ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 2 (1787)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

C. P. Moritz und C. F. Pockels.

Fünften Bandes zweites Stück.

Berlin
bei August Mylius 1787.

[II]

Nachricht.

Von diesem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde sollen allemal drei Stücke, jedes sieben bis neun Bogen stark, einen mäßigen Band ausmachen. Einzeln gilt das Stück 10 Groschen, und der ganze Band 1 Rthlr. 6 Gr. Eine gewisse Zeit der Herausgabe kann nicht bestimmt werden, sondern es kömmt darauf an, wie sehr die Materialien und Beiträge sich anhäufen werden.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Fünften Bandes zweites Stück.

<Revision.>

Fortsetzung der Revision der drei ersten Bände dieses Magazins.

Pockels, Carl Friedrich

Da es der gegenwärtigen Natur und Beschaffenheit unserer Seele, ein Vorhersehungsvermögen derselben, oder, wie es Andere genennt haben, eine vim divinatoriam, anzunehmen, durchaus zuwider ist; — so fragt sichs nun aber: ob unsere Ahndungen nicht vielleicht auf eine andere Art erklärbar sind? Können wir nicht vielleicht Ahndungen durch Hülfe außer uns vorhandener Geister haben, und was lassen sich für reelle psychologische Gründe für diese Meinung anführen? — Ich antworte: keine! wenigstens gewiß keine wahrscheinliche, keine gegründete.

[2]

Alle neue Begriffe und Empfindungen, welche wir bekommen und in uns wahrnehmen, gründen sich natürlicherweise auf Selbstbeobachtung, Selbstdenken; oder auf den Unterricht von Andern, vermöge symbolischer Zeichen, sie mögen nun in eigentlicher Wortsprache, in Gesichtsausdrücken oder Gesten bestehen. Es ist bisher noch kein Weg entdeckt worden, und es wird auch wohl nie ein solcher entdeckt werden, wie uns andere Menschen ohne symbolische Zeichen ihre Gedanken und Empfindungen mittheilen können. Selbst bei den oft so schnellen und überraschenden Gefühlen der Sympathie, wo eine Seele in die andere überzugehen, in ihr zu leben und zu empfinden, mit ihr durch einen unsichtbaren, unerklärlichen Einfluß verbunden zu seyn scheint, müssen entweder würkliche Gegenstände, würkliche Zeichen — oder eingebildete vorhanden seyn, die auf eine symbolische Art zu unserm Herzen reden.

Aber, könnte man sagen, jene Mittheilung neuer Ideen zwischen uns und höhern uns umgebenden Genien, ist doch möglich. Vielleicht würken diese auf eine unsichtbare Weise, für welche unsere Seele einen geheimen Sinn hat, wenn sie gleich die Berührung, die Bewegung dieses Sinnes nicht erklären, noch den individuell auf sie würkenden Geist angeben kann, jene Vorgefühle der Zukunft in uns, die so viele Menschen gehabt zu haben vorgeben; jene Begriffe und Vorhersehun-[3]gen, die in dem vorhergehenden Seelenzustande keinen Grund hatten? — —

Dieses vielleicht wäre nun freilich eine sehr leichte undbequeme Art, den Ahndungen einen gewissen Credit zu verschaffen, — wenn es nur auch schon ausgemacht wäre: ob unsere Seele einen einzigen Begriff ohne symbolische Erkenntniß oder Selbstdenken, und ein Vorgefühl von einer durchaus zufälligen Sache durch ein anderes geistiges Wesen außer ihr haben könnte. Zwei Hindernisse, die jener Erklärungsart der Ahndungen vornehmlich im Wege liegen.

Wir mögen nehmlich denken, was wir wollen, das denken wir uns in Verbindung mit einem gewissen, entweder durch den Gebrauch schon bestimmten, oder auch willkürlichen symbolischen Zeichen, in Verbindung mit einem gewissen Worte, oder wie die Taub- und Stummgebornen, unter einer gewißen Gesichtsmiene, einer körperlichen Bewegung. Ohne diese Einrichtung unserer Natur, (das Reden mag nun entweder, wie Einige geglaubt haben, schon für den einzelnen Menschen Bedürfniß, oder Convention, Bedürfniß des gesellschaftlichen Lebens seyn,) würde es uns erstaunlich schwer fallen, deutliche Begriffe zu bekommen, am langsamsten würden sich aber vollends abstracte Ideen in uns entwickeln können.

Wir stellen uns bei dem erstaunlich schnellen Wechsel unserer sinnlichen und abstracten Vorstel-[4]lungen freylich jenes symbolische Zeichen nicht immer deutlich vor, wir denken sogar oft über eine Sache fort, deren Benennung wir ganz verloren haben; allein dieses widerlegt die Nothwendigkeit einer symbolischen Erkenntniß gar nicht. Im ersten Fall, wo sich oft Ideen gegen Ideen auf einmahl vertauschen, in einander auflösen, und ohne daß wir den Grad ihrer Weile, die jede Vorstellung haben muß, fühlen könnten, unbegreiflich geschwind mit einander abwechseln, stellt sich die menschliche Seele würklich jedes einzelne Wort nur in der möglichst größten Schnelligkeit vor; — denn wir bemerken es den Augenblick, wenn uns in dem schnellen Fluge unserer Gedanken ein Wort fehlt, und es hat Redner gegeben, die durch den Verlust eines einzigen Wortes bei der schnellen Folge ihrer Gedanken so verwirrt wurden, daß sie den ganzen Faden nicht wiederfinden konnten.

Im zweiten Fall, wo die menschliche Seele über eine Sache fortdenkt, ohne ihre Benennung behalten zu haben, behält sie doch allemahl eine sehr lebhafte und gleichsam ängstliche Erinnerung, daß es für jene Sache einen würklich symbolischen Ausdruck giebt; aber wie sehr geneigt sie sich fühlt, diesen Ausdruck wieder zu erhaschen, wie sie sich bemüht, auf seine Spur zu kommen, oft auf einmahl alle andere Gedanken abbricht und auf das verlorne Wort denkt, wird ein jeder aus eigener Erfahrung wissen. Verliert sie vollends mehrere Worte auf [5] einmahl; so geräth sie in den Zustand der Verwirrung, und ich kann es mir sehr gut denken, wie einige Menschen melancholisch werden konnten, weil ihr Gedächtniß mitten im Reden ihnen nicht jedesmahl die Worte, welche sie suchten, herbeischafte.

Wenn nun die menschliche Seele ohne symbolische Zeichen durchaus keine neuen Begriffe von Andern außer uns erhalten kann, wenn dazu entweder Eindrücke auf unsere Gesichtsnerven, auf unser Gefühl, oder Worte für unser Gehör unumgänglich nothwendig sind; — so ist es nun auch unbegreiflich, wie ein außer uns befindlicher Genius, — weder durch Geberdensprache; denn wie sollte die ein unsichtbares Wesen machen können? noch durch Worte; denn wie kann ein solcher Geist würklich reden? — neue Begriffe und sogar Vorgefühle der Zukunft in uns erregen könnte.

Nicht durch Zeichen und Wortsprache, könnte man mir sagen; diese ist ja auch nicht das einzige Vehiculum, wodurch neue Begriffe von andern außer uns befindlichen Wesen in unsere Seele geschoben werden können. — Können nicht außer uns daseyende Geister mit unserer Seele einen gewissen andern, uns bisher noch unbekannten Communicationsweg haben; können sie nicht eine Sprache mit uns reden, wozu sie keine Gesichts- und Gehörsnerven nöthig haben, und zeigen nicht manche schnell in uns entstandene herzerhebende, unerwartete Gedanken und Gefühle sehr wahrschein-[6]lich, daß wir sie von andern geistigen Wesen außer uns bekommen haben müssen? — —

Und dieses sind die Hauptgründe, womit man die Hypothese von der Einwürkung anderer Geister auf uns unterstützt? Ich erstaune, wenn ich sogar oft von Philosophen diese und keine andere Argumente für jene Grille angeführt finde, und ich kann ohnmöglich glauben, daß sie hiebei über die Natur der menschlichen Seele ernsthaft nachgedacht haben können. Ob es irgend einmahl einen andern Communicationsweg zwischen uns und andern Geistern, auf einer viel höhern Stufe unserer Entwickelung, als symbolische Sprache, geben kann, will ich hier nicht bestreiten; ob mir gleich diese symbolische Sprache für jedwede Mittheilung unserer Begriffe auch in der Ewigkeit sehr nothwendig scheint; — aber in der gegenwärtigen Epoche unseres Daseyns und unseres Denkens ist durchaus kein anderes Vehiculum einer gegenseitigen Mittheilung der Begriffe vermöge der bekannten Natur unserer Seele gedenkbar, als symbolische Zeichen, weil wir durchaus ohne diese Zeichen nicht deutlich und zusammenhängend denken können, wenn wir einmahl eine Sprache gelernt haben.

Jene schnell in uns entstandenen herzerhebenden, unerwarteten Gedanken und Gefühle, welche die Andacht so gern vom Himmel herableiten möchte, beweisen auch nichts, und können gewiß sehr natürlich erklärt werden, wenn man die Umstände [7]und die Anstrengung der Einbildungskraft genau kennt, wodurch jene Gedanken und Gefühle erzeugt und begünstigt werden. Man muß den Menschen, die Natur seiner Seele, die Art und Weise, wie sich in ihm Begriffe entwickeln und Gefühle hervorbringen, gar nicht kennen, wenn man annehmen kann, daß irgend etwas Unnatürliches darin vorgehen könne. Die Unwissenheit und Schwärmerei hat unendlich oft den seltsamsten Bizarrerien in Gedanken und Empfindungen den Namen göttlicher Würkungen gegeben, und die menschliche Eitelkeit, welche so gern einen höhern Umgang mit unsichtbaren Geistern träumt; — oder ihn auch nur affectirt, hat diesen Träumereien ein widerrechtliches Privilegium der Wahrheit gegeben, ohne einen andern Richter dabei zu Rathe zu ziehen, welcher doch allein der Lehrer aller Wahrheit seyn müßte, — nehmlich die gesunde Vernunft.

Aber gesetzt, wir wollten einmahl obigen unpsychologischen Satz von der Communication unsichtbarer Geister, welchen so viele gescheidte Köpfe, — freilich zum Erstaunen des gesunden Menschenverstandes, — geglaubt haben, annehmen; so entsteht hierbei wieder die sehr schwierig zu beantwortende Frage: wie können wir von höhern Geistern in blos zufälligen Begebenheiten unseres Lebens Unterricht erhalten, da sie zufällige Dinge, so wenig wie wir wissen können, oder wenn es überhaupt nichts Zufälliges giebt, wie [8] ist es denkbar, daß ein eingeschränkter Geist, (denn dies sind auch die weit über uns erhabnern Wesen — ) das ganze Universum so überschauen könne, daß er das Nothwendige, uns aber zufällig scheinende, uns dennoch entdecken könne?

Es läßt sich nicht denken, daß ein eingeschränkter Geist das ganze Universum übersieht, und folglich müssen ihm noch unzählig viele Dinge zufällig scheinen, und er kann auf keine andere Art etwas Künftiges vorhersehen, als in so fern er das Vergangene mit dem Gegenwärtigen vergleicht und daraus auf irgend eine individuelle Begebenheit einen Schluß macht, so wie der Mensch etwas vorhersieht.

Daß ein Mensch, der seinen Weg ganz von ohngefähr vor einem Gebüsch vorbei nimmt, auf die zufälligste Weise von der Welt durch eine Kugel, welche nach einem Wild abgeschossen wurde, sein Leben verliert; daß ein Anderer durch eine unerwartete Unordnung des Bluts im Tanze todt zur Erde fällt; daß ein völlig gesunder Mensch übermorgen sterben wird; daß meine Schicksale des Lebens diese, und keine andere Wendung nehmen konnten, da es für die Vorstellungskraft eines endlichen Geistes unendlich viel andere Wendungen geben kann, — alle dergleichen würklich zufällige Begebenheiten können wir von keinem endlichen Geiste entdeckt werden, weil er sie selbst nicht weiß.

[9]

Doch ich muß noch einen Einwurf berühren, welchen man gegen meinen letztern Satz von der Unmöglichkeit, daß uns Geister zufällige Begebenheiten bekannt machen könnten, anführen dürfte. Wie könnte man sagen, wenn nun jene Geister, was gar nicht unwahrscheinlich ist, die Ursachen von gewissen uns zufällig scheinenden und bevorstehenden Begebenheiten auf eine natürliche Art vorherwissen, die wir nicht kennen? Wie, wenn sie uns vermöge ihrer Schnelligkeit Nachrichten in einem und dem nehmlichen Augenblick von andern Orten bringen könnten, wenn sie Schwedenburgen sagten: daß es eben jetzt in Stockholm oder Copenhagen brenne, wenn sie einer Frau von R—r, die behauptete, daß eben jetzt ihr Sohn in einer Bataille blieb, diese Botschaft als Zeugen jener Begebenheit schnell überbrachten? — —

Das ließe sich nun freilich hören, (obgleich eine solche Ahndung, ein solches Vorhersehen nicht mehr Ahndung, Vorhersehen wäre); allein, ich frage mit Recht hier wieder: wie brachten denn jene Geister solche Nachrichten, wie theilten sie dieselben mit, da wir von Andern in unserer gegenwärtigen Existenz ohne symbolische Zeichen nichts Neues erfahren können? Ich frage weiter: ist denn die angenommene Schnelligkeit der Geister, (die man oft so unphilosophisch aus der Schnelligkeit unserer Gedanken hat beweisen und damit vergleichen wollen) womit sie uns von fernher Begebenheiten be-[10]kannt machen, schon erwiesen? — und was ich billig hätte zuerst fragen sollen: giebt es denn würklich uns umgebende Genien überhaupt? Kann ich eine Hypothese, (die Ahndungen) mit einer andern Hypothese (uns umgebende Geister) beweisen, und darf ich nicht an der ganzen Sache zweifeln, so lange ich keine andere, als solche Gründe für sie habe? — —

Ich komme zum letzten Zufluchtsorte derer, welche an Ahndungen und Vorgefühle des Zukünftigen glauben. Die Gottheit, sagen sie, kann vermöge ihrer Allmacht neue Ideen in uns erwecken; sie kann uns also auch, freilich auf eine unbegreifliche Art, zukünftige Dinge bekannt machen und vorhersagen. Auch diesen Satz kann man nicht so geradezu annehmen. Man hat sich von jeher sehr schiefe und unrichtige Begriffe von der göttlichen Allmacht erträumt, man hat sich sogar nicht gescheut zu sagen: daß Gott auch das Sonderbarste, das Widernatürlichste, das, was gar nicht in der Natur der Dinge gegründet ist, würklich machen könne. Welch eine Gottheit! Gott macht nach den reinen Vernunftbegriffen, die wir von seinen Eigenschaften haben, nichts würklich, kann nichts würklich machen, was nicht in dem ewigen Wesen der Dinge gegründet ist. Dieses Wesen kann er nicht ändern, er kann also auch nicht machen, daß meine Seele Begriffe empfängt, die nicht in der Natur, in dem Wesen ihrer individuellen Denk-[11]kraft gegründet sind, und wider die Art und Weise streiten,wie ich nach den Anordnungen der Natur Begriffe in mir aufnehme, und, so lange ich nach eben diesen Anordnungen der Natur nicht einem ewigen Wirrwarr meiner Vorstellungen unterworfen seyn soll, in mir aufnehmen muß.

