln, weil seine Seele dazu nun die meiste geübte Kraft hat.

[44]

Dieser Seelenzustand scheint mir Seelenkrankheit zu seyn, weil eine solche Seele niemals durch physische Mittel in den vorigen Zustand der Gesundheit wieder zu bringen ist. — Nun die Geschichte selbst die mich zu diesen unvollständigen Bemerkungen veranlaßte.

Vor etwa neun bis zehn Jahren zerstreute der damalige Richter in Bielefeld jetziger Regierungs- und Tribunalrath von Hellen in Königsberg eine starke Diebesbande, die die hiesige Gegend, besonders die Dörfer äusserst beunruhigte, und weit bis in die Grafschaft Mark umherstreifte. Der verdienstvolle Richter war auch bei seinen eifrigen patriotischen Bemühungen so glüklich, einige Anführer dieser Bande und einen Theil des Anhanges gefänglich einzuziehen. Einige Räuber als Soldaten wurden vom Regiment gezüchtigt, andere zur Vestung nach Wesel transportirt, der Hauptanführer Namens Schnell aber wurde zum Strange verdammet. Der zweite Hauptanführer Joh. Phil. Gering war damals theils unbekannt, theils noch auf flüchtigem Fuß. Dieses mein Subject Gering sezte indeß als Anführer der noch übrigen Bande die Räubereien im Paderbornischen und der Grafschaft Mark fort. Einige von seiner Bande wurden ertappt, und bei Werl einem katholischen Städtchen zwischen Soest und Unna aufgeknüpft. Vier bis sechs dieser Räuber paradierten nach dortiger Sitte in neuer weisser Monti-[45]rung am Galgen, der dicht an der Landstraße steht, und mir, der ich eben auf einer Reise begriffen war bei meiner Annäherung nach völlig gesunkenem Tage ein unerklärbares Phänomen wurden, zumal ich von der scheußlichen Scene nichts wuste, so daß ich alle meine Kurage zusammennehmen mußte, dies Abentheuer, wollte ich nicht retiriren, mannhaft zu bestehen. Kurz nachher wurde denn auch endlich unser Gering inhaftirt; der Proceß wurde ihm gemacht, und nach gehöriger Procedur wurd' er auch zum Galgen verdammt; mit ihm wurden mehrere Räuber eingezogen, welche wesentliche Wohlthat unser Publicum dem würdigen und wachsamen damaligen Amtmann jetzigen Kriegs- und Domänen-Rath Tiemann in Minden zu verdanken hatte. Diese Nachricht schien Gerings Muth, dem Aeussern nach, niederzuschlagen, denn er war schon mehrmalen aus verschiedenen Gegenden dem Strange glüklich entwischt. Inzwischen war er doch noch zu delicat, als am Galgen sterben zu wollen, der Vorwand war: der Sünder am Galgen sey verflucht; ein gemisdeuteter Spruch war ihm Veranlassung, denn er war reich an guten biblischen Sprüchen. Gering hielt also um das Schwert an, auch dadurch Zeit zu gewinnen, sich von seinen starken Banden zu befreien, und die Mauer des Gefängnisses mit Hülfe seines Spiesgesellen zu durchbrechen. In dieser Zwischenzeit, wo er denn auch seine Zeit zum Durchbrechen recht fleißig benutzte, besuchte [46]ich dieses moralische Ungeheuer. Er war ein starker, wohlgebildeter Kerl von vierzig bis zweiundvierzig Jahren — mehr aus Neugierde meine Menschenkenntniß zu erweitern, seine Gemüthsart, die Lage seiner Seele kennen zu lernen, als Begierde seine incorrigible Seele zu bessern, ging ich zu ihm, zumal er doch von einigen Mitgliedern der Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit fleißig besucht wurde, auch von diesen Herren leichter wie von mir Hofnung einer völligen Begnadigung erhielt; zudem hatte sich Gering ehemals in meiner Gemeine eine Zeitlang als Knecht aufgehalten. Also nicht aus Bekehrungssucht ging ich hin, weil auch nach meiner Einsicht ein solcher Seelenpatient, ein verhärteter Lasterknecht, höchst selten curirt wird; solcher Fall ist glaublich, ist möglich, nie aber überzeugend gewiß, wenn der Patient nicht durch sichtbare Proben seine neue Sinnesänderung, durch gänzlich gebesserten Wandel zu Tage legt, und uns dadurch neue Erfahrung von sich giebt. Wär's so leicht dies Geschäft, aus einem durch Gewohnheit und Uebung verhärteten Bösewicht durchs Evangelium einen neuen Menschen zu machen; wärs hie und da einmal glaublich, einen solchen Patienten zu bessern; so fehlts ihm doch noch immer an eigner beruhigender Ueberzeugung von seiner geschehenen gänzlichen Sinnesänderung, von der kein Mensch ohne selbst gemachte neue Erfahrung gewiß werden kann, und ohne eine solche beruhigende Ueberzeu-[47]gung ist seine Hofnung, Begnadigung zu erlangen, nur Traum; Gering wird diesen Satz bestätigen.

Dieser Unglükliche wurde nach meinem Verlangen ihn zu sprechen mit der Wache zu mir in die Verhörstube gebracht. Stark geschlossen wankte er zu mir herein, seine Füße bebten unter der lästigen Maschine seines gemästeten Körpers; ich hieß ihn sich zu setzen. Darauf fing ich denn in Gegenwart des Wachtmeisters und der Wache meine Unterredung an, that viele neubegierige Fragen um ihn ganz kennen zu lernen, fing von seiner ersten Jugend an, und durchging mit ihm sein ganzes Leben bis daher. Kurz ich durchspähte jeden Schritt seiner Bahn, so gut ich konnte, um den Elenden in seiner ganzen Schwärze zu anderer weitern Benutzung kennen zu lernen. Das hauptsächlichste Studium des Volkslehrers ist nach der heiligen Schrift ja wohl Menschenkenntnis. — Frech war der Elende, und mit gezwungener Wehmuth entpreßte sein Kieselherz dem Lasterauge eine ungewohnte Thräne, das die Würde der Thränenquelle nicht kannte, bei dem Geständnis seiner wilden Lasterhaftigkeit und Verwerfung des Allmächtigen; jedoch beantwortete er freymüthig alle meine prämeditirte Fragen, und erfüllte meine Wünsche. Ich erfrug seinen genoß'nen Jugendunterricht, das gegebene Exempel seiner verstorbenen Eltern. Der Unterricht mußte gut gewesen seyn, er hatte bei einem sehr fähigen Kopf viel richtige und gute Erkenntnis, und war in allen [48]Büchern der heiligen Schrift sehr bewandert; applicirte bei einer Menge lehrreicher Gesänge manche Stelle der Schrift und Gleichnisse gut. Ich suchte demnächst den Anfang die Quelle seiner Lasterhaftigkeit auf, und erfuhr, daß er in seinem neunten Jahre zuerst Kohl aus des Nachbaren Garten gestohlen habe, wozu seine Eltern gelächelt hätten; habe aber nicht gewust, daß seine Nascherey so unerlaubt sey, ein gewisses Schaudern habe er zwar gefühlt, nur das Lächeln der Eltern (die sonst keine Diebe waren) habe ihn leicht wieder beruhiget. Mit dergleichen Bübereien habe er nachher kontinnuirt; besonders bei seinen Schulkammeraden, unter denen (gemeinen Standes) dergleichen oft vorgefallen. Wie er aber nachmals bei andern Leuten als Knabe und Knecht gedienet, habe er durch Tausch, Handel auch Entwenden manche Acquisition gemacht und dadurch zur Dieberey immer mehr Neigung bekommen, bis es ihm zur Profession geworden. Seine Liederlichkeit reizte ihn endlich Soldat zu werden, und als solcher wurde er, nachdem er Diebereien wegen mehrmalen gezüchtigt worden, (wie mir bekannt war) nach Pohlen geschikt; von da er desertirte, auch in fremden Gegenden mehrmalen aus gefänglicher Haft dem Strange entfloh, bis nun sein Maas voll zu seyn schien. Sein Hang zum Stehlen kontinuirte er, habe sich inzwischen aller Gefahren ohngeachtet dergestalt vermehret, daß ihn selbst das Exempel seines vor einigen Jahren aufgeknüpften [49]Kompagnons Schnell, dessen Execution er aus einem nahen Gebüsche umständlich angesehen, nicht habe anders Sinnes machen können; habe auch ohne sonderliche Empfindung als schwebe er nicht in gleicher Gefahr, zusehen können. In der folgenden Nacht aber, als er unter dem Galgen durchgegangen und Schnells Schiksal auch dessen Verlust beklagt habe, sey ihm ein fürchterlicher Schreck überfallen, habe sich darauf entfernt, und fest vorgenommen neu nicht wieder zu stehlen, sey auch mit diesem Vorsatz ein paar Stunden weiter gegangen, eine unvermuthete Gelegenheit aber habe ihn in der Morgendämmerung unwiderstehlich zu einem neuen Diebstahle gereizt, und er habe stehlen müssen. Auf meine eingestreute Erinnerungen, sein Inners zu rühren, versezte er: er habe manchen guten Eindruk gehabt z.B. beim Vorübergehen eines Gottesdienstes, habe selbst manche Kirche besucht und fleißig zugehört, sey oft in guten Gesellschaften gewesen, habe sich aber nie recht getroffen gefühlt und immer ohne Rührung geblieben, als ginge ihn von allem Guten nichts an. Endlich nach vielem offenherzigen Erzehlen, das ihm jedoch nicht schaden konnte, und vielen Antworten, frug er, was ich denn nun wohl von seinem Seelenzustande hielte; mehr aus Neugierde als Ernst! ob er wohl selig werden und zu Gnaden kommen könnte? — denn er arbeitete recht eifrig an seinem Durchbrechen. So läßt sich mancher gute Geistliche hinters Licht führen, der mit der Gnade [50]schon so bereitwillig war. Ich ging darauf nach der Geschichte, die er mir von seinem Herzen an die Hand gegeben hatte, sein zeitheriges Leben mit ihm durch, und wollte ihm seine jetzige Angelegenheit, da er verstellt etwas Ernst blicken ließ, (denn sein heimliches Unternehmen witterte kein Mensch) wichtig machen, zeigte ihm daß eine gänzliche Sinnesänderung mit ihm vorgehen müßte; er müsse nach der von ihm so lange und muthwillig verachteten Lehre Christi ein neuer Mensch werden u.s.w.; sezte aber hinzu: ich zweifle nach Gründen der H. S. und meiner wenigen Menschenkenntnis, daß er in kurzer Zeit eine so wichtige Veränderung nüzlich und zu seiner vollen Beruhigung als bei der Sinnesänderung vorgehen müsse, mit sich vornehmen könne? Jezt habe er dazu zwar noch die Mittel in Händen, hätte er die aber bisher zu gebrauchen zu schwer gefunden, da er so viele Gelegenheit, Anleitung und Reiz dazu gehabt, wie weit schwerer es ihm jezt werden würde, sie gehörig zu gebrauchen, da ihm alle Gelegenheit fehle, sie anzuwenden und durch eigne Erfahrung von dem Nutzen ihres Gebrauchs, von seiner wirklichen Besserung und Sinnesänderung sich zu überzeugen. Denn Worte glauben, Vertrauen, Lesen, Beten etc. das wären nur Mittel, und die Zeit sie zu seinem eigenen Besten zu gebrauchen, sey nun vorüber und eben durch diese Mittel müßten wir neue andere Menschen und die Sinnesänderung bewürkt werden, ausser dem gingen wir dem [51]Erlöser nichts an, der nur wirklich gebesserte Menschen in sein Reich haben wolle; die Buße des Sterbebettes und so die Galgenbuße bei langjährig verblendeten Menschen, wäre selten rechter Art, nach dem Sprüchwort: wie der Kranke genas etc. Ich zeigte ihm darauf wie seine Buße oder Sinnesänderung beschaffen seyn, und er von seinem vorigen Wege ganz abtreten müße, wenn sie rechter Art seyn sollte, eine solche traue ich ihm aber schlechterdings nach der Geschichte seines Herzens nicht zu, könne ihm meiner Seits daher keine Hofnung zu einer völligen Begnadigung machen. Schon mehrmalen sey er der Hand Gottes entflohen, und habe immer wieder den alten Weg betreten und jezt sey wieder der Fall da; auch jezt würde er sicher der Alte bleiben, wenn er freye Füße gewinnen könnte; ich müße also glauben, daß er auch noch unterm Galgen bei all seinem Händeringen, Flehen und Weinen das alte Herz behalten würde. Gute Vorsätze und Angelobungen gölten nur dann, wenn sie gehalten würden, und das gewiß zu wissen, dazu wäre seine Seele schon zu verwildert und verblendet. Einem solchen Menschen, der nur die Gestalt noch übrig habe, sey mit Grunde keine Hofnung zu machen. Ist denn gar keine Gnade für mich zu hoffen — und doch war seine Seele des Entwischens und dann der Alte zu bleiben voll — rief er, als ich nach zwey bei ihm zugebrachten Stunden gehen wollte. — Noch nicht Gering, es sey dann u.s.f. versezte ich. Indeß rief der Wacht-[52]meister, ey Herr Prediger: ich bin kommen die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen, spricht der Heiland, und sie wollten ihm das so schwer machen! Hüte er sich mein Freund ein solcher Frommer zu werden, war meine Antwort, solche Fromme, wie hier gemeint waren, sind Pharisäer die sich selbst vermaßen, und sich schon für gut genug hielten, und von Gering wäre zu wünschen, daß er ein solcher Sünder wie die gemeinten wäre, noch ist ers nicht! O wie mancher Lasterhafte wird mit solchen übel verstandenen Kraftworten sanft eingeschläfert, als wenn Händefalten und ein Paar Thränen aus banger Brust eben einen solchen Sünder d.i. Wahrheits- und Besserungsbegierigen Menschen anzeigten! Die Antwort kenne ich, aber wozu nuzt alles leidige Disputiren — bessere den Lasterhaften wenn du kannst, sonst schweig und benutze das Evangelium für dich allein! Ueber diese schließliche Unterredung kam denn ein Geistlicher herein, ein Mitbruder der Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre etc. Dieser nun brachte dem Armensünder, indem ich wegging und meine Absicht erreicht hatte, das rechte Labsal mit; da muste nun alles, was ich gesagt hatte, nicht so strikte zu verstehen seyn; da wurde das Werk der Bekehrung leicht gemacht, wer nur Glauben hatte, denn kann der Lasterknecht bald Engel werden — nur fürchte ich diesen Glauben kannte Gering durchaus nicht, hat ihn auch nicht erlanget, wie die Folge zeigen wird — seine Seele war unheilbar krank. [53]Diese gutgemeinte Zubereitung oder vielmehr die fleißig hingebrachten andern Mittel, zur Begnadigung zu gelangen, die dem übrigens redlichen und frommen Geistlichen von Herzen gingen, musten Gering, der schon ein ruhiger und wiederkehrender Sünder zu seyn schien, nicht misfallen; denn er arbeitete nicht nur fleißig an seiner leiblichen Erlösung, wie sich das nach einigen Wochen auswies, sondern mag auch sicher geglaubt haben: nach dieser Methode ist es mit deiner Bekehrung immer früh genug, nimmer zu spät, bist immer willkommen, wirst immer zu Gnaden aufgenommen, wenn du nur kömmst. Gering entkam endlich, nachdem er sich mühsam mit Kunst und Fleiß durchgebrochen, vollkommen nach Wunsch, sezte auch seine alte Profession wo ich nicht irre dreyviertel Jahr eifrig fort, bis er auf der Osnabrückschen Gränze ertapt, wohl gemästet und weit korpulenter zurükgebracht wurde. Seine Rükreise von einigen Tagen bis Bielefeld war indeß die lezte Gelegenheit, wo er seinen moralischen Character in der aller allerschwärzesten und schändlichsten Gestalt zeigen konnte. Spott über die ehrwürdigsten Gegenstände, Lästerungen über die allwaltende Hand, der er leicht zu entkommen glaubte, nur diesesmal sich irrte, besonders ließ er den gottlosesten Witz sehen, und das mußte auch der Geistliche in einer benachbarten Landstadt erfahren, der beim Vorübergehen in das eben von Gering eingenommene Logis aus Neugierde trat, und mit ein paar [54] kraftvollen biblischen Worten anredete, aber unverhoft eine witzig angebrachte Replic aus dem A. T. erhielt, die sein Herz so wie seinen Kopf kennbar machten. Das alte Schloß Sparenberg wurde nun seine lezte Wohnung. Scham über seine gottlose Verstellung kannte er nicht, kein demüthiger Blick bezähmte sein freches Auge, als er seine verlaßne Wohnung und gehabte Bekanntschaft wieder sah. Gering, Gering rief bei seiner Ankunft ein sehr würdiger junger Officier ihm zu, ihr betrügt euch, wie wirds mit euch werden! Gottes Barmherzigkeit ist unendlich; ich habe viel gesündigt, aber bei Gott ist viel Erbarmen, war seine Antwort — natürlich, wie seine Grundsätze so die Sprache, in denen er wie schon gesagt bestärkt worden war. Wenn er in seinem Gefängniß besucht wurde, bat er Platz zu nehmen, und machte die Honörs; begafte ihn der Pöbel, so füllten die zotigsten Pöbelein, die garstigsten Ränke und Erzehlungen seine Gespräche; noch Tages vor seiner Execution aß er mit gierigstem Appetit, und seine Seele empfand nichts als — den Geschmack. Zwey Tage vor seiner Hinrichtung ließ er mich durch einen Menschen aus meiner Gemeinde bitten, ihn noch einmal zu besuchen; ich fand aber keinen Beruf, das Werk der Bekehrung an ihm zu versuchen und ihn zu bessern mich zu schwach, wozu er auch nicht gebracht seyn würde. Seine Hinreise nach dem Ort der Execution war feierlich, und in Absicht meiner Meinung von Unzu-[55]länglichkeit der Galgenbuße, interessant. Völlig ungerührt, und mit kindischem Leichtsinn flatterten seine Augen vom Wagen unter den begleitenden Haufen herum. Vier Geistliche sangen mitlerweile fleißig, und das Chor Waisenhäuser Schüler ging mit hellem Klange voran; er wurde oft ermahnt mit zu singen, allein seine Thierseele konnte diesmal nichts als umher sehen, als suchte er sich der Last des Singens zu entledigen, und sich zum letztenmale schadlos zu halten. Ich beklagte bei dieser Gelegenheit die würdigen Geistlichen seine Begleiter, und wünschte zur Ehre ihres Berufs, daß dieses die lezte Begleitung solcher Menschen seyn möchte. Und nun war der Galgen nahe, wo der Elende seinen unglücklichen durch eigne Schuld verwahrloseten unheilbar erkrankten Geist aufgeben sollte. — Philipp ich wünsche dir eine gute Hinfahrt! rief der anwesende General mit vielem Effect nur nicht für Philipp, als er vom Wagen in den eröfneten Kreis trat. Dieser Wunsch erbitterte sichtbarlich Gerings wachen Geist. Die Verlesung des Urtheils spornte ihn darauf an mit funkelnden ergrimmten Blicken seine Schritte zu seiner lezten Gesellschaft der Henker zu verdoppeln. Da ward an keine gefaltete Hand gedacht, und die Thräne der Verstellung die er ehedem weinte, saß da fest, denn Reue, Wehmuth, Schmerz über verdientes Elend kannte er nicht! Muthig ließ er sich hinauf ziehen in die tödtliche Höhe des schimpflichen Holtzes; wie Belial [56]warf er seinen lezten Blick seinem zur Linken hangenden ehemaligen Spiesgesellen und nunmehrigen Gesellschafter Schnell zu; dieser Anblick erschütterte sein hart verschloßnes Innere plötzlich, und nun wollte er noch einige Seufzer nachholen, stoßte kaum eine fruchtlose Floskel der Andacht aus, und der tödtende Strick ergrif seinen Hals. Dieser Lasterhafte, ders unverändert blieb, war, wers nicht besser wuste, ein gebohrner Dieb, mit dem Strick gebohren, so bekannt war er als ein solcher in dieser Gegend; er konnte das Stehlen nicht laßen, ob er gleich mehrmalen dem Strick entronnen war. Seine Jugend war Anfangs schuldlos, voll der besten Anlagen des Geistes und Herzens — hatte viel gute Erkenntniß, und wurde doch in kurzer Zeit ein so durchaus inkorrigibler Dieb, wie dazu gebohren; der Todt selbst schien eine zu schwache Kur zu seiner Besserung zu seyn. Hier ists offenbar, daß das natürliche Seelentemperament der Hauptsache nach ganz und gar keinen nothwendigen Einfluß in den sittlichen Character des Menschen habe, also kein Mensch durch seine Natur zu irgend einer bösen Neigung gezwungen sey; also weg mit den Temperamentssünden, die der Klügling so delicat zu bemänteln weiß. Ist es wahr, daß der große fromme Saurin und andere das Naschen nicht laßen konnten, so war vernachläßigte Aufmerksamkeit in Jugendjahren alleine Schuld, und nun wurd' es Gewohnheit, wofür das ursprüngliche Seelentemperament nichts [57]konnte, und woran selbst der sittliche Charakter bei Saurin keinen Theil hatte. Jedes Herz kann durch vernachläßigte Aufmerksamkeit und Verwahrlosung böse, nehmlich durchaus lasterhaft werden.

Zur Hellen
Prediger in der Grafschaft Ravensberg.

[58]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Psychologische Bemerkungen über Träume und Nachtwandler.

Pockels, Carl Friedrich

Fortsetzung.
(Siehe vorhergehendes Stück.)

Ein sehr merkwürdiges Beispiel von einem Nachtwandler kommt unter dem Artikel: Somnambule und Somnambulisme, in der Encyclopedie, oder Dictionnaire universel raisonné des connoissances humaines, Tome XXXVIII vor, welches vor allen andern angeführt zu werden verdient, und welches der Erzbischof von Bourdeaux dem Encyclopedisten erzählt hat.*) 1

»Als besagter Erzbischof noch auf dem Seminarium war, kannte er einen jungen Geistlichen, [59]welcher nachtwandelte. Um die sonderbare Beschaffenheit dieser Krankheit kennen zu lernen, ging er alle Nächte in seine Stube, sobald der Geistliche eingeschlafen war, und beobachtete unter andern Folgendes. Der junge Mann richtete sich auf, nahm Papier und arbeitete geistliche Reden aus, die er auch zugleich aufschrieb. Wenn er eine Seite geendigt hatte, las er sie von oben bis unten noch einmahl laut her, (wenn man anders, sezt der Encyclopedist hinzu es Lesen nennen kann, da er sich seiner Augen nicht bediente.) Wenn ihm eine Stelle in seiner Ausarbeitung nicht gefiel; so strich er sie aus,und schrieb mit vieler Richtigkeit die Verbesserung darüber. Ich habe den Anfang einer Predigt gesehen, die dieser junge Geistliche im Schlaf gemacht hatte; sie schien mir sehr gut ausgearbeitet, und correct geschrieben zu seyn. Aber es fand sich eine auffallende Verbesserung darin. Er hatte an einer Stelle geschrieben: ce divin enfant. Beim Wiederdurchlesen glaubte er statt des Worts divin, adorable setzen zu müssen, deswegen strich er das erstere Wort aus, und sezte das zweite gerade drüber. Da er aber zugleich bemerkte, daß der Artikel ce nicht vor dem Wort adorable, welcher vor divin stand, stehen bleiben könne; so sezte er sehr geschikt zu dem Wörtchen ce noch ein t hinzu, so daß man nun also die Worte: cet adorable enfant laß.

Um sich zu überzeugen, ob der Nachtwandrer durchaus keinen Gebrauch von seinen Augen während [60]dieser Art von Arbeit mache, so hielt der Erzbischof ihm eine Pappe unter das Kinn, damit er nicht das Papier worauf der Geistliche schrieb, sehen könnte; aber er schrieb fort, ohne daß er merkte, was jener mit ihm vornahm. Um ferner zu wissen, wie der Nachtwandrer die Gegenwart der Objecte, die sich vor ihm befanden, erkenne, so nahm ihm jener das Papier weg, worauf er schrieb, und legte ihm verschiedene andre Papiere unter; aber in den Augenblick wurde es der junge Geistliche gewahr, weil sie von ungleicher Größe waren. Wenn man ihm aber ein Papier unterschob, welches dem seinigen vollkommen gleich war, so hielt er es auch für das Seinige, und schrieb die Verbesserungen auf die Seiten, die mit dem Seinigen überein kamen. Durch diesen Kunstgriff bekam man denn verschiedene seiner nächtlichen Schriften in die Hände.

Der Erzbischof von Bourdeaux, fährt der Encyclopedist fort, hat sie mir mitgetheilt. Das Erstaunenswürdigste davon sind seine ziemlich genau geschriebenen musicalischen Stücke. Er bediente sich dazu eines Stocks statt des Lineals, zog die fünf Linien in gehöriger Entfernung von einander, sezte den Schlüssel, die Vorzeichnungen und halben Töne an ihre rechte Stelle, und bezeichnete dann die Noten, die er anfangs nicht ausfüllte, wenn aber das musicalische Stück geendigt war, diejenigen ganz schwarz zeichnete, die es seyn mußten. Die Worte waren darunter geschrieben. Es be-[61]gegnete ihm einstmahls, daß die Worte zu groß geschrieben waren, und nicht grade unter ihre correspondirenden Noten zu stehen kamen. Er erkannte aber sogleich seinen Fehler, und wischte, indem er mit der Hand darüber fuhr, seine Arbeit wieder aus; aber weiter unten machte er eine neue musicalische Linie mit der größten Genauigkeit.

Eine nicht weniger bemerkenswerthe Sonderbarkeit ist diese. Er bildete sich nehmlich einstmahls des Nachts mitten im Winter ein, daß er am Ufer eines Flußes spazieren gienge, und ein badendes Kind in den Fluß hinabstürzen sehe. Die Strenge der Kälte hielt ihn nicht ab, dem Kinde zu Hülfe zu eilen; er warf sich augenblicklich über sein Bette, in der Lage eines Schwimmenden. Er machte alle Bewegungen eines solchen nach, und da er sich bei dieser Bewegung einige Zeit abgemattet hatte; so bemerkte er im Winkel seines Bettes eine zusammen gewickelte Decke, glaubte, daß diese das Kind sey, ergriff es mit der einen Hand, und bediente sich der andern, um durchs Schwimmen wieder ans Ufer des vermeintlichen Flußes zu kommen. Hier sezte er nun sein Paquet ab, und ging vor Kälte schaudernd, und mit den Zähnen klappernd weiter, grade als wenn er würklich aus einem gefrornen Fluße gestiegen wäre. Er sagte zu den Umstehenden: daß es friere, und daß er vor Kälte halb erstarret sey! Er foderte ein Glas vom Lebenswasser, um sich wieder zu erwärmen, weil aber keines vorhanden war, [62]so gab man ihm von dem gewöhnlichen Wasser, welches in der Kammer stand. Aber er merkte den Betrug sogleich, als er es gekostet hatte, und foderte nun mit noch mehrerer Lebhaftigkeit jenes Lebenswasser, indem er zeigte, daß er ohne dasselbe sterben müßte. Jezt brachte man ihm ein Glas Liqueur; er nahm es mit vielem Vergnügen, und sagte, indem er dran roch: daß er sich schon viel besser befinde! Inzwischen erwachte er nicht, legte sich wieder hin, und schlief ganz ruhig fort. Der junge Mann hat noch eine Menge andrer sehr sonderbarer Handlungen unternommen. Das Auffallendste und Merkwürdigste hiebei ist noch dies, daß wenn man seine Gedanken von unangenehmen und traurigen Bildern der Phantasie abziehen wollte, man nur seine Lippen mit einer Feder bestreichen dürfte, wo er denn augenblicklich auf ganz andre Sachen fiel.« —

Der Encyclopedist hat bei dieser Gelegenheit seine Gedanken über das Nachtwandeln zugleich mitgetheilt. Sie sind zum Theil interessant genug, um sie hierher zu setzen, obgleich durch seine Untersuchungen jenes Phänomen noch lange nicht ganz erklärt wird, das auch wirklich nicht erklärt werden kann, so lange man alles bloß aus der Einbildungskraft begreiflich zu machen sucht.

»Ob man gleich, sagt er, einen Nachtwandler durch dergleichen unwiderlegliche Facta, wie wir angeführt haben, kennen lernen kann; so ists doch [63]nicht leicht, die Ursache und den Mechanismus seines Uebels zu entdecken. Schon die Abstammung des Worts dieser Krankheit ist eine gefährliche Klippe für alle die Hypothesenmacher und Halbgelehrten, welche nichts glauben, was sie nicht erklären, und sich nicht vorstellen können, daß die Natur für ihren Kopf undurchdringliche Geheimnisse habe. Man kann sie fragen.

a) Wie es zugeht, daß ein Mensch im tiefen Schlaf hört, geht, schreibt, sieht, und mit einem Wort seine Sinne gebrauchen, und mit Genauigkeit verschiedene Bewegungen machen kann. Um die Auflösung dieses Problems zu erleichtern, wollen wir hinzusetzen, daß der Nachtwandler keine andern Objecte bemerkt, als deren er zu seinen Geschäften alsdenn nöthig hat, und die seiner Imagination gegenwärtig sind. Der Geistliche, von dem wir geredet haben, sahe, wenn er seine Predigten abfaßte, sein Papier sehr gut, seine Dinte, seine Feder, und wuste es, wenn sie schrieb, oder nicht schrieb. Er verwechselte nie das Dintenfaß mit der Streubüchse, und ließ sichs übrigens nicht einfallen, daß jemand in seiner Kammer sey; er sah und hörte keinen Menschen, wenigstens redete er sie nicht an. Bisweilen foderte er von denen, die er neben sich anzutreffen meinte, überzuckerten Anies, und fand ihn sehr gut, wenn man ihm davon gab; wenn man ihm aber dergleichen zu einer andern Zeit in den Mund steckt, ohne daß seine Einbildungs-[64]kraft grade so hoch gespannt war; so fand er keinen Geschmack daran, und warf ihn weg.

b) Wie kann man Sensationen ohne Hülfe der Sinne bekommen; wie z.B. sehen, ohne die Augen zu gebrauchen? — Unser Nachtwandler schien offenbar die Objecte zu sehen, die sich auf seine Vorstellungen bezogen, indem er nehmlich musicalische Noten schrieb. Er kannte diejenigen genau, welche schwarz oder unausgefüllt seyn mußten, und ohne sich zu irren, machte er einige schwarz, die andern ließ er, wie sie waren, stehen; und wenn er oben wieder zu schreiben anfangen mußte, und die untersten Linien noch nicht trocken waren; so hielt er die eine Hand darüber, um die Noten nicht auszulöschen, wenn sie aber trocken waren, so unterließ er diese unnöthige Vorsicht. Es ist zwar wahr, daß, wenn man ihm ein ähnliches Papier unterschob, er es für das Seinige hielt; aber um von der Aehnlichkeit desselben urtheilen zu können, so brauchte er nicht mit der ganzen Hand darüber zu fahren; vielleicht sahe er nichts, als das Papier ohne die Character zu unterscheiden. Man hat Ursach zu vermuthen, daß die andern Sinne, deren er sich bediente, nicht mehr disponirt waren, als seine Augen. Man hätte sich davon überzeugen können, wenn man ihn an den Ohren gezupft, ihn gekniffen, oder ihm Tabac gegeben hätte.

c) Wie ging es zu, daß er sich im Schlaf an das erinnerte, was ihm in Wachen begegnet war, [65]daß er auch das wuste, was er in andern Träumen vorgenommen hatte, und daß er hingegen beim Aufwachen nicht das mindeste davon wuste. Er bezeugte bisweilen während des Schlafs seine Verwunderung darüber, daß man ihn des Nachtwandelns beschuldige, daß er während der Nacht arbeite, schreibe, rede. Er konnte nicht begreifen, wie man ihm dergleichen Vorwürfe machen könne, da er doch so fest schliefe, und so schwer aufgeweckt werden könnte. Dieses doppelte Gedächtniß ist ein seltsames Phänomen.

d) Wie ist es möglich, daß ohne Einwirkung äußerer Gegenstände man eben so empfindet, als ob man wirkliche Impressionen von aussen bekommen hätte, und unser Nachtwandler empfand ohne aus dem Bette gestiegen zu seyn, alle Symptome, die das gefrierende Wasser hervorbringt, gerade als wenn er wirklich einige Zeit in solchem Wasser gelegen hätte. Wir könnten noch die Auflösung vieler andern Phänomene an den Nachtwandlern fodern, aber man würde uns doch darüber keine Auskunft mehr geben können. Man gestehe nur gerade zu, daß es sehr viele Dinge giebt, wovon wir die Ursachen nicht wissen, und die man auch ganz vergebens aufsuchen würde. Die Natur hat ihre Geheimnisse. Man nehme sich ja in Acht, hinein dringen zu wollen, vorzüglich, wenn kein Nutzen daraus entspringt.« —

[66]

Ich gehe noch weiter. Man wird nicht nur jene erzählten Phänomene nicht auflösen können, sondern sie machen selbst die, welche man begriffen zu haben glaubt, unerklärbar, und die Untersuchungen, die man entschieden zu haben glaubt, dunkel und zweifelhaft. Z.B.

a) Man glaubt gemeiniglich, daß der Schlaf in einer gänzlichen Erschlaffung besteht, welcher den Gebrauch der Sinne und aller willkürlichen Bewegungen aufhebt; — aber bedient sich denn der Nachtwandler nicht einige seiner Sinne; bewegt er nicht verschiedene Theile seines Körpers mit Absicht und Kenntniß der Ursach? und demohnerachtet ist der Schlaf sehr tief. b) Wenn er sich nicht seiner Sinne bedient, um Empfindungen zu bekommen, wie dies bisweilen unläugbar geschieht; so kann man mit Grunde schließen, daß selbst körperliche Objecte sich dem Verstande ohne Sinne vergegenwärtigen und darstellen können. Eine offenbare Ausnahme des berühmten Grundsatzes: nihil est in intellectu, quod prius non fuerit in sensu. Man muß diese Erscheinungen nicht mit denen eines Träumenden verwechseln. Ein Träumender eben so wie ein Wahnwitziger sehen Gegenstände als gegenwärtig, die es nicht sind. — Dies ist ein Fehler des Bewußtseyns, und bisweilen des Verstandes; — aber bei dem Nachtwandler sind die Objecte der Imaginationen gegenwärtig, als wenn sie durch die Sinne hinein gekommen wären. [67]Es sind die nehmlichen, als der Nachtwandler sehen würde, wenn ihm die Augen geöfnet würden. Sie existiren vor ihm grade so, wie er sie sich denkt, das Bewustseyn, das er durch die Zwischenzeit der Sinne erhielt, würde nicht verschieden davon seyn. c) Die größten Beweise, welche der Philosoph über die Existenz der Körper geben kann, gründen sich auf die Eindrücke, die jene in uns hervorbringen. Diese Beweise verliehren nothwendig viel von ihrer Stärke, wenn wir die nehmlichen Wirkungen, ohne daß die Körper wirklich auf uns influiren, empfinden. Dies ist gerade der Fall beim Nachtwandler, welcher friert und schaudert, ohne daß er sich im gefrornen Wasser befunden hat, was er sich nur lebhaft einbildete. (Würde er sich aber dies haben einbilden können, ohne vorher jemals eine Empfindung an Eiß und Kälte gehabt zu haben? Wie unphilosophisch ist also nicht das Raisonnement des Encyclopedisten, daß die Beweise von der Existenz der Körper ihre meiste Stärke dadurch verlohren, daß wir uns Wirkungen ohne ihre Ursachen vorstellen könnten. Beim Nachtwandler thut die Seele ja nichts, als daß sie ehemalige wirkliche Empfindungen, von wirklichen Körpern entweder repetirt, oder auch im Traum, wie oben gezeigt worden, wenigstens dunkle Empfindungen von aussen her bekommt.) Daraus erhellet, daß bloße idealische Impressionen bisweilen eben solche Wirkungen auf den Körper als wirkliche äußern, [68]und daß man kein sicheres Kennzeichen hat, diese von jenen zu unterscheiden. d) Die Entdeckung neuer Phänomene verdunkelt oder zernichtet sehr oft unsre Kenntnisse, wirft unsre Systeme um, und hüllt das in Zweifel ein, was uns noch so ausgemacht schien. — Das Sprüchelchen des Socrates, daß wir nur das gewiß wissen, daß wir nichts wissen, führt der Encyclopädist zur Bestätigung seiner zum Theil wenig scharfsinnigen Gedanken an.

Uebrigens leitet er, physiologisch betrachtet, das Nachtwandeln von einer großen Lebhaftigkeit der Imagination, oder einer ungewöhnlichen Spannung der Gehirnfiebern, und davon außerordentlicher Empfindlichkeit ab, und sezt die Bemerkung hinzu, daß diejenigen, welche viel, sonderlich des Nachts studiren, oder den Kopf durch andre Geschäfte erhitzen, vorzüglich dem Nachtwandeln unterworfen sind.

»Die Gesundheit der Nachtwandler, fährt er fort, scheint eigentlich keine Veränderungen zu leiden. Ihre Handlungen folgen mit der Leichtigkeit eines Gesunden auf einander, und ihr Zustand verdiente kaum den Namen einer Krankheit, wenn man nicht befürchten müßte, daß er sich verschlimmern könne, daß die Spannung der Nerven des Gehirns nicht zunehme, und hinterher in eine Erschlaffung ausarte. Die Manie, oder der Wahnsinn scheint an das Nachtwandeln zu gränzen, vielleicht [69]ist sie die erste Stufe desselben, und ist von ihm wesentlich nicht unterschieden.«

»Es scheint also sehr nothwendig zu seyn, diese Krankheit zu heilen, ehe sie tiefer einwurzelt, stärker und hartnäckiger wird. Aber die Heilmittel sind noch nicht bekannt, und scheinen nicht leicht aufgefunden werden zu können. Vorzüglich kommt es wohl hier auf die Behandlung dieser Leute an. Man muß ihnen Zerstreuungen verschaffen, sie reisen lassen, sie von zu ernsthaften Geschäften abziehen, und andre ihnen angenehme darbiethen, ohne daß sie sie zu sehr anziehen. Hiemit könnte man kalte Bäder verbinden, welches vortrefliche, aber bisher wenig gebrauchte Mittel sind, um das in Unordnung gebrachte Nervensystem wieder zu beruhigen. Was diejenigen Nachtwandler betrift, die aus ihren Betten aufstehen, hin- und her laufen, und daher oft in Gefahr in Abgrund und aus den Fenstern zu stürzen kommen, wie es einem Nachtwandler gieng, der den Cartesius, Aristoteles, und andere Philosophen bei sich zu haben meinte, und als sie sich durchs Fenster wegbegaben, sie begleiten wollte, wenn man ihn nicht zurückgehalten hätte; so muß man sie an ihre Betten anbinden, die Thüren fest zuschließen, die Fenster verriegeln, und wenn sie aufstehen, mit Peitschenhieben aufwecken. Dies Mittel hat bei vielen gefruchtet. Ein gewisser Nachtwandler wurde auch durch ein andres Mittel geheilt, das ich aber nicht vorschlagen möchte. [70]Er stürzte sich aus einem hohen Fenster, brach den Arm, und seit der Zeit wurde er nicht mehr von seiner Krankheit befallen.«


Der seltsamste Nachtwandler, den man noch gefunden hat, ist ein gewisser Johann Baptist Negretti von Vicenza, bei dem Marquis Ludewig Sale ehemals in Diensten. Er war ein schwarzbrauner Mensch; hatte einen sehr trockenen Körper, war hitzig, zornig und betrank sich gern. Er war seit dem eilften Jahre mondsüchtig gewesen; doch kamen die Anfälle nur im März, und dauerten höchstens bis in die Hälfte des Aprils. Die Herren Reghelim und Pigatti machten sich ein Vergnügen, seinen Zustand genau zu beobachten. Der leztere hat im Jahre 1745 einen Bericht davon aufgesezt, dessen vornehmste Umstände im Monat Julius des Journal encyclopedique vom Jahre 1762 zu finden sind. Wenn sich Negretti des Nachts im Vorzimmer auf einen Stuhl gesetzt hatte, schlief er ein, und brachte eine Viertelstunde ruhig schlafend zu. Er richtete sich sodann sitzend in die Höhe, und blieb in dieser Stellung unbeweglich, nicht anders, als ob er nach etwas sähe. Endlich stand er auf, ging im Zimmer herum, zog eine Schnupftabacksdose aus der Tasche, und wollte eine Prise nehmen. Da er aber nicht viel darinn fand, stellte er sich erboßt an, gieng zu einem Stuhle, auf welchem ein [71]Cavalier insgemein zu sitzen pflegte, nannte diesen beim Namen, und verlangte eine Prise Taback von ihm. Man reichte ihm eine offene Dose; er nahm Taback. Hernach trat er in die Stellung eines Menschen, der auf etwas höret; sobald er einen Befehl empfangen zu haben glaubte, lief er mit einem Wachsstocke nach einem Orte, wo insgemein ein brennendes Licht stand. Er glaubte seinen Wachsstock anzuzünden, trug ihn, wie sichs gehört, ging damit durch den Saal, die Treppe hinunter, wobei er sich bisweilen umkehrte und stehen blieb, gleich als ob er jemanden die Treppe hinunter leuchtete. Er kam an die Thüre des Hauses, blieb seitwärts stehen, ließ die Personen hinaus, die er in seiner Einbildung hinunter geführt hatte, und beugte sich, so wie er glaubte, daß sie vor ihm vorbei giengen; hernach löschte er seinen Wachsstock aus, stieg geschwind die Treppe hinan, und setzte ihn wieder an seinen Ort. Er spielte an einem Abende diese Comödie dreimal. Er verließ ferner den Vorsaal, gieng in den Speisesaal, suchte in seiner Tasche den Schlüssel zum Gläserschranke, und rief da er ihn nicht fand, den Bedienten beim Namen, der ihm alle Abende denselben übergeben sollte. Man brachte ihm den Schlüssel, er öffnete damit den Schrank, setzte vier Flaschen auf einen silbernen Teller, und ging in die Küche um sie vermuthlich mit Wasser zu füllen, brachte sie aber leer wieder zurück. Im Hinaufsteigen der Treppe setzte [72]er alles, was er in den Händen hatte, auf einen Schemmel, der mitten auf der Treppe stand, stieg vollends hinauf, und klopfte an die Thüre; da man ihm nun nicht aufmachte, stieg er die Treppe wieder hinunter, suchte den Cammerlaquai, that einige Fragen an ihn, rannte geschwind die Treppe wieder hinan, stieß mit dem Ellbogen an den hingesetzten Teller, und schlug die darauf stehenden Flaschen entzwei, wie es nicht anders seyn konnte. Er klopfte nochmals an die Thüre, und da sie noch nicht aufgemacht wurde, stieg er abermals hinab, nahm im Vorbeigehen den Teller mit, und setzte ihn hernach, da er wieder in den Speisesaal kam, auf einen Tisch. Von da gieng er in die Küche, nahm einen Wassereimer, lief damit an die Plumpe, ließ ihn vollaufen, und trug ihn wieder in die Küche. Er kam sodann wieder zum Teller, und da er keine Flaschen darauf fand, entrüstete er sich, und sagte: daß sie da seyn müßten, weil er sie darauf gesetzt habe; er fragte die andern Bedienten, ob sie dieselben etwan weggenommen hätten? Nach langem Suchen gieng er wieder an den Gläserschrank, nahm zwo andre Flaschen, spühlte sie aus, goß Wasser hinein, und setzte sie auf den Teller. Er trug hierauf alles zusammen in das Vorzimmer, bis an die Thüre des Saals, wo der Kammerlaquai sie von seinen Händen zu empfangen pflegte. Man nahm ihm demnach den Teller mit den Flaschen ab, und gab sie ihm nach einiger Zeit wieder; er trug sie [73]wieder in den Gläserschrank, und setzte sie an ihren Ort. Hierauf gieng er in die Küche, wischte einige Schüsseln mit einer Serviete ab, hielt sie ans Feuer, als ob er sie troknen wollte, und wischte auch die andern Schüsseln ab. Als dieses geschehen war, kam er wieder an den Gläserschrank, legte das Tischtuch und die Servieten in einen kleinen Korb, und ging damit zu einer Tafel, auf welcher insgemein ein angezündetes Licht stand. Er that, als wenn er mit diesem Lichte, ein Messer und eine Gabel suchte, trug den Korb wieder zurück und schloß den Gläserschrank zu. Nachdem er alles, was er aus diesem Schranke genommen, ins Vorzimmer getragen, und auf einen Stuhl gesetzt hatte, nahm er einen runden Tisch, an welchem die Frau vom Hause zu speisen pflegte, und deckte ihn sehr ordentlich. Es stand daneben noch ein anderer Tisch von eben der Gestalt; an welchen er bisweilen aus Versehen kam; aber er fand sich allemal wieder zu den, den er decken wollte. Als er damit fertig war, ging er hin und her, schnautzte sich die Nase, zog die Tabacksdose wieder heraus, steckte die Finger hinein, ohne etwas zu nehmen, gleich als ob er sich nach zwo guten Stunden erinnerte, daß er nichts darinn gefunden habe; indeß war noch so viel darinn, daß er ihn auf die Hand schütten konnte. Hiermit endigte sich die erste Scene, indem man ihm ein Glas Wasser ins Gesicht goß, und ihn aufweckte.

[74]

Den folgenden Tag hatte der Marquis Abends Gesellschaft bei sich, welches nicht oft geschahe. Man foderte einen Stuhl nach dem andern, so wie ein Gast nach dem andern kam. Negretti schlief unterdessen ein; nach einem kurzen Schlafe stand er auf, schneuzte sich, nahm Taback, und lief geschwind in ein andres Zimmer, um Stühle zu holen. Das Merkwürdigste ist, daß, da er einen Stuhl mit beiden Händen trug, und damit an eine Thüre kam, welche nicht offen war, er nicht anklopfte, sondern mit einer Hand die Thüre öfnete, den Stuhl mit beiden Händen hindurch trug, und ihn grade auf die Stelle setzte; wo er stehen sollte. Er gieng hierauf an den Schenktisch, suchte den Schlüssel, und ward verdrüßlich, da er ihn nicht fand. Er nahm ein Licht, und sahe sich in allen Winkeln um, besonders auf den Stufen der Treppe; er that dabei sehr eilfertig, und tappte mit den Händen, als ob er den verlohrnen Schlüssel suchte. Der Cammerdiener steckte ihn demselben heimlich in die Tasche. Nach langem Suchen steckte endlich Negretti die Hand in die Tasche, fand den Schlüssel, und ärgerte sich, daß er so lange gesucht hatte. Er öfnete den Schenktisch, nahm eine Serviete, eine Schüssel und ein paar Semmeln heraus; er schloß den Schrank wieder zu, und gieng in die Küche. Hier machte er einen Salat zurechte, nahm alles dazu gehörige aus dem Küchenschranke, und setzte sich, als er fertig war, an [75]einen Tisch, um zu essen. Man nahm ihm die Schüssel weg, und setzte ihm ein Kohlgerüchte vor, daß er statt des Salats aß; während dem Essen nahm man ihm auch den Kohl weg, und setzte ihm einen Kuchen vor, den er eben so verzehrte, ohne daß er einen Unterschied in dem, was er aß, zu bemerken schien; woraus man sehen kann, daß die Werkzeuge des Geschmacks nicht mitwirkten, sondern bloß die Seele ohne Zuthun des Körpers geschäftig war. Ueber dem Essen horchte er bisweilen, weil es ihm vorkam, als ob er gerufen würde. Er glaubte einmal wirklich, daß er wäre gerufen worden; er stieg geschwind die Treppe hinab, um sich in den Saal zu begeben, und da er sahe, daß man ihm nichts zu sagen hatte, gieng er in die Antichambre, und fragte die Bedienten: ob er nicht wäre gerufen worden? worauf er sich ziemlich verdrüßlich wieder an seinen Tisch in die Küche setzte. Nachdem er gegessen hatte, sagte er, daß er gerne ins Wirthshaus gehen möchte, um einmal zu trinken, wenn er nur Geld hätte, er suchte in allen Schubsäcken, und fand nichts. Endlich gieng er doch, und sagte: er wolle Morgen bezahlen, man werde ihm schon so lange Credit geben. Er eilte die Treppe hinunter, und lief ins Wirthshaus, das zwei Büchsenschüsse weit vom Schlosse war. Er klopfte an die Thüre, ohne erst zu untersuchen ob sie verschlossen sey, gleich als ob er es wußte, daß sie um diese Zeit nicht offen seyn würde. [76]Man machte ihm auf; er ging hinein, rief den Wirth und foderte ein halbes Nößel Wein. Man gab ihm anstatt des Weins ein halbes Nößel Wasser, er trank es für Wein, und sagte, da er es ausgetrunken hatte: daß man ihm wohl bis morgen borgen würde. Hierauf ging er wieder aus dem Wirthshause nach dem Schlosse zurük. Er kam in die Antichambre, und fragte die Bedienten: ob ihn der Herr gerufen habe? Er stellte sich ganz aufgeräumt an, und sagte, daß er einmal im Gasthofe getrunken habe, und ihm jezt besser um den Magen sey! Man öfnete ihm die Augen mit den Fingern, und er erwachte. —

Nun kommt noch die dritte Scene. An einem Feiertage zu Nacht fiel ihm ein, daß der Hofmeister der Kinder im Hause zu ihm gesagt habe: daß er ihm, wenn er diese Nacht mondsüchtig wäre, eine Suppe machen, sie ihm bringen, und ein Trinkgeld dafür erhalten sollte. Er stand daher des Nachts im Schlafe auf, und sagte ganz laut: daß er den Hofmeister anführen wolle. Er gieng in die Küche hinunter, um zu essen, begab sich sodann in das Zimmer des Hofmeisters, und bat ihn, sein Wort zu halten. Der Hofmeister gab ihm etliche Groschen, Negretti nahm sodann den Cammerdiener beim Arme, führte ihn in den Gasthof, erzählte ihm beim Trinken, wie er den Hofmeister auf eine feine Art angeführt, und Geld von ihm heraus gelockt habe. Er lachte von ganzem Her-[77]zen, trank einigemahl des Hofmeisters Gesundheit, und kehrte vergnügt nach dem Schlosse zurück.

Eines mahles, als sich Negretti in diesem Zustande befand, schlug ihn einer mit dem Stocke auf die Beine. Negretti, welcher glaubte, daß ihm ein Hund an die Beine liefe, fing an zu schmälen; da man aber mit dem Stocke fortfuhr, suchte er eine Karbatsche, und hieb auf den vermeinten Hund los, um ihn fort zu jagen. Endlich wurde er es überdrüßig, und fieng an auf den Hund gewaltig zu fluchen, da er ihn mit Schlägen nicht los werden konnte. Er zog endlich ein Stück Brodt aus der Tasche, lokte damit den Hund, und hielt die Karbatsche hinter dem Rücken verborgen. Man warf ihm einen Muff entgegen, den er für den Hund annahm, und seine Wuth an ihm ausließ.

Herr Pigatti beobachtete diesen Negretti sehr oft, und merkte an, daß er alle Nächte etwas anderes vornahm. Er bemerkte auch, daß derselbe, so lange er sich in diesem Zustande befand, den Gebrauch des Gesichts, des Gehörs, des Geruchs und Geschmacks nicht hatte. Wir haben gesehen, daß man ihm verschiedene Gerichte vorsetzen konnte, ohne daß er etwas von der Veränderung des Geschmacks gewahr wurde; Er hörte das stärkste Geräusch und Lärmen nicht; sahe es nicht, als man ihm ein Licht so nahe vor die Augen hielt, daß die Augenbraunen davon versengt wurden; er fühlte es nicht, als man ihm mit einer Feder in der Nase [78]kitzelte; mit einem Worte, nichts machte einen Eindruck auf ihn. Das Gefühl hatte er zwar bisweilen sehr fein; aber öfters fühlte er auch wieder gar nichts.

Ich finde in dem allgemeinen Magazin der Natur, Theil 10. Leipzig 1759 diesen sonderbaren Menschen auch angeführt, aber die Erzählung ist daselbst sehr kurz ausgefallen, und man hat sie nur daselbst angeführt, um die außerordentlichen Wirkungen des Electrisirens auch bei dergleichen Uebeln zu zeigen. Man hatte bei dem Nachtwandler Negretti mancherlei Arten von Gegenmitteln gebraucht; aber alles vergebens und vielmehr zum Nachtheile. Darauf kam sein Herr auf den Gedanken, daß es helfen müßte, wenn man ihn electrisirte, und that es stufenweise bis zu der größern Erschütterung mit der Flasche. Da man dies mehrmals zu der Stunde, da ihn der Schlaf überfallen sollte, gethan hatte; so schlief er schon seit dem ersten Abend geruhig, ohne das geringste von den wunderlichen Dingen, die er sonst zu thun pflegte, vorzunehmen, auch nicht länger als eine halbe Stunde und erwachte von selbst. Nach Verlauf von acht Tagen aber schlief er nicht mehr zur Unzeit ein, und schlief nachher die Nacht über ruhig. Das Electrisiren konnte den Negretti auf eine zweifache Art geheilt haben, — durch eine Stärkung seiner Nerven, oder dadurch, daß er sich der im Nachtwandeln erhaltenen electrischen Schläge im Traume wieder erinnerte, [79]und aus Furcht, sie nicht wieder zu bekommen, nach und nach ruhig zu werden anfieng.

Mehrere Erzählungen von Nachtwandlern, die uns die Ärzte aufgezeichnet haben, halte ich für höchst unwahrscheinlich, zumal wenn sie wieder die Natur unsrer Seele streiten, und man hätte nicht so leichtgläubig seyn sollen, solche Facta wirklich für wahr zu halten. Selbst die Erzählung des Alemannus, daß ein Nachtwandler mit dem Degen an der Seite im Schlafe über die Seine geschwommen, und denjenigen ums Leben gebracht habe, den er zu ermorden sich wachend vorgenommen gehabt, und daß er durch den Strom nach vollbrachter abscheulicher That wieder nach Hause zurükgekehrt sey, kommt mir verdächtig vor. Am allermeisten aber was man von der Gabe mehrerer Nachtwandler erzählt hat, daß sie im Schlaf Sprachen verstanden und gesprochen hätten, die ihnen sonst ganz unbekannt waren. Dies klingt alles zu fabelhaft, als daß ein vernünftiger Mensch dergleichen glauben könnte; daß aber dergleichen Menschen während ihres Paroxismus vielleicht durch eine außerordentliche Anstrengung der Natur, Ideen schaffen können, zu denen sie jezt in wachendem Zustande keine Fähigkeit mehr haben, die sie aber sonst schon einmal gedacht, erfunden hatten, ist wohl nicht zu läugnen. Gelehrte Nachtwandler können auch wohl gelehrt träumen, aber ein unwissender Mensch [80]wird gewiß auch im Traum keine hellen und großen Ideen hervorbringen, was man auch hiervon für Histörchen erzählen mag.

Zum Beschluß der hier angeführten Sammlung merkwürdiger Nachtwandler muß ich noch ein Beispiel aus den Memoires de l' Academie Royale des Sciences zu Paris vom Jahr 1742 S. 409 ff. anführen, welches Sauvages de la Croix im Jahre 1737 von einer zwanzigjährigen Magd erzählt, und die Ueberschrift hat: observation concernant une fille cataleptique & somnambule en même temps. Diese Weibsperson, sagt S. de la Croix war von sehr empfindlicher Natur. Sobald ihr ein Verdruß gemacht wurde, gerieth sie in cataleptische Zufälle, und fiel in eine fühllose Erstarrung, wodurch sie genöthigt wurde sich ins Spital zu begeben.

Diese Anfälle hat sie öfters bekommen; sie sind aber nicht von einerlei Dauer gewesen, indem sie bald in einer halben Viertelstunde vorüber gewesen, bald auch wohl drei bis vier Stunden angehalten. Wenn sie damit befallen gewesen, ist ihr Puls sehr schwach und langsam gewesen, daß er kaum funfzigmal innerhalb einer Minute geschlagen. Ihr Geblüt ist so dick und zähe gewesen, daß wenn man ihr die Ader geöfnet, es nur Tropfenweise aus der Ader gekommen. So haben auch die stärksten Purganzen bei ihr nur sehr langsam und schlecht, oder gar nicht gewirket.

[81]

Wenn ihre Zufälle heran genahet, hat sie solches daran vorher gemerkt, daß ihr die Stirne warm und der Kopf schwer geworden. Dann ist sie mit eins davon befallen worden, wo sie sich befunden, im Bette, auf der Treppe, oder wo sie sonst gewesen. Im Bette hat man es daran bemerkt, daß sie nicht mehr geantwortet, und sich kein Athemholen merken ließ, der Puls aber langsamer und schwächer geworden. Sie blieb in der Stellung des Leibes, darinn sie befallen worden. Hätte sie gestanden, so blieb sie starr stehen. Hatte sie im Treppensteigen einen Fuß gehoben, nach der folgenden Stufe; so erstarrete sie auch so auf einem Fuße stehend. Wenn jemand während der Zeit ihr einen Arm erhob, oder den Hals und Kopf drehete, sie aufrichtete u.s.w. so blieb sie in der Stellung, wenn der Körper nur dabei im Gleichgewichte war. Stand sie, und man stieß sie fort; so ging sie nicht, wie D. Fernel einmal gesehen, sondern rückte so fort, als wenn man eine stehende Säule fortschiebet.

Man merkte an ihr sonst keine Bewegung, als das Schlagen des Herzens und der Ader. Sie gab kein Zeichen der Empfindung von sich, man mochte sie anschreien, stechen, ein brennendes Licht vor ihre Augen halten, oder sie unter den Fußsolen kratzen, bürsten u.s.w. Endlich verließ sie ihr Zufall wieder ohne gebrauchte Hülfsmittel: denn was man auch für Mittel brauchte; so verkürzten [82]dieselben doch dessen gewöhnliche Dauer nicht. Das Gähnen und Ausstrecken der Aerme, waren Anzeigen ihrer beginnenden Erwachung, und sie hatte keinen Begriff von allem, was ihr unterdessen widerfahren war; außer daß sie vom Stechen, und den gewöhnlichen Stellungen einige Schmerzen und Müdigkeit empfand.

So waren ihre ersten Zufälle beschaffen, da im Jahre 1737 im April und May sich ein anderer Zufall dazu gesellete, und mehr als funfzigmal ihr begegnete. Im Anfange und Ende derselben hatte sie die vorige Unbeweglichkeit und Unempfindlichkeit; aber die Zwischenzeit, welche zuweilen vom Morgen bis an den Abend währte, konnte eine Belebung heißen, wenn jene einer Ersterbung ähnlich schien. Herr Lazerme und viele andere sind glaubwürdige Zeugen von dem, was ich erzählen werde, und welches ich selbst würde für Verstellungen gehalten haben, wenn mich nicht unzählige Proben versichert hätten, daß dabei keine Verstellung statt haben konnte.

Den 5ten April gedachten Jahres besuchte ich das Hospital des Morgens um 10 Uhr, und fand sie krank im Bette, von Mattigkeit und Kopfschmerzen. Sie erstarrete darauf, wie sonst; aber nach fünf oder sechs Minuten fing sie an zu gähnen, richtete sich im Bette auf zum Sitzen, und fing folgendes Schauspiel an, welches sie schon mehrmal getrieben hatte. Sie redete mit einer Leb-[83]haftigkeit und Munterkeit des Geistes, die sie außer diesem Zufalle nicht hatte, da sie sehr niedergeschlagen und furchtsam war. Was sie redete, das hing mit dem zusammen, oder war eine Folge von dem, was sie im vorigen Zufalle geredet hatte, oder wiederholte von Wort zu Wort eine Catechismus Lehre, die sie des Abends vorher angehört hatte. Bald redete sie eine bald mehrere ihrer Bekannten aus dem Hause an; und deutete unter verdeckten Namen die Sittenlehren zuweilen schalkhaft auf sie, mit offenen Augen und dergleichen Gebehrden u.s.w. als sie den vorigen Abend gemacht hatte.

Doch wachte sie dabei nicht; sondern war noch im Schlafe, davon ich mich folgender Gestalt versicherte. Weil sie die Augen offen hatte, schlug ich mit der Hand ihr etlichemal plötzlich und nahe an die Augen; aber sie that weder die Augenlieder zu, noch machte sie die geringste Ausbeugung, noch ließ sie sich dadurch in ihrer Rede in mindesten stöhren. Ich stieß mit einem Finger schnell und so nahe gegen ihre Augen, als es seyn konnte, ohne sie zu berühren; ich hielt unversehens und jählings einen brennenden Wachsstock ihr so nahe vor die Augen, daß beinahe die Härchen der Augenlieder angezündet wären, ohne daß sie dieselben nur ein einzigmal in etwas sollte bewegt oder zugethan haben.

Eine andere Person mußte sich ihr hinter dem Rücken nahen, und ihr mit eins gewaltig ins Ohr schreien, auch einen Stein stark an das Bettgestelle [84]hinter dem Hauptküssen werfen, darüber sie bei wachendem Zustande würde erschrocken seyn und gezittert haben. Aber jezt merkte sie nichts von allen weil sie nicht das geringste Zeichen gab, daß sie etwas davon vernommen hatte. Ich goß ihr in die Augen und in den Mund Franzbrantewein, und den Geist von Salmiack; in ihre Nase blies ich starken Spaniol; ich stach sie mit Stecknadeln; drehete ihr die Finger u.s.w. welches sie alles, als eine unbelebte Maschine oder Marionettenpuppe litte. Endlich berührte ich auch ihren Augapfel mit der Fahne einer Feder, und gar mit der Spitze des Fingers, ohne die geringste Anzeige einer Empfindung dadurch zu erhalten.

Da sie noch munterer und heftiger zu reden begann, sagten die, welche sie vorhin beobachtet hatten, nun würde sie bald singen und springen. Und in der That sang sie bald darauf, lachte überlaut, bemühete sich aus dem Bette zu kommen, sprang endlich heraus, und machte ein Freudengeschrei. Ich fürchtete, sie würde sich an die Bettstellen in dem Raume stoßen; allein sie hielt die Zwischengänge so gut, als ob sie wachte, vermied den Anstoß an Stühle und Bettstädte u.s.w. wandte geschikt um nach den andern Gängen zwischen den Bettstellen, und verschlagenen Kämmerlein, ohn alles Tappen oder Betasten der Oerter. Nachdem sie herum war, kehrte sie wieder zu ihrem Bette, legte sich, deckte sich zu, und erstarrete dann wieder, [85]wie zu Anfange. Als diese Zufälle kaum eine Viertelstunde gedauert hatten, kam sie wieder zu sich, als aus einem tiefen Schlafe erwachend, und erkannte an dem Aussehen der Umstehenden, daß sie wieder müßte ihre Zufälle gehabt haben, die man ihr vorhin erzählet hatte; ward darüber so beschämt, daß sie den Rest des Tages geweinet; wuste aber von dem allen nichts, was indessen ihr geschehen war. Zu Ende des Maies verlohren sich diese Zufälle, ohne daß man solches den gebrauchten Mitteln zuschreiben konnte. Die Ader war ihr einmal am Arme, mehrmal am Fuße und siebenmal am Halse geöfnet worden. Sie hatte fünf bis sechs Abführungen aus dem Unterleibe gehabt; Man hatte ihr Opiata für den Magen gereicht, mit China, Zinnober u.s.w. Bei gelinderm Wetter hatte sie wohl zwanzigmal, mehr in kaltem als laulichtem Wasser, gebadet, und endlich viele aus Eisen bereitete Mittel gebraucht. Ich glaubte, daß sie gesund geworden, weil ich sie nicht wieder gesehen, bis den 10ten Hornung 1745, da hörte ich, daß sie alle Winter wieder solchen Schlafwanderungen unterworfen gewesen, doch ohne allemal mit verknüpften Erstarrungen und Unbeweglichkeit, noch gänzlicher Fühllosigkeit in ihren Bewegungen befallen zu werden. So war sie einmal auf einer Brücke von ihrer Noth befallen worden, und man hörte sie reden mit ihrem Bilde, das sie im Wasser erblicket hatte. Ein andermal hatte sie in den lezten [86]Weihnachten eine Person gemerkt zu ihrer Seite, doch ohne sie recht zu kennen, dessen sie sich erinnert, und diese Veränderung dem Gebrauch des Eisens zuschreibet. Wie kann doch eine so plötzliche Aufhebung und Wiederherstellung des Gebrauchs der Sinne statt haben? Wie kann man meinen, mit der willkührlichen Einbildung diese Lebhaftigkeit der Gedanken, und diese Hurtigkeit alle freiwillige Bewegungen hervorzubringen? muß nicht der Zustand der Erstarrenden innerlich wenig unterschieden seyn, von dem Zustande der Schlafwandrer? Die kalten Bäder, welche dabei so sehr gerühmt werden, thaten dawider eben so wenig, als bei jenem Nachtwandrer, dessen Adr. Alemannus gedenket, der in solchem Zufalle durch die Seine schwamm.

Uebrigens ist sie jezt schon gewohnt dieser Starr- und Schlafsucht, redet davon ohne Scheu und Scham, indem sie es nicht mehr für ein so großes und gefährliches Uebel hält, als vormals. Sie ist auch nicht mehr so blaß, als sonst, empfindet aber doch vor dessen Antritt noch die Hitze und Schwere des Hauptes, und zu Ende des Anstoßes ein Herzwehe, welches sie aufweckt. Auch bei andern Starrsüchtigen habe ich Abwechselungen mit Wahnwitz u.s.w. wahrgenommen: wie im Jahre 1724 ein alter Mann einen Tag die Starrsucht, den andern den Wahnwitz, oder die Störung des Kopfes, den dritten ein viertägiges Fieber, und den vierten wieder die Starrsucht hatte, u.s.f.

[87]

Mit diesem sonderbaren Beispiel vergleiche man zulezt folgendes, welches im 63ten Stück 3ten Theils des Arztes vorkommt.


Der Ritter Hans Sloane curirte ein Frauenzimmer an den Blattern. Am Ende der Cur bekam sie convulsivische Zufälle, die ihre Glieder heftig verdreheten. Man wollte sie, nach vielen andern vergeblichen Versuchen mit dem kalten Bade von diesem Elende befreien, und diese leidige Cur stürzte sie in das große Elend, das ich izt beschreiben will. Bald nach dem Gebrauche des kalten Bades verlohr dieses Frauenzimmer erst das Gesicht, dann auch das Gehör, und die Sprache. Ihr Schlund ward dergestalt zusammengezogen, daß sie weder flüßige noch feste Speisen verschlingen konnte. In diesem Zustande blieb diese Person fast dreiviertel Jahr, und ernährte sich während der Zeit auf keine andere Weise, als daß sie Speisen kauete, und lange im Munde herumwarf, endlich aber wieder von sich geben mußte. Mit den Feuchtigkeiten gurgelte sie sich bloß eine Zeitlang, und gab sie alsdann auf eben dieselbe Weise wieder zurük, ohne daß sie das geringste hinunter geschluckt hätte. Bei ihrer Blindheit und Taubheit wurde ihr Gefühl und ihr Geruch so zärtlich, daß sie die verschiedenen Farben von seidenen Zeugen und Blumen unterscheiden konnte, und es empfand, wenn ein [88]Fremder ins Zimmer kam. Weil sie zugleich blind, taub und stumm war; so konnte man nur durch das Gefühl mit ihr sprechen. Sie hatte eine ungemeine Fertigkeit in der Fingersprache; wer aber so mit ihr reden wollte, der mußte ihre Hand und ihre Finger statt der seinigen berühren. Sie unterschied an einer Schürze, die mit Seide von verschiedenen Farben eingefast war, das Rothe, Grüne und Blaue aufs richtigste, indem sie die Finger aufmerksam an die Blumen der Einfassung setzte. Sie konnte sogar ein nelkenfarbiges Band (Pinck Coulour) nachdem sie es eine Zeitlang befühlet hatte, unterscheiden, und den Namen der Farbe bezeichen, obgleich dieselbe nur eine Art des Rothen von der blaßrothen Schattirung war. Man wollte sie einstmals in ein Zimmer führen, worinn, wie man ihr zu verstehen gab, lauter Bekannte seyn sollten. Unter der Zeit daß man sie hierzu beredete, waren aber von ohngefähr Fremde in dieses Zimmer gekommen. Als nun die Kranke vor das Zimmer kam, und die Thür geöfnet wurde; so kehrte sie um, und ging sehr unwillig wieder in ihr Zimmer zurück, weil sie zu verstehen gab, es wären Fremde da und man hätte sie hintergehen wollen. Sie gestand nach der Zeit, daß sie die Gegenwart der Fremden aus dem Geruche erkannt hätte. Es ward ihr nicht so leicht, ihre Bekannten durch den Geruch zu unterscheiden, sondern sie mußte hierzu andere Künste zu Hülfe nehmen. Insgemein er-[89]kannte sie ihre Freunde durch das Gefühl ihrer Hände, und wenn dieselben zu ihr kamen; so pflegten sie ihr die Hände darzubieten, um sich zu erkennen zu geben. Die Bildung und die Wärme der Hand waren ihre gewöhnlichen Merkmale, und zuweilen umspannte sie die Handwurzel am Arme, oder maaß die Finger. Ein Frauenzimmer mit der sie wohl bekannt war, kam einst und bot ihr die Hand, wie gewöhnlich. Sie befühlte solche länger, als sonst, und schien zweifelhaft, wessen Hand es wäre: nachdem sie aber die lezterwähnten Abmessungen angestellt hatte, gab sie zu verstehen: »daß es Jgfr. M. sey, aber heute wärmer, als sonst wäre.« Diese blinde Person pflegte viel zu nähen, um sich die Zeit zu vertreiben und ihre Nähterei war ungemein sauber und ordentlich. Unter vielen Stücken von ihrer Arbeit, die man in der Familie aufhebt, befindet sich ein Nadelküssen, das kaum seinesgleichen hat. Zuweilen schrieb sie auch, und ihre Schrift war noch außerordentlicher als ihre Nähterei. Sie war eben so ordentlich und richtig; die Züge waren sehr artig, die Zeilen alle gerade, und die Buchstaben in gleichen Entfernungen von einander. Das erstaunlichste bei ihrem Schreiben war, daß sie auf eine gewisse Art entdeckte, wenn sie einen Buchstaben ausgelaßen hatte, und ihn über das Wort, wo er hingehörte, mit der gehörigen Anzeigung setzte. Sie pflegte zu allen Stunden der Nacht sich in ihrem Bette aufzusetzen, und zu nähen oder [90]zu schreiben, wenn ihre Schmerzen, oder andere Umstände sie nicht schlafen ließen.

Alle diese Umstände waren so außerordentlich, daß man lange Zeit zweifelte, ob sie nicht schwache Ueberbleibsel des Gesichts und Gehörs hätte, weshalb man einige Proben mit ihr anstellete. Einige solcher Proben entdeckte sie von ohngefähr, und dieses erregte ihr allezeit heftige Convulsionen. Der Gedanke, daß man ihr eine so boshafte Verstellung Schuld gäbe, war ihrem Gemüthe eine unerträgliche Qual. Ein Geistlicher fand sie einen Abend an einem Tische arbeiten, auf welchem ein Licht stand. Er hielt seinen Hut zwischen ihr Auge und das Licht so, daß dieses ihr nicht den geringsten Schein geben konnte. Sie setzte ihre Arbeit ganz gelassen fort, bis sie plötzlich ihre Hand in die Höhe hob, ihre Stirn zu reiben und an den Hut stieß, worauf sie gewaltige Convulsionen bekam, und mit großer Mühe zurecht gebracht ward. Durch solche Versuche, und verschiedene zufällige Umstände ward die Familie völlig versichert, daß sie gänzlich taub und blind wäre; besonders als sie einstens bei einem schrecklichen Sturme mit Donner und Blitzen ungestöhrt bei ihrer Arbeit sitzen blieb, ob sie gleich das Gesicht gegen das Fenster gekehrt hatte, und sonst bei solchen Vorfällen sehr erschrocken war. Sir Hans Sloane, ihr Arzt, zweifelte immer noch an Begebenheiten, die so wunderbar schienen, und man verstattete ihm, sich davon durch solche [91]Versuche und Beobachtungen zu versichern, wie er verlangte. Der Ausgang war, daß er sie für völlig taub und blind erklärte. Sie ward endlich nach Bath gesendet, wo ihre Schmerzen und Convulsionen zwar geringer wurden; aber Sprache, Gesicht und Gehör erhielt sie nie im geringsten wieder. Die Wittwe eines ihrer Brüder besitzt Briefe von ihr, welche sie von Bath geschrieben, und die der Verfasser dieser Geschichte selbst gesehen, worinn einige erwähntermaßen vergessene Buchstaben mit Anzeigung der Stelle, wo sie hingehören, eingerückt sind. Diese Wittwe und viele andere Personen können diese so seltsamen Begebenheiten dergestalt bezeugen, daß es nicht nur ungerecht, sondern auch thöricht wäre, daran zu zweifeln.


Wer noch mehr über die Nachtwandler zu lesen wünscht, den verweise ich auf folgende Schriften.

1) Auf eine Abhandlung über diesen Gegenstand, welche des Sauvages de la Croix oben angeführter Erzählung beigefügt ist im Hamb. Magazin, Band 7. S. 489 ff.

2) Meiers Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle, 1758. 8. Siehe hierüber: Literaturbriefe 6.Theil Br. 97.

3) Fricke commendatio de noctambulis. Halae 1773. 4.

[92]

4) Walchs philosophisches Lexicon, Artikel Mondsüchtige. 2. B. der Henningischen Ausgabe.

5) Allgemeine deutsche Bibliothek. 40. Band. S. 136 ff.

6) Krügers Experimentalseelenlehre; im Anhange. Halle 1756. 8. a

7) Euseb. Nierembergii philosophia curiosa.

8) Miscellanea curiosa Academ. naturae curiosorum. Annus 1681, 1697, 1698. 4.

9) a Reies elysius iucundarum quaestionum campus.

10) Unzers Arzt. Stück 74 , 78.

11) Vigneul Marville Melanges d'histoire & de litterature. 2. Band. S.237 ff.

12) Muratori über die Einbildungskraft des Menschen, nebst Richerz lesenswürdigen Zusätzen. 1. Band. S. 301 ff. desgl. S. 245.

13) Richter de statu mixto somni & vigiliae. Götting, 1756 4.

14) Hennings von den Träumen und Nachtwandlern. Weimar 1784. 8.

15) Tiedemanns Untersuchungen über den Menschen. 3. Theil. 1778.

Fußnoten:

1: *) Siehe hierüber nach in Göttingischen gemeinnützigen Abhandlungen 1772. St. 1. Herrn Hofrath Feders Erklärung dieses Phänomens.

Erläuterungen:

a: Krüger 1756.

2.

Beobachtungen zur Seelennaturkunde.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Ich fühle in mir keinen stärkern Trieb, als den Trieb zur Thätigkeit. Ein einziger geschäft-[93]loser — müßiger Moment ist Tortur für meine Seele. Sie fühlt in sich das Leere; und das Gefühl der Leerheit im Menschen kann nur das peinlichste seyn. Der Würkung nach, vermöge des stillen Tobens einer heftigen unbefriedigten Begierde, und der verzehrenden innerlichen, oft sich äußerlich empörenden, aufbrausenden Unruh, kömmt dieses Gefühl der Sehnsucht am nächsten. Ganz natürlich. Im Menschen ist ein ewiger, und ununterbrochener, nothwendiger, wechselseitiger Einfluß der Seele und des Körpers. Da die Urkräfte eines lebendigen Körpers stets wirksam sind, und die Lebenssäfte stets in ihrem Kreislauf herumgetrieben, folglich die inneren Werkzeuge und der Seelenorgan stets regegemacht werden, und theils, indem sie auf den Körper zurück wirken, ihr Bedürfniß — durch die äußern Werkzeuge äußern müssen; theils in sich selbst Vorrath aufsuchen; das Gedächtniß zu Hülfe nehmen, und veraltete Ideen zurück rufen. So ist der ganze Mensch thätig, so muß alles in ihm thätig — würkend seyn. — So ist der Trieb zur Geschäftigkeit allgemein, und in der menschlichen Natur gegründet. Die Hauptsache bleibt dieselbe; so unabänderlich die menschliche Natur im allgemeinen ist; so unabänderlich sind die Triebe, die in ihrer Wesenheit angepflanzt liegen. Menschliche Natur im Individuum aber modifizirt sich; so wie ihr Verhältniß zu andern Individuen; folglich auch ihre Triebe [94]nach eben dem Verhältniß zu andern Menschen, Thieren, oder leblosen Dingen.

Die Natur des menschlichen Individuums ist die wechselseitige, Ein- und Zurückwürkung der Seele und Körperkräfte dieses oder jenes Menschen; so wie die Natur des Körpers der Mechanismus desselben ist, und die Natur der Seele, die Kraft zu empfinden, zu denken und zu wollen, als eben so viele wesentliche Eigenschaften einer einzigen Urkraft in der einfachen Substanz.

Man sieht oft deutlich, wie die Modifikation der menschlichen Natur, (nicht der einzelnen des Körpers, oder der Seele), die Triebe im Menschen modificire. Es scheint aber der Seele der Aushaltungstrieb zu fehlen; ich meine das Ankleben, das starre ununterbrochene, langwährende Ausharren der Seele an einem Standpunkt ihrer Kraft; es scheint, ihre Kraft vermag nur bis zu einem gewissen Grade des Ausharrens hinan zu steigen, nach dessen Ueberschreitung sie schlaff wird, und sich nach Ruhe sehnt. Die Nachlassung der angespannten Seelenkraft folgt in einem Subjeckt eher, im andern später; ob aber diese endliche Erschlaffung allgemein sey? darüber will ich jeden zu seiner Selbstbeobachtung aufrufen; so wie ich die meinige fortsetzen werde; übrigens wird man sie nicht so leicht a priori demonstriren, noch aus der Analogie der Körperskräfte darthun können; obwohl sie [95]vielleicht, durch den jetzigen Zustand der Seele in Verbindung mit dem Körper erklärbar wäre.

Ich kann nicht umhin, hier eine Bemerkung anzuschliessen; wozu ein mir jüngst in die Hände gerathner Plan einer abzuhandelnden Seelenlehre den Anlaß gab.

Die beste Behandlung einer Seelenlehre, glaub ich, wird diese seyn: wenn man Körperlehre, insbesondere die des menschlichen Körpers vorausschickt, welche beide die Menschenlehre heissen. Nur ein solches System, wo von einem Rücksicht auf das andere genommen, und mit dem andern verbunden untersucht wird, kann eine deutliche und gründliche Seelenlehre, kann unverfälschte Menschen- und Seelenkenntniß erzeugen, und richtige Imputationsregeln angeben. So läßt sich leichter auf die Existenz eines Wesens kommen, das wir Seele nennen; nähmlich: durch das Geistige unserer Vorstellungen erster und anderer Classe, und ihre Inkompatibilität mit der Materie, dann kann man auch desto sicherer zu der Untersuchung ihrer Natur, ihres eigenthümlichen und selbstständigen Wesens schreiten.

Ist ja der Körper unserer Seele das nächste, muß ich nicht von der Aeuserungsart auf die äußernde Kraft schließen? und würkt unser Geist nicht durch die Sinne, welche auch zugleich seine Würkungsart bestimmen, da sie den Grund derselben in sich fassen? Unsere Psychologen vergessen [96]meistens jene Eigenschaften und Kräfte abzuhandeln, die ihren Grund einzig in der Verbindung beider Substanzen haben. Hieher gehören auch jene Kräfte, deren Entwicklung das Daseyn und die Mitwirkung entsprechender Kräfte der andern Substanz nothwendig hat. Giebt das eine solide Menschenkenntniß; wenn man jede Substanz abgesondert, ohne Rücksicht auf die andere und ihren jedesmahligen, nothwendigen Einfluß untersucht? einseitig wird sie; — einseitig die ganze Beurtheilung des Menschen und seiner Handlungen etc. Ist doch der Mensch nicht blos Seele — nicht blos Körper; er ist Körper und Seele; — ein durch die nothwendige, beständige, wechselsweise Ein- und Zurückwirkung beider Kräfte und Naturen zusammenfließendes Ganze. Wie vieles Licht würde eine solche Menschenlehre über das eigenthümliche Wesen der Seele, über das, was ihr bleibt nach der Trennung, und zugleich über unsern moralischen Zustand verbreiten! Wie würde sie dabei noch öffentliche- und Privattoleranz befördern!

L. A. Schlichting.

[97]

Zur Seelenzeichenkunde.

Aus den Papieren eines Selbstbeobachters.

Anonym

Die Folge meiner Vorstellungen und Empfindungen gründet sich gemeiniglich auf eine gleichsam durch sich selbst entstandene, oft mir ganz unerklärbare, ohne mein Zuthun, meine Anstrengung hervorgebrachte Laune, die bald in der Organisation des Körpers, vorzüglich aber in der Eigenthümlichkeit der Denkart und der Leidenschaften ihren Grund haben mag. Selten sinds Gründe des Nachdenkens, der Ueberlegung, die mich fröhlich, oder traurig machen; ich kann mir zwar ein gewisses Frohseyn, einen Kummer der Seele, nachdem es die Umstände erfordern, so gut wie andre Menschen, erzwingen; aber gewöhnlich werde ich ganz unwillkürlich, ja oft wider meinen Willen zur Freude gestimmt, und wider meinen Willen von trüben Vorstellungen, worinn ich mehr Nahrung auch mehr Geistesthätigkeit, als in jener zu finden glaube, abgerufen.

Als eine Folge jener Laune, deren Einwirkungen ich nicht früh genug vorgebaut habe, betrachte [98]ich nun auch zuvörderst die Erscheinung, daß ich fast niemals im Stande bin, mich durch bloße Vorstellungen und äußere Objecte zum Mitleiden gegen irgend ein leidendes Wesen zu stimmen, und daß es mir Mühe und Unwillen verursacht, wenn ich ohne dazu gestimmt zu seyn, Mitleiden an den Tag legen soll. Ich sehe voraus, daß ich mich werde verstellen müssen — dies verstimmt mich noch mehr, macht mich zum Mitleiden noch unfähiger, und erzeugt in solchen Augenblicken nicht selten eine Kälte gegen meine Nebenmenschen, vor der ich selbst zurückbebe, und die mich unendlich unglücklich machen würde, wenn meine Natur von der andern Seite nicht äußerst weich und fühlbar geschaffen wäre, so bald jene Laune vorüber ist. Mein Herz ist zur Freundschaft aufs stärkste geneigt, mein Wohlwollen reißt mich oft zu Handlungen der Menschenliebe hin, die ich für meine Kräfte zu groß fühle, ich habe alle Besonnenheit der Vernunft nöthig, um nicht in eine Art von Empfindelei zu verfallen; — aber bei dem allen ist mein Herz oft felsenhart, wenn es Mitleiden — selbst mit seinen Lieblingen empfinden, und an den Tag legen soll. Ist aber bisweilen eine Stimmung der Seele zum Mitleiden vorhanden, fließt mir unmerklich eine Thräne der Theilnehmung aus meinem Auge; so fühle ich auch zugleich, daß ich kränklich bin, und daß in meiner Maschine eine nervenschwächende Veränderung vorhergegangen ist.

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Aber der sonderbare Mangel an Mitleiden, den ich von früher Jugend an mir bemerkt habe, hat mich doch nicht unentschlossen und unthätig gemacht, meinen leidenden Nebenmenschen beizustehen, und diejenigen zu verachten, welche ein Felsenherz bei der Noth ihrer Brüder an den Tag legten. Vielmehr wirken die Gründe der Vernunft, sich hülfsloser Menschen anzunehmen, mit einer außerordentlichen Lebhaftigkeit auf mein Herz; — aber sie reizen mich nicht zum Mitleiden. Wenn ich andern beistehe; so sind es die Gründe der Vernunft allein, die mich zum Handeln determiniren, nicht die Leidenschaft, und der mitleidige Instinct, der bei den meisten Menschen blindlings vor der Vernunft vorhergeht.

Da ich ganz offenherzig reden kann, so muß ich aber doch auch gestehen, daß sich in meine Wohlthätigkeit nicht selten eine versteckte Eitelkeit einschleicht, und den Grad des menschenfreundlichen Wirkens bestimmt, wodurch ich andern nüzlich werden will. Diese Eitelkeit wirkt nach verschiedenen Umständen immer verschieden. Es giebt Augenblicke, wo ich mit dem Beifalle, den mir ganz im Stillen mein Herz giebt, vollkommen zufrieden bin, wo ich durchaus nicht wünsche, daß ein Werk meiner Wohlthätigkeit bekannt werden möchte, wo ich mich über den Wunsch, es auszubreiten, schämen kann. Zu andern Zeiten richte ich meine Handlung so ein, daß sie bekannt werden muß, — der [100]Beifall des Herzens ist mir gleichsam nur der zweite Grund der Moralität geworden. Ich erinnere mich sehr deutlich, mehrmals edle Handlungen von andern erzählt zu haben, die ich selbst im Stillen verrichtete; — theils weil mir die Handlung wohl zu sehr gefiel, als daß ich sie in dem Winkel meines Herzens einschließen sollte; — theils, weil sich meine Eitelkeit an dem schmeichelhaften Urtheile anderer über diese Handlung, die ich mir doch immer, als meine Handlung dachte, ob ich sie gleich andern zuschrieb, zu ergötzen suchte. So klein und unbedeutend dergleichen Beobachtungen zu seyn scheinen, so sehr beleuchten sie doch die geheimen Falten des menschlichen Herzens, und schließen uns dasselbe oft viel besser auf, als trockene Theorien über die Natur unsrer Empfindungen.


Nicht weniger merkwürdig, als vorhergehende Beobachtungen, hat mir oft das sowohl an mir selbst als an andern Menschen geschienen, daß man bisweilen bei den höchsten Wünschen, etwas zu erlangen, zu erleben, oder zu thun, in sich noch einen schnell entstandenen Wunsch, daß die heftig verlangte Sache auch nicht geschehen möchte, wahrnimmt, obgleich durch diesen leztern jene erstem Wünsche nicht aufgehoben, sondern vielmehr gemeiniglich gestärkt und heftiger wurden. Es [101]scheint in der That contradictorisch zu seyn, daß die Seele etwas zu gleicher Zeit, und zwar mit größtem Verlangen wollen, und auch nicht wollen könne; allein das Phänomen bleibt doch als Erfahrung ausgemacht, ob ich mir es gleich selten habe genau erklären können, warum ich eine heftig gewünschte Sache auch wiederum zugleich nicht wünschte. Man muß oft sehr tief in das Gebiet unsrer Empfindungen, und ihre ersten originellen Veranlaßungen eindringen, wenn man sich dergleichen ungewöhnliche Erscheinungen erklären, und auf die uns bekannte Form des Denkens reduciren will. Schwerlich kann man sich in dergleichen Fällen zurecht finden, wenn man nicht eine Menge in uns stets vorhandener, stets wirksamer dunkler Ideen annimmt, die sich unmerklich an hellere anschließen, und der Thätigkeit der Seele eine von ihrer gewöhnlichen Art zu denken und zu wollen verschiedene Richtung geben, die oft gar nicht in der Natur unsers Wollens gegründet zu seyn scheint. —

Sehr oft habe ich über den Zustand meiner Seele, in welchem sie etwas zu gleicher Zeit will, und auch nicht will, nachgedacht und das Resultat meiner Untersuchungen war immer folgendes. Die Seele wird in ihrer Thätigkeit durch einen heftigen Wunsch, durch ein zu gewaltiges Hinrichten ihrer Kraft auf einen einzigen Punct viel zu sehr eingeschränkt, und in ihrer Freiheit gehindert, als daß ihr ein solcher Zustand lange gefallen könnte, wenn [102]auch gleich das Object des Willens einen erstaunlichen Reiz hätte; — also schon hierin liegt der Grund eines versteckten Nichtwollens, ein heimlicherTrieb: daß das Object des Wunsches überhaupt nicht daseyn möchte, damit man nicht von dem Wunsche selbst in seiner Thätigkeit zu sehr eingeschränkt werde. Man muß sich oft schon zwingen, den Wunsch zu erhalten, weil man einmal eigensinnig genug war, den Wunsch zu wollen. Aber diese psychologische Bemerkung erklärt jenes Phänomen nicht ganz nach seinen verschiedenen Fällen und Modificationen; — es muß also gemeiniglich noch ein zweiter und dritter Grund hinzu kommen, warum die gewünschte Sache auch nicht gewünscht wird. Durch unzählig gemachte Erfahrungen unterrichtet, ahnden wir nicht selten den Ekel und die Sättigung, voraus, die nach einem erreichten Wunsche sich der Seele bemächtigt, und bei der Erfüllung des Wunsches uns das nicht immer finden läßt, was wir vorher, so lange die Sache mehr ein Gegenstand der Einbildungskraft war, darinn zu finden hoften. Das Ziel sich erreicht gedacht, zeichnet der Seele wieder nur einen zu begränzten, zu engen Standpunct vor; sie übersieht ihn zu genau, zu deutlich, als daß dieser Vorausblick ihr immer angenehm seyn könnte, zumal wenn die Erfüllung des Wunsches, und die Erreichung des Ziels uns einen Theil unsrer jetzigen wahren, oder fingirten Freiheit nimmt. — [103]Wir fühlen es vorher, daß wir doch am Ende der Laufbahn nicht, wenigstens nicht viel weiter gekommen sind, daß die Anstrengung der Seele mit dem Ziele, wornach wir laufen, nicht in dem gehörigen Verhältniß steht, und daß uns das erlangte Gut wohl gar wieder entrissen werden kann. Dies ist ein dritter Grund, welcher uns nicht selten die angenehmsten Wünsche vergällt, und uns den Wunsch abzwingen kann, daß auch die Sache nicht geschehen, oder daß das Object des Verlangens gar nicht in unserm Gesichtskreise stehen möge. Je heftiger wir etwas begehren, je mehr die ganze Seelenthätigkeit auf einen einzigen Gegenstand gerichtet ist, je mehr Leidenschaften zu gleicher Zeit uns nach einem gewissen Ziele hinstoßen; je furchtsamer pflegen wir auch nach den Hindernissen umherzuschauen, die sich uns in Weg stellen könnten, je empfänglicher sind wir wenigstens, uns durch ein lebhaftes Mißtrauen verstimmen zu laßen, und dieses Mißtrauen ist es eben, welches ein unangenehmes Licht auf den gewünschten Gegenstand schon vorher wirft, ehe wir ihn besitzen.

Ich irre mich daher wohl nicht, wenn ich annehme, daß wir bei den meisten unsrer Wünsche in Gefahr laufen, ihrer oft früher überdrüßig zu werden, als sie noch erfüllt sind; so paradox auch dies klingen mag, — und daß wir deswegen nicht selten so sehr eilen, sie in Erfüllung zu bringen, weil wir gleichsam die mit ihnen verbundene Lange-[104]weile vorausahnden. Wenn wir nicht ganz blindlings wünschen, so pflegen sich bei jedem Fortschritt des Wollens gewisse Bedenklichkeiten, mißtrauische Empfindungen, verringerte Erwartungen an den Wunsch unsres Herzens anzuschließen, und wir werden den Weg nicht immer mit leidenschaftlichem Antriebe, sondern oft nur deswegen fortsetzen, weil es die Ehre erfordert, und wir uns vor andern Menschen keine Blöße geben wollen.

Diese Erfahrung werden sonderlich lebhafte Leute an sich machen können, deren Seele überhaupt nicht lange unverwandten Blicks auf einen einzigen Standpunkt hinschauen kann, ohne zu ermüden. Ihre Ideen stoßen sich mit einer Art Ungestüm nach einander fort, der Seelenzustand bekommt also augenblicklich eine neue Lage und Richtung, und weil hiemit die Mobilität des Characters so genau verbunden ist; so nehmen die Wünsche und die Situationen des Herzens auch leicht ganz neue oft mit den vorhergehenden ganz heterogene Gestalten an. Die Lebhaftigkeit der Einbildungskraft stellt zwar solchen Leuten die Erfüllung eines heftigen Wunsches unter den schönsten Farben vor; aber sie läßt ihnen auch zu gleicher Zeit alles das unangenehme sehen, was mit jener Erfüllung mittelbar oder unmittelbar verbunden ist, wenigstens verbunden seyn kann, und diese Vorstellung der Möglichkeit des Unangenehmen ist oft lästiger, als die Ueberzeugung von einem wirklichen Uebel.

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In der Heftigkeit des Wunsches liegt nun wohl der vorzüglichste Grund, warum uns seine Erfüllung selten das Vergnügen gewährt, was wir dabei am Ende des Ziels zu genießen hoften. Je feuriger die Einbildungskraft, je wilder die Leidenschaft war, je schöner stellten wir uns das zu erreichende Ziel vor. So lange wir nur noch wünschten, hatte die Seele einen weiten Spielraum, sich die Sache von tausend angenehmen Seiten vorzustellen; — wir machten das Object dazu, wozu wir es haben wollten; wir formten gleichsam sein ganzes Wesen nach unserm Willen; wir sonderten davon ab, was uns daran mißfiel; wir trugen Züge hinein, die wir von andern Gegenständen kopirten; wir machten gleichsam die Masse unsrer liebsten Vorstellungen zur Grundlage des gewünschten Objects, — alle diese Operationen der Seele, wobei wir fast ganz frei handelten, gerathen durch das erreichte Ziel auf einmal ins Stocken. Der Gegenstand liegt nach seinem eigentlichen Werth oder Unwerth vor unsern Augen, — das Fingiren hilft nichts mehr, da wir ihn nicht mehr durchs Vergrößrungsglas unsrer Einbildungskraft betrachten können, und da wir durch eine getäuschte Vorstellung vom Ganzen, uns nichts weniger, als bereitwillig finden, ihm eine bessere Gestalt zu geben. Vielleicht hatten wir auch das Ziel zu schnell erreicht; — vielleicht fühlten wir uns zu schwach, uns auf dem neuen Standpuncte zu souteniren; — [106]vielleicht hatten wir dadurch einen andern aufgeben müssen, der vielleicht noch weniger vortheilhaft für uns gewesen wäre, den wir uns aber doch jezt als etwas Entferntes besser vorstellen; — vielleicht änderte sich auch das neue Object in dem Augenblick unsrer Besitznehmung desselben; alles dieses können psychologische Gründe seyn, warum uns die Erfüllung des Wunsches weniger, als der Wunsch selbst behagt; immer wird aber die erste Ursach davon mit in der erfüllten Begierde liegen, und in der Vorstellung, daß uns das neue Object nicht mehr genommen werden kann. — —

Ich glaube einen großen Unterschied zwischen dem Wunsche nach sinnlichen Objecten und dem, nach Wahrheit, so wie auch in der Erreichung des beiderseitigen Ziels wahrzunehmen. Es sey mir erlaubt hierüber meine Meinung zu sagen. Der Durst nach Wahrheit erreicht bei unendlich wenigen Menschen den Grad, welchen Cartesius*) 1 fühlte. [107]Der Wunsch, sie zu finden wird nicht von dem Feuer der Leidenschaft begleitet, das unsre sinnlichen Wünsche vermöge der Einbildungskraft oft bis zur Schwärmerei belebt; — wir müssen uns bei erstern anstrengen, um nicht zu ermüden, bei leztern müssen wir oft dem Wunsche Einhalt thun, damit wir nicht zu weit gehen. Der Grund dieser Ver-[108]schiedenheit liegt ohnstreitig darin — bei Wünschen, die die bloße Sinnlichkeit angehen, — ich rechne hierher alle Wünsche, die nicht die Wahrheit oder bloße Notionen zum Gegenstande haben, — übersieht man das Ziel, was erreicht werden soll; — das Object ist gegeben, man soll nun zu ihm hineilen, sich in seinen Besitz setzen; — hiebei steht es uns frei, seine Gestalt zu verschönern,und tausend angenehme Verhältnisse zwischen uns und ihm wenigstens zu fingiren. Bei dem Wunsche nach Wahrheit hingegen übersehen wir das Ziel noch nicht, das Object ist noch nicht, wenigstens noch nicht anschaulich gegeben, wir sollen es erst suchen, wir können es also noch nicht verschönern, und stehen dabei ohnedem noch in Gefahr, ob uns nicht irgend ein Irrthum einen unsichern Nebenweg führt. Alles dies erschwert das Suchen nach Wahrheit, und es muß uns unaufhörlich ein wenigstens versteckter Ehrgeiz antreiben, wenn wir immer muthig bei diesem Suchen fortschreiten sollen.

Auf der andern Seite sind die Empfindungen, — wenn das sinnliche, oder intellectuelle Ziel erreicht ist, sehr von einander unterschieden. Die gefundene Wahrheit ist viel angenehmer, und das Vergnügen dabei von längerer Dauer, als die Erfüllung eines sinnlichen Wunsches. Der Aufwand von Geisteskraft, die Anstrengung des Nachdenkens, die neuen aufgefaßten lichtvollen Ideen geben dem neuen Vorrath gefundener [109] Wahrheiten in unsern Augen einen außerordentlichen Werth; wir überblicken den zurückgelegten Weg einer mühsamen Speculation nun mit dem reinsten Vergnügen; — weil das gefundene etwas Geistiges ist, und wir durch unsre eigene Kraft die Wahrheit herausgebracht haben; so kommen wir uns viel wichtiger vor, als wenn wir am Ziele eines sinnlichen Wunsches stehen, wobei mehr äußere Umstände, als unser Verstand gewirkt haben. Wir befürchten in jenem Fall keinen Ekel, wie bei diesem sinnlichen Wunsche, weil der Genuß der Wahrheit, um mich so auszudrücken, in der Vorstellung einer Vollkommenheit besteht, dahingegen die schönsten sinnlichen Wünsche uns doch nur zu etwas Unvollkommenem führen, das seiner Natur nach veränderlich und wandelbar ist.


In so fern ich die Wahrheit von ihrer moralischen Seite betrachte, glaub ich, daß kein Mensch weder sich genau kennen lernen, noch seine sittlichen Entzwecke auf die gehörige Art erreichen kann, wenn er nicht seine Gesinnungen in Absicht der Wahrheit unpartheisch prüft. Hier eröfnet sich ein sehr großes Feld von Beobachtungen über die menschliche Natur, und zwar ein Feld, welches, so viel ich weiß, noch in keiner Moralphilosophie genau bearbeitet worden ist. Einen Wahrheits- [110] sinn, oder Wahrheitsgefühl anzunehmen, hat mir immer sehr unrichtig geschienen, in so fern man dadurch eine angebohrne Sensation des Wahren versteht, die der deutlichen Erkenntniß desselben vorhergehen soll. Wahrheit im eigentlichen Sinne des Worts, ich mag darunter nur überhaupt eine Notion in Abstracto, oder ein sittliches Verhältniß verstehen, ist durchaus kein Object des Gefühls, sondern muß durch Begriffe bestimmt werden. Diese Begriffe, die wir uns durch Nachdenken nach und nach erworben haben, liegen denn auch bei den Empfindungen des Wahren zu Grunde, ob gleich auf eine dunkle Art, die ohne vorhergegangene Reflexionen des Verstandes, uns zum wahren hinzuziehen, und in der That so einen Seelenzustand hervorzubringen scheinen, den man Wahrheitsgefühl nennen könnte, wenn das Wort Gefühl nicht viel zu unbestimmt bei dieser Sache wäre. — Wir verrichten das Denken eben so gut mechanisch, wenn wir es lange geübt haben, als die Aeusserungen unsrer körperlichen Kräfte, und es giebt unzählige Fälle, wo wir bei jenem bloß nach Empfindungen zu handeln glauben, weil die vorhergehenden Begriffe nicht immer ein deutliches Bewußtseyn derselben voraussetzen, wornach wir handeln müssen. Die Empfindungen für Wahrheit erfolgen mechanisch nach einem unterliegenden gemeiniglich dunklen Begriffe dessen, was wir für wahr halten, sobald wir die Empfindung zergliedern. [111]Doch ich wollte ja hier nur individuelle Beobachtungen über gewisse Seiten der Menschen in Rüksicht moralischer Wahrheiten liefern und insonderheit über Wahrheitsliebe.

Ich halte dafür, daß diejenigen Menschen am meisten in Gefahr sind, wider die Regeln jener großen und erhabnen Gesinnung zu fehlen, die der Neigung zum Witz sehr ergeben sind, und sich nicht enthalten können, das blendende und lächerliche eines Gedankens der Wahrheit aufzuopfern. Die Wahrheit sollte uns ihrer Natur nach lieber, als alles andre seyn, weil sie der Grund aller moralischen Vollkommenheit ist; aber es giebt unzählige Fälle, wo der Witz, welcher die Wahrheit in ein schiefes Licht stellt, uns und andern mehr, als die Wahrheit selbst gefällt, weil er entweder einen größern Reiz für unsre Einbildungskraft hat, oder weil die Wahrheit uns schon an sich unangenehm war. Ein jeder witzige Kopf mag sich selbst fragen, wie oft er in seinen Urtheilen über andre unbillig verfährt; wie bereitwillig er ist, die falsche Seite eines Gegenstandes herauszukehren, und die wahre geflissentlich zu verstecken; wie oft seine Wahrheitsliebe durch den Kitzel eines launigen Einfalls gleichsam auf einmal vernichtet wird, und wie zweideutig ihm oft selbst sein moralischer Character hierinn vorkommen muß. —

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Meine zweite Bemerkung ist die, daß die besten Menschen, selbst die von einem sehr festen Character oft ganz unschuldigerweise eine Neigung in sich empfinden, etwas Unwahres zu sagen, — ohne dazu necessitirt zu seyn, — ohne die Unwahrheit zu lieben. Gemeiniglich liegt ein versteckter Grund hierunter verborgen, den ich, — so wie die meisten Handlungen der Menschen, in die Eitelkeit setze. Man erdichtet gewisse Umstände, wodurch man ein Licht auf sich zu werfen sucht; erzählt die und die großen Männer zu kennen, die man nicht kennt, an dem und dem Orte sich aufgehalten zu haben, wo man nie gewesen ist, Bücher gelesen zu haben, die man nicht gelesen hat; spricht von Gefahren, die uns nie begegnet sind; von Hofnungen, deren Erfüllung unmöglich ist; — oder man erzählt auch nur etwas Unwahres, um die Gesellschaft zu unterhalten, und seinen Witz zu zeigen, — und tausend dergleichen Fälle mehr, wo man keine Absicht zu schaden hat, und nicht schaden konnte. Vielleicht liegt in diesen Erdichtungen, so wie auch in ihrer bösen Seite, dem Lügen, ein geheimer Reiz, der uns dazu verführt, und ich glaube, daß es Menschen giebt, denen dieser Reiz zur andern Natur werden kann, so daß sie endlich kaum selbst mehr unterscheiden können, ob sie die Wahrheit sagen, oder nicht sagen. Leute die viel sprechen, und doch auch immer gern etwas Neues, etwas witziges sagen wollen, finden in der Darstellung des Wahren [113]auch nicht immer Stoff genug ihre Zunge in Bewegung zu erhalten, und der Beifall, den eine geschmackvolle Erdichtung oder wohl gar Lüge von andern erhält, macht sie leicht geneigt, ihre Talente in Erfindung neuer Unwahrheiten täglich zu üben, — obgleich die Zuverläßigkeit des Characters bei aller übrigen Güte desselben dadurch sehr leiden muß!


Wenn ich mein Gefühl untersuchte, welche Menschen mir am unausstehlichsten sind; so habe ich von meiner frühen Jugend an gefunden, daß es vornehmlich zwei Classen derselben waren, — eitle und falsche. Bei reifern Jahren habe ich angefangen, diese Empfindungen zu zergliedern, und nachzudenken, warum jene Menschen so etwas äußerst Unangenehmes für mich hatten, und warum ich Diebe und Mörder eher leiden möchte, als jene Creaturen. Der Eitle mißfiel mir nicht eigentlich wegen des lächerlichen, welches er an sich hat, im Gegentheil habe ich ihm oft deswegen seine Narrheiten verziehen ; der Grund lag vielmehr in dem Gedanken, daß jener sich mit seiner unbedeutenden Existenz viel zu sehr beschäftigt, als daß er uns die Aufmerksamkeit schenken sollte, die wir von andern auf unsre Person verlangen, und daß er uns gemeiniglich nur als ein Instrument seiner Bewunderung betrachtet. Dieser Mißbrauch, den jene [114]Narren mit uns treiben; die Gleichgültigkeit derselben gegen alles, was nicht ein Licht auf sie wirft; der abgeschmackte Egoismus, den sie in allen ihren Handlungen und Gesprächen an den Tag legen; die erbärmliche Kleingeistigkeit, an Farben und Federn sich zu ergötzen; die dumme Betriebsamkeit sich in Gesellschaften immer hervorzudrängen, und das große Wort daselbst zu führen; die fade Manier, mit welcher sie von uns eine demüthige Hochachtung — selbst gegen die jämmerlichen Blößen ihres Geistes und Herzens von uns fodern; die gnädigen Blicke, mit welchen sich ihr beifallgieriges Auge zuweilen gegen uns herabläßt; die überspannte Dankbarkeit, die sie von uns für oft sehr unbedeutende Dienste fodern; die ekelhafte Rangsucht dieser affenartigen Menschen, — alle diese Dinge haben nach und nach in mir einen unauslöschlichen Abscheu gegen ihre Handlungen eingeprägt; ich kann sie nicht mehr belachen; ich fühle mich geneigt, sie zu hassen, und meiner Spötterei über sie, so oft ich kann, freien Lauf zu laßen. —

Ein Mann, der seine Eitelkeit nicht mehr überwinden kann, ist in meinen Augen ein sehr verachtenswürdiges Geschöpf der Erde; alle seine Handlungen, selbst die besten, die schönsten die er thun kann, kommen mir äußerst verdächtig vor, — weil sie seine alberne Eitelkeit gewiß hervorgebracht hat, — weil alles moralische Gute seines Herzens aus keiner andern, als dieser unreinen Quelle, fließt, [115]weil das Gute, was ein Geck thut, etwas Ekelhaftes an sich hat, das ich nicht beschreiben kann. Freundschaft, Liebe, Religiosität, Mitleiden, Barmherzigkeit, Gerechtigkeitsliebe, Großmuth —alles scheint bei ihm die Tochter seines verschrobenen Egoismus zu seyn, woran die wahre Ehre keinen Antheil nimmt, und den keine Vernunft heilen kann, weil der Eitle in gewissem Betracht mit unter die Wahnsinnigen gezählt werden kann. Ich würde mich für den unglüklichsten Menschen halten, wenn ich mit einem solchen Geschöpf in einer sehr engen Verbindung leben müßte, und das böseste Weib würde mir dagegen noch wie ein Engel vorkommen. —

So einen unauslöschlich übeln Eindruck von meiner frühesten Jugend eitle Männer auf mich gemacht haben; so gern habe ich immer dem andern Geschlecht seine Eitelkeit verziehen; ja ich habe sie oft an demselben geliebt. In der That scheint auch ein eitles Frauenzimmer lang noch nicht ein so lächerliches und absurdes Geschöpf zu seyn, als ein eitler Mann. Wir verzeihen ihm eine selbst übertriebene Aufmerksamkeit auf seinen Körper, weil Schönheit für etwas Eigenthümliches des andern Geschlechts gehalten wird, und weil überhaupt das andre Geschlecht nicht an so ernsthafte Geschäfte des Lebens gebunden zu seyn scheint, als das unsrige; — ich gehe noch weiter und behaupte, daß ein Frauenzimmer ohne alle Eitelkeit keinem vernünftigen Mann [116]gefallen wird, und daß uns diese Eigenschaft angenehm seyn muß, weil sie, um Männern zu gefallen, an denTag gelegt wird. Nur ist es äußerst schwer, die Gränzlinie zu bestimmen, wo die vernünftige Eitelkeit, um mich so auszudrücken, aufhört, und die lächerliche bei dem andern oder unserm Geschlecht anfängt.


Wenn Leute mit einem falschen Character von jeher den unangenehmsten Eindruck auf mich gemacht haben; so glaube ich, daß der erste Grund davon in der Erziehung liegt, indem mein Vater mit aller Aufmerksamkeit darauf sahe, daß seine Kinder stets offen, frei und ehrlich handeln mußten. Da er eben so mit ihnen umgieng, wurde keine Gelegenheit zur Verstellung gegeben, wozu die meisten Kinder in ihren väterlichen Häusern gewöhnt werden, und da er ein Feind alles heuchlerischen und falschen Wesens war, und darüber sich gemeiniglich sehr stark auszudrücken pflegte; so mußte dies sehr tiefe Eindrücke in den Herzen seiner Kinder zurücklaßen. So wie gemeiniglich nicht grade eine moralische Maxime, eine theoretische Sittenregel den Menschen zum Guten antreibt, sondern sich mit dem Entschlusse gemeiniglich, wenn er zur Reife kommen soll, ein Bild, eine Anschauung aus dem gewöhnlichen Menschenleben verbinden muß; so erinnere ich mich, oft etwas zweideutiges nicht ge-[117]than, nicht gesagt zu haben, weil sich mir in dem Augenblick das Bild von einem schiefen Character unter irgend einer mir von dieser Seite her bekannten Person darstellte, die ich haßte, und zwar vielleicht bloß wegen ihrer Falschheit haßte. Vielleicht leihe ich jenem Bilde zuweilen zu schwarze Züge; vielleicht findet mein physiognomisches Gefühl mehr Böses in ihrem Gesicht, als es wirklich anzeigt, — vielleicht bin ich ungerecht gegen Menschen, wenigstens in meinen bittern Beurtheilungen gewesen, die nur den Schein der Falschheit an sich trugen; dem sey wie ihm wolle; — ich kann über meine Erbitterungen gegen den Mann, der sich mir irgend einmal in einem falschen Lichte gezeigt hat, nicht Herr werden, und es würde mir selbst mit denen freundschaftlich umzugehen unmöglich seyn, die nur in einer entfernten Verbindung mit einem solchen Mann stehen.

Aus dieser unaufhörlichen Abneigung gegen alles, was Falschheit des Characters heißt, erfolgten denn nach und nach manche sonderbare Phänomene in meinen Handlungen. — Da der Ton der Gesellschaft in der heutigen großen Welt, und die liebe Eitelkeit, wovon ein jeder Mensch beherrscht wird, es uns oft zur Pflicht zu machen scheinen, andern Schmeicheleien zu sagen, und ich oft zu dergleichen auch gezwungen war; so habe ich mich doch gemeiniglich dabei so eingerichtet, daß ich nie kriechend wurde, was ich überhaupt aufs höchste ver-[118]abscheue; — ich habe meine Schmeicheleien fast immer mit einer Miene gesagt, woraus man schließen konnte, daß es nicht mein Ernst war, ja ich habe oft meine Lobrede gleichsam wieder ganz zurückgenommen, indem ich mich nicht enthalten konnte, die schlechte Seite der Sache oft auf eine vielleicht zu bittere Art aufzudecken, — in dem Moment aufzudecken, da ich ihr Lobredner werden mußte. Glichen meine Ausdrücke bisweilen einer Schmeichelei; so war ich in dem Augenblick wirklich von dem Werthe der gelobten Person und Sache vollkommen überzeugt; so handelte ich nach meinem ehrlichen Gefühl für Wahrheit; — irrte ich mich in der Person und Sache; so hab ich nie wieder der erstern, — wenn sie auch noch so hoch gestiegen wäre, eine Lobrede gehalten. Die Eitelkeit allein hat mir bisweilen Ausdrücke abgelockt, wobei ich es nicht vollkommen ehrlich meinte; allein es betraf doch gemeiniglich nur unbedeutende Sachen; — mehr Scherz als Ernst.

Menschen, von deren Antlitz eine ewige Freundlichkeit herabströmt, die ihre Dienste aufdringen, die allen feinen Worten entgegen grinzen, die dich in einer auswendig gelernten Complimentensprache bei einem Uebel aufs höchste bedauern, die dir Schmeicheleien ins Gesicht sagen, ohne die mindeste Verlegenheit dabei zu äußern, — habe ich entweder für Dummköpfe, oder für Schurken gehalten. Im ersten Fall habe ich sie bedauert, und — habe [119]sie gehen lassen; im zweiten Fall aber habe ich sie hassen müssen, weil ich sie für falsch hielt. Ein zu gefälliges, zu herablaßendes und gütiges Wesen, welches man nicht selten bei den besten Menschen und Köpfen antrift, hat mir oft an den besten Menschen und Köpfen verdächtig geschienen, und ich habe längere Zeit mit ihnen umgehen müssen, um über jene Empfindung Herr zu werden, wenn ich nicht anders wußte, daß jenes herablaßende Wesen ein Fehler ihrer Erziehung oder ihrer unschuldigen Eitelkeit war. Mit höchstem Unwillen bin ich oft von Männern geschieden, die mich mit einer übertriebenen Höflichkeit empfiengen, sie hätten mir Grobheiten sagen können, und ich würde es ihnen viel eher vergeben haben. Ich muß hier eine allgemeine Anmerkung machen. Die meisten großen Köpfe haben keine oder herzlich wenig äußere Lebensart, (ich rede hier vorzüglich von Gelehrten) aber desto mehr Eitelkeit. Sie wollen einen jeden zu ihrem Lobredner machen, und geben sich daher jene so gütige, herablaßende, gefällige Miene, die wir an ihnen so leicht gewahr werden, und die uns oft ekelhaft wird, weil hinter ihr eine bäuerische Erziehung hervorleuchtet. Die Bewunderung sieht diesen Schnitzer nicht, hält sie für Originalität; aber der feinere Menschenbeobachter weiß sehr gut, in welche Classe von Handlungen er das Benehmen des großen Mannes hinstellen soll. Jeder Mensch hängt einen Schild aus, woran man ihn erkennen [120]kann; man muß sich nur nicht durch die bunten Farben des Schildes täuschen lassen, das Original näher zu studiren.


Ich komme nun zu ganz andern Selbstbeobachtungen. Viele dürften darinn, so wie sehr wahrscheinlich in den vorhergehenden wenigstens einen Theil ihres Bildes aufgestellt finden. Da so sehr viele zum Theil versteckte Antriebe sich bei jeder individuellen Handlung des Menschen vereinigen, so daß man nie mit Gewisheit sagen kann, dies und dies war das einzige Motiv der That; so bin ich immer sehr begierig gewesen, die wahren Gründe unsrer moralischen Handlungen aufzufinden, und deshalb selbst auf mich genau Acht zu geben, weil ich mit Wahrscheinlichkeit schließen konnte, daß andre, unter ähnlichen Umständen, so wie ich, handeln würden. Nach diesen Beobachtungen bin ich auf den Gedanken gekommen, daß die wenigsten Menschen in Rüksicht auf die Gottheit, — auf Antrieb und Liebe zu derselben, sondern gemeiniglich aus andern Principien gut handeln, denen sie nur hinterher, oder aus Gewohnheit den Begriff der Gottheit unterschieben. Jene andern Principien sind denn gewöhnlich nichts anders, als natürlicher Instinkt der Menschenliebe, Freundschaft, politische Klugheit, Erhaltung öffentlicher Ruhe, Eitelkeit, auch wohl Eigensinn, Furchtsamkeit, [121]Enthusiasmus für ein gewisses Ideal moralischer Schönheit, Gewohnheit u.s.w. Alle diese Motive liegen uns ohnehin näher, als der abstracte Gedanke an eine Gottheit, — ein Gedanke, der wegen seiner so viel umfassenden Bedeutung nicht leicht einen so augenblicklich determinirten reinen Bewegungsgrund unsrer Handlungen abgeben kann, als jene Principien, die in unsre Natur hineingewebt sind, oder die uns augenblicklich an unsre äußern Verhältnisse erinnern; vielleicht gehört selbst eine Art Schwärmerei dazu —ohne alle anderweitige Motive, (die sich an den Begriff von einer Gottheit anschließen könnten), den Gedanken an die Gottheit zu einem reinen Bewegungsgrunde des Willens zu erheben. Ich läugne hiemit nicht den Einfluß, den dieser Gedanke auf unsre moralischen Handlungen haben kann, und haben muß; sondern ich meine nur so viel, daß er kein eigenthümliches reines Princip des Willens ist, und gemeiniglich von andern Motiven unterstützt wird. Es haben daher auch schon mehrere Weltweisen angenommen, daß es eine Moralität unsrer Handlungen geben kann, ohne daß ein Begriff von einer Gottheit, wie gewöhnlich zum Grunde gelegt wird, und die vollkommenste Sittenlehre würde ohnstreitig die seyn, worinn die Principien aller Moralität allein aus der Natur des menschlichen Willens und ihrer Uebereinstimmung mit den ewigen Gesetzen der Vollkommenheit, ohne Rüksicht auf [122] unsichtbare Wesen außer uns zu nehmen, reducirt, und daraus abgeleitet würden.

Es kommt mir beinahe so vor, als ob die Menschen es von jeher bemerkt hätten, daß der bloß abstracte Begriff vom Daseyn einer Gottheit nicht kräftig genug auf unsre Handlungen wirken würde, wenn sie ihn nicht mit andern Motiven und anschaulichern Ideen zu vereinigen, und dadurch zu einem Handlungsprincip zu erheben suchten. Man personificirte daher in allen Religionen bald auf eine feinere bald plumpere Art die Handlungen der Gottheit, man schob ihr leidenschaftliche Motive unter, man gab ihr willkürliche Rechte zu belohnen und zu bestrafen, man ließ sie sogar sich in Menschen verwandeln, und durch diese denken und reden, — um gleichsam das zu geistige Bild ihres Wesens unsern Handlungen näher zu bringen, und sich ihren vermeinten Einfluß auf die Moralität unsres Willens deutlicher vorzustellen. Auf diese Art wurde Religion nach und nach Bedürfniß für den Menschen, und aus dem Bedürfniß Gewohnheit, wobei die Sinnlichkeit sich stets mit ins Spiel mischte. Sehr natürlich war es, daß das Bild der Gottheit dadurch, um mich so auszudrücken, desto uncorrecter werden mußte, je sinnlicher es ward, und daß die Moralität einer Handlung wohl keinen großen Werth haben konnte, die sich auf jenes Bild gründete, — nicht wie es die reine Vernunft, sondern wie es die Sinnlichkeit entwarf.

[123]

An diese Betrachtungen, die ich oft angestellt habe, ohne an meiner Ruhe dadurch etwas zu verliehren, schlossen sich die Ideen von einer Unsterblichkeit der Seele oft so lebhaft an, daß ich nicht selten einen Wunsch in mir empfand, sogleich aus der Reihe sichtbarer Wesen ausgetilgt zu werden, um über diesen wichtigen Punct zu irgend einer Gewißheit zu kommen, die mir kein Philosoph verschaffen konnte. Ich hatte fleißig das Vorzüglichste gelesen, was hierüber in den Werken älterer und neuerer Weltweisen vorkam; aber ich fühlte immer noch den Mangel an Evidenz, die ich suchte, und die Prämissen jener philosophischen Untersuchungen wurden in meiner Seele jedesmal durch eine Menge von Zweifeln niedergerissen, denen ich nicht widerstehen konnte, und die mir nicht selten viel wichtiger, als die Gründe vorkamen, wodurch man eine Unsterblichkeit der Seele darthun wollte. Ich suchte mir endlich auf einem eigenen Wege Gründe für die Unsterblichkeit zu verschaffen, die wenigstens mir stärker, als die bisherigen schienen, und diese Gründe bemühte ich mich aus dem Interesse herzuleiten, welches die Gottheit an unserm Daseyn, als Urheber desselben haben müsse, und ohne welches ich mir nie die Gottheit denken konnte. »Es würde, so schloß ich, der höchsten moralischen Vollkommenheit Gottes eine Realität stehlen, wenn sie auch nur eine einzige denkende Kraft, die mit allen übrigen denkenden Kräften in der Gottheit gleichsam [124]wie Theile in einem Ganzen enthalten sind, vertilgen wollte; ja ich konnte mir gar nicht einmal vorstellen, wie eine solche Vertilgung möglich sey. Ich kam dabei zugleich auf den Gedanken, daß die Gottheit, wenn sie etwas Denkendes geschaffen habe, dasselbe zu nächst um ihrer selbst willen hervorgebracht, und als Nebenzwecke die Glückseligkeit des denkenden Individuums betrachtet habe, weil die höchste denkende Kraft ihr eigenes Interesse auch immer als das erste und höchste bei jeder ihrer Modificationen betrachten müsse. Diese Gründe hatten mich auf einige Zeit beruhigt; ob wohl nicht überzeugt, weil der erste zum Grunde liegende Begriff vom Daseyn Gottes selbst noch einigen Zweifeln unterworfen seyn konnte; — aber auch diese Beruhigung verschwand beinahe, als mir einst ein aufgeklärter Freund gegen meine Hypothese den Einwurf machte: daß es doch auch vielleicht das Interesse der Gottheit erfodern könne, anstatt der ausgetilgten Kräfte des Denkens in einzelnen Individuen, neue hervorzubringen, und daß eine immer neue Schöpfung denkender Wesen vielleicht der Gottheit ein höheres Vergnügen gewähre, als die Erhaltung einer immer dieselbe bleibenden denkenden Summe von Wesen. Ich gerieth in jene neue Unruh, die mich in einsamen Stunden und Mitternächten schon so oft bei den Gedanken an Unsterblichkeit ergriffen und gemartert hatte.

Fußnoten:

1: *) Cartesius fühlte einen solchen Drang zur Erforschung der Wahrheit in sich, und setzte seine Studien mit einer solchen Heftigkeit fort, daß sein Gehirn dadurch litte, und er über den Gegenstand seines Denkens in eine Art von Enthusiasmus fiel. So leicht sich ein solcher Zustand bei einer lang anhaltenden Anstrengung des Verstandes erklären läßt; so merkwürdig ist doch das, was er hierüber von sich selbst erzählt. Voll von seinem Enthusiasmus und dem Gedanken, eines Tages die Gründe der Wahrheit gefunden zu haben, legte er sich 1619 den 10ten November schlafen. Er hatte hintereinander drei Träume, die ihm so außerordentlich schienen, daß er sie für göttlich hielt, und in ihnen sich die Bahn vorgezeichnet fand, welche er nach dem Willen der Gottheit in Absicht seiner Lebensart und seiner Erforschung der Wahrheit, die er mit Unruh suchte, gehen müsse. Die geistige Auslegung, welche er diesen Träumen gab, glich dem Enthusiasmus von dem er sich durchdrungen glaubte so sehr, daß man ihn hätte für wahnsinnig halten, oder glauben können, daß er sich den Abend vorher betrunken haben müsse; aber er versichert uns, daß er den Tag vorher äußerst mäßig zugebracht, und seit drei Monaten keinen Wein getrunken habe. Den andern Morgen, noch ganz von den Eindrücken jener Träume durchglüht, überlegte er, was er nun für eine Partie ergreifen solle; er nahm seine Zuflucht zur Gottheit, und bat sie inständigst, ihm ihren Willen deutlich bekannt zu machen, ihn zu erleuchten, und ihn bei seiner Untersuchung der Wahrheit zu führen. Seine Schwärmerei ging so weit, daß er sogar die Jungfrau Maria für sich mit zu interessiren suchte, und ein Gelübde, nach Loretto in Italien zu reisen, that.
Baillet la vie de Des-Cartes, à Paris 1693. p. 37. seq.

[125]

An die Leser des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.

Moritz, Karl Philipp

Da ich dem Publikum angekündigt habe, daß ich die Herausgabe dieses Magazins nun wieder allein übernehme, muß ich über mein Verhältniß mit Herrn Pokels einige Worte sagen, in so fern die Leser dieses Magazins dabei interessirt seyn können, und in so fern Herr Pokels selbst mich dazu nöthigt.

Im Jahr 1786 am 19ten Julius schrieb mir Herr Pokels mit folgenden Worten: »Erlauben Sie mir gütigst eine Frage, die Ihnen vielleicht sonderbar vorkommen wird, die Sie mir aber gütigst verzeihen werden. Finden Sie es für rathsam, einen Mitherausgeber des Magazins anzunehmen, und könnte ich dieser Mitherausgeber seyn? Schreiben Sie mir hierüber bald, damit ich weiß, welchen Gebrauch ich mit denen in meinen Händen befindlichen Beiträgen machen soll, und lassen Sie mir die Bedingungen wissen, unter welchen Sie mit mir die Zugleichherausgabe besorgen wollen. Wahrscheinlich könnten wir dann jährlich vier Stück herausgeben, womit, wie ich glaube, der Verleger nicht unzufrieden seyn würde, da das Magazin sehr vielen Absatz hat.«

Da ich nun einige Wochen hierauf meine Reise nach Italien antrat, so nahm ich dieß Anerbieten des Herrn Pokels an; habe aber während meines [126]Aufenthalts in Italien, wegen der Schwierigkeit des Uebersendens, keines von den Stücken, die Herr Pockels herausgegeben, zu Gesicht bekommen, auch keine Beiträge dazu geliefert. — Da ich nun aber während dieser Zeit meine erste Idee eines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde selbst weiter verfolgt, und einen Plan habe, dieses Werk weit interessanter zu machen, als es bis jezt gewesen ist, so muß ich nach diesem entworfenen Plane, die Herausgabe des Magazins nothwendig allein wieder übernehmen, weil ich mit Herrn Pockels wegen der einzurückenden Aufsätze nicht mündliche Abrede nehmen kann, und mir auch die Revisionen, die im vierten Bande des Magazins von mir angefangen und im fünften von Herrn Pockels fortgesetzt sind, nothwendig wieder selbst vorbehalten muß, weil das Werk sonst zerstückt bleibt. Sobald wir also nicht auf eine reelle Weise, sondern bloß dem Namen nach, an diesem Werke ferner gemeinschaftlich arbeiten wollten; so würde ja das Werk selbst nichts dadurch gewinnen, sondern der Eifer zur Bearbeitung desselben würde immermehr erkalten. In diesem Falle ist es also für die Sache selbst weit besser, daß ein jeder seinen eignen Gang für sich, mit einem rühmlichen Wetteifer gehe. Man zerfällt hiedurch auf keine Weise, sondern bleibt immer durch das stärkste Band verknüpft, das Menschen verbinden kan, durch das Band der uneigennützigen Wahrheitsliebe, wodurch ich auch mit [127]Herrn Pockels für die Zukunft verknüpft zu bleiben hoffe, wenn gleich unser Weg eine Strecke auseinander geht. Es wird mir daher nichts weniger, als unangenehm seyn, wenn Herr Pockels ein eigenes psychologisches Journal herausgiebt, worin das meinige der strengsten Prüfung unterworfen wird; denn dadurch gewinnt stets die Sache, und man kömmt der Wahrheit näher. Mit diesen Gesinnungen, die ich Herrn Pockels geschrieben habe, scheinet derselbe nicht übereinzustimmen, sondern besteht auf der fernern Mitherausgabe des Magazins unter sehr heftigen Ausdrücken, und Drohungen von öffentlicher Anklage, die ich von ihm erwarten müsse, sobald ich darauf bestehe, dieß Magazin allein herauszugeben. Denn er habe das Magazin vom Tode errettet, in Aufnahme gebracht, u.s.w. welches sich nicht so verhält, denn nach dem Zeugniß der Verlagshandlung, hat der Debit dieses Magazins, von der Zeit an, da Herr Pockels es herausgegeben, mehr ab als zu genommen. Dieser Umstand bestimmt mich aber gar nicht, sondern die vorher angeführten Gründe, weswegen ich die Herausgabe dieses Werks allein wieder übernehmen muß. Und eben so wenig, wie ich Herrn Pockels jemals verwehren kann, ein eigenes psychologisches Magazin herauszugeben, eben so wenig kann er mich auf irgend eine Weise zwingen, das meinige mit ihm gemeinschaftlich herauszugeben. Es thut mir sehr leid, daß mich Herr Pockels durch [128]seine Drohungen zu dieser öffentlichen Erklärung genöthigt hat, da sonst die Sache unter uns sehr wohl hätte abgethan werden können. Die Sache sollte aber nun einmal zur Sprache kommen, und durch diese Erklärung von meiner Seite, ist, wie ich hoffe, allem ferneren unnöthigen Wortwechsel vorgebeugt.

Moritz.