ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 1 (1788)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

C. P. Moritz und C. F. Pockels.

Sechsten Bandes erstes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1788.

[II]

Nachricht.

Von diesem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde sollen allemal drei Stücke, jedes sieben bis neun Bogen stark, einen mäßigen Band ausmachen. Einzeln gilt das Stück 10 Groschen, und der ganze Band 1 Rthlr. 6 Gr. Eine gewisse Zeit der Herausgabe kann nicht bestimmt werden, sondern es kömmt darauf an, wie sehr die Materialien und Beiträge sich anhäufen werden.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Sechsten Bandes erstes Stück.

<Revision.>

Fortsetzung der Revision der drei ersten Bände dieses Magazins.

Pockels, C. F.

Daß die Vergleichungs- und Erfindungskraft der menschlichen Seele auch während des Schlafs fortdauert, und alsdann bei manchen Menschen mit einer ausserordentlichen Stärke wirkt, zeigen nicht nur die wahren Geschichten so mancher lebhaften Träume; sondern auch die oft nach gewissen Planen ausgeführten Handlungen der sogenannten Nachtwandler, worüber man vornehmlich Krüger's Experimentalseelenlehre a nachsehen kann. Es sind mehrere Beispiele von Gelehrten bekannt, welche im Schlafe die im Wachen vergebens gesuchte Auflösung gewisser tiefsinnigenWahrheiten heraus-[2]brachten; andere, welche im Traume auf neue sehr wichtige scientifische Ideen fielen, woran sie im Wachen noch nie gedacht hatten. Daß dies nichts ausserordentliches sey, und daß auch im Traume die Seele nach dem einmaligen Vorrathe ihrer Begriffe, und nicht nach solchen denke und handle, welche nach der Meinung so vieler Unphilosophen von andern ausser uns befindlichen Geistern entstehen sollen, wird ein jeder leicht einsehen, welcher mit den Gesetzen des menschlichen Denkens bekannt ist. Folgende Geschichte scheint mir daher gar nichts unnatürliches zu enthalten, zumal da sie von einem glaubwürdigen Manne erzählt worden ist. (3ten Bds. 1stes Stück, Seit. 88 ff.)

Der ehemalige Professor Wähner zu Göttingen hat oft von sich erzählt, daß ihm in jüngern Jahren aufgegeben worden, einen gewissen Gedanken in zwei Griechischen Versen auszudrücken.

Er beschäftigte sich ein paar Tage damit (seine Seele war also wahrscheinlich ganz auf diesen Punkt gespannt, und angeleitet, durch einen neuen hinzugekommenen Gedankenschwung – vielleicht auch im Schlafe das Gesuchte zu finden); er kann aber den aufgegebenen Gedanken ohne Nachtheil seiner Stärke nicht in zwei Verse zwingen.

Er schläft an einem Abend unter der Bemühung, diese zwei Verse herauszubringen, ein. In der Nacht klingelt er seiner Aufwärterinn, läßt sich Licht, Papier, Feder und Dinte geben, schreibt [3]die im Schlafe nachgesuchten und gefundenen zwei Verse auf, läßt sie auf seinem Schreibtische liegen, und schläft darauf bis an den Morgen.

Da er aufwacht, weiß er von demjenigen nichts, was in der Nacht geschehen, und fängt von neuem an sich Gewalt anzuthun, um die beiden verlangten Verse zu finden; es will ihm aber nicht gelingen. Er steht mit Verdruß darüber auf, geht an seinen Schreibtisch, und findet die beiden in der Nacht verfertigten und sehr wohl gerathenen Verse, und zwar mit seiner eignen Hand geschrieben. Er ruft die Aufwärterinn, und erkundigt sich, woher das Blatt mit den zwei geschriebenen Reihen gekommen? Diese erzählt ihm dann, was in der Nacht geschehen ist. Er hat sich aber dessen nie erinnern können. – Vielleicht, oder vielmehr sehr wahrscheinlich, hatte Herr Wähner seine Verse auch wirklich des Nachts bei wachenden Augen und Sinnen gemacht, hatte sich aber wieder niedergelegt, und die ganze nächtliche Scene vergessen.*) 1


Ueber die psychologischen Bemerkungen über das Lachen, und insbesondere über eine Art des unwillkürlichen Lachens, habe ich nichts weiter zu sagen, [4]als daß ein gewisser Recensent wahrscheinlich den Aufsatz nicht mit gehöriger Aufmerksamkeit gelesen hat, wenn er die Auflösung des darin abgehandelten Phänomens verworren gefunden zu haben vorgiebt. Wer etwas Ausführliches über das Lachen und das Lächerliche lesen will, wird es vielleicht zu seiner Befriedigung und seinem Behagen in Flögel's Geschichte der komischen Litteratur 1. Theil) b finden.


Im dritten Bande, Stück 2, Seit. 63 ff. kommt eine merkwürdige Selbstbeobachtung auf dem Todtenbette vor, die von einem scharfsinnigen, durch Philosophie aufgeklärten – aber nun nicht mehr lebenden Beobachter seiner selbst herrührt, und nebst der Einleitung zu seinen philosophischen Bemerkungen besonders gelesen zu werden verdient.

Sehr auffallend ist vornehmlich die von diesem Kranken selbst geschilderte Empfindlichkeit seiner Natur, bei aller übrigen Indifferenz gegen den anfänglichen Gedanken des Todes, und die strengste Entsagung fast aller Genüsse des Lebens. Er sagt:

»Wer nur schnell, nicht einmal laut, redete, brachte meinen Puls gleich in Unordnung. Der bloße Anblick von mehr als höchstens drei Personen in meiner Kammer erhizte mich. Diese so hochgespannte Empfindlichkeit hatte noch eine andere [5]Folge. Jeder Keim von Trieb, jeder Ueberrest eines alten bedurfte nur die geringste Veranlassung, um die ganze Seele zu seinem Eigenthum zu machen. – Die flüchtigen Regungen, welche sonst zuweilen durch die Seele fliegen, und ehe sie wahrgenommen werden, verschwinden, verwandelten sich bei mir in bleibende, ausgemachte Bilder; die unbemerkte, gefällige und mißfällige Empfindung an etwas hielt nun an, und schien die Stelle eines festen Begehrens und Verabscheuens einnehmen zu wollen; denn alles, was gereizt ward, war in der gleichgültigen Lage der Seele Herr.

Dies gab zum Theil schreckliche Phänomene. Der Gedanke, den ich verfluchte, ward Bild, annehmliches Bild. Das heftige Mißfallen an diesem entdeckten bösen Zuge, und oft gar die Unfähigkeit, ihn nur so weit zu dämpfen, daß er nicht wirklicher Wunsch ward, und bei allem diesen, Kraftlosigkeit sich zu ermannen, die Zügel der Einbildungskraft zu ergreifen, – das alles versezte die Seele in – nicht Traurigkeit, – sondern Unmuth und Verdrießlichkeit. – Ich würde mich unendlich schämen, wenn zu solcher Zeit ein Mensch meine Seele hätte sehen können.«

Offenbar lag der Grund dieser ganzen Empfindlichkeit in den geschwächten, oder auch zu sehr gespannten Nerven des Kranken, welche bei einem Schwindsüchtigen bis zu einem erstaunlichen Grade [6]der Reizbarkeit angezogen werden können. Der Kranke fühlt dann alles lebhafter und heftiger; sonst ihm gleichgültige leise Sensationen, werden jezt gewaltige Erschütterungen, und das sonst unbemerkte Vorübergehen einer Begierde, wird, zumal wenn die Seele, wie hier der Fall ist, nicht durch viele neue Ideen zerstreut wird, nun ein fast unbezwinglicher Wunsch, die Begierde zu erfüllen, zumal da bei Nervenkranken die Einbildungskraft meistentheils eine sehr große, fast überspannte Lebhaftigkeit gewinnt. Ausser diesen allgemeinen Gründen zur Erklärung jenes Phänomens, und den sehr durchdachten Anmerkungen des Herrn Einsenders darüber, muß auch noch die Jugend des Kranken hier in Erwägung gezogen werden, der in seinem 30sten Jahre starb. Alle Bilder seiner Phantasie, alle unerlaubte Regungen und Wünsche mußten schon dadurch dringender, stärker, heftiger werden, und die Reize der Sinnlichkeit sich auch wohl dadurch zudrängen, daß die lebhafte Einbildungskraft sie als nun bald nicht mehr vorhanden vorzeichnete.

»Da der Ausbruch jedes Triebes und jeder Gesinnung sich stärker auszeichnete, fährt er fort: so hätte dies bei dem Guten eben sowohl statt finden müssen. Lagen also in meiner Seele eben so viel gute, als böse Triebe schlafend: so mußten sich beide unter diesen Umständen gleich häufig entdecken; das war aber der Fall gar nicht. Es ist wahr, zuweilen überströmte ein gutes Gefühl die Seele eben [7]so gänzlich, als ein böses; aber das Gute hatte weder den Grad der Edelmuth, welchen das Böse von Niederträchtigkeit besaß, noch hatte ich so oft Ursache, mich desselben Gedankens der Tugend zu freuen.«

Dieser zum Theil abstracter Gedanke lag diesmal gewiß ziemlich ausser dem Gebiet der sinnlich gespannten Seele des Kranken. Das Gute beschäftigt überhaupt unsre Einbildungskraft nicht so sehr, als das Schlechte, das moralisch Böse; theils, weil dieses lange nicht so einförmig, wie jenes ist; theils, weil von diesem von Jugend auf unzählige Beispiele auf uns stärker gewirkt haben; theils auch, weil ein versteckter, oder sehr offenbarer Trieb zur Sinnlichkeit in allen menschlichen Seelen, in der tugendhaftesten selbst, liegt, und wenn er durch Nervenschwäche gereizt wird, den Gedanken an Tugend vollends nicht zur Reife kommen läßt. Sehr viel kam bei den unmoralischen Gefühlen des Kranken auch darauf an, welche Bilder im Anfange seiner Krankheit und in ihrem Fortgange, theils von aussen durch Menschen, Lectüre, Gespräche, zufällig rege gemacht wurden, und die Masse sinnlicher Wünsche vergrössern halfen; theils von innen durch eine natürliche Ideenfolge angeregt wurden, deren Geschichte uns den besten Aufschluß des ganzen Phänomens gegeben haben würde. Am leichtesten würde freilich der Aberglaube sich das Ding durch Versuchungen eines bösen Geistes erklären. –

[8]

»Zur Genesung, heißt es weiter, war alle Hoffnung verschwunden, und das Bild des nahen gewissen Todes schwebte mir vor. Hier kamen einige verwickelte Phänomene zum Vorschein. Wenn ich die Frage aufwarf: ob ich lieber jetzt sterben, oder meinen siechen Körper noch ein halbes Jahr hinschleppen wollte? – so wählte ich gleich mit Empressement das Leztere.

Die Todesfurcht schien also ganz die Oberhand zu haben. Analysirte ich aber diese Wahl weiter, so fand ich, daß meine Seele nicht den Tod heut, und den Tod nach einem Jahr verglichen hatte; sondern es ging so zu: Sie dachte sich einen Schwindsüchtigen, freilich mit vielen Unbequemlichkeiten dem Grabe entgegenschleichend; der aber doch noch ein wenig reden, ein wenig gehen, ein wenig sich bewegen konnte. Ich hingegen lag ohne Hand oder Fuß zu regen, ohne ein Wort reden zu dürfen, in der unbequemsten Stellung, die mir an manchen Orten empfindliche Schmerzen machte; mein Athem drängte sich durch die beklemmte Brust, und in dieser Verfassung sollte ich die Ankunft des Todes erwarten. Da war das Bild dessen, der doch ein wenig mehr Freiheit hatte, als ich, offenbar angenehmer.«

»Die Zukunft nach dem Tode wirkte gar nicht auf mich. Kein lebhafter Gedanke von Ewigkeit, Sünde, Strafe, – nichts davon. Ein unab-[9]sehliches Blachfeld, das ich nicht kannte, auf dem ich nicht wußte, wo ich war, war alles, was ich mir von der Zukunft dachte. (Vielleicht war der Verfasser dieses Bekenntnisses durch sein Philosophiren schon an diese Art, über die Zukunft zu denken, gewöhnt.) Das Bild war nicht anziehend, aber auch nicht widrig. Was dem Unangenehmen das Uebergewicht gab, war das Schauervolle, was Ungewißheit immer mit sich führt; und hieraus entstand dann natürlich der Wunsch, lieber noch auf dieser Seite des Styx das gegenüber liegende Ufer etwas zu betrachten, als gleich überzuschiffen.«

Ein sehr natürliches Gefühl der menschlichen Seele! Es gehört eine Art Betäubung dieses Gefühls dazu, wenn uns der Gedanke von einer ungewissen Zukunft nicht beunruhigen soll; eine Betäubung, die bei den meisten Sterbenden durch die lebhaften Vorstellungen einer himmlischen Glückseligkeit, oder auch durch die Abnahme der Verstandeskräfte hervorgebracht wird, die uns endlich gemeiniglich über alle Zweifel in Absicht der Zukunft hinwegsezt, und uns einen Trost gewährt, den uns bei einem strengen Nachdenken die Vernunft nicht ganz gegeben haben würde.


[10]
Handlung ohne Bewußtseyn der Triebfedern, oder die Macht der dunklen Ideen.

Pockels, C. F.

In unzähligen Fällen handeln wir nach innern Triebfedern unsrer Seele, ganz mechanisch, ohne daß wir diese Triebfedern selbst anzugeben wissen; zum deutlichen Beweise, daß nicht immer vor der Handlung eines vernünftigen Wesens eine klare Vorstellung vorhergehen müsse. Aber darin mögen wir uns wohl oft irren, daß wir jener mechanischen Handlungsart gewisse dunkle Ideen unterschieben, die gar nicht vorhanden waren, deren Daseyn uns aber ausser allem Zweifel schien, weil sie durch einen hinterher folgenden Zufall gleichsam verificirt wurden. Grade dies ist der Fall mit den meisten Ahndungen. Es schwebt uns eine gewisse dunkle Idee von irgend einem kommenden Uebel vor – (oft war es freilich wohl nur eine Geburt der Hypochondrie, oder der Einbildungskraft überhaupt), wir haben keine Ruhe vor dem Bilde, es begleitet uns überall hin, und hinterher kommt dann auch wirklich ein Unglück, worauf sich nun jenes dunkle Gefühl bezogen haben muß, es mag einen Zusammenhang damit haben, oder nicht. Hat man sich sogar vermöge jenes Gefühls das Unglück, welches nachher kam, aus Vermuthungsgründen ziemlich deutlich vorgestellt: so scheint kein Schluß gewöhnlicher zu seyn als der, daß es uns geahndet habe.

[11]

Herr Doctor Wedekind erzählt im 2ten Stück des 3ten Bandes der Seelenkunde S. 30 ff., unter obigem Titel ein dergleichen Beispiel von der Gewalt dunkler Ideen, das, es mag nun erklärt werden, wie man will, sehr lesenswürdig bleibt. Der Herr Doctor Wedekind sieht sich genöthigt zu verreisen. Er muß seine Patienten einem andern anvertrauen, worunter ihm eine Predigerfrau grade nicht am gefährlichsten zu seyn scheint, aber ihm doch, ohne daß er sich's angeben kann, was ihm so bedenklich an ihr vorkommt, sehr im Sinne liegt. Er reist dennoch ab, und ist kaum eine halbe Stunde von seinem Wohnorte Diepholz entfernt, als er sich wegen seiner Reise die größten Vorwürfe zu machen anfängt, weil er sich den Tod seiner Patientinn und Freundinn unablässig vorstellt. »So war ich nun im heftigsten Seelenkampfe beinah zwei Meilen weggeritten, sagt er, als sich meiner Brust eine so große Beklemmung bemächtigte, und mein Herz so heftig zu schlagen anfing, daß ich nicht weiter reiten konnte. Fast unwillkürlich wandte ich mein Pferd um, und jagte, so geschwind es laufen konnte, nach Diepholz zurück.« Er sieht seine kranke Freundinn, um welcher willen er zurückgekehrt ist, am Fenster stehen, und ihr war's nicht möglich, wegen seiner Rückkehr sich des Lachens zu enthalten. –

Nun reist er wieder davon, aber seine vorige Unruhe beginnt von neuem. Seine Freunde, [12] die er besucht, suchen ihn auf alle Art zu zerstreuen; allein umsonst. Er hat keine Ruhe und Rast; reist wieder aus eben der Ursach zurück, und geht über Rinteln. Hier erfährt er, daß seine Freundinn wirklich gestorben sey, u.s.w.

Das Uebrige mag man am angeführten Orte selbst weiter nachlesen, sonderlich, was von dem Abscheiden der Patientinn und ihrem versteckten körperlichen Uebel gesagt wird, wovon der Arzt nie etwas bei ihren Lebenstagen erfahren hatte.

Aber sollte ich nicht vielleicht eine dunkle Idee von einem solchen Fehler gehabt haben können? fragt der Herr Verfasser. Von etwas, woran man noch nie einmal gedacht hat, kann man auch keine dunkle Idee haben; aber ein gewisses bedenkliches Uebel konnte der Arzt wohl gemuthmaßt haben, und diese Muthmaßung war hinreichend, dem Herrn Verfasser des obigen Aufsatzes, wenn sonderlich eine hypochondrische Laune, und vielleicht ein ängstliches Temperament dazu kam, alle jene beschriebene Unruhe zu verursachen. Die Seele heftet sich in dergleichen Situationen an irgend eine starke Idee an, die sie antrifft oder auch aufsucht, und sie wird von ihr in einem Strudel von unangenehmen Empfindungen umhergetrieben, wenn die Disposition des Körpers grade zu heitern Seelengefühlen verstimmt ist. Auffallend für die menschliche Ein-[13]bildungskraft bleibt es hinterher immer, wenn das gefürchtete Uebel, gesezt daß auch nur wenige Gründe zur Furcht da waren, zufällig eintrift. Die Fragen, welche der Herr Verfasser am Ende seines lehrreichen Aufsatzes über die Freiheit der menschlichen Handlungen aufwirft, verdienen beherzigt zu werden. Wie viele mögen mit ihm hierüber einerlei Meinung haben!

Eben derselbe hat noch einen medicinischen Bericht beigefügt, worin er erzält, daß ein Fräulein von May aus Furcht vor einem Brechpulver, das sie einnehmen müssen, wahnsinnig wird. Seite 87, ff.

Die Würkungen der Furcht über die menschliche Seele sind von sehr manigfaltiger Art, und sie ist eine der heftigsten und betäubendsten Leidenschaften des Gemüths. Viele verlieren dadurch auf einmal ihre ganze Besonnenheit, ihr Nachdenken stockt, alle ihre Empfindungen erstarren, und sie ist gleichsam das für den Geist, was ein heftiger Schlagfluß für den Körper ist. Die lebhaftesten Köpfe gerathen durch sie in Verwirrung, und es zeigt eine große Seele an, welche sich nicht von ihr bemeistern läßt. Andre Menschen macht sie kühn und beherzt, und dies ist eine ihrer sonderbarsten Würkungen.

[14]

Ich habe, sagt Montagne *) 2 im Capitel von der Furcht, viele Leute gesehen, die vor Furcht unsinnig geworden sind. Auch bei den richtigsten Gemüthern verursacht sie, so lange ihr Anfall dauert, schreckliche Verirrungen. Ich rede nicht blos von dem Pöbel, welchem sie bald seine aus den Gräbern hervorkommenden und in ihr Schweistuch eingehüllten Vorfahren, bald Währwölfe, Kobolte und andre Ungeheure vorstellt; wie oft hat sie nicht sogar den Soldaten, wo sie doch am wenigsten Plaz finden sollte, eine Heerde Schaafe in eine Geschwader Kürassiere, Rohr und Schilf in Geharnischte und Lanzenknechte, unsere Freunde in unsre Feinde u.s.w. verwandelt – bald macht sie uns Flügel an die Fersen, bald nagelt sie uns die Füße an. – »Ich meines Theils, sezt er sehr naiv hinzu, fürchte mich vor nichts so sehr, als vor der Furcht.«

Je lebhafter unsre Einbildungskraft, und je geschickter sie ist, den gefürchteten Gegenstand zu vergrößern, je weniger Fassungskraft und innere Stärke der Seele uns eigen ist, und je leichter unsre Nerven erschüttert werden können, je mehr pflegen wir auch von jener Leidenschaft beunruhigt zu werden. Jeder Mensch sollte an sich mit allen Kräf-[15]ten der Vernunft arbeiten, diese Furie der menschlichen Seele zu bekämpfen, weil sie so leicht die ganze Thätigkeit der Denkkraft und unsrer Willensfreiheit aufhält, und uns durch ein niedriges Betragen, unzählig oft unter die Würde unsrer Natur herabsezt. Ich würde, um das menschliche Herz von dieser betäubenden und schändlichen Krankheit der Furcht zu heilen, vornehmlich folgende Mittel vorschlagen. 1) Man suche das gefürchtete Uebel genau nach allen seinen Seiten kennen zu lernen, und es hierbei auch von seiner weniger furchtbaren Seite zu betrachten. Schon das Nachdenken, das bei sich selbst Raisonniren über ein kommendes Uebel, flößt uns Muth ein, indem es unsre Seele zerstreuet und von dem Punkte wegziehet, den sie so gern mit starren Empfindungen allein betrachten möchte. 2) Uebe man sich selbst dann, wenn uns nichts Böses bevorsteht, in Untersuchungen: wie wir uns in dieser und jener unglücklichen Lage, die uns überraschen sollte, benehmen würden, und als vernünftige Menschen benehmen müßten. 3) Hüte man sich ja vor allen Schwächungen und Verzärtelungen des Körpers. Ein gesunder Körper giebt der Seele Kraft und Muth, ein kranker macht uns furchtsam. 4) Man gewöhne sich immer mehr durch Nachdenken über die Menschen und unsre Schicksale, und durch die Gewalt über unsre Einbildungskraft an die so nöthige Gegenwart des Geistes, und lasse den ersten Eindruck eines furchtbaren Ge-[16]genstandes nicht zu tief eindringen. 5) Meidet die Gesellschaft und den Umgang mit furchtsamen und hypochondrischen Menschen, weil ihre Denkungsart uns leichter, als man glaubt, inficirt; – selbst der häufige Umgang mit dem andern Geschlecht, sagt ein alter Weltweise, macht uns furchtsam. Hingegen flößt uns der Umgang mit muthigen und gesezten Leuten auch Muth und Entschlossenheit ein.

C. F. Pockels.

(Die Fortsetzung künftig.)

Fußnoten:

1: *) Ein ähnliches Beispiel vom Prof. Reusch in Jena siehe 3ten B. 3tes St. Seit. 108.

2: *) Montagne's Versuche c enthalten die lehrreichsten Beiträge zur Psychologie, sind aber bisher von unsern Psychologen viel zu wenig genuzt worden.
P.

[17]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

Volksaberglauben.

Anonym

Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen eine Anzeige von verschiedenen Arten des Volksaberglaubens, nebst meinen Bemerkungen darüber, zuschicken darf. Vielleicht können Sie dieselbe für Ihr Magazin zur Erfahrungsseelenkunde nützen. Fast allgemein in Ober- und Niedersachsen habe ich bemerkt, daß man mit den neugebornen Kindern einen sonderbaren Aberglauben treibt; vornehmlich aber so lange, als sie noch nicht getauft sind. Wenn gleich der gemeine Mann hie und da nicht mehr an eine unmittelbare Besitzung des Teufels bei seinen Kindern glaubt, und auch an mehrern Oertern vernünftige Geistliche den Leuten diese entsezliche Meinung aus den Köpfen gepredigt haben: so hängt doch immer noch ihre Phantasie an Hexen und unsichtbaren bösen Geistern, die den ungetauften Kindern Schaden zuzufügen suchen. Man eilt daher nicht nur, die Kinder bald aus der Gewalt der unsichtbaren Geister durch die Taufe zu befreien; sondern die Hebammen, – eine überhaupt sehr abergläubige Menschengattung – suchen auch durch ein fleis-[18]siges Kreuzmachen das ungetaufte Kind vor allerlei zu befürchtenden Behexungen zu sichern. Gemeiniglich geschieht dieses Kreuzmachen, das offenbar noch ein albernes Ueberbleibsel aus der katholischen Kirche ist, beim Einwickeln und Schlafenlegen der Kinder, wobei die Hebammen noch ein Sprüchelchen, z.B. das walt Gott der Vater u.s.w. herzumurmeln pflegen. Ich habe einige diese Ceremonie mit der pünktlichsten Genauigkeit beobachten gesehen; eine schalt mich auch sogar einmal in allem Ernst aus, indem ich beim Hereintragen eines neugebornen Kindes meine laute Freude über dasselbe bezeugte, ohne ein »Gott gesegne dich!«*) 1 dazuzusetzen. Das einfältige Weib glaubte, daß man, ohne einen dergleichen Wunsch, ein neugebornes Kind leicht beschreien**) 2 könne; eine Meinung, welcher der gemeine Mann noch sehr auch in Absicht seines Viehes anhängt: man beschreiet seine Kühe, seine Pferde, wenn man sie lobt, und verursacht dadurch, daß sie weniger gedeihen können.

Ausser jenem Aberglauben des Kreuzmachens***) 3 über neugeborne Kinder, hält der gemeine Mann [19]auch noch sehr darauf, – manche vornehme Mütter nicht ausgenommen – daß, so lange ein Kind noch nicht getauft ist, es ja genau bewacht werde, damit ein böser Geist nicht ein andres Kind mit dem rechten austauschen könne. Dieser Aberglaube stammt offenbar noch aus den Zeiten her, wo man den Teufel zu einem schadenfrohen Tausendkünstler und Zaubrer machte. An einigen Oertern geht man sogar so weit, daß man die Stelle in der Wiege, wenn man das Kind herausgenommen hat, nicht ledig lässt, sondern unterdessen ein Stück Holz, oder einen Beesen dahin legt, damit der böse Feind nicht seinen Unfug mit der Wiege treiben könne.

Wie sehr noch der gemeine Mann an der Meinung vom Behexen der Kinder hängt, können Sie aus folgender frappanten Anekdote aus einer angesehenen niedersächsischen Stadt sehen, die sich nicht vor gar langer Zeit daselbst zugetragen hat. Ein armes Lutherisches Bürgerweib hatte ein kränkelndes Kind, wovon sie glaubte, daß ihm etwas angethan, oder daß es behext sey. Mit diesem Kinde erschien sie eines Tages in der dortigen katholischen Kirche, worin man sie noch nie bemerkt hatte, und wo sie auch wirklich noch nie gewesen war. Ein angesehener Mann, auch ein Katholik, aber ein aufgeklärter Kopf, der mir diese Geschichte selbst erzählte, bemerkte sie, und [20]bezeigte ihr sein Erstaunen, was sie mit dem kranken Kinde in der katholischen Kirche wollte. Das Weib ward verlegen, bei weiterm Fragen gestand sie aber endlich, daß sie hierher gekommen sey, um von dem katholischen Priester den Segen über ihr Kind sprechen zu lassen, weil sie gehört, daß ein katholischer Priester dadurch die Krankheit des behexten Kindes wegbannen könne. Einem Katholischen Weibe würde man so etwas nicht verdacht haben, da ihre Religion dergleichen Dinge wirklich lehrt; allein einer Lutherischen Bürgerfrau, die in einer der aufgeklärtesten Städte Teutschlands lebt, wo es eine Menge der besten Aerzte giebt, wäre ein solcher Aberglaube kaum zu verzeihen, wenn sich die gerühmte Aufklärung, wovon die meisten nur gar zu hohe Ideale im Kopfe haben, auch auf die niedern Stände der Menschheit erstreckte, wo es überall noch so schrecklich dunkel aussieht.

Um die neugebornen Kinder vor den bösen Geistern zu bewahren, welche man gemeiniglich in der Volkssprache gradehin die Unterirdischen nennt, ist man noch auf viele andre Gaukeleien verfallen, worüber in vielen Familien mit strengster Genauigkeit gehalten wird; z.B. daß man aus dem Hause, worin das neugeborne Kind ist, durchaus nichts verleihet, weil es sonst behext werden könnte; daß, um eben dies zu verhüten, des Vaters Hut auf die Wiege gelegt wird; daß man [21]die Wiege nicht bewegen darf, wenn sich das Kind nicht darin befindet.*) 4

An vielen Oertern ist's auch gebräuchlich, daß, wenn das Kind aus der Kirche nach der Taufe heimgetragen wird, man es sogleich einige Minuten in den Brodschrank legt, damit es nicht näschig werden soll. Eine andere Albernheit dieser Art erfuhr ich noch kürzlich in einem Dorfe ohnweit Merseburg. Ich hatte einer Kindtaufe in der Dorfkirche mit beigewohnt, und ging mit dem Prediger nach Hause. Weit vor uns vorauf erblickte ich die Jungfer Gevatterinn, welche nach dortiger Sitte das Kind trug, und ungewöhnlich schnell damit lief. Dieser Umstand fiel mir auf, und ich fragte den Prediger um die Ursache des schnellen Laufens mit dem Kinde. »Es ist ein ziemlich ausgebreiteter Aberglaube, erwiederte er, daß das Kind nicht gut gehen lernt, wenn die Gevatterinn damit nicht schnell nach Hause eilt. Ich habe den Leuten oft den Ungrund ihres Aberglaubens gezeigt; aber es hält ausserordentlich schwer, dergleichen Volksmeinungen, die um so viel stärker würken, weil [22]sie von den Vorfahren angenommen sind, auszurotten.«

Mit den Wöchnerinnen selbst wird eben ein so starker Aberglaube getrieben. Einige Behandlungsarten derselben sind von der Art, daß man sie nicht einmal sagen darf, ohne die Gesetze der Schamhaftigkeit zu beleidigen; sie alle haben aber wieder ihren Grund, wie aller Aberglaube, in dem Glauben an böse Geister, und in uralten heidnischen Volksvorurtheilen, dergleichen wir mitten in der Christenheit noch sehr viele haben. Viele Weiber tragen in der Wochenstube einige Stunden des Tages die Mützen ihrer Männer. Noch andere haben den Glauben, daß sie sich ihre Wochenzeit über nicht am Fenster sehen lassen dürften, ein Glaube, der vielleicht gute physische Ursachen zum Grunde hat, damit sie sich etwa durch auffallende Gegenstände nicht erschrecken möchten; aber unerklärbar ist mir hierbei noch ein andrer Umstand, daß nämlich viele Wöchnerinnen glauben, sich einen unbekannten Vorübergehenden, wenn sie auch am Fenster stünden, als einen Dieb, Mörder, u. dergl. vorstellen zu müssen. Daß dies würklich ein Aberglaube vieler Wöchnerinnen ist, ist mir von der glaubwürdigsten Frau betheuert worden.

Ueberhaupt ist der Ursprung so vieler abergläubischen Meinungen durchaus unbekannt. Oft kann die unbedeutendste Kleinigkeit Veranlassung dazu [23]gegeben haben, oft war auch wohl nur der blosse Zufall, der auf eine gewisse Einbildung erfolgte, der Grund davon. Der Unwissende findet überall Gegenstände, deren physische Verhältnisse er nicht überschauen kann, er nimmt also gleich seine Zuflucht zu gewissen verborgenen Kräften, und personificirt sie, so gut er kann; oder so wie sie seine Vorfahren schon zu personificiren suchten. Er hat wenig Neigung dazu, das Ding sich natürlich zu erklären, weil das Wunderbare seiner sinnlichen Phantasie schmeichelhafter ist, und er von Jugend auf den Kopf von unsichtbaren Geistern voll hat. Gemeiniglich verhält sich der gemeine Mann auch nur bloß mechanisch bei seinem Aberglauben. Er weiß es selbst nicht immer, warum er so handelt; sondern er handelt so, weil er es so zu sehen gewohnt ist. Ich habe oft gemeine Leute gefragt: Warum glaubt ihr dies und das? und sie konnten mir nichts anders antworten, als – – Wir glauben's nun einmal so! Man wird gemeinen Leuten den Aberglauben jeder Art nicht eher aus den Köpfen bringen, bis man ihnen einen deutlichen Unterricht in der Naturlehre zu geben anfängt, wie nun auch schon an mehrern Orten zur Ehre der Menschheit geschieht.

Mancher Aberglaube scheint in der That aus einer guten natürlichen Absicht entstanden zu seyn. So warnt man junge Kinder, ja nicht zu nahe an Flüsse und Teiche zu gehen, weil sie sonst der [24] Nix*) 5 holen könne. Man will dadurch offenbar junge unerfahrne Kinder warnen, sich nicht an dergleichen Oerter zu wagen, so wie man auch in mehrern Gegenden von Obersachsen an einen gewissen Kornengel glaubt, der, nach der Volksmeinung, die Kinder nach sich ziehen soll, wenn sie sich einem Kornfelde nähern. Die Idee in Absicht der Nixen scheint mir in dem alten heidnischen Aberglauben, da man an Fluß- und Wasser-Götter glaubte, ihren Grund zu haben, so wie überhaupt es fast keine Art des heidnischen Aberglaubens gab, welcher nicht noch jezt hie und da unter gemeinen Leuten, obgleich in einer veränderten Gestalt, fortwürken sollte. Das Christenthum hat ihn nicht ausrotten können, sondern nur einen Mantel darüber gehängt.

Ehe ich in meiner Anzeige von den verschiedenen noch herrschenden Arten des Volksaberglaubens fortfahre, muß ich Ihnen eine meiner Ideen über das sogenannte Beschreien oder Berufen der Kinder mittheilen. Dieser abergläubische Gebrauch ist offenbar Griechischen und Römischen Ursprungs; und wahrscheinlich noch älter. Unter den Heerden von [25]Göttern, die jene alten Völker sich nach und nach erträumt hatten, gab es nach ihrer Meinung auch viele boshafte und neidische Gottheiten, die immer lauerten, wo sie den Menschen etwas zu leide thun konnten. Vermöge ihrer heimtückischen Natur suchten sie vornehmlich denjenigen zu schaden, die vor andern glücklich und geehrt waren. Man befürchtete daher, sie auf dasjenige aufmerksam zu machen, was man mit lauter Stimme rühmte, und um dem Dinge zuvorzukommen, bediente man sich denn eines besondern Ausdrucks, welcher dem Teutschen: Gott behüt es! nahe kam. Der Lateiner hatte sein Praefiscine! und der Grieche sein αβαναςως Hierzu kam nun noch der alte Volksglaube, daß nicht alle Stunden des Tages gleich wären; sondern daß verschiedene für den Menschen sehr gefährlich werden könnten, man wollte daher durch jene Ausdrücke zugleich sagen: Gott gebe, daß ich's zu einer guten Stunde geredet habe! Aller dergleichen Aberglaube ist zu den Christen bei ihrer Vermischung mit Römischen und Orientalischen Völkern übergegangen, und die Priester haben sonderlich in mittlern Zeiten alles gethan, um das Volk dabei zu erhalten, weil sie, wie bekannt, von der Blindheit desselben ihre Vortheile zogen.

Der Ursprung des Aberglaubens überhaupt, wir mögen ihn nun entweder bei ganzen Völkern, oder einzelnen Menschen betrachten, hat überall und allemal seine natürlichen Ursachen. Die mensch-[26]liche Einbildungskraft sucht sich nach dem Vorrathe der wenigen vorhandenen Ideen in dem Gehirn des ungebildeten Menschenverstandes, Erscheinungen in der Natur durch unsichtbare Wesen zu erklären, und, so weit auch der Begriff eines Geistes ausser der Sphäre eines noch unangebauten Verstandes liegt, sich doch gewisse Kräfte zu personificiren, wovon jene Naturphänomene Würkungen seyn sollen. Denn, daß jede Würkung eine Ursach haben müsse, auf diesen Satz wird auch der ungebildetste Menschenverstand alle Augenblicke so sehr hingerissen, daß er ihm bald zum Axiom wird, so gut er es für den Philosophen ist. Ausserordentliche Würkungen werden also ausserordentlichen Wesen zugeschrieben, die sich aber der menschliche Verstand wohl nie als Geister im metaphysischen Sinn gedacht haben würde, wenn hinterher nicht von speculativen Köpfen ein Unterschied zwischen körperlichen und unkörperlichen Wesen festgesezt worden wäre, den man von dem Menschen selbst abstrahirte. Ob dieser Unterschied reel sey, darüber haben sich die Philosophen alle Jahrhunderte gestritten, und werden sich, – zum Beweis, daß der Begriff eines Geistes noch nicht genau bestimmt ist, – und vielleicht ausser den Gränzen der menschlichen Vernunft liegt, noch ferner darüben streiten.

Fußnoten:

1: *) oder: Gott behüt's!

2: **) In Niedersachsen nennt man es berufen.

3: ***) Welches nicht eigentlich mit den Fingern geschieht, sondern, indem man die Hände kreuzweis übereinander schlägt.

4: *) Beides leztere geschieht eigentlich deswegen, weil man glaubt, daß das erstere den Schlaf des Kindes befördere, das leztere ihm aber seine Ruhe nehme; daher auch jener andere Aberglaube, daß sich ein Fremder, der in eine Kinderstube kommt, durchaus niedersezen muß, weil er sonst dem Kinde den Schlaf mitnimmt.

5: *) Der gemeine Mann stellt sich ihn als ein kleines Männchen mit rotem Haar, oder einer roten Mütze vor; in Niedersachsen als Frauenzimmer, welches sehr wahrscheinlich sich auf den aus dem Alterthum hergeholten Glauben an Sirenen gründet.


[27]

2.

Der Einsiedler im Stadtgetümmel. a

Pockels, C. F.

Der edle und tugendhafte Heinrich Wilby Esq. war aus Lincolnshire gebürtig, und Erbe eines ansehnlichen Rittergutes, welches jährlich über tausend Pfund eintrug. Er hatte seine Studien auf der Universität sowohl, als in einem der juristischen Kollegien, vollendet, und war mehrere Jahre nach einander auf Reisen in fremden Ländern. Nach seiner Rückkehr lebte dieser sehr gebildete junge Edelmann auf seinem väterlichen Landgute, war überaus gastfrey, hielt viel Umgang mit seines Gleichen, und hatte eine schöne wohlerzogene Tochter, die, mit seiner völligen Genehmigung, an Sir Christopher Hilliard in Yorkshire verheirathet wurde. Er war jezt vierzig Jahr alt. Die Reichen achteten ihn; die Armen beteten für ihn; und von Jedermann ward er geehrt und geliebt; als einstmals einer von seinen jüngern Brüdern, mit dem er nicht recht einig war, ihm auf freien Felde begegnete, und ein Pistol auf ihn losdrückte, welches aber glücklicherweise versagte. Er glaubte, das sey blos geschehen, um ihm ein Schrecken einzujagen, und entwaffnete den Niederträchtigen ganz kaltblütig. Sorglos steckte er das Pistol in seine Tasche, und ging in tiefen Gedanken nach Hause. Als er hier aber das Gewehr näher untersuchte, und [28]Kugeln darin fand, machte diese Entdeckung auf seine Seele solch einen starken Eindruck, daß er auf der Stelle den ausserordentlichen Entschluß faßte, sich völlig von der Welt zu entfernen; und in diesem Entschlusse verharrte er auch bis an's Ende seines Lebens.

Er wählte sich ein sehr hübsches Haus unten in Grubstreet, (einer Strasse in London,) schaffte fast alle seine Leute ab, ließ das Haus nach seinen Ideen einrichten, und wählte davon drei Zimmer für sich: das eine zum Speisezimmer, das zweite zur Wohnstube, und das dritte zum Studirzimmer. Da sie eins in's andre gingen, so pflegte er, wenn sein Essen von einer alten Dienstmagd auf den Tisch gesezt wurde, sich so lange in sein Wohnzimmer zu begeben; und wenn man hier sein Bette machte, ging er so lange in sein Studirzimmer, bis alles fertig war. Aus diesen Zimmern kam er von der Zeit an, da er sie bezog, nie wieder heraus, bis er vierzig Jahre hernach auf den Schultern der Leichenträger herausgebracht wurde. Auch bekamen in dieser ganzen Zeit weder sein Schwiegersohn, seine Tochter, sein Enkel, Bruder, seine Schwester, noch irgend einer seiner Verwandten, jung oder alt, reich oder arm, kurz kein Mensch ihn wieder zu sehen, ausser jene alte Dienstmagd, die Elisabeth hieß. Sie allein machte sein Kaminfeuer, machte sein Bett, brachte ihm zu essen, und reinigte seine Zimmer. Auch sie sah ihn nur äusserst selten, nur [29]immer im höchsten Nothfall, und starb nicht länger als sechs Tage vor ihm.

In der ganzen Zeit seiner Einsperrung kostete er nie weder Fisch noch Fleisch. Sein gewöhnlichstes Essen war Hafergrütze. Dann und wann hatte er des Sommers einen Sallat von ausgesuchten kühlenden Kräutern, und, als ein Leckerbissen, wenn er sich an einem Festtage etwas zu gute thun wollte, aß er den gelben Dotter von einem Hühnerei; aber nichts von dem Weissen. Was er an Brodt aß, schnitt er aus der Mitte heraus; die Kruste aber genoß er nie. Sein beständiges Getränk war Vierschillingsbier, und nichts anders; denn er kostete niemals Wein, noch gebrannte Wasser. Dann und wann, wenn er es seinem Magen für dienlich hielt, aß er eine Art von Zuckerwerk; zuweilen trank er auch etwas Kuhmilch, die ihm seine Dienstmagd, noch heiß vom Melken, holen mußte. Bei dem allen hielt er seinen Bedienten einen reichlichen Tisch, und bewirthete jeden Fremden oder Pächter sehr gut, der in seinem Hause etwas zu thun hatte.

Alle Bücher, die neu herauskamen, wurden ihm gekauft und gebracht; Streitschriften aber legte er beständig auf die Seite, und las sie niemals.

Weihnachten, Ostern, und an andern Festtagen, ließ er in seinem Zimmer eine grosse Tafel decken, mit allem besezt, was die Jahrszeit vermochte, [30]auch mit vielen Weinen; welches alles von seiner Dienstmagd aufgetragen wurde. Nach einem Dankgebete für Gottes Wohlthaten, pflegte er dann eine reine Serviette anzustecken, ein Paar weisse Holländische Handschuh anzuziehen, die ihm bis an die Ellbogen reichten; dann schnitt er ein Gericht nach dem andern vor, und schickte einen Teller an einen armen Nachbar, und den zweiten an einen andern, bis der Tisch ganz leer war. Darauf betete er wieder, legte seine Serviette zusammen, und ließ das Tischtuch wieder wegnehmen. Dies pflegte er an dergleichen Tagen Mittags und Abends zu thun, ohne von irgend einem Gerichte selbst einen Bissen zu kosten.

Wenn arme Leute unverschämt vor seiner Thür bettelten und wehklagten, so wurde ihnen, eben deswegen, nicht sogleich etwas gereicht. Wenn er aber aus seinem Zimmer, welches nach der Straße hinausging, irgend einen Kranken, Schwachen, oder Lahmen ausfindig machte, so schickte er alsbald zu ihnen, um sie zu trösten und zu unterstützen; und schenkte ihnen nicht etwa nur eine Kleinigkeit für dasmal, sondern so viel, daß sie sich viele Tage nachher noch davon erquicken konnten.

Ausserdem pflegte er sich zu erkundigen, und darauf zu merken, welche von seinen Nachbaren fleissig in ihrem Beruf und Gewerbe waren, und welche von ihnen eine grosse Last von Kindern hat-[31]ten; vornehmlich auch, ob ihr Fleiß und ihr Erwerb auch zum Unterhalt der Ihrigen hinreiche. Und dergleichen Leuten schickte er reichliche, und ihren Bedürfnissen angemessene Unterstützung.

Er starb in diesem seinem Hause in der Grubstrasse, nachdem er sich ganzer vierundvierzig Jahre einsiedlerisch eingesperrt hatte, den 29. October 1636, vierundachtzig Jahr alt. Bei seinem Tode war sein Haar und sein Bart so lang und dicht gewachsen, daß er einem Einsiedler aus der Wildniß ähnlicher sah, als einem Einwohner der größten Städte in der Welt.

Erläuterungen:

a: Eine Biographie von Henry Welby erschien im Jahr nach seinem Tod Heywood 1637. und seine Lebensgeschichte wurde in zahlreichen Zeitungen und Kuriositätenbücher im 18. und 19. Jahrhundert nacherzählt.


3.

Einwirkung eines äussern Gegenstandes auf die Verwirrung unser Ideen.

Pockels, C. F.

Wir pflegen uns entfernte Bekannte, die wir aber noch nicht persönlich kennen gelernt haben, unter einer gewissen Gestalt, Figur, Leibeslänge, und unter gewissen Gesichtszügen zu denken, die ihnen unsere Phantasie andichtet, weil wir überhaupt uns nichts ohne ein sinnliches Zeichen vorstellen können. Unsere Einbildungskraft verfährt hierbei allemal nach gewissen Gründen, warum sie sich den Entfernten grade unter dieser und keiner andern Gestalt [32]denkt, ob wir uns gleich dieser Gründe nicht immer bewußt sind. Hat man uns schon eine Beschreibung und Vergleichung der unbekannten Person gemacht: so stellt man sie sich auch ungefähr wie den mit ihr verglichenen Gegenstand vor, aber doch nicht ganz so; sondern wir leihen ihr Züge, die sie von jenem in etwas unterscheiden, und aus einem Gemisch von mehrern, von andern ähnlichen Gegenständen hergenommenen, Kennzeichen bestehen; hat man uns aber noch gar keine körperliche Beschreibung von der unbekannten Person gemacht: so bildet sich unsere Phantasie von irgend einem oder mehrern Umständen, die wir von der Person wissen, ein eigenes Bild, welches freilich selten zutrifft. Dieses Bild kann bisweilen eine solche Lebhaftigkeit und Festigkeit in uns erhalten, daß es uns gar nicht möglich ist, uns die Person anders, als nach dieser Phantasie vorzustellen; daher die öftere Verwirrung, worin sich Leute befinden, die sich zum erstenmale sehen, wovon ich hier ein ausgemachtes Beispiel liefere.

Der Staatsminister *** aus ** machte vor einigen Jahren durch einige Provinzen des Staats eine Reise, um verschiedene bei dem Justiz- und Finanzwesen eingeschlichene Misbräuche zu untersuchen. Wohin er kam, wurde er mit aller Ehre, die seinem Stande gebührte, empfangen, und in verschiedenen Städten wurde er mit feierlichen Reden von Seiten des Magistrats bewillkommt. Eine [33]solche Rede sollte ihm auch zu *** von dem dortigen Bürgermeister gehalten werden, welches ein ausserordentlich geschickter, und sonst sehr beredter Mann war. Der Minister, ein kleiner, hagerer Mann, der sein eigenes Haar trug, trat in den Saal des Rathhauses, und der Herr Bürgermeister auf seinen Rednerplatz. Mit einer sichtbaren Verwirrung fing der gute Mann seine Rede an, stockte, räusperte sich, und blieb endlich stecken, ohne ein einziges Wort weiter vorbringen zu können. Der Minister schien unwillig über den Redner zu seyn, und die ganze Versammlung schied aus einander.

Der Minister wurde zu einem Mittagsschmause eingeladen, der ganze Magistrat, die Honoratioren der Stadt waren gegenwärtig, und der Minister kam neben dem Bürgermeister zu sitzen, dessen Rede ein so klägliches Ende genommen hatte. Beide liessen sich in ein Gespräch ein, und der Minister sahe nun, daß der leztere ein vortreflicher Kopf war, der sich sehr gut auszudrücken wußte, und sehr weitläuftige Kenntnisse verrieth. »Aber wie ist es möglich, fing der Minister endlich an, daß ein Mann von Ihrer Lebhaftigkeit, von ihrer Suade in seiner Rede stecken bleiben konnte?« »Ich will es Ew. Excellenz erklären, erwiederte der Bürgermeister: – »Ich hatte Ew. Excellenz nie gesehen. Ich stellte Sie mir als einen Mann mit einem grossen dicken Bauche, einer langen Wolkenparücke, [34]einem mit dickem Golde besezten Kleide, und einer kühnen Miene vor. Ich fand dies alles bei Ihrem wirklichen Anblicke nicht; und dies allein, daß ich einen ganz andern Mann vor mir stehen sahe, als ich mir bisher imaginirt hatte, brachte mich aus aller Fassung.«

4.

Fortgesezte Nachricht von einer Geisterseherinn.

Pockels, C. F.

(Siehe 4ten Bandes 1stes Stück, Seite 122 ff.)

Nachfolgende Berichte von einer sonderbaren Geisterseherinn sind ein abermaliger Beweis, welch eine erstaunliche Gewalt eine erhizte und verschrobene Phantasie über uns, und vornehmlich über schwärmerische Weiber, bekommen kann; denn kein Vernünftiger wird die Erzählungen der Madam Beuter für etwas anders, als lebhafte, im Wachen gehabte, Traumbilder halten, so sehr sie auch das alles deutlich und wirklich gesehen und gehört zu haben vorgiebt. Es ist bekannt, daß Ideen der Phantasie durch mancherlei Umstände, sonderlich durch eine lebhafte Bewegung des Bluts und Gehirns eine solche Stärke und Helligkeit bekommen können, die die Lebhaftigkeit sinnlicher Eindrücke noch weit [35]übertrifft und ganz verdunkeln kann. Gesellt sich dazu nun noch irgend eine andre religiöse Grille, Bilder und Gefühle von einer geträumten himmlischen Entzückung; ist die Seele von feurigen Gedanken an Gott und den Erlöser, oder von schrecklichen Vorstellungen an einen Teufel eingenommen: so kann die Phantasie mit dem armen Menschen machen, was sie will, so sieht er Dinge, die nie existirt haben, und nie existiren werden, hört Stimmen und Worte, die nie ausgesprochen worden sind, macht Spatzierfahrten durch den Himmel, – so wie ihn der Enthusiast irgend einmal aus einem Gemälde, oder in einer Predigt, oder in einem mystischen Erbauungsbuche abgeschildert gefunden hat. Die weibliche Seele, die ihre Natur auch im Traume nicht verläugnen kann, erblickt männliche Gestalten, Engel u. dergl., wird von ihnen holdselig angeredet, und die Gottheit kommt wohl gar selbst, bei der Phantastinn ihren Besuch abzulegen. Alles dies ist der erhizten Einbildungskraft so leicht, läßt sich so äusserst natürlich aus ihren Gesetzen, die auch bei den stärksten Verwirrungen der Phantasie noch zum Grunde liegen, erklären, daß ich nicht begreifen kann, wie es möglich ist, dergleichen natürliche Phänomene der Seele für übernatürliche Wirkungen einer höhern Offenbarung zu halten; nicht begreifen kann, warum dergleichen Offenbarungen ohne sehr wichtige grosse Zwecke da seyn sollen, ich will nicht sagen: ob überhaupt da seyn [36] können. Der vornehmste Grund von solchen abergläubischen und schwärmerischen Meinungen liegt theils in der so grossen Neigung des Menschen zum Wunderbaren; theils auch, und vornehmlich darin, daß wir unsere Kinder damit von Jugend auf unterhalten, und ihnen die Lesung gewisser Bücher zur Pflicht machen, worin dergleichen Erscheinungen Gottes, der Engel und Teufel fast auf allen Seiten vorkommen. Man wird vergeblich wider den Aberglauben und die Schwärmerei predigen, so lange dergleichen geistervolle Schriften nicht behutsamer der Jugend überreicht, und deutlicher, als gemeiniglich geschieht, erklärt werden. – »Was diesem und jenem Mann in vorigen Zeiten geschahe, kann auch sich mir besonders nähern!« Was ist natürlicher, als daß solche Gedanken bei einer nur etwas lebhaften, durch Religionsempfindelei verschrobenen, Phantasie in uns entstehen können! Was natürlicher, da diese Gedanken die menschliche Eitelkeit so sehr nähren, uns über andere Menschen erheben, und ein gewisses behägliches Gefühl von Glückseligkeit erzeugen, das allen Schwärmern bei ihren Phantasien so eigen ist!

P.


Madam Beuter, welche sich jezt zu Lindau am Bodensee aufhält, nachdem sie vorher in Augs-[37]burg gewohnt hat, glaubt schon seit mehrern Jahren her, himmlische Erscheinungen zu haben, und glaubt sie so steif und fest, daß sie auf keine Art davon abgebracht werden kann. Sie hat nicht nur eigene Berichte darüber aufgesezt, sondern verschiedene der gehabten Erscheinungen, so weit sich ihr Talent im Malen erstreckte, sehr vielfarbig abgezeichnet, davon ich die Zeichnungen selbst in Händen gehabt habe.

Das erste Gemälde stellt eine Stube vor, die durch einen himmlischen Glanz erleuchtet wird. Die Geisterseherinn liegt im Bette. Zu ihrer Linken sizt ein himmlisches Wesen in einem blauen Kleide, zur Rechten steht ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln, und neben dem Engel ein Teufel (so wie man beide Herren sehr oft in mystischen Kupfern zusammen gemacht findet) in schrecklicher Gestalt. Aus dem Munde des Engels gehen die Worte: Herr, laß es genug seyn! Unter das Gemälde hat sie mit eigener Hand geschrieben: »Diß gesicht ist geschehen und gesehen worden von mir Euphersyna Beitherin in Lindau im Monat December Morgens um ½ 5 Uhr 1771, als die Nacht noch stark finster war, wurde es um diese Zeit, auf einmahl heller Tag, zu meiner Verwunderung saß zugleich eine Himmlische Persohn gegen meine Linken Seite. an meiner rechten ein Engel Gottes, in der Höhe gegenüber eine Klarheit. Diese ließe sich 4 Mahl sehen, zwischen ihrer abwechslung empfand [38]ich ausserordentliche schmerzen am Rücken vom sathan, dieser ließe sich zulezt auch sehen, in meinen großen schmerz sagte der Engel zu der Klarheit 3 Mahl, Herr laß es genug seyn, er ließ sich erbitten und machte ein Ende die Personen verschwanden, der Tag wurde zur Nacht wie vorhin, alles dauerte eine halbe Stund. Gott der allmächtige ist von diesem allen auch mein Zeige.«

Das zweite Gemälde betrifft eine Erscheinung, welche Madam Beuter vom offenen Himmel gehabt zu haben behauptet. Die Träumereien von einem offenen Himmel findet man fast bei allen lebhaften Schwärmern und Schwärmerinnen. Je unbestimmter überhaupt die Idee von einem Himmel ist, und bleiben wird, je mehr Feld gewinnt die menschliche Phantasie zu hunderterlei albernen Grillen, wozu sie allen nur erwünschten Stoff in der Bibel findet. Das Gemälde selbst stellt den Himmel vor, über den sich aus der Wohnung Gottes ein Lichtstrahl über viele tausend Menschen ergießt. Unter dieser Wohnung erscheinen drei Engel, und führen in ihrer Mitte eine Frauensperson von göttlicher Schönheit. Die weitere Beschreibung dieses Gemäldes kann man in den von ihr selbst aufgesezten Nachrichten Seit. 127, 4ten Bandes 1stes Stück der Seelenkunde, nachlesen. Unter dies Gemälde hat sie wiederum mit eigener Hand geschrieben, daß sie wahr und wahrhaftig, alles dies, so wie sie es beschrieben, gesehen habe.

[39]

Ueberhaupt ist dieses schwärmerische Weib von nichts so sehr überzeugt, als von der Wahrheit ihrer Träumereien. Daß sie den tiefsten Eindruck auf ihre Seele gemacht haben, der auch wohl schwerlich je wird wieder ausgelöscht werden können, zeigen ihre Erzählungen der kleinsten Umstände ihrer Visionen nach so langen Jahren. Einige Worte, die Gott mit ihr gesprochen haben soll, um sich von ihrem Manne zu trennen, und die so lauten: Gehe aus von ihm, denn ich will ihn verderben, hat sie sogar mit goldenen Buchstaben auf ein Stück Sammet gestickt.

Zu mehrerer Erkenntniß und Beurtheilung der ganzen Sache will ich das Wichtigste hierher gehörige, aus zweien Briefen des verdienstvollen Herrn Pfarrer Müller zum heil. Kreuz in Augsburg, auszugsweise hersetzen.

»Die viele Mühe, die sich Madam Beuter bei Zeichnung ihrer Visionen gegeben, die Zuversicht, mit der sie spricht, diese Worte gehört zu haben, so daß sie lieber tausend Leben liesse, als sich eine Sylbe davon wegdisputiren, zeigen doch wirklich, daß ihre Erscheinungen und gehörte Stimmen den tiefsten Eindruck auf ihre Seele gemacht haben müssen. Eins von ihren Gemälden habe ich schon seit Jahr und Tag in Händen, und doch kann sie noch Jedem auf's genauste alles pünktlich sagen, was darauf steht. Wie ich überhaupt erstaunen muß, [40]daß sie, ohne zu variiren, auf das allerpünktlichste noch mit einerlei Worten erzählen kann, was sie vor mehr als 20 Jahren vor Erscheinungen gehabt.«

Noch muß ich erinnern:

Madam trinkt viel Kaffe, ist von starker Person, vollblütig, hat in ihrer Ehe sehr misvergnügt gelebt; was ihr etwa halb schlafend mag (ich schreibe mit Fleiß mag, weil etwas Zuversichtliches ich und viele andre gern aus der Seelenkunde lesen möchten, nämlich was Ew... von dieser ganzen Sache, so wie Sie davon benachrichtigt worden sind, halten) geträumt haben, hält sie vor wirklich gesehen und gehört.*) 1 Freilich ein Lavater, der gleich überall lauter Wunder sieht, der einen Maler, welcher ihn ganz und gar nicht getroffen, plötzlich mit tausend Küssen soll umarmt haben, als jener sich entschuldigte – »er finde vor itzo freilich keine Aehnlichkeit, allein so und um kein Pünktlein anders werde er als ein Verklärter einmal im Himmel aussehen,« – ein [41] Lavater würde also freilich hier lauter Wunder sehen; allein leere und blos allein Einbildung mag doch auch alles nicht seyn. Die Einwirkung der Seele in den Körper und umgekehrt ist sehr mannigfaltig. NB. Madam B. hat noch in Lindau beständig fort Erscheinungen.

Auf einen von mir an den würdigen Herrn Pfarrer Müller über diese Sache geschriebenen Brief, worin ich die Visionen der Madam Beuter für nichts anders als für Geburten der Einbildungskraft erklärte, und ich mich nach mancherlei Umständen des sonderbaren Weibes genauer erkundigte, erhielt ich folgende Antwort:

»Ihre Urtheile, daß bei Madam B. alles Einbildung sey, unterschreibe ich, doch mit der Einschränkung, – woher kommt es doch, daß sie alles nach 10 bis 30 Jahren noch so pünktlich genau weiß, und keine Absicht zu blenden, oder zu betrügen haben kann;*) 2 noch bis [42]heute darauf stirbt, alles pünktlich unter den beschriebenen Umständen gesehen und gehört zu haben? Was mögen wohl da die Geschäfte der Seele gewesen seyn? Wie mag sie wohl gewirkt haben, daß solche gewaltige Eindrücke blieben, und ihr nicht zu benehmen sind – selbst durch die vernünftigsten Vorstellungen nicht, daß sie mit einer gewissen Seelenwonne und mit völliger (vermeinter) Ueberzeugung davon spricht, oder schreibt. – Glauben Sie ja nicht, daß Schwärmerei oder Aberglauben über meine Gottlob! gesunde Seele etwas vermögen. Doch, da wir einmal im Untersuchen sind, so wollen wir nicht müde werden. Nun diene ich Ihnen auf Ihre Fragen, Madam Beuter betreffend:

a) Sie ist nicht katholisch, und ist meine Beichttochter gewesen.

b) Ihr Leben war jeder Zeit gewiß recht regelmässig. Von Kindheit an lebte sie unterm Druck. Sie muß eine gute Erziehung gehabt haben, und hat ihrem Stande gemäß Welt. [43] Ihr Mann war ein sehr bekannter Mathematiker, und anfänglich Rechenmeister, hielt aber von der Religion sehr wenig. Sie sprach Teutsch nicht im Schwäbischen Ton, sondern ganz Hochteutsch. Von Nervenschwäche merkt' ich in dem Umgange von vier Jahren nichts an ihr. Möchten aber ihre Nerven nicht überspannt seyn?

c) Kinder hat sie nicht. Ihr Mann, als er sie nahm, war alt, und sie ist sehr korpulent; scheint mir auch etwas zu schnell gegen einen langsamen Beischläfer. Jezt ist sie in Lindau am Bodensee mit einem Mann versorgt, von dessen gegenseitiger Liebe sie ganz eingenommen ist. – Gespukt hat es bei ihr die Zeit noch immer.«

Es sind mir mehrere Bescheide von Geistlichen über die Visionen der Madam Beuter zugesandt worden, davon ich aber nur einen von einem rechtschaffenen und gelehrten Augsburger Prediger hersetzen will, welcher im Ganzen die Sache aus dem rechten Gesichtspunkte angesehen hat, obgleich nicht alle Leser seine theologischen Ideen unterschreiben dürften.

P.


[44]
Ueber die Erscheinungen d. Fr. B.

Es kommt hierbei meines Erachtens erstlich auf die Frage an:

Sind die Erzählungen gegründet, oder eine blosse Erdichtung?

Möglich ist's an sich selbst, daß Jemand so etwas sehe und höre, als hier erzählt wird, es sey entweder durch äussere Einwirkung Gottes selbst, oder eines Geistes, und widerspricht das weder unsrer Natur, noch den Kräften eines endlichen oder unendlichen Geistes, wie die Geschichte der alten Offenbarungen Gottes sattsam darthut. Oder es kann Jemand wirklich sehen und hören durch blosse Wirkung seiner zu lebhaften Einbildungskraft, durch eine solche Stärke der Idearum sensualium und Bewegung in den Nerven, über welche der Geist des Menschen nicht mehr Gewalt hat, daß er wirklich innere Wirkungen mit äussern verwechselt, wie bei den Phantasien in der Fieberhitze, wie bei den Maniacis aller Art, wie uns wohl auch in Träumen begegnet.

Die Wirklichkeit eines jeden solchen Ereignisses, daß man dies und jenes gesehen oder gehört habe, ist res facti, läßt sich, im Fall ihrer innern Möglichkeit, aus keinen Gründen a priori entscheiden, durch kein Raisonnement verwerfen oder beweisen; [45]sondern allein durch Prüfung des davon vorliegenden Zeugnisses entscheiden. Dabei fragt sich denn: a) Hat der Zeuge, auf dessen Aussage das Factum beruht, die Gaben, die Zeit und Gelegenheit, was er aussagt, richtig zu beobachten? b) Ist er unbefangen von irgend einer Meinung, die ihn veranlassen könnte, mehr oder weniger zu sehen und zu hören, als wirklich vorgeht? c) Hat er im Affect, oder ohne Affect beobachtet? d) Hat er so viel Rechtschaffenheit und guten Willen, die Sache zu sagen, wie sie ist? e) Ist er dabei völlig für sich uninteressirt; und hat er, so wie bei seiner Beobachtung selbst, also bei dem Zeugniß, was er giebt, nichts zu gewinnen, oder zu verlieren? f) Ist er stark, tugendhaft genug, auch mit Verlust die Wahrheit zu sagen? g) Darf er, kann er ohne Hinderniß sagen, was er denkt?

Ich kenne die Person gänzlich nicht; sehe aber aus den Erzählungen selbst, daß sie nichts weniger als unbefangen ist. Bei der Erscheinung des Vaters war schon zuvor ausgemacht, daß der Hr. D. und Praeses in Straßburg recht habe, der ihm eine sichtbare Gestalt giebt. Auch ist sie nicht uninteressirt: denn sie war des Lebens mit ihrem Mann überdrüssig, wollte ihn verlassen, und nun kommt die Stimme: Gehe aus von ihm! Man merkt auch sichtbar, daß sich Niemand so leicht unterstehen dürfe die vorgegebene Facta zu läugnen, ohne ihren innigsten Unwillen aufzureizen; ein Kennzei-[46]chen einer tiefgewurzelten Rechthaberei. Ja sie ist geneigt, dergleichen Personen alle Gottseligkeit abzusprechen, ihnen Bosheit anzudichten: wie schlimm! Zu dem kommt, daß sie die Gelehrten nichts will wissen lassen – ohe jam satis! Da wäre also noch viel zu fragen, ob die Offenbarungen wirklich geschehen, oder erdichtet sind?

Zweitens aber, posito: alles sey geschehen wie es erzählt ist, was ist von diesen Offenbarungen zu halten? Sind sie Wirkungen von aussen, oder Geschöpfe der Einbildungskraft und einer regelwidrigen Circulation?

Sie sollen nach dem Vorgeben d. Fr. B. göttlich gewirkte Erscheinungen und Offenbarungen seyn. Das sind sie nicht, das können sie schlechterdings nicht seyn. Einmal wissen wir aus der Vernunft und Schrift von dergleichen Offenbarungen keinen Vermuthungs- und Erwartungsgrund; nirgend ein Versprechen derselben, eine Anweisung, wie wir uns dabei verhalten, keine, wie wir uns nach Maaßgabe derselben bestimmen sollen. Gott hat sich uns offenbart durch seine Werke, und durch die eingeführten Gesetze der physischen Natur; er hat sich offenbart durch die heil. Schrift. Ist er unveränderlich, so bleibt er bei seiner einmal erklärten Meinung und Anweisung, und kann sich durch neue Offenbarun-[47]gen nicht widersprechen. Auch wäre es seiner Weisheit zuwider, was schon bekannt ist, noch einmal ausserordentlich zu offenbaren. Sollte dies Leztere ja geschehen: so müßten grosse Zwecke vorhanden seyn, die sich ohne das nicht erreichen liessen, und erreicht werden müßten. Jezt wollen wir die vorliegenden Erscheinungen ein wenig durchgehen:

1) Das Kind von vier Jahren hört eine Stimme: Thue die Bibel auf den Tisch!*) 3 Was soll doch diese Offenbarung? Liebe zu der Bibel wirken? Ueberflüssig – das Kind hat ja Christliche Aeltern und Christlichen Unterricht. Da wird es Gottes Offenbarungen hören, und die Wahrheit wird mit ihrer eignen efficacia wirken. Die alte Offenbarung sagt: Die Wahrheiten des Heils seyn, was ein guter Saame ist, zur Wiedergeburt des Herzens. 1. Pet. 1, 23.

2) Was soll das Licht durch die Stubenkammer? Es spricht nichts. Wer hat denn gesagt, daß dies Gottes Wirkung sei? Woher weiß man das? Die Aeltern sagten: NB. ausser der Christkindleinszeit sehe man nichts: also doch in der Christkindleinszeit. So kamen also die Begriffe von göttlicher Erscheinung aus der älterlichen Erziehung**) 4.

[48]

3) Jesus erscheint sichtbar 1770, und redet eine Menge; die Fr. B. weiß nicht was? und er verschwindet. Zu was soll diese Erscheinung? Wieder kein Zweck, kein Nutzen. Das N. T. vertröstet die Gläubigen, was das Sehen des Herrn Jesu anbetrifft, auf die lezte Erscheinung. 1. Pet. 1, 7.8. 1. Joh. 3, 2. Es versichert, Jesus sey bis dahin verborgen in Gott. Coloss. 3, 3. Hier widerspricht abermals die Offenbarung der Fr. B. der alten Offenbarung, und ist also – Traum!

4) Die Erscheinung im Traum 1771 ist schon verdächtig, denn der Herr ist dabei, und der erscheint nicht. Vid. anteced. Das Licht an der Decke kann Traum seyn. Der Schmerz ist eine Nervensache, die hundert Menschen erfahren, welche durch Gram und Verdruß, oder durch starke Arbeiten ermattet sind. Und was hatte diese Offenbarung für einen Zweck? Ist was noch nicht Offenbartes gesagt? »Halt an! halt ein! halt aus:« dies steht lange in der Bibel, und ist oft wiederholt in den Trostbüchern ipsissimis verbis. Der Teufel – O all die einfältigen Bilder von ihm! Die rechte Offenbarung sagt: er sey ein Geist, und der hat nicht Figur und Form. Ein allereinziges mal hat er Menschengestalt bei der wundervollen Versuchung Christi. Ein Engel mit Flügeln! – Die ganze Erscheinung habe ich in alten Krankenbüchern oft gefunden, eben so abgebildet wie hier.

[49]

5) Eben so die, von den Wohnungen Gottes. Einer, nur Einer hat sie gesehen, der wahre Offenbarung hatte. Der eben erzählt 2. Cor. 12, 4. er habe gehört αρρητα ρηματα α δχ εξον ανϑρωπω λαλησαι. Hatte die Frau B. eine ausserordentliche Erlaubniß die ihrige zu sagen? Paulus, der Apostel, darf uns den Himmel nicht beschreiben. Es ist also Gottes Wille, wir sollen ihn nicht kennen für jetzt. Also auch falsch, daß er d. Fr. B. gezeigt worden; oder was sie sah, ist nicht der Himmel. Die Sache sieht abermal einem bekannten Kupferstich aus irgend einem himmlischen Brautschatz, Liebeskuß, geistlichen Perlenschnur etc. gleich.

6) Anno 1776 sieht die Frau den Vater. Die alte ächte Offenbarung Gottes spricht von ihm 1. Tim. 6, 16. Welchen kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann. Es kann ihn also auch F. B. nicht gesehen haben, oder was sie sah, ist nicht der König aller Könige, der Herr aller Herren. Moses wollte auch einmal ihn gerne sehen: da bekam er zur Antwort: Exod. 33, 20). Mein Angesicht kann Niemand sehen. Die Jünger wollten's auch, und der Herr sprach: Wer mich siehet, der siehet den Vater.

7) Die Erscheinung mit dem Donner 1778, ist wieder recht ungöttlich. Ist denn die Drohung: Ich will ihn verderben – eingetroffen? Ist [50]er auf solche Art verderbt worden, daß dabei die Frau B. in Gefahr ihres eignen Lebens war, und also aus seiner Gegenwart fliehen mußte? Alles nichts. Wie, Gott soll einer Frau sagen: Verlaß deinen Mann, der in der rechten Offenbarung befohlen hat: Es soll das Niemand scheiden, was Gott zusammengefügt hat, den Ehebruch ausgenommen? Gott soll seine Gerichte über einen Menschen offenbaren, soll selbst deklariren: Er ist verworfen, und uns also verführen, Andre zu verdammen? da er doch gesagt hat in seinem Worte: Richtet nicht, verdammet nicht. Gott ist nicht ein Versucher zum Bösen.

8) Die Stimmen alle, wegen der am Halsweh kranken Freundinn, offenbaren nichts, was nicht jeder verständige Arzt zum voraus aus dem Buche der Natur auch gewußt hätte, und halfen nichts, waren blos müssige Unterredungen. Zudem war die Bitte falsch: Herr, mache sie gesund; sie hätte sollen bedingt seyn, nach seinem Willen. Eins befremdet mich dabei. Bei dem zweiten Anfall des Schadens am Zäpflein hat die Stimme wirklich eine Wahrheit gesagt, welche die Fr. B. nicht verstand, und noch nicht versteht, sehr wahr: Warte des Leibes etc. Denn, aller Erzählung nach, hatte die gute Freundinn morbum venereum. Die Warnung aber steht schon in der heil. Schrift, und ist überflüssig.

[51]

9) Die Bitte um Gnade für die Verstorbne ist Christlich. Die Antwort des allerhöchsten Gottes ganz unwürdig. Er wird wohl über sein Gericht uns um nichts und abermal nichts Belehrungen geben.

10) Die Bußerweckung des seligen Hrn. B. durch eine Stimme war ihm wohl, ihrer Vorschrift nach, längst bekannt; steht auf allen Blättern der Schrift; ist überflüssig.

11) Das Zeigen der Hölle ist unnöthig. Gott hat uns hinlängliche Belehrungen gegeben. Und zu was sollte das helfen?

12) Die Offenbarung der neuen Verheurathung – was entdekt sie? Daß die Fr. B. nicht zum Viehstall geboren ist? Das wußte sie zuvor. Wer der von Gott für sie bestimmte zweite Mann ist? Aber war sonst kein Mittel da, dies zu erfahren, als ein Wunder? Ich glaube, wer den Hrn. W. a kennt, konnte ihr das alles von ihm sagen. Man konnte ihn selbst fragen. Aber, wie es ihr in Zukunft gehen werde, wer, als Gottes Offenbarung, wußte das? Freilich, sonst Niemand; doch ist ja diese Sache noch nicht erfüllt, noch ist es nicht ausgemacht, ob es so gehe. Zudem entdeckt uns der Herr unsre künftigen Schicksale für gewöhnlich nicht; warum hier eine Ausnahme? Wir haben kein Versprechen Gottes zu dergleichen Anleitungen, [52]auch keins zur Erwartung des prophetischen Geistes. Die Propheten waren nur in den ersten Gemeinden, seit der Zeit nicht mehr; eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit ist also auch für diese Offenbarung da.

Nach Erwägung aller dieser Punkte kann man kühn sagen, die erzählten Gesichte sind keine göttliche Offenbarungen. Und was sonst? Die Fr. B. hat doch wirklich gesehen und gehört. Nun ja, ponamus hoc: so war alles ein Product der gereizten und gewöhnten Einbildungskraft. Die gute Fr. hat von Jugend auf, wie z.E. in der Kindheit vom Christkindlein gehört, und daß man da Licht und Helle sieht. Sie muß zu einer Familie gehören, die an solche Dinge glaubt, hat etwa dergleichen Geschichten erzählen hören (it. das Schreiben ihres Schwagers); muß Gemälde und Kupferstiche von solcher Art gesehen, und Bücher gebraucht haben, in denen nach älterer Art mehrere Wahrheiten des Evangelii durch Gedenksprüche vorgetragen werden. Sie hat vielleicht auch Scrivers Seelenschatz b gelesen, und viele Gespräche der Seele mit Jesu, die man im vergangenen Jahrhundert und den erstern decenniis des jetzigen vorzüglich liebte. Daher ihre Gesichte, daher ihre Stimmen, quoad materiam. Nun kommt ihre persönliche Beschaffenheit, ihr Kummer, ihre schlimme Ehe hinzu. Erst mit der Theurung 1770 c fängt die Geschichte ihrer Offenbarungen an, und nach [53]den widrigen Zuschriften ihres Mannes ist der meiste Theil geschehen nach 1771. Aber nagender, fressender Kummer verdirbt uns gern die Verdauungskräfte, wird die Ursache scharfer Säfte, leicht gereizter Nerven, erhebt eben dadurch die Einbildungskraft über ihre Schranken. Man denkt über seinen Zustand, man macht Entwürfe, man tröstet sich, und gewöhnt sich dann immer mehr und mehr zum Selbstgespräch; man schüttet seinen Unmuth aus, man hadert, man streitet mit Widerwärtigen, als hätte man sie vor sich. Man nimmt auch wohl seine Zuflucht zum Gebet. Ist's ein Wunder, wenn man auch davon träumt? Wenn vi legis imaginationis et reminiscentiae ähnliche Ideen, die man gelesen und gehört hat, sich an die gegenwärtigen anknüpfen, als wären sie ganz neu? Man darf dann vollends ein empfindliches Nervensystem haben, so werden aus eignen Gedanken Stimmen, aus einer aufgebrachten Circulation, Schläge und Donner und Geräusch, und Gott weiß, was noch. Man frage Hypochondristen, Melancholische, Fieberpatienten. In einem so von allen Seiten turbirten Zustand der Denk- und Vorstellungskraft äussert sich nicht selten die facultas diuinandi, und trifft nicht selten ziemlich richtig, ohne Darzwischenkunft einer höhern Offenbarung. Ist man schon gewohnt, jeden Gedanken als etwas ausser sich existirendes zu betrachten, so hört man wirkliche Worte; und ist der Mensch unwissend in [54]den Kenntnissen seines Geistes und seiner Seelenkrankheiten, so läßt er sich's nun nicht nehmen; denn der Erfolg macht's klar. Zudem leidet Fr. B. an der Sucht des Pharisäers, der sich selbst vermaß, daß er fromm wäre, und verachtete die andern; sie hält es für ein Zeichen des Gnadenstandes, Antworten und Erscheinungen zu haben, und hat wohl noch mehr falsche Begriffe in Sachen des Glaubens. Lauter Data, aus denen sich ihre Gesichte und Stimmen ohne Offenbarung begreifen lassen.

Die dritte Frage: Wie ist sie pastoralisch zu behandeln? ein andresmal.

Fußnoten:

1: *) Ich habe meine Meinung über Madam Beuter schon oben gesagt. Daß sie ihre Träumereien für etwas wirklich Gesehenes und Gehörtes hält, beweist nichts, da mir hundert Beispiele bekannt sind, daß lebhafte und vollblütige Leute ihre Träume für Wahrheit hielten, und, wegen der Lebhaftigkeit gewisser Vorstellungen, jene vom Wachen nicht unterscheiden konnten, und – doch hatten sie offenbar geträumt.
P.

2: *) Nicht alle Schwärmer und Geisterseher haben grade die Absicht zu betrügen, – wollen sie betrügen: so sind sie Schurken; aber es giebt gewisse gutmüthige Leute jener Art, welche keine andere Absicht haben, als das, was sie wirklich glauben, auch bei andern geltend zu machen. Sie sind Betrogene, und hintergehen andere, ohne daß sie es wissen. Freilich ist's wohl nicht zu läugnen, daß die Neigung, von sich etwas Sonderbares zu sagen, der Werth, den sie auf ihre mystischen Grillen legen, das Staunen und Horchen der Leichtgläubigen bei ihren Erzählungen, und eine Dosis vom Aberglauben, sie mit antreibt, ihre Träumereien für lauter Wahrheit auszugeben.
P.

3: *) Siehe 4ten B. 1stes St. Seite 122.

4: **) Ein Umstand, der hier sehr in Betrachtung kommt.

Erläuterungen:

a: Laut Familienblätter im Stadtarchiv Lindau hieß Frau Beuther nach der zweiten Eheschließung Greiner. Wir danken Heiner Stauder für diese Recherche.

b: Scriver 1675-1688.

c: Vgl. Erl. zu II,1,45.


5.

Beitrag zur Geschichte der Visionen und der Ausschweifungen der menschlichen Einbildungskraft.

Pockels, C. F.

Die Geschichte einzelner Schwärmer, die Darstellung ihrer einzelnen Plane und Vorstellungen, und der Gang ihrer Gedanken und Phantasieen liefert uns zur Seelenlehre die interessantesten Beiträge. Eine philosophische Geschichte der Religionsschwärmer fehlt uns noch. Man hat zwar mehrere Historien und Biographien über dergleichen Leute, aber keine solche Darstellungen ihrer Ideen, woraus man [55]viel lernen könnte, woraus die Art und Weise der Entstehungsart ihrer neuen schwärmerischen Begriffe begreiflich würde.

Unter allen Schwärmern älterer und neuerer Zeiten scheint mir Mahomet der sonderbarste, der auffallendste zu seyn. Der Glaube an seine Visionen dauert noch immer unter einem der größten Völker dieser Erde fort, und vielleicht ist es den Lesern des Magazins nicht unangenehm, eine kurze Darstellung seiner Visionen in diesem Journal zu finden, so wie es überhaupt den Werth dieser Zeitschrift vermehren würde, wenn darin mehrere Beiträge über die Schwärmereien vergangener Jahrhunderte, und nicht blos unserer Zeiten, aufgenommen werden sollten.

Die Visionen des Mahomets, die ich aus Castilhon Essai sur les erreurs & les superstitions anciennes & modernes a entlehnt habe, sind gewiß äusserst lächerlich und abgeschmackt; aber grade dieses Lächerliche und Abgeschmackte war der Grund, daß sie einen so grossen und bleibenden Eindruck auf die Araber machten. Aus alten und neuen Berichten über dieses Volk, ist es bekannt genug, wie es sich von je her durch eine glühende Phantasie, durch einen warmen Religionsenthusiasmus, und durch eine ausserordentliche Liebe zu fabelhaften Erzählungen ausgezeichnet habe. Die Araber konnten nicht glauben, daß ein Mensch solch [56]ein langes Gewebe von Fabeln und starken Bildern durch seine blosse Phantasie hervorbringen könne, wenn er nicht das alles wirklich erlebt hätte, wovon er eine so sonderbare Erzählung der Welt mittheilte, und in der Erzählung selbst, wie man aus dem folgenden sehen wird, lag ein so starker Grund, daran zu glauben, daß sie ohne die größte ihnen vorgespiegelte Gefahr nicht leicht das Gegentheil annehmen konnten. Mahomet kannte die Menschen zu gut, als daß er nicht ihre schwachen Seiten genuzt haben sollte, so wie sie alle Sectenstifter in allen Zeiten zu nutzen gewußt haben.

Daß die Mahometaner noch bis diesem Augenblick an die phantastischen Erzählungen ihres Propheten mit solcher Steifigkeit glauben, daß sie jeden, der unter ihnen daran zweifeln wollte, dem ewigen Fluche übergeben, ist um so weniger wunderbar, da viel aufgeklärtere Secten noch so vielen Unsinn bei ihrem Religionssystem annehmen, und sich davon nicht abbringen lassen. Vornehmlich aber sind es folgende Gründe, welche die Mahometaner an den Glauben an die albernen Visionen ihres Propheten fesseln. –

Der erste Grund, welcher bei allen Secten und bei allen Menschen so erstaunlich viel Gewicht hat, ist der, weil sie jene Erzählungen von ihren Vätern erhalten haben, diese wieder von ihren Vätern, u.s.w., bis man in einer genealogischen Folge dieses [57]Aberglaubens auf die Leute selbst kommt, welche die ganze fabelhafte Geschichte aus dem Munde des Propheten unmittelbar erhalten zu haben vorgaben. Eine solche Erzählung, welche sich von Geschlecht auf Geschlecht fortpflanzte, und noch dazu in einem Buche aufgezeichnet war, dessen Inhalt, so albern er auch immer seyn mag, als eine von der Gottheit selbst aufgezeichnete Schrift betrachtet wird, mußte bei einem ohnehin blinden Volke den stärksten Eindruck machen. Alles, was uns von unsern Aeltern und Vorfahren erzählt wird, hat etwas ehrwürdiges für unsre Einbildung an sich; vornehmlich weil uns dergleichen Dinge schon frühzeitig in unsrer Jugend erzählt werden, und mit den Jahren in uns gleichsam anrosten.

Der zweite Grund, welcher eben so leicht die Menschen zur Leichtgläubigkeit verführt, liegt unstreitig darin, daß die Visionen des Mahomet, ihres Unsinns ohnerachtet (so wie die Götterlehren und Theogonien der Alten), sehr unterhaltend sind, und die menschliche Einbildungskraft, diese unruhigste aller Seelenfähigkeiten, auf eine angenehme Art beschäftigen. Die meisten Religionssysteme alter und neuer Zeiten haben nicht sowohl dadurch sich eine Menge Verehrer erworben, weil sie Wahrheiten der Vernunft auf eine deutliche und bestimmte Art zu unsrer Glückseligkeit darstellen; sondern weil sie gewisse Lehren vortragen, die sich an unsere Ein-[58]bildungskraft anschliessen, und die Neigung zum Wunderbaren in uns nähren. Es ist um das äussere Ansehn der meisten – wo nicht aller Christlichen Religionslehren selbst gethan, sobald die Aufklärung einmal so weit gehen sollte, daß alles Wunderbare davon abgesondert werden müßte. –

Der Mensch, vornehmlich wenn er noch nicht an ein ernsthaftes Nachdenken gewöhnt ist – und wie viel sind daran gewöhnt? – opfert gern die Wahrheit sinnlichen phantastischen Bildern auf, und er scheut sich, diese Bilder zu beleuchten, weil er sich durch eine nähere Untersuchung nicht gern um das Vergnügen bringen läßt, welches sie ihm gewähren. Durch eine lange Gewohnheit an diese Bilder wird seine Vernunft hierbei endlich so abgestumpft, daß er wahrlich nicht einmal mehr mit Ernst darüber nachdenken kann. Die Gewohnheit verwandelt den Unsinn in Wahrheit. – Doch hier sind die Visionen Mahomets selbst.


»Es war Nacht, so lauten seine Worte, und ich lag zwischen den beiden Hügeln von Alsafar und Merva unter freiem Himmel, als ich den Engel Gabriel, von einem andern Geiste des Himmels begleitet, auf mich zukommen sah. Beide unsterbliche Wesen beugten sich über meinen Körper herab. Das eine spaltete mir sogleich die Brust, das an-[59]dere aber zog mein Herz heraus, drückte es in seinen Händen zusammen, daß die Erbsünde in einem schwarzen Tropfen herausfloß, und legte es dann wieder an seine vorige Stelle. Diese Operation verursachte mir nicht den mindesten Schmerz.

Gleich darauf breitete Gabriel seine hundertundvierzig Paar Flügel, die gleich der Sonne glänzten, aus einander, und führte die Stute Al-Borac zu mir, welche weisser als Milch ist, und eine Menschengestalt und Pferdekinnbacken hat. Ihre Augen funkelten, wie die Sterne, und die Strahlen, welche herausfuhren, waren viel wärmer und durchdringender, als die des Gestirns des Tages, wenn es am heftigsten brennt. Die Stute breitete ihre zwei grossen Adlersflügel aus einander, ich näherte mich, und sie wollte mich umbringen. Aber Gabriel sprach zu ihr: Sey ruhig, o Borac! und gehorche dem Propheten Mahomet. Der Prophet Mahomet, erwiederte Borac, wird mich nicht besteigen dürfen, wenn du von ihm nicht erhältst, daß er mich am Tage der Auferstehung in's Paradies eingehen läßt! Beruhige dich, Borac, war meine Antwort, du sollst mit in's Paradies eingehen!

Borac ward darauf sehr ruhig. Ich schwang mich auf seinen Rücken, und schneller als der Bliz flog es dahin. Ein Augenblick, und ich sahe mich an dem geheiligten Thore des Tempels zu Jerusa-[60]lem, wo ich Moses, Abraham und Jesus antraf. Auf einmal ließ sich eine Lichtleiter vor uns herab, und durch Hülfe derselben stiegen wir, ich und Gabriel, bis zum ersten Himmel hinauf. Der Engel klopfte an das Thor, indem er meinen Namen ausrief, und das Thor, welches grösser als die ganze Erde ist, drehte sich um seine Angeln. Dieser Himmel ist von gediegenem Silber, und die Sterne sind darin in schönen Bogen an starken goldenen Ketten aufgehangen. In jedem dieser Sterne hält ein Engel Schildwache, damit der Teufel nicht die Himmel ersteigen kann.

Ein abgelebter Greis kam mir in diesem Himmel entgegen, und wollte mich umarmen, indem er mich den größten seiner Söhne nannte. Es war Adam; aber ich hatte nicht Zeit, ihm zu antworten. Meine Aufmerksamkeit war auf eine Menge Engel von allen Gestalten und Farben geheftet. Einige glichen den Pferden, andere den Wölfen, u.s.w.

Mitten aus diesen Engeln erhob sich ein Hahn von einer blendendern Weisse als der Schnee, und von einer so erstaunlichen Grösse, daß sein Haupt den zweiten Himmel berührte, der doch vom erstern so weit entfernt ist, daß der schnellste Reisende diesen Zwischenraum erst in fünfhundert Jahren durchlaufen würde. Ich verrieth über alle diese Dinge, besonders über die Engel in Thiergestalt, mein Erstaunen; aber Gabriel sagte mir, daß diese Engel [61]bei Gott die Fürbitter für alle ähnlich gebildete Geschöpfe der Erde wären; daß der grosse Hahn der Engel der Hähne sei, und daß sein Hauptgeschäft darin bestehe, alle Morgen durch sein Krähen und seine Lobgesänge Gott zu belustigen.

Wir verliessen darauf den Hahn, Adam und die Engel in Thiergestalt, kamen zur Lichtleiter zurück, und begaben uns in den zweiten Himmel, welcher von dem erstern so weit entfernt ist, daß man von einem zum andern fünfhundert Jahre reisen müßte. Dieser Himmel ist von einer harten und polirten Eisenart. Ich fand den Noah daselbst, welcher mich umarmte, auch den Johannes und Jesus, welche mich den größten und vortreflichsten Menschen nannten. Wir hielten uns hier gar nicht auf, sondern gelangten von einer Stufe zur andern in den dritten Himmel, welcher von dem zweiten weiter, als dieser von dem ersten entfernt ist.

Man muß wenigstens Prophet seyn, um den blendenden Glanz dieses Himmels, welcher aus lauter köstlichen Steinen besteht, zu ertragen. Unter den unsterblichen Wesen, welche ihn bewohnen, bemerkte ich einen Engel, dessen Gestalt über alle Vergleichung ging. Er hatte 10000 Ordnungen von Engeln unter seiner Aufsicht, und jeder besaß mehr Kraft, als 10000 Bataillone zum Schlagen fertiger Männer. Dieser grosse Engel nennt sich den Getreuen Gottes. Seine Gestalt ist so unge-[62]heuer groß, daß der Raum zwischen seinen beiden Augen wenigstens eine Ausdehnung von 70000 Tagereisen ausmacht. Vor diesem Engel befindet sich ein ungeheures Schreibpult, worauf er unaufhörlich schreibt und ausstreicht. Gabriel sagte mir, daß der Getreue Gottes zugleich der Engel des Todes, und unaufhörlich mit Aufzeichnung der Namen der künftig Gebornen, mit Berechnung ihrer Lebenstage und mit Auslöschung derselben aus seinem Buche beschäftigt sey, je nachdem er bemerkt, daß sie nach seiner Rechnung, das bestimmte Lebensziel erreicht haben.

Es war Zeit weiter zu gehen; Gabriel benachrichtigte mich hiervon, und wir stiegen mit einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit auf der Lichtleiter zum vierten Himmel hinein. Hier fand ich den Enoch, welcher vor Freuden ganz ausser sich war, als er mich erblickte. Dieser Himmel ist von einem feinen Silber, und viel durchsichtiger als Glas. Er ist der Aufenthalt einer unzählbaren Menge englischer Wesen. Eins von denselben, obgleich kleiner, als der Engel des Todes, stößt doch mit seinem Haupte an den obersten Himmel, das heißt, es hatte aufrecht stehend eine Höhe von fünfhundert Tagereisen. Das Amt dieses Engels ist sehr traurig und ermüdend, indem er einzig damit beschäftigt ist, über die Sünden der Menschen zu weinen, und die Leiden vorher zu verkündigen, welche sie sich zuziehen werden. Dieses Wehklagen beunruhigte [63]mein Herz zu sehr, um es länger anhören zu können, und wir begaben uns schnell zu dem Thore des fünften Himmels, das sich sogleich aufthat.

Aaron kam uns entgegen, und stellte mich seinem Bruder Moses vor, der sich meinem Gebete empfahl. Dieser Himmel ist ganz von gediegenem Golde; aber die Engel, die ihn bewohnen, sind nicht so freudigen Muths, als die der andern Himmel, und sie haben Ursach dazu. Denn eben hier werden die Behältnisse der göttlichen Rache, das verzehrende und ewige Feuer des göttlichen Zorns, die Strafen verstockter Sünder, und vornehmlich die Qualen für die Araber aufbewahrt, welche den Ismaelismus nicht annehmen wollen. Dieses beunruhigende Schauspiel machte, daß ich meine Reise beschleunigte, und nunmehr von meinem englischen Führer begleitet, den sechsten Himmel bestieg. Hier traf ich den Moses noch einmal an, welcher, als er mich erblickte, zu weinen anfing, weil, wie er sagte, ich mehr Araber in's Paradies führen würde, als je Juden hinein gekommen wären. Ich tröstete, so viel ich konnte, den Vater der Israeliten, und langte zu meinem grossen Erstaunen mit einem schnellern Fluge, als menschliche Gedanken, im siebenten und lezten Himmel an. Dies sollte das Endziel meiner Reise seyn.

Ich bin nicht im Stande, getreue Gläubige, euch einen Begriff von dem unaussprechlichen Glanze [64]der Materie zu geben, woraus dieser Himmel gebildet ist. Es mag zureichend seyn, euch zu sagen, daß er von göttlichem Lichte gemacht ist. Das erste der dortigen Wesen, das mir auffiel, übertrifft an Grösse die Erde. Es hat 70000 Köpfe, jeder Kopf hat 70000 Gesichte, jedes Gesicht 70000 Mäuler, jedes Maul 70000 Zungen, welche unaufhörlich und zu gleicher Zeit 70000 verschiedene Sprachen reden, welcher sich dieses ungeheure Wesen ununterbrochen zum Lobe der Gottheit bedient.

Ich betrachtete still dieses unermesliche himmlische Geschöpfe, als ich fühlte, daß ich schnell in die Höhe gehoben wurde. Ich durchstrich einen ungeheuren Raum, und fand mich endlich neben dem unsterblichen Sedra sitzen. Dieser schöne, zur Rechten des Gottheitsthrons, gepflanzte Baum dient den Engeln selbst zu einer Scheidewand. Unter seinen Zweigen, welche den Raum zwischen dem Sonnenteller und der Erdkugel an Ausdehnung übertreffen, befindet sich eine erstaunliche Menge Engel, welche grösser, als die Menge Sand aller Meere, aller Ströme und Flüsse ist. Diese für ein sterbliches Auge unendliche Anzahl himmlischer Geister, ruht unter den Blättern des Sedra, welcher sie mit seinem Schatten bedeckt. Auf seinen Aesten sitzen Vögel, welche die erhabnen Stellen des göttlichen Korans betrachten. Die Früchte dieses herrlichen Baums gleichen den Handbecken [65]von Hajir, und seine Blätter den Ohren des Elephanten. Seine Früchte sind süsser als Milch. Eine einzige würde zureichen, alle Geschöpfe Gottes seit der Schöpfung der Zeit bis zum Untergange aller Dinge zu ernähren.