Und endlich, woran soll ich denn diese neuen durch die Gottheit in mir gewürkte Begriffe und Gefühle erkennen?

a) In der unerwarteten Schnelligkeit, mit welcher sie, ohne in einem vorhergehenden Seelenzustande zu liegen, entstehen? Nimmermehr! die bloße Schnelligkeit einer Idee, eines Gefühls kann kein Beweis ihres göttlichen Ursprungs seyn. — Alsdann müßten unseremeisten Vorstellungen und Gefühle einen göttlichen Ursprung haben, und die lebhaften, schnellen Empfindungen der einfältigsten Schwärmer wären denn am ersten die Kinder einer göttlichen Kraft. Aber wer will nun auch bestimmen, daß, und ob eine solche lebhafte schnelle Idee nicht in einem vorhergehenden Seelenzustande gegründet gewesen sey? Wer vermag alle die innern Veranlassungen unserer Denkkraft, unserer dunkeln Gefühle, unserer Organisation anzugeben, welche auf eine geheime Art bei solchen Vorstellungen, aber auf eine sehr natürliche Weise gewürkt haben, die in keiner der vorhergehenden Modificationen unseres Geistes gegründet zu seyn schienen, — und wer kann es denn läugnen, [12]daß unsere eigene Geisteskraft oft ganz mit den vorhergehenden Zuständen des Denkens heterogene Begriffe gleichsam aus sich selbst hervorbringt.

b) Aus dem bangen oder hervorhebenden Gefühle welches sie begleitet? — Auch nicht! Denn wie kann ich wissen, ob jenes bange herzerhebende Gefühl nicht blos eine Würkung meiner Einbildungskraft, meines dicken oder lebhaften Bluts, meiner gegenwärtigen versteckten Gemüthslage sey, zumahl da es ausgemacht, daß jene bangen und herzerhebenden Gefühle fast immer körperlichen Ursprungs sind.

c) An dem damit verbundenen deutlichen Bewußtseyn, daß dies oder jenes würklich eintreffen werde? — Gewiß nicht! Denn jenes Bewußtseyn kann durch bloße Bilder der Phantasie seine Stärke und Lebhaftigkeit erhalten haben, und wie viele hundert Fälle giebt es nicht, wo die Menschen etwas ganz positiv vorherzusehen glaubten, was nicht eintraf. — Wo blieb also bei dergleichen Fällen der geträumte Credit eines angenommenen göttlichen Einflusses? — —

Man gehe alle Kennzeichen menschlicher Begriffe und Vorstellungsarten durch, und man wird kein einziges finden, von dem ich mit Gewißheit sagen könnte: daß es einen göttlichen Ursprung eines in uns entstandenen besondern Gefühls oder einer solchen Idee deutlich anzeige. Solange es also dergleichen sichere Criterien eines uns [13]durch göttlichen Einfluß mitgetheilten Begriffs oder Gefühls nicht giebt; sind wir auch auf keine Weise befugt, den Ursprung der Ahndungen Gott zuzuschreiben, hier nicht zu gedenken, daß diese ihre Entstehungsart der Weisheit und Güte unseres Urhebers schnurgerade entgegenstehen würde; zumahl da nicht selten die Ahndungen die unbedeutendsten Kleinigkeiten betreffen.

Nun will ich die noch rückständigen Beiträge über Ahndungen und Visionen kürzlich durchgehen, welche in den drei ersten Bänden dieses Magazins vorkommen.

Seite 20 (dritten Bandes drittes Stück) kommt ein Beitrag vor, welcher ahnendes Vorgefühl der Krankheit überschrieben, und von einem sehr glaubwürdigen Manne eingeschickt ist. Wer mit Aufmerksamkeit den ganzen Aufsatz durchlieset, wird leicht bemerken, daß alles, was der Herr Verfasser von sich erzählt hat, sehr natürlich zugegangen ist. Er hat vor kurzem seine Mutter begraben, er kommt auf den Kirchhof in der Stadt, wo er im Winterquartier liegt, und kann sich da unter einem empfindlichen Schauer nicht des Gedankens erwehren: sollte auch wohl auf diesen Kirchhof dir dein Grab bestimmt seyn? »Es erwachte damit das Andenken an meine verstorbene Mutter etc.« — — Dieser bloße vermuthliche Gedanke: solltest du wohl dein Grab hierfinden, kann doch wohl eigentlich kein ahnen- [14] des Vorgefühl einer Krankheit genennt werden, er lag ganz natürlich in der Seele eines ernsthaften Mannes, der erst kürzlich seine geliebte Mutter begraben hatte, dessen Gemüth noch voll von wehmüthigen Empfindungen ist; — endlich ein Gedanke, der gewöhnlich vielen Menschen einzufallen pflegt, wenn sie sich auf einem Kirchhofe befinden, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; aber jenes Vorgefühl traf ja doch beinahe ein; der Verfasser wird würklich krank. Dies war wieder sehr natürlich. Er wird in ein Lazareth gerufen, und ein starker Qualm schlägt ihm daraus entgegen, als ihm die Lazarethstube geöffnet wird. Da ist ja die natürlichste Ursach seiner Krankheit, die ohne jenes angegebene Vorgefühl eben so natürlich entstanden seyn würde, weil er von den giftigen Dünsten der Krankenstube angesteckt wurde, und auch gleich anfangs einen Schauder dabeiempfand.

Sonderbarer scheint mir das in eben diesem Beitrage vorkommende Beispiel von einem Vorgefühl der Gesundheit zu seyn. Weil nehmlich der Verfasser gegen den Sonntag hin, wo er predigen soll, immer kränker wird; so bittet er einen andern Prediger, seine Stelle zu vertreten. Dieser schlägt es ihm ab. Sein Wirth will dem Commandeur des Regiments seine Krankheit anzeigen, weil er unmöglich predigen könne; allein der Verfasser will es nicht zugeben. Es dringt sich ihm der Gedanke mit größter Lebhaftigkeit auf: nein! du mußt [15] predigen; predigst du nicht, so kommst du nicht von deiner Krankheit auf; predigst du aber, so sey von deiner gewissen Genesung versichert! etc. Er predigt auch würklich, so schwach er übrigens ist, eine ganze halbe Stunde, und den nehmlichen Nachmittag sieht er Flecken auf seinen Händen,— fällt in ein vier Wochen langes Delirium, und wird endlich — wieder gesund. Ich glaube, daß der Herr Verfasser es auch geworden seyn würde, wenn er obigen Gedanken nicht so fest in seine Seele gefaßt hätte, welcher wahrscheinlich halb durch den Verdruß, daß sein College ihm die Predigt abschlug, und daß er durchaus nicht die Kirchenparade abgestellt haben wollte, und halb durch die schon kränkelnde Phantasie, und wer weiß, durch welche andere innere Gründe des Gemüths seine Lebhaftigkeit erhielt. Es läßt sich auch annehmen, daß manchmahl kranke Leute durch eine lebhafte Vorstellung ihrer Genesung gesund werden können, wie oft Gesunde aus Einbildung krank werden.

Seite 106 in eben diesem Stücke kommt sogar eine Vision vor, die, wenn sie auch aus des vortrefflichen Pfeffels eigenen Munde kommt, doch höchst unglaublich ist.

Der blinde Pfeffel und sein Bruder gehen mit einem Freunde auf einem mit Bäumen besetzten Platze öfters spaziren. Sie bemerken, daß der Geistliche (ihr Freund) immer nur bis auf einen [16] gewissen Fleck geht, und dann wieder umkehrt. Sie gehen weiter, er nie. Sie befragen ihn nach der Ursach, er weigert sich lange, herauszurücken; — endlich gesteht er, daß auf dem Flecke, wo er umkehrte, eine weiße, lange, hagere Menschenfigur stände, die ihn verhinderte, weiter zu gehen. — — — Die Pfeffels merken sich den Platz, lassen nachgraben, und finden etliche Fuß tief im Boden ein Todtengerippe. Sie lassen es wegbringen, scharren das Loch wieder zu, gehen mit dem Pfarrer dort wieder spaziren, — und nun sieht der Pfarrer die Gestalt nicht mehr. —

So unwahrscheinlich die ganze Erzählung ist, so wünschten wir doch über das ganze erzählte Factum eine nähere Auskunft zu bekommen, da der Pfarrer ein rechtschaffener und aufgeklärter Geistlicher genannt wird, und der liebenswürdige aufgeklärte Pfeffel es selbst erzählt haben soll.

C. F. Pockels.

(Die Fortsetzung folgt.)

[17]

Zur Seelenkrankheitskunde

1.

Auszug aus M. Adam Bernds eigener Lebensbeschreibung.

Pockels, Carl Friedrich

Fortsetzung.
(Siehe das vorhergehende Stück.)

Ich übergehe eine Menge von Begebenheiten in dem Leben dieses sonderbaren Mannes, welches den reichhaltigsten Stof zu einem psychologischen Romane in sich enthält. Sehr viele Zufälle seines Lebens, so sonderbar sie auch immer seyn mögen, haben eigentlich keinen Bezug, wenigstens keinen sichtbaren, auf seinen ausserordentlichen Gemüthszustand, und gehören daher auch nicht in dieses Magazin.

Wir haben schon im Vorhergehenden gesehen, welch eine Menge der schrecklichsten Bilder seine Phantasie durchlaufen mußte, ehe sich seine geängstete Seele wieder etwas erhohlen konnte, und wir haben ihn endlich bei einer völlig ruhigen Gemüthsstimmung verlassen; aber auch diesmahl war sie eigentlich nur eine Meeresstille, worauf einige Zeit [18]nachher wieder fürchterliche Stürme folgten. Ehe wir dahin kommen, mag uns der Verfasser eine sonderbare an sich selbst gemachte Erfahrung erzählen, die mir sehr ungewöhnlich zu seyn scheint.

»Um selbige Zeit, (1707) ehe ich aus Breslau wieder abreisete, (wohin er aus Leipzig, um eine Probepredigt zu thun, gegangen war) begegnete mir ein seltsamer Casus, der zwar vielen lächerlich scheinen möchte, der mich aber in solche Verwunderung gesetzt, und zu so vielem weitern Nachsinnen Gelegenheit gegeben, daß ich mich gar nicht schäme, denselben hier zu erzählen. Ich rauchte einst des Abends vor Tische, da ich aus der Kälte, so mäßig war, wiederum nach Hause und in mein Quartier kommen war, eine Pfeife Tobak. Ich hatte kaum etliche Züge gethan, so fing mich alles im Munde, Zahnfleisch, Gaumen, Zunge, in Summa, so weit sich der Rauch, den man in den Mund ziehet, erstrecket, auf eine ungewöhnliche, ja, ich möchte bald sagen, auf eine unbeschreibliche Weise an zu titilliren. Je länger ich rauchte, je mehr nahm diese angenehme und süße beissende Empfindung zu, daß ich nicht wußte, wie mir geschah, noch was ich denken sollte. Ich überlegte, was ich etwa gegessen hätte, ich forschte bei meinem Bruder nach, wer mir den Tobak gehohlt, und bei wem er wäre gehohlt worden; ich konnte aber nicht entdecken, was ich als eine Ursache solcher delicieusen Empfindung hätte ansehen mögen. Mein Lebtage hat mein Mund [19]keine solche Freude und Wollust gehabt, als diesesmahl, was ich auch gegessen und getrunken. Ich habe in der Jugend ein und das anderemahl Tobak ore vinoso geraucht, welches auch annehmlich schmeckt; doch dies ist so was schlechtes, daß ich mich ärgere, daß ich eine Vergleichung damit anstellen will. Ich legte die Pfeife weg, ich nahm sie wieder, der scharfe durchdringende Geschmack blieb einmahl wie das andre. Ich bin versichert, wenn dergleichen alle Tobaksbrüder bei ihrem Tobakrauchen empfänden, was ich damahls empfand, sie rauchten sich dara zu Schanden, oder stächen und hieben sich darüber zu Tode. — — Bei der folgenden Pfeife aber, die ich ansteckte, hatte die Herrlichkeit ein Ende. Dieselbe schmeckte wie Numer 7, davon die Elle einen Dreier kommt, und dergleichen ich noch zu rauchen pflege«.

»Ich hatte meine Reflexion darüber. Wenn Gott wollte, dachte ich, so könnte er leicht Materie und äusserliche Objecte finden, alle Gliedmaßen unseres Leibes, sie möchten stehen wo sie wollten, auf eine solche Weise zu bewegen, daß die größte Wollust daraus entstehen müßte. Die Wollust kommt in der Welt dem Schmerz nicht gleich, den wir Menschen in Gliedern oft fühlen. Ein Hühnerauge ist ein geringes Ding, und was kann das nicht vor Pein machen, wenn es zu toben anfängt! Was soll ich von Zahnschmerzen sagen, welche ich oft in so großem Maße gehabt, daß ich nicht davor schla-[20]fen, noch des Tages etwas davor verrichten können! Habe ich aber jemahls in Zähen oder in Zähnen solche Wollust empfunden, die dem Schmerze gleich gewesen, so ich in denselben ausgestanden? Sollte aber derjenige Theil des Leibes, so des Schmerzens fähig, nicht durch eine andere Bewegung eben so gut eines gleichen Grades der Wollust fähig seyn? Es scheint, daß Gott weise Ursachen gehabt, daß er die Wollüste des Leibes nicht so groß und so viel, als die Schmerzen desselben in der Welt gemacht, weil die Menschen sonst ihr Herz noch hundertmahl mehr, als jetzund geschiehet, an die Welt und an die Erquickungen, die wir mit den Thieren gemein haben, hängen dürften. — Wer weiß, was geschehen seyn würde, wenn die Menschen im Stande der Unschuld geblieben wären? Und wer weiß, was Gott einst im Himmel thun wird? Ob nicht daselbst alle Glieder des verklärten Leibes öfters dermaßen werden bewegt werden, daß die größten und süßesten Empfindungen daraus entstehen werden. Sollten die vielen sinnlichen Kräfte und Fähigkeiten, so hier der Seele wesentlich gewesen, im Himmel aufhören, und nicht vielmehr auf einen höhern Grad gesetzt werden? Sollte das Vergnügen des Leibes im Himmel einmahl nicht eben so groß seyn, als hier auf Erden der Schmerz gewesen?«*) 1 — —

[21]

Nach hundert mißlungenen Versuchen, ein Amt zu bekommen, wird Bernd endlich 1711 zum Prediger an der Peterskirche zu Leipzig erwählt, welches Amt er bis 1728 bekleidete, in welchem Jahre er wegen seines Buchs (Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen, Helmst. und Leipz. 1728) a seine Predigerstelle niederlegen mußte.

[22]

Seine Predigten fanden bald einen erstaunlichen Beifall. Er sagt: daß oft über 40 Kutschen vor der Kirche gehalten, wenn er gepredigt habe, und daß seine Vorträge von den vornehmsten und angesehendsten Leuten häufig besucht worden wären, und woran sein neuer, zum Theil dogmatisch moralischer Lehrvortrag mit Ursache gewesen sey. Er erhielt von Vielen sehr reichliche Geschenke, und war der geistliche Rathgeber einer Menge von vornehmen Familien, die ihn wie ihren Vater liebten. Allein dieses Glück dauerte nicht sehr lange. Die Geistlichen, neidisch auf seinen Ruhm, fingen ihn zu verfolgen an, und jeder kleine Fehler wurde, ihn anzuschwärzen, genutzt. Man zog ihn öffentlich in den Predigten durch, und suchte seine Zuhörer zu bereden, daß er Dinge vortrüge, die sich nicht auf die Kanzel schickten. Zu diesem Amtsleiden gesellten sich nun aber auch bald seine neuen Leibes- und Gemüthsunruhen. Sein Körper wurde auf einmahl wieder so schwach, daß er mit einer Art Höllenangst die Kanzel bestieg, indem er eine beständige Neigung zum Vomiren in sich fühlte, welche Neigung in ihm auch jedesmahl rege wurde, wenn er Menschen erblickte, die ihres Verstandes beraubt waren. »Das Bild eines thörigten Menschen, sagt er, oder auch eines Patienten, der im Fieber raset und seltsame Dinge redet, drückt sich so tief in mein Gehirne, daß ich es etliche Tage nicht herausbringen kann, und immer eodem modo agiren will«. [23](Es ist bekannt, daß die Tollheit so wie ein Fieber nervenschwache Leute anzustecken im Stande ist.)

Die Leiden, welche der unglückliche Bernd von 1715—1720 an Leib und Seele ausgestanden hat, sind erstaunlich, die kleinste Veranlassung war im Stande ihn Tagelang mit den schrecklichsten Bildern der Phantasie zu foltern; so wurde er einmahl aufs heftigste von einer Todesfurcht angegriffen, weil er seinen Huth hatte ins Wasser fallen lassen, welches er für eine Vorbedeutung seines nahen Endes hielt. — Doch er mag seinen unglücklichen Zustand selbst schildern.

»Der größte Sturm meiner Anfechtung kam 14 Tage vor Ostern (1717) über mich, welcher einer der größten in meinem Leben gewesen. Freitags vor Judica war ein Bußtag, und Sonntags darauf sollte ich das Capitel von dem Propheten Elia in der Vesper erklären, da er in der Höhle vor Furcht sich verkrochen. Gott bescherte mir bei dem Meditiren darauf allerhand schöne Porismata und Gedanken, so daß ich mich recht auf dieses Capitel freuete, und Gott bath, daß er doch seinen Seegen zu dessen Erklärung geben wolle. Sonntags nach Tische meditirte ich noch ein wenig auf die Predigt, bis um 2 Uhr, da der Gottesdienst angehet. Ich weiß nicht mehr, ob ich zu Hause, ehe ich ausging, vergessen noch einmahl auf den Pot de Chambre zu gehen, oder ob bei dem langen Liede: Ist Gott für mich, so trete etc. sich schon so viel Wasser wiederum [24]gesammlet: (gewiß ist es, daß ich nicht durch unmäßiges Essen und Trinken daran Schuld gewesen, weil ich mein ordentliches Maas hatte, so oft ich predigte.) Kurz, ich hatte kaum das Capitel zu erklären angefangen, so konnte ich mich auf etwas, das ich sagen wollte, nicht bald besinnen, und in dem ich mich stark anstrenge und das Gedächtniß forcire, so merke ich, daß mein Urin fort will, und dies mit einem solchen starken Nisu und Treiben, daß ich den Augenblick in die größte Furcht gesetzt wurde, und je mehr ich fürchtete, daß es geschehen möchte, je mehr wuchs die Noth. Ich konnte nicht länger auf der Kanzel stehen, sondern suchte mich durch Niedersetzen zu helfen; aber auch dieses half nicht, sondern es incommodirte mich dieser unvermuthete Zufall so unmäßig, daß ich mit dem Capitel über Hals über Kopf eilte, die wichtigsten Dinge nur flüchtig und obenhin berührte, so daß ich in drei Viertelstunden schon damit fertig war, und also den ganzen Brei verschüttete, oder das ganze Capitel mehr verderbte, als erklärte. Jedermann wollte wissen, was mir zugestoßen, ich sagte aber niemanden das geringste davon, zwang mich auch nach der Predigt, und stand unsägliche Angst bei dem Seegensprechen aus, in der gänzlichen Meinung, es würde mir vor dem Altar noch begegnen, was ich auf der Kanzel befürchtet hatte. Denn wäre ich, sobald ich von der Kanzel kam, auf die Seite gegangen, so würde jedermann haben errathen kön-[25]nen, was mich oben auf der Kanzel und unter der Predigt geplagt hätte. Ein beherzter Prediger würde sich aus einem solchen seltsamen Zufalle nichts gemacht haben, aber bei mir armen furchtsamen Thiere, der dazumahl ohnedem in lauter Nacht und Finsterniß, ohne Trost und Empfindung der Gnade Gottes hinging, war es ein Grund zu erschrecklichen Gemüthsplagen, so darauf folgten«.

»Gegen Abend überfiel mich ungewöhnliche Angst wegen des Zukünftigen, und wie es seyn würde, wenn ich wieder würde predigen müssen. Ich sann nach, und stellte mir lebendig vor, was das für eine Schande seyn würde, daferne mir auf der Kanzel dasjenige widerführe, dem ich diesesmahl noch mit Noth und Kummer entgangen. Dies stürmte in meinem Gemüthe, daß mir brühheiß im Kopfe wurde. Wollte ich mich in der Verläugnung üben, und Ehre und Gnade vor nichts halten und alles Gott anheim stellen, es möchte mir gehen, wie es wollte; so wollte das hitzige verbrandte und melancholische Geblüte nichts davon annehmen. Und in solcher furchtsamen Einbildung wurde ich noch mehr gestärkt, da ich in folgenden Tagen, so oft ich unter die Leute ging, von neuem mit der Begierde, Urin zu lassen, geplagt wurde. Ich ging zu einer Leiche, und ich war mit derselben kaum bis zum Paulino gekommen, so mußte ich Ausreiß geben, anstatt, daß ich bis vor das Thor hätte mitgehen sollen«. — — —

[26]

»Doch das war nur Scherz und Spiel gegen die grausamern Anfälle des Satans*) 2 und des Fleisches, welche gleich darauf folgten. Weil ich wegen solcher Bekümmerniß in feurige Hitze des Haupts gerieth, und keinen Schlaf in meine Augen bringen konnte, so wurde der Kopf höchst schwach, und bei dieser großen Hitze des Haupts entstund nun das anderemahl in meinem Leben im Gehirne schnell das Bild von der Selbstberaubung meines Lebens, [27]und darauf die Einbildung und Furcht, das zu thun, wovor ich den größten Abscheu hatte. Die Einbildung war insonderheit gerichtet auf den zukünftigen Sonnabend, als den Sonnabend vor Palmarum, wenn ich Sonntags drauf würde predigen sollen. Diese Gedanken setzten mir heftig zu, und ließen mich die ganze Woche zu keiner Ruhe kommen. Die ersten Anfälle geschahen gleich Montags nach dem Sonntag Judica, denen ich zwar durch einen Spazirgang in freier Luft zu begegnen suchte; allein derselbe lief gar unglücklich für mich ab, so daß das Uebel dadurch mehr vergrößert, als vermindert wurde. Ich ging nach Linkel (ein Dorf bei Leipzig) früh um 9 Uhr, wo ich vor diesem mehrmahl gewesen war. In tiefen Gedanken nahm ich den Weg durch den Hof des Wirthshauses, indem ich aber aus Unachtsamkeit mich nicht nach dem Hunde im Hofe und dessen Hütte umsehe; so gehe ich, um den bösen Weg zu vermeiden, hart bei derselben vorbei, und werde unversehends vom Hunde, der aus der Hütten sprang, angefallen, daß ich nicht anders meinte, ich müßte vor Schrecken des Todes seyn. Alle Glieder im Leibe zitterten und bebten mir, und bekam noch ein neues Uebel dazu, mit welchem ich auch sonst öfters genug war geplagt worden, nehmlich Spasmos und innerliche Convulsionen, mit welchen ich den ganzen Tag und im Heimwege zu ringen hatte. Der Palmsonntag kam immer näher, auf welchem das Fest Mariä Verkündigung einfiel, just [28]wie anno 1704, und die Furcht nahm zusehends zu. Ich hatte mit Kummer und Noth kaum eine Sciagraphie statt der Predigt verfertigen können, in welcher ich die Vernunft zur Quelle des gottlosen Lebens gemacht. Nach derselben sollte ich nun predigen, und konnte sie vor Angst nicht memoriter durchgehen. Sonnabends Abends war die Noth am höchsten, ehe ich schlafen ging. Ich wollte nach Tische das Licht putzen, ich putzte es aus Versehen aus; über eine Weile wollte ich das andere putzen, es ging mir aber eben so. Aus dergleichen Dingen, so natürliche Ursachen sie auch haben, machen melancholische Leute zur Stunde der Versuchung lauter Omina und Vorbedeutungen. Die erschrecklichsten Gedanken kamen Heerweise und schlugen und stürmten im Gemüthe. Es schien schon, als ob die Fenster vom starken Winde (des ankommenden bösen Feindes) anfingen zu beben, so daß ich nicht länger aufbleiben, sondern zu Bette gehen und Gotte auf Gnade und Ungnade mich ergeben, und wie jener denken mußte: komm ich um, so komm ich um! Esth. 4, v. 6.«

»Weil diese Anfechtung der ersten anno 1704 ganz ähnlich war, so war noch der Charfreitag vor der Thüre, vor welchem Tage mir noch bänger war, als vor dem Palmsonntage. Ich that Montags nach Palmarum einen neuen Spazirgang nach Wahren (einem Dorfe bei Leipzig auf dem Wege nach Halle.) um zu sehen, ob derselbige glücklicher seyn würde, als der vor acht Tagen, und um der [29]neuen Angst zu steuren, welche sich die vorige Nacht, da ich vom Schlafe erwacht, bei mir wieder eingefunden. Allein der Spazirgang war nicht viel anders, nur daß die Angst nicht so groß, wie zu Hause war. Auf dem Wege nach Wahren war mein Leib und Haupt so schwach, daß mich ein Becker, der mit Getreide in die Mühle fuhr, aufladen und mitnehmen mußte. Der Fuhrmann war weit genug von dem Flusse entfernt, und doch durfte ich den Fluß nicht mit meinen Augen ansehen, denn das Bild von Ersäufen war so lebendig in mir, und so groß, daß mir von wegen der lebendigen Vorstellung, die wider meinen Willen und mit Gewalt in mir entstand, im Leibe übel wurde, dahero ich meistens den Kopf zur rechten Seite halten und ins freie Feld hinaussehen mußte; ob ich gleich wenig Lust zum Wasser hatte, und dasselbe so sehr als eine Katze scheuete. — — — Am grünen Donnerstage hatte ich anno 1704 durch eine Predigt einigen Trost und Stärkung ins Herz bekommen, und der gegenwärtige grüne Donnerstag war auch schier so beschaffen. Als ich nach der Kirche nach Hause kam, von Angst und Furcht ganz ausgemergelt, warf ich mich auf die Knie und dachte: ich will nicht eher aufstehen, bis mich Gott erhört. Ich redete mit Gott und schüttete mein ganzes Herz aus. — — Vertrauen und Hoffnung wuchs zugleich im Gebet, und die Furcht wich großentheils aus dem Herzen. Ich stand aber doch zu bald vom Beten auf, denn [30]ich hätte noch länger sollen anhalten und inbrünstiger werden. Nach der Zeit, weil ich doch noch zwei Jahr mit dergleichen und andern großen Leibes- und Gemüthsplagen zu ringen hatte, habe ich vielfältig bei mir gesprochen: wenn du doch an diesem grünen Donnerstage länger im Gebet hättest angehalten, du würdest den Teufel, deine Furcht und alle deine sowohl damalige als gegenwärtige Uebel aus deiner Seele hinweggebetet haben!«

Der Charfreitag, wovor sich der arme Bernd so erschrecklich furchte, weil er die nehmliche Seelenangst an dem nehmlichen Tage und vor mehrern Jahren erwartete, ging glücklicher vorüber, als er geglaubt hatte; aber seine hypochondrischen Zufälle ließen deswegen noch nicht nach. Er brauchte allerlei leibliche und geistliche Mittel sich zu helfen, und sang unter andern oft das Lied: Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir aus hochbetrübter Seelen! wodurch seine Angst natürlicherweise noch mehr befördert werden mußte. Es folgt noch ein langes Register seiner melancholischen Grillen, die ich nicht alle nennen kann, und wovon ich nur zum Beschluß noch einige ausheben will, die zunächst durch seine Suspension vom Amte veranlaßt wurden.

»Ich schrieb, fährt der Verfasser fort, anno 1728 einen Tractat: Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das Leben der Menschen, nicht als ob ich unser Religionssystem vor so arg und böse angesehen, als ob man bei demselben [31]nicht könne selig werden, und als ob es dem Worte Gottes zuwider wäre; sondern weil es so schwer zu verstehen vor gemeine Leute, und wegen des vielfältigen Mißverstandes auch die edelsten Wahrheiten desselben bei viel tausend Menschen zum Mißbrauche und zur fleischlichen Sicherheit ausschlagen; so hielt ich davor, ich wäre nach meiner Einsicht verbunden, ein solches System zu erwählen und bekannt zu machen, bei welchem die Uebung der Gottseligkeit nach meinem Erachten nicht so viel Gefahr liefe, — — ja ich war so sehr eingenommen mit der Einbildung, daß ich Gewissens halber solches zu thun verbunden wäre, daß ich auch die erschrecklichen Plagen, so ich in vorhergehenden Jahren, insonderheit anno 1717 ausgestanden, meinem Stillsitzen und Stillschweigen zuschrieb, und daß ich aus Menschenfurcht bisher solche nöthige Wahrheiten und Einrichtung unserer christlichen Lehrpuncte unterdrückt hätte.«

Die Herausgabe dieses Buchs war die Ursache von den schrecklichen Ausbrüchen seiner Hypochondrie, worüber er sich selbst stark genug in folgenden Worten ausdrückt: »Und wenn ich alle wunderbare Erhaltungen zusammennehme, so ehemahls in der Welt geschehen, so kann ich solche kaum mit den vergleichen, daß ich bei solchen Troublen, so mir zugezogen, und worin vielleicht ein starkes Gemüthe nur seine Lust suchen würde, bei aller meiner vielen Furcht, Sorge, Angst, schlaflosen Nächten, Rathen und Widerrathen, Drohungen und Aufrichtungen [32]der Leute, und unsäglichen Kampf und Streit im Gemüthe, der vom 13ten Jul. an bis beinahe ans Ende des Jahrs gewährt, nicht meines Verstandes beraubt worden.« — —

»Zwar hat es mir in meinem Leben bei aller der Furcht, die ich mir hie und da beigelegt und zugeschrieben, nicht an Herz und Muth gefehlt, so oft und so lange ich nur mit der Krankheit des Milzes und der Melancholie verschont geblieben. So lange mich nur diese Uebel nicht plagten; so erschrack ich vor keinem Menschen und vor keinem Feinde, ja ich konnte sogar wider denselben allen meinen nöthigen Zorn und Eifer auslassen, ohne mein Gemüth sonderlich in Unruh zu setzen. Ich will nicht sagen, daß ich auch viele und große Sorge über mich nehmen und weit aussehende Projecte machen konnte, ohne daß mir solches eine Pein oder Mühe verursacht hätte. Ich war auch den Winter durch frisch, gesund, stark, muthig und beherzt gewesen, und erschrack keinesweges vor allen den Verdrüßlichkeiten, die ich mir von meinem Buche vorherprophezeite. Allein, da es nach Ostern kam und die Frühlingshitze anging, so merkte ich, daß ich schon wiederum weder des Morgens noch gegen Abend in Büchern lesen konnte, welche eine große Aufmerksamkeit auf die Sache erfoderten. Die Lebensgeister liefen so schnelle, daß ich das Buch in kurzem mußte wieder hinlegen. Um ein Leichtes flohe ich in meiner Einbildung und in Gedanken zum Fenster hinunter bei [33]aller Ruhe, bei aller Gemüthsstille, so daß ich mich vom Fenster hinwegsetzen und weiter davon im Lesen entfernen mußte«. —

Im Sommer 1728 wird der Verfasser seines Buchs wegen vorgeladen, — und von da fangen sich seine neuen Leiden an. »Ich sahe auf einmahl wieder erbärmlich aus, fährt er fort; ich verlor allen Appetit zum Essen, ich wagte es nicht mehr aus meinem Fenster im zweiten Stocke herauszusehen, und ich ließ den Vorsteher durch meinen Küster ersuchen, er möchte mich doch ins Waisenhaus oder sonst in Sicherheit und Verwahrung bringen, denn es vergingen mir alle Gedanken, und müßte befürchten, wann ich meines Verstandes sollte beraubt werden, das zu thun, wovor ich in meinem Leben jederzeit den größten Abscheu gehabt (nehmlich sich umzubringen). Ich legte Schlösser vor meine Fenster, damit ich nicht etwa die Nacht herausspringen möchte. Es quälte mein Gemüth, daß ich durch Mißtrauen von Gott abgefallen. — Es schmiß, warf und polterte in meiner Kammer, oder zum wenigsten in meiner Imagination, daß mir Angst und bange wurde. Endlich faßte ich einen andern Entschluß, und dachte: ehe ich soll in solcher unbeschreiblichen Seelenangst auf meinem Lager liegen, so will ich lieber alles aufmachen, Schlösser und alles wegthun, es gehe, wie Gott wolle«.

»Ich wurde von meinem Amte suspendirt, und hundertterlei fürchterliche Nachrichten wurden mir [34]nun in den Kopf gesetzt. Man gab mir den Rath, daß ich mich aus dem Lande machte, — es würde übel um meinen Kopf stehen, man würde aus meiner Sache einen Criminalproceß machen, mich in Verhaft nehmen u.s.w. Ich fing also an zu sorgen und zu überlegen: was thust du, bleibst du, oder entweichest du? Was dieser Pro- und Contrastreit mich ausgemergelt und matt gemacht, kann ich nicht beschreiben, und muß mich bis diese Stunde noch wundern, daß ich beim Leben und bei Verstande geblieben. Und da ich endlich schlüssig wurde fortzugehen, — wohin wenden, welchen Ort erlesen, und was vor Mittel und Wege sollte ich dazu ergreifen? Wie sollte ich meine Sachen fortbringen? Sollte ich alles stehen und liegen lassen? Wie sollte ich alles so veranstalten, daß man es mir weder in meinem Hause anmerkte, noch auch diejenigen erführen, von denen ich in dem thörigten Wahn stand, daß sie einen flüchtigen Jesuiten arretiren und ihm nachsetzen würden, wenn er ohne ihr Vorbewußt davonginge. Das machte mir oft das Haupt so wüste, daß ich kaum manchmahl noch fühlte, daß ich noch einen Kopf hätte, oder als wenn Heu und Häckerling im Kopfe wäre. Ich schob es immer von einer Zeit zur andern auf, und da es endlich mein ganzer Ernst war, so wurde ich zwei- bis dreimahl daran gehindert. — —

Die Zeit der Verhörung rückte mit der Michaeliswoche heran, und da hätte ich mich freilich [35]auf dieselbe präpariren sollen; allein ich präparirte mich vielmehr auf meinen bevorstehenden Tod, weil ich wegen erschöpfter Kräfte des Leibes und Gemüths in der gänzlichen Meinung stand, daß mich Gott diesmahl aus der Welt abhohlen werde; obgleich die Einbildung, von der Obrigkeit hingerichtet zu werden, bei mir vergangen war. Allein sie wurde bald darauf wieder in mir rege, da der Präsident des Consistorii in mein Suspensionsprotocoll die Worte mit einfließen lassen, daß ich Zeit genug habe mich auf meinen Tod, der gewiß nicht mehr ferne seyn könne, zu präpariren. — —

Um dieselbe Zeit, da ich mich also auf den Tod bereitete, geschahe eben das, was ich oben gemeldet, daß ich mich auf die Gedanken bringen ließ, als wenn ich durch die Hand des Scharfrichters würde sterben müssen. Es war ohnedem vorher schon durch Einbildung des Todes wegen großer Leibesschwachheit mein Gewissen wegen aller Sünden, so ich jemahls begangen, wie bei Leuten, so da meinen, daß sie sterben werden, oft zu geschehen pflegt, dermaßen aufgewacht, so daß alle meine geringsten Fehler und andere Missethaten in der höchsten Größe mir vorkamen, und es nicht anders war, als ob ich erst jetzt von neuem Buße thäte. Ein recht merkwürdiger Umstand, den ich hier nicht kann vergessen mit anzuführen, war dieser: Hatte ich auf etliche Tage wegen Betrübniß meiner Sünden kaum schlafen können; so fing ich endlich an, Gottes [36] Gerichte vor höchst gerecht, und auch den Tod durch die Hand der Obrigkeit vor höchst billig zu erkennen: Ich unterwarf mich dermaßen Gottes Willen, und war so bereit und willig, solchen zu leiden, daß ich die eine Nacht vor Freuden davor nicht schlafen konnte. Ich hatte mir auch schon die Lieder in Gedanken bestimmt, die man mir beim Hinausführen singen sollte; v.g. Herzlich lieb hab ich dich o Herr! etc. Mit Fried und Freud ich fahr dahin etc. Herr, nur laß in Frieden etc. Insonderheit war ich bekümmert, ob sie mir auch zu Gefallen eine Aenderung treffen und das Lied: Nun bitten wir den heil'gen Geist etc., welches man sonst nach der Execution singet, vor der Execution zu meinem Troste und Erquickung würden singen lassen.

Wie ich schon eines guten Theils meines Verstandes also mochte beraubt seyn; so kam dieses noch dazu, daß ich einen Traum, der mir oftmahls geträumet, beinahe mit der That, die ich doch nur im Traume begangen, confundirt hätte. Ich war zweimahl in meinem Leben in Jena anno 1708 und 1711 gewesen, und habe mit keinem Menschen ein böses Wort geredet, vielweniger mich mit demselben in Zank oder Duell eingelassen, und doch hat mir nach der Zeit um ein Leichtes geträumet, als ob ich da einen Purschen im Duell erstochen, und als ob man mich aufsuche, so daß ich im Traume immer in Angst gewesen, entdeckt und erhascht zu werden. [37]Wenn einem ein Traum vielmahl*) 3 träumt, obschon zuweilen unterschiedenen Zeiten; so kanns geschehen, daß man auf die letzte, insonderheit, wenn man in andere Noth und Angst geräth, sich kaum mehr zu besinnen weiß, ob es wahrhaftig geschehen, oder ob es nur ein Traum gewesen«. — —

Ich übergehe die übrigen Begebenheiten seines Lebens. Er resignirte von seinem Amte, da er überall neue Hindernisse zu seiner Wiedereinsetzung fand, und brachte die übrige Zeit seines Lebens mit Bücherschreiben zu.


Der vornehmste Grund aller jener Erscheinungen, welche Bernd an sich beobachtet und beschrieben hat, lag ohnstreitig in einer Schwäche seiner Nerven, worüber er oft geklagt, und diese Schwäche kam ohnstreitig von den jugendlichen Ausschweifungen her, die er frühzeitig begangen, und die er nicht mit Namen nennen wollte. Die Folgen dieser Ausschweifungen zeigen sich oft schon sehr früh, oft auch später in bangen Empfindungen des Unterleibes, die hernach in eine hartnäckige Hypochondrie, wie bei unserm Bernd, ausarten. Die Einbildung ge-[38]räth dadurch sehr leicht in eine Unordnung, und stellt dem Hypochondristen alles in einem schwarzen Lichte vor, weil er einen beständigen dumpfen Schmerz in sich fühlt, den er zwar betäuben, aber nicht ganz unterdrücken kann. Der Hypochondrist thut daher beinahe nichts, wobei er nicht etwas Übels besorgen sollte, und seine Vermuthungen drängen sich ihm so stark auf, daß er oft das blos vermuthete Uebel für ein schon würkliches hält, und als ein schon würkliches empfindet. Eine Miene, eine halbgehörte Nachricht, ein leise gesprochenes Wort kann ihn schon in die größten Unruhen versetzen, und er wird sich aus Furchtsamkeit geneigt fühlen, Dinge für unglückliche Vorbedeutungen zu halten, die ganz natürlich zugehen, und deren natürlichen Zusammenhang er selbst weiß. In der That scheint mir fast ein jeder Hypochondrist an der Gränze der Verrücktheit zu stehen, und man hat Erfahrungen genug, daß der gänzliche Ueberschritt zur würklichen Verirrung des Verstandes sehr leicht geschehe.

Bei aller Furchtsamkeit und Angst bemerkt man doch auch oft an Hypochondristen eine unerwartete Kühnheit und Entschlossenheit der Seele, die man ihnen nicht zutrauen sollte. Nach langen traurigen Empfindungen hebt sich alsdann ihr Herz gleichsam durch einen eigenen elastischen Instinct empor und schüttelt das Joch einige Zeit von sich, wovon es vorher gedrückt wurde. Es ist aber nicht immer [39]die Kraft der Vernunft und des Nachdenkens, welche ihm hier beisteht, denn gemeiniglich curiren die stärksten Vernunftgründe den Hypochondristen am allerwenigsten; sondern er fühlt auf einmahl, ohne sein Zuthun, oft einen Trieb sich zu freuen, der seinen Schmerz und seine Bangigkeit betäubt und auf einige Zeit seine ganze Seele umstimmt, davon in Bernds Lebensbeschreibung auch Beispiele vorkommen.

Die menschliche Seele ist nehmlich keines beständigen Gefühls der Widerwärtigkeit fähig, sie verändert gern ihre Gemüthslage, wenn sie lange genug von einerlei Ideenherrschaft abgehängt hatte, und setzt sich gleichsam wieder in Freiheit. Dies sind die Augenblicke des Aufjauchzens und des frohen Herzklopfens, welches die Hypochondristen nicht selten in ihren schwachen Stunden empfinden, und die jene frommen Religiösen, die meist Hypochondristen sind, ausserordentliche Würkungen der göttlichen Gnade, freilich mit großem Unrecht, genennt haben, weil sie sich ganz deutlich aus der Natur unserer Seele und Imagination erklären lassen. Ich empfehle meinen hypochondrischen und unhypochondrischen Lesern, welche über die Milzkrankheit b etwas Vortreffliches lesen wollen, die Betrachtungen des Herrn D. Platners in Leipzig, welche er seiner Uebersetzung des Versuchs über die Verrichtungen und Krankheiten des menschlichen Verstandes (von J. F. Dü four) über die Hypochondrie beygefügt hat. c

P.

Fußnoten:

1: *) In Absicht dieser Fragen läßt sich freilich nichts mit Gewißheit bestimmen; aber so viel kann doch wohl nicht geläugnet werden, daß in der menschlichen Maschine noch eine viel größere Anzahl von Anlagen zu sinnlichen Vergnügungen verborgen liege, als wir jetzt genießen. Das Gefühl, als der ausgebreitetste Sinn, ist noch unendlich vieler Verfeinerungen und Empfindungen fähig, die wir erst einmahl in Zukunft werden kennen lernen; vielleicht liegt in jedem Theilchen unserer Maschine eine eben so große Anlage, an demselben ein sinnliches Vergnügen, als einen sinnlichen Schmerz zu empfinden, und es läßt sich gar wohl denken, daß unser Leib einmal so verfeinert werden kann, daß die ihn umströmende Materie des Aethers einen unaufhörlichen angenehmen Kitzel an den Endfäden der Nerven hervorzubringen im Stande ist. Man weiß von den Türken, daß sie bei ihren verliebten Zusammenkünften einen hohen Grad der Wollust darein setzen, wenn sie sich einander die Fußsolen leise mit den Zähen berühren können. Freilich mag die Natur wichtige Absichten gehabt haben, warum sie uns nicht überall so empfindlich für das Vergnügen, als für den Schmerz gemacht hat. Wir würden ganz allein für das erstere leben, vgl. Druckfehlerverz. MzE V,3,[125]. ohne an eine höhere Bestimmung unsrer Natur zu edeln Handlungen und an die Ausbildung unseres Geistes zu denken. <P.>

2: *) Die Neigung der Menschen zum Wunderbaren; das ihnen unerklärlich scheinende an gewissen unmoralischen Phänomenen ihres Herzens und ihrer Leidenschaften; ein mißverstandener Werth der Tugend und Gottesfurcht, den sie durch den Kampf mit höhern bösen Wesen zu erlangen scheint; vornehmlich aber auch eine finstere Gemüthsstimmung feurig denkender Religiösen und andern phantasie-kranken Menschen — haben von jeher das Ihrige dazu beigetragen, die Lehre vom Daseyn und den Wirkungen eines bösen Geistes in Schutz zu nehmen, und trotz aller Vernunftgründe dagegen, auszubreiten. Es ist hier der Ort nicht, von der Schädlichkeit einer Lehre zu reden, die so sehr den weisen Planen der Gottheit widerspricht und bei einer genauen Beleuchtung der menschlichen Natur ihren ganzen geträumten Werth verlieren muß; aber sonderbar kommt es mir vor, daß der Verfasser anderemahle seine Gemüthsplagen den Würkungen seiner verschrobenen Einbildung zuschreibt, und diesesmahl sie Anfälle des Satans nennt.
P.

3: *) Diese Erfahrung ist sehr richtig, und Einige haben daher Veranlassung genommen, zu glauben, — daß wir vielleicht immer träumten, und daß wir unsere Träume für Wahrheiten hielten, weil wir sie vom Wachen nicht unterscheiden könnten.
P.

Erläuterungen:

a: Bernd 1728.

b: Vgl. MzE V,1,112.

c: Platner 1786.

[40]

2.

Noch ein Beitrag zu dem Leben eines reichen jungen Mannes, welcher das Stehlen und Geldborgen nicht lassen konnte. a

Pockels, Carl Friedrich

(Siehe das vorhergehende Stück.)

Der Hang dieses Menschen zum Stehlen und Geldleihen war auf keine Weise einzuschränken, ob man gleich alle Mittel dagegen versucht hat. Er hielt eine Menge Stockschläge aus, wenn man ihn damit wegen seines Bettelns bestrafte, und in dem nehmlichen Augenblick sprach er wieder einen Vorübergehenden um Geld an, oder bestahl seine Nachbarn. Man versuchte endlich das strengste Mittel für ihn, — und er mußte für jedes Vergehen der Art eine Geldsumme erlegen. Er that dies jedesmahl mit einem unaussprechlichen Kampfe, und gestand oft, daß kein Mensch eine Idee von der schmerzhaften Empfindung haben könne, die er alsdenn in sich wahrnehme, wann er, anstatt etwas zu erhalten, seinen heftigen Wunsch noch oben drein mit seinem eigenen Gelde bezahlen müßte, — und doch war auch dieses für ihn äußerst gewaltsame Mittel nicht stark genug, seine Geldbegierde zu mäßigen. Er wurde von dieser Begierde so sehr verfolgt, daß er oft Meilen-weit ging, um in fremden Oertern [41]Geld und Brod einzubetteln. Peina (eine Stadt im Hildesheimschen) war für ihn vornehmlich ein wichtiger Ort, weil er von den vielen hier wohnenden Catholiken viele Gaben als ein herumstreichender Bettler erhielt. Um sich das Ansehn eines Bettlers zu geben, wandte er gemeiniglich seinen Rock um, so daß das Unterfutter zu oben lag, und schlug die Krempen seines Huths herunter. Er wußte die Fremden trefflich durch sein Wehklagen zu hintergehen, nannte sich gemeiniglich einen armen Kranken, der sich nichts verdienen könne, keinen Anverwandten habe, und von den Juristen um das Seinige gebracht worden sey. Sein blasses hageres Gesicht kam ihm hierbei vortrefflich zu statten, und seine weinerliche Sprache flößte schon Mitleiden ein. Oft lief er Tage lang in den Häusern der Stadt umher, und bath sich von dem Gesinde die übrig gebliebenen Knochen der Mahlzeit oder eine Tasse Caffe aus, nahm jede Brodrinde mit vielem Dank an; warf aber auch das Erbettelte manchmahl wieder weg, wenn er nur seine Begierde, etwas zu erbetteln, gestillt hatte.

Mit Anfange des jetztlaufenden Jahrs wurde der arme Mensch merklich kränker, als er bisher gewesen war. Sein Körper war nach und nach ganz zusammengeschrumpft, es hatte ihm schon seit einiger Zeit Mühe gemacht, zu Fuße zu gehen, und er merkte bald selbst, daß er nicht mehr lange würde leben können. Er sprach ganz ruhig von seinem be-[42]vorstehenden Tode, und gab noch eine besondere Probe von Gewissenhaftigkeit und Gedächtnißstärke von sich, die man bei seinem zerrütteten Nervensystem kaum vermuthen konnte. Es fiel ihm nehmlich in seiner Krankheit ein, daß er noch vielen Menschen etwas schuldig sey, was er ihnen vor mehrern Jahren abgeborgt habe. Er nannte gegen 50 verschiedene Personen nach ihren Ständen und Namen, von welchen er vor vielen Jahren Kleinigkeiten an Geld, zu 1 – 16 Gr., auch wohl nur wenige Pfennige und andere Sachen geliehen hatte, und befahl, daß diesen Leuten alles bei Heller und Pfennigen wiedererstattet werden möchte, weil er sonst nicht ruhig sterben könne. Einen großen Theil seines Vermögens vermachte er an die Armen, und erwartete nun seinen Tod.

Eines Tages lag er beinahe ganz sprachlos und entkräftet auf seinem Krankenlager, als ein Bekannter in die Stube trat und sich nach seinem Befinden erkundigte. Auf einmahl schien wieder einiges Leben in den ausgemergelten Körper des Kranken zu kommen, und man bemerkte, daß er einigemahl seine kraftlose Hand auszustrecken suchte, die aber vor Mattigkeit sogleich wieder aufs Bette zurücksank. Man verstand es gleich, was der Kranke von dem Angekommenen verlange, er wollte nehmlich noch zuletzt etwas Geld haben, man fragte ihn daher: ob er sein Verlangen nicht mit Worten ausdrücken könne? Nun strengte der arme Mensch noch [43]einmahl alle seine Kräfte an, öffnete mühsam seinen Mund, und langsam lallte er noch die Worte: leihen Sie mir einen Groschen!

So unwiderstehlich war sein Hang zum Gelde, daß er auch selbst durch die Macht der Krankheit und durch die Annäherung des Todes nicht unterdrückt werden konnte. Endlich starb er würklich im Januar an der Krankheit der Rückgradsdürre, die unheilbar gewesen war.

Ich will nun noch einige Umstände in meiner Erzählung über diesen sonderbaren Menschen nachholen, wovon ich, als ich den ersten Aufsatz im vorhergehenden Stücke mittheilte, noch keine Nachricht hatte, und die es noch mehr aufschließen, wie jener unwiderstehliche Hang zum Stehlen und Geldleihen und überhaupt zum Betrügen in ihm nach und nach entstanden seyn mag.

Er hatte anfangs studiren sollen, und wahrscheinlich wäre ein vortrefflicher Kopf aus ihm geworden, wenn seine Eltern ihn nicht auf einmahl für einen andern Stand bestimmt hätten, und sein Körper nicht durch heimliche Ausschweifungen, die er im höchsten Uebermaße und fast täglich bei aller dagegen gebrauchten Vorsicht ausübte, zu sehr geschwächt worden wäre. Er wurde also zum Kaufmann bestimmt, und er fand bald an diesem Stande Behagen. Nicht lange vor seinem Tode gestand er noch, daß er eigentlich in diesem Stande sich das Betrügen angewöhnt habe, woraus hernach seine [44]Begierde, Geld einzusammeln und zu stehlen, entstanden sey. Er erzählte noch mit einer Art innigen Wohlgefallens eine Menge von Kunstgriffen, welche die Materialienhändler gebrauchten, um ihre Waaren theils zu empfehlen, theils auch weniger zu geben, als sie fürs Geld geben müßten. Er hatte frühzeitig ein Vergnügen daran gefunden, wie jene allerlei Sachen unter das Gewürz, unter Rosinen und Mandeln zu mischen pflegen, um ihnen desto größeres Gewicht auf der Wage zu geben; eben so hatte er auch bald das Anfeuchten gewisser Waaren, um sie desto schwerer zu machen, gelernt, und war in dem schnellen Abwiegen derselben, um den Käufer zu hintergehen, ein rechter Meister geworden. Dazu war nun noch der Wunsch gekommen, immer recht viel Geld in dem Kaufmannstisch einstecken zu können, und mit diesem Wunsche war nach und nach ein Anderer in ihm groß geworden, für sich selbst etwas einsammeln zu können. Weil er als Ladenjunge mehr kleine als große Münze einzustreichen bekam: so war seine Phantasie auch vornehmlich an jener hängen geblieben, und er foderte selten jemanden mehr als einen Groschen ab, handelte bei seinem Borgen auch wohl bis auf einzelne Pfennige herunter. Dieses Abdingen und Handeln hatte er wiederum in dem Kaufmannsladen gelernt, — und so war eigentlich dieser, wobei aber die im vorhergehenden Stück erzählten Umstände mit dazugenommen werden müssen, — die Schuld seines Geitzes [45]geworden, den er hernach nie wieder ablegen konnte. Von den Talenten seines Kopfs habe ich schon oben gesprochen. Er hatte eine leichte Gabe, wenn er wollte, witzig zu seyn, und besaß eine nicht gemeine Galanterie gegen das andere Geschlecht, dem er oft sehr feine Schmeicheleien zu sagen wußte. Er las sehr fleißig in englischen und französischen Büchern, und hatte die erstere Sprache in einer Zeit von vier Wochen durch Hülfe eines Lexicons allein gelernt. Die Bücher, die er las, suchte er übrigens zusammenzuborgen, wo er sie finden und bekommen konnte.

Als ich das letztemahl mit ihm sprach, sagte er mir mit einer lächelnden Miene, daß seine Geschichte beinahe vor einiger Zeit in die Seelenkunde gekommen wäre, wohin sie sein Pflegvater, nebst seiner Silhouette habe einschicken wollen, welches letztere er sich aber verbeten habe. Uebrigens aber schien es ihm doch ein Vergnügen zu machen, wenn ich ihm sagte: daß erwohl noch einmahl ohne Silhouette ein Plätzchen in diesem Magazin finden könne.


Mir ist noch ein anderes ähnliches Beispiel von einem Hange zum Stehlen bekannt, den man beinahe für angeboren halten könnte. Eine Frau zu D — hatte ihrem Mann schon oft heimlich etwas Geld weggenommen. Sie versucht diese Dieberei eines Tages bei der Abwesenheit des Mannes wieder, und ist eben beschäftigt einen Griff in die Casse [46]desselben zu thun, als er unversehends dazu kommt. Die Frau, welche schwanger war, sank vor Schrecken zur Erde, und gebahr nicht lange darauf einen Sohn, welcher von frühester Kindheit an im Stehlen sein größtes Vergnügen fand. Er konnte sichs durchaus nicht abgewöhnen, und gestand oft, daß er es fortsetzen würde, wenn man auch hundert Galgen für ihn aufrichten sollte. Einen versteckten Hang zum Stehlen kann man bei erstaunlich viel Menschen annehmen, der sogleich ausbrechen würde, so bald die Societät ihm keine Gränzen mehr setzen würde. Im Stande der Natur ist dieser Hang bei allen wilden Nationen offenbar, und die Kinder der Zigeuner sowohl als ihre Eltern sind merkwürdige Beispiele davon. Als unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. im Brandenburgischen die Kinder der Zigeuner, um diese auszurotten, ihren Eltern weggenommen und in die Schulen gesteckt wurden, geschah es sehr oft, daß sie ihren Lehrern und Vorgesetzten Hühner und Gänse todtschlugen, und dann ihre Beute, welche sie nicht verstecken konnten, mit dem Geständniß selbst vorzeigten: daß sie das Hühner- und Gänse stehlen ohnmöglich lassen könnten. Sehr begreiflich ists, daß dieser Hang durch die täglichen Beispiele von Diebereien von Kindheit an bei ihnen sehr vermehrt werden mußte.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag vgl. Wingertszahn 2011.

[47]

3.

Gewalt der Liebe.

H., C. S.

Folgende tragische Geschichte giebt uns ein neues Beispiel, wie äusserst schädlich und gefährlich eine verstohlene Liebe für junge Leute werden kann; aber auch ein Beispiel, wie behutsam Eltern verfahren müssen, um ihre Kinder nicht zu Verheirathungen zu zwingen, wogegen dieser ihr Herz spricht.

N— ein alter rechtschaffener Landgeistlicher in W—, einem sächsischen Dörfchen, ohnweit M—, hatte viele Jahre hindurch mit seiner Gattinn und einzigen Tochter die stillen Freuden des höchsten häuslichen Glücks genossen, eines Glücks, welches immer häufiger in den ruhigen Hütten des Landmannes, als in den Häusern der verwöhnten Städter zu wohnen pflegt. Sich selbst genug, und mit den rauschenden Vergnügungen der großen Welt unbekannt, vertrieben sich Eltern und Tochter die Tage ihres Lebens auf die angenehmste Art. Die letztere besorgte mit ihrer Mutter gemeinschaftlich die Haushaltung, und beide waren gleich eifrig und zärtlich bemüht, dem guten Hausvater die etwas schweren Lasten seines Amts durch jede Art der zuvorkommenden Theilnehmung und Liebe zu erleichtern. Lorchen, so hieß die Tochter, war im eigentlichen Verstande das Kind seines Herzens, er war [48]unruhig, wenn er sie in einigen Stunden nicht gesehen hatte, und sie war daher gemeiniglich seine getreue Begleiterin, wenn er auf sein Filial oder auf seine Aecker ging.

Lorchen war schon achtzehn Jahr alt, aber noch nie hatte sie etwas von den Unruhen einer Leidenschaft gelitten, welche in der großen Welt so frühzeitig aufzukeimen pflegt, — von der Liebe, und ihre Grundsätze waren viel zu edel, als daß ihre Eltern je die Verwirrungen ihres Herzens hätten fürchten dürfen, wodurch sie und ihr Kind auf immer unglücklich wurden. Man höre den Verlauf folgender Geschichte, die, so sehr sie auch einem Roman gleicht, doch eine wahrhafte Geschichte ist und bleibt. —

Es ist gewöhnlich, daß in Friedenszeiten in die sächsischen Dörfer eine gewiße Anzahl Reiter verlegt wird, welche von den Bauern für sich und ihre Pferde Unterhalt bekommen müssen. Oft sind es junge rasche Leute, die sich bei ihrem Müßiggange bis zum Uebermuthe pflegen, und vermöge ihres Kriegesrocks und ihres militärischen Standes einen Eintritt in alle Bauerhöfe, und auch bei dem Prediger und Schulmeister haben. Ein solcher junger, rascher und zugleich schöner Mann wurde nach W— verlegt, und es dauerte nicht lange, als er mit dem alten Prediger N— Bekanntschaft machte. Der junge Reiter hatte mehr Bildung des Verstandes, als Leute seiner Art gemeiniglich zu haben pfle-[49]gen, er gefiel dem Prediger täglich mehr, sie kamen öfter zusammen und unterhielten sich oft bis in die Nacht hinein von Kriegsgeschichten, davon jeder eine ziemliche Menge erzählen konnte.

Lorchen fand an der Gesellschaft des jungen Kriegers gleichfalls Behagen. Sie freute sich, wenn er kam, und war mißvergnügt, wenn er ging. Sie liebte ihn schon gewissermaßen, ehe sie es noch selbst recht wußte; oft wurde sie roth, wenn er ihr freundlich die Hand both, und er ging nie weg, ohne daß sie ihn, bald wieder zu kommen, eingeladen hätte. Die Liebe thut Riesenschritte, wenn sie nur erst einen gewagt hat, und fängt denn vollends pfeilschnell zu laufen an, wenn sie in dem geliebten Gegenstande gleiche Empfindungen gewahr wird. Der junge Reiter konnte dem holden Mädchen nicht widerstehen, sein Herz war ohnedem zur Liebe geschaffen, und in kurzer Zeit hatten sich ihre Herzen laut für einander erklärt, ohne daß die Eltern ein Wort davon erfuhren. Lorchen besorgte, daß ihre Eltern nicht mit ihrer Neigung zufrieden seyn würden, sie hatte nicht den Muth das Innere ihres Herzens zu zeigen, und sie beging dadurch das erstemahl einen fast unverzeihlichen Fehler des Mißtrauens gegen diejenigen, an welchen bisher ihr ganzes Herz gehangen hatte.

Da die Liebe der beiden jungen Leute unschuldig war, so verbanden sie sich unter einander zu einem Eheversprechen, welches von der ganzen Stärke ihrer zärtlichen Empfindungen zeigte, und mehr als [50]Liebe, — den höchsten Grad der Schwärmerei zum Grunde hatte. Sie versprachen sich nehmlich zu heirathen, sobald er vom Reiter zum Wachtmeister avancirt wäre; damit aber dies Versprechen desto fester und unumstößlicher seyn möchte, wurde der fürchterliche Vertrag zwischen Beiden gemacht: daß der den andern ermorden sollte, welcher zuerst seinen Eid der Treue brechen würde.

So standen die Sachen, als wider Vermuthen der Verliebten ein Advocat aus M— bei dem alten Pfarrer N— um die Hand seiner Tochter anhielt, und sie zu sehen wünschte. Da der Pfarrer N— das gute Auskommen des Advocaten, und ihn überdies noch als einen rechtschaffenen Mann kannte; so trug er weiter gar kein Bedenken, jenem einen Besuch in seinem Hause zu verwilligen, und seiner Tochter selbst den Antrag zu thun, daß sie mit dem und dem Manne ihr Glück machen könne. Lorchen war wie vom Donner gerührt. Ein Thränenguß erfolgte auf ihr starres Erstaunen, — sie fiel ihrem Vater in die Arme, und bath ihn um Gottes willen, sie mit einer Heirath zu verschonen, wogegen ihr Herz spräche. Der Freier kam, und Lorchen gerieth nun vollends in Verzweiflung, als sie ihn sahe. Sie weinte, ihres Eidschwures eingedenkt und von der Liebe gegen ihren heimlichen Bräutigam gefoltert, Tag und Nacht, und bestürmte die guten Eltern mit den fürchterlichsten Klagen, denen sie ihr Geheimniß nicht zu entdecken wagte.

[51]

Diese meinten, daß sie dem Eigensinne ihres Kindes einige Zeit lassen müßten, glaubten, es würde sich schon alles geben, und gaben von ihrer Seite dem Advocaten das förmliche Jawort, völlig entschlossen, es zu halten, und alle Beweggründe zu gebrauchen, ihre Tochter für ihn zu gewinnen. Die Beweggründe wurden auch angewandt; allein das Mädchen blieb bei ihrem Vorsatz,— und nun hätte man billig nicht weiter in sie dringen sollen, weil Eltern kein despotisches Recht über die Herzen ihrer Kinder haben können, was auch dafür gesagt werden kann.

Allein des ewigen Widersetzens müde, entschlossen sie sich endlich Gewalt zu brauchen, und das arme Mädchen zu zwingen. Die Art, wie es geschehen, weiß ich nicht; aber sie muß von der Art gewesen seyn, daß endlich das Mädchen vor Verzweiflung nicht mehr wußte, was sie machen sollte, und in der Verwirrung ihrer Empfindungen dem Advocaten gleichfalls das Jawort gab. Es wurde Verlobung gehalten, der junge Reiter erfuhr die erschreckliche Nachricht — und ließ sich von Stund an nicht mehr in dem Pfarrhause sehen. Sein Entschluß war vermöge seines Eides gefaßt, — er konnte ohne sein Mädchen nicht leben, sie war ihm, wie er glaubte, ungetreu geworden, und — seine Pistolen wurden geladen an sein Bette gehängt, um bei erster Gelegenheit seinen mörderischen Vorsatz auszuführen.

[52]

Einige Wochen vor der zu haltenden Hochzeit hatte man dem jungen Brautpaar zu Ehren auf dem Amthause zu W— einen Ball gegeben. Der junge Reiter hatte sich des Abends heimlich unter die Zuschauer gemischt, hatte seine Geliebte tanzen gesehen, und dieser Anblick hatte die ganze Wuth seiner rachsüchtigen Liebe rege gemacht. Er rennte gleich einem tollen Menschen davon, nahm die geladenen Pistolen von seinem Bette, und erwartete an der Kirchhofsmauer das junge Brautpaar, welches den Weg dort vorbeipassiren mußte. Endlich kam auch die Unglückliche mit ihrem Bräutigam an der Hand an. Der Reiter trat hervor (es war dunkle Nacht) und bath seine Geliebte, daß er nur einen Augenblick mit ihr allein gehen dürfte. Sie wand sich von dem Arme ihres Bräutigams loß, indem sie ihm zu verstehen gab, daß sie gleich wieder bei ihm seyn würde; — aber sie kam nicht wieder, man hörte in dem Augenblick einen Schuß, und todt lag das unglückliche Mädchen zu den Füßen ihres Mörders, als der Bräutigam herzu lief. Nun bist du wieder mein! rief der Mörder aus, ich werde dich bald, bald wieder sehen, und mit den Worten verschwand er durch die Dunkelheit der Nacht begünstigt, aber nicht um zu entfliehen, — nein! er eilte von der ermordeten Geliebten gerades Wegs nach dem nächsten Gerichtsorte, gab sich selbst als Mörder des Mädchens an, und verlangte, daß man ihm so bald als möglich sein Recht geben und hin-[53]richten möchte, welches auch nicht lange darauf geschah. Das Grab des Mädchens deckt ein Leichenstein, auf dem ein Herz, woraus Flammen emporsteigen und das von einem blutigen Pfeil durchbohrt wird, eingehauen, und noch bis diesen Tag zu W— zu sehen ist.

D—au.

C. S. H.

4.

Raserei aus Liebe und Todesfurcht.

-n

Vor etwa 6 oder 7 Jahren kamen zwei Frauenzimmer nach Cassel, eine, die sich Madam Zouck nennen ließ, die andere war Madem. Raucour die berühmte französische Schauspielerinn. a Die letztere war würklich eine vortreffliche Künstlerinn. Ich stand immer in dem Wahne, daß die französischen Truppen von Komödianten, die ich gesehen hatte, zwar wohl schlechter, als die große Pariser seyn; allein doch nur davon unterschieden wären, wie das Schlechtere von dem Bessern in einerlei Gattung. Als ich aber Mademois. Raucour spielen sah, merkte ich wohl, wie sehr ich mich geirret hatte. b Alle andere Personen des Casselschen Theaters sahen ordentlich lächerlich gegen sie aus, so sehr stachen sie in ihrem Spiel ab. Keine Beschreibung [54]kann einen Begriff davon machen, und nun gestehe ich gern, daß eine Nation, die ein Schauspiel besitzt, wo die Acteurs im Ganzen von gleicher Vollkommenheit sind, mit Recht darauf stolz seyn kann.

Dergleichen Talente besaß Madam Zouck nun gar nicht, und hatte weder an Gestalt noch am Geiste das geringste mit einer Lais oder einer Sappho Gleiches, mit denen sie nur wegen einiger moralischen Beschaffenheit etwas Aehnliches besaß. Diese Madam Zouck machte großen Aufwand, und endlich kaufte sie eine Meierei vor einem der Thore von Cassel, die der H– –ischen Familie dort gehörte. Da wohnte sie eine Zeitlang, bis sie sich auf einmahl mit ihrer Begleiterinn aus Cassel wegmachte, ohne daß man recht wußte, wohin. Mademois. Raucour ging würklich nach Paris, wo sie den Schauplatz nach Berichtigung ihrer Angelegenheiten mit großem Beifall wieder bestiegen hat. Madam Zouck trieb ihr Wesen aber an andern Orten; man hörte von einem Unfalle mit einem Sturz vom Pferde, den sie im Leipziger Lager gehabt haben sollte, bis sie endlich ganz unerwartet wieder nach Cassel kam, nachdem sie ein Moratorium wegen der zurückgelassenen Schulden erhalten hatte.

Nicht lange darauf veranlaßte sie folgenden sehr seltsamen Zufall. Da sie die H-ische Meierei gekauft hatte, so blieb noch deßhalb eine Menge Sachen wegen der Bezahlung zu berichtigen. Dies machte, daß der Secretär H—, ein Sohn aus [55]dieser Familie, oft dieserwegen zu ihr gehen mußte. Dieser, der an sich schon von verliebter Complexion war, konnte ein Frauenzimmer, dem noch manche Reste von ehemaligen Reitzen übrig blieben, nicht so oft sehen, ohne sich heftig in sie zu verlieben. Man versichert, er habe sie heirathen wollen, und daß er ihr ein Geschenk mit einigen Juwelen in dieser Rücksicht gemacht. In wie weit die Sache von ihrer Seite Ernst gewesen seyn mag, kann ich nicht sagen. Aber kurz, der allgemeine Ruf sagt: sie habe ihm kurz vor seinem Umfalle die Juwelen zurückgeschickt, mit einem Billet, worinn sie ihm den ganzen Handel aufsagte.

Dies kränkte ihn, als einen heftigen Liebhaber, sehr, und er lief zu ihr, um die Zurückberufung dieses harten Urtheils zu bewürken. — — Es beehrte aber ein sehr vornehmer Herr zu Cassel die Madam Zouck oft des Morgens mit einem Besuche, und so trug es sich zu, daß, da der Secretär eben mit ihr in einem sehr lebhaften Gespräch über seine Angelegenheiten begriffen war, — dieser sehr vornehme Herr herein trat. Darüber ward der arme Mensch äußerst erschrocken, und eilt todtenblaß zum Zimmer hinaus. Draussen trifft er den Läufer des Herrn an, und bittet ihn höchlich, seinem Herrn ja nicht zu sagen, wer er wäre. Der Läufer antwortet ihm, daß ihm dies gar nichts helfen würde, weil ihn sein Herr schon hinlänglich kenne. Darauf geräth er gänzlich in Verwirrung, fällt [56]dem Läufer zu Füßen, bittet, er soll für ihn bei seinem Herrn um Gnade flehen, und was des Unsinnes mehr ist. Darauf läuft er in der heftigen Gemüthsbewegung nach Hause, läßt sich etliche Bouteillen der hitzigsten Weine geben, trinkt sie aus, und arbeitet dabei bis spät in die Nacht hinein. Diese physischen und moralischen Angriffe konnten endlich Leib und Seele nicht mehr aushalten. Er wirft sich aufs Bette, schläft ein, erwacht aber bald in der heftigsten Raserei, wobei er immer wechselsweise von seinem vermeintlichen Vergehen, von seiner Furcht, deßhalb am Leben gestraft zu werden, und von seiner Geliebten spricht, von der er stets das Schnupftuch fest in seinen Händen gehalten haben soll. Nach etlichen Tagen legt sich die heftige Wuth, aber nicht die Raserei, sondern es verwandelte sich die Krankheit in eine völlige Hydrophobie, in der der unglückliche Mann, ohne am Ende ein Wort zu sprechen, nach einem fünf- bis sechstägigen Krankenlager den Geist aufgegeben hat.

Dies ist die Geschichte, so wie ich sie von den glaubwürdigsten Personen habe erfahren können, da die ganze Stadt in der Zeit (es war ohngefähr im November) davon voll war. Sollten einige Umstände der genauen Wahrheit nicht gemäß seyn, so will ich sehr wünschen, daß man sie berichtige, denn die Geschichte verdient es, und ist in der That merkwürdig. Indem ich sie bekannt mache, glaube [57]ich etwas zur psychologischen Kenntniß der Menschen beigetragen zu haben.

Der Mann, dem dieses begegnet ist, war übrigens seiner körperlichen Beschaffenheit nach ein kleiner ganz ausserordentlich dicker Mann. Sein Verstand war mittelmäßig, sein Character ganz gut und ehrlich, aber ein wenig zum Wohlleben und zum Genuß aller Vergnügungen, und zwar nicht immer der von der feinern Art, geneigt. In allen diesen Rücksichten schien er einer so starken Erschütterung noch weniger ausgesetzt, als man es sonst von Tiefdenkenden wohl glaubt. Gewiß, wer den Mann gekannt hat, wird die Geschichte noch besonderer finden, als ich sie Ihnen beschreiben kann.

—n.

Erläuterungen:

a: Françoise Raucourt (auch Françoise-Marie-Antoinette Saucerotte genannt), Schauspielerin, ab 1772 an der Comédie Française. Floh im Juni 1776 mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Souque, um ihren Schuldnern zu entkommen. Nach 3 Jahren, in denen sie in Belgien, Deutschland und auch Frankreich herumirrte, wurde sie vor allem durch die Unterstützung Marie Antoinettes 1779 wieder in die Comédie française aufgenommen.(Blanc 1997, S. 54-57; Bonnet 1995, S. 165-169.)

b: Raucourt spielte am 12. August 1778 in Kassel in einer Gastrolle die Roxane in „Bajazet“ von Racine (für diese Auskunft danken wir Dr Langkabel, Hessisches Staatsarchiv, Marburg).

[58]

Zur Seelennaturkunde

1.

Vermischte Gedanken über Denkkraft und Sprache.

Pockels, Carl Friedrich

Die menschliche Seele denkt, wenn sie vergleicht. Durch das Gefühl, daß sie dieses kann; daß sie in sich selbst Veränderungen hervorzubringen vermag, kommt sie zum Bewußtseyn ihrer Existenz, und weil jenes Gefühl von dem Standpuncte abhängt, aus welchem sie die Welt betrachtet, — ihrer individuellen Existenz. Sie verliert aber ihr eigenes Bewußtseyn, wenn sie nicht mehr Ideen mit Ideen vergleichen, folglich den Standpunct ihrer individuellen Existenz sich nicht mehr vorstellen kann.

Die Schnelligkeit und Richtigkeit ihrer Vergleichungskraft bestimmt die Grade ihres intellectuellen Werths, so wie auch ihrer einzelnen Denkvermögen, des Witzes, Scharfsinnes, der moralischen Urtheilskraft und des von diesen allen abhängenden Geschmacks.

So lange die Seele keine materiellen Ideen mit einander vergleichen kann, folglich sich ihrer nicht [59]bewußt ist, kann sie auch nichts von einander, selbst auf eine dunkele Art nicht von einander unterscheiden; folglich kann es auch keine angeborne Begriffe geben.

Hiemit läugnen wir aber gar nicht, daß die Seele schon eine Modification zum Denken mit auf die Welt bringe, auch schon vor der Geburt des Körpers unzählige Vorstellungen; aber in einem andern Organe gehabt haben könne.

Die ersten Grundbegriffe alles menschlichen Denkens, sind sinnliche Eindrücke auf unsere Organe. Es wird vielleicht nie entschieden werden, ob sie durch eine Art würklicher Impression, oder vermöge subtiler Schwingungen der Nerven der Seele bemerkbar werden. So fein auch jene Impressionen und Schwingungen angenommen werden, so wird es doch immer den Materialisten schwer werden, die Kraft des Denkens selbst daraus herzuleiten.

Anfangs weiß das Kind von jenen Grundbegriffen weiter nichts, als daß etwas in ihm dadurch verändert wird, und in so fern ist es immer nur noch blos Thier. Das sich nach und nach entwickelnde Bewußtseyn ihrer Verhältnisse, die erstlich von aussen durch die Verschiedenheit sinnlicher Objecte, und zweitens von innen durch die Grade des Denkgefühls der Seele bemerkbar werden, macht hernach den großen Unterschied zwischen blos animalischer und animalisch-beseelter Natur aus.

[60]

Ohne jene ersten sinnlichen Grundbegriffe läßt sich eben so wenig eine Aeußerung der menschlichen Denkkraft überhaupt sowohl als insbesondere, als eine Zahl ohne Einheit denken. Sie sind die Fäden, an welche sich alle folgende Vorstellungen bald auf eine nähere, bald eine entferntere Art anknüpfen, ohne daß die Seele einmahl darauf merkt. Aus diesem Anknüpfen unsrer Ideen an jene ersten Grundbegriffe lassen sich viele Erscheinungen in der empirischen Psychologie erklären, die anfangs widernatürlich schienen.

Es giebt keine Idee, welche isolirt in der Seele befindlich seyn könnte, sondern sie steht allemahl mit mehrern in einem Zusammenhange, dieser Zusammenhang mag nun willkürlich oder unwillkürlich seyn. Aus der angenommenen Einfachheit der Vorstellung kann also nicht wohl auf die Einfachheit der menschlichen Seele geschlossen werden.

Die Art und Weise, wie Ideen andere in uns erzeugen, ist unendlich verschieden; unterdessen liegen doch nur einige psychologische Gesetze zum Grunde, nach welchen jene Aufweckung der Ideen durch andere geschehen muß, diese Gesetze sind im Wachen und Traume die nehmlichen und lassen sich unter folgende Classen der Association allgemein zusammenfassen. Ideen erzeugen andere theils ähnliche, theils unähnliche,

[61]

1) wenn Gegenstände in Absicht des Orts, der Zeit, der Zahl, der Folge coexistiren.

2) Wenn, und so oft die Seele von Ursach auf Würkung und umgekehrt schließt, eben so vom Ganzen auf die Theile.

3) Vermöge des Contrasts.

Wenn es Zustände giebt, worin die Seele auf Ideen fällt, die gar keinen Grund in den vorhergehenden haben, so liegt dies entweder an der gänzlichen Neuheit der Objecte, die unsere Organe berühren, oder an einem innern Sprung unserer Imagination, die von der kleinsten Aehnlichkeit oft ganz anders modificirt wird, oder auch an einer eigenen Kraft der Seele aus sich Ideen zu schaffen (die gar keinen Grund in andern Ideen haben); obgleich diese Kraft noch nicht ganz erwiesen ist.

Wir denken uns eine Sache deutlich, wenn sich unsere Seele die Grade des Unterschiedes von andern Dingen gleichsam abzählt. Es gehört also zu jedem deutlichen Begriffe der Seele einige Zeit, die sie sich nimmt, jene Grade sich nach einander vorzustellen, obgleich die Seele dieser Zeit wegen die Schnelligkeit ihrer Denkkraft nicht fühlt, um so viel weniger, da die Sprache durch ein für die Sache bestimmtes hörbares Wort die Seele schnell auf einen Punct zieht. Deutliche Begriffe sind eine angenehme Modifikation der menschlichen [62]Seele, weil sie dabei sich am meisten der Kraft ihrer Selbstthätigkeit bewußt ist; aber dies gilt nicht bei allen deutlichen Begriffen. Das innere Streben der Seele nach Licht, macht daß sie ihre Selbstthätigkeit oft mehr fühlt bei dunkeln Ideen, als bei völlig deutlich gefaßten Begriffen. Wir mögen nicht immer eine abgeschnittene Gränze vor uns sehen. Daher die große Neigung zum Wunderbaren. — —

»Unser eigenes Gefühl sagt es uns, daß wir nicht immer denken; sondern, daß sich unsere Seele oft in dem Zustande einer gänzlichen Unthätigkeit befindet. Die Ohnmacht, der Schlaf, wenn wir nicht träumen, die müßige Gedankenlosigkeit des phlegmatischen Dummkopfs ist offenbar ein solcher Zustand des Nichtdenkens. Auch läßt sichs wohl nicht läugnen, daß die Seele des neugebornen Kindes, welche Aristoteles mit Recht eine tabula rasa nennt, anfangs ein völlig gedankenloses Wesen sey, welches sich seiner und anderer Dinge noch gar nicht bewußt ist und bewußt seyn kann«.—

Mit diesen Gründen hat man den bekannten Satz des Cartesius: daß das Wesen unsrer Seele im Denken bestehe, zu widerlegen gesucht. Andere Philosophen, — die die Wichtigkeit jener Gründe für zu wichtig hielten, als daß sie dem Cartesius Recht geben könnten, haben daher lieber das Wesen der Seele in eine Kraft, ein Vermögen zum Denken, oder Vorstellungen zu haben, gesetzt, [63]ohne eine neue dadurch entstandene Schwierigkeit zu heben, daß nehmlich eine Kraft als Kraft nie unwürksam seyn kann, weil eben diese Unwürksamkeit sie ja selbst aufheben würde. Wir können uns unter der Kraft, welchen Grad der Würksamkeit, welche Einschränkungen wir ihr auch immer geben mögen, doch einmahl nichts anders, als eine gewisse Tendenz zu Handlungen erklären, als eine nothwendige innere Würksamkeit denken. Sobald diese Tendenz aufgehoben ist, ist auch der Begriff von Kraft vernichtet, — und sobald ich mir die Seele ohne jene Tendenz, ohne die damit verbundene nothwendige und innere Würksamkeit vorstellen will, wird meine Seele ein Nichts, indem ich nichts unterscheiden kann, weil ich das Wesen einer Kraft in meiner Vorstellung vernichtet habe. Das Gefühl von Nichtwürksamkeit meiner Seele kann also keinen richtigen Beweis gegen den Satz des Cartesius abgeben, und dies um so viel weniger, da aus andern unläugbaren Erfahrungen gewiß ist, daß es oft in uns Vorstellungen giebt, deren sich unsere Seele nichtbewußt ist. Ich muß mich hierüber näher erklären.

Die Erfahrung lehrt es ja, daß wir oft in einem Augenblick durch eine unwiderstehliche Kraft und Gewalt mitten aus einer scheinbaren Unthätigkeit unserer Seele herausgerissen und gleichsam blindlings zum Handeln und Denken fortgetrieben werden, ohne daß wir eine deutliche Vorstellung [64]von den einzelnen Motiven unseres Willens angeben konnten, obgleich dergleichen Motiven absolut vorhanden seyn müßten. Hinterher aber fanden wir bei einer genauern Untersuchung unseres Seelenzustandes, daß gewisse dunkle Bilder der Phantasie, eine geheime Würkung der Himmelsluft auf unsere Organe, eine versteckte Ideenassociation unseres Geistes, oft auch eine schnelle Reihe solcher Vorstellungen, die durch Gewohnheit und Mangel der Neuheit uns unbemerkbar geworden waren, den Grund von hundert unerwarteten Modifikationen unserer Seele in sich enthielten. Manche Bilder unserer Einbildungskraft eilen bei gewissen heftigen Bewegungen des Bluts und der Lebensgeister mit einer solchen Schnelligkeit vorüber, manche Gedanken werden so leise und in so unmerklichen Nuancen mit einander umgetauscht, daß sie in dem Augenblick, wenn sie, um mich so auszudrücken, unter den Focus unseres Bemerkungskreises kommen, von uns nicht erkannt oder auch augenblicklich wieder aus unserm Gedächtnisse verwischt werden. Eben so handelt die Seele gemeiniglich bei der Wahl gleichgültiger Gegenstände, wo sie keine Gründe, den einen mehr als den andern zu begehren, zu haben scheint, nach einer oder mehrern dunkeln Vorstellungen, ohne daß sie sich derselben bewußt ist; und eine Menge anderer Gefühle, die in uns vorgehen, sind durchaus nichts anders als Folgen eines schnellen Syllogismus, den die Seele [65]gemacht hat, wovon ich nur das physiognomische Gefühl anführen will, das seinen Grund blos in der Vorstellungskraft der Seele haben kann. Ferner ist der Zustand, worinn unsere Seele völlig unthätig zu seyn scheint, immer noch mit einigem Bewußtseyn dieser Unthätigkeit selbst verbunden. Wir bemerken die Leere der Gedanken, die in uns herrscht, indem wir den jetzigen Zustand — (das negative) — mit einem vorhergehenden thätigen — (das positive) — vergleichen; ob wir gleich wieder von diesen Vergleichungsideen kein eigenes individuelles Bewußtseyn haben. Wir haben ein inneres Zeitgefühl von der Dauer jener Unthätigkeit, und oft eine dunkle Vorstellung von der noch daurenden Länge derselben. Es ist bekannt, daß sich viele Leute so gewöhnt haben, daß sie in der Minute aufwachen, in welcher sie es sich den Abend vorher vorgenommen hatten. Wenn auch gleich hier die Gewohnheit nach und nach in dem Körper eine solche Disposition veranlassen kann, daß die Seele um eine bestimmte Zeit aufwachen muß; so war doch diese Gewohnheit anfangs selbst nichts anders als ein dunkles Zählen der Augenblicke, welches die Seele während des Schlafs, ohne alles Bewußtseyn, denn wir fühlen ja nichts davon, vornahm.

Man könnte diese Betrachtungen noch durch viel mehrere Erfahrungsgründe unterstützen, wenn es nöthig wäre, und ich will nur noch dies anführen. Unsere zusammengesetzten Vorstellungen, die wir ha-[66]ben, übersieht nach einer langen Uebung im Denken die Seele mit einem Blick, und hat ein deutliches Bewußtseyn derselben. Anfangs, wie die Seele sich dergleichen Begriffe zu machen anfing, mußte sie sich durchaus die einzelnen Merkmahle der Begriffe einzeln vorstellen, sie mußte von den Theilen zu dem Ganzen schreiten. — Nicht so handelt sie, wenn sie diese Begriffe schon oft wiederhohlt hat, wenn sie also mit einer größern Schnelligkeit von den Vorstellungen einzelner Theile gleich zur completten Vorstellung des Ganzen übergehen konnte; und doch müssen jedesmahl die Vorstellungen der einzelnen Theile vorhanden seyn, wenn auch die Seele daran gar nicht zu denken scheint. Denn man versuche es, und ändere einen dieser Theile, die Seele wird es gleich bemerken, und sich nun das Ganze auch anders vorstellen müssen.

Locke ist gar nicht für die Meinung: daß es in uns Vorstellungen ohne Bewußtseyn geben könne. Indem er die angebornen Wahrheiten bestreitet, giebt er zugleich überhaupt zu verstehen, daß es keinen Eindruck in der Seele geben könne, dessen sie sich nicht bewußt wäre. Hier sind seine eigenen Worte.

It seeming to me near a contradiction, to say, that there are truths imprinted on the soul, which it perceives or understands not; Imprinting, if it signify anything, being nothing else, but the making certain truths [67] to be perceived. For to imprint any thing on the mind, without the mind's perceiving it, seems to me hardly intelligible — — To say a notion is imprinted on the mind, and yet at the same time to say that the mind is ignorant of it, and never yet took notice of it, is to make this Impression nothing. No proposition can be said to be in the mind, which it never yet knew, which it was never yet conscious of. — — Ess. of hum. Understanding B. I. Ch. II §. 5. a

Wenn Locke darin auch völlig Recht hat, daß es keine angebornen Wahrheiten, würkliche mit der Seele zugleich entstandene χοιρας ερρθραςgeben kann; so folgt daraus doch noch gar nicht, daß es überhaupt gar keine Impressionen, keine Vorstellungen in der Seele geben kann, deren sie sich nicht bewußt ist. Die Wahrheiten, deren Existenz Locke als angeborne bestreitet, sind zum Theil metaphysische Sätze, die sich freilich ohne Nachdenken, ohne Bewußtseyn nicht in der Seele denken lassen, zumahl da ihre Begreiflichkeit sich auf eine schon bestimmte Wortsprache gründet, von der man ohnmöglich sagen kann, daß sie der Seele des Menschen auch angeboren wäre; — aber deswegen können doch einzelne Vorstellungen und Eindrücke sich in unserer Seele befinden, ohne daß sie sich ihrer bewußt ist, und dergleichen Vorstellungen und Eindrücke giebts unendlich viele, die wirklich immer da sind, aber nicht [68]eher in den Besinnungskreis des Menschen hervortreten, bis wir unsere Aufmerksamkeit auf sie richten. Ob, wie Bonnet behauptet, ein jeder jener Eindrücke eine eigene Fieber des Körpers nöthig habe — weiß ich nicht, kann Bonnet selbst nicht mit Gewißheit angeben. b

Locke erklärt sich über den Cartesiusischen Satz im 2ten Buch 1 Cap. des oben angeführten Buchs noch weiter. Ich gestehe es selbst, sagt er, daß ich eine von solchen ungeschickten Seelen besitze, welche es nicht selbst empfinden, daß sie stets mit Betrachtung der Begriffe beschäftigt sind, noch begreifen können, daß die Seele nothwendig immer denken müsse. — — Die Empfindung der Begriffe ist, wie ich mir das Ding denke, der Seele eben das, was dem Leibe die Bewegung ist, nicht ihr Wesen, sondern eine von ihren Würkungen. Ob nun gleich das Denken als das eigentliche Seelengeschäft anzusehen ist; so hat man dennoch nicht nöthig zu glauben, daß sie immer denke, stets würke. Dies ist vielleicht ein Vorzug des unendlichen Urhebers und Erhalters aller Dinge, der niemahls schläft noch schlummert, und kommt keinem endlichen Wesen zu, wenigstens nicht der Seele eines Menschen. Wir wissen es aus der Erfahrung mit Gewißheit, daß wir denken, und daraus machen wir den unfehlbaren Folgesatz, daß ein mit Denkkraft begabtes Ding in uns sey. Ob aber diese Substanz immerfort denkt oder nicht, davon können wir nicht [69]weiter versichert seyn, als es uns die Erfahrung lehrt. (Locke setzt hier, wie in andern Stellen, offenbar als schon erwiesen voraus, daß eine jede Vorstellung ein würkliches Bewußtseyn in sich schließen müsse.) Denn sagen, das würkliche Denken sey Wesen der Seele, und lasse sich von derselben nicht trennen, ist so viel als etwas, darüber noch gefragt wird, für gewiß setzen, und es nicht beweisen, welches doch geschehen muß, wenn es nicht ein an sich sonnenklarer Satz ist. (Man setzt ja aber auch den Satz — ich nehme den strengen Cartesianer aus — nicht als ein Axiom voraus, daß das Wesen der Seele im Denken bestehe, sondern man leitet ihn aus Vernunftbegriffen über die Denkkraft des Geistes her, und nimmt an, daß eine Seele ein Nichts wird, sobald sie zu denken und zu empfinden aufhört.) Ob nun aber dieser Satz: die Seele denkt immer, ein an sich sonnenklarer Satz sey, dem jedermann Beifall giebt, sobald er ihn hört, darüber lasse ich alle Menschen in der ganzen Welt urtheilen. —Ich zweifle, ob ich die ganze vergangene Nacht mit Ideen beschäftigt gewesen bin, oder nicht. Da hier die Frage von einer geschehenen Sache ist; so ist es so viel, als sie für gewiß setzen, wenn man als einen Beweis davon einen uns angenommenen noch streitigen Satz anführt. Auf solche Art kann jeder eine Sache beweisen. Ich darf nur voraussetzen, daß alle Uhren, so lange die Unruhe schlägt, denken; so habe ich es zur Gnüge erwiesen, und es [70]ist ausser allem Zweifel, daß sich meine Uhr vorige Nacht mit Gedanken beschäftigt hat. (Locke läßt sich hier durch ein Exemplum claudicans offenbar verführen, wer kann denn bei einer Maschine voraussetzen, daß sie denken kann, aber in Absicht der Seele kann und muß ich eine solche Denkkraft annehmen, weil sie sie würklich besitzt, und weil ein Geist ohne Kraft und Würkung doch durchaus ein leeres Nichts seyn muß.) Allein, wer sich nicht selbst betrügen will, der muß seinen angenommenen Satz auf einegeschehene Sache gründen und die Wahrheit desselben durch die sinnliche Erfahrung beweisen, nicht aber die geschehene Sache glauben, weil sie seinem angenommenen Satze gemäß ist, das ist, weil er ihre Wahrheit voraussetzt. — — — —

Ich gebe es zu, daß die Seele bei einem Wachenden niemahls ohne Gedanken sey, weil dieses mit zum Wachen erfodert wird; ob sie aber im Schlafe, ohne Träume, denkt, ist eine andere Frage. Es ist schwer zu begreifen, daß man etwas denken, und sich dessen doch nicht bewußt seyn soll. Wenn die Seele in einem Schlafenden denkt, ohne sich dessen bewußt zu seyn; so frage ich, ob sie während dieses Denkens Vergnügen oder Verdruß empfindet, ob sie angenehmer oder unangenehmer Empfindungen fähig ist? Ich bin versichert, ein Mensch ist alles dessen so wenig fähig, als das Bette oder die Erde, worauf er liegt. Denn glücklich oder un-[71]glücklich seyn, ohne daß man es weiß, scheint mir allerdings mit einander zu streiten. Ist es möglich, daß die Seele, so lange der Leib schläft, ihre Gedanken, ihre Freuden oder Bekümmernisse, ihr Vergnügen oder ihren Verdruß für sich besonders haben kann, ohne daß sich der Mensch dessen bewußt ist, so ist gewiß, daß der wachende Socrates und der schlafende Socrates nicht eben dieselbe Person ausmachen; sondern die Seele des Socrates, wenn er schläft und wenn er wacht, sind zwei Personen, weil der wachende Socrates von der Glückseligkeit oder von dem Verdruß seiner Seele keine Kenntniß hat, oder sich nicht darum bekümmert. Seine Seele empfindet jene, und trägt diesen für sich allein, so lange er schläft, ohne daß er etwas davon fühlt. Es ist ihm daran nicht mehr gelegen, als an der Glückseligkeit oder dem Elende eines Menschen in Indien, den er nicht kennt. — Denn nehmen wir von unsern Handlungen und Empfindungen, insonderheit von dem Vergnügen und Verdruße alles Bewußtseyn weg; so werden wir schwerlich wissen, worin die persönliche Einerleiheit (personal Identity.) zu setzen sey. (Die bekannte Eintheilung unsrer Empfindungen in angenehme und unangenehme, und der daraus entspringenden Seelenzustände, Glückseligkeit oder Unglückseligkeit ist — eine Eintheilung, die nicht erschöpfend genug ist. Es giebt unzählige Vorstellungen in uns, die nicht unter obige Rubrik gehören, und von denen wir [72] nicht angeben können, ob sie würklich angenehm oder unangenehm sind, weil wir sie noch nicht deutlich genug überschauen können. Wir dürfen nur auf uns selbst Acht geben, und wir werden fast jeden Augenblick überzeugt werden, daß uns unaufhörlich eine Menge von Ideen zuströmen, die wir nur bemerken, ohne einen angenehmen oder unangenehmen Eindruck derselben auf uns wahrzunehmen. Daß wir also im Denken des Schlafs auch entweder uns glücklich oder unglücklich fühlen müßten, ist nicht psychologisch richtig. So wenig, wie überhaupt Locke im Folgenden wird erweislich machen können, daß wir im Schlafe nicht immer denken.)

Die Seele, sagen diese Leute, (nehmlich die Cartesianer) denkt, so lange der Mensch im tiefen Schlaf liegt. Indem sie denkt und empfindet; so ist sie ohne Zweifel sowohl der Gefühle des Vergnügens oder Schmerzes, als einiger andern fähig, und sie muß sich dessen, was sie empfindet, nothwendig bewußt seyn. Hat sie aber alle diese Gefühle für sich besonders; so ist es klar, daß sich derselben ein Schlafender gar nicht bewußt ist. Wir wollen demnach setzen, es hätte sich die Seele des Castors im Schlaf aus seinem Körper entfernt. — Dies, was wir hier setzen, kann denjenigen nicht unmöglich vorkommen, welche so freigebig sind, daß sie allen andern Thieren ein Leben ohne eine denkende Seele zugestehen. Diese Leute können es also nicht für etwas unmögliches oder sich widersprechendes [73]ansehen, daß der Körper ohne Seele leben, oder die Seele ohne Körper bestehen und denken, oder Empfindungen auch von Glückseligkeit und dem Gegentheile haben kann. — Wir wollen nun, sage ich, setzen, Castors Seele hätte sich während des Schlafs vom Leibe abgesondert, um für sich allein zu denken. Wir wollen auch setzen, sie wählte zum Schauplatz ihres Denkens den Körper eines andern Menschen, z.B. des Pollux, der ohne eine Seele schläft. Denn wenn des Castors Seele denken kann, indem er schläft, wovon er doch nie etwas weiß, so ist nichts daran gelegen, was für einen Ort zum Denken er sich wählt. Hier haben wir nun Körper zweier Menschen, die nur eine Seele unter sich gemein haben, und von denen wir annehmen wollen, daß einer um den andern schlafe und wache, und daß die Seele in dem wachenden Menschen immer denke, wovon aber der andere, welcher im Schlafe liegt, niemahls etwas wisse, nie die geringste Empfindung habe. Ich frage also: ob nicht Castor und Pollux, da sie nur eine Seele unter sich gemein haben, die in dem einen denkt und empfindet, davon der andere nichts weiß noch sich darum bekümmert, so wohl zwei unterschiedene Personen sind, als Castor und Hercules, oder als Socrates und Plato waren? — Und ob der eine von ihnen nicht recht glücklich, der andere hingegen sehr unglücklich seyn kann. Eben so machen diejenigen aus eben der Ursache die Seele und den Menschen zu zwei Personen, welche vor-[74]geben, die Seele denke für sich besonders, davon der Mensch sich nicht bewußt wäre. — — — — —

Vielleicht, fährt Locke fort, wird man vorgeben, die Seele denke auch im tiefsten Schlafe; aber das Gedächtniß behalte das Gedachte nicht. Allein es läßt sich schwer begreifen, daß die Seele eines Schlafenden diesen Augenblick mit Denken beschäftigt seyn, und sich doch nicht in dem nächsten Augenblicke, wenn er aufwacht, auf das geringste von allen solchen Gedanken besinnen kann. (Und ich behaupte, es läßt sich sehr leicht begreifen, weil mit dem würklichen Aufwachen zugleich eine Menge schwächerer Vorstellungen, die wir während des Schlafs gehabt haben, ausgelöscht werden können, und weil wir an den Nachtwandlern tausend Handlungen, die sie während des Schlafs vorgenommen haben, bemerken, davon sie beim Erwachen kein Wort wissen. Will Locke auch läugnen, daß die Seele dieses Menschen im Schlafe nicht würklich gedacht habe, oder kann sie vielleicht würklich zweckmäßige Handlungen bei dem Nachtwandler hervorbringen, ohne daß sie daran denkt? Nimmermehr! Es giebt Leute, die im Schlafe, ohne daß sie zu träumen scheinen, oder ohne daß sie sich des Traums hinterher bewußt sind, sehr vernehmlich reden, und wenn sie aufwachen, von Allem nichts wissen.) Dies bedarf eines bessern Beweises, als eine bloße Beziehung, wenn man es glau-[75]ben soll. Denn wer kann es sich ohne weiteres Bemühen, und nur weil man es sagt, einbilden, daß die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben alle Tage etliche Stunden an etwas denken, sich aber, wenn sie auch mitten unter solchen Gedanken gefragt würden, ganz und gar auf nichts besinnen könnten. Ich halte dafür, die meisten Menschen bringen einen großen Theil ihres Schlafs ohne Träume zu. Ich habe einmahl einen Mann gekannt, der sich auf die Wissenschaften legte, und eben kein schlechtes Gedächtniß hatte. Dieser erzählte mir, daß er niemahls geträumt hätte, als da ihn ein Fieber befallen, und ich glaube, man wird mehr dergleichen Beispiele antreffen. — —

Oft denken, und es nicht einen Augenblick behalten, ist ein vergebliches, unnützes Denken. Die Seele ist in einem solchen Zustande nicht viel besser als ein Spiegel, der beständig mancherlei Bilder oder Ideen annimmt; aber keines behält. Sie verlieren sich und verschwinden wieder, und es bleiben keine Spuren davon zurück. Der Spiegel wird durch solche Bilder niemahls vollkommner, noch die Seele durch solche Gedanken. Man wird mir vielleicht einwenden, bei einem Wachenden wären zugleich die Organe des Körpers mit beschäftigt und würden mit zu seinem Denken gebraucht, auch das Gedächtniß behielte solche Gedanken vermittelst der im Gehirn geschehenen Eindrücke, und der nach solchem Denken zurückgelassenen Spuren; allein beim [76]Denken der Seele, welches von einem Schlafenden jetzt wahrgenommen würde, hätte die Seele ihre Gedanken für sich allein, und ließe keine Eindrücke, und folglich kein Andenken solcher Gedanken nach sich, weil sie sich der Organe des Leibes nicht bediente. Ohne nun wieder anzuführen, daß es ungereimt ist, wenn der Mensch zwo unterschiedene Personen ausmacht, welches aus dieser Meinung fließt, (und ich setze hinzu, welcher Gegenbeweis da Locke eigentlich nichts sagt, wie ich ein andermahl zeigen will) so antworte ich überdem noch, daß es sich ganz vernünftig schließen lasse, daß die Seele alle ohne Hülfe des Körpers erlangte Begriffe auch behalten könne, ohne des Körpers dazu benöthigt zu seyn, oder es wird sonst die Seele, oder ein von seinem Körper abgesonderter Geist von seinem Denken einen sehr geringen Vortheil haben. Kann die Seele sich nicht auf ihre eigene Gedanken besinnen, nicht zu ihrem Gebrauche aufbehalten, sich nicht ihrer vorigen Erfahrungen, Vernunftschlüsse und Beobachtungen zu Nutze machen, was hilft ihr denn das Denken? (Dies beweist weiter nichts gegen die immer fortwürkende Denkkraft der menschlichen Seele. Die Frage ist auch überhaupt gar nicht, wozu ihr ein Denken oder Bewußtseyn nöthig sey; sondern ob sie immer denkenkönne, denken müsse. Es giebt ja ohnedem in der menschlichen Seele unzählige Vorstellungen, warum man nicht sagen kann, daß sie gerade einen gewißen [77]Vortheil für unsern Geist in sich schlössen, der bemerkbar wäre, genug wenn sie unsere Denkkraft in beständiger Würksamkeit erhalten, wohin auch jene gerechnet werden können, deren wir uns nicht bewußt sind. Wenn Locke im Folgenden sagt: daß es schwer zu begreifen sey, daß unser unendlich weiser Schöpfer eine so vortreffliche Kraft, wie die denkende ist, eine Kraft, welche der Größe seines eigenen unbegreiflichen Wesens am nächsten kommt, geschaffen haben soll, damit sie auf eine so ungereimte und unnütze Weise wenigstens den vierten Theil der Zeit mit Denken zubringen könne; so läßt sichs wahrlich noch schwerer begreifen, wie Gott eine geistige Substanz habe schaffen können, um den vierten Theil der Zeit ganz unthätig zuzubringen. Eben so wenig kann Lockes Bemerkung gegen die beständige Würksamkeit der Denkkraft etwas beweisen, daß unsere Gedanken im Schlafe gemeiniglich verworren wären; — genug, wenn wir nur immer denken, welches allein die Hauptfrage bei dieser ganzen Untersuchung bleibt.)

Diejenigen, welche es für so gewiß ausgeben, daß die Seele immer denkt, möchten doch auch zeigen, welches die Begriffe sind, die sich in der Seele eines Kindes entweder vor, oder gleich bei der Vereinigung mit dem Körper finden, ehe sie noch einige durch die sinnliche Empfindung bekommt. (Diese Begriffe kann man freilich nicht individuell angeben; aber es ist höchst wahrscheinlich, daß die Seele schon [78] in Embrio Eindrücke annimmt, und vermöge dieser Eindrücke, obgleich noch auf eine sehr eingeschränkte Art, würksam ist. Daß wir diese Eindrücke, welche den ersten Stof der Seele liefern, nicht behalten, ist sehr natürlich, weil die Weiche des Gehirns und der Fiebern ihnen noch keine Dauer erlaubt.) Die Träume eines Schlafenden werden nach meiner Meinung alle aus Begriffen, die wir im Wachen gesammelt haben, zusammengesetzt. Hat die Seele ihre eigene Begriffe für sich, die nicht von der sinnlichen Empfindung oder der Reflexion herrühren, wie sie denn solche Begriffe haben müßte, wenn sie sich mit Gedanken beschäftigte, ehe sie von dem Körper einige Eindrücke empfängt; so ist es wohl etwas seltsames, daß sie bei ihrem geheimen Denken, welches so geheim ist, daß es der Mensch selbst nicht wahrnimmt, niemahls einige von solchen Begriffen den Augenblick, da der Mensch von seinem Traume erwacht, behalten kann. (Man hat bei der Behauptung einer beständigen Würksamkeit der menschlichen Denkkraft nicht nöthig, angeborne Begriffe anzunehmen, wie hier Locke voraussetzt. Ein genaues Studium der menschlichen Seele lehrt uns, daß alle Veränderungen unserer Vorstellungen und ihrer ersten Anfänge allein in der Erfahrung liegen, und wir setzen den Anfang der geistigen Thätigkeit unserer Natur in den Punct unseres Daseyns hin, wenn die ersten Vorstellungen durch körperliche Eindrücke in uns entstehen. Die [79] erste Vorstellung der Seele ist also, um mich so auszudrücken, der Anfangspunct ihres Lebens, ihrer Thätigkeit, welche, wenn es Gott will, von diesem Puncte, von dieser ersten Vorstellung an bis in alle Ewigkeit hinaus dauern wird. Daß wir die erste Vorstellung nicht wissen, und viele tausend andere, die die erste Thätigkeit der Seele bestimmen, ist kein Beweis, daß sie nicht da gewesen wären, so wenig ich behaupten kann, daß ich nicht geträumt hätte, weil ichs wieder vergessen habe.)

Wer kann es vernünftig finden, fährt Locke fort, daß die Seele während des Schlafs sich in ihrer Einsamkeit so viel Stunden mit Gedanken beschäftigen soll, und gleichwohl niemahls keinen von den Begriffen antreffen kann, die sie nicht von der sinnlichen Empfindung, oder von dem Ueberdenken erborgt hat, und daß sie wenigstens keine andern, als nur solche behält, welche, da sie durch den Körper veranlaßt worden, nothwendig einem Geiste nicht so natürlich seyn müssen. (Locke meint in dieser etwas dunkeln Stelle, daß Begriffe, die uns eingepflanzt wären, von der Seele leichter bemerkt werden müßten, als die, welche wir erst durch den Körper bekämen, und gleichsam der Seele nicht so nahe, wie jene lägen.)

So weit Locke — —. c Leibnitz hat ihn am kürzesten durch seine Perceptio und Apperceptio zu widerlegen gesucht, ein Unterschied, der auch nach Erfahrungen offenbar in der Natur der menschlichen [80]Seele gegründet ist. Hier sind seine eigenen Worte über die bestandige Würksamkeit der Seele.

Je tiens, que l'ame et même le corps n'est jamais sans action, et que l'ame n'est jamais sans quelques perception. Même en dormant on a quelque sentiment confus et sombre du lieu, ou l'on est, et d'autres choses. Mais quand l'expérience ne le confirmeroit pas, je crois, qu'il y en a demonstration. C'est à peu près, comme on ne sauroit prouver absolument par les experiences, s'il n'y a point de vuide dans l'espace, et s'il n'y a point de repos dans la matière. — — d

P.

(Die Fortsetzung folgt.)


Bei der Untersuchung über den Ursprung der Sprache in psychologischer Rücksicht, die schon so viele Köpfe beschäftigt hat, stößt man sehr natürlich auch auf die Frage: Wie die Menschen nach und nach abstracte, übersinnliche Begriffe, allgemeine Empfindungen, und die darauf gegründeten moralischen Vorstellungen haben durch Zeichen ausdrücken lernen?

So leicht und natürlich es ist, die Anfänge einer Wortsprache für hörbare Gegenstände anzuge-[81]ben, indem die Menschen das Hörbare nur durch ihre eigene Stimme nachahmen durften, und so ziemlich allgemein man jetzt annimmt, daß das Hörbare den Anfang aller Wortsprache veranlaßt hat; so schwierig ist aber doch auf der andern Seite die Untersuchung einer Zeichensprache für abstracte Ideen, und das um so viel mehr, weil uns alle historische Data über die Sache fehlen. Wir können ohnmöglich wissen, wenn sich dieser und jener abstracte Begriff der menschlichen Seele so aufdrang, so nahe lag, daß sie für ihn ein Wort suchen mußte; nicht, unter welchen Umständen sie dieses Wort fand, und welche Verbindung es mit dem übrigen Vorrathe schon vorhandener Wörter hatte. Aber demohnerachtet können wir dem wahrscheinlichen Gange der menschlichen Seele in Erwerbung abstracter Zeichen nachspüren. Jedes Volk, das sich eine Sprache erfand, wird zwar, wie auch die unendliche Verschiedenheit der Sprachen lehrt, einen eigenen Weg hierbei genommen haben; aber alle müßten doch auch hierbei den Eindrücken der Sinnlichkeit und der Analogie gefolgt seyn, vermöge welcher jeder rohe Mensch übersinnliche Gegenstände durch körperliche ausdrücken wird, die mit jenen nach seiner Empfindung eine Aehnlichkeit haben, und wovon ich weiter unten reden werde.

Ehe wir uns überhaupt eine Sprache denken, müssen wir uns allemahl eine Societät voraussetzen, ohne welche der Mensch gewiß stumm geblieben seyn [82]würde. Er würde zwar vor Schmerz geschrien, und aus Freude gelacht haben; aber er würde kein Wort aus diesen Naturaccenten gebildet haben, — am allerwenigsten für abstracte Ideen. Die Societät zwang ihm also die Sprache gleichsam auf.

Ueberhaupt lernte nun wohl der Mensch nächst den hörbaren Gegenständen die Begriffe ausdrücken, welche ihm am allernächsten lagen, und sich auf hörbare Leidenschaften und Gemütsbewegungen bezogen, und unter diesen vornehmlich Schmerz und Freude. Jener ist gewiß einer der ersten Lehrmeister der menschlichen Seele gewesen, und sie hat ihm ohnstreitig eine große Menge von Begriffen zu verdanken, die schon durch das natürliche Aufsuchen der Mittel dagegen, durch die verschiedenen Arten des Schmerzes, und an so verschiedenen Theilen, und durch die mancherlei Leidenschaften, die er erregt, veranlaßt werden mußten. Die bloße Geberdensprache konnte bei manchen Völkern lange hinreichen, den Schmerz auszudrücken; allein bei einiger Bildung der Seele mußte sie einen Drang in sich fühlen, auf eine deutlichere Art sich Geschöpfen ausdrücken zu können, welche mit ihr sympathisirten, und dies um so viel mehr, da sich der Schmerz von Natur hörbar macht, und seine eigenen Modulationen hat. Dieses Hörbarmachen besteht anfangs freilich nur in unarticulirten Tönen, in einem thierischen Geschrei; aber der unarticulirte Ton konnte, wenn er etwa sehr auffiel, von einem [83]angesehenen Manne kam, die Autorität eines würklichen Sprachworts bekommen und behalten, gesetzt, wenn er auch nur einen Vocal gehabt hätte; ob sich gleich der Schmerz oft durch Töne ausdrückt, die mehr Vocale haben, als einen. Jene Autorität erhielt aber das Wort nach und nach durch Widerhohlung und Nachahmung desselben. Man gab sich dadurch zu verstehen, wie dieser und jener seinen Schmerz ausgedrückt habe, und weil man hernach einen bestimmten Begriff von einem individuellen Schmerz hatte; so widerhohlte jeder Leidende in dem kleinen gesellschaftlichen Cirkel, der ihn erfand, jenen Ton, und er wurde ein Wort, ein Ausdruck, und ein Merkmahl des Schmerzes, Nomen und Verbum zugleich, dessen Infinitiv lange ohne Zeit und Personen ausgedruckt wurde. Wahrscheinlich bildete endlich auch die Reflexion aus dem Naturlaute des Schmerzes das abstracte Wort für denselben, und nahm dazu die Vocale, welche bei dem Ausdruck des Leidenden immer wieder vorkamen, als Elemente des abstracten Worts. Das genaue Wie läßt sich freilich hier nicht ausmachen, und kein einziger der bekannten Schriftsteller, die über den Ursprung der Sprache geschrieben haben, hat es gewagt, das alte und erste abstracte Urwort für den Schmerz, oder jeden andern abstracten Begriff anzugeben.

Condillac hat ohngefähr diese Meinung vom Ursprünge der Sprachen (Essai sur l'origine des con- [84] noissances humaines Vol. II.). e Nach seiner Meinung waren die Töne der Leidenschaften, die uns thierisch-eigen sind, gleichsam die Wurzelwörter der Sprache, und Condillac hat nicht ganz Unrecht; ob er freilich so wie andere nicht hat zeigen können, wie sich aus den Naturlauten haben Wörter bilden können. Herder, welcher ihn getadelt hat, ohne selbst eine bestimmte Erklärung des ersten Ursprungs der Sprache anzugeben, meint, daß aus dem blos tönenden Ausdruck der thierischen Leidenschaft nimmermehr eine Sprache habe entstehen können, (Siehe dessen Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Berl. 1772.) so wenig als die Thiere, welche ihre Leidenschaften auch durch Töne ausdrückten, deswegen zu einer Sprachfähigkeit geschickt wären. f Allein der Unterschied zwischen Menschen und Thier ist doch auch selbst in Absicht der Naturlaute der Leidenschaften sehr sichtbar. Der Mensch hat eine viel größere Menge von Naturlauten vermöge der Modulation seiner Stimme in seiner Gewalt, als das Thier, — und als Thier würde der Mensch auch gewiß nie eine Sprache zusammengesetzt haben; aber als Mensch konnte er anscheinliche Begriffe mit diesem und jenen Naturlaut verbinden und ihn zu einem Wortausdruck eines gewissen Gegenstandes, einer gewissen Empfindung machen. Freilich nach und nach, je nachdem die Reflexion mit in den Bau der Naturlaute durch weggelassene oder hinzugesetzte Silben einfloß. Eine [85]Folge, die sehr natürlich war, weil die menschliche Vernunft in den bloßen Naturlauten nicht Unterscheidung genug fand, um eine größere Anzahl von Dingen auszudrücken. — Sie fing die Wörter aus den Naturlauten eigentlich aus innern Denkinstinct zu bilden an.

Zwischen den Ausdrücken des körperlichen- und Seelenschmerzes war anfangs wahrscheinlich kein Unterschied, weil beide sich fast auf einerlei Art in dem rohen Menschen ausdrücken. Vielleicht brauchte man einerlei Naturlaute in beiden Fällen; aber mit einer verschiedenen stärkern oder schwächern Modulation der Stimme. Der körperliche Schmerz ist heftiger und gemeiniglich wüthender als innere Traurigkeit des Gemüths, drückt sich kühner und stärker aus, als diese, welche in mildern Tönen und in einer stillern Sprache des Gesichts klagt. Da aber auch dieser Unterschied nicht ganz zureicht, beide Arten von Schmerz deutlich zu unterscheiden; so wurde der Schmerzensausdruck, welcher einem Leidenden bei einer innern Bekümmerniß entfuhr und etwas auffallendes an sich hatte, wahrscheinlich das Nomen oