ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 3 (1788)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

C. P. Moritz und C. F. Pockels.

Sechsten Bandes drittes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1788.

[II]

Nachricht.

Von diesem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde sollen allemal drei Stücke, jedes sieben bis neun Bogen stark, einen mäßigen Band ausmachen. Einzeln gilt das Stück 10 Groschen, und der ganze Band 1 Rthlr. 6 Gr. Eine gewisse Zeit der Herausgabe kann nicht bestimmt werden, sondern es kömmt darauf an, wie sehr die Materialien und Beiträge sich anhäufen werden.

Nachricht.

Die J. G. Fleischerische Buchhandlung in Frankfurt am Main besorgt eine Ausgabe von Pallas flora Rossica wovon kürzlich in Petersburg der erste Theil erschienen. Herr Hofrath und Professor Succow in Heidelberg – dessen Verdienste um die Botanik bekannt sind – wird diesem Werk durch gehörige Abkürzung noch mehr Gemeinnüzigkeit zu geben suchen. Der erste Theil soll auf Subscription Jubilate-Messe 1789 erscheinen, wovon die Bedingungen nächstens bekannt gemacht werden sollen. Wenn sich eine gehörige Anzahl zu illuminirten Exemplaren findet, so soll das Publikum auch damit befriediget werden.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Sechsten Bandes drittes Stück.

<Revision.>

Fortsetzung der Revision des 4ten, 5ten und 6ten Bandes dieses Magazins.

Pockels, C. F.

Seelenkrankheitskunde.

Das Gutachten über den Gemüthszustand des verabschiedeten Soldaten Matthias Matthiesen und des Züchnermeisters T..., eine Schatzgräbergeschichte vom Herrn Metzger, (4ten Bandes 2tes Stück Seite 25 ff.) ist ein neuer Beitrag zu der Erfahrung, daß die Menschen sich durch nichts leichter, als durch chimärische Hofnungen künftiger Glücksgüter täuschen lassen. Die Erzählung gegenwärtiger Geschichte zeigt es ganz deutlich, wie der Soldat Matthiesen auf seine Schatz-[2]gräbergrillen gekommen ist; er war ein unwissender Mensch, der von natürlichen Dingen und ihren Ursachen wenig Kenntniß hatte, ob er sich gleich mit Chirurgie und Baderkunst abgab. In seinen Diensten bei einem herumreisenden Charletan, welcher sich für einen Kaiserl. Königl. Leibarzt ausgab, mag er seinen Kopf mit einer Menge abergläubiger Ideen vollgepfropft haben, bis er endlich durch Lesung unsinniger Bücher so weit gebracht wurde, daß er sich mit der Verbannung der Geister und mit Schatzgraben abgab.

Man hat sich oft gewundert, daß in neuern Zeiten dergleichen Leute, Schatzgräber, Geisterbanner, Geisterbesprecher, Geisterseher, und wie diese Narren alle heissen mögen, wieder so vielen Unfug zu treiben anfangen; allein sie haben ihn immer getrieben, und werden ihn treiben, so lange die Menschen sonderlich in niedern Ständen die Köpfe von unterirdischen Geistern und von verborgenen Erdschätzen noch so voll haben. Wer mit gemeinen Leuten wenig umgegangen ist, kann es kaum glauben, wie sehr der Pöbel, der Vornehme nicht ausgenommen, an jenen Possen hängt, und wie schwer er sich davon durch Vernunftgründe abbringen läßt. Ich habe oft Gelegenheit gehabt, dem Ideengange des gemeinen Mannes hierin nachzugehen, und habe fast immer gefunden, daß seine abergläubischen Grillen mit seinen schiefen Religionsbegriffen von einem Teufel in der genauesten Verbindung stehen. Außerdem [3]haben die meisten Schatzgräbergeschichten so etwas Sonderbares, Seltsames und Außerordentlichscheinendes an sich, daß sie die zügellose Einbildungskraft des gemeinen Mannes leicht fesseln, und die Liebe zum Wunderbaren ganz vorzüglich nähren.


Geschichte eines sonderbaren Wahnsinnes, und dadurch am Ende verursachten Mordes, vom Herrn D. Glawing zu Brieg. (4ten Bandes 2tes Stück Seite 32 ff.) Der Mann, dessen sonderbare Geschichte hier erzählt wird, hatte schon in frühern Jahren einen Ansatz von Wahnwitz. Er entlief seinen Eltern und nährte sich vom Holzschlagen, bis an den Augenblick, als er der Mörder eines andern wurde. Er arbeitete übrigens emsig, redete öfters vernünftig, unvermuthet aber fiel er in alberne Reden. Er ging in keine Kirche, und arbeitete an Sonn- und Festtagen, wenn er nicht mit Gewalt davon abgehalten wurde. Er lästerte öfters Gott, hieß alle Menschen Hunde. Wenn er seine Mitarbeiter beten sah, wurde er unwillig, und sagte: ihr Narren! ich habe wohl einstens auch einmal im Buche gebetet, weil ich aber sehe, daß dieses Plarren zu nichts taugt; so unterließ ich dieses. (Es ist eine sonderbare Erscheinung bei vielen Wahnwitzigen, daß sie sich nichts aus dem, was Gottesdienst und Religion angeht, machen, und sich hierin oft eine auffallende Freiheit im Denken erlauben.) Zu [4]einer andern Zeit sah man ihn einen Klotz ergreifen, und sich damit an die Brust und den Kopf zu wiederholten malen dergestalt schlagen, daß andere sich davor entsazten; ja er verlangte einst von einem andern Kohlenbrenner, mit dem er im Walde arbeitete, daß er ihn todt schlagen sollte. Er aß Hunde, Katzen, Ottern und Füchse. Wenn ein Gewitter am Himmel war; so lästerte er Gott, und pflegte zu sagen: er treibe Leichtfertigkeit. Wenn ihn seine Raserey überfiel; so fing er an zu lachen, und mit sich selbst zu sprechen, sich mit einem Stück Holz oder Axt zu schlagen, und so ein Anfall dauerte oft zwei bis drei Tage, in welchem Zeitraume er sich auch bei Nachtzeit mit einem Knippel heftig zerschlug. Ja sein Wahnsinn ging öfters so weit, daß er mit einem Messer sich die Brust aufrizte, und mit einer stumpfen Axt auf den Unterleib hauete, wobei er sagte: ich wünschte, daß ich mich in kleine Stücken zerhauen könnte, ich wollte mir die Därme selbst heraus ziehen, denn aus den Stücken würde doch wieder ein Ganzes; ich habe einstens schon in der Erde tod gelegen, und bin doch wieder aufgestanden.*) 1 Einen Hund schlachtete er, warf ihn sodann in ein mit Wasser angefülltes Loch, zehrte davon vier Wochen, obgleich die neben ihm arbeiten-[5]den Kohlenbrenner es kaum vor Gestank aushalten konnten. Ein Bauer schenkte ihm ein altes abgenuztes Pferd, dieses schlachtete er, zog es ab, und speisete lange Zeit davon. — Er aß noch schmutzigere Gerüchte, und unternahm noch sonderbarere Handlungen, die man in der Erzählung des Ganzen nachlesen kann. Wie leicht wahnsinnige Leute zum Zorn gereizt werden können, und wie äußerst gefährlich es ist, sie in Freiheit herumgehen zu lassen, was doch zur Schande einer vernünftigen Polizey so oft geschieht, zeigt sein Mord, den er bloß deswegen an einem andern Bauer begieng, weil er ihn einigemahl mit Ernst Kohlen aufzuladen antrieb, und deswegen in einen Wortwechsel mit dem Bauer kam. Er ergrif plözlich seine Kohlenhacke, und schlug sie dem Bauer mit einer solchen Gewalt in den Kopf, daß sie darin stecken blieb. Der unglückliche Mann starb den andern Tag darauf an dieser Verwundung, und der unsinnige Mörder ward auf Zeitlebens ins Zuchthaus gebracht. Auch hier trieb er seine Tollheit fort, drohete oft, die andern Inquisiten zu erschlagen, forderte Hunde und Katzen zu essen, und lachte über alle Religionserinnerungen.

Der Wahnsinnige Walock Flaccus, so hieß der Mörder, gehörte offenbar zu den tollen Leuten, bei welchen das ganze Gehirn die meiste Zeit in Verwirrung gerathen ist, und die Anzahl dieser Wahnsinnigen ist die größte. Sie unternehmen täglich eine Menge alberner Handlungen, wovon man kei-[6]nen Grund angeben, und die man nicht aus einer vorhergegangenen bestimmten Idee erklären kann. Daher fallen sie im Gespräch augenblicklich von einem ins andere; der Faden ihrer Begriffe reist schon wieder, ehe sie ihn noch angeknüpft haben, und sie haben durchaus nicht mehr die Kraft, die Seele auf einen einzigen Punct mit Nachdenken zu heften. In dem Uebereinanderhineilen der Ideen, ohne daß eine in der andern einen Grund zu haben scheint, besteht der erste Anfang alles Wahnwitzes, oder auch in dem Mangel der Kraft, einen einmahl gefaßten Gesichtspunct einer oder mehrerer Ideen gar nicht mehr verrücken zu können, welches bei den Wahnsinnigen der Fall ist, die eigentlich nur an einer Idee krank liegen, übrigens aber ganz vernünftig sind, wie bei dem Mann der Fall war, der sich Gott der Vater zu seyn einbildete, und deswegen sich über die Narrheit eines andern nicht satt lachen konnte, welcher sich für Gott den Sohn hielt, weil ersterer als Gott der Vater besser zu wissen glaubte, wer sein Sohn seyn könne.

Ueberspannter Stolz und Liebe sind ohnstreitig, nebst vielerlei körperlichen Ursachen, die sich sollten richtig angeben lassen, die gewöhnlichen Quellen des Wahnsinnes, sonderlich beim andern Geschlecht; ein Beweis, daß jene Leidenschaften die allergrößten Erschütterungen des Gehirns hervorzubringen im Stande sind; den aus Stolz Verrückten geht es gemeiniglich wie den Betrunkenen; sie ver-[7]theidigen sich mit größter Lebhaftigkeit gegen alle Vorwürfe, daß sie ihren Verstand verlohren hätten, so wie diese es selten zugeben, daß sie ihr Gehirn berauscht haben. Ich erinnere mich, daß mir einst ein Wahnsinniger die Gründe genau detaillirte, daß er seinen Verstand nicht verlohren haben könne, und die Gründe waren nicht unvernünftig. Leute hingegen, die blödsinnig gebohren werden, gestehen gemeiniglich den Mangel ihres Verstandes laut ein, und ihre Verrücktheit ist selten so gefährlich, als die, derjenigen, welche ihren Verstand in spätern Jahren verliehren.


Auszug aus einem Briefe. Stralsund. (4ten Bandes 2tes Stück. Seite 38 ff.)

Enthält Beiträge zu den tausend und abermahl tausend Erzählungen von Visionen, jener so bekannten Spielereyen der menschlichen Einbildungskraft. »Die Gattin des Herrn Stadtmusikus Kahlow in Stralsund liegt in Wochen. Sie wacht. Eine menschliche Figur, als Türk oder Orientaler gekleidet, stellt sich neben die Stubenthür. Das gute Weib glaubt, ihr Mann habe sich verkleidet, sie ruft ihm, sich ihr zu nähern, allein vergebens, die Figur bleibt auf ihrem Posten stehen. Endlich fällt ihr ihr Bruder ein, den sie zärtlich liebte, und der beim Abschiede nach Constantinopel, wohin er vor mehrern Jahren gegangen, ihr gesagt hatte: Schwester! wenn ich [8]weit von dir gerissen, sterben sollte, denn überbringe ich dir selbst die Todespost. Nun erblickt sie in dem täuschenden Manne den verlohrnen Bruder, schreit auf: ach Leopold! so hieß der Bruder, und weg ist das Bild!« —

Dies Phänomen ist wohl nicht schwer zu erklären. Was ist natürlicher, als daß die Wöchnerinn ihren geliebten nach der Türkey gereisten Bruder sich öfters in orientalischer Kleidung gedacht hat, und daß sie durch einen Ideensprung auch wohl einmahl ihrem Manne ein solches Kleid andichtete, zumal da sie als Schauspielerinn, oder Täntzerinn viel so gekleidete Masquen gesehen haben mag. Der Mann antwortete nicht, da sie ihm ruft — nun fällt ihr eben so natürlich ihr entfernter Bruder ein, sie trägt seine Gesichtszüge vermöge der Einbildungskraft in das Bild über, und glaubt nun würklich ihren Bruder zu sehen; das Bild der Imagination wird so stark, als eine würklich sinnliche Anschauung, was so unzählig oft bei lebhaften Leuten der Fall ist. In allen diesen Ideenfolgen liegt nichts Ungewöhnliches. Hiezu kommt noch der vom ***Herrn Einsender sehr richtig bemerkte Umstand, daß sie eine Wöchnerinn, folglich eine Kranke war, deren Nervensystem angegriffen und in einer Zerrüttung war. »Einer solchen oft ganz kurz daurenden Disposition, (fährt der Verfasser sehr gründlich zu raisonniren fort,) und sonderlich der körperlichen Theile, die uns Ideen durch äußre sinnliche Vorstellungen zuführen, schrei-[9]be ich das zu, was wir Phantasmen nennen, da unserm Auge das Schreckbild als würklich dastehend scheinen kann, was unsere Imagination einst bestürmt hat, und bin daher der Meinung, daß wir, noch unbekannt mit dem Knoten des Bandes, welches Körper und Geist so dicht verknüpft, dem Geiste zuschreiben, was wir dem Körper beimessen sollten!« —

Daß das Gehirn der Wöchnerinnen sehr oft durch die Geburt auf eine außerordentliche Art angegriffen wird, lehret nicht nur eine Menge auffallender Beispiele von Verstandesverrückungen bei gebährenden Weibern, sondern noch sehr viel andere sehr merkwürdige Phänomene ihrer verworrenen Einbildungskraft. Bonnetus erzählt von einer Frau, welche im Wochenbette in eine solche Unsinnigkeit gerieth, daß sie sich für eine unterirdische Furie ausgab, plözlich aus dem Bette aufsprang und mit grimmigem Gesichte ausrief: Ich bin die höllische Tisiphone, ich bin ein brennender Geist! und fiel mit den Nägeln ihrer Hände das Gesicht und die Augen ihres Mannes an.


Die zweite im gegenwärtigen Briefe vorkommende Vision hat der Herr Einsender dem Herr Professor M. in G... nacherzählt, und dieser soll das Factum von einem sehr glaubhaften und unverwerflichen Zeugen, dem es wiederfahren ist, gehört haben. »Einer seiner Freunde (des Professor M..) der es ihm mit der größten Ueberzeugung erzählt, so daß er auch in Betracht [10] der Glaubwürdigkeit des Erzählers kein Mißtrauen in die Wahrheit des Vorfalls setze, sey einst Abends aus einer Gesellschaft, in der man bis zur Munterkeit ein Glas Wein getrunken, zu Hause gekommen, und weil sein Bedienter grade nicht zu Hause gewesen, selbst in die Küche gegangen, um sich eine Pfeiffe anzuzünden. Die heitere Stimmung seines Herzens, da er kurz zuvor eine Gesellschaft scherzender Freunde verlassen hatte, konnte also gar nicht Ideen der Art in ihm erwecken, die seinem Auge ein so trauriges Bild vorgerückt hätten, als er beim Hinübergehen über die Diele erblickte. Hier sahe er eines seiner Kinder in völliger Todenkleidung im Sarge liegen. Er schrickt zurück, und schweigt, um abzuwarten obs Täuschung sey. Eben dieses Kind aber, das er als Todten sahe, wird, wo ich nicht irre, in Zeit von acht Tagen krank, stirbt, und wird auf dieselbe Stelle, und in derselben Kleidung hingesezt!« —

Ich läugne, daß der Freund des Herrn Professor M.. bei seiner Nachhausekunft aus einer fröhlichen Gesellschaft durchaus so gestimmt gewesen seyn müsse, daß ihm ein solches Schrekbild nicht habe in die Seele kommen können, — solches Phantasma der Einbildungskraft, denn für eine würkliche Sensation von aussen wird man doch das Ding nicht halten können, man müßte denn verzweifelt abergläubig seyn. Wenn wir im Genuß der Freude auf uns Acht geben, sonderlich, wenn das fröhliche [11] Geräusch um uns her still zu werden anfängt; so werden wir oft bemerken, daß unsere Seele allerley schwarze Bilder durchkreutzen. Wir wissen nicht woher sie kommen, und wohin sie wieder verschwinden, obs gleichwohl ausgemacht ist, daß sie abgerissene Zweige einer verstekten Ideen association seyn müssen. Ist die Vorstellungskraft nun just sehr lebhaft gemacht worden, was nach einem Glase Wein sehr wohl geschehen kann, kommt die Dunkelheit der Nacht hinzu, so scheint es mir sehr natürlich, daß ein Vater sein Kind im Sarge vor sich liegen sehen kann, ohne einmal hinzu zu nehmen, daß vielleicht einige Zeit vorher, vielleicht in der fröhlichen Gesellschaft selbst, von einem todten Kinde gesprochen worden ist, daß man einer ähnlichen Vision erwähnt, oder daß vielleicht eine Veränderung in Sehnerven ein dergleichen unangenehmes Bild hervorgebracht hat. Es kommen bei solchen Visionen gemeiniglich so viel Umstände zusammen, die sie zweifelhaft machen, daß man oft nur wenig Prüfungsgeist haben muß, um die Sache von ihrer täuschenden Seite kennen zu lernen, wozu aber die getäuscht worden, selten geschikt sind, weil sie im Augenblik der Ueberraschung nicht über sich selbst und die mitwürkenden Nebenumstände nachdenken können, und die Lebhaftigkeit des imaginirten Bildes auch hinterher als geglaubte würkliche Erfahrung ihnen alles Raisonnement über die Sache ekelhaft macht. Daß das Kind einige Zeit nachher würk-[12]lich krank wird, und stirbt, scheint nun freilich etwas außerordentliches zu seyn, allein es entstehen hier wieder eine Menge Fragen. War das Kind nicht überhaupt schon kränklich; hat die Erzählung der Erscheinung wo nicht unmittelbar auf das Kind, aber doch vielleicht durch die Mutter, durch die Amme auf dasselbe würken können, herrschte nicht grade damahls eine Epidemie? — oder was mir auch sehr wichtig scheint, glaubte nicht der gute Vater, als er sein todtes Kind würklich vor sich liegen sahe, vorher einen solchen Anblick des Nachts gehabt zu haben, den er nicht gehabt hatte; so wie wir oft nach einer auffallenden Begebenheit darauf schwören sollten, daß wir schon vorher davon gewisse Empfindungen gehabt hätten, die wir doch gewiß nicht gehabt haben. Die menschliche Seele transferirt oft gegenwärtige Sensationen durch die Einbildungskraft auf längst vergangene Zustände ihrer Existenz, und glaubt hinterher Sachen vorher gesehen zu haben, die ihr vor dem Factum nicht in den Sinn gekommen sind. (Ich wünschte daß dieses Capitel der Seelenlehre von einem scharfsinnigen Kopfe einmal genau abgehandelt werden möchte.) Daß der Vater das Kind in der nehmlichen Todtenkleidung sahe, als es ihm vorher erschienen war, ist wohl nichts besonders, da ein Sterbe-Hemd, unter welchem man sich die Todten gemeiniglich denkt, der gewöhnliche Putz ist, den man uns in die Erde mit giebt. Auch werden die [13]Todten an den meisten Oertern auf die Diele gestellt.


Im 3ten Stück des 4ten Bandes hat uns in Absicht der Seelenkrankheitskunde vornehmlich das merkwürdig geschienen, was von dem ohnlängst verstorbenen Lauterbach in Wolfenbüttel erzählt wird. Dieser Mann, welcher sich in seiner Jugend auf die Theologie und Orientalischen Sprachen gelegt hatte, übrigens ein einsichtsvoller, verständiger Mann war, gehörte zu der Classe wahnsinniger Leute, welche an einer gewissen einzelnen Haupt-Idee krank liegen, die bei ihm darinn bestand, daß von der Beschaffenheit der Steine die Begebenheiten in der Welt abhingen. Der eine verkündigte nach seiner Meinung Pest, der andere Krieg, der dritte Feuersbrunst, und so alle Unordnungen und Unglüksfälle, die nur immer in der Welt vorkommen. Er sonderte daher alle solche bedeutende Steine sorgfältig von einander, und wenn er sie alle besäße; so würde von ihm das Schiksal der ganzen Welt abgehangen haben. Als vor einigen Jahren das große Erdbeben in Calabrien entstand, machte man ihm den Vorwurf: er wollte der Regierer der Welt seyn, und habe ein solches schrekliches Unglük nicht verhütet. Er entschuldigte sich kurz damit, daß er den Stein, wovon es abhänge, nicht habe habhaft werden können. Oft bemerkt man ihn auf der Straße [14]still stehen und seinen Blik unverwandt auf einen Stein richten. Er prophezeihet theure Kornpreise und andere Uebel daraus.

Auf seinem Zimmer hat er eine große Menge Kieselsteine groß und klein. Diese zu berichtigen ist er unermüdet. Haben sie ihre Kraft verlohren, dann wirft er sie weg, und sucht andere. Er hat eine große Menge in Gestalt eines Menschenskelets gelegt, wovon ein jeder einen der innern oder äußern Theile des Menschen bedeutet. Mit Hülfe dieser, wenn er sie nämlich alle komplet hat, welches inzwischen selten ist, kann er alle Krankheiten seiner Meinung nach kuriren. Kommt einer zu ihm und klagt: er habe die Schwindsucht; so steht er ruhig auf. Da kann man sagt er bald zu kommen, ich brauche nur diesen Stein hier umzudrehen, der bedeutet die Lunge, nun können sie getrost nach Hause gehn, ihre Krankheit wird sich gewiß geben. Hat er aber zum Unglük den Stein nicht, welcher den Theil, in dem die Krankheit sizt, bezeichnet; so sagt er es freymüthig und entschuldigt sich, daß er nicht des andern Wunsch befriedigen könne.

Noch einige andere sonderbare diesen seltsamen Mann betreffende Umstände kann man in der Erzählung des Herrn Voß selbst nachlesen. Es läßt sich, da man die Geschichte dieses Mannes nicht genauer kennt, nicht leicht entscheiden, wie die Idee, daß von den Steinen die Begebenheiten der Welt abhingen, zur Hauptanlage seines Wahnwitzes geworden [15]ist. Ohne alle Veranlaßung ist sie gewiß nicht entstanden. Vielleicht hat er in physisch-mystischen Büchern allerlei von der geheimen Kraft der Steine gelesen, vielleicht haben ihn symbolische Ausdrücke und Bilder, die in der Bibel von Steinen vorkommen, zuerst auf seine Grille gebracht. Es ist schwer von dergleichen Leute selbst zu erfahren, wie sie auf ihre albernen Meinungen gekommen sind, gemeiniglich wissen sie es auch selbst nicht, da jeder Wahnsinn eine überraschende und urplözliche Ursach zum Grunde hat, die eine oder mehrere verworrene Ideen zur herrschenden in der menschlichen Seele macht.


Die Seite 21 erzählte hypochondrische Grille ist nicht von Bedeutung. Ein milzsüchtiger Mann kann sich sehr leicht einbilden, daß er vergiftet worden sey. Wichtiger ist das, was der Herr K.. Gemeinheits-Commissarius Gädicke in Camin von sich selbst erzählt. Eine der bekannten Spaldingschen ähnliche Erfahrung.

H.. G.. geht aufs Feld, mit einer heitern Gemüthsstimmung, um zu sehen ob seine Arbeitsleute seine Befehle befolgt haben. Vergnügt kommt er bei ihnen an; aber nach einer viertel Stunde da er einem und dem andern etwas zur Arbeit gehöriges, wie gewöhnlich gelassen, in Erinnerung bringen und sagen will, findet er sich unfähig, seine Gedanken durch die gehörige Zusammenfügung der [16]Worte, nach der wahren Folge, ordentlich vorzubringen. Vielmehr kommt das hinterste Wort bald vorn, das mittelste bald hinten, das vorderste bald in die Mitte, und auch umgekehrt. Keiner seiner Leute konnte verstehen, was er eigentlich haben wollte. Aber seiner Vernunft war er indeß gewiß vollkommen mächtig. »Ich dachte, fährt er fort, ganz richtig, sahe dieses Auffallende nebst den Beurtheilungen von meinen Leuten ein, ich ließ mir aber doch von meiner Verlegenheit nichts merken; — sondern ging nach Hause zurük.« Auch auf dem Heimgehen dauerte diese Sprachverwirrung bei vollenkommnem gesunden Bewustseyn fort, bis ein Aderlaß die richtige Wortfolge wieder herstellte, und dem sonderbaren Zustande ein Ende machte.

Ich habe mich schon einmal bei Gelegenheit der Spaldingischen Erfahrung über dergleichen Seelenzustände erklärt, und will hier nur noch dies hinzusetzen. Bekanntlich denken wir durch Hülfe symbolischer Zeichen, vornehmlich der Worte, die jedesmal das Gedächtniß dem Gedanken, welcher ausgedrukt werden soll, wieder zuführt; aber die Seele denkt sich einen Satz, kann sich ihn denken, ohne daß sie sich die Verbindung seiner symbolischen Zeichen in der ordentlichen Wortfolge vorstellt, vorausgesezt, daß jener Satz ihr schon oft gegenwärtig gewesen ist, und sie eine deutliche Uebersicht seiner Bedeutung gehabt hat. Es giebt demnach jedesmal ein doppeltes Bewustseyn der Seele — des Satzes, [17] oder eigentlich des Sinnes des Satzes, und des Ausdruks, oder der Ausdrücke dieses Sinnes. Geht nun eine Verwirrung in den Gehirnfiebern vor, verliehrt das Gedächtniß die Kraft zu einem gewissen Gedanken seine ihm eigentliche Wortfolge herbeizuführen; so wird der Gedanke immer deutlich in der Seele vorhanden seyn, aber unwillkürlich werden sich die Worte untereinander werfen, gerade so wie der Herr Verfasser von sich erzählt. Wenn wir auf uns Acht geben, so werden wir oft bemerken, daß wir uns ein gewisses Object deutlich vorstellen können, ohne seine symbolischen Ausdrücke behalten zu haben, ob wir gleich immer ein Bedürfniß fühlen, den symbolischen Ausdruk ins Gedächtniß zurük zu bringen. Hiebei fällt mir ein, was Bonnetus von sich erzählt, daß er nehmlich, ob er gleich lange die Kräuterkunde gelehrt hatte, sich niemals auf das Wort Pimpinelle besinnen konnte, wenn er auch gleich dieses Gewächs vor sich sahe, und sonst ein gutes Gedächtniß besaß. Geßner führt in seinen neuesten Entdeckungen in der Arzneigelahrtheit. B. 1. S. 137 ff. a unter der Rubrik: Krankheiten der innern Sinne, ein merkwürdiges Beyspiel von Vergessenheit an, welches hier aufgezeichnet zu werden verdient. Ein Mann von 73 Jahren empfand im Anfang des Jänners (1770) einen Krampf in den Muskeln des Mundes, und ein Kützeln, wie vom Kriechen der Ameisen. Den 20ten Jänner bemerkte man bei einiger [18]Verwirrung der Gedanken einen besondern Fehler der Sprache an ihm. Er sprach zwar leicht und fließend; brauchte aber ganz ungewöhnliche selbgemachte Worte, die kein Mensch verstand. Die Anzahl dieser Worte ist nicht groß, aber sie werden oft nach einander wiederhohlt. Bisweilen gehen einige verlohren, und werden mit neuen ersezt. Auch spricht er Zahlen aus, wenn er schnell reden will. Gewöhnliche Worte braucht er mehrentheils in der rechten Bedeutung. Er weiß, daß er unverständlich spricht. Schreiben und Reden ist gleich unrichtig. Er kann seinen Namen nicht richtig schreiben. Schreibt er; so kommen eben solche neugemachte sinnlose Worte aufs Papier, als er ausspricht. Auch kann er nicht lesen, ob gleich mehr sinnliche Gegenstände die gehörigen Begriffe in ihm erwecken.

Noch ein anderes Beispiel dieser Art.

Ein Schulmann erkannte nach einer starken Apoplexie zwar Buchstaben und Worte, aber wenn er sie aussprechen wollte; so kamen ihm immer andere in den Mund, so groß auch sein Bestreben war, seinen Vorstellungen gemäß zu sprechen.


Die Seite 26 (3tes Stük 4ten Bandes) erzählte Genesungsgeschichte betraf doch wohl nichts anders als eine körperliche Krankheit.


[19]

Die Fragmente aus dem Tagebuche des verstorbenen R... S. 33. welche auch im 5ten Bande fortgesezt worden, enthalten manche wichtige Winke für junge Leute und für Eltern — wie gefährlich eine in die Seele gelegte Empfindsamkeit sonderlich durch den unnatürlichen Mißbrauch gewisser Triebe werden könne, und wie das Laster der Selbstbefleckung von so vielen aus Unwissenheit und Mangel einer genauen Kenntniß des menschlichen Körpers getrieben wird. Schilderungen über die Entstehung und Entwickelung unsrer Empfindungen, wie im gegenwärtigen Beitrage vorkommen, können manchen unbedeutend scheinen, weil sie zu individuell sind, indeß glaube ich, stiften sie für aufmerksame Leser doch gewiß den Nutzen, auf sich bei ähnlichen Gelegenheiten, sonderlich bei Anlagen zur Empfindsamkeit sehr Acht zu haben. Zeigen dergleichen Aufsätze zugleich die traurigen Folgen anfangs unbedeutend scheinender Triebe; so können sie bei der Erziehung der Kinder sehr lehrreiche und warnende Beispiele werden.


Verrückung aus Liebe. S. 43. Man wird bei dergleichen schreklichen Beispielen von der Heftigkeit dieser Leidenschaft immer bemerken, daß schon in früherer Jugend, in einer fehlerhaften Erziehung, der erste Grund ihrer nachherigen Ausbrüche liegt. Das Mädchen, dessen Geschichte hier erzählt wird, [20] wurde in ihrer Kindheit verzärtelt, zu einem eigensinnigen, mürrischen und empfindsamen Geschöpf erzogen. Wurde zu keiner weiblichen Arbeit angehalten, las beständig, und sie wurde bald eine fromme Empfindsame, die immer betete und sang. Starkes Getränke als Caffee, ferner häufiges Sitzen, und guter Appetit machten ihren Körper stark und beim Erwachen neuer Gefühle sehr reizbar. Sie verliebte sich auf einem Ball in einen Officier, (weswegen schon manches Mädchen toll geworden ist) aber sie bekömmt ihn nicht wieder zu sehen. Ein anderer Freier stellt sich ein, und sie muß auf Zudringen der Eltern ihm ihr Jawort geben. Ihr Gemahl gewinnt bald ihre ganze Liebe; aber endlich kommt ihr der Officier wieder in den Kopf— und endlich ist eine gänzliche Verrückung da. Beispiele der Art sind gar nicht selten; aber sie bleiben immer sehr traurige Beweise von der Heftigkeit weiblicher Leidenschaften.


Das Sonderbarste, was in diesem 3ten Stük des 4ten Bandes unter der Rubrik: Seelenkrankheitskunde etwas uneigentlich vorkommt, ist das, was Herr Kammerrath Tiemann von einer gewissen Frau erzählt, welche bei jeder neuen Schwangerschaft ein Glied eines ihrer Finger verlohren haben soll. Sie sagte: »drei oder vier Wochen nach einer neuen Empfängniß empfinde ich einen Schuß [21]am ersten Gliede eines Fingers. Das Glied des Fingers fängt denn an zu schwüren, mit unausstehlicher Hitze zu brennen; allgemach verwandelt sich das Geschwür in eine mit hellem Wasser angefüllte Blase; nachdem ich diese mit einer Nadel durchstochen, scheint das Fleisch um den Knochen in Fäulniß überzugehen. Endlich fällt der Knochen des beschädigten ersten Gliedes heraus, und alsdann ist in Zeit von vier und zwanzig Stunden der verstimmelte Finger ganz wieder zugeheilt.« Sie hat 7 Kinder und folglich auch 7 Glieder an verschiedenen Fingern verlohren. — Ich überlasse gern den Aerzten die Auflösung dieses physiologisch-psychologischen Rätzels.

C. F. Pockels.

(Die Fortsetzung künftig.)

Fußnoten:

1: *) Ein sonderbares Beispiel von einer Frau, welche glaubte daß sie gestorben sey, und sich wunderte, daß sie zu Zeiten auflebte kommt unten vor.

Erläuterungen:

a: Geßner 1778, S. 137f.

[22]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

Merkwürdige Beispiele vom Lebensüberdruß.

Pockels, C. F.

a) Eines hypochondrischen Geistlichen. a

Am 7ten Junius vorigen Jahres (1787) starb zu A.. im Saarbrückischen der reformirte Pfarrer H.. b Der arme Mann war bei aller derjenigen Munterkeit, die er in jüngern Jahren besaß, und auch gegen das Ende seines Lebens noch in Gesellschaften affectirte, hypochondrisch, und ließ dieses Uebel, statt bei Zeiten die gehörigen Mittel dagegen zu gebrauchen, immer tiefer einwurzeln. Ungefähr am 3ten Junius erklärte er sich plözlich gegen seine Schwester, die seine Haushaltung besorgte: Die Zeit meines Abscheidens ist nahe! Ich lebe nur noch eine Woche und alsdenn, ich muß! — alsdenn stürz ich mich ins Wasser! Die Schwester sank bei diesen Worten ohnmächtig zu ihres Bruders Füßen nieder. Durch ungarisches Wasser brachte er dieselbe so weit wieder zu [23] sich, daß sie die Augen aufschlug, und sagte dann zu ihr: Ey Schwester, ich habe nicht geglaubt, daß die Nachricht, die ich dir gab, dich im geringsten alteriren könnte! — Fasse dich, ich bitte, gieb dich zufrieden — es ist nun einmal nicht anders, ich muß sterben!

Den folgenden Mittwoch am monatlichen Bettage predigte er noch, wiewohl mit solcher Beklemmung, daß die Herzensangst ihm Todesschweiß auf der Stirn auspreßte. Das Lied aus dem Marburger reformirten Gesangbuche: Jesus süßes Licht der Gnaden ff. das er damahls singen ließ, zeugte von seiner traurigen Gemüthsverfassung. c Es war das leztemal, daß er die Canzel betrat, denn von nun an blieben stets zwei Nachbarsleute um ihn, die ihn beobachteten. Zu diesen sprach er am Tage vor seinem Tode: Ihr lieben Leute! Bei ... auf der Brücke ist der Rhein so schön tief, bringt mich doch dahin, daß ich mich hinabstürzen und mein Leben enden kann, — oder wenn es euch zu weit ist, so grabt eine Grube, es ist einerlei und scharrt mich ein, es ist da auch kühl! Donnerstags Nachts den 7ten Junii brachte man ihn zu Bette, schloß die beiden Thüren, die zur Schlafkammer führten zu, und die Wächter blieben in der daranstoßenden Stube.

Kaum sahe sich der Unglükliche von Menschen frei, so sprang er aus dem Bette, verriegelte die Thüren von innen, und sprang durch das eröfnete [24]Fenster in den Garten. Zum Unglük konnten die Männer, welche dieses in der Stube hörten, weder durch die verriegelte Schlafkammer noch durch den Hausgang, wovon der Schlüssel verlegt war, ihm sogleich nacheilen, und ihre nachherigen Nachforschungen waren leider vergeblich. Erst Freitags gegen Mittag fand man seinen Leichnam ohnweit A... in einem kleinen Bache, auf dem Rücken liegend, die Mütze über das Gesicht gezogen und die Hände auf die Brust zusammengeschlagen, seine Miene war nicht verstellt, und schien zufriedener als in den lezten traurigen Tagen seines Lebens. Man fand in der Gegend am Bache verschiedene Spuren, daß er schon im Wasser gewesen und wieder herausgegangen war, vermuthlich weil es ihm nicht tief genug zu seyn schien, bis er endlich, weil ers nicht tiefer antraf, sich wie in ein Bette auf den Rücken hinein legte und so ertrank. Er ward am folgenden Montage öffentlich unter einer großen Leichenversammlung begraben. Der reformirte Prediger aus R.. hielt ihm die Leichenpredigt über die gutgewählten Worte Christi: Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. Journ. v. u. f. D. 9. St. 87.


b) Eines 72jährigen blinden Predigers.

Visitationsschein. Es war der 16te October Morgens nach 2 Uhr 1764 als vom Churfürstl. Sächsis. [25]Amte zu E.. ich Endesbenannter Medicus requirirt wurde, mich eilends nach R.. in das Pfarrhaus zu verfügen, und die Magisterinn, Frau Th. R. C. daselbst, welche von ihrem alten 72 jährigen blinden Ehemanne Herrn M. C. Nachts gegen 12 Uhr im Schlafe in ihrem Bette in der Kammer neben der Wohnstube, worin der alte Magister gelegen, mit vielen Wunden sehr gefährlich verlezt worden sey, mit dem geschwornen Amtschirurgo R. allhier zu visitiren, verbinden zu lassen, und nachher mit dienlichen Medicamenten zu versehen. Dem zu Folge begaben wir uns nebst dem Viceactuario Herrn Sch. und Landrichter Herrn S. schleunig dahin, und kamen um 5 Uhr Morgens in der Pfarrwohnung daselbst an, und fanden die Verwundete in der obern Wohnstube, anjezt in dem Bette liegend bereits verbunden von einem Chirurgo K. von B. Die Verblutung hatte bereits cessirt, weil der Körper fast vom Blute entledigt und Patientinn sehr blaß aussahe, auch sehr matt war. Sie schlug oft mit der rechten Hand auf ihre Bettdecke; konnte aber dennoch ziemlich vernehmlich auf die gethane Fragen antworten und sagen, daß ihr Mann sie im Schlaf liegend also verwundet habe, doch wisse sie nicht, wenn oder womit es geschehen sey. Es wurde uns ihr angehabtes Hemde gezeigt, welches wie aus Blut gezogen aussahe. Auch fand sich viel Blut in ihren Betten in der Kammer, wo sie verwundet worden war, auch einige blutige Flecken an [26]der Wand des Ofens in der Wohnstube gegen die Stubenthür, und hinter dem Ofen eben daselbst an der Wand. Es wurde uns auch von dem Schwiegersohn G. der Patientinn Schlafmütze und Kopftuch voller Blut und Hiebe, benebst einem ziemlich schweren und scharfen Küchenbeil und scharfen mittelmäßigen Messerchen gezeigt, welches die mörderischen Instrumente gewesen seyn sollten, die auch beide noch mit Blut beflekt waren. Wir ließen hierauf von dem noch gegenwärtigen Chirurgo K. die angelegten Bandagen wieder abnehmen, weil die Verblutung stille geworden war, und fanden folgende 13 Wunden an der Patientinn u.s.w. Die Wunden, welche hier weitläuftig beschrieben werden, kann man füglich übergehen.

Weil nun die Empfindsamkeit der Wunden zu groß war, auch leicht neue gefährliche Verblutungen und Ohnmächten bei dem ohnehin schon geschwinden und febrilischen, jedoch schwachen Puls, nicht weniger auch noch künftige Schmerzen beim nöthigen Heften der großen Wunden zu besorgen stunden, so konnte man vorjetzo keine Visitation der sämmtlichen Hauptwunden vornehmen und bemerken, wie tief solche ins Cranium gegangen wären. Man vermuthete aber doch, daß das Cranium und besonders das Gehirn dabei nicht so viel gelitten haben konnte, weil die Patientinn völligen Verstand und gar kein Erbrechen hatte, wie bei verleztem Gehirn und niedergedrukter oder gespalteter Hirnschaale ge-[27]wöhnlich ist. Man verband demnach die Hauptwunden gehörig, und versahe solche mit warmen spirituösen Aufschlägen und Bandagen, die große Halswunde aber (eine Wunde am Halse bei 3 Zoll quer über durch die asperam arteriam oder Luftröhre und Oesophagum oder Speiseröhre, aus welch lezterer auch der gereichte Thee und Milch vor und nach dem Verbande herausgeflossen) und die Ellenbogenwunde zog man mit 3 Heften zusammen, bedekte selbige mit Pflastern, Aufschlägen und Bandagen. Nach dem Verbande fand sich Patientinn eben nicht schwächer, sondern nahm auf Anbiethen etwas Milch zu sich, um den Abgang des Blutes und der Kräfte ersetzen zu sollen, die aber der Hefte unerachtet zwischen der Bandage aus der Halswunde wieder herausdrang, mit der Versicherung auf beschehene Frage, daß sie nichts davon in dem Magen habe verspüren können.

Die eine von den Wunden, nehmlich die große Halswunde, wurde von dem Medicus Herrn Hofmann, der vorhergehenden Visitationsschein ausgefertiget, für würklich tödlich erklärt, wie denn auch die Unglükliche Ermordete den andern Tag darauf bei einen heftigen Blutsturz würklich ihr Leben endigte. Bei der Section wurde die Tödlichkeit der Halswunde bestätigt, und hierauf gründet sich folgendes merkwürdige Urthel über den Mörder, welches ich ganz hieher setzen will, um zu sehen, durch welche Veranlassungen der unglükliche Mann zu sei-[28]ner abscheulichen That verleitet worden ist, und welch eine Menge qualvoller Ideen vorhergehen mußten, ehe er sich dazu entschloß.

Hat ernannter C. als man ihn Artikelsweise vernommen, gestanden und bekannt, daß er den seit vierzehn Tagen, und besonders die lezten 4 Tage davon, gehegten Vorsatz, sein Eheweib, Theodoren Reginen, ums Leben zu bringen, am 15ten October des abgewichenen 1764sten Jahres, Abends gegen 12 Uhr in der ordentlichen obern Wohnstube der R—er Pfarrwohnung, worinnen sein Eheweib so wie er in der daneben befindlichen Cammer zu schlafen pflegte, dergestalt zu Werke gerichtet, daß, da er aus dem Schnauben des Eheweibes, als er die Cammerthür sachte aufgemacht, gemerkt, daß selbige im Schlafe liege, er aus der Cammer in die Stube gegangen, mit der Hand auf des Weibes Kopf gefühlt, sodann nach dem Orte, wo er seine Hand gehabt, mit dem bei sich gehabten Beile den heftigen Hieb gethan, und da hierauf das Eheweib im Bette sich aufgerichtet, und nebst dem bei ihr gelegenen Tochterkinde, dem H—schen Töchterlein heftig geschrien, er mitler Zeit immer mit dem Beile auf das Eheweib weiter zugehauen, so sehr sie sich mit den Füßen gewehrt, und damit sie desto eher sterben sollte, mit dem aus der Tasche und Scheide gezogenen Federmesser in die Kehle, wonach er zuvörderst mit der linken Hand gefühlt, mit der rechten Hand gestochen; selbiger [29]da niemand anders da gewesen, alle die an derselben befundenen Wunden zugefügt, also an dessen, den 16ten October darauf, Nachmittags gegen 3 Uhr erfolgten Tode, weil er die Frau so verwundet, ganz allein Schuld sey, und also eine prämeditirte Mordthat begangen habe.

Inquisit gestand in dem Verhör ferner, daß es keine Bosheit von Seiten seiner gewesen, die ihn zur Begehung der Mordthat bewogen, sondern daß er dazu durch die Ungenügsamkeit seines Pfarrgehülfen, den man ihm Alters halben gegeben, und welcher nicht mehr mit der ihm bewilligten Hälfte der Pfarreinkünfte habe zufrieden seyn, sondern Inquisiten nur mit einem gewissen jährlichen Gehalt habe abfinden wollen, und durch die daher entstandenen Zänkereyen mit seinem Eheweibe verleitet worden wäre. Dieses machte dem armen blinden Manne, wie er im Verhör anzeigte, tägliche und sehr bittere Vorwürfe darüber, daß er sich seine Einkünfte durch den Adjunctus so sehr abschneiden ließe, und daß sie ihr ihrem Manne zugebrachtes Vermögen ohnedem schon zugesezt hätten. »Du räumst dem Pfarrgehülfen, dies waren ihre täglichen Vorwürfe, zu viel ein, und machest mich unglüklich, und wenn wir einmal betteln gehen müssen; so bist du Schuld daran, desgleichen, wenn er sterbe, und sie solcher Gestalt um ihren Unterhalt kommen werde, wolle sie auf sein Grab treten und sagen: hier liegt der unbe- [30] sonnene Rabenvater, der weder für seine Frau, noch Kinder gesorgt hat. item. Am jüngsten Tage wolle sie sagen: hier ist der gottlose Rabenvater, richte ihn Gott nach dem strengsten! denn er hat die Hölle an mir verdient; noch weiter und immer fort plagte sie ihn mit bittern Vorwürfen, daß er ein alter unverständiger Rabenvater, und daß er werth sey, daß man Leute kommen und ihn mit Steknadeln zerkratzen ließe. Aus diesen anhaltenden Zänkereien und Beängstigungen, wovon ihm immer seine Gedanken vergangen und welcher Unfriede mit seinem Eheweibe 4 bis 5 Monat fortgedauert, sey endlich die Verzweifelung und der Wunsch entstanden, daß sein Leben ein Ende nehmen möchte. Er wäre bei diesen Plagen denn auch zugleich mißtrauisch auf die göttliche Vorsorge geworden, der Gedanke daß er und sein Weib nicht mehr von den halben Einkünften der Pfarre hätten leben können, ferner daß nach seinem Tode sein Weib würde Noth und Schimpf leiden müssen, hätte nun vollends alles dazu beigetragen, sich sowohl, als sein Weib aus der Welt hinaus zu schaffen, — sich, um sich von seinen vielen Plagen und bei seiner langen Blindheit ausgestandenen Lebensüberdruß zu befreien, sein Weib, um sie vor aller künftigen Noth zu sichern. Es sey demnach in ihm der veste Vorsatz entstanden, sein Eheweib zu ermorden, und sich den Händen der Obrigkeit zu überliefern, damit auch er von der Welt käme, und aller seiner tägli-[31]chen Plagen und Noth ein Ende machen möge. Im übrigen sey es durch Hülfe des Satans geschehen, daß er so hintereinander in der Eile dem Weibe die Wunden zugefügt, wie ihm denn auch den ganzen Tag vorher gewesen, als wenn alle Teufel um ihm wären, so daß ihm ordentlich der Kopf gebrauset.« Zu allen diesen Veranlassungen seiner schreklichen That kamen nun noch folgende Umstände, die auch der Defensor des Inquisiten nüzte, um ihn vom Tode zu retten, nehmlich, daß ihn in den lezten sieben Jahren der Schlag, so jedoch ein paarmal nur Schwindel gewesen, 5 bis 6mal gerührt, und seine Gemüthskräfte dadurch in eine Schwäche und Verwirrung gerathen wären; ferner daß er eine schlechte Lebensordnung beobachtet, von zähem und schwerem Geblüte gewesen sey, und den Brantewein geliebt habe. Alle diese Umstände konnten ihn aber doch nicht vom Tode retten, weil er wie er selbst eingestanden, sich seiner bei der verübten Mordthat völlig bewust gewesen, und die dabei vorkommenden Umstände deutlich zeigten, daß er die Mordthat nicht in einem Anfall von Wahnwitzoder Raserei begangen habe.

Es ist der Mühe werth, die Gründe aus dem Urthel anzuführen, warum man die Vertheidigung seines Defensors nicht für gültig annehmen wollte. »Wenn bei einem Verbrecher die Zurechnung der ausgeübten Missethat wegfallen soll, muß eine solche Schwäche und Ohnmacht des Gemüths und [32]der Seelenkräfte vorhanden seyn, die ihm das, was er gethan, und ob selbiges recht oder unrecht sey, zu wissen und beurtheilen zu können, ausser Stand sezt: bei Inquisiten hingegen desgleichen sich keinesweges ereignet, sintemal die genaue, und so weit andere Personen, als die verwundete C. selbst, der Schwiegersohn, die Magd und der Pfarrgehülfe davon wissen, und etwas melden können, richtige Erinnerungen der Umstände seiner That, sowohl als des unmittelbar vorhergegangenen und darauf erfolgten; ja selbst der nach Anleitung des Inquisiten summarischen Aussage Fol. 45. B. im 45 und 46sten von ihm bejaheten Artikel gebrauchte Gedanke: Daß, wenn er des Weibes Mörder, er dadurch selbst des Todes schuldig wäre, untrügliche Merkmaale sind, daß vor, bei und nach seiner Missethat er sich selbst wohl bewußt, um die Unrechtmäßigkeit seines Vorhabens und dessen Vollziehung einzusehen auch nach den Gesetzen zu beurtheilen nicht weniger als unfähig, sowohl daß das angegebene Brausen des Kopfs, gleich als ob alle Teufel um ihn wären, in der That nichts anders, als die Erinnerungen des Gewissens, so ihm die Abscheulichkeit seines Vorsatzes vorgehalten, gewesen: da weiter, daß er sonst und besonders um die Zeit des verübten Verbrechens ungereimte oder widersinnige Handlungen unternommen, keine Spur zu finden, sondern er dergleichen sich zu enthalten wohl gewußt; darneben damals trunken gewesen zu seyn verneint, [33]auch niemand, daß er es gewesen, an ihm vermerket, alle Vermuthung, daß sein Verstand den Reizungen seines bösen Willens zu widerstehn, wenn nur Inquisit es thun wollen, unvermögend und nicht genugsam gewachsen gewesen, gänzlich hinweg fällt; vielmehr Inquisit mit andern grober Missethat Schuldigen gemein hat, daß, anstatt, was er sich vorgenommen, wohl zu prüfen und sodann den sanften Leitungen des das Unternehmen verwerfenden und mißbilligenden Verstandes zu folgen, er mit gänzlicher Beiseitsetzung dessen, wessen selbiger ihn belehret, lediglich von den übereilten Trieben eines durch Leidenschaften aufgebrachten und verderbten Willens sich überwinden und von ihm hinreissen lassen; anbei daß Inquisit, als ein siebenzigjähriger Greiß, dem das Alter als ein Vorbote des sich ihm nähernden Todes vermittelst Blindheit die Augen gleichsam bereits zugedrukt, und der mithin der Hitze aufwallender Gemüthsbewegungen weniger Herrschaft über sich einräumen sollen, eines anständigern Abschieds aus dieser Zeitlichkeit sich nicht beflissen, dargegen auf so schändliche Art seinem Tode zugeeilet; als ein an die 39 Jahr im Priester-Amte stehender Prediger göttlichen Worts, die in diesem vorgeschriebene, und ohne Zweifel, solche Zeit über, andern gepredigte Zähmung des bösen Willens und Dämpfungen der aufsteigenden sündlichen Begierden und Trieben selbst nicht beobachtet, noch die Gründe, die er wieder das Mißtrauen in die göttliche Vorsorge und [34]die demselben so oft auf dem Fuße folgende Verzweifelung andern eingeschärfet, sich vor Augen genommen, oder, um ihn davon zu erinnern, einen oder andern seiner Mitbrüder und Amtsgenossen angegangen; ferner, daß er die That nicht im Zank mit dem Eheweibe, wobei die jähling aufsteigenden erstere, der menschlichen Schwachheit unerwartet überwältigende, Regungen des Zorns wenigstens als eine scheinbare Entschuldigung hätten angeführet werden können, sondern nach einer längst vorhergegangenen Ueberlegung zu Folge, und da wenigstens einige Stunden lang zwischen ihm und dem Eheweibe kein Wortwechsel vorgefallen, vielmehr Inquisit sec. Artic. 72 und 74 demselben, nur eine viertel Stunde vorher, mit falscher Zunge diejenige Nacht gut zuzubringen angewünschet, die er zu dessen Abschlachtung, und zwar laut des bejaheten 108ten Artikels, unaufhaltlich bestimmt gehabt, über dieses er das Eheweib im Schlafe überfallen, und dadurch, wenn sie, wie er, nach Anleitung der Antwort auf den 103ten Artikel, darauf umgegangen, sofort unter seinen Händen verstorben wäre, deren zu einem so plözlich als unvermutheten Uebergange in die Ewigkeit damals vielleicht nicht gefaßte Seele der Gefahr des ewigen Verderbens auszusetzen, an sich nicht ermangeln, auch von der Beharrlichkeit in seinem bösen Vorsatze, dabei ja freilich wohl ein guter Geist die Hand nicht geführet haben kann, weder durch die Gegenwehr des Wei-[35]bes noch durch dessen und des H—schen Kindes ängstliches Schreien sich abwendig machen lassen, lauter solche Umstände sind, wodurch die Schwere des Inquisiten Verbrechens mehr erhöhet als verringert wird.« — —


c) Eben so auffallend ist folgendes Beispiel von einem kalten Ueberdruß des Lebens.

Ewa Margretha K— 23 Jahr alt wurde wegen verschiedener Verbrechen im Sept. vorigen Jahres (1755) in das Zuchthaus nach Onolzbach gebracht. Man empfing sie gewöhnlich wie die Züchtlinge mit einer Peitsche, und einer von den Streichen verlezte ihre rechte Brust. Diese Behandlung machte den tiefsten Eindruck auf benannte Weibesperson, und sie fing an, lieber den Tod zu wünschen als ein solches Leben zu führen. Um aber desto eher zu Erfüllung ihres Wunsches zu gelangen, fiel sie auf den schreklichen Gedanken einen Mord zu begehen, damit ihr auch sodann das Leben genommen werden, und auf solche Art Zeit gewinnen möchte ihre Sünden zu bereuen, und bei Gott Gnade zu erlangen, welche sonst durch Handanlegung an sich selbst verlohren gehen möchte. (Man sieht hieraus deutlich, daß die meisten Mörder, die andre umbringen, um sich dadurch selbst aus der Welt zu schaffen, aus einer mißverstandenen Religiosität lieber Hand an andre legen). Sie praemeditirte geflissentlich den [36]Tod einer andern Weibsperson, und führte ihr Vorhaben auch würklich auf folgende Art aus. Sie gab nehmlich vor, als eines Sonntages die Züchtlinge in die Kirche gehen mußten, daß sie Bauchweh habe, und nicht den Gottesdienst mit abwarten könne. Mit ihr wurde noch eine andere Züchtlinginn, Mederin mit Nahmen, zurükgelassen, welches ein äußerst einfältiges Mensch war. Zu dieser begab sich Margaretha K— und stellte ihr vor, daß sie beide, um ihres Jammers auf einmal los zu werden, sterben wollen, und daß sie (die Margretha K—) damit den Anfang machen wollte, daß sie die Mederin zuerst umbrächte. Die Mederin war damit zufrieden, nur machte sie vorher die Bedingung, daß ihr das Umbringen nicht viel Schmerzen verursachen sollte. Sie legte sich darauf auf eine Brücke im Zuchthause ausgestrekt hin, und die Mörderinn übte würklich die schrekliche That mit Abschneidung des vordern Halses mittelst eines Ulmer Kreuzermessers an ihr aus, die einfältige Mederin empfing die tödlichen Messerstreiche mit aller Gelassenheit, und starb nach einer Stunde an den empfangenen Wunden.

Um zu sehen, wie die unglükliche Mörderinn auf die abscheuliche Idee ihre Mitgefangene hinzurichten gekommen sey, und wie traurig die Veranlassungen dazu waren, will ich aus dem medicinischen Bericht über sie nur noch folgendes hinzu setzen, woraus zugleich erhellen wird, wie hundisch die [37]barbarischen Aufseher der Zuchthäuser oft mit ihren Züchtlingen umgehen, und wie leicht bei solchen Unmenschlichkeiten mörderische Gedanken in den armen, leidenden, gedrükten Menschen entstehen können.

Als sie in das Zuchthaus gebracht wurde, wurde sie frei hingestellt, mit aufwärts gestrekten und an Händen geschlossenen Armen, da sie denn vom Zuchtmeister, der ihr hinterwärts zur linken stand, zwanzig Streiche mit einer langen neuen Peitsche, die vom Handgrif bis oben ganz biegsam war, bekam. Während des Schlagens schwang sich das oberste Ende der Peitsche gewaltig auf ihre rechte Brust, und verursachte eine so heftige Contusion auf derselben, daß sie gleich aufschwoll, blau, schwarz, gelb und roth wurde, wie die Brüste denn zu werden pflegen, wenn ein Kind davon entwöhnt wird. Während der Geschwulst, sagte sie, habe sie um Hülfe gebeten, man habe es ihr aber abgeschlagen, und sie zur Geduld verwiesen. Wie die Geschwulst nach 8 Tagen etwas nachgelassen, kamen erst die Schmerzen von der Seite in die Brust hinein, als wenn mit Messern darinn geschnitten wurde. Nach 14tägigen erschreklichen Schmerzen habe sich die Brust oben an der linken Seite eröfnet, wo nichts als gelbes Wasser herausgelaufen, wonach Geschwulst, Härte und Flecken vollends vergangen, auch die Schmerzen, die sich etwas gelindert, blieben auch außen, so lange das Auslaufen dauert, wenn aber dieses nachlasse, und die Oefnung zuge-[38]fallen; so kämen die Schmerzen wieder, ziehen sich in die Brust gegen den Rücken in die Achsel, und von da gegen das Herz und davon bekomme sie schweres Athmen und Stecken, und das herauslaufende Wasser mache ihr sehr brennende Schmerzen.

Als man sie fragte, was sie denn aber zu der abscheulichen That, ihre Mitgefangene umzubringen, bewogen habe? antwortete sie: Furcht vor der Qual und scharfen Schlägen, die sie im Zuchthause hätte erleiden müssen, und noch wie lange hätte ausstehen müssen. Da wäre sie denn auf den Gedanken gekommen: nehme ich mir mein Leben selbst; so ist meine Seele ewig verlohren; wenn ich aber das Mensch umbringe, und sodann auch um das Leben komme; so kann ich meine Sünden bereuen und Gott wird meine Seele zu Gnaden annehmen.

Auf die Frage: ob sie gegen die Entleibte einen Haß gehegt, oder sie von dieser sey beleidigt worden? sagte sie, die Entleibte habe ihr kein Leid gethan, vielmehr wenn dieser etwas leids geschehen, sey sie allezeit auf sie zugelaufen und hätte es ihr geklagt.

Auf die Frage: ob sich die Entleibte nicht gewehrt? antwortete sie, daß sie sich ganz geduldig habe ermorden lassen. Als man sie fragt: ob sie die Nacht nach der abscheulichen That geschlafen? erwiederte sie, sie habe eben gebethet, und da sie darüber eingeschlafen, und wieder aufgewacht, hätte [39]sie das unterbrochene Gebet wo sie vorher geblieben, wie sie jeder Zeit gewohnt gewesen wieder fortgesezt. Sie hätte kein Bedauern mit der Entleibten gehabt, und hätte eben gedacht; sie könnten beide auf diese Art miteinander der Marter auf einmal entledigt und selig werden. Die Inquisitinn zeigte sich übrigens allezeit ganz gelassen, außer wenn man ihr die erschrekliche That vorgestellt, wie dieses durchaus nicht der Weg zur Seligkeit wäre, vielmehr sie den Zorn Gottes auf sich geladen, hat sie geweint.

Der Arzt fand sie stets vollkommen vernünftig, und sezt in seinen Bericht hinzu, daß sie ihre That blos aus Verzweifelung und Lebensüberdruß unternommen hätte, und dazu bei einem bessern Unterricht in der Religion nicht gebracht seyn würde. Die Justiz verstand diesen Wink nicht — und weil man sonst oft mit der Todesstrafe so äusserst bereitwillig war, wurde das unglükliche Mädchen nicht lange nach ihrer That hingerichtet.

Aus vorhergehenden und hundert andern dergleichen Beispielen von Lebensüberdruß erhellet deutlich, daß sehr viel Menschen vor dem Tode lange nicht den Abscheu haben, der uns allen so gemein seyn soll. Der Gedanke, nicht mehr zu seyn, ist für sehr viele lange nicht so schreklich, als wirs glauben. Von den Leiden des Lebens niedergedrükt, von allen verlassen, mit körperlichen Schmerzen beladen — ohne Hofnung daß es jemals besser werden kann, besser werden wird, ist wohl der Entschluß, [40]sich selbst umzubringen, lange nicht so schwer, als er uns bei gesundem Leibe, gutem Appetit, und äussern glüklichen wenigstens erträglich guten Umständen zu seyn scheint. Aber warum richteten sich jene Menschen nicht lieber gleich selbst hin, warum mordeten sie erst andere, damit sie wieder gemordet würden —? dies kann man wohl nicht anders, als theils aus einer natürlichen Abneigung erklären, Hand an sich selbst zu legen, wenn noch Mittel vorhanden sind, daß wir dies traurige Geschäft andern überlassen können; theils aus einer religiösen Furcht, daß man durch einen Selbstmord sich gleichsam den Himmel selbst verriegeln würde, und daß man durch die Ermordung eines andern immer noch Zeit bekäme, an seiner Seligkeit zu arbeiten, was aus dem leztern Beispiel sichtbar erhellet. Ausserdem hat der Gedanke: sich selbst zu ermorden, bei aller seiner Entsezlichkeit, für den Unglüklichen, besonders hypochondrisch Unglüklichen etwas Einladendes an sich; — der Leidende erhebt sich dadurch in seinen Gedanken über alles weg, was ihn einschränken, was seine körperlichen Leiden vermehren kann. Ihm hat kein Mensch etwas mehr zu gebieten, er kann der ganzen Welt trotzen, wenn er nicht mehr von der Todesfurcht gemartert wird. Alle Intriguen und Bosheiten der Menschen gegen sein Glük kommen ihm wie erbärmliche Spielwerke vor; — er darf nur einen Augenblik den Willen haben — seinem Leben ein Ende zu machen, und er ist ewig von allen [41] Unannehmlichkeiten desselben befreit. Freylich müssen große Verirrungen der Seele vorhergegangen seyn, ehe jener Entschluß bei ruhiger Vernunft zur Reife kommen kann; allein selbst die Vernunft kann sich in solchen Augenblicken bisweilen das Ansehn geben, als ob sie den Selbstmord billigen dürfte, und es hat Leute genug gegeben, die aus Gründen der Vernunft Hand an sich selbst gelegt haben, ob gleich jeder der sich nicht an ihre Stelle setzen kann, glauben wird, daß die Leute etwas gescheidteres hätten thun können. Es ist aber auch hier gemeiniglich nicht die Frage: was sie hätten thun können; sondern, was sie nach der einmal vorhandenen Folge ihrer Vorstellungen und Empfindungen durch einen unwillkürlichen Stoß ihrer Gefühle thun mußten.

Wer diesen Punct nicht recht in Erwägung zieht, wird nie mit philosophischer Toleranz über den Selbstmord irgend eines Menschen ein gehöriges Urtheil fällen, und wird Menschen verdammen, die eher unser ganzes Mitleiden verdienten, und die der Himmel wohl nicht nach unsern Systemen richten wird.

P.

Erläuterungen:

a: Vorlage: "Trauriges Ende eines Hypochondristen" in: Journal von und für Deutschland 4. Jg., 7. St., S. 264f.

b: In der Grafschaft Saarwerden, die von 1527 bis 1793 zu Nassau-Saarbrücken gehörte, gibt es die Gemeinde Altweiler (heute Altwiller). Von 1784 bis 1787 amtierte dort ein aus Kusel in der Pfalz stammender Pfarrer namens Johann Abraham Hepp, der am 9. Juni 1787 tot im Wasser aufgefunden wurde (Bopp 1959, S. 228). Laut Angabe im Kirchenbuch war Milzkrankheit die Todesursache. Die Nachfolge im Altweilerer Pfarramt trat sein Bruder Karl Friedrich Hepp an, der dort von 1787 bis 1847 amtierte und von 1820 bis 1827 auch Präsident des reformierten Konsistoriums in Straßburg war. Für diese Recherche danken wir Dr. Andreas Metzing, Evangelische Archivstelle Boppard.

c: "Jesu, süßes Licht der Gnaden! sieh' mein Elend, meine Noth, laß dich's jammern, heil' den Schaden, Ach, er bringt mir sonst den Tod! Solltest du Erlöser heißen, Und mich nicht dem Tod entreißen? Wie dein Nam' ist auch dein Ruhm, Das erfährt dein Eigenthum."

[42]

2.

Krankheit der Einbildungskraft.

Pockels, C. F.

Nachricht von einer Frau, welche meinet, daß sie gestorben sey, und durchaus als eine Gestorbene wollte behandelt werden. a

Nachstehende Erzählung des Bonnet ist von einer sonderbaren Art. Ein sonst verständiges altes Frauenzimmer fängt auf einmal sich einzubilden an, daß sie gestorben sey, und begraben werden müsse. Keine Vorstellungen dagegen wollten etwas fruchten, man muß sie, um sie zu beruhigen, durchaus in einen Sarg legen; aber selbst bei dem eingebildeten Tode verläßt sie die weibliche Neigung nicht, sich zu schmücken, etc. — doch hier ist die ganze Erzählung selbst.

Eine ehrbar alte Frau von beinahe siebenzig Jahren saß frisch und gesund in der Küche, und bereitete eben die Speisen zu, als sie eine durch die Küchenthür eindringende Zugluft so heftig in den Nacken traf, daß sie als wie vom Schlage gerührt, und an der einen Seite auf einmal gänzlich gelähmt wurde, so daß sie die Tage hindurch fast ganz einer todten Person glich. Vier Tage nachher bekam sie ihre Sprache wieder, und ernannte diejenigen Frauenzimmer, welche ihr das Sterbekleid anziehen, [43]und sie, da sie bereits würklich todt sey, in den Sarg legen sollten. Man gab sich alle Mühe, sie von ihrem lächerlichen Wahn zu befreien. Ihre Tochter und Bedienten machten es ihr sehr begreiflich, daß sie nicht gestorben sey; sondern noch lebe; alles war umsonst, die Todte wurde hitzig, und fing auf die Saumseligkeit ihrer Freundinnen gewaltig zu schmälen an, welche ihr nicht gleich den lezten Liebesdienst mit Beschickung ihres Körpers erweisen wollten, und wie die Freundinnen noch länger zauderten, wurde sie im höchsten Grade ungedultig, und wollte von einer Magd mit Drohworten ihre Ankleidung als eine Todte erzwingen. Endlich fand man es für nöthig, um sie zu beruhigen, daß man sie wie eine Leiche ankleidete, und würklich auf ein Paradebette legte. Sie selbst beschäftigte sich hier, noch so galant als möglich zu erscheinen, sie stekte sich die Nadeln anders, musterte an dem Saume des Sterbekleides, und war mit der Weiße des Leinnens zu ihrer Beerdigung gar nicht zufrieden. Endlich fiel sie in einen Schlaf, wo man sie alsdann wieder auskleidete, und in ihr Bette legte. Kaum war sie aber wieder erwacht, als die vorige Grille, daß sie würcklich todt sey, und beerdigt werden müsse, wieder kam. Dieser Paroxismus dauerte lange fort. Der Arzt gab ihr Pulver aus Edelstein mit Opium vermischt. Da sie endlich glaubte, daß sie sich noch würklich im Lande der Lebendigen befinde, äußerte sie oft, daß sie in [44]Norwegen bey ihrer Tochter wäre, und widersprach allen denen mit größter Lebhaftigkeit, welche das Gegentheil sagten. Bisweilen machte sie Anstalt zur Reise nach Coppenhagen, und war nicht zu überreden, daß sie sich ja schon an diesem Orte aufhielt, bis man endlich auf ein listiges Mittel dachte, und sie in einem Wagen außer dem Thor herumfahren, nachher aber in die Stadt zurückbringen ließ, da sie denn ihr Haus kannte, und damahls eben aus Norwegen zurückgekommen zu seyn glaubte. Sie konnte Hände und Füße bewegen, und nach Gefallen gebrauchen. Das Essen schmeckt ihr wohl, und war in allen Stücken einem gesunden Menschen gleich, außer daß sie nicht schlafen konnte, wenn sie nicht Opium nahm. Nachher bekam sie ihren Paroxismus alle Vierteljahr, und wunderte sich hernach allemahl höchlich, daß sie wieder ins Leben zurückgekehrt sey. Während der Zeit daß sie sich todt glaubte, hielt sie mit längst Verstorbenen Unterredungen, richtete Gastmahle für sie zu, und bewirthete die nüchternen Todten mit vieler Sorgfalt.


In gegenwärtigem Fall war die Vorstellung des Frauenzimmers, daß sie würklich gestorben sey, lebhafter als alle andre Ideen geworden, die sie vom Gegentheil hätten überführen können, und dergleichen ähnliche Fälle sind nichts ungewöhnliches. Als die Kranke vom Schlage gerührt wurde, bemächtigte [45]sich ihrer wahrscheinlich der Gedanke mit größter Stärke: — nun stirbst du. — Dieser Gedanke blieb während der Zeit, da sie noch nicht wieder zu sich selbst gekommen war, der einzige und herrschende in ihrer Seele. Alle andern Vorstellungen wurden gleichsam unwillkürlich in den Hintergrund der Seele geschoben, und diese nahm durch seine Lebhaftigkeit überrascht gar bald einen Habitus an, jenen Gedanken als herrschend zu unterhalten. Die ungewöhnlichsten und seltsamsten Ideen können einen solchen Habitus bekommen, wenn die Seele aus ihrer gewöhnlichen Denkordnung auf einmal herausgeworfen, und in eine ganz neue Hauptidee hineingezwungen wird. Eine plözliche körperliche Unordnung im Gehirn, oder auch eine heftige Ueberraschung können einen solchen Umtausch veranlassen, und wir sind dann nicht mehr im Stande, die Ungereimtheit der leztern einzusehen, weil wir eine richtige Folge unsrer Vorstellungen (selbst beim Wahnsinne) zu bemerken glauben. Dieß ist bei allen seltsamen Einbildungen der Fall. Der welcher sie hat, kann sich nicht überreden, daß es Einbildungen sind, theils weil ihre Lebhaftigkeit nicht mehr eine Vergleichung mit andern natürlichern und vernünftigern Vorstellungen zuläßt; theils weil der Eingebildete keine Lücke, keinen Sprung in seiner neuen Denkform wahrnimt, und die Entwickelung aller seiner Nebenideen aus einer einzigen Hauptidee ihm sehr natürlich und den Gesetzen des menschlichen Denkens gemäß vorkommt. Hieraus [46]läßt sich nun erklären, wie schwer es gemeiniglich ist, Menschen von lebhaften Einbildungen zu kuriren. Man muß gleichsam ihre ganze Gedanken-Methode umwerfen, wenn man sie heilen will, man muß ihnen eine neue Ideenfolge unterschieben, und was das schwerste hiebei ist, man muß die Hauptidee zwar nicht immer auf einmahl, sondern durch allerlei Nebenwege, und nach und nach aus ihrem Besiz hinauszustoßen suchen. Ferner läßt sich hieraus erklären, warum Leute, die von einer gewissen Einbildung beherrscht werden, gemeiniglich in Absicht dieser Einbildung äußerst consequent sind. Sie schließen immer von Folge auf Folge, wenn sie nicht anders ganz verrückt sind, und verfahren dabei nicht selten nach einer so strengen Syllogistic, daß man in so fern an ihren Schlüßen nichts aussetzen würde, wenn die erste Bedingung aller ihrer Thesen nur nicht aus der Luft gegriffen wäre.

P.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Bonet 1686. Lange von der Forschung fälschlich dem Charles Bonnet zugeordnet, z. B. Förstl und Beats 1992. Der erste Hinweis auf Bonet stammt aus der Diskussion auf der MzE-Tagung "Fakta, und kein moralisches Geschwaetz" 2010 in Potsdam.

[47]

3.

Mütterliche Grausamkeit aus Melancholie und Verzweifelung. a

Pockels, C. F.

Katharine Häuslerin, aus einem Dorfe bei Donauwörth, 45 Jahr alt und 12 Jahr Ehefrau eines harten, störrigen Mannes, hatte, außer einem Fieber und derzuweilen in Unordnung gerathenen monatlichen Reinigung, keine Krankheit gehabt.

Zu Ende des Jahres 1785 hatte sie im Dorfe, wo sie wohnte, einer Kuh heimlich die Milch ausgemolken. Dies wurde erfahren, und ihr flehentliches Bitten, daß dieser kleine Diebstahl ihrem Mann verborgen bleiben möchte, wurde zwar gewährt; aber man hielt das Versprechen nicht, und in der Folge bekam ihr Ehemann von diesem Verbrechen der Frau erst dunkle, dann klärere Nachricht.

Ein von den Gerichten des Klosters zum heil. Kreutz in Donauwörth abgehörter Zeuge bezeugte, daß diese Frau immer brav, gottesfürchtig und häußlich gewesen wäre, aber immer vielen Sturm mit ihrem Mann gehabt habe. Von keiner Zerrüttung des Gemüths wuste dieser etwas: ein andrer sagte: man habe zuweilen an ihr bemerket, daß sie etwas hochmüthig sey, und zuweilen vor den Leuten vorbeigehe, ohne sie zu grüßen.

[48]

Sowol diese Zeugenaussagen, als das nachherige Verhör der Unglücklichen nach Inquisitionalartikeln beweisen, daß sie nach jener kleinen Uebelthat, aus Furcht wegen des Nachtheils ihres guten Namens, und wegen übler Behandlung ihres Mannes, falls die Geschichte, die kaum verborgen bleiben würde, diesem zu Ohren käme, nachdenkend, ängstlich und tiefsinnig wurde. Aus den Akten erhellet, daß sie gebeichtet, und zwar auf diese Sünde, welches bei Katholiken viel ist, ohne nachherige Beruhigung gebeichtet habe. Sie hat oft gebetet, ohne zu wissen, was sie bete, und trauete sich nicht, es ihrem Manne zu sagen. Ein heftiger Kopfschmerz plagte sie manchmal vierzehn Tage lang, während dessen wuste sie oft nicht, was sie that, sie gab aber vor, immer dabei ihrer bewust gewesen zu seyn.

Am 1ten December 1786 erfuhr die Frau mit Gewißheit, daß ihr harter Mann ihren Milchdiebstahl wisse. Oft vorher hatte er ihr gedroht, den Hals umzudrehen, falls sich die Sage davon bestätigen sollte: nun sezte er sie darüber und zwar mit Heftigkeit zur Rede, und behandelte sie mit Schlägen, deren sie sich doch beim Verhör nicht mehr zu erinnern wußte. Auf Befragen: ob und wie oft sie geprügelt sey? antwortete sie: das wisse sie nicht, ihr [49]Mann müste es wissen, sie habe kein Gedächtniß im Kopfe.

Sie zitterte bei dieser Behandlung vor Furcht, und ging zu Bette, natürlich eine noch schlimmere Behandlung am folgenden Tage befürchtend. Ihre kleine Tochter von 7 Jahren kam zu ihr, sie betete mit dieser, und war entschlossen, ihren Mann, der ihr schon so oft den Tod gedrohet hatte, zu verlassen. Sie fragte ihre Tochter, ob sie beim Vater bleiben wolle? diese wollte nicht, weil sie die schlimme Behandlung des Vaters fürchtete.

Nun verließ sie nach fleissigem Gebet mit dieser Tochter und ihrem andern 10 Wochen alten Kinde früh Morgens das Haus. Noch beim Fortgehen fragte sie ihre Tochter: ob sie beim Vater bleiben wolle? Lieber sterben, als beim Vater bleiben! war die Antwort des Kindes.

Diese Antwort des Kindes, und die überall beengte und verzweifelte Lage der Mutter, der bei Tiefsinnigen so leichte Gedanke, durch einen erst verübten Mord desto leichter in den Himmel zu kommen, und die schlechte Behandlung der Kinder, die sie voraus sahe, falls sie mutterlos beim Vater erzogen wurden, — dies alles bewog sie zu dem grausamen Entschluß, [50]ihre beiden Kinder zu ersäufen. Sie nahm das kleine auf den Arm, führte die Tochter an der Hand zum Hause hinaus, ließ, da sie an die Donau kam, das Mädchen niederknien und beten, bat das Mädchen, Gott zu bitten, daß sie einen rechten Tod sterben, und nicht auf gleiche Art umkommen möchte, machte mit derselben zweimal Reue und Leid, band das kleine Kind der Tochter in die Arme, das Mädchen küßte das kleine Kind mit den Worten: »Liebes Brüder'l, nun müssen wir sterben.« Die Mutter machte beiden das Kreutz, sagte zu der Tochter: laß fein dein Brüderlein nicht von dir, und warf beide in die Donau.

Sie sah ihnen nach, und machte beiden das Kreutz. Verzweifelnd sah' sie, daß beide Kinder voneinander waren, um nicht selbst ins Wasser zu springen, sah sie sich nicht weiter um.

Nun zog sie ihre Schuhe aus, ging schnell fort, und betete gehend, aber über ihre Unthat beruhigt, weil sie glaubte, ein Gott gefälliges Werk gethan zu haben, weil ihr Mann ihr immer mit dem Umbringen gedrohet, und sie ein übles Schiksal ihrer Kinder befürchtet habe. Sie ging gerad in die Fronfeste. Sie erzählte da ihre That, und bat, verwahret zu werden. Alle ihre Aussagen liefen dahinaus, daß sie ihre [51]Kinder ersäuft habe, um sie gegen die Behandlungen ihres grausamen Vaters zu sichern, und daß sie nichts suche, als hinzukommen, wohin sie gehöre, in die Ewigkeit. Sie habe beim Ersaufen ihrer Kinder nichts weiter gedacht, als: Himmlischer Vater, ich schenke dir in deine Hände meine zwei Kinder, und gieb mir die Gnade, daß ich meine Sünden möge beichten, und mein Leben für sie geben, wenn ich sie ums Leben gebracht! Nur da fühlte sie Entsetzen und Mitleid, da sie ihre Kinder von einander getrennt im Wasser schwimmen sah.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl 1788.

[52]

Zur Seelennaturkunde.

Materialien zu einem analytischen Versuche über die Leidenschaften.

Pockels, C. F.

Siehe das 3te Stück des 5ten Bandes dieses Magazins.
Fortsetzung.

Eifersucht.

Dieser Affect, welcher so oft die sonderbarsten und seltsamsten Erscheinungen im Gebiete menschlicher Empfindungen veranlaßt, die klügsten Menschen verblendet, die gütigsten Herzen barbarisch und grausam macht, und wenn er heftig ist und lange dauert, der Seele und dem moralischen Charakter nicht selten eine ganz neue, unerwartete Richtung giebt, ist ein Gemisch von Neid und beleidigter Selbstliebe. Wir gönnen dem andern die Gunstbezeigungen nicht, welche der geliebte Gegenstand jenem erzeigt, oder zu erzeigen scheint, und fühlen uns gleichsam beleidigt, daß wir jene Gunstbezeugungen mit andern theilen, oder daß wir wegen eines andern, der mehr gefällt, als wir, sie gar verliehren sollen.

[53]

Wir sind gewohnt das, was wir lieben, selbst wenn wir es nicht besitzen, und nicht besitzen können, für eine Art unsers Eigenthums zu halten. Eine Erscheinung, die daher rührt, daß das beständige Andenken an den geliebten Gegenstand, die Sorge und Bemühung für seine glückliche Fortdauer, die Theilnahme an seinen Veränderungen, und vielleicht nur ein geistiger Umgang mit demselben uns ein Recht auf denselben zu geben scheint, und ihn gleichsam in alle unsre Gefühle und Gedanken hinein webt; — oder auch mit daher, daß sich der geliebte Gegenstand auf irgend eine Art uns selbst als Eigenthum dargeboten hat, und wir über seine Empfindungen und Handlungen herrschen können. Jemehr und zärtlicher wir lieben, jemehr betrachten wir den geliebten Gegenstand als etwas, das uns zugehört, und jemehr fürchten wir denn auch, ihn zu verliehren, selbst dann noch, wenn kein reeller Grund dieser Furcht vorhanden ist, und vorhanden seyn kann. Betrachten wir jenen Gegenstand nicht mehr als unser Eigenthum, wird unsre Eigenliebe nicht mehr in sein Interesse hineingezogen; so beneiden wir auch den nicht, welcher ihn besizt; ja wir beklagen ihn wohl gar, wenn wir einsehen, daß der Besitz desselben ihn nicht glüklich machen könne, und freuen uns nicht selten, wenn wir alle vorige Verbindungen mit dem nun nicht mehr geliebten Gegenstande aufheben dürfen.

[54]

Ich will hier keine ausführliche Abhandlung über die Eifersucht, sondern nur wieder Materialien zur nähern Kenntniß dieser Leidenschaft liefern, um meinen Lesern neuen Stoff zum weitern Nachdenken zu geben. Uebrigens ist, wie ich glaube, auch in diesen Materialien nichts enthalten, was sich nicht aus der Erfahrung, dieser Grundquelle aller psychologischen Beobachtungen, und aus der Natur des menschlichen Willens darthun läßt.

a) Der psychologische Grund der Eifersucht ist vornehmlich die Liebe; von dieser empfängt sie ihre verschiedenen Modificationen, so wie auch vom Temperament, Zeitumständen, Alter und der Verschiedenheit der Einbildungskraft, welche bei dem Eifersüchtigen so erstaunlich reizbar ist. Doch kann man nicht allgemein sagen, daß wir den Gegenstand auch würcklich allemahl lieben müßten, auf welchen wir eifersüchtig sind. Da bei der Eifersucht unsre Eigenliebe gemeiniglich und nicht selten ganz allein interressirt ist; so können wir gegen Personen eifersüchtig seyn, die uns längst nicht mehr zur Liebe gereizt haben, deren Zuneigung aber gegen uns doch immer noch etwas Schmeichelhaftes für uns bleibt. Es kommt uns so vor, als ob wir immer noch ein Recht auf denjenigen behielten, welcher einstmahls unsre Zuneigung erregt, und unser Herz besessen hat, wir erinneren uns noch mit Vergnügen der angenehmen Augenblicke, die wir [55]durch den Umgang mit ihm genossen, der Schwierigkeiten die wir einst dabei überwanden, und der vergangenen Liebe überhaupt, die uns oft lange nach ihrem Ende mit einer innern Wonne erfüllt, wenn wir gleich sie hinterher zu bereuen Ursach hatten. Ueberdem geschieht es sehr oft, daß uns der vorhergeliebte Gegenstand, wenn wir gleich keine Empfindungen mehr für denselben zu haben scheinen, wenn er uns ganz gleichgültig geworden ist, bisweilen noch von seinen liebenswürdigen Seiten, und nur von diesen erscheint. Die vorige Liebe kehrt durch eine Täuschung unsrer Gefühle und mit ihr die Eifersucht wieder zurück.

Leute die sich einander geliebt haben, und endlich durch allerlei Umstände gegen einander gleichgültig geworden sind, empfinden sonderlich bei einem lebhaften Temperament jene Widerkehr der Leidenschaft nicht selten mit einem innern Gefühl von Wehmuth, und bereuen es dem geliebten Gegenstande auf irgend eine Art Gelegenheit zur Erkaltung der Liebe gegeben zu haben, und dieß geht oft so weit, daß man lieber ein Unrecht von der geliebten Person ertragen zu haben wünscht, als daß man dagegen empfindlich geschienen hat.

b) Es giebt Fälle, wo wir selbst gegen diejenigen Personen einen Grad der Eifersucht empfinden, die wir hassen. Wir sind in unsrer Eigenliebe oft [56] so ungnügsam, daß wir doch von andern eine Art Zuneigung erwarten, gegen welche wir aufgebracht sind, und daß eben diese Menschen unsre Eifersucht rege machen wenn sie nicht uns, sondern andern jene Zuneigung zu erkennen geben. Noch leichter läßt sich jener eifersüchtige Haß erklären, wenn eine würkliche Liebe vorhergegangen ist, die in der Seele versteckte Spuren ihrer vorigen Gewalt zurück gelassen hat. Durch persönliche und andere Beleidigungen, durch getäuschte Hofnungen und Bilder, die wir uns von den vortreflichen Eigenschaften eines Frauenzimmers gemacht haben, durch eine vielleicht sehr zufällige Umstimmung unsrer Denkungsart und Gefühle, vielleicht auch durch ein Uebermaas unsrer Lieblingsleidenschaft selbst, sind wir gegen den geliebten Gegenstand auf einmahl gleichgültig geworden, aus dieser Gleichgültigkeit ist bald Kälte, und endlich durch eine wichtig hinzu gekommene Ursach ein würklicher Haß entstanden, der vielleicht um so stärker geworden ist, je heftiger die vorhergehende Liebe gewesen war. Alle heftige Leidenschaften dauren nicht lange, und die Zeit stumpft ihre Würkungen ab. — Der Haß nimt nach und nach wieder ab, die ersten Eindrücke der Hitze verlieren sich, die täuschende Geschlechtsliebe mischt sich wieder ein, und so schwankt die Seele zwischen einem Gefühl von Zärtlichkeit, das sie sich gern verbergen möchte, und eine stille Eifersucht erzeugt, und zwischen dem entstan-[57]denen Haß, bis entweder dieser oder jene die Oberhand behält. Ist der Haß von der Art, daß er sich durch ein Opfer von Demüthigung und Nachgeben besänftigen läßt, oder bloß daher entstand, weil der geliebte Gegenstand die uns gebührende Hochachtung aus den Augen sezte; so wird die heimlich versteckte Liebe stets mit einer stillen Eifersucht auf jenen Gegenstand zurückblicken. Oft kann es aber auch geschehen, daß wir eine Person darum zu hassen anfangen, weil wir sie nicht ohne eine gerechte Eifersucht lieben können, und weil sie uns zu viel Gelegenheit zu dieser äußerst lästigen Leidenschaft giebt.

c) So wahr die vorhergehende Bemerkung und Erfahrung ist, so gewöhnlich ist auch auf der andern Seite die Erscheinung, daß eine entstandene Jalousie die gleichgültigen Herzen wieder erwärmt, und die abnehmende Zärtlichkeit stärckt. Eine Erfahrung, der sich die weibliche Coquetterie oft so meisterlich gegen unser Geschlecht zu bedienen pflegt. Auf das, was wir mit Sicherheit besitzen, oder zu besitzen glauben, wenden wir nicht die Sorgfalt und Aufmerksamkeit an, die wir bei Gegenständen anwenden, die wir zu verliehren glauben. Die gleichgültigsten Dinge werden uns wieder wichtig, wenn man uns ihren Besitz streitig machen will, zu mahl wenn unsere Ehre darunter leidet, sie würklich verlohren zu haben. Vielleicht ist uns auch weniger daran gelegen eine Person [58]würcklich zu besitzen, als der Welt zu zeigen, daß wir uns in ihrem Besitze zu erhalten wissen, und in diesem Falle ist die Jalousie mit ein Werk der Eitelkeit.

Zu dem Betragen eines eifersüchtigen Ehemannes gegen seine Gattinn wird eine große Klugheit erfodert, wenn er durch seine Eifersucht mehr gewinnen, als verliehren will, und hier können hundert Fälle eintreten, wo die weibliche Zärtlichkeit durch die Jalousie des Gatten mehr ab als zu nimt. Wenn gleich allgemein genommen es der weiblichen Eitelkeit immer schmeichelt, wenn ein andrer eifersüchtig ist; so bleibts doch immer auch etwas gefährliches, der weiblichen Zärtlichkeit gegen andre zu enge Gränzen zu setzen, was bei der Eifersucht offenbahr geschieht. Das ängstliche Auflauren des Ehemannes auf alle Blicke, Mienen, Worte und Handlungen seiner Gattinn, die oft sehr sonderbare Proben von Mißtrauen, die er ihr giebt, die sichtbare Verachtung desselben gegen die, welche er in Verdacht hat, die Plumpheit und Undelicatesse, mit welcher er seine Gattinn einzuschränken und von dem Umgange mit ihren Verehrern zurückzuziehen sucht, werden das Weib nur desto mehr reizen und vielleicht wohl gar auf die Gedanken von Hintergehungen bringen, auf die sie ohne die ungeschikte Eifersucht ihres Mannes vielleicht nie gefallen seyn würde. Unzählig oft ist [59]es besser, die kleinen Coquetterien seiner Gattinn gegen andere nicht zu bemerken, und lieber im Stillen zu leiden, als jene durch äußere Ausbrüche der Jalousie aufzubringen — denn ein Eifersüchtiger Ehemann bleibt für ein vernünftiges Weib ein lästiges und sehr lächerliches Ding, und wehe dem Manne! der seinem Weibe augenblicklich in einer lächerlichen Gestalt erscheint, selbst wenn er aus Liebe diese lächerliche Gestalt angenommen hat.

d) Man wird fast allgemein bemerken, daß diejenigen Mannspersonen oder Frauenzimmer am leichtesten zur Eifersucht geneigt sind, welche sonst andern viel Gelegenheit zur Jalousie gegeben haben. Die Sache ist sehr natürlich, sie haben Proben gemacht, und erfahren, wie leicht das menschliche Herz durch die Liebe hintergangen werden kann, und wie leicht sich oft die vesteste Tugend in die Arme eines Liebhabers oder eines verführerischen Weibes wirft. Sie fürchten, daß ihnen eine Art von Wiedervergeltungsrecht geschehen möchte, und weil ihrer Seele stets eine Menge von verliebten Abentheuern und Romanen vorschwebt; so glauben sie alle Augenblick, daß ihnen von dem geliebten Gegenstande ähnliche Streiche gespielt werden könnten.

e) Die verschiedenen Grade der Eifersucht hängen von sehr vielen Ursachen ab, die theils in [60]der physischen, theils moralischen Natur und in den äußern Verhältnissen unsrer Lage ihren Grund haben. Das Clima hat einen sichtbaren Einfluß auf diese Leidenschaft. In den kältern Zonen der Erde, wo das Blut der Bewohner sehr frostig ist, und die Kälte die Lebhaftigkeit zärtlicher Empfindungen hindert, biethen die Männer ihre Frauen den ankommenden Fremden freiwillig an, und nehmen es sehr übel, wenn man sie verschmähet; im Orient hingegen wo die Hitze des Bluts viel größer ist, und die Liebe beider Geschlechter so leicht über alle Gränzen ausschweift, ist auch die Eifersucht der Mannes- und Frauenspersonen viel heftiger. Dort verbietet sie den Weibern, mit offenen Gesichte zu erscheinen, und schließt sie in einsame Harems ein. Doch kann es auch noch einen andern Grund von den verschiedenen Graden der Eifersucht zwischen den nordlichen und südlichen Erdbewohnern geben, als das Clima. Die Frauen der Samojeden, Zemblaner, Boromdier, Lappen, Grönländer und Esquimaux sind sehr häßlich, und flößen leichter einen Ekel als eine Zuneigung gegen sie ein, die Männer derselben haben also keine Ursach, eifersüchtig auf sie zu werden, sondern können es als eine Ehre ansehn, wenn ihre schmutzigen und häßlichen Geschenke nicht zurück gewiesen werden. Hingegen zeichnen sich die Weiber der Türken, Perser und Chineser, wo die Jalousie oft bis zu den lächerlichsten Narrheiten steigt, durch eine blendende [61]Schönheit aus, und bei solchen Weibern, die ohnehin so sehr zum sinnlichen Genusse vermöge der Hitze ihres Bluts geneigt sind, haben sie denn freilich alles zu befürchten, was auch in Italien und Spanien der Fall ist, wo die Banditen größtentheils von eifersüchtigen Ehemännern ihren Unterhalt bekommen.

f) Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß die wärmste und herzlichste Freundschaft, durch nichts leichter getrennet werden kann, als wenn ein Freund auf den andern eifersüchtig zu werden anfängt. Ich habe hierin die geschicktesten Köpfe fehlen gesehen; ein Beweis, daß die erhabensten und edelsten Zuneigungen gegen andre weichen müssen, wenn die Liebe die Herrschaft in der Seele führt. Der Freund, den wir vorher herzlich liebten, dessen Talente wir schäzten, dessen Umgang uns lieber, als alles in der Welt war, für den wir das Leben gelassen hätten, und an dem wir vielleicht gar nichts schlechtes und unvollkommnes sahen, erscheint uns durch das Verkleinerungsglas der Eifersucht betrachtet, auf einmal in einem ganz andern Lichte, er wird erst ein Gegenstand der Gleichgültigkeit für uns, seine Schiksale rühren uns weniger als vorher, wir nehmen nur noch schwachen Antheil an seinem Glück, bis wir ihn endlich wohl gar zu hassen und zu verachten anfangen. Wir wollen es der Welt nicht gern wissen lassen, daß uns eine närrische Ei-[62]fersucht gegen ihn kalt gemacht hat, wir suchen Entschuldigungen auf und finden sie in irgend einem Fehler desselben, so klein er auch immer seyn mag, und so leicht wir sonst darüber wegsehen. Es kostet uns nun nicht mehr Ueberwindung, von diesem Fehler mit andern zu reden, und ihn durch eine zweideutige Darstellung noch schwärzer zu machen. Es gereuet uns, daß wir mit einem Manne sonst einen so vertrauten Umgang gehalten haben, der uns so schlecht zu belohnen scheint, wir können mit einer heimlichen Freude daran denken und wünschen, daß er gar nicht vorhanden seyn möge, und wir werden es mit Vergnügen hören, wenn uns der Arzt seine Krankheit als gefährlich schildert. Sehr ungerecht und unverständig handelt der Eifersüchtige gemeiniglich darin, daß er den Gegenstand seiner Jalousie in Gegenwart seiner Gattinn oder Geliebten so schwarz abzumahlen sucht, als es nur möglich ist. Man will dadurch den Eindruk auslöschen, welchen er auf das weibliche Herz gemacht hat, oder ihn verhindern, wenn es noch nicht davon eingenommen ist, obgleich dies die Aufmerksamkeit des Frauenzimmers auf jenen Gegenstand oft mehr reizt als unterdrückt. Wir sehen es gern, wenn andre von unserm vorigen Freunde lieblos sprechen, und gewinnen die gewisser maßen lieb, die es thun. Jede Heruntersetzung desselben scheint für uns ein Gewinn zu seyn, so wie wir durch jedes Lob desselben, sonderlich wenn es unsre Geliebte hört, etwas zu verliehren glauben.

[63]

g) Noch heftiger und wüthender wird der Haß des Gemüths, wenn eine Freundin auf die andre eifersüchtig zu seyn Ursach zu haben glaubt. Alle Freundschaft und Vertraulichkeit wird denn gemeiniglich auf einmal abgebrochen, alles Gute wird an der Freundinn verkannt, alle Fehler in das helleste Licht gestellet. Nie ist die Medisance wortreicher, lauter, beißender, giftiger als bei einem eifersüchtigen Frauenzimmer, zumal wenn ihr die Reitze fehlen, wodurch der entwischte Liebhaber noch aufgehalten werden könnte, und durch nichts läuft der Verstand der klügsten Weiber leichter davon, als durch jenen wilden Affect. — Ueberhaupt möchte ich behaupten, daß das andre Geschlecht viel eifersüchtiger, als das unsrige ist, weil alle seine Leidenschaften eine größere Lebhaftigkeit haben, und weil es eitler, als das unsrige ist, folglich durchaus nicht gern etwas verliehren mag, was sein feines Ehrgefühl unterhält. Die Geschichte der Menschheit zeigt uns unzählige Beispiele von den heftigen Ausbrüchen der weiblichen Eifersucht, vielleicht hat keine Leidenschaft des menschlichen Gemüths so fürchterliche Ränke, solch eine schrekliche Rachsucht, und so viel unerhörte Bosheiten ersonnen, als die weibliche Jalousie. Wie oft hat sie Unschuldige ermordet, blühende Familien ins größte Elend hinabgestürzt, ewigen Hader zwischen sich liebenden Gatten und Freunden gestiftet! Ihr höchster Grad war wohl der, wenn sie selbst die, die [64]sie liebte, mit langsamer Ueberlegung hinzurichten suchte.

»Wenn sich die Eifersucht, sagt Montaigne, von den Frauenzimmern, dieser armen, schwachen und ohnmächtigen Seelen bemächtigt, so ist es erbärmlich, wie grausam und tyrannisch sie dieselben hin und her reißt. Sie schleicht bei ihnen unter dem Namen der Freundschaft ein, allein, wenn sie dieselben einmal in ihrer Gewalt hat, so wird eben das, was sie sonst liebreich machte, die Ursache des grausamsten Hasses. Unter allen Krankheiten der Seele findet keine mehrere Nahrung und weniger Hülfsmittel, als diese. Die Gesundheit, die Verdienste und der Ruhm eines Mannes selbst geben zu ihrer Feindseligkeit und Raserei Anlaß. — Dieses Fieber verunstaltet und verdirbt alles Schöne und Gute, was sie sonst an sich haben. Eine eifersüchtige Frau mag noch so schön und zurükhaltend seyn, so scheinen doch alle ihre Handlungen feindselig und ungestüm. Eine rasende Unruhe bringt sie auf lauter Ausschweifungen, wodurch sie freilich ihre Sache immer noch ärger macht.«

Ich führe zur Bestätigung der vorhergehenden Bemerkungen noch eine Stelle aus einem Buche an, welches voll von vortreflichen psychologischen Bemerkungen zu Entwicklungen unserer Leidenschaften ist, und vom gelehrten Publicum nicht so viel gelesen worden ist, als es verdient, nemlich aus Ewalds [65]Schrift über das menschliche Herz. Theil 3. Seite 128.

»Wer die Macht der Eifersucht aus eigener Erfahrung kennt, wird gestehen, daß sie die schrecklichste unter allen Leidenschaften und diejenige Empfindung sey, welche nach der Marter der Todesangst den ersten Platz behauptet. Ich betrachte sie hier nach ihrem höchsten Grade, und nach ihrem weitesten Umfange. Hier hat sie die heftigste Liebe, das heftigste Verlangen nach dem Besitz einer geliebten Person zum Grunde, von welcher wir glauben, daß sie uns nicht wieder liebe, unsre Neigung zu ihr verschmähe, und dabei eine andre Person liebe, nach deren Besitz und Genuß sie sich sehne. Dieser Gedanke stürzt uns in den tiefsten Gram, und erfüllt uns mit der heftigsten Unruhe und Angst. Die Heftigkeit dieser Leidenschaft entstehet dadurch, daß sich mehrere Leidenschaften in ihr vereinigen und gemeinschaftlich das menschliche Herz bestürmen. Hier ist das heiseste Verlangen nach dem Besitz des geliebten Gegenstandes, die heftigste Furcht, ihn zu verlieren, und in den Armen eines andern zu sehen, die Empfindung verschmähter Liebe; des beleidigten Ehrgeitzes, fehlgeschlagener Bemühungen und Erwartungen, Rache gegen den, dem der geliebte Gegenstand den Vorzug vor uns giebt, oder der sich um die Gunst desselben zu bewerben scheint. In der Einsamkeit, [66]oder unter Umständen, wo wir unsrer Leidenschaft keinen freien Ausgang verstatten können und dürfen, würken alle jene Empfindungen und Leidenschaften, die die Eifersucht erzeugen, mit vereinigten Kräften in uns; unser Herz ist beklemmt und zusammengepreßt, wir verändern unsere Gesichtsfarbe, sind äußerst niedergeschlagen und traurig, seufzen, und bemühen uns oft vergeblich in unsern Augen die Thränen zurück zu halten; wir zittern, und sind in größter Verlegenheit und Zerstreuung; unsre Seele vergißt auf dasjenige was um uns vorgeht aufmerksam zu seyn, denn sie hängt nur mit ihren Gedanken an dem Gegenstande ihrer Leiden, und ist nur mit ihrem innern martervollen Zustande beschäftiget. Diese ihre Gedanken fahren in wilde Aufruhr untereinander, indem bald diese bald jene besondere Leidenschaft und Empfindung in dem Herzen die Oberhand gewinnt, und der Seele Gedanken zuströmt. Die Augen sehen wild und starr, die Augenbraunen nebst der Stirne sind in die Höhe gezogen, die Lippen zusammengepreßt, die Naselöcher geöfnet, die Backen eingefallen und zusammengerunzelt; bald wird das Gesicht bleich, bald durch den Anblick des geliebten Gegenstandes, der das Verlangen, die Empfindung des beleidigten Ehrgeitzes und verschmäheter Liebe rege macht, oder durch den Blick auf den vermeinten Nebenbuhler, der in dem Herzen die Rache und den Zorn entflammet, geröthet, und der ganze Körper des Eifer-[67]süchtigen in heftige Bewegung und Unruhe gesezt; kaum daß der Arme eines Augenblicks Ruhe zu genießen scheint, und seinem bangen Herzen durch Seufzer Luft verschaft, durchfahren Schwerdter sein Herz und Eingeweide, und zerreissen sein Innerstes. In Augenblicken, worinn sich der Eifersüchtige freier überlassen ist, wo sein gequältes Herz sich unaufgehalten öfnen kann, zeigt sich bald diese bald jene einzelne Leidenschaft und Empfindung in ihrer eigenthümlichen Gestalt und Würkung, je nach der Beschaffenheit seiner Lage und Umstände, und nach dem Betragen des Gegenstandes seiner verschmähten Liebe, oder dessen, der der vermeinte Störer seiner Ruhe ist, und den er für den Widersacher hält, der ihm den Besitz des geliebten Gegenstandes streitig macht. Dort blutet sein Herz bald vor inniger Wehmuth, und macht sein Aug in Thränen schwimmen, bricht in jammervolle Klagen und Seufzer aus, er ringt und windet die Hände, er spart keine Worte, seine Sprache strömt aus der Fülle seines Gefühls, um seinem geliebten Gegenstande den ganzen unermeßlichen Umfang seiner Liebe vorzubilden, und ihn zur Gegenliebe zu bewegen; bald bricht er beim Widerstand in Vorwürfe aus, er fühlt sich in seiner ganzen verächtlichen Kleinheit, sein gereizter Ehrgeitz wirft ihm die Lippen empor, macht seine Blicke und sein ganzes Gesicht wilder, sein Körper beugt sich beim widerkehrenden Gefühl seines eigenen Werths, von [68]dem verschmähenden Gegenstande ab, und mit halb verwendetem Gesicht blickt er seitwärts mit einem verachtenden Blicke nach ihm. Gegen seinen vermeinten Nebenbuhler ist er zornig, und droht ihm seine ganze volle Rache, und wenn er sie ausübt, ist er grausam und ohne Schonung. Ist der Eifersüchtige ein Mann von Lebensart und Sitten, versteht er sich auf die Unterdrückung der Leidenschaften; so wird er sich seines Nebenbuhlers auf feinere Weise versichern, und seinem heimlichen Verständnisse mit besserer und künstlicher Art Hindernisse in den Weg zu stellen suchen. Es ist ohnmöglich, das Bild des Eifersüchtigen unter eine einzige Ansicht und in einen solchen Gesichtspunckt zu stellen, wo man ihn mit einemmahl übersehen kann; denn in ihm lößt immer eine Leidenschaft und Empfindung die andere ab, und sein innerer Zustand wechselt mit seiner äußern Gestalt fast alle Augenblicke; alle diese Leidenschaften und Empfindungen modificiren sich über dieses noch nach den besondern Lagen, Verhältnissen, Alter, Temperament, Sitten und persönlichen Character, so daß diese Leidenschaft fast in allen Subjekten eine andre Richtung gewinnt. Man kann sagen, daß sie aus fast allen übrigen zusammen gesezt sey, oder doch wenigstens dieselben erzeuge und zu Hülfe nehme, wovon ich außer den bereits erwähnten nur noch im Vorbeigehn, Verläumdung, Haß, Mißgunst, Neid, Mistrauen und Verdacht nennen will. Ein gerin-[69]gerer Grad der Eifersucht muß derjenige seyn, wenn wir eine Person, die wir nicht mehr lieben, oder nie innig geliebt haben, mit einer andern im vertraulichen Umgange sehen; wenn wir aus andern Absichten, als aus Liebe eine Vereinigung mit ihr wünschen, und den Besitz derselben einem andern misgönnen. Hier artet die Misgunst, im Fall wir diese Person schon besitzen, bloß in die Empfindung des beleidigten Ehrgeizes, in Zorn, Rache, und alle diejenigen Leidenschaften aus, die aus jener Quelle des Ehrgeizes ihren Ursprung nehmen. Ist die Person noch nicht in dem Besitz, den wir nicht aus Neigung zu ihr, sondern aus andern eigennützigen Absichten wünschen; so tritt Neid, Mißgunst, Habsucht an die Stelle der Eifersucht. Hierher gehöret auch die Eifersucht, die zwischen vertrauten Freunden statt findet, und Verdruß und Mißtrauen in uns erzeugt, wenn wir sehen, daß unser Freund mit andern in einem vertraulichen Gespräche ist, ihn stets begleitet, und die Ursach seines Umgangs mit ihm verborgen hält. Doch ist bei dieser Gattung der Eifersucht, die unangenehme Empfindung bei weitem so heftig nicht, als bei derjenigen, die sich auf würkliche Liebe und herzliche Zuneigung gründet, da die Freundschaft mehr geistiger Natur ist, die Liebe hingegen auch den Reiz der Sinne zur Verstärkung der Begierde mit ins Spiel kommen läßt. Leztere ist von der erstaunlichsten Wirkung. Ist der Mensch einmal argwöhnisch ge-[70]gen die Treue einer geliebten Person; so hat er auf alle Menschen, die sich derselben nähern, ein wachsames Auge, in jedem sieht er seinen Verräther, einen Vermittler oder Nebenbuhler; die Eifersucht hat manche Menschen ihrer Vernunft und Sinne beraubt, und gemacht, daß sie in ihrer Rache und Wuth gegen die geliebte Person sowohl, als gegen den vermeintlichen Verführer keine Grenzen kannten, und alle Menschlichkeit verlohren. So ließ z.B. Raimund von Castel Roussillon den Wilhelm von Cabestain, den er im Verdacht eines verbotenen Umgangs mit seiner Gemahlinn hatte, erstechen, zwang darauf seine Gemahlinn, sein Herz zu essen; und Beispiele wohl behandelter Eifersucht dieser Art findet man in Gabriele de Vergy, und noch besser in Shakespear's Othello. Es giebt eine Art von Eifersucht, die immer kommt und wieder geht; hier ist der Eifersüchtige zwar überzeugt, daß er wieder geliebt wird, aber sein zur Gewohnheit gewordener Argwohn erregt öfters ein Mißtrauen gegen die Treue der geliebten Person, besonders wenn von Seiten der lezteren ein freundliches, munteres, gesprächiges Wesen, das sie gegen andere blicken läßt, hinzu kommt. Diese Eifersucht erreicht den Grad derjenigen, die sich auf eine verschmähte Liebe gründet, lange nicht, sondern hat alle Kennzeichen des Argwohns und Mißtrauens an sich. Zu dieser Classe gehöret Falkland in den Nebenbuhlern des Sheridan.«

[71]

Cartesius, welcher in seiner Abhandlung über die Leidenschaften so manche Erscheinung unsrer Empfindungen auf eine scharfsinnige Art zergliedert hat, scheint mir in dem Kapitel über die Eifersucht einen Fehler begangen zu haben.*) 1 »Wir verachten einen Mann, sagt er, welcher auf sein Weib eifersüchtig ist, weil dies ein Zeichen ist, daß er sie nicht auf eine gute Art liebt, und daß er von sich oder von ihr eine böse Meinung hat; denn liebte er sie würklich; so würde er nicht die geringste Neigung haben, mißtrauisch gegen sie zu seyn. Aber eigentlich ist sie es nicht, die er liebt, sondern allein das Gut, welches nach seiner Meinung in dem alleinigen Besitz desselben besteht, und er würde nicht fürchten dieses Gut zu verliehren, wenn er sich dessen nicht für unwürdig, oder sein Weib nicht für ungetreu hielte.«

[72]

Wenn es gleich eine Liebe geben kann, die aus Ueberzeugung von der vollkommensten Treue des geliebten Gegenstandes gar nicht eifersüchtig ist; so irrt sich doch Cartesius in der That, wenn er die Eifersucht für ein Zeichen einer nicht wahrhaften Liebe hält. Je wahrhafter, ernstlicher und wärmer wir einen Gegenstand lieben, jemehr liegt uns daran, ihn zu besitzen und uns in seinem Besitz zu erhalten. — Dies ist ein Erfahrungssatz, der in der Natur unsrer Seele seinen guten Grund hat. Bei aller Ueberzeugung von der Treue des geliebten Gegenstandes werden wir doch nicht immer jedem Argwohn ausweichen können, zumahl wenn wir das menschliche Herz genau studirt, und seine Veränderlichkeit kennen gelernt haben. Die Eifersucht ist ferner nicht immer ein Beweis, daß man von sich selbst oder von dem Geliebten eine böse Meinung haben müsse. Unzählig oft, und fast immer wird sich der Eifersüchtige besser vorkommen, als sein Nebenbuhler, und wir werden auf der andern Seite von dem geliebten Gegenstande oft die beste Idee haben, aber es doch nicht immer dahin bringen können, daß wir über den Eindruk nicht mißvergnügt seyn sollten, welchen unser Nebenbuhler auf die Geliebte, oder diese nur auf jenen gemacht hat, wenn wir auch glauben, daß wir den geliebten Gegenstand immer besitzen würden. — Daß der Eifersüchtige nicht eigentlich sein Weib selbst liebt, sondern in so fern er sie nur als ein Gut betrachtet, das er in sei-[73]nem Besitz zu erhalten suchen müsse, ist eine Distinktion, die nicht ganz richtig ist. Es muß ein Interesse da seyn, jenes Gut in seinem Besitz zu erhalten, und dieses Interesse des Herzens gründet sich offenbar, wenigstens in den meisten Fällen, auf Liebe; ob ich gleich gern zugeben will, daß viele Eifersüchtige bei einer erkaltenden Liebe doch den Gegenstand zu behalten suchen werden, weil es ihrer Eitelkeit schmeichelt, und weil sie sich der Verachtung der Welt auszusetzen glauben, wenn sie sich in dem Besitz desselben nicht erhalten können.

Es giebt endlich auch noch eine Jalousie der Freundschaft zwischen einerlei Geschlechter. Diese Erscheinung verdiente von einem scharfsinnigen Kopfe wohl einmahl ganz genau untersucht zu werden. Da sich die Geschlechtsliebe in diese Art der Eifersucht nicht hinein mischen kann; so bestehet sie ohnstreitig nur in einer argwöhnischen Furcht unsern Freund zu verlieren, wenn er mit andern eben so freundschaftlich umzugehn scheint als mit uns; oder doch wenigstens nicht mehr ganz den Plaz in seinem Herzen einzunehmen, den wir vorhin besaßen. Die Eigenliebe, die versteckte Neigung zur Beherrschung fremder Herzen ist auch die Mutter dieser Art Eifersucht, und nicht selten sind dadurch Freundschaften getrennt worden, die ewig zu seyn schienen. — In der That haben wir auch Ursach oft auf unsre Freunde eifersüchtig zu seyn, zumahl wenn [74]sie bei allen Talenten des Geistes und Herzens sehr zur Veränderlichkeit geneigt sind; oder wenn wir voraussezen können, daß sich unsere Freunde durch neue, vielleicht glänzendere Bekanntschaften, vielleicht selbst wider ihren Willen, etwas von uns entfernen werden.

Die Eitelkeit des menschlichen Herzens zeigt sich hier oft in den seltsamsten und manigfaltigsten Gestalten. Wir wollen einen Freund allein besizen, weil er desto mehr Glanz auf uns wirft, oder weil wir dadurch einen größern Einfluß auf andre Menschen bekommen, oder weil wir ihn gern allein beherrschen mögen, — oder weil wir auch wollen, daß er uns allein sein Glück, seine Zufriedenheit schuldig seyn soll. Wir sehen voraus, daß sein Herz sich theilen muß, wenn andre sich für ihn freundschaftlich interessiren, und uns wohl gar den vorher behaupteten Rang der Gefälligkeit und Wohlthätigkeit bei ihm ablaufen. Ein eifersüchtiges Interesse ist dann fast immer sichtbar, wenn unser Freund viel Wohlthaten von uns genossen hat. Wir möchten gern das Andenken an dieselben in ihm recht lebhaft erhalten, und ihn ganz zum stillen und alleinigen Verehrer unserer Zärtlichkeit gegen ihn machen, — was er aber nicht mehr seyn kann, wenn andre zugleich mit uns sein Herz zu gewinnen suchen. Selbst dieß, daß unser Freund durch mehrere freundschaftliche Hände geleitet wird, kann uns oft mißtrauisch gegen ihn machen, weil wir [75]wissen, daß dadurch seine Dankbarkeit, die wir gern allein einärndten möchten, nicht uns allein gelten kann.

Sind uns die Leute überhaupt schon nicht angenehm, mit denen unser Freund eine neue Verbindung errichtet, sind sie überdem von einem größern Ansehn und Gewicht als wir, so wird unsre Eifersucht noch stärker werden, und wir werden uns nicht immer enthalten können, ihre Fehler sehr nachdrücklich aufzudecken, um unsern Freund von einer fernern Freundschaft mit ihnen zurückzuhalten. Will dieß nicht gelingen; so werden wir gewiß etwas zurückhaltender gegen ihn zu seyn anfangen; oder auch unter andern Umständen unsere Zärtlichkeit verdoppeln, um ihn desto mehr an uns zu fesseln.

(Die Fortsetzung künftig.)

Fußnoten:

1: *) Article CLXIX.— On meprise un home qui est jaloux de sa femme, pource que c'est un temoignage qu'il ne l'aime pas de la bonne sorte, & qu'il a mauvaise opinion de soi ou d'elle. Je dis qu'il ne l'aime pas de bonne sorte; car s'il avoit une vraye amour pour elle, il n'auroit aucune inclination à s'en defier. — Mais ce n'est pas proprement elle, qu'il aime, c'est seulement le bien qu'il imagine consister à en avoir seul la possession; & il ne craindroit pas deperdre ce bien, s'il ne jugeoit qu'il en est indigne, ou bien que sa femme est infidelle.

[76]

2.

Psychologische Bemerkungen über Träume und Nachtwandler.

Pockels, C. F.

Daß die menschliche Seele während des Schlafs, bei verschlossenen Sinnen, ganz in sich selbst gekehrt, unabhängig (wenigstens meistentheils) von äußern Sensationen oft mit einer Lebhaftigkeit und Deutlichkeit ihrer Vorstellungen und einer Schnelligkeit der Empfindungen, die ihr kaum im Wachen eigen war, fortdenkt, oft viel mehr neue Ideen in diesem sonderbaren Zustande mit der grösten Leichtigkeit ohne merkliche Anstrengung als im Wachen erfindet, ist ein zu bemerkenswerthes Phänomen, als daß es nicht immer wieder die Aufmerksamkeit des Psychologen von neuem beschäftigen sollte. Alle jene lächerliche Einbildungen von einer geheimen Bedeutsamkeit der Träume, und einer durch dieselbe geschehenen (wie man es gar nennt göttlichen) Inspiration abgerechnet, wovon sich nicht leicht ein vernünftiger Seelennaturforscher überzeugen darf und soll, bietet der Traum als bloßes Naturphänomen betrachtet ein ganz eigenes noch lange nicht genug bearbeitetes Feld psychologischen Forschens dar, und verdient durchaus nicht so obenhin, wie in den meisten Seelenlehren abgehandelt zu werden. Ich will einen Theil meiner Gedancken über das Merkwürdigste, was jenes [77] Phänomen auszeichnet, hier nur gleichsam abgebrochen den Lesern dieses Magazins mittheilen, indem ich mir vorbehalte, über die Natur des Traums, sonderlich da, wo die Seele bisweilen ihrer natürlichen Denkordnung und Denkform zuwider zu handeln scheint, im folgenden etwas Ausführlicheres zu liefern.

Die so oft aufgeworfene Frag: ob die menschliche Seele durch eine gewisse Veranlassung, oder ohne Veranlassung zu träumen anfange; ob erst ein äußerer materieller Eindruck, oder doch wenigstens ein gewisser erster aus ihr selbst hervorleuchtender Begrif dazu gehöre, um sie während des Schlafs in Bewegung zu setzen; oder ob das Träumen nur eine Continuation des Denkens während des Wachens sey, davon wir beim Einschlafen das deutliche Bewußtseyn verlöhren, bis es im Traum wieder auf einmal wie eine halb verlöschte Flamme hervorbräche? — will ich hier nicht weitläuftig untersuchen; ich denke man kann alle Fälle annehmen, oder auch nicht annehmen, ohne daß die psychologische Darstellung des Traums dadurch etwas gewinnt, oder verliehrt. Da wir aus eigener Erfahrung wissen, daß wir bisweilen mitten im Wachen zu denken aufhören, es mögen Gegenstände des Nachdenkens vorhanden oder nicht vorhanden seyn, und daß sehr oft die Seele neue Ideen gleichsam aus dem Nichts nach jenen Intervallen wieder [78]hervorruft, oder durchs Gedächtniß herbei führt, indem sie nehmlich ihre Denkkraft wieder in Bewegung sezt, oder besser, indem diese Kraft als Seele selbst betrachtet, sich wieder zu äußern anfängt; so kann auch dies gerade der Fall im Traume seyn, ohne daß man nöthig hat, immer eine äußere dunckel empfundene Sensation zu seinem Entstehen vorauszusetzen, oder eine ununterbrochene Reihe von würklichen Vorstellungen anzunehmen, die gleichsam Wachen und Träumen mit einander verbinden müßten. Ich sehe auch überhaupt nicht ein, warum man auf eine solche Succession unsrer Vorstellungen zur Erklärung des Traums dringen wollte, da ihr Daseyn, wenn wir auch die innere Möglichkeit einer geistigen Substanz gern ins Denken sezen würden, noch nicht erwiesen ist, und die Erfahrung mehr als die bloß hypothetische Voraussetzung des Cartesius entscheiden muß.

a) Unter allen, was mir bey Beobachtung des Traumes am merkwürdigsten geschienen hat, und wozu in diesem Magazin schon mehrmals besondere Winke gegeben worden sind, ist mir vornehmlich dies aufgefallen, — daß die Seele, ob ihr gleich auch im Traume ihre Denkkraft beiwohnt, und sich nach den Gesetzen derselben so gut wie im Wachen richten muß, bey Bildern und Vorstellungen während des Traums gleichgültig bleibt, die sie während des Wa- [79] chens mit größtem Erstaunen empfinden würde. Ich muß mich hierüber etwas deutlicher erklären.

Auch während des Wachens durchkreuzen unsere Seele sonderbare Begriffe, Hirngespenste, contrastirende Empfindungen, heterogene, an sich unmögliche Prämissen und Conclusionen in großer Menge, und wir bleiben auch gleichgültig dabei, weil wir sie nehmlich nicht für Realitäten, nicht für Begriffe würklicher Objecte, sondern für bloße Spielwerke der Einbildungskraft halten, und mithin bey gesundem Verstande sehr gut wissen, in welche Classe von Vorstellungen wir ein solches Schattenspiel hinzustellen haben. Ganz anders verhält sichs im Traume. Hier denken wir uns gemeiniglich alle jene ganz ungewöhnlichen neuen Bilder als Realitäten, als Objecte würklicher Erfahrung, weil wir doch, indem wir träumen, würklich zu wachen glauben, und zweifeln nicht daran, daß sie als würkliche Dinge so und nicht anders beschaffen seyn können, ob wir gleich sobald wir erwachen eine ganz andre Meinung und Ueberzeugung davon haben. Das unmöglichst widersinnigste Phänomen kommt uns natürlich vor, paßt sich genau in die Welt, die wir uns beim Traume vorstellen; die Unmöglichkeit erscheint uns in der Reihe des Möglichen; Dinge, die durchaus nicht weder ihrer innern Natur nach, noch in Rüksicht ihrer äußeren [80]Verhältnisse zusammengehören können, scheinen uns eine absolute Verbindung zu haben, die Grundbegriffe von Raum und Zeit bestimmen nicht immer im Traum die Consequenz der Begebenheiten und Begriffe, und die Verhältnisse zwischen Subject und Prädicat verschwinden oft so sehr vor unsern Augen, daß wir uns nicht sollten in eine ganz neue Welt versezt zu sehen glauben, ohne daß es uns nur einmal einfallen sollte, daß dies nicht alles würkliche Realitäten wären, — und doch richten wir uns bei allen diesen Sonderbarkeiten unsere Vorstellungen, die oft eben so sonderbare Sensation erregen, immer noch nach gewissen wesentlichen Denkgesetzen, und glauben würklich nicht zu träumen. Ist dieß bisweilen der Fall, daß wir im Traum wissen, daß wir träumen; so geschieht es doch eigentlich nicht, weil wir durch die Ungereimtheit unsrer Hirngespenste darauf gebracht würden; sondern weil wir uns wahrscheinlich aus dem Wachen erinnern, daß wir eine Idee vom Traum überhaupt haben.

Wie soll man sich aber nun obiges Phänomen erklären, daß die Seele gleichsam ihrer Natur zuwider widersprechende Dinge, Subjecte sowohl als Facta, die nicht existiren können, für Realitäten hält, und bei der Schöpfung solcher widersinniger Dinge, die sie aus sich selbst hervorbringt, eben so wenig als über die natürlichsten Gegenstän-[81]de in Erstaunen geräth. Die Gewalt und der Eigensinn der Einbildungskraft, die man gemeiniglich gleich zu Hülfe ruft, so bald man etwas Ungewöhnliches in unserer Vorstellungskraft erklären soll, erklärt die Sache wohl nicht, wenigstens nicht ganz, ob sie gleich immer die Materialien zu jenen nicht würklich vorhandenen Objecten und Begebenheiten im Traum sammeln muß.

Da obiges Phänomen einmahl aus der Erfahrung des Traums erwiesen ist; so kann man wohl, da uns ohnehin mehrere Ausschweifungen dieser Art im Wachen selbst darinn bestärken, annehmen, daß die Seele während des Traums nicht in jedem Moment die Kraft behält, über die Causalverbindung der Begriffe nachzudenken, und ein jedes Prädicat in seine rechte Stelle zu setzen, ferner daß sie aus einer offenbaren im Traume erfolgten Schwäche oder Unthätigkeit der Erinnerungskraft Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges mit einander vermischt, und unrichtige ja wohl gar unmögliche Folgen von Begebenheiten als würklich denkt, und vor sich vorüber gehen sieht. Ueberdem ist ihr im Traum bei der urplözlichen Schnelligkeit ihrer Bilder wohl oft nur darum zu thun, um ein neues Object zu haben, das sich in die eilige Folge ihrer Sensationen paßt — etwas, das sie sich als existirend denkt, und dessen Vorstellung sie mit dem würklichen Dinge alsdenn verwechselt, weil [82] sie sich nicht besinnen kann, daß es nur ein Bild, nur eine Vorstellung ist. Daß sie aber über ihre eigenen Geburten der Einbildungskraft, über ihre sonderbaren Umtauschungen von Begriffen und Gefühlen so wenig erstaunt, rührt wohl daher, weil sie theils zu schnell über den Creis ihrer Vorstellungen hinwegeilt; theils weil das Erstaunen selbst ein Affect ist, welcher am seltensten im Traume überhaupt entsteht, und nur bei ganz wachendem Sinne seine Kraft äußert; theils auch, und was die Sache am besten erklären würde, weil wir doch wohl immer einen dunklen Begriff vom Traume haben, indem wir träumen, und diesen Begriff, ohne daß wir es merken, allen unsern Phantasien unterschieben. Vielleicht kann auch die Gewohnheit, schon oft dergleichen widersinnige Dinge von der ersten Kindheit an für Realitäten während des Traums gehalten zu haben etwas dazu beitragen, daß jene Dinge uns endlich nicht mehr auffallen, und daß wir daher desto leichter das Bild für ein würkliches freilich nur geträumtes Object im Schlafe halten.

b) Eben so sonderbar und widersinnig sind nun auch die Sprünge unsrer Vorstellungen während des Traums ohne daß wir sie immer als solche wahrnehmen, sondern gemeiniglich nach einer richtigen Folge gedacht zu haben glauben. Auch hier scheint uns das dringende Bedürfniß, nur wie-[83]der gleich etwas Existirendes zu haben, woran sich die Lebhaftigkeit oder Vorstellungskraft üben kann, gegen alles Erstaunen über jene Sprünge zu sichern. Da überhaupt die Einbildungskraft die Oberherrschaft über die Seele während des Traums führt, und eben deswegen die genauere Aufsicht derselben über die Succession unsrer Begriffe wo nicht gänzlich aufhört, doch wenigstens geschwächt wird, ferner eine große Menge dunkler Vorstellungen, die im Wachen nicht zum Vorschein kommen konnten, denn gerade ins Helle gebracht werden; so ist es natürlich, daß alle Augenblicke die richtige Folge der Gedanken und Empfindungen unterbrochen, und vermöge der Association stets neue oft ganz heterogene Vorstellungen untergeschoben werden müssen. Hieraus ist nun dies Phänomen sehr begreiflich, daß die Seele, indem sie von einer Idee vielleicht auf eine ganz entgegengesezte überspringt, immer gern die erstere zum Causalgrunde der zweiten macht, ob sie gleich nicht immer in solcher Verbindung stehen, folglich auch oft Wirkungen von Ursachen und Ursachen von Wirkungen erdichtet, die in der objectiven Reihe der Dinge gar nicht vorhanden seyn können, und also zufrieden ist, wenn beide Ideen nur bey einander stehen, sie mögen zusammengehören oder nicht; — oder es mag noch ein so großer Zwischenraum zwischen ihrer entfernten Verbindung immer liegen. Daß aber die Seele dergleichen Sprünge nicht leicht bemerkt, [84]kein Erstaunen darüber empfindet, ob sie gleich wieder nicht Bilder, sondern Realitäten, würkliche Objecte vor sich zu haben glaubt, liegt offenbar wieder darin, daß sie sich so leicht im Traume übereilt, und im Strome ihrer Phantasien so schnell hingerissen wird, daß sie über den Zusammenhang ihrer Ideen und ihrer Folgen auf einander nicht aufmerksam nachdenken kann. Wie es aber zugeht, daß die Seele von einer Idee im Traume so leicht und gewöhnlich zu der entgegengesezten übergeht, und selten die Begriffe an ihren eigentlichen Faden anreihet, wie sie es im Wachen thut, davon lassen sich alle Gründe ohnmöglich speciell angeben, indem dies Phänomen von einer Menge verschiedener dunkler Vorstellungen von verborgenen Ideenassociationen, Veränderungen in Organen, und in der Blutbewegnis, vornehmlich von unwillkürlichen Nervenerschütterungen abzuhängen pflegt; — man kann aber doch hiebei gewisse methodische Gesetze bemerken, wie die Seele bei solchen Ueberschritten zu entgegengesetzten Begriffen verfährt, und die ohngefähr die nehmlichen seyn müssen, die wir in dergleichen Fällen im Wachen annehmen, die Seele geht nehmlich am leichtesten zur gerade entgegengesetzten Idee über, weil diese ihr näher zu liegen scheint, als die mit ihr verwandten aber nicht gerade contrastirenden Ideen. Unter den contrastirenden hebt sie wieder die am ersten aus, welche mit dem eben herrschenden Affect der Seele in der nähern [85]Verbindung steht; doch so daß sie auch oft hiebei auf Ideen durch den Affect hingeführt wird, die mit dem Affect selbst contrastiren. Sie schreitet gemeiniglich auf dem Wege der Ideenfolge wieder zurück, von dem sie ausgegangen war, oder sie verläßt auch ganz den Hauptweg, und verliehrt sich auf Nebenwegen, wenn diese ihr eine größere Beschäftigung versprechen, oder wenn sie darauf leichter als auf dem Hauptwege fortschreiten konnte, u.s.w.

c) Die auffallende Gleichgültigkeit im Traum gegen die uns sonst liebsten moralischen Principien und Ueberzeugungen ist eine neue merkwürdige Erscheinung bei Träumenden. Mangel an aller Scham, wilde Affecten, Verachtung religiöser Gegenstände, Blasphemien, und andre abscheuliche Gedanken und Empfindungen, die uns im Wachen nicht beunruhigen, bemerken auch die vortreflichsten Menschen an sich, wenn sie träumen. Ich glaube alles rührt daher, weil die Seele vermöge der fast allein herrschenden Einbildungskraft durch die Vorstellungen sinnlicher verführerischer Bilder so sehr hingerissen wird, daß sie sich die Gründe der Moralität nicht mehr deutlich vorstellen kann, wenigstens sie auf ihre Handlungen zu appliciren vergißt. Ferner auch daher: Im Traum werden uns die Gegenstände der Sinnlichkeit gleichsam wie hergezaubert, die wir vielleicht [86]erst im Wachen lange suchen müssen, und während des Wachens denn auch eher als im Traum über unsere moralischen Verhältnisse reflectiren können. Es bleibt uns im Traum oft kein Moment übrig, einer sich schnell dargebothenen unmoralischen Idee auszuweichen. Die Einbildungskraft wird in einem Augenblick davon berauscht, und in dem nehmlichen Augenblick ist auch die That ausgeführt, indem die Vorstellung der Action eigentlich die Action selbst ausmacht. Ueberhaupt läßt sich alles Unmoralische im Traum, wenn es gegen unsere sonstigen guten Grundsätze läuft, aus der Gewalt des Affects erklären, der im Traume wegen der Lebhaftigkeit des dargestellten Bildes selten eine moralische Gränze haben kann. Irreligiöse Begriffe, die man nicht selten im Traum an sich wahrnimt, können sehr viele Quellen haben. Entweder man hat den Tag über dergleichen schon im Wachen gehabt; oder eine Association von contrastirenden Begriffen führt uns im Traum darauf;*) 1 oder der Affect flößt, um desto ungezwungener zu handeln, der zum Nachdenken erschlaften Seele, Bilder ein, die mit unsern sonstigen religiösen Begriffen streiten; oder — man hat auch vielleicht nie im Wachen, oder selten nach religiösen Principien gehandelt, da denn der Traum nur eine Copie des Wachens ist.

[87]

d) Auch die Erscheinung ist sehr merkwürdig im Traum, daß wir oft ängstlich Ideen aufsuchen, die nahe vor uns liegen, ohne daß wir sie finden können, — nehmlich so nahe, daß es uns nicht die mindeste Anstrengung kosten würde, sie im Wachen zu finden, weil sie in einer nothwendigen Verbindung mit einander stehen. Hier fehlt es offenbar der Seele wieder an der schon vorhin erwähnten deutlichen Erinnerungskraft, und an der Gabe die Causal-Verbindung der Begriffe sich immer deutlich vorzustellen, — an einer gehörigen Gegenwart des Geistes, die sich nicht durch eine entstandene Furcht oder Aengstlichkeit verscheuchen läßt; theils auch an den gehörigen Mittelbegriffen überhaupt, an welche sie nicht die erste und dritte Progression ihrer Vorstellungen anzuknüpfen weiß, das heißt, es fehlt ihr alsdann etwas, wodurch ihre Vorstellungen natürlich an einander hängen müssen. Dieser Zustand ist der Seele allerdings in den meisten Fällen unangenehm, weil sie überhaupt nicht gern die Folge ihrer Ideen, von der sie wenigstens noch einen dunkeln Begriff behält, unvollendet liegen läßt, sie müßte denn durch einen angenehmen Nebenweg ihrer Sensationen dagegen schadlos gehalten werden.

e) Ferner bemerken wir im Traume nicht selten eine Lebhaftigkeit der Erinnerungskraft an Sensationen, die das Gefühl, den Geruch und [88] Geschmack betreffen, mit welcher Lebhaftigkeit wir uns dieser Begriffe im Wachen nicht erinnern können. Es scheint also in der That, als ob die weniger edlen Sinne, der Geruch und Geschmack eine stärkere Erinnerung an dergleichen gehabte Empfindungen im Traume veranlassen können, als im Wachen. Wenn man auf sich Acht giebt; so wird man finden, daß man oft im Traume mit einer solchen Deutlichkeit den Geruch einer Blume, einer Speise wahrnimmt, als ob wir ihn unmittelbar empfänden. Wir mögen es aber machen, wie wir wollen; so werden wir im Wachen uns dergleichen Sensationen immer nur wieder schwach erinnern, wenigstens nie so lebhaft als derjenigen, welche sich auf Formen und Töne, oder auf Gesicht und Gehör beziehen, welche leztere Sinne offenbar eine lebhaftere Erinnerungskraft im Wachen gewähren. Eben weil nun aber diese beiden ersten Sinne im Traume nicht unmittelbar beschäftigt worden; so gewinnen die Sensationen des Geschmacks, Geruchs und Gefühls einer desto größern Lebhaftigkeit; so wie überhaupt alles, was wir im Traume lebhafter denken und empfinden als im Wachen, theils daher rührt, daß sich die Seele, ohne von Eindrücken äusserer Sinne gestört zu werden, mehr auf einen einzigen Punct ihrer Vorstellungen gleichsam zusammenziehen kann; theils daher, daß die Einbildungskraft sich von den Banden des langsamern Nachdenkens über sie befreiet [89]hat, einen größern Wirkungskreis bekommt, und nur die Vorstellungen zu ihrer Geschäftigkeit auswählt, welche ihr entweder das meiste Vergnügen machen, oder ihr als Materialien zu ganz neuen Ideenassociationen dienen müssen.

P.

Die Fortsetzung folgt.

Fußnoten:

1: *) Siehe auch 5. Band dieses Magaz. 2. Stück. S. 96.

[90]

Fragment aus dem Tagebuch eines Reisenden.

Schubart, Ludwig Albert

1787 im Nov.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — —

— Ich denke nun die Merkwürdigkeiten dieser Stadt so ziemlich durchgemacht zu haben, und muß Ihnen gestehen liebster Freund, daß ich weit mehr Anziehendes darinn fand, als ich mündlichen und schriftlichen Nachrichten zufolge erwarten durfte. Dieß gilt von würdigen und interessanten Menschen eben so gut, als von politischen- litterarischen- und Kunst-Merkwürdigkeiten. Gestern führte mich mein Freund Doctor H*. zweiter Leibmedicus des Fürsten, nach unsrer Verabredung ins Tollhaus, welches er Amts halber selbst zu versehen hat. Er gestand mir, daß sich anfangs, als ihm diese Pflicht auferlegt wurde, seine ganze Menschlichkeit dagegen empörte, und daß ihn die gräßlichen Gruppen von Menschenelend, und von fluchender Verzweiflung und viehischer Fühllosigkeit eine geraume Zeit für Freude und geselligen Umgang abgestumpft hätten. Mählig aber hab' er sich durch den täglichen Anblik an das Schauspiel gewöhnt, und eine reichere Quelle als irgendwo zu neuen physiologisch-psychologischen Ideen und Beobachtun-[91]gen gefunden, welche er zu seiner Zeit dem Publicum mittheilen werde.

Die äußere und innere Einrichtung des hiesigen Tollhauses hat mir ungemein wohl gefallen. Das Gebäude liegt hoch, gesund, und öffnet eine der schönsten Aussichten ins N—thal. Es hat vier Stokwerke, wovon jedes aus einer Reihe kleiner reinlicher, und mit allen Nothwendigkeiten versehener Zimmer besteht, die armen Unglüklichen sind hier nicht wie Vieh aufeinander gedrängt, und die Einflüsse des Mondes müssen ungewöhnlich stark und Menschenfeindlich seyn, wenn man hier zwei und drei Hirnkranke in einem Zimmer beisammen findet. Ich selbst fand unter den eigentlich Tollen, die im untersten Stokwerk hausen, durchgehends in jedem Gemach nur einen. In den obern Stokwerken, wo sich solche befinden, die entweder auf dem Weg der Beßerung, oder nur periodisch krank, oder nur noch zur Prüfung da sind, fanden wir zwar bisweilen mehrere beisammen. Diese werden aber strenger als andere bewacht, und getrennt, so bald bey einem die Krisis ausbricht. H.— sagte uns, er habe dies Beysammenseyn schon in verschiedenen Fällen als die beste Methode gebraucht, Scheinbargesunde zu prüfen, und so oft drey und mehrere zugleich gänzlich geheilt. Es wäre zu wünschen, daß diese Behandlungsart an andern Orten nachgeahmt und die Aufsicht über dergleichen [92]Personen überhaupt immer nur philosophischen Aerzten anvertraut würde. So aber fand ich selbst in den größten berühmtesten Städten Teutschlands Tollhäuser, wo oft ein Dutzend und mehrere Seelenkranke in ein niedriges, schmuziges Zimmer hineingepreßt waren, wo der Rasende, der Tolle, der Wahnsinnige, Aberwitzige, der Halbkranke, der Genesene in ekelhafter Verworrenheit neben einander lagen, und die widerkehrende Natur gewaltsamer Weise von der unheilbaren Wuth des Nachbars angestekt, und in den Abgrund eines fürchterlichen lebendigen Todes hinabgerissen wurde! —

Mein Freund H*. erzählte uns, als er uns an den verschiedenen Gemächern herumführte, manche intereßante, psychologisch wichtige Geschichte von den Unglüklichen, die wir sahen. — Wir stiessen ein paarmal auf so barokkische Hanswurstfiguren, daß mich mitten unter den traurigsten Vorstellungen ein unwiderstehlicher Kitzel zum Lachen anwandelte. Der eine hatte ein paar Beinkleider auf seine Pritsche gelegt, und zerdrosch den Großsultan, den er unterm Hammer zu haben wähnte, so unbarmherzig, daß Se. Türkische Majestät wie mürber Zunder aus einander fuhren; — der andere las einem bemüzten Haubenstok, den er für Gott den Vater hielt, wegen einer zerbrochenen Flasche, den Leviten so kräftig, daß ihm die Mütze vom Kopf flog; — dort massakrirte einer als [93] Alexander Magnus mit seinem Pantoffel alle Fliegen seiner Klause, und wähnte eben so viel Perser erwürgt zu haben; — hier bot ein anderer dem Teufel — einem schwarzen Hosenfragment, das an der Wand hieng, eine Priese Tabak, daß er ihn in Ruhe lassen sollte; u.s.w.

Ganz im Hintergrunde des untern Stockes fanden wir einen rasenden Magister, bei dem die Wuth eben auf ihren höchsten Grad gestiegen war. Er hielt sich für das graunvolle Wesen aus der Offenbahrung Johannis — mit der Sternenperücke, wie er sich ausdrükte, — dem Mondgesichte — dem Wolkentalar, und den gigantischen porphirnen Kurirstiefeln. Eben stund er auf seinem Tische mit ausgestrekten Armen, und warf auf seine Gemeinde — sie bestund aus einem halben Dutzend Arzneytöpfen, — einen ganzen Hagelregen Ebräischer, Griechischer, und Lateinischer Sarkasmen hinunter. Sein geschorner Kopf war mit Goldflittern besäet — seine Backen aufgedunsen, sein weißes Bettuch hieng ihm bis auf den Boden hinab, und seine beschmuzte Universitätsstiefel hatte er über den Tisch ausgestrekt. Wir hatten ihm schon eine ziemliche Weile zugehört, als er mit einmal vom Tisch sprang, ein paar Töpfe aus seiner Gemeinde ergrif, und sie mit solcher Wuth durchs Gitter nach uns warf, daß wir uns kaum noch vor seinem mystischen Grimm zurückziehen konnten.

[94]

Sollten Sies wohl glauben, sagte mir H. beim Weggehen, daß dieser Mensch vor sechs Tagen noch auf meinem Zimmer schlief, mit mir aß, spazieren gieng, und über die merkwürdigsten Gegenstände der Litteratur und Philosophie mit voller Gegenwart des Geistes sprach? — ja daß er neugierige Fremde allein im Hause herumführte, und sie von dem Zustand und der Geschichte der merkwürdigsten Narren unterrichtete? —

Ich. Mein Gott, und wie kam er in so kurzer Zeit in diesen fürchterlichen Zustand? Er scheint mir unter all' ihren traurigen Alumnen der bedaurenswürdigste zu seyn.

H*. Seine Geschichte ist die merkwürdigste aber auch die grauenvollste unter allen, so mir bisher vorgekommen sind. Der Psycholog bleibt entsezt vor seinem Gemählde stehen, der führende Stab entsinkt ihm, und er kann nur ohne Leitgestirn zum Unerforschlichen hinauf staunen.

Nachdem wir im ganzen Hause herum waren, verlohr sich H. mit mir in eine angrenzende Allee, und fuhr fort:

»Der Vater des beweinenswerthen Mannes, von dem wir so eben sprachen, ist ein reicher biederer Pächter der Nachbarschaft. Er entdekte in diesen seinem einzigen Sohn früh schon Anlagen, die ihn in einen größern Würkungskreis zu rufen [95]schienen, als den ihm seine Geburt, und sein Stand anwiesen. Er schikte ihn also aufs hiesige Gymnasium, besuchte diesen seinen Liebling oft, und das Herz im Leibe lachte dem wakern Manne bey den guten und immer bessern Nachrichten, die er jedesmal von seinem Franz einzog. Weil ich damals schon das Dorf des Pächters zu versehen hatte, so kannt ich ihn lange her, und war leider mit eine unschuldige Ursache, warum er seinen Sohn den Studien weihte. Er besuchte mich, so oft er in die Stadt kam, schüttelte mir öfters die Hand und rief freudetrunken: O wie hat er so wahr gesprochen, liebster Doktor! — der Bube ist unserm Schulmeister schon Tannenhoch über den Kopf gewachsen. Meiner Seel, wenns so fort geht, so wird er ein Kerl leibhaftig wie er. Da frag' er nur, da hör er nur wie der Blizjunge schon schreiben, und lesen, und rechnen, und Figuren machen, und Lateinisch, und Griechisch, und Gott weiß was er alles kann!! Er soll mir aber auch bey meinem Großvater auf die Universität nach T**. und soll mir ein Geistlicher werden, und predigen lernen, daß es 'ne Lust ist. Was meint er, wenn mein Goldfranz im schwarzen Mantel und Kragen auf der Kanzel perorirt, ob wir da aufpassen wollen? O laß mich der liebe Gott diese Freude auch erleben, eh ich in die Grube fahre!«

Freudeträhnen rollten dem guten Mann die Wangen herab. Nur einen Blik in die Zukunft, [96]guter Gott, und wie so ganz anders wäre alles geworden; — wie glüklich lebte der Alte jezt mit seinem Kinde! Wie ruhig hätt er auf dieser Stüze entschlummern können! —

Franz war jezt 16 Jahr alt, hatte in öffentlichen Prüfungen schon verschiedene Preise erhalten, und war nicht nur in den meisten Sprachen und Wissenschaften, die auf dem Gymnasium getrieben wurden, der Erste, sondern hatte sich noch durch sein Privatstudium andere gründliche Vorbereitungskenntniße für die Universität erworben. Geliebt und geehrt von seinen Lehrern und Mitschülern verließ er das L—sche Gymnasium, und blieb ein Halbjahr bey seinen Eltern auf dem Lande, wo er in Geräuschloser Zurükgezogenheit sich ganz der Philologie und Philosophie weihte, nur selten, und immer nur wissenschaftlicher Gegenstände wegen die Stadt besuchte, und auf seinem Dorfe außer seinen Eltern mit niemand als mit dem Amtmann, einem geistvollen Belletristen, und mit seinem gelehrten Herrn Pfarrer Umgang pflog, und, wie sich Se. Hochwürden ausdrükten, Honigsüsse Lateinische Verse schrieb.

Sowohl eigner Drang des Jünglings, als der Rath verschiedner erleuchteter Freunde bestimmten endlich den Vater, seinen Liebling auf die Universität nach T**. zu schicken. Seine Vorkenntnisse, [97]sein schnelles Fassungsvermögen, und sein Privatfleiß zogen hier in kurzem die auszeichnende Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf ihn. Er machte den ganzen philosophischen Cursus durch, und hatte sich die Wolfische Philosophie, die damals gäng und gäbe war, bald so eigen gemacht daß er ein paarmal bei öffentlichen Disputationen seinem Präses den kalten Schweis aus der Stirne trieb.

Im dritten Jahre begann er seine Theologische Laufbahn, und dieß mußte der Abgrund seyn, in welchen alle seine Anlagen und Kenntnisse, alle seine Plane, und Aussichten, all die süssen Träume, und Hoffnungen seines Vaters, und seiner Freunde auf ewig versanken.

Das Studium der Kirchengeschichte, und der Bibel im Grundtext zog bald die ungetheilte Aufmerksamkeit seiner ganzen Seele an. Alle übrige Theologische Wissenschaften trieb er nur, in so fern sie ihm Licht über dies Buch aller Bücher leihen konnten. Ich weiß nicht, welch ein unseliges Ungefähr ihn frühzeitig antrieb, die Offenbahrung des Johannes zum Hauptgegenstande seiner Schriftforschung zu machen. Vielleicht seine lebhafte Phantasie, — vielleicht Neigung zum Wunderbaren und Mystischen; — vielleicht auch eben die Schwierigkeit, womit die Auslegung dieses dunkeln, bildlichen, von einer glühenden Dichter-Phantasie er-[98]zeugten Buches verbunden ist, — zogen ihn an, der Auslegung und Deutung desselben alle seine Seelenkräfte zu widmen. Damals hatten wir die treflichen philosophischen Wegweiser zu Erklärung dieser Theosophischen Visionen noch nicht. Das meiste, was darüber geschrieben war, schien mehr gemacht zu seyn, den Forscher in noch dunklere Gewinde des Mysticismus zu verwickeln, als ihn herauszuleiten. Franz las alles, was er über sein Lieblingsthema auftreiben konnte, vernünftelte, sann, hing aller Warnungen seiner Freunde ungeachtet Nächte lang über Folianten, die von Aberwitz und Scholastischen Träumen strozten, und in nicht gar einem Jahre ward der trefliche, vielversprechende Jüngling erst verrükt,— dann toll;— dann rasend, und an Ketten gelegt.

Die Grade seiner traurigen Verirrung verlohren sich, wie mir einer seiner Lehrer und theilnehmendsten Freunde schrieb, ganz unmerklich in einander. Mählig wurde der Gedanke an sein Thema in seiner Seele herrschend. Bald wuchs er, gleich einer Eiche über all seine übrige Ideen, und Vorstellungen empor, und entzog ihnen, mit Shakspear zu reden, die Lebenssäfte zur Entwiklung, daß sie wie Blumen welkten, und vergingen. — Alles bezog er nun auf die Offenbahrung, wollte alles, am Ende sogar Dinge des gemeinen Lebens daraus erklären, darauf zurükführen, — darin finden, [99]und sah und hörte, und las, und dachte und empfand alles nur im Bezug auf seine Offenbahrung. Er äußerte dies zuerst in den öffentlichen Theologischen Vorlesungen. Eben der wackere Mann, mit dem ich, über den Ausbruch seiner Seelenkrankheit korrespondirte, las über die Dogmatik, und pflegte Franzen, als dem Scharfsinnigsten unter seinen Zuhörern, häufig während seiner Vorlesung schwere und verwickelte Fragen vorzulegen. Bald fiel es ihm auf, wie ein Kopf, der ehemals die schwierigsten Aufgaben so schön auf die lautersten Grundsätze der Philosophie zurükführte, sich nun auf einmal so ganz in die Offenbahrung verliehren konnte. Er entfernte also seine Fragen absichtlich von diesem Thema: aber umsonst; die heterogenste Materie zog Franz mit Haaren in sein Lieblingsfach hinüber. — Seine Freunde und Mitschüler hielten dies erst für Grille, für eine Art verdekten Stolzes, für einen kurzen zufälligen Vorsatz, gerade da die Ueberlegenheit seines Kopfes zu zeigen, wo so viele strauchelten. — Und vielleicht mochte würklich eine ähnliche Ursache zu den obigen stoßen. — Zwey seiner vertrautesten Haus- und Tischfreunde drangen deshalb aufs angelegentlichste in ihn. Aber sie fanden zu ihrem Erstaunen das Uebel schon so tief gewurzelt, daß ihnen vor der Zukunft zu grauen anfing. Sie liessen sich mit ihm in ernsthaftere Unterredungen ein, boten all ihre Kenntnisse, all ihre Beurtheilung auf, ihren Freund von seinem [100]Irrwege zurükzuführen; er hörte sie nicht. Sie brachten ihm Gründe der Logik und der gesunden Vernunft; — er schlug sie mit Ontologischen Spizfündigkeiten zurük. Sie suchten seine Erklärungswuth bey auffallenden Gelegenheiten auf eine feine Art lächerlich zu machen. Er drohte mit seinem ewigen Haß. Sie nahmen ihm auf Anrathen seiner Lehrer heimlich seine Folianten, seine Manuscripte und Nachtlampe hinweg. Er weinte wie ein Kind, gieng halbe Nächte lang einsam in seinem Schlafzimmer auf und ab, deklamirte Stunden lang ganze Capitel aus seinem Johannes, ließ Geister erscheinen, und disputirte mit ihnen so herzhaft über die Auferstehung, daß alle Schläfer erwachten. Man zog den Arzt zu Rath; man hielt ihn von den Hörsälen zurük; man verordnete ihm zwekmäßige Diät; gab ihm leichte unterhaltende Bücher zur Zerstreuung: Er stieß alles mit Füßen von sich. Man ließ ihn Nachts bewachen, um ihn gewaltsam von seinen nächtlichen Kreuzzügen abzuhalten. Man fand den Wächter am folgenden Morgen unmächtig in seinem Blute. »Halten mich die Hunde für toll? Glauben sie, ich hätte den Verstand verlohren? wollen sie mich wie einen Aberwitzigen gängeln und bewachen lassen? so will ich ihnen auch begegnen wie Hunden. Die Augen, womit sie nicht sehen, will ich ihnen aus dem Kopf reißen, die Ohren, womit sie nicht hören, will ich ihnen vom Haupt [101]zerren!« So schnaubte er jezt seine Freunde an, die ihm helfen wollten.

Natürlich war es bey solchen Ausbrüchen nicht möglich, ihn länger auf der Universität zu behalten. Obiger Lehrer schrieb daher an seinen Vater, stellte ihm den kläglichen Zustand seines Sohnes so glimpflich als möglich vor, und bat ihn, solchen selbst abzuholen, ihn einige Zeit bey sich auf dem Lande zu behalten, einen klugen Arzt über sein Uebel zu Rath zu ziehen, ihm alle Theologische Bücher wegzunehmen, und ihn besonders so viel möglich zerstreuen, und anhaltende zwekmäßige Leibesübungen vornehmen zu lassen.

Der erschrockene liebevolle Vater kam, fragte, wollte seinem Franz in die Arme stürzen. Aber der Schaden hatte unterdessen so fürchterlich um sich gefressen, daß man den Unglüklichen binden mußte, und es für gefährlich hielt, seinen Vater vor ihn zu lassen. — Doch der ungestümme Vater ließ sich nicht halten. »Großer Gott, sollt es wahr seyn? sollt' es so weit mit meinem einzigen Kinde gekommen seyn? — Es ist nicht möglich! Laßt mich zu ihm! Wer will den Vater von seinem Liebling trennen?« Er drang mit Gewalt ins Zimmer, wo sein Franz auf einem Bette halbgebunden lag. Dieser fuhr wie aus einem Schlummer empor. »Jesus Christus wie er aussieht? — kennst [102]du mich nicht, mein Sohn? — ich bin gekommen, dich mit nach Hause zu nehmen, wo deine Mutter mit Schmerzen auf dich harret. O sieh mich nicht an mit diesem durchbohrenden Blik. Liebster Franz, kennst du deinen Vater nicht mehr? —« Bey diesen Worten verbarg der Jüngling sein Haupt ins Kissen, und weinte und jammerte, daß dem Vater die Worte versagten. Er warf sich lautweinend auf seinen Sohn: da hiengen sie lange in einer sprachlosen Gruppe, daß alle Anwesende sich wegwenden mußten. — Endlich faßte sich der Vater. »Sprich, theures Kind, willst du nicht mit mir nach Hause? dort soll dich deine Mutter pflegen, dort will ich dich auf meinen Händen tragen. So sieh mich doch an! Hörst du deinen Vater nicht?« Jezt wandte Franz sein tränendes Antlitz, küßte seinen Vater, winkte, und lispelte ihm ins Ohr: »Ja, ich will mit ihm. Die Verräther dort glauben, ich habe den Verstand verlohren. Ist das nicht eine höllische Lüge? — Lebt meine Mutter noch? — Ich will ihm helfen sein Feld bauen Vater. — Seyd ihr noch nicht fort, ihr Hunde? — — Ich will in seinem Weinberg arbeiten. — — Was, noch immer hier, Verräther?« — Er fuhr schäumend, und zähneknirschend vom Lager empor, und schlug seinen Vater, der ihn zu beruhigen suchte, so wüthend ins Angesicht, daß ihm das Blut ströhmend über die Wangen floß. Man riß den Alten hinweg, man [103]rief um Hülfe, man holte den Arzt; denn der Anfall war diesmal so fürchterlich, daß der Rasende den untern Theil der Bettlade hinausstampfte, und sein Kissen mit den Zähnen zerriß. Vier Männer stürzten über ihn her, und banden ihm mit Mühe die Hände. Der händeringende, wehklagende Vater mußte mit Gewalt hinweggeführt werden.

Franz wurde nun, von all seinen Lehrern, und Universitätsfreunden bedauert, nach dem Dorfe seines Vaters gebracht. Dieser hofte gewiß, daß sich hier das Uebel in kurzem legen werde. Er räumte ihm ein verborgenes Zimmer in seinem Hause ein, hielt ihm Wächter, beschwur mich bey Gott und allen Heiligen, seinem Kinde, und sollt' es sein Vermögen kosten, zu helfen, und gab gegen seine Bekannte vor, sein Sohn liege an einer langwierigen Krankheit darnieder, wo ihm die Gegenwart von Menschen schädlich seyn könnte. — Aber alle Vorkehrungen des zärtlichen Mannes waren vergebens. Die Anfälle seines Sohnes stellten sich beinah täglich bey den unschuldigsten Veranlassungen mit solcher Violenz ein, daß er mir einst verzweifelnd um den Hals fiel, und ausrief: »Nehm' er ihn in Gottes Namen hin. Was ein Vater thun kann, das hab' ich gethan. Kein Mittel ließ ich unversucht, den Verlohrnen zurükzubringen. Mein Verstand steht hier stille. Menschenhülfe schüttelt den Kopf. — Da komm ich eben von ihm herunter. Er schien so stille, und [104]so weich. Ich trat an sein Lager, und sagte ihm von meiner Liebe vor. Die Tränen schossen ihm die Wangen herab. Mit einmal fuhr er zuckend herum, sprach von gräßlichen Geistergestalten, brach in einen Strohm von unverständlichen, sinnlosen Worten aus, und hätte mich, glaub ich erwürgt, wäre er nicht gebunden gewesen. Ich hab's immer bemerkt, daß sein Anfall am heftigsten ausbrach, wenn er kaum vorher noch wie ein Kind gerührt war.*) 1 Länger kann ich den Jammer nicht ansehen. Nehm er mein Kind zu sich in die Stadt. Rath er, helf er! lieber will ich ihn begraben, als länger lebendig tod vor mir sehen.« —

Ich hatte den Eltern nehmlich schon öfters vorgestellt, wie mirs bey meiner Entfernung von dem [105]Kranken unmöglich sey, ihm diejenige Aufmerksamkeit zu widmen, die sein Uebel nothwendig erforderte, und ernstlich darauf angetragen, ihn ganz zu mir in die Stadt zu nehmen. Sie wollten sich aber lange schlechterdings nicht darzu verstehn. Jetzo nahm ich den Antrag des Vaters um so gerner an, und ließ sogleich Anstalten zur Abreise machen.

Franz kam also zu mir in die Stadt. Anfangs war ich willens, ihn in mein Haus zu nehmen. Der Vorsteher des Tollhauses erbot sich aber, ihm ein Zimmer in seiner eignen Wohnung einzuräumen, und mit ausgezeichneter Sorgfalt sein zu warten. — Da dieser Mann öfters um den Kranken seyn konnte, als es mir meine übrigen Geschäfte gestatteten, da er überdies aus langer Erfahrung die Behandlungsart solcher Unglücklichen sehr gut versteht; so überließ ich ihm diesen ohne Bedenken, nachdem ich ihm vorher aufs gnaueste vorgeschrieben hatte, wie er in allen Stücken gegen ihm verfahren sollte.

Nun wurde dem Jüngling ein erfahrner Wächter gesezt, welcher in ruhigen Zwischenräumen über Dinge des täglichen Lebens mit ihm zu reden angewiesen war. Besonders schärft' ichs ihm ein, wenn Franz fragen sollte, wo er sey, und warum er hier sey? — ihm immer zu antworten: Er befinde sich in meinem Hause in der Stadt, leide lange schon an einem bösartigen Fieber, und sey von seinem zärtlich besorgten Vater ins Haus des [106]Stadtdoctors gethan worden, um desto gewisser, und bälder wieder hergestellt zu werden. — In der Diät hielt ich ihn weit strenger, als ich es im Hause seines Vaters thun konnte. — Er trank auf der Universität gern Wein, und dieser mochte unstreitig das Seine zu seinem Uebel beygetragen haben. — Auch jezt begehrte er in lichten Zwischenräumen dieses Getränk mit Ungestümm. Ich ließ ihm nicht das geringste weder von Wein, noch von Fleisch und dergleichen reichen. Mit den leichtesten aufs sorgfältigste zubereiteten Speisen, mit Milch und Wasser mußte er seinen oft unbändigen Hunger, und Durst, nach und nach, — nie auf einmal stillen. Das Herz blutete mir oft wenn er bald mit gebieterischem Ungestümm, bald mit drohender Wuth, bald mit den Trähnen des Kindes seine Lieblingsspeisen, und Weine begehrte, und ich hätte in dem Augenblick nicht Vater seyn dürfen. — Ein paar der besten Geschichtschreiber, und einige Englische Romane wurden ihm nach einiger Zeit zur Unterhaltung gegeben. Am Ende forderte er selbst sein Klavier welches er sehr artig spielte. In der That war er mir hierin nur um einige Tage zuvorgekommen; denn da mir die Wichtigkeit der Musik in der Heilkunst der Seelen lange schon aus den auffallendsten Beyspielen bekannt war, so hatt' ich sie gleich anfänglich in den Plan zu seiner Genesung aufgenommen. — Von seinem Zimmer hatte er die lachendste Aussicht [107]auf Wälder, auf Rebenberge, auf Fluren, Dörfer, Triften, und Gewässer, und ich sorgte dafür, daß sein Gemach täglich mehrmals mit frischer Luft angefüllt wurde. Er liebte Nachtigallengesang bis zur Schwärmerey. Ich ließ verschiedene der besten vor seinem, und den angränzenden Fenstern aushängen. Er hatte eine intusiastische Liebe für Kinder. Ich ließ späterhin Vormittags, wo er immer am ruhigsten war, einige der Liebenswürdigsten zu ihm bringen. Kurz jede seiner ehmaligen Neigungen benuzt ich, seine Aufmerksamkeit zu fixiren, und seine Thätigkeit von dem Abgrunde ihrer Verirrung abzuleiten. Ich selbst endlich besucht' ihn des Tages wohl vier, und mehreremal. Besonders versäumt' ich die Morgenstunde nie, wenn er vom Schlaf erwachte, wo ich ihn immer als einen meiner Kranken behandelte, und mich mit ihm über leichte und angenehme Dinge unterredete. Er wurde beim Erwachen täglich ruhiger, und verträglicher, und die geringste traurige Vorstellung konnt' ihn bis zu Trähnen rühren. Ich vermied daher dergleichen Vorstellungen sorgfältig, und unterhielt ihn gewöhnlich mit interessanten Anecdoten, späterhin auch mit literarischen, und politischen Neuigkeiten, an denen er ehedem so sehr hieng. Arzeneimittel braucht' ich nur wenige, und äußerst einfache, wenn es sein Zustand eben zu erfordern schien. Anfangs lenkte er oft von den entferntesten Ideen die ich ihm vortrug, in seine [108]mystischen Träume ein. Ich bat, ich beschwur ihn bey Gott und seinem Leben, davon abzulassen, weil dieß eben der Weg sey, wodurch er sich seine Krankheit zugezogen, und weil er unvermeidlich den Tod wagte, wenn er ihnen weiter nachhienge. So macht ich nach und nach die Furcht vor dem Tode zum Gegengift seiner verirrten Grübeleien. So oft sich sein Blik in Apokaliptische Gesichte verlor, so oft er über die Nachtgestalten seiner Fantasey zu rasen begann, erhob ich meine Stimme noch mächtiger als er, droht' ich ihm, meine Hand ganz von ihm abzuziehen, und ihn dem Tode zu überlassen, wenn er den Unsinn nicht fahren liesse. Auch seinen Wärter wies ich an, eben so gegen ihn zu verfahren, und ihm sogar mit Schlägen zu drohen, wenn er von den scheußlichen Bildern nicht abliesse. Außerdem entfernt ich von ihm jede physische, und moralische Ursache, die in ihm Furcht, Schreken, Aufwallungen, oder andere violente Empfindnisse, und Leidenschaften hätte erregen können. Seinen Blutsfreunden, besonders seinem Vater verbot ich es, so sehr er in mich drang, ihn zu besuchen, weil ich bemerkt hatte, daß, obgleich seine Gegenwart anfangs heilsame Würkungen bey ihm zu haben schien, am Ende doch immer ein Anfall erfolgte, der all das Gute vereitelte, was ich bei ihm mit viel Mühe und Zeitaufwand hervorgebracht hatte.

[109]

Dies war ungefähr die Methode, deren ich mich, nicht ohne vorhergehende Erfahrung, zu Heilung dieses Unglüklichen bediente, und sie war so würksam, daß er in Zeit von zween Monaten — Bücher las, und mit unverfälschter Beurtheilung mit mir darüber sprach; — daß er Musik-Stüke, die er ehmals nach Noten gespielt hatte, nun auswendig spielte, ja sogar eigne komponirte; (und ich glaube, daß eben dieß am meisten zu seiner gänzlichen Wiederherstellung beitrug) daß er Stundenlang der Nachtigall horchte und ihre Lieder auf seinem Klavier nachahmte; Stunden lang mit Kindern spielte, und sie Lieder lehrte, die er auswendig wuste; daß er ein paarmal wenn sein Anfall eben ausbrechen wollte, ihn aus Furcht vor meinen Drohungen gänzlich erstikte, und sich selbst durch Musik und Bücher zu zerstreuen wuste; daß er mit gewohnter Neugier nach litterarischen, und politischen Novitäten jagte; ja daß er am Ende gar Briefe, und Aufsäze mit seiner ganzen ehmaligen Geistesgegenwart schrieb, mir solche vorlas, mein Urtheil begehrte, u.s.w. Nun ließ ich Stuffenweise verschiedene seiner Bekannten, und Freunde aus der Stadt, und am Ende, nachdem ich ihn hinlänglich vorbereitet hatte, auch seine Eltern zu ihm kommen. Mit allen hatt' ich Abrede getroffen, auf die Meynung anzuspielen, und ihn darin zu bestärken, daß er blos einer hartnäkigen Körperlichen Krankheit wegen zu mir in die Stadt gethan worden, und[110]nunmehro gänzlich hergestellt sey — Um ihn eben in dieser Meynung nicht zu stören, ließ ich ihn im zweyten Monat seines Hierseyns aus dem Hause des Inspectors unvermerkt in mein eignes bringen. Im dritten, den er meist im Umgang meiner Familie, und anderer Freunde zubrachte, äußerte er keine Spur seines irren Zustandes mehr. Er speißte an meinem Tische, wo ich ihn aber kein Haar von seiner Kranken-Diät abgehen ließ; er scherzte; er las uns Aufsätze vor, die er selbst verfertiget hatte; er studirte, und schrieb des Vormittags; Nachmittags nahm ich ihn zu Spaziergängen mit. Kurz der Jüngling war ganz wieder hergestellt, seine Seelenkräfte spielten wieder in harmonischen Akkorden zusammen, seine entfesselte Thätigkeit betrat ihre Laufbahn wieder, dem enteisten Bachstrom gleich, welcher zum erstenmal wieder im Stral des Frühlings durch die Wiese frolokt; — Er fühlte Kraft und Drang zu höheren Berufsgeschäften in sich. Sein Würkungskreis ward ihm hier zu enge. Er hatte den Plan, die Universität noch ein paar Jahre zu besuchen, und sich zu einem dasigen Lehrer zu bilden.

Denken Sie sich die Freude des Vaters, als er seinen schon hingegebenen einzigen Sohn in diesem Zustande sah, und hörte, und umschlang und küßte. Auf sprang er im Taumel der Wonne, kriegte mich am Kopf und herzt' und küßte mich, daß mir die Ohren gellten. »In Gold laß ich ihn ein-[111]fassen, liebster Seelendoktor! Auf den Händen möcht ich ihn tragen, und es in alle Welt hinausrufen: Da seht den zweiten Vater meines Sohnes! — Der Herr Pfarrer soll aber auch 'n Vers auf ihn machen, der sich gewaschen hat, und soll ihn singen und lobpreisen als den König aller Doctoren, als den Groß-Mogul der ganzen Medizinergilde. Und das Gedicht soll mir gedrukt werden, und in den Zeitungen paradiren, daß sein Nahme auf dem Markt, und auf'm Rathhaus, und in allen Gasthäusern, Buden, und Schenken wiederhalle. Und wär ich ein großer Herr, so sollte mir sein Bild in klaren Marmor gehauen, und mitten auf dem Marktplatz aufgestellt werden. — Doch, lassen wir das! Die nächste Woche nehm ich meinen Goldfranz mit mir nach Hause. Und zum Abschied soll hier ein Schmauß seyn in seiner Wohnung. Da wollen wir essen, und trinken, und singen, und klingen und jauchzen, und den lieben Gott loben, daß er uns unsern Franz wieder geschenkt hat. Und Er, Seelendokter soll obenan sitzen, und seine Gesundheit, und meines Franzen Gesundheit getrunken werden, daß ihm das Herz im Leibe hüpfen soll.«

So rief der Alte Freudetrunken aus. Franz, die Mutter, und alle Anwesende stimmten in den Vorschlag ein, und ich konnte um so weniger dagegen einwenden, da die Ehre auf meiner Seite war, und da ich mit Franzen unterdeß so viele Proben [112]angestellt hatte, daß ich in Ansehung seiner sicher seyn konnte.

Alle Anstalten wurden daher zu diesem Genesungsfeste gemacht. Ich sucht' es so einfach als möglich zu machen, lud wenige, und nur einige Busenfreunde des Jünglings, die er ausdrüklich begehrt hatte, darzu ein, und versprach mir einen seligen Tag der Wonne, und des Entzükens.

Der Tag kam heran. Es war ein Sonntag, welcher der merkwürdigste in meinem Leben bleiben wird. Wir giengen Vormittags gemeinschaftlich in die Kirche, wo mein Freund der Stadtpfarrer eine rührende Predigt hielt, und am Ende eine so eingreifende Anspielung auf die Wiederherstellung des Jünglings einwebte, daß wir uns der Trähnen nicht enthalten konnten. Da saß der ehrwürdige Vater, horchte dem Priester mit hangendem Haupte entgegen, blikte dann mit Trähnen der Wonne auf seinen Franz, und weinte zum Himmel: »O erhalt' mir ihn! Du hast ihn mir zum zweytenmal gegeben; drum erhalte mir ihn, Vater des Lebens!«

Ich hatte den würdigen Priester ebenfalls zu unserm kleinen Feste geladen. Es war ein rührender Anblik,als er ins Zimmer trat, und der Altvater ihm feyerlich entgegengieng, und ihm die Hand küßte für seine Predigt. »Ew. Hochwürden [113]haben mir heute Trähnen entlokt, die mehr werth sind, als ein ganzer Jahrgang gedrukter Morgen- und Abendseegen. Gott lohns Ihnen, und tröste Sie im Ungemach des Lebens!«

Nun sezten wir uns zu Tische. So rührend anfangs das Gespräch war, so lenkte sichs doch bald zum Scherz, und zur geselligen Freude. Franz nahm den lebhaftesten Antheil an unsrer Unterhaltung. Man sprach über Litteratur, über Kunst, über neue Aufsehenerregende Schriften; — Franz tummelte sich mit dem Herrn Pfarrer und mir so wacker in dieser Materie herum, daß sich der Alte nicht satt sehen, und hören konnte. Die Sprache kam auf politische Neuigkeiten, wo sich der brave Pächter mit unter die Streiter mischte. Franz wußte von allem, urtheilte überall mit bewunderungswürdiger Feinheit. »Auch hier ist mir der Blizbube über'n Kopf gewachsen! — Der Doktor aller Doktoren soll leben!« — rief der Vater, und alle Gläser klangen zusammen. »Mit Wasser willt du deines Doktors Gesundheit trinken? fuhr er zu Franz fort. Eingeschenkt auf mein Wort! Warst ja sonst kein Kostverächter, und das Bissel wird dich nicht beissen.« — Franz trank hier nach mehr als einen Vierteljahr das erste Glas Wein. Nun wurde das bodenlose Capitel der Anekdoten, und Schwänke vorgenommen. Der Pächter ließ eine Rakete nach der andern steigen, und lachte dann immer zuerst, daß die Tafel zitterte. Auch ich [114]ließ meinen Dezem zirkuliren, und trug nicht wenig Dank davon. Se. Hochwürden selbst, denen bereits das Wohlbehagen von der Stirne leuchtete, gaben uns manches ehrsame Universitätssträußchen zum Besten, und holten den Stachel des Schnakens dann immer gar possierlich aus dem blinkenden Glase. — Franz ermangelte nicht, beinah jede Schnurre, aus welchem Gebiet sie auch seyn mochte, mit einer ähnlichen zu erwiedern, und trug besonders ein paar trefliche Anekdoten, die sich während seiner Anwesenheit zu T.* unter dem dasigen gelehrten Senat ereignet hatten, mit so viel Witz und Laune vor, daß der brave Schwarzrok seine Amtsgravität ganz aus dem Gesichte verlohr, und sich den Bauch vor Lachen halten mußte. Mit unter kreißte eine Gesundheit nach der andern, und ich konnt es nicht wehren, daß Franz nicht einmal ums andre in edlem Rheinwein Bescheid that.

So tafelten wir unter geselligen Gesprächen und Scherzen fast die Hälfte des Nachmittags hinweg. Nach Tische wurden bekannte Volkslieder gesungen, wo Franz den Flügel spielte, und mit seiner vollen Akademischen Jovialität vorsang. Er regalirte uns überdies mit einigen herzigen Liedern, die er auf der Universität, und zu Ende seiner Krankheit gemacht, und in Musik gesezt hatte. Der Pfarrer, meine Hausehre, ich, die Jünglinge, alles jauchzte und sang zusammen, und der gute [115]Vater brummte den Baß darein. Kurz, nichts schien zu fehlen, uns diesen Tag zu einem Festtag zu machen. Ich bemerkte an Franz nichts, als eine Fröhlichkeit, die bis an Muthwillen gränzte, doch immer in den Schranken des Wohlstandes blieb.

Es war einer der schönsten Frühlingstage. Ich schlug daher gegen Abend der ganzen Gesellschaft einen Spaziergang vor. Der Vorschlag ward mit einstimmendem Jubel angenommen. Wir besuchten einige Gärten und giengen dann in der prächtigen Allee nicht weit von meinem Hause im Abendstral lustwandeln.

Franz blieb immer bey mir und bey seinem Vater, und sprach mit Entusiasmus von seinen Planen, und von den Freuden die er sich in der Zukunft ausersehen hätte. Ich merkte, daß der Wein stark auf seine Lebensgeister gewürkt hatte, schnitt daher seine Reden ab, wo ich konnte, suchte ihn selbst mit ähnlichen Gesprächen über die Träume meiner Jugend zu unterhalten, und flisterte dem Vater zu, seinen Sohn so wenig als möglich zum Wort kommen zu lassen, weil ihm des Weins wegen zu vieles Reden höchst schädlich werden könnte.

Wir hatten die Allee eben einmal durchlaufen und waren auf dem Rückweg begriffen, als Franz [116]mit einmal stehen blieb, tiefsinnend umherschaute, und ausrief: »Mein Gott die Gegend hier ist mir so bekannt, alles umher mir so vertraut, so frisch und lebendig in meiner Seele. Diesen Baum dort hab ich oft Tage lang beobachtet. Er war meine Uhr. Stund er im Volllichte, und warf er seinen eingeschrumpften Schatten quer durch die Allee; — so war es Zeit zum Mittagessen. Strekte er seinen Schatten gigantisch über das Feld hin, zukte das Sonnenlicht nur noch schwächlich auf seinem Wipfel, so war dies die Stunde zum Abendbrod. Sagen Sie doch, lieber Doktor, wo war ich, als ich diese Gegend hier zur Aussicht hatte? Ach damals führt' ich ein trauriges Leben.«

Ich erschrak als ich ihn so reden hörte. Es war die Gegend, die er von seinem Zimmer im Tollhaus vor sich hatte. »Kein Wunder — erwiederte ich verlegen, — daß Ihnen die Gegend so vertraut ist. Sie kennen sie ja von Ihrer Knabenzeit an, und der Baum wird noch ein überbliebenes Gemählde aus jenem Rosenalter seyn, das Ihnen Zeit, und Ort so eben lebhaft vor Augen brachte.« —

Er. »Nicht möglich! So lebendig sieht die glühendste Fantasie jene Gemählde nicht, als mir die Gegend hier in der Seele liegt. Ich weiß nicht, wie schwül und schauerlich mir bey ihrem Anblik wird.«

[117]

Der Vater. »Weg damit! Was soll die Träumerey am heutigen Tage? Schlag dir den Plunder aus'm Kopf, und stimm 'n schmuckes Weinlied an.

Wir giengen weiter. Unsre Gesellschaft hatte eine gute Strecke voraus gewonnen, und wartete. Auf einmal brach Franz lautlachend aus: »Mein Gott, wie man so blind seyn kann! Da sinn ich hin und her, und kann's nicht reimen. Und Sie lassen mich in der Patsche, sauberer Doktor, und sagen mir nichts. Ist dieß da drüben nicht die Jammerklause, wo ihr mich armen Schächer so lange gefangen hieltet?«

Er wies mit dem Stok gerade auf das Zimmer des Tollhauses, wo er zwey Monate gesessen hatte. Diese Frage setzte mich noch in größere Verlegenheit, als die obige.

Ich. Wie sollten Sie, und dies Zimmer zusammen kommen? — Merken Sies denn nicht, daß dies dort das Tollhaus ist? — Wie könnten Sie sich in aller Welt dahin verirren?«

Er. »Man denke! Als ob ichs nicht wüßte, daß ihr mich über ein halbes Jahr wie einen puren Narren behandelt, mich eingeschlossen, gebunden, und mißhandelt habt? Nicht wüßte, daß ihr mich [118]vom Hause meines Vaters ins Tollhaus transportirtet, und mich da schmachten ließet bey Wasser und Brod unter heulenden Verrükten? — Doch die Zeit ist vorüber. Die Gegenwart lacht um so schöner, die Freyheit schmekt um so köstlicher, wenn man an das Elend der Vergangenheit zurükdenkt. Hunger ist die beste Würze der Speise. — Ich habe da drüben doch auch mitunter manche seelige Stunde genossen. Wenn ich des Morgens zum Fenster hinaus blikte, und die Lerche hörte, wenn ich Berg und Thal, und Stadt und Feld, und Bach und Hügel, und den arbeitenden Landmann im Schimmer der Morgenröthe sah! — Wenn ich die Sonne hinterm Rebenberg dort heraufzittern sah, und an die Millionen dachte denen sie leuchtet! O, da war ich mitten in meinem Jammer so glüklich. Auch machte mir der Inspektor, mein Freund, viel Freude, wenn er sein Abendbrod auf mein Zimmer bringen ließ, sich traulich neben mich aufs Bette sezte, und mir von Schlachten und Thaten erzählte, die er sah, und mitschlug. O es ist ein kreuzbraver Mann, der Inspektor! Wie lange hab ich den ehrlichen Alten nicht mehr gesehen. — Ich denke Vater wir besuchen ihn jezt auf ein halbes Stündchen; dann will ich ihm auch sofort das traurige Zimmer zeigen, wo sein Franz so lange in toder, trähnenwerther Einsamkeit saß. Nicht wahr Doktor, — Sie gehen mit?«

[119]

Ich stund, während daß Franz alles dieß sagte, wie in einen Fiebertraum verlohren. Da ich die Sache so äusserst geheim halten ließ, und Franz die meiste Zeit seines Aufenthalts bey dem Inspector irre, und ohne Bewußtsein war; so begrif ich schlechterdings nicht, woher er alles so bestimmt, und zuverläßig wissen konnte. — Ich suchte ihn gemeinschaftlich mit dem Vater von dem Besuch abzubringen. Wir stellten ihm vor, — daß es zu spät sey; daß wir den Inspector Morgen vor seiner Abreise noch besuchen könnten, wenn er ihn ja kennen sollte; — daß es unsre Gesellschaft übel nehmen würde, wenn wir sie verliessen u.s.f. Umsonst; er schlug alle unsre Einwendungen zurük. »Verderben Sie mir doch die Freude nicht! — fuhr er ruhig, und mit lachendem Munde gegen mich fort; Die Gesellschaft geht in Ihr Haus voran. Wir folgen in einer halben Stunde. Er soll seine Seelenfreude an dem Alten haben, liebster Vater! Jezt sizt er gewiß mit der Brille am Fenster, trinkt seine Vesper-Flasche, und liest in seiner alten Kayser-Chronik.«

Er nahm seinen Vater am Arme. Alles Sträuben war vergebens. Wir fanden den Alten Inspector mit seiner Familie beim Abendessen. Er erschrak anfänglich, als er Franzen erblikte, weil er wuste, wie höchst wichtig mir's war, ihm seinen ganzen dasigen Aufenthalt verborgen zu hal-[120]ten. Doch da er mich dabey sah, und da Franz ihm mit der heitersten Laune, und mit scherzhaften Anspielungen auf ihren ehmaligen Umgang entgegenkam, meinte er, ich selbst hätt es für gut gefunden, ihm das Geheimniß zu entdeken.

Franz nöthigte den Alten wieder an den Tisch, sezte sich neben ihn, kostete die Speise, und erzählte uns abwechselnd mit ihm, so poßirliche Szenen aus seiner ehmaligen hiesigen Gefangenschaft, wie er es nannte, daß wir mitlachen mußten, und unsrer anfänglichen Furcht ganz vergassen. Aber sie wurde wieder rege, als er den Inspector bat, sein ehmaliges Zimmer aufzuschliessen, welches er seinem Vater zeigen wollte. Der Alte fand nichts Arges darin, und war eben im Begriff, die Schlüssel zu holen; als ich Gelegenheit nahm, ihm heimlich zuzuflistern: Er sollte es ums Himmelswillen unterlassen, und irgend einen Vorwand ersinnen, warum er es nicht thun könnte. Dieß mußte Franz unglüklicherweise gemerkt haben. Denn da der Alte eben zu stottern anfieng: Es sey schon zu dunkel; er habe die Schlüssel verlegt; u.s.w. fuhr Franz auf: »Daß mir doch der böse Doktor noch immer nicht trauen will! Aber Sie sollen uns die Lust doch nicht verderben. — Laß sehen! — Ich kenne die Schlüssel wie meine eignen.« — Er suchte in der Stube herum. »Da sind sie ja! Komm voran [121]alter Papa. Wie freut ich mich immer, wenn ich dich vor meiner Thüre damit rasseln hörte.«

Wir gingen nach dem Zimmer. Franz weinte wie ein Kind, als er hineintrat. »Ach mein Gott, da steht noch alles an dem nehmlichen Orte. Hier die Bettlade; — dort das hölzerne Tischgen, und der Armensünderstuhl; — das Christusbild hier an der Wand; — dort die bemahlte Scheibe. — Da komm er ans Fenster, lieber Vater, und seh er, ob ich wahr gesprochen habe. Sieht er den Baum dort in der Allee? Und den Weinberg? Und den Bach im dämmernden Abendlicht? Und den Stadtthurm hier links? — Und die lieblich schwimmenden Gestalten in der Ferne dort, wo sich der Himmel auf den Wald herab neigt? Sieht er das? Ach hier mußte sein Franz am Gitter stehen, und war ausgeschlossen wie ein Missethäter vom Genuß der Himmlischen Natur. Hier lag ich gebunden, wie ein Mörder; hier krümmt' ich mich wie ein Wurm. Alle Menschen verliessen mich, und flohen vor mir, wie vor einem Verpesteten. Elend, und Hunger und Durst liessen sie mich ausstehen, bis mich die Verzweiflung wie ein Fieber ergrif, bis ich wie ein Rasender umherrannte, und um Hülfe brüllte, daß die Vorübergehenden stille stunden, und weinten.«

»Guter Gott, wie können Sie so was sagen, lieber junger Herr, unterbrach ihn der Inspector. [122]That ich nicht alles, was ich Ihnen an den Augen ansehen konnte? bracht' ich Ihnen nicht mehr, als ich sollte?«

Franz hörte nichts. Alle Bilder seines ehemaligen grauenvollen Zustandes stürzten wie eine Gewitternacht auf ihn herab. Ich nahm ihn am Arme, ich wollte ihn gewaltsam hinwegführen. Er riß sich los, und fuhr immer fürchterlicher fort: »Hier fütterten sie mich mit Wasser und schimmligem Brod! — Hier wälzt' ich mich im Staube, und rang mit allen Schreknissen desTodes« u.s.f. — Ich befahl dem Inspector und dem Vater, Hand an ihn zu legen. Er stieß uns wüthend zurük, starrte seinen Vater mit der vollen Miene seiner ehmaligen Raserey an und brüllte Schaum vor dem Munde: »Auch er hat sich wider mich verschworen, Rabenvater, auch Er? Er war wohl Schuld, daß sie mich hier einsperrten, und folterten, und der Verzweiflung Preis gaben?« — — Der Inspector war nach Hülfe gesprungen. Ich hielt den Sohn aus allen Kräften. Er schleuderte mich zum zweitenmal an die Wand, ergrif ein großes zinnernes Wassergefäß, das auf dem Tisch stund, faßte seinen Vater hinten am Haar und rief: »Dein Auge ist vertroknet, du hast keine Mitleidsträhne für deinen Sohn, Kannibale? — Ha so soll Blut statt der Trähnen fliessen«. — So rief er, und stieß seinem Vater die Mündung des Gefässes mit knir-[123]schendem Ungestümm vor die Stirne, daß er tod niederfiel.

Er wurde in Ketten gelegt, verfiel selbige Nacht noch schreklicher als je, in seine schwärmende Raserey und ist nun schon seit mehrere Wochen in dem Zustande, in dem Sie ihn heute fanden.«

L. Sch.

Anmerkung.

Da wir diese Erzählung nicht abbrechen wollten, so mußten des Raumes wegen verschiedene psychologische Anmerkungen, und Erklärungen wegbleiben, welche dem Vortrag da und dort einverleibt waren. Auch wurden aus eben dem Grunde in der Erzählung selbst verschiedene Mitteltinten vermischt. So waren z.B. die Stellen im Johannes angegeben, welche den Jüngling anfangs irre führten, die er sich aus seinem ganzen damaligen Ideenvorrathe nicht erklären konnte, und sie daher durch grundlose, schwärmerische Hypothesen seinem Systeme anzupassen suchte. — Es war ausgeführt, wie eben dadurch, daß er diese Hypothesen nach und nach für bewiesene Wahrheit annahm, daß er sie an andere Stellen seines Textes durch neue Hypothesen knüpfen mußte etc. — seine Seele aus ihrer natürlichen Bahn gedrükt wurde, seine Fantasie in die Stelle seiner Vernunft trat, und der ganze Wirkungskreis sei-[124]ner Thätigkeit verschoben ward. — Es war angezeigt, wie ihn die Unmöglichkeit, schwere Stellen aus seinen angenommenen Sätzen zu erklären, — verrückt; Widerspruch von Seiten seiner Lehrer und Freunde — toll; und endlich die Bemerkung, daß man ihn als einen Verrückten und Tollen behandle, — rasend machte. Ferner waren die Grade, nach denen die weise Behandlungsart des Arztes auf seine Seele wirkte, sorgfältig angegeben, und der stufenweise Uebergang zu seiner gänzlichen Wiederherstellung auseinander gesezt. — Endlich war sein fürchterlicher Rückfall, und das Betragen des Arztes dabey durch verschiedne Bemerkungen mehr vorbereitet. Franz hatte z.B. so lange er in der Stadt unter den Augen des Arztes war, keinen Wein gekostet, und trank solchen beim Abschiedsmahle, am Ende sogar hinter dem Rücken des Doctors, — zum erstenmal wieder. — Der Anblick der Gegend, die er während seiner Tollheit täglich vor Augen hatte, brachte durch die Association, welche die Kraft des Weins beflügelte, — jene schwärmerische Vorstellungen und Empfindungen zurück, die einst so oft mit jenem Anblick verbunden waren: diese irren Vorstellungen und Empfindungen mußten desto lebhafter werden und desto mehr Raum gewinnen, — je häufiger und je lebhafter jene Bilder wurden, die mit ihnen in einer so genauen obgleich zufälligen Verbindung stunden. Der Arzt hätte daher eher alles wagen sollen, als er ihn den Vorsteher des Tollhauses besuchen ließ. Franz hatte ferner auch da sein Zustand am schlimmsten war, zuweilen nüchterne Stunden, in denen er also das beabsichtete Geheimnis, daß er im Tollhause sey, und als Toller behandelt werde, — gar wohl von sich selbst entziffern konnte. Weil er sah, wie viel dem Doktor daran gelegen sey, daß er es nicht wisse, schwieg er und störte ihm seinen Kalkul nicht. Als [125]er in der Allee damit herausbrach, war er bereits nicht mehr Meister von seinem Vorsatz, es geheim zu halten; sein alter Anfall fieng hier schon an, und wurde nur durch die Scheu vor dem Arzt, und seinem Vater noch zurückgehalten u.s.w. Was endlich den würklichen Ausbruch im Tollhause betrift, so wird dadurch obige Vermuthung, daß Franz durchaus ruhige Zwischenräume hatte, in denen er sich selbst und seine Lage beobachten konnte, — zur Gewisheit erhoben. Als sein Vater Hand an ihn legen wollte, geriet er in Raserey, und die geheimsten Gedanken seiner aufgewiegelten Seele schäumten über ihr Ufer hin. Es fällt hier auf, daß er seinen Vater für den Urheber seiner dasigen ihm unerträglichen Behandlung hält. Dieser Gedanke konnte aber theils durch seine Ablieferung nach der Stadt, theils dadurch veranlaßt worden seyn, daß ihn sein Vater beinah ein Vierteljahr nicht besuchte, theils auch durch die Betrachtung, daß es dem Vater ja nur einen Wink koste, seinen Sohn aus den Händen seiner Peiniger zu reißen. Er hatte diesen Gedanken tief in seiner Seele verschlossen. Jezt da er sich durch den Augenschein so mächtig zu bestätigen schien, brach er auf einmal aus seiner Grabnacht hervor, und gebahr die Entsezenvolle That.

Doch, vielleicht werden wir veranlaßt, bei einer andern Gelegenheit noch etwas über diesen Fall zu sagen.

S.

Fußnoten:

1: *) Es ist eine allgemeine Bemerkung bey Verirrten dieser Art, daß ihre Anfälle schrecklicher werden, so oft eine Rührung, eine Lieblingsvorstellung ihrer gesunden Tage, ein zärtlicher oft befriedigter Trieb, oder gar eine Leidenschaft vorangeht. Das Gefühl kindlicher Liebe erwachte in diesem und im obigen Falle in der Seele des armen Franz. Vermöge der unüberwindlichen Association aber, in der alle seine Ideen und Empfindungen mit dem traurigen Gegenstande seiner Verirrung stunden, verließ dies süsse Gefühl seinen natürlichen Weg, und theilte seine ganze Lebhaftigkeit jenem herrschenden Gegenstande mit. Zimmermann führt im zweiten Bande seiner Erfahrungen einen interessanten Fall an, der sich aus eben diesem Grundsatz erklären läßt. a

Erläuterungen:

a: Zimmermann 1763/1764, Bd. II.

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Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Fortsetzung der Revision des 4. 5. und 6. Bandes dieses Magazins. 1.
Zur Seelenkrankheitskunde.
1) Merkwürdige Beispiele von Lebensüberdruß.
a) Eines hypochondrischen Geistlichen. 22.
b) Eines 72 jährigen blinden Predigers. 24.
c) Einer gefangenen 23 jährigen Weibsperson. 35.
2) Krankheit der Einbildungskraft. 42.
3) Mütterliche Grausamkeit aus Melancholie und Verzweifelung. 47.
Zur Seelennaturkunde.
1) Materialien zu einem analitischen Versuch über die Leidenschaften<.> Fortsetzung. Eifersucht. 52.
2) Psychologische Bemerkungen über Träume und Nachtwandler. 76.
3) Fragment aus dem Tagebuch eines Reisenden. 1787 im Nov. 90.