Aus dem Fusse dieses wunderbaren Sedra quellen vier grosse Flüsse hervor. Zwei ergiessen sich stromweise in die Ebenen des Paradieses, die beiden andern giessen sich auf die Erde hinab, und bilden den Nil und den Euphrat, deren Quellen vor mir kein Mensch gewußt hat.

Hier verließ mich Gabriel, weil ihm in die Oerter zu gehen nicht erlaubt ist, wohin ich dringen sollte.

Israfil nahm seine Stelle bei mir ein, und führte mich in das göttliche Wohnhaus des Almamur, oder des Besuchten; ein Name, welcher ihm deswegen gegeben ist, weil er täglich von 70000 Engeln der ersten Klasse besucht wird.

Dieses Gebäude gleicht in allen seinen Theilen ganz genau dem Tempel zu Mekka, und wenn es in einer lothrechten Linie vom siebenten Himmel, wo es sich befindet, auf die Erde herabfiele: so würde es nothwendiger Weise grade auf den Tempel zu Mekka herabstürzen.

Kaum hatte ich meinen Fuß in das Haus des Almamur gesezt, als ein Engel mir drei Becher [66]brachte. Der eine war voll Wein, der zweite voll Milch, und der dritte voll Honig. Ich nahm den voll Milch, und trank. – Auf einmal ließ eine Stimme, so stark wie zehn Donnerwetter, folgende Worte erschallen: »O Mahomet, du hast sehr wohl gethan; hättest du den Wein gewählt, so wäre deine Nation verderbt worden, und alle ihre Unternehmungen würden gescheitert seyn!«

Welch ein Schauspiel, meine Gläubigen! welch ein Schauspiel aber verblendete nun meine Augen! Immer den Israfil vor mir, durchstrich ich schneller als ein Gedanke zwei Lichtmeere und eine schwarze unendlich lange Bahn, und es war mir, als ob ich von dem Throne und der unmittelbaren Gegenwart Gottes angezogen würde. Furcht und Schrecken bemeisterten sich meiner; eine Stimme, brausender als Meereswogen, rief mir zu: »O Mahomet! Weiter! nähere dich dem himmlischen Throne!« Ich gehorchte. An der Seite des göttlichen Throns las ich den Namen Gottes und den meinigen also geschrieben: »Es giebt keinen andern Gott, als Gott, und Mahomet ist sein Prophet!«

In dem nämlichen Augenblick, als ich diese geheiligte Inschrift las, breitete Gott seine Arme aus einander, legte seine rechte Hand auf meine Brust, und seine linke auf meine Schulter. Ich fühlte in meinem ganzen Körper eine durchdringende Kälte, die selbst das Mark meiner Knochen gefrieren machte; [67]aber in eben der Zeit breitete sich in meiner Seele ein unbeschreibliches und den Menschen unbekanntes süsses Gefühl aus, wovon ich ganz berauscht ward.

Diesen mächtigen Empfindungen folgte eine sehr vertrauliche und lange Unterredung zwischen Gott und mir, in welcher er mir, nachdem er mir die Gesetze des Alkorans dictirt hatte, ausdrücklich den Befehl gab, daß ich euch ermuntern sollte, durch Waffen, Blut und Gewalt, die heilige Religion zu vertheidigen, welche ich gegründet habe, und daß ihr glücklich gewesen wäret, sie kennen zu lernen.

Gott hörte hier zu reden auf, und ich dachte auf meinen Rückweg zur Erde, um meine Schüler zu heiligen. Ich fand den Engel Gabriel auf der Stelle, wo ich ihn gelassen hatte, und wir kamen durch die sieben Himmel zurück, wo wir bey jedem Schritt durch die Chöre und Begrüssungen himmlischer Geister, die mein Lob sangen, aufgehalten wurden.

Als ich nach Jerusalem zurück kam, zog sich die Luftleiter wieder in's Gewölbe des Himmels hinauf. Al-Borac erwartete mich, ich bestieg sie, es war noch Nacht und stockfinster. Al-Borac ließ mich von der Lufthöhe herab Armenien und Adherhijan sehen, und brachte mich in ihrem zweiten Fluge wieder hierher.

Als ich meinen Fuß wieder zur Erde sezte, wandte ich mich zum Gabriel. »Ich fürchte sehr, [68]sprach ich, daß mich mein Volk als einen Betrüger betrachten, und daß es die Erzählung von meiner Reise durch den Himmel nicht glauben wird!« –

»Beruhige dich,« antwortete mir darauf Gabriel, »dein Volk ist verbunden, alles das zu glauben, was aus deinem Munde kommen wird, und dein getreuer Zeuge Abubecre, dein Wezir Ali,, dein muthiger und heiliger Ali, werden in jedem Fall deine Aussprüche unterstützen, und jeden Umstand dieser grossen Begebenheit rechtfertigen.«

Erläuterungen:

a: Castilhon 1765.

[69]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Schreiben an den Herausgeber des 5ten Bandes des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.

Anonym

Ihre Widerlegung des Ahndungsvermögens im 1sten und 2ten Stück des 5ten Bandes des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde hat meinen Glauben an jenes Ahndungsvermögen zwar geschwächt, aber noch nicht ganz vertilgt. Sie haben die Sache von einer philosophischen Seite betrachtet, und Ihre angeführten Gründe gegen die Ahndungen, die Sie aus der Natur der menschlichen Seele hergeleitet haben, können nach meiner Meinung nicht bündiger seyn, insofern sie sich auf die uns bisher bekannte Erkenntniß einer intellectuellen Substanz beziehen. Nach der gegenwärtigen uns bekannten Einrichtung unsrer Empfindungs- und Denkkraft lassen sich freilich Vorgefühle künftiger Begebenheiten, die an sich ganz zufällig sind, und die man nicht einmal zu vermuthen Grund hat, nicht erklären; aber dadurch haben Sie noch nicht bewiesen, daß es nicht noch mancherlei in uns liegende schlummernde Erkenntnißkräfte geben kann, die bisweilen nur in den Licht- und Bewußtseyns-[70]kreis der Seele hervortreten, und uns alsdann die bangen oder freudigen Gefühle abnöthigen, die mit den Ahndungen gewöhnlich verbunden zu seyn pflegen. Ich wage es freilich nicht, das Maaß und die Verhältnisse jener schlummernden Erkenntnißkräfte zu bestimmen, da es uns jezt überhaupt noch nicht möglich ist, alles genau anzugeben, was zur innern Möglichkeit, oder zum Daseyn eines geistigen Wesens gehört; aber die größten Köpfe kamen doch bei Untersuchung des menschlichen Verstandes und seiner Gränzen immer auf dergleichen dunkle Erkenntnißspuren, und wagten es in diesem Betracht nicht, die Ahndungen gradezu zu läugnen. Daß keine geistige Wesen ausser uns, in uns Ahndungen hervorbringen können, darin gebe ich Ihnen völlig Recht, und Sie haben das Gegentheil auf eine sehr lichtvolle Art bewiesen; obgleich mancher Theologe mit Ihnen nicht zufrieden seyn wird, daß Sie die neuen durch die Gottheit in uns bewirkten Gefühle und Ideen, und also zu gleicher Zeit viel andre Sachen bestritten haben, deren Ansehn von dem wirklichen Daseyn jener Gefühle nothwendig abhängt.

Ich habe in dem Nachlasse meines Vaters, welcher nichts weniger als ein leichtgläubiger, sondern ein sehr aufgeklärter und wahrheitsliebender Mann war, eine Menge von ihm aufgezeichneter Ahndungen gefunden, die er theils selbst erlebt, theils sich zu seiner Zeit zugetragen haben. Ich weiß gewiß, daß [71]er alles genau prüfte, ehe er etwas niederschrieb; und seine Zeugnisse sind um so unpartheiischer, da er ein heimlicher Sceptiker war, und nach einer gesunden Philosophie diejenigen Ursachen der Dinge für so gut als nichts hielt, wenn sie nicht zum Vorschein kamen. Dem ohnerachtet wirkten die sonderbaren Beispiele von Ahndungen so sehr auf ihn, daß er sie endlich nicht mehr zu läugnen wagte, und auch einen Aufsatz über die Möglichkeit der Ahndungen aufsezte, den ich aber nachher unter seinen Schriften nicht habe finden können. Hier sind folgende von ihm aufgezeichnete Beispiele, die es wohl verdienen, daß sie in Ihr interessantes Magazin aufgenommen werden. Voran geht noch eine kurze Anmerkung, die er aus einer andern unangezeigten Schrift ausgezogen zu haben scheint. »Es ist, heißt es, etwas in uns, das uns gewiß weder der Priester noch die Amme (wie die Freigeister sagen) eingeben können. – – – Es strahlt auf uns gleich dem Blitze, wenn wir es am wenigsten vermuthen. In einem Augenblicke trifft und verläßt es uns. – – Die schleunigen Vorboten meine ich, die plözlichen Ahndungen, die uns gewisse Dinge vorher verkündigen. Viel tausend Menschen haben dergleichen im höhern oder geringern Grade empfunden, und empfinden sie noch täglich. Ja, wenn wir am wenigsten daran denken, wenn wir sogar frölichen Muthes sind, wird uns bisweilen ein Strahl dieses himmlischen Lichts treffen, und uns entdecken, [72]was geschehen soll. – Oft wissen wir selber nicht, daß sich dergleichen geäussert, bis die vorher verkündete Begebenheit sich wirklich zuträgt. Dann erneuert sich das Andenken daran, und straft uns gleichsam, daß wir nicht aufmerksam dabei gewesen sind.

1) 1734 am 13ten November ging ein angesehener Bürger aus Bremerwörde mit noch etlichen guten Freunden aus, eine nahe liegende Pulvermühle zu besehen. Sie waren insgesammt frölich und guten Muths, und redeten eben mit einander von der wahren Freundschaft, als jener Mann auf einmal in seiner Rede zu stocken anfing, und sich die tiefste Schwermuth in seinem Gesichte abdruckte. Er suchte zwar dieselbe zu verbergen, aber mit jedem Schritte nahm seine innere Herzensangst zu. Man untersuchte genau, ob einer unter ihnen etwas Feuerfangendes bei sich haben möchte; allein es wurde nichts gefunden, und man war nun bis an die Thüre der Pulvermühle gekommen. »Hier wurde, dies ist das eigne Geständniß des Mannes, meine Angst unendlich. Ich schwizte am ganzen Leibe, es war, als wenn der Himmel auf mir läge, als ich über die Thürschwelle geschritten war. Nun konnte ich mich nicht länger halten, ich bat die ganze Gesellschaft um Gotteswillen, sich mit mir in möglichster Geschwindigkeit zu retiriren. Einige wunderten sich über mein Begehren, andre lachten mich als einen furchtsamen Menschen aus; indessen [73]blieb ich bei meinen dringenden Bitten, und die Gesellschaft folgte mir auch aus Gefälligkeit nach. Noch scherzte man über meinen Mangel an Courage, und wir waren noch nicht 1000 Schritt von der Mühle weg, als – sie in die Luft sprang.«

2) Im Jahr 1749 fuhr ich mit mehrern Passagiers von N– nach S– auf der Post. Wir waren alle, und der Postillon selbst, gegen Abend eingeschlafen. Die sich selbst überlassenen Pferde waren aus dem Wege gekommen, und hatten den Postwagen nach dem hohen Ufer eines Sees hingelenkt. Eins von den Pferden kletterte schon an dem abschüssigen Ufer hin, so daß es sich kaum mehr halten konnte, zugleich hatte der Wagen auch schon eine solche schiefe Richtung gegen den See bekommen, daß wir gewiß in wenigen Augenblicken hinabgestürzt seyn würden. Ich schlief ziemlich fest, und es kam mir im Traume vor, als ob mich jemand mit Gewalt rüttelte, daß ich doch geschwind aufwachen möchte. Ich erwachte dadurch auch wirklich, und sah die Gefahr, worin wir alle waren. Ich griff sogleich nach dem Zügel, hielt die Pferde an, und rettete mich und die ganze Gesellschaft durch den im Traum erhaltenen Wink von einem nahen und fürchterlichen Tode.

3) Einer meiner Freunde, ein junger liebenswürdiger Mann, der in Jena studirte, wollte von hier nach Halle reiten. Die Nacht vorher träumte [74]ihm, daß er die Gegend bei der Skopischen Fähre erblickte, und von einem Menschen, der wie ein Jäger gekleidet war, durch den Kopf geschossen würde. Als mein Freund an die Fähre kam, erzählte er seinen Begleitern den Traum, welche ihn verlachten. Sie kamen insgesammt glücklich über die Saale hinüber, hielten sich einige Tage in Halle auf, und kehrten vergnügt nach Jena zurück. Sie mußten wieder über die Fähre. Mein Freund blieb zu Pferde sitzen, und hinter ihm stieg ein Jäger mit einer Flinte hinein. Dieser sahe eine Elster über's Wasser fliegen, und sagte: Ich will doch sehen, ob ich dich im Fluge wegbüchsen kann. Mein Freund erinnerte ihn, daß er erst absteigen wolle, weil sein Pferd etwas schüchtern sey; allein er schoß zu, ehe jener noch ausgeredet hatte, und sogleich sprang das Pferd meines Freundes in den Fluß hinein. Er hätte gewiß ertrinken müssen, wenn nicht der Jäger, der ein guter Schwimmer war, sogleich seine Kleider von sich geworfen, in's Wasser gesprungen wäre, und ihn herausgezogen hätte.

4) Sehr sonderbar ist vornehmlich folgender Zufall. Ein junger Gelehrter hatte seine Aeltern im Mecklenburgischen besucht, und war im Begriff, auf der Post zurück zu reisen, als ihm zwei Offiziere ihren bequemen Wagen anboten, indem sie mit ihm fast den nämlichen Weg zu nehmen gesonnen waren. Jener nahm ihr Anerbieten mit Freuden an, und man bestimmte Ort und Stunde, wenn sie zusam-[79]men abreisen wollten. Sie wollten eben in den Wagen steigen, als die Offiziere eine sichtbare Veränderung an dem mitreisenden Gelehrten wahrnahmen. Sie fragten ihn: Ob ihm etwas fehle, und was ihn etwa zugestossen wäre? Ich weiß nicht, wie mir wird, war seine Antwort, ich empfinde am ganzen Leibe ein gewaltiges Schaudern, – ich kann nicht mitreisen, es ist, als ob eine unsichtbare Hand mich von Ihnen wegzöge. Die Offiziere lachten über den wunderlichen Mann, baten ihn, sich zu beruhigen, und nur getrost in den Wagen zu steigen, seine Grille würde sich schon verlieren. Alles Bitten und Vorstellen war umsonst. Der junge Gelehrte nahm Abschied von ihnen, und mit dem Augenblick verlor sich seine ganze innere Aengstlichkeit. Weil die Post noch nicht abgefahren war, eilte er dahin, und fuhr nun kaum eine halbe Stunde darauf mit der Post davon, die den nämlichen Weg nahm, den die Offiziere genommen hatten, welche nun schon weit voraus waren. Die Post mußte über die Elbe bei B... und kaum war sie mit unserm Gelehrten angelangt, als man eine Menge Menschen an dem jenseitigen Ufer erblickte, die mit den Händen bald auf die, bald auf die andre Stelle des Flusses wiesen. – – Eine halbe Stunde vorher waren die Offiziere auch über die Elbe auf der Fähre gefahren. Die Pferde waren scheu geworden, hatten sich mit der Kutsche in's Wasser gestürzt, und die beiden Offiziere waren ohne Rettung ertrunken.«

[76]

Ich habe Ihnen diesmal nur diese vier sonderbaren Zufälle mittheilen wollen, weil sie mir das Daseyn einer in uns liegenden Ahndungskraft deutlich zu zeigen scheinen. Sie werden freilich fragen: ob die erzählten Facta auch pünktlich wahr sind, ob nichts hinzugesezt, hinzugedichtet sey, wie es bei sehr vielen Ahndungen der Fall ist, und wie Sie auch in Ihren Regeln, wonach man jede sogenannte Ahndung prüfen müsse, richtig bemerkt haben. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, daß sie von meinem seligen Vater auf's genaueste untersucht und aufgeschrieben worden sind: also als Facta sind sie gewiß. – Aber nun werden Sie mir noch nicht zugestehen, daß jene erzählten Vorgefühle wirkliche Ahndungen gewesen sind, und von dieser Seite würde ich Ihre Einwürfe am meisten fürchten. Es geschieht unendlich oft, werden Sie sagen, daß uns ein gewisses ängstliches Gefühl überrascht, das wir uns leicht erklären könnten, wenn wir die innere Stimmung unsrer körperlichen Maschine immer genau untersuchen könnten, daß wir uns etwas Künftiges erträumen, einbilden, und daß wir hinterher eine Ahndung gehabt zu haben glauben, wenn eine solche Einbildung einmal in Erfüllung ging. Oder Sie werden sich durch den Zufall das Ding zu erklären suchen, und kein Mensch wird Sie hiebei ganz widerlegen können, weil es eine unendlich verschiedene Concurrenz so vieler Dinge täglich giebt, und eins auf das andre folgt, ohne daß eins aus dem [77]andern immer herzuleiten wäre. Nach Ihrer Theorie würde das genauste Vorhersehen der kleinsten Umstände und das pünktlichste Eintreffen derselben sich immer noch aus einem möglichen Zufall erklären lassen, weil in der Erkenntnißkraft der Seele kein hinreichender Grund eines wirklichen Vorhersehens liegt. Indessen werden doch immer die Ahndungen ihren Kredit behalten; theils, weil die wenigsten Menschen die philosophischen Beweise gegen ihr Daseyn zu fassen im Stande sind, und von der Liebe zum Wunderbaren getrieben werden; theils auch, weil wir uns von wirklichen Gefühlen leichter als von abstracten Beweisen einnehmen lassen, und bei einem so unbekannten Dinge, als die menschliche Seele ist, ein Recht zu haben glauben, in ihr noch manche unentwickelte Kraft anzunehmen.*) 1

Fußnoten:

1: *) Das kann man allerdings, weil uns nicht nur die Erfahrung lehrt, daß sich nach und nach in den Menschen mehrere, vorher noch nicht zum Vorschein gekommene Kräfte der Seele entwickeln; sondern weil sich auch schon aus dem Begriff einer endlichen Substanz dergleichen intensive und extensive Entwickelungen ergeben; jene, indem ein geistiges Wesen durch innere Modifikationen der Denk- und Wollenskraft neue Vollkommenheiten gewinnen kann; diese, indem es durch neue Lagen und Situationen in neuen Organen sowohl, als durch eine veränderte äussere Stellung gegen das Universum überhaupt, ganz neue, vorher noch nicht gehabte Begriffe und Empfindungen erlangen kann. Allein aus allen solchen Entwickelungen, so viel Grade und Verschiedenheiten wir auch dabei voraussehen können, läßt sich keine solche Erhöhung unsrer Denkkraft herleiten, vermöge welcher sie etwas an sich Zufälliges vorher zu sehen im Stande wäre. Ein endliches geistiges Wesen ist vermöge seiner innern Natur an eine gewisse bestimmte Norm des Denkens gebunden, danach muß es sich nothwendiger Weise bei Erlangung und Zusammenreihung aller seiner Begriffe richten, davon darf es nicht abweichen, wenn seine innere Möglichkeit nicht aufgehoben werden soll. Diese Norm steht mit den Erscheinungen und Erfahrungen aus der wirklichen Welt in der genausten Verbindung, und in diesen Erscheinungen und Erfahrungen liegt ein objectiver Grund, worin sich eine geistige Kraft nichts als existirend denken kann, was mit jenen Erfahrungen streitet, und woraus sich kein hinreichender Grund einer Vorstellungsart ergiebt. Wir können aber nichts erfahren, was nicht ist, was nicht auf unsre Sinnen wirkt, nichts vorher sehen, was wir nicht vermöge der bestimmten Denkform durch Vernunftschlüsse herausgebracht haben, weil wir sonst Begriffe haben könnten, die in der Art und Weise, wie wir Vorstellungen bekommen müssen, gar nicht gegründet wären. Dies hiesse aber die Seele des Menschen zum seltsamsten Dinge von der Welt machen, und in sie etwas hineinschieben, was gar nicht zu ihrem Wesen gehörte. Von dieser Seite betrachtet, gehören die Ahndungen wirklich zu Wunderwerken, – und wer kann die annehmen, wenn das System einer von Ewigkeit vorhandenen nothwendigen Harmonie der Dinge, in so fern sie sich auf die höchste und vollkommenste Vorstellungskraft der Gottheit gründet, seine Richtigkeit hat; und wenn, so wie überall, so auch in unsrer Seele alles nach wesentlichen Regeln und Gesetzen der Natur erfolgt. Will man ja noch Ahndungen annehmen: so könnte man sie auf eine viel natürlichere Art als gewöhnlich erklären. – Man könnte nämlich sagen: daß wir in der nothwendigen Verbindung der Dinge, in welcher wir stehen, und wonach sich unsre Ideen entwickeln und verbinden, manchmal durch gewisse Umstände veranlaßt würden, an etwas künftiges zu denken, und daß dieses Künftige nun auch in Erfüllung gehen müßte, weil es der natürliche Lauf der Dinge so haben wollte. In so fern gehörten die Ahndungen mit in die Reihe von Begebenheiten der Welt, und zwar eben so nothwendig, als die nachherige Erfüllung derselben, – oder besser als die nothwendige Folge von Begebenheiten, die auch ohne die Ahndung existirt haben würde. Es wäre demnach auch kein andrer Zusammenhang zwischen der Ahndung und der Erfüllung derselben, als der, daß ich zu einer gewissen Zeit auf etwas Künftiges aufmerksam gemacht wurde, was nothwendiger Weise geschehen mußte. – Wer wollte das aber wirkliches Vorhersehen nennen? Giebt es nicht auch unzählige Fälle, wo wir etwas vorher zu sehen glauben – was nicht eintrifft?
Ueberdem kann man noch das gegen die Ahndungen einwenden, daß sie sehr selten wirklich bestimmte Begriffe von einer bestimmten künftigen Begebenheit sind; sondern nur auf dunkeln Gefühlen beruhen, die eine vielfache Erklärung zulassen. Es wird einem bange um's Herz, man empfindet ein heftiges Schaudern, es ist einem, als ob uns eine unsichtbare Hand zöge, u.s.w. Alles dies kann nicht nur vom Körper herrühren, sondern der Ahnende weiß nun auch nicht eigentlich, wovor er sich fürchtet, was ihm bevorsteht, ob ihn sein Genius vor der erbärmlichsten Kleinigkeit, oder vor einer ungeheuren Gefahr warnt. Das bange und dunkle Gefühl läßt sich auf alles Unangenehme deuten; und weil denn doch nicht leicht ein Mensch lebt, dem nicht oft etwas Unangenehmes begegnet: so wird dann gleich aus dem bangen Vorgefühl eine Ahndung gemacht, und als solche erzählt. Freilich steht den Ahndungen nun auch die grosse Trüglichkeit des historischen Glaubens entgegen. – Doch davon ein andermal.
P.

[78]

2.

Ein Schreiben an den Herrn Prof. Moritz.

F-, C. C. F. von

Mein Herr!

Das Vergnügen, mit dem ich viele interessante Aufsätze in Ihrem Journal gelesen, erregt in mir den Wunsch, nachfolgende beide, auf Erfahrung gegründete, Vorfälle durch dasselbe dem Publico mitgetheilt zu sehen, worum ich Dieselben ergebenst bitte.

[79]
I.

Meine nunmehro selige Mutter lag im November vorigen Jahres äußerst elend an der Auszehrung darnieder, zu welcher Zeit ich mich bei ihrer Schwester, der Obristin v. B. auf ihrem Gute [80]M., sieben Meilen von ihr entfernt, aufhielte. Die lezten Nachrichten, die ich von ihrem Befinden erhalten, hatten inzwischen auf's neue mich eine Besserung hoffen lassen. Sehr vergnügt hierüber fuhr ich einige Tage darauf mit meiner Tante und ihrer Familie nach einer nicht weit von dort entlegenen Stadt in Gesellschaft, und der Wagen ward zurückgeschickt. Wie wir nach Mitternacht zu Hause fahren wollten, war der Wagen noch nicht wieder angekommen; und da wir nicht länger warten wollten: so suchte ich in der Stadt Wagen und Pferde zu erhalten, um uns zurück zu bringen. Endlich kam der Wagen, und wir fuhren bei einer eingetre-[81]tenen strengen Kälte zu Hause. Sowohl unterweges als nach unsrer Zuhausekunft, waren unsre Unterhaltungen von Gegenständen aus der Gesellschaft, und von dem erwähnten unangenehmen Ausbleiben des Wagens. Meine Seele, nur bloß mit diesen Gedanken beschäftigt, dachte damals so wenig an meine kranke Mutter, wie den ganzen Tag über, als ich durch die verschiedenen Gegenstände und Vorfälle sehr zerstreut worden war. Es war gleich [82]nach Ein Uhr in der Nacht, wie ich mich zu Bette legte. Ich war ziemlich erfroren, und hatte mich im Bette eingewickelt, als ich in dem Nebenzimmer einen kleinen Hund winseln hörte, der von ungefähr eingesperrt war. Unentschlüssig, ob ich aufstehen und ihn hereinlassen, oder ob ich warten sollte, bis es ein Anderer hörte, oder ich Jemanden hierzu abrufen könnte, kam einer von den Bedienten auf die Hausdiele, den ich deshalb rief, der es aber nicht hörte; kurz, ich war schon entschlossen, aufzustehen, als ich die Thüre öffnen hörte, und der Hund in Freiheit gesezt ward. Wie dies kaum geschehen war, und ich, wie ich mich genau erinnere, in dem Augenblick an das Kartenspiel dachte, was ich in der Gesellschaft gespielt hatte, über dessen Ausgang ich Reflexion machte: so hörte ich im Zimmer ein Klopfen, als wenn Jemand mit einem Finger auf die Leisten der Panelung klopft, obgleich keine Panelung im Zimmer war, und dies Klopfen ging im ganzen Zimmer herum, und war abwechselnd mit einem Geräusche verbunden, das dem ganz ähnlich war, wenn man die eine platte Hand unter der andren stark wegstreicht. – Meine Lage im Bette dabei war mit dem Gesichte gegen die Wand. Ohne daß ich im mindesten dadurch beunruhiget ward, oder nur entfernt den Gedanken hatte, daß dies ein unnatürliches Geräusch, oder gar Vorbedeutungen von meiner kranken Mutter seyn könnten, an die ich auch den Augenblick gar nicht dachte, glaubte [83]ich, es wären Ratten oder Mäuse, und wunderte mich über die große Menge, die im Zimmer seyn müßte, welche ich doch niemals vorher bemerkt hatte, ob ich gleich schon einige Wochen darin logirt hatte. Von diesem Gedanken eingenommen, klopfte es, mit dem bemerkten Geräusch begleitet, an der Wand, dicht vor meinem Gesicht, so daß ich glaubte, weil ich in dem Wahn der Ratten und Mäuse stand, daß mir solche in's Gesicht springen würden. Ich kehrte mich daher im Bette nach der andern Seite hin, und ward darauf in einer Entfernung von einem Schritte von meinem Bette, eine weiße Dunstfigur gewahr, die in einer gebückten Stellung stand (wie auch damals die Stellung meiner kranken Mutter war), mir den Rücken zugekehrt hatte, und mich mit bei Seite gedrehtem Kopf ansahe. Ich erkannte sie sogleich für die Gestalt meiner Mutter, und rief in Bestürzung: Herr Jesus, Mutter! Sie schien dies zu hören, und drehte den Kopf in dem Augenblick weiter, mit einem wehmüthigen Blick, zu mir herum, und ich erkannte deutlich ein violet Band, das sie auf der Nachthaube hatte. Ich fuhr aus dem Bette heraus, stand auf den Füßen, und sie war noch da; in eben dem Augenblick aber floh sie einige Schritte von mir weg, ich sah auf der Stelle, wo sie verschwand, einen Feuerstrahl, der vorne spitz, hinten breit und etwa anderthalb Ellen lang war, entstehen, welcher sich in einem Dunst, wie eine Wolke, auflöste, immer [84]dünner durch seine Ausdehnung ward, bis er gänzlich verschwand. Es war Mondenschein, so daß ich im Zimmer alles unterscheiden konnte. Ich war im Begrif, mich wieder zu Bette zu legen, um keine Unruhe im Hause zu machen, aber es überfiel mich ein so heftiger Schauder, daß ich es für rathsamer hielt, Hülfe zu suchen. Ich hielt es für ausgemacht gewiß, daß meine damals kranke Mutter in dem Augenblick der Erscheinung gestorben sey, bis ich einen Tag nachher durch einen Wagen von dort her, der den Arzt, der hier von einer entfernten Stadt ankam, abholen sollte, vom Gegentheil überzeugt wurde. Meine Tante fuhr zwei Tage nach diesem Vorfall mit dem Arzt zu meiner Mutter, und ich blieb, um mich einigermaßen von diesem Schreck wieder zu erholen und aufzumuntern, noch dort. Auf Befragen des Arztes in Gegenwart meiner Tante, wie sie sich seit seiner Abwesenheit befunden, hat sie alle Zufälle, und die Zeit derselben, genau angeführt, hauptsächlich aber die Nacht, wo ich diese Erscheinung hatte, und die Stunde zwischen ein und zwei Uhr, bemerkt, wo sie äusserst elend gewesen ist, und gewiß geglaubt hätte, zu sterben. Sie hat hierbei ausdrücklich, in Gegenwart des Arztes, ihre Schwester gefragt: ob sie nicht ihr oder mir erschienen sey; sie hätte so sehnlich und stark in den Augenblicken an uns, und besonders an mich, gedacht, und gewünscht, daß ich da seyn mögte, um, wenn sie stürbe, ein Beistand meines Vaters [85]und meiner Geschwister zu seyn. Auch hat sie damals ein violet Band, wie ich es gesehen, um ihre Nachthaube gehabt, und die Wächter haben mir hoch und theuer versichert: daß sie in der Nacht, und um die Zeit, als ich sie gesehen, wie todt gelegen, daß sie keinen Athemzug von ihr gehört, und daher auch schon wirklich geglaubt hätten, daß sie todt wäre, bis sich nach mehrern Minuten solcher wieder eingestellt hätte. Jenes habe ich aus dem eigenen Munde meiner Tante und des Arztes. Sie starb am 20sten Januar dieses Jahres, mithin erst gegen sieben Wochen nach dieser Erscheinung. Dies ist, mein Herr! der Verlauf meiner Geschichte, wobei ich Ihnen die Wahrheit bei Allem, was mir lieb und heilig ist, betheure. Ich bin nicht der Mann, der leichtgläubig oder für dergleichen Geschichten eingenommen ist, und daher habe ich bei mir selbst die genauste Untersuchung angestellt: ob hiezu ein Betrug der Sinne, ein lebhaftes Bild der Imagination*) 1 oder sonst irgend etwas könnte beigetragen haben. Allein ich habe dergleichen nicht bei mir, nur wahrscheinlich, entdecken können. Ich hatte zu Abend wenig gegessen, und gar keinen [86]Wein getrunken, ich hatte den ganzen Tag über nicht an meine Mutter gedacht, ich war nicht im Schlafe, nicht krank, hatte den vollkommenen Gebrauch meiner Sinne, und die Geschichte selbst und die Harmonie aller dabei concurrirenden Umstände heben, wie ich glaube, alle Einwendungen, die man hingegen machen könnte. Aber welcher Philosoph erklärt mir diese Geschichte nach seinen einfachen und zusammengesezten Begriffen von Geist und Körper? Er wird sagen: wie kann der Geist, an den Banden des Körpers gefesselt, ihn verlassen, in einer Entfernung von sieben Meilen in seiner Gestalt erscheinen, und in wenigen Minuten wieder in ihn zurückkehren? Er wird den Kopf schütteln und das Blatt umschlagen. Ich bin nicht böse darüber; aber das würde ich ihm nicht verzeihn können, wenn er mir, da ich mich nie eines Betrugs der Sinne, des Gesichts und Gehörs in einer solchen Nähe erinnern kann, auch bei gesunden Organen nicht möglich ist, ich auch damals in keinem Zustande war, worin solches nur hätte möglich seyn können, wo ich wegen des Winseln des Hundes, und weil ich ziemlich erfroren war, in den Paar Minuten, die ich erst im Bette lag, noch nicht eingeschlafen seyn konnte, auch wahrhaftig, wie ich mir bewußt bin, nicht eingeschlafen war, wo keine Bilder der Imagination vor meiner Seele und Augen schweben konnten, da ich nicht allein in dem Augenblick nicht an meine [87]Mutter dachte, sondern auch den Tag über nicht an sie gedacht hatte, wo das Mondenlicht mich alles genau im Zimmer unterscheiden ließ, wenn er mir, sage ich, mit seiner hier gewiß übelangebrachten Scharfsinnigkeit beweisen wollte, daß ich das nicht gehört und gesehn hätte, was ich doch eben so gewiß versichert bin, gehört und gesehn zu haben, als ich nach einer Stunde überzeugt seyn werde, hier an dieser Stelle geschrieben und das Dintenfaß vor mir gesehn zu haben. Was würde er sagen, wenn er sich anders des vernünftigen Gebrauchs seiner Sinne bewußt ist, wenn ich ihm morgen mit vielen Gründen der Wahrscheinlichkeit (denn mit Gewißheit können wir von dieser Materie wenig behaupten,) beweisen wollte, daß er heute nicht mit mir gesprochen hat, da er doch gewiß weiß, daß er mit mir geredet hat? Doch ich lasse mich in keinen Streit hierüber ein, weil meine Absicht nur ist, Geschichten aus der Erfahrung zu erzählen, deren Wahrheit wenigstens für mich gewisser ist, als die Richtigkeit der Grundsätze alter und neuerer Philosophen über diese Materie.


II.

Im Herbste 1775 trat auf dem Landgute meines Vaters die Ruhr a ein, und da auch einer von meinen Brüdern, ein Knabe von neun Jahren, da-[88]von befallen ward: so wurde ich, in einem Alter von vierzehn in's funfzehnte Jahr, mit noch zweien von meinen Geschwistern zu dem Prediger im Dorfe geschickt, um da so lange zu bleiben, bis auf dem Hofe alles wieder gesund seyn würde. Mein Bruder, der mich insonderheit innigst liebte, starb an dieser Krankheit, uns ward aber sein Tod verheimlicht, und ich erfuhr auch in der That nichts davon. Sieben Tage nach seinem Absterben, als an welchem Tage er des Abends beigesetzt wurde, kam, um etwa drei Uhr Nachmittags, mein Vater nach dem Hause des Predigers, um uns zu besuchen. Unsre erste Frage war nach unserm geliebten Bruder. Der Vater versicherte uns, daß er sich recht wohl befände, und wir ihn gewiß wieder sehn würden; eben dies versicherte uns auch gleich nachher unser Gärtner, in den ich viel Zutrauen setzte, mit den höchsten Betheurungen. Was man wünscht, glaubt man leicht und gerne, und dies war auch mit mir der Fall, ohne daß ich nur den Argwohn gehabt hätte, daß man dies von seinem Zustande in der Ewigkeit verstehe, in dem wir ihn einst wieder sehn würden. Mein Vater verließ uns bald nachher, und mit einem Herzen voll Freude und Ueberzeugung, daß mein Bruder wieder besser wäre, lief ich, um die Kinder des Predigers aufzusuchen, und ihnen diese angenehme Nachricht zu erzählen. Mit diesem Frohsinn trat ich auch in das Zimmer, worin ich mit meinen Geschwistern logirte, an wel-[89]chem eine Kammer lag, die aber keinen Ausgang hatte. Indem ich hereinkam, ward ich eine weisse Dunstfigur gewahr, die die Größe meines Bruders hatte, vor dem Spiegel stand, und die Hände am Kopf in die Höhe hielt. Hierbei muß ich bemerken, daß er die Art hatte, wenn er frisirt war, sich vor dem Spiegel mit beiden Händen zugleich die Locken nach seinem Belieben zu stellen, und auch in eben dieser Stellung fand ich ihn in der Stube vor dem Spiegel. In dem Augenblick aber auch, da ich hereintrat, ließ er die Hände sinken, kehrte mir den Rücken zu, und schwebte vor mir der Kammerthüre zu, die etwa eines Fingers breit offen stand. Gott allein weiß es, wie es kam, daß ich mich in dem Augenblick nicht erschrack, ich weiß auch nicht, was ich dachte; aber ich verfolgte diese Gestalt bis an die Thüre, wo sie sich durch die kleine Oeffnung der Thüre wand, als wenn der Rauch sich irgendwo durchzieht und die Figur der Oeffnung annimmt. Ob es zwar ein stark neblichter Herbsttag war, so war doch das ganze Zimmer so helle und erleuchtet, als wenn an einem schönen Sommertage die brennende Sonne darein scheinet, und dieser Dunstkörper (anders kann ich ihn nicht nennen und beschreiben, denn es war, als wenn eine weiße Lichtwolke vor mir schwebte,) warf an der entgegengesetzten Seite von mir einen so starken dunklen Schatten, wie ein jeder Körper beim starken Sonnenlichte wirft, der sich auf meinem Bette, was da an der [90]Wand stand, der Länge nach zog, und von dem noch etwas zu sehen war, wie der Lichtkörper selbst schon durch die Thüre war, bis er sich völlig nachzog, und darauf auch die Sonnenhelle im Zimmer verschwand. Ich ging auf zwei Schritte hinter drein, ohne jedoch der Figur näher zu kommen, wie ich war, und ohne, wie ich mich genau erinnere, in dem Augenblick dieser Erscheinung an meinen Bruder zu denken, weil ich nicht anders glaubte und wußte, als daß er lebte und gesund wäre. Wie ich an die Kammerthüre kam, durch deren geringe Oeffnung sich jene Figur durchzog, so stieß ich sie auf, und ward die leere Kammer gewahr, die keinen Ausgang hatte. Nun überfiel mich aber auch ein so heftiger Schauder und eine so zitternde Angst, daß ich nicht schnell genug aus diesem Zimmer kommen konnte. Mein erster Gang war in den Garten, um da meinem beklommenen, angstvollen Herzen durch einen Strom von Thränen Luft und Erleichterung zu verschaffen; dann erzählte ich, was mir begegnet sey, woraus ich den für mich überzeugend gewissen Schluß machte, daß diese Erscheinung mein Bruder gewesen, der gestorben sey, der zwar in der Ewigkeit lebte, aber nicht mehr hier für uns. Dies war denn auch die Ursache, warum man uns die Wahrheit seines Todes nicht länger verheelte. Will man hier auch Einwürfe von Schlafen bei Tage im Gehen, von Präoccupation, die vielmehr gerade vom Gegentheil da war, für Bilder der Imagina-[91]tion u.s.f. machen, um die Wahrheit dieser Geschichte in Zweifel zu ziehen? Sind die hier wohl gedenkbar? Unmöglich, mein Herr! kann ich Ihnen die Freude schildern, mit der ich durch diese Erfahrung von dem wichtigsten Gegenstande unserer Religion, von dem Glück unsrer Bestimmung, von dem großen Werthe unsrer selbst, ich meine von der Unsterblichkeit unsrer Seele und unsrem Leben unmittelbar nach dem Tode, noch mehr und aufs vollkommenste überzeugt bin. Wollte Gott! alle Menschen hätten hiervon eine eben so starke Ueberzeugung, und die Welt wäre besser.

Ich habe die Ehre, mich hochachtungsvoll zu nennen

Ew. Wohlgebohren

M– im M–schen,
den 20ten Decemb. 1787.

ergebener Diener
C. C. F. von F–,
Legationsrath.

Anmerkung.

Ueber vorstehenden Brief des Herrn Legationsrath von F– an Herrn Prof. Moritz, werde ich mich in einem der nächstfolgenden Stücke der Erfahrungsseelenkunde näher erklären. Ueberhaupt aber wünschte ich, daß man bei Mittheilung dergleichen sonderbarer Phänomene der menschlichen Einbildungskraft gänzlich Nachricht gäbe, welchen Einfluß auf die gehabten Vor-[92]stellungen Erziehung, Leidenschaften, Volksmeinungen, Neigung zur Schwärmerey, körperliche und andere Localumstände haben mögten; denn eben deswegen wird es schwer, manche erzählte sonderbare Facta zu erklären, weil man nicht von allen Veranlassungen dazu, vom innern und äussern, und den jedesmaligen Gemüthslagen des Selbstbeobachters genug unterrichtet ist. Doch vorher erzählte Erscheinungen sind leicht zu erklären.

P.

Fußnoten:

1: *) und ein Betrug der Sinne – sonderlich beim Mondenschein, der schon so viel Geistererscheinungen veranlaßt hat – ein lebhaftes Bild der Imagination, war es doch wohl, und nichts anders.
P.

Erläuterungen:

a: "Eine Krankheit bey Menschen und Thieren, welche in einem ungewöhnlich heftigen und dünnen Bauchflusse bestehet [...]Die weiße Ruhr, ein solcher Bauchfluß von gewöhnlicher Farbe, wo die verdaueten Speisen dünn und wässerig fortgehen, und der bey Menschen am häufigsten der Durchfall, Durchlauf, die Diarrhee genannt wird. Die rothe Ruhr [...] wenn unter empfindlichen Schmerzen Blut mit abgehet; die Dysenterie" (Adelung 1811,Adelung 1811, Bd. 3, Sp. 1206).

3.

Beurtheilung einiger Fälle von vermeinten Ahndungen.

Pockels, C. F.

Es giebt wohl wenige Menschen, die nicht wenigstens einmal eine Ahndung in ihrem Leben gehabt zu haben glauben sollten. Sehr viele – und nicht bloß Frauenzimmer – meinen bei jeder wichtigen (oft auch sehr unwichtigen) Veränderung ihrer Schicksale, oder auch der Schicksale ihrer Freunde und Verwandten, ein gewisses vorhersagendes Gefühl in sich wahrzunehmen, und wissen auch davon hunderterlei artige, zum Theil grausenvolle, Histörchen mit der ernsthaftesten Miene der Ueberzeugung zu erzählen, – so sehr sie auch ihrer Quelle, der Ammen und Kinderstube, ähnlich sehen mögen. Je mehr man die Meinung dieser Ahndungsjäger zu [93]widerlegen sucht, je dreister berufen sie sich immer auf ihr Gefühl – als ob es das untrüglichste Ding von der Welt sey – und den eingetroffenen Erfolg, ohne zu untersuchen, was Einbildung und Zufall dazu beigetragen hat, und wie schwer sich überhaupt ein Ahndungsvermögen mit der Natur unsrer Seele und der bekannten Art ihrer Ideenentwickelung vereinigen läßt. Jener Glaube findet um so viel leichter Beifall, – weil ihn der Großvater und die Großmutter gehabt haben, weil er das Gemüth vermöge des Wunderbaren erschüttert, weil er der Einbildungskraft jedesmal eine neue Schwungkraft giebt, weil er von vernünftigen Leuten vertheidigt wird, und weil man ihn, wie mehr dergleichen Dinge, für unschädlich hält. Allein jeder Irrthum ist wenigstens insofern schädlich, als an seiner Stelle keine Wahrheit steht, – und jener Glaube an ein nicht vorhandenes Gespenst ist es um so mehr, da er so viele Menschen mit einer unnöthigen Furcht anfällt, sie leicht zu abergläubigen Grillen, und zu dem Wahn eines unmittelbaren Einflusses höherer geistiger Wesen auf unsre Vorstellungen verleitet, und so manche andre locale Uebel stiftet. Leute, denen die Aufklärung des menschlichen Verstandes am Herzen liegt, und was sollte uns allen mehr am Herzen liegen! sollten daher Beispiele von vermeinten Ahndungen nicht in öffentlichen Blättern, ohne genaue psychologische Untersuchungen jener Fälle, bekannt machen.

[94]

Im 7ten Stück des beliebten Journals von und für Teutschland (1787) sind ein Paar Ahndungsgeschichtchen erzählt, S. 93. ff., a deren Untersuchung den Lesern dieses Magazins vielleicht nicht unangenehm seyn dürfte, da bisher darin so viel über Ahndungen und Ahndungsvermögen vorgekommen, und dieses Feld der Psychologie von den Herren Herausgebern neuerlich mehr wie jemals bearbeitet worden ist. Die erste Geschichte, für deren Authenticität, so wie für die der folgenden, der anonymische Einsender oder die Einsenderin mit allem einstehen will, was ihm oder ihr lieb ist, lautet also:

»Ein in meinen Diensten stehendes Mädgen erwachte vor einigen Tagen mit einem beklemmten Herzen, und äusserte sich beim Theetrinken gegen seine Mitbedienten dahin, wie es äusserst niedergeschlagen sey – wie es nichts mehr wünsche, als sich in der Einsamkeit satt weinen zu können, und wie es fürchte, daß es heute unangenehme Nachrichten erhalten mögte. Nach Verlauf einer Stunde kommt ein Jude, der mit Waaren im Lande umherwandelt, und bringt dem Mädgen von einer, einige Meilen von hier wohnenden, Schwester einen Gruß. Nach einiger Hin- und Wiederrede fragt er: »ob es wohl wisse, daß ein junger Mensch der die Kinder der Schwester unterrichte, sehr krank sey?« – »Das nicht,« antwortete das [95]Mädgen; »aber krank, sehr krank? So ist er wohl schon todt.« »So ist's,« antwortete der Jude, und geht, und das Mädgen, das den Informator, einen jungen vierundzwanzigjährigen dem Anschein nach völlig gesunden Mann, vor einigen Wochen noch gesehen, und vielleicht nicht ohne Rührung gesehen, seitdem aber nicht das mindeste von ihm gehört hatte, erfährt von dem zurückgerufenen Unglücksboten, daß ihr Freund vom Schlagfluß gerührt und nach einem achttägigen Lager gestorben sey.«

Das wäre also die erste Erzählung, die freilich noch eine bessere Form einer Ahndung haben würde, wenn’s dem Mädgen gefällig gewesen wäre, grade an dem Tage eine Ahndung zu haben, als ihr Freund gestorben ist; doch die Ahndung sollte sich ja nur auf die Hiobspost des Juden beziehen. Das Factum mag wohl seine ganze Richtigkeit haben; aber man muß mehr als leichtgläubig seyn, wenn man die vorhergegangene Traurigkeit des Mädgens geradezu für nichts anders als eine Ahndung über irgend eine nahe bevorstehende traurige Nachricht halten will. – Welch ein unlogischer Schluß: »weil jemand eine Traurigkeit empfindet, und deswegen etwas Unangenehmes erwartet, ohne zu wissen, was das Unangenehme seyn wird: so muß die Traurigkeit eine nothwendige Vorbedeutung des Übels seyn« – Wie unendlich viel Ursachen kann [96]eine gewisse schwermüthige Laune des Gemüths haben, und wie leicht pflegen wir dann etwas Böses zu argwohnen, wenn es in unsrer Seele finster aussieht, wie man an jedem Hypochondristen sehen kann. Was ist ohnedas gewöhnlicher, als daß ein junges Mädgen mit einem beklemmten Herzen erwacht, eine unwillkührliche Neigung zum Weinen empfindet, und bei der besorglichen Gemüthsart des andern Geschlechts dann allerley bevorstehende unangenehme Zufälle sogleich zu muthmaßen anfängt. Wenn dies Ahndung heißt, so haben die Menschen alle Augenblicke Ahndungen. Daß zufälliger Weise unter den unzähligen Uebeln, womit das menschliche Leben umgeben ist, auch einmal eins in Erfüllung geht, daß nun grade von ungefähr der Jude kommen mußte, und die Nachricht von dem Tode des jungen Gelehrten überbrachte, (wäre ein anderer unangenehmer Zufall geschehen: so würde man wieder auf den die Traurigkeit des Mädgens bezogen haben,) kann doch wohl als kein richtiger Beweis von einer geschehenen Ahndung angesehen werden, zumal da jene üble und finstre Laune gewiß aus körperlichen Empfindungen herrühren mogte, die so oft uns eine heimliche Wehmuth einflößen; – aber nichts weiter zu bedeuten haben, als daß sie – bald wieder vorübergehn werden. Weil ängstliche Leute alle Augenblicke unangenehme Zufälle argwohnen: so haben daher auch diese gemeiniglich die meisten Ahndungen, und bei einer beständigen [97]Furchtsamkeit vor Uebeln mag man dann hinterher so manches geahndet zu haben wähnen, wenn es nach dem natürlichen Laufe der Dinge sich natürlich zuzutragen pflegte.

Die andre Erzählung hält eben so wenig eine genaue Prüfung aus. Hier ist sie:

»Vor einigen Wochen geht der Graf v. O–, ein sehr aufgeklärter und einsichtsvoller Minister, in's Bad. Als er nach Haus reisen will, trägt er einem Verwandten, der etwas früher abgeht, auf, ihm in einem Gasthofe ein Paar Zimmer, aber durchaus nicht die nämlichen, die ihm bei seiner Hinreise angewiesen worden, zu bestellen. Die Frage, was er gegen diese Zimmer einzuwenden habe, beantwortet der Graf dahin: wie er etwas gegen selbige habe, das er sich selbst nicht erklären könne. Der Verwandte begnügt sich mit dieser Antwort, richtet den ihm mitgegebenen Auftrag aus, und bezieht die Zimmer selbst, die sich sein Oheim verbeten hat. Nach einigen Tagen aber wird er in selbigen krank, und als der Graf ankommt, erfährt er, daß sein Vetter in denselben gestorben und bereits begraben sey.« –

Daß der Graf einen Widerwillen gegen die vorerwähnten Zimmer hatte, konnte ja aus mehrern Ursachen, als aus einer Art Vorgefühl von dem Tode seines Vetters, herrühren. Wer auf den [99]oft so sonderbaren Wechsel unsrer Empfindungen und Launen Acht giebt, wird sehr leicht bemerken, daß uns eine gewisse Sache, ein Haus, eine Gegend, durchaus nicht gefällt, ob wir gleich die Ursache davon nicht deutlich anzugeben wissen. Wahrscheinlich entstehn dergleichen Empfindungen aus einer dunklen Schlußfolge der menschlichen Seele, indem sie den gegenwärtigen unangenehmen Gegenstand mit einem andern unangenehmen Object schnell vergleicht, und das Resultat der Vergleichung zu einer unbehaglichen, widerspenstigen Empfindung umschafft; oder sie betrachtet das Object in einer finstern, übellaunigen Gemüthsstimmung überhaupt. Eins von beiden konnte in diesem erzählten Phänomen mit dem Grafen der Fall seyn. Daß der Vetter stirbt, in den nämlichen Zimmern stirbt, die dem Graf nicht gefallen wollten, war ein Zufall. Es bleibt doch wohl nach psychologischen Erfahrungsgesetzen ausgemacht, daß ohne eine wenigstens dunkle Vorstellung von etwas Unangenehmen, die Seele keinen Widerwillen dagegen fassen kann.

P.

Erläuterungen:

a: Journal 1787

[99]

Nachtrag.

Auszug aus dem Leben H. Cardans.

Pockels, C. F.

In psychologischer Rücksicht.

Hieronymus Cardan, ein Mailändischer Arzt, gehört unstreitig zu den sonderbarsten und seltsamsten Menschen, die es je gegeben hat. Bayle rechnet ihn zu den größten Männern seiner Zeit, und seine große Menge, zum Theil mit vielem Scharfsinn ausgearbeiteten, Werke*) 1 zeigen offenbar, daß er ein Mann von einer sehr ausgebreiteten Gelehrsamkeit und ein großer, sinnreicher Kopf gewesen sey; ob es gleich fast unerklärbar scheint, wie eben dieser Mann von einer Menge der sonderbarsten Grillen und der paradoxesten Meinungen so sehr eingenommen seyn konnte, daß er sie mit dem vollkommensten Ernst lebenslang vertheidigte. Er hat sein eigenes Leben, die ganz sonderbaren Schicksale, die er erlebt, sein ganz eigenes und bizarres Temperament, seine Tugenden und Fehler, und die mannigfaltigen schwärmerischen Grillen seiner Einbildungs-[100]kraft mit einer gewissenhaften Genauigkeit in einem besondern Buche, de Vita propria b betitelt, beschrieben, und dieses merkwürdige Buch ist es, aus welchem ich hier wegen der Sonderbarkeit des Verfassers, der bei aller Größe des Geistes, bei allem Scharfsinn des Verstandes, sich oft einer Art Wahnwitz nähert, einen für die Seelenkunde passenden Auszug liefern will. So schwer sich übrigens das schlechte, abgebrochene und unleidliche Latein, worin seine meisten Werke abgefaßt sind, übersetzen läßt: so glaub' ich doch fast immer den Sinn des Verfassers richtig getroffen zu haben.

Doch vorher erst einiges von seinem Leben überhaupt, damit man seine folgenden Confessionen, die gewiß viel sonderbarer als die Rousseauischen sind, desto richtiger verstehen und übersehen kann.


Hieronymus Cardan war zu Pavia den 24ten des Herbstmonats 1501 geboren. Man weiß nicht gewiß, ob seine Mutter mit seinem Vater verheiratet oder nur seine Maitresse gewesen ist; so viel erfuhr nachher Cardan selbst, daß sie, während ihrer Schwangerschaft mit ihm, Arzeneien genommen hatte, um die Frucht abzutreiben, was aber nicht gelingen wollte. Sie lag drei Tage in Kindesnöthen, und das Kind, womit sie schwanger ging, mußte mit Gewalt von ihr gerissen werden. – [101]Wahrscheinlich lag in allen diesen Umständen mit ein früher physiologischer Grund seines äußerst seltsamen und bizarren Charakters. – Als er auf die Welt kam, war sein Kopf schon mit krausen und schwarzen Haaren bewachsen. Im vierten Jahre seines Lebens wurde er nach Mailand gebracht, wo sein Vater Sachwalter war. Im siebenten Jahre fiel er in eine gefährliche Krankheit, wobei ihn sein Vater dem heiligen Hieronymus widmete, und diesmal lieber zu diesem Heiligen, als zu seinem Schutzgeist, den er zu besitzen sich öffentlich rühmte, desgleichen auch hernach Cardan selbst that, seine Zuflucht nehmen wollte. Im zwanzigsten Jahre ging er, um den Wissenschaften obzuliegen, nach Pavia, legte sich vornehmlich auf Mathematik, und erklärte zwei Jahr darauf den Euclid. Anno 1524 ging er nach Padua, erhielt noch im nämlichen Jahre den Titel eines Lehrers der freien Künste, und am Ende des Jahrs 1525 den eines Doctors in der Arzneikunde. 1531 verheirathete er sich, da er nach seinem kläglichen Geständnisse die vorhergehenden zehn Jahre zum Ehestande völlig untauglich gewesen war. In seinem drei und dreißigsten Jahre ward er Professor der Mathematik in Mailand. 1539 ward er in das Collegium der Aerzte zu Mailand aufgenommen, und 1543 lehrte er die Medicin in dieser Stadt öffentlich. Im folgenden Jahre las er Collegia medica zu Pavia; allein er hörte am Ende des Jahrs damit auf, weil man ihm seine Besol-[102]dung nicht bezahlte, und ging nach Mailand zurück. 1547 schlug er eine vortheilhafte Bedienung ab, die ihm der König von Dänemark anbot.*) 2 1552 reiste er nach Schottland, und kam nach Verlauf von ungefähr zehn Monaten nach Mailand zurück. Er blieb in dieser Stadt bis er zu Anfange des Weinmonats 1559 nach Pavia ging, von da er 1562 nach Bononien berufen ward. Er lehrte hieselbst bis 1570, in welchem Jahre man ihn gefangen setzte, doch wurde er nach einigen Monaten wieder in sein Haus gebracht, ob er auch gleich hier einige Zeit Arrest hatte. 1571 ging er von Bononien weg, und begab sich als Privatmann nach Rom. Er wurde in das Collegium der Aerzte daselbst aufgenommen, und genoß vom Pabst bis an's Ende seines Lebens eine Pension; er starb daselbst 1575, wie Scaliger glaubte, vor Aerger über ein Buch, welches er wider den Cardan schrieb. c Das übrige hiervon, wie einige andre literarische Nachrichten über den Cardan, kann man in Bayle's Wörterbuch, im Artikel: Cardan, nachlesen. d Schon aus diesem kurzen Abrisse des Lebens dieses Mannes kann man die große Veränderlichkeit seines Temperaments, worüber er sich unten weiter ausläßt, ersehen. Aber dies ist nicht die einzige Sonderbarkeit, die wir an ihm zu bemerken haben. [103]Seine sonderbare Hypochondrie, seine bizarren Grillen, seine schwärmerische Einbildungskraft, seine paradoxen Meinungen, seine wunderbaren Schicksale, und seine ganze Denk- und Lebensart stellen uns ihn als einen der größten Sonderlinge auf, die es je gegeben hat, und dessen Leben ein in der That sehr wichtiger Beitrag zur Naturkunde der menschlichen Seele ist. Er mag sich von nun an selbst schildern.


In der Vorrede zu seiner Lebensbeschreibung sagt er, daß er nach dem Beispiel des weisesten und vortreflichsten Mannes, des Antoninus Philosophus, auch sein Leben beschreiben wolle, worüber er vom Bayle getadelt wird, indem jenes Buch des Antonins nicht eine Biographie, sondern eine Sammlung moralischer Grundsätze sey. Cardan versichert, daß er nichts aus Prahlerei hinzugesetzt, nichts um seinen Gegenstand zu verschönern geschrieben, sondern allein die Wahrheit immer vor Augen gehabt habe, weshalb er sich auf damals vorhandene Zeugen beruft. Er entschuldigt sich am Ende der Vorrede nochmals dadurch, daß der Versuch, sein eigenes Leben zu beschreiben, nicht neu sey, sondern mehrere schon dergleichen vor ihm gethan hätten.

Im ersten Kapitel seiner Biographie selbst, beschreibt er sein Vaterland und seine Vorfahren, was [104]wir ganz übergehn können, weil es nichts merkwürdiges für den Psychologen enthält, und weil viel wichtigere Dinge in jener Biographie vorkommen. Das zweite Kapitel handelt von seiner Geburt; und hier lernt man schon einigermaßen den Mann nach seinen astrologischen Grillen, welche in damaligen Zeiten einen Theil der mathematischen und physischen gelehrten Kenntnisse ausmachten, kennen. Er findet in der Constellation der Gestirne, daß er gar leicht als ein Monstrum hätte geboren werden können, welches aber dadurch verhütet worden sey, weil bei seiner Geburt grade die Sonne, Venus und Mercur in menschlichen Zeichen gestanden hätten. Da, fährt er fort, der Jupiter im Aufsteigen, und Venus die Beherrscherinn des ganzen Zeichens war: so wurde ich bloß in Absicht meiner männlichen Glieder verwahrlost, so daß ich von meinem 21ten bis in's 31ste Jahr meines Lebens zum ehelichen Umgange untauglich war, mein Schicksal oft beweinte, und andere, die glücklicher als ich waren, beneidete. Aus eben jener Constellation der Himmelszeichen leitet er seinen niedrigen Stand, seine lispelnde Sprache, seine schnelle und überraschende Divinationskraft und andre Prophezeihungsgaben her. Nach jener Constellation, obgleich aus mir hätte etwas werden können, heißt es ferner, blieb mir nichts als eine gewisse Verschlagenheit und Sklaverei des Gemüths übrig, ward ich ein Mann, der nach abgebrochenen und unerlaubten Entschlüssen han-[105]delte, – kurz ein Mensch, dem es an körperlichen Kräften fehlte, wenig Freunde, ein kleines Erbtheil, viel Feinde hatte, deren größten Theil ich weder dem Namen, noch dem Gesichte nach kenne, der keine Lebensklugheit, ein schwaches Gedächtniß, aber doch eine beßre Vorsichtigkeit besaß, so daß ich nicht begreifen kann, wie ein Zustand, der meiner Familie und den Vorfahren Schande machte, für rühmlich und beneidenswerth hat angesehen werden können. »Mein Vater, sagt er im dritten Kapitel, trug wider die Gewohnheit der Stadt einen Purpurrock, ob er gleich eine schwarze Parucke beibehielt. Er stammelte, war ein Freund verschiedener Wissenschaften, roth vom Gesicht, und hatte weiße Augen, womit er auch des Nachts sehen konnte. Die Worte: »omnis spiritus laudet Dominum, quia ipse est fons omnium virtutum,« hatte er immer im Munde. Bei einer Kopfwunde waren ihm in seiner Jugend die Scheitelknochen weggenommen worden, so daß er, ohne sein Haupt zu bedecken, nicht lange aushalten konnte. Von seinem vierten Jahre an hatten ihm alle Zähne gefehlt. Er studirte fleißig den Euclid, hatte krumme Schultern, und einen einzigen vertrauten Freund, ob sie gleich beide ganz verschiedene Studien trieben. – Meine Mutter war zum Jähzorn geneigt, hatte ein vortrefliches Gedächtniß und einen guten Kopf, war kleiner Statur, fett und andächtig. Beide Aeltern waren von zornigem Tem-[106]peramente, und unbeständig in der Liebe gegen ihren Sohn; doch hatten sie Nachsicht mit mir, so daß mein Vater erlaubte, ja sogar befahl, daß ich vor der zweiten Stunde des Tages nicht vom Bette aufstehen sollte, welches auf mein Leben und Gesundheit einen wohlthätigen Einfluß gehabt hat.«

Kap. 4. enthält einen kurzen Abriß seines ganzen Lebens, wie wir ihn gleich anfangs geliefert haben. Cardan bekam schon in den ersten Wochen seines Lebens einige Pestcarfunkeln; durch ein Bad in heißem Essig wird er curirt. Seine Aeltern schlagen ihn in den vier ersten Jahren seines Lebens oft so sehr, daß er oft in Gefahr zu sterben gerieth. Von seinem siebenten Jahre an beschliessen sie, ihn sanfter zu behandeln; aber sein Schicksal wird dadurch nicht sehr verbessert: er muß bei seinem schwächlichen Körper, und in dem zarten Alter seinen Vater fast stets begleiten, wodurch der arme Cardan in neue körperliche Schwächlichkeiten fällt, so daß man ihn schon einmal als einen Todten beweint. Sein Vater widmet ihn in einem Gelübde dem heiligen Hieronymus, und nicht seinem Dämon, den er zu haben glaubte. Cardan ist kaum wieder besser, so stürzt er mit einem Hammer eine Treppe herunter, und zerbricht den obersten linken Stirnknochen, davon er zeitlebens eine Narbe behält: auch von diesem Uebel ist er kaum geheilt, als ein Stein von einem benachbarten hohen Dache ihm auf den Kopf [107]stürzt. Sein Vater fährt fort, ihn auf eine grausame Art überall als einen Sklaven mit sich zu führen. Ein reicher Vetter will den Cardan zu seinem Universalerben einsetzen, aber Cardans Vater verhindert es, indem es unrechtmässig erworbenes Gut sey. In seinem fünfundzwanzigsten Jahre verliert er seinen Vater. Im einunddreissigsten verheiratet er sich, und erzeugt mit seinem Weibe zwei Knaben und eine Tochter.

Im fünften Kapitel beschreibt er seine körperliche Gestalt und übrigen Leibesbeschaffenheiten mit der pünktlichsten Genauigkeit. Im sechsten redet er von seinen kläglichen Gesundheitsumständen. Es ist erstaunlich, mit wie vielen Krankheiten und körperlichen Schwachheiten der grosse Mann lebenslang zu kämpfen hatte. Er war nie ganz gesund*) 3, und dies mußte nothwendig seiner ganzen Denk- und Handlungsart etwas Eigenthümliches geben. Sehr sonderbar, und vielleicht einzig in ihrer Art, ist folgende hierher gehörige Stelle. »Ich hatte, sagt er, die Gewohnheit, worüber sich die meisten verwundert haben, daß, wenn ich keine Ursachen des Schmerzes hatte, ich dergleichen selbst aufsuchte. Dadurch ging ich gemeiniglich den Krankheit erregenden Ursachen entge- [108] gen, indem ich glaubte, daß das Vergnügen in dem vorhergestillten Schmerz bestehe, und daß, wenn derselbe willkürlich sey, er auch leicht gestillt werden könne, und da ich an mir wahrnehme, daß ich niemals vom Schmerz ganz frey seyn kann: so entsteht, wenn dies einmal geschieht, ein so beschwerlicher Gemüthsdrang in mir, der nicht heftiger seyn kann, so daß der Schmerz, oder eine Ursach des Schmerzes, vorausgesetzt, daß sie nicht schändlich und gefahrvoll ist, lange nicht so schlimm ist, als jener Drang, den ich im schmerzenlosen Zustande empfinde. Daher habe ich nun Mittel, mich selbst zu quälen, erfunden. Ich beisse mich nämlich in die Lippe, ich zerstosse die Finger, kneife mich in die Haut und in den linken Armmuskel, bis ich zu weinen anfange, vermöge welcher Mittel ich noch ohne Schaden fortlebe. Ich habe eine natürliche Furcht vor hohen Oertern, wenn sie auch noch so breit sind, und vor solchen, wo ich wegen der tollen Hundskrankheit Verdacht habe. Bisweilen habe ich auch an der heroischen Liebe krank gelegen, so daß ich mich selbst umzubringen gedachte; aber ich vermuthe, daß dies auch andern begegnet sey, ob sie es gleich nicht in Büchern aufzeichnen.«

Im siebenten Kapitel redet er von seinen Leibesübungen folgendergestalt. »Vom Anfang an habe [109]ich alle Arten der Fechtkunst getrieben. Ich focht mit dem Degen allein, und mit einem länglichen, runden, grossen oder kleinen Schilde, wie man's haben wollte, und sprang sehr leicht mit einem Dolche und Degen, mit Spieß, Säbel und Mantel auf ein hölzernes Pferd. Ich verstand unbewaffnet dem andern einen bloßen Dolch aus der Hand zu reissen, ich übte mich im Laufen und Springen, worin ich's sehr weit gebracht hatte, und weiter als im Fechten, weil mir die Natur sehr kleine Arme gegeben. Im Reiten, Schwimmen und Gewehrlosbrennen war ich hingegen furchtsam, – so wie dies letzte überhaupt mein Naturfehler war. – Des Nachts ging ich selbst wider die Befehle der Fürsten in den Städten bewaffnet herum, wo ich mich aufhielt. Des Tages trug ich bleierne Soolen von acht Pfund, und des Nachts einen schwarzen Schleier über das Gesicht. Viele Tage hindurch übte ich mich vom frühesten Morgen bis gegen Abend in den Waffen, trieb dann vom Schweisse naß Musik, und schwärmte bis an den hellen Morgen öfters herum.« – –

Das achte Kapitel handelt von seiner Lebensart, in Absicht auf Schlaf, Speise und Trank. Auch hier beschreibt Cardan alles mit der größten Genauigkeit, welches wir aber füglich übergehn können, ob gleich auch hier der gelehrte Sonderling überall hervorschimmert.

[110]

Kap. 9. Von Verewigung seines Namens. Hier stellt Cardan die ernsthaftesten Betrachtungen an, ob es wohl der Mühe werth sey, sich bei der Nichtigkeit und Vergänglichkeit aller Dinge einen unsterblichen Namen zu machen. Alle äußre Vorzüge, um sich zu verewigen, fehlen ihm; weder Reichthümer, noch Gewalt, noch eine feste Gesundheit, nicht Familie und eigene Thätigkeit liessen ihm eine Hoffnung dazu übrig, – und doch bleibt sein Verlangen nach einem unsterblichen Namen immer gleich stark. Er entschließt sich, ein – Schriftsteller zu werden; aber auch der Schriftsteller Ruhm scheint ihm ein sehr unsicheres, vergängliches Ding zu seyn, – scheint viel zu viel Aufopferungen zu erfordern. – Beim Haschen nach Schriftsteller-Ehre, sagt er vortreflich (was alle Schriftsteller sich fein merken sollten!), wird dich deine Hoffnung peinigen, deine Aengstlichkeit martern, du wirst von Arbeiten entkräftet werden, und jeden übrigen Reiz des Lebens verlieren. Er untersucht ferner, was endlich die Helden der Vorzeit durch ihre mühsamen und ehrsüchtigen Plane gewonnen haben. – Aus allem vorhergehenden zieht er nun das Resultat: Wenn die Seele unsterblich ist, wozu das Gepränge von Namen; geht sie unter, wozu nützen sie? Wenn die Zeugung der Geschöpfe einmal aufhört: so werden jene Namen auch alle ihr Ende erreichen. »Es ist also kein Wunder, setzt er hinzu, daß ich aus einer Art Zwang von Ruhmbegierde [111]angefeuert werde, – und doch blieb diese alberne Begierde in mir zurück. Aeussern Ruhm und Ehre habe ich demungeachtet nicht sehr begehrt; ja sogar verachtet. Ich wünschte, daß meine Existenz bekannt sey, nicht was und wie ich grade sey. – Soviel es erlaubt war, habe ich mir selbst gelebt, und habe aus Hoffnung künftiger Dinge das Gegenwärtige verachtet.« Kurz, der Wunsch zu einer Art Fortexistenz scheint ihm am Ende doch sehr natürlich zu seyn, da er lobenswürdig bleibt.

Das zehnte Kapitel handelt von der Einrichtung seines Lebens. »Ich habe mein Leben, sagt er, so eingerichtet, nicht wie ich's gewollt, sondern wie es mir erlaubt war; habe auch nicht die Lebensart gewählt, die ich wählen sollte, sondern wovon ich glaubte, daß es die bessere seyn würde. Auch wählte ich nicht eine und die nämliche Art des Lebens, da alles gefahrvoll, lästig und unvollkommen in der Welt ist, sondern welche mir zu jeder Zeit grade die bequemste schien. Daher ist es dann gekommen, daß man mich für einen unbeständigen, veränderlichen Mann gehalten hat; denn das ist ganz natürlich, daß die, welche keine gewisse und festgesetzte Lebensart beobachten, mehrere Plane versuchen, und verschiedene schiefe Wege einschlagen. Die eigentliche Absicht meiner Handlungen war, mich auf irgend eine Art zu verewigen. Reichthümer, Ehrenstellen, Macht und Ansehn waren nicht [112] mein eigentlicher Wunsch. Auch standen mir hierbei die Schicksale und Zufälle meines Lebens, meine Nebenbuhler, die Beschaffenheit der Zeit, und meine Unwissenheit selbst im Wege. Es fehlten mir zu jenen Dingen alle Hülfsmittel; auch dadurch wurde ich von ihnen zurückgehalten, daß ich nach meiner damaligen astrologischen Kenntniß, wie es mir und andern schien, gewiß nicht das fünfundvierzigste Jahr meines Lebens erreichen würde. Unterdessen überließ ich mich füglich den Vergnügungen und der Nothwendigkeit, indem ich so recht zu leben dachte; vernachlässigte, wegen der schlechten Hoffnung, die wirklichen Dinge, verirrte mich in meinen Gedanken, und fehlte öfters in meinen Handlungen, bis ich endlich in meinem dreiundvierzigsten Jahre, welches das lezte meines Lebens seyn sollte, erst zu leben anfing.«

»Ich ergab mich den Vergnügungen, wanderte in den schattigten Gegenden ausserhalb den Mauern der Stadt umher; schmauste zu Mittag, trieb darauf Musik, fischte neben den Haynen und denen der Stadt nahe liegenden Wäldern; studirte, schrieb, und kam dann Abends wieder nach Hause.« Dieses fröliche Leben dauerte, nach Cardans eigenem Geständniß, sechs Jahre lang. Neue Leiden lagern sich um ihn her. Das Unglück seines ältesten Sohns fängt an, ihn vorzüglich zu drücken (welcher sein Weib mit Gift hatte vergeben wollen, und deswe- [113] gen im Gefängniß hingerichtet wurde). »Gewisse Magistratspersonen, sagt er, haben bekannt, daß sie meinen Sohn deswegen zum Tode verurtheilt hätten, damit ich in meinem Schmerz umkommen, oder meinen Verstand verlieren mögte; wie wenig ich von dem einen oder dem andern entfernt gewesen bin, und ich an seinem Orte erzählen will, mögen die Götter wissen; – aber meine Feinde erreichten ihre Absicht nicht.« Er will für seinen unglücklichen Sohn eine Apologie schreiben; die Hauptgedanken dazu hat er im gegenwärtigen Kapitel entworfen, welche sehr deutlich zeigen, wie ängstlich und zärtlich der unglückliche Vater bemüht war, seinen Sohn zu retten. Aber vergeblich! und den Tod desselben rechnet er zu einem der vorzüglichsten Leiden seines väterlichen Herzens.

Kap. 11. de prudentia enthält einige vortrefliche Lebensregeln, und Anweisungen zu einer practischen Klugheit, worin er sich als einen schlechten Meister bekennt, die aber nicht hierher gehören.

Kap. 12. redet er von seiner heftigen Disputierliebe, so daß keiner mit ihm in gelehrten Gezänken hat auskommen können, welches wir auch übergehn können.

Viel merkwürdiger und für die Seelenlehre wichtiger ist das folgende dreizehnte und vierzehnte Kapitel seiner Lebensbeschreibung. Er schildert darin [114]seine Sitten, Gemüthsgebrechen, seine Irrthümer, seine Tugenden und Standhaftigkeit ganz in dem Geschmacke eines Montagne und Rousseau, und läßt uns dadurch tiefe Blicke in die Natur unsrer Empfindungen thun. Er hält uns dadurch einen Spiegel vor, in welchem jeder wenigstens einen Theil seiner Gestalt erblicken kann.

»Ich kenne mich sehr wohl, fährt er nach einer kurzen Einleitung über das Studium seiner selbst, oder das γνώϑι ςεαυτόν fort. Ich bin von Natur zum Jähzorn geneigt, bin einfältig, der Wollust ergeben. Hieraus sind andere Fehler geflossen. Ich bin grausam, starrsinnig, roh und hart, unvorsichtig, hitzig, und empfinde ein über meine Kräfte steigendes Verlangen zur Rache, und eine Geneigtheit, daß mir das gefällt, was andre verwerfen, daß ich mich wenigstens so ausdrücke, als wenn mir's gefiele. – Die Rache ist süsser als das Leben selbst. – Ich mache keine Ausnahme von dem Satz, daß unsre Natur zu allem Bösen geneigt ist; ob ich gleich die Wahrheit rede, eingedenk genossener Wohlthaten, ein Freund der Gerechtigkeit und der Meinen, ein Verächter des Geldes, begierig auf Ruhm nach dem Tode bin, und alles Mittelmäßige, des Kleinen nicht zu gedenken, zu verachten pflege. – – Von Natur bin ich zu allen Lastern, zu allem Bösen geneigt. Ausser meinem Ehrgeitz kenne ich meine Unwissenheit als einer. Aus Hochach-[115]tung gegen Gott, und weil ich weiß, wie eitel und vergänglich alles ist, bediene ich mich der gegebenen Gelegenheiten der Rache mit Vorbedacht nicht. Ich bin kalten Herzens, furchtsam und habe ein hitziges Gehirn; bin immer in Gedanken, indem ich stets über viele äusserst wichtige, und selbst unmögliche Dinge nachdenke. Ich kann auch meine Aufmerksamkeit auf zwei Sachen zu gleicher Zeit wenden. Die, welche mir eine Schwazhaftigkeit und ein Uebermaaß in meinen Lobpreisungen Schuld geben, beschuldigen mich ganz fremder Fehler. Ich greife keinen an, ich vertheidige mich bloß. Warum sollte ich mich auch darum bekümmern, da ich so oft von der Nichtigkeit des Lebens Zeuge gewesen bin? – Ich habe mir angewöhnt, meinem Gesicht immer eine andere Gestalt zu geben; daher kann ich mich anders zeigen, als ich's meine, ob ich gleich nicht zu heucheln verstehe. Doch ist dies leicht, wenn es zu der Seelenstimmung, nichts zu hoffen, etwas beiträgt, welche ich seit funfzehn Jahren auf's mühsamste zu erlangen gesucht, und endlich erreicht habe. Dieserwegen gehe ich bisweilen in Lumpen, bald geschmückt umher, bin bald still, bald geschwätzig, bald frölich, dann wieder traurig. In meiner Jugend habe ich mich wenig um die Ausschmückung meines Kopfes bekümmert, weil ich von einer Begierde, mich auf wichtigere Dinge zu legen, beherrscht wurde. In meinem Hause gehe ich vom Knöchel bis an die Waden mit bloßen Beinen. [116]Mein Gang ist ungleich, bald schnell, bald wieder langsam. Bin wenig gottesfürchtig, und kann meine Zunge nicht im Zaum halten, bin auf's höchste zum Zorn geneigt, so daß es mich oft gereut, und ich einen Abscheu dafür habe.« – – – Nach einer Episode, die ich übergehe, fährt er so fort: »Ich weiß, daß dies einer meiner grössten und sonderbarsten Fehler ist, daß ich von nichts lieber rede, als was den Zuhörenden mißfällt. Mit Wissen und Willen fahre ich hierin fort, und es ist mir nicht unbekannt, wie viel Feinde mir diese Eigenschaft zuzieht. So viel vermag die Natur durch eine lange Gewohnheit! Doch vermeide ich jenen Fehler bei meinen Wohlthätern und den Großen. Ich liebe die Einsamkeit so viel es möglich ist, obgleich Aristoteles diese Lebensart verworfen und gesagt hat, daß ein Einsiedler entweder ein Thier, oder eine Gottheit ist. Aus Schwachherzigkeit, und zu meinem nicht geringen Schaden, behalte ich das Gesinde bei, von welchem ich weiß, daß es mir nicht nur unnüz sey, sondern sogar zu meiner Schande gereicht: ja ich kann mich nicht einmal von den mir geschenkten Thieren, als Böcken, Lämmern, Haasen, Kaninchen, Störchen trennen, so daß sie mir das ganze Haus besudeln. Ich habe wenig, und vornehmlich keine getreuen, Freunde gehabt. Ich habe darin viel und selbst die größten Fehler begangen, indem ich mich zur rechten und unrechten Zeit in alles mi-[121]schen wollte, und habe selbst die beleidigt, welche ich herauszustreichen mir vorgenommen hatte. Im Urtheilen bin ich zu schnell, und fasse daher übereilte Rathschläge, und kann bei keinem Geschäfte einen Aufschub leiden. Da meine Nebenbuhler bemerkt haben, daß ich nicht leicht zu fangen bin, wenn ich Zeit habe: so thun sie nichts anders, als daß sie mich treiben. Ich ertappe sie offenbar, hüte mich vor ihnen als Nebenbuhlern, und halte sie, was sie auch wirklich sind, für meine Feinde. – Wenn ich mir nicht angewöhnt hätte, über eine Sache, die ich freiwillig that, wenn sie auch schlecht ablief, keine Reue zu empfinden: so wäre ich der unglücklichste Mensch geworden. Die vornehmste Quelle meiner Leiden waren aber gemeiniglich die höchst dummen und schändlichen Streiche meiner Söhne, die Sorglosigkeit der Anverwandten, und ihr Neid gegen die Ihrigen, ein eigenthümlicher Fehler der Familie. Von meiner Jugend auf bin ich dem Schachspiele auf eine unmäßige Art ergeben gewesen, wodurch ich dem Franziscus Sforza, Prinzen von Mailand, bekannt wurde, und mir die Freundschaft vieler Großen zugezogen habe. Da ich aber jenes Spiel viele und beinahe vierzig Jahre hindurch beständig trieb: so kann ich nicht sagen, wieviel mein Hauswesen darunter gelitten hat. Noch ärger ging es mit dem Würfelspiel, indem ich meine Söhne selbst darin unterrichtet hatte, und mein Haus oft den Würfelspielern öffnete.«

[118]

Im vierzehnten Kapitel, virtutes et constantia überschrieben, redet Cardan von seiner Beständigkeit im Glück und Unglück. »Ich habe, fährt er fort, zur Bewunderung andrer, meine unglücklichen Schicksale geduldig getragen, und bin in meinen glücklichen beständig der nämliche geblieben. Ich habe in meinem Glück meine Sitten nie geändert, bin nicht härter, ehrgeitziger, ungeduldiger geworden, habe die Armen nicht verachtet, habe meine alten Freunde nicht vergessen, habe mir im Umgange kein größres Ansehn gegeben, und keinen vornehmern Ton angenommen, habe nie köstlichere Kleider getragen, als ich zu der Rolle, die ich spielte, zu tragen genöthigt war. In traurigen Lagen meines Lebens bin ich aber doch von Natur nicht so standhaft geblieben, da ich oft Leiden tragen mußte, die meine Kräfte überstiegen; aber ich habe durch Kunst die Natur überwunden. Denn bei den größten Leiden meines Gemüths schlug ich mit einer Ruthe meine Schienbeine, biß mich heftig in den linken Arm, fastete, und machte mir durch Weinen Luft, wenn ich weinen konnte, denn oft konnte ich's nicht; stritte auch mit Vernunftgründen gegen meine Leiden, indem ich mir immer vorsagte: daß nichts neues unter der Sonne geschehe u.s.w. Oft bin ich auch, wenn meine Leiden zu groß wurden, durch die Güte des Himmels, und gleichsam durch ein Wunderwerk davon befreit worden, wie ich unten gesagt [119]habe. Bei meinen Handlungen war ich sehr beständig, und vornehmlich bei Ausarbeitung meiner Schriften, so daß ich bei den angenehmsten, mir dargebotenen, Gelegenheiten von meiner Arbeit nicht wegging, sondern dabei sitzen blieb, indem ich wohl wußte, wie viel die Veränderlichkeit seiner Vorsätze meinem Vater geschadet hatte.« – –

»Meine Freundschaft habe ich nie abgebrochen, und geschahe es einmal: so habe ich nie etwas verrathen, was unter uns Freunden vorgegangen war, habe auch keinem hinterher Vorwürfe gemacht. Ich rechne es mir als eine Tugend an, daß ich von meiner frühsten Jugend an nie gelogen, meine Armuth, meine so vielen traurigen Schicksale geduldig ertragen habe, und nie mit Recht einer Undankbarkeit beschuldigt werden kann.«

Das Meiste, was Cardan Kap. 15–36. erzählt, können wir übergehn. Einiges scheint aber doch in Absicht seines Charakters wichtig genug zu seyn, um hier angeführt zu werden.

Von frühester Jugend an hatte er sich angewöhnt, dies Gebet zu beten: »Herr Gott, schenke mir nach deiner unendlichen Güte ein langes Leben, Weisheit und Gesundheit des Geistes und Leibes.« – »In keinem Stücke, sagt er Kap. 23, bin ich [120]mir besser vorgekommen, als in Absicht meiner Lebensregeln wegen der Länge meines Lebens, und der Menge meiner Leiden. – Erstlich habe ich Gott immer für alles, was mir begegnet ist, gedankt; zweitens habe ich die Gottheit fleissig angerufen; drittens war es mir nicht genug bei einem Verlust den Schaden zu ersetzen, sondern machte, daß ich immer noch etwas darüber erhielt; viertens nahm ich immer auf die Zeit die genaueste Rücksicht, daß ich, wenn ich ritte, aß, im Bette lag, wachte, mit andern sprach, stets über etwas meditirte; fünftens verehrte ich die Greise sehr, und war gern bei ihnen; sechstens war ich auf alles aufmerksam, und glaubte, daß nichts von ungefähr geschehen könne; siebentens zog ich das Gewisse fast immer dem Ungewissen vor; achtens bestand ich auf keiner Sache, die mir misglückte, und machte lieber Versuche, als daß ich mich auf meine Geschicklichkeit und Kunst verließ, was vornehmlich bei Heilung der Kranken der Fall war. Im übrigen überließ ich mich dem Schicksale, und dachte über das Vergangene, wie die meisten thun, nicht weiter nach.«

Sonderbar ist folgende Erzählung, die er uns über die Wahl seiner Frau mitgetheilt hat: »Ich wohnte zu Sacci, sagt er, und führte das glücklichste Leben von der Welt, als ich mich einstmals des Nachts in einem angenehmen, vollkommen schönen, mit Blumen und Früchten angefüllten [121]Garten erblickte. Es wehte eine sanfte Luft, so daß kein Mahler, kein Dichter, kein menschlicher Gedanke etwas angenehmeres hätte hervorbringen können. Ich befand mich am Eingange des Gartens, die Thür stand offen, und gleichfalls eine gegenüber, als ich ein Mädgen in einem weißen Kleide erblickte. Ich umarmte und küßte sie; aber beim ersten Kuß riegelte schon der Gärtner die Thür zu. Ich bat ihn inständigst, daß er sie offen lassen mögte; aber umsonst. Es kam mir also vor, als wenn ich, indem ich darüber traurig war, und immer noch an dem Mädgen hing, hinausgeschlossen wurde. In der nämlichen Nacht wurden wir aufgeweckt, – indem meines Nachbars Haus brannte. Wenige Tage darauf sah ich ein Mädgen auf der Straße, welche in ihrem Gesicht und Kleidern vollkommen dem Mädgen glich, das ich im Traum gesehn hatte. Ich empfand eine brennende*) 4 Liebe« – und er heiratet dies Mädgen. – Fast allen Glauben übersteigen die Gefahren und widrigen Zufälle seines Lebens, deren Erzählung er ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Viermal ist er in der äusserstenTodesgefahr gewesen; zu den größten Leiden seines Lebens rechnet er – seine Unfähigkeit zum Heirathen vom einundzwanzigsten bis zum einunddreissigsten Jahre seines Lebens; die grausame [122]Hinrichtung seines Sohns; seine eigene Einkerkerung; die Gottlosigkeit seines dritten Sohns, und die Unfruchtbarkeit seinerTochter. Die Nachstellungen nach seinem Leben sind in der That äusserst merkwürdig, und ein Beitrag zur Geschichte menschlicher versteckter Bosheit.

»Als ich, sagt er, zu Pavia öffentliche Collegia las, hatte ich eine Magd, einen jungen Menschen, Hercules, zwei Knaben, und wo ich nicht irre, einen Bedienten im Hause. Der eine von den Knaben war mein Hauslaquai und ein Musikus, der andre wurde zum Ausschicken gebraucht. 1562 wollte ich von Pavia weggehn und meine Professur niederlegen. Der Senat nahm dies übel, und suchte mich beizubehalten. Nun waren aber noch zwei Doctoren in Pavia, – einer war sogar mein Schüler gewesen, ein erzlistiger Kerl; der andre lehrte die Arzneikunst, ein einfältiger und, wie ich glaube, nicht böser Mensch. Da beide meine Nebenbuhler waren, so thaten sie alles mögliche, daß ich die Stadt verlassen mögte; da dies aber der Senat nicht zugeben wollte, ob ich gleich um meinen Abschied anhielt: so beschlossen sie, mich heimlicher Weise zu ermorden, und legten ihren Plan auf mein Leben von weitem an. Zuvörderst schrieben sie im Namen meines Schwiegersohns und meiner Tochter einen äusserst schändlichen und schmutzigen Brief, daß sie sich nämlich im Namen des Se-[123]nats und des ganzen Collegiums ihres Vaters (meiner) schämten, und mich einer öffentlichen Professur unwürdig hielten. Ueber eine so unverschämte und kühne Beschuldigung meiner eigenen Kinder bestürzt, wußte ich nicht, was ich machen, was ich sagen oder antworten sollte. Wenige Tage darauf wurde mir ein andrer Brief im Namen des Floravanti gebracht folgendes Inhalts: Er schäme sich im Namen des Vaterlands, des Collegiums und der ganzen Gesellschaft der Professoren, indem überall ausgestreut sey, daß ich mit den Knaben heimlich zu thun hätte, und gemeiniglich zwei zu gleicher Zeit mißbrauche. – Dadurch wollte man mich stürzen, und einen von jenen Doctoren in meine Stelle befördern.« Cardan befreit sich von dem abscheulichen Verdacht einer ihm schuld gegebenen Knabenschänderei, aber seine Feinde machen neue Plane zu seiner Ermordung. Als er in der Akademie zu Pavia soll aufgenommen werden, findet er einen Balken am Eingange des Hauses so gelegt, daß er leicht darüber hätte zu Tode fallen können; ein andermal wird er zu einem Patienten gerufen, und man hat an der Hausthüre ein Stück Blei angebracht, daß es über den Cardan herabstürzen muß; noch ein andermal wollen sie ihn vergiften, und suchen vorher seine Hausleute zu entfernen, damit sie von seinen Speisen nicht mit vergiftet werden mögten.

Im 37sten Kapitel seiner Lebensbeschreibung erzählt er einige seiner sehr sonderbaren Eigenschaften, [124]nebst einigen Träumen, wovon Cardan sehr viel hielt, und in welcher Rücksicht er eine gewisse Prophezeihungsgabe zu besitzen glaubte. Das ganze Kapitel ist ein merkwürdiger Beitrag zur Stärke und den Ausschweifungen der menschlichen Einbildungskraft, die sonderlich bei hypochondrischen Leuten oft die sonderbarsten Empfindungen und Chimären hervorbringt.

»Auf Befehl meines Vaters, hebt er an, blieb ich gemeiniglich bis drei Stunden nach Anbruch des Tages im Bette liegen, und hatte von meinem vierten bis gegen das siebente Jahr des Morgens, ehe ich zur bestimmten Zeit aufstehn durfte, sonderbare Erscheinungen, die mir sehr angenehm waren, und mich nie vergebens auf sich warten liessen. Ich erblickte nämlich allerlei Bilder gleichsam von Luftkörpern, die aus ganz kleinen Ringen zu bestehen schienen, wie Panzerringe, ob ich gleich damals noch keinen Panzer gesehn hatte. Sie stiegen von der untersten rechten Ecke des Bettes in einem Halbcirkel in die Höhe, und fielen langsam zur linken Seite nieder, so daß ich sie nicht mehr sahe, als z.B. Bilder von Schlössern, Häusern, Thieren, Pferden, nebst den Reutern, Pflanzen, Bäumen, musikalischen Instrumenten, Theatern, Menschenkleidern und verschiedenen andern Kleidern; vornehmlich aber von Trompetern mit ihren Instrumenten, ob sie gleich keinen Ton von sich gaben. Ausserdem [125]erschienen mir Soldaten, Völker, Aecker und andre, mir noch auf diesen Tag verhaßte, Körpergestalten; ferner Haine, Wälder und andre Dinge, deren ich mich nicht mehr erinnere, oft auch eine ganze Menge zugleich vor meinen Augen vorbei eilender Gegenstände, ohne daß sie sich unter einander vermischten. Alle diese Dinge waren hell und durchsichtig, aber doch nicht so, als wenn sie deswegen nicht wirklich vorhanden gewesen wären, auch nicht so dicht, daß sie das Auge nicht durchschauen konnte. Selbst die schattigten Zirkel waren ganz durchsichtige Räume. Ich fand an diesem Schauspiele ein großes Vergnügen, und sah diese Wunderdinge starr an, daher mich meine Tante einmal fragte: Ob ich etwas sähe? Ob ich gleich noch ein junges Kind war, so dachte ich doch bei mir selbst, wenn du Ja sagst: so mögte sie böse werden, und dir den ganzen Spaas verderben; denn es erschienen mir auch allerlei Blumen und vierfüssige Thiere, und Vögel aller Art, ob ihnen gleich, da sie bloße luftige Bilder waren, die Farben fehlten. Da ich nun weder in meiner Jugend, noch in meinem Alter gelogen habe, und meine Tante mich einmal fragte, was ich so starr ansehe: so weiß ich nicht, was ich ihr geantwortet habe; ich glaube wohl, ich habe gar nichts geantwortet.«

»Sehr oft sah im ich Traume einen Hahn, vor dem ich mich fürchtete, daß er nicht einmal mit [126]menschlicher Stimme zu reden anfangen mögte, welches aber doch kurz darauf geschah. Es waren gemeiniglich Drohworte, deren ich mich aber doch nicht mehr erinnere. Der Hahn hatte rothe Federn, einen rothen Kamm und dergleichen Backenbart. Ich glaube, daß ich ihn wohl hundertmal gesehn habe.«

(Die Fortsetzung folgt im nächsten Stück.)

Fußnoten:

1: *) Die 1663 zu Lion herausgekommene Ausgabe seiner Werke besteht aus zehn dicken Folianten. a

2: *) Religion und Klima Dänemarks waren die Ursachen, warum er die Bedienung ausschlug.

3: *) So wie sein ganzes Leben überhaupt eine Kette unglücklicher und sehr sonderbarer Begebenheiten war.

4: *) Er giebt nicht undeutlich zu verstehen, daß das Feuer eine Vorbedeutung von seiner Liebe gewesen ist.

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Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite.
Fortsetzung der Revision der drei ersten Bände dieses Magazins. 1
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Volksaberglauben. 17
2. Der Einsiedler im Stadtgetümmel. 27
3. Einwirkung eines äussern Gegenstandes auf die Verwirrung unsrer Ideen. 31
4. Fortgesezte Nachricht von einer Geisterseherinn, nebst Auszügen aus zwei Briefen des Hrn. Pfarrers Müller in Augspurg, und Bemerkungen über die Erscheinungen der Madam Beuter, von einem Augspurgischen Geistlichen. 34
5. Beitrag zur Geschichte der Visionen und der Ausschweifungen menschlicher Einbildungskraft. 44
Zur Seelennaturkunde.
1. Schreiben an den Herausgeber des 5ten Bandes des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde. 69
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Inhalt.

Seite
2. Schreiben an den Hrn. Prof. Moritz. Vom Hrn. Legationsrath v. F.. in M.. 78
3. Beurtheilung einiger Fälle von vermeinten Ahndungen. 92
Nachricht.
Auszug aus dem Leben H. Cardans. In psychologischer Rücksicht. 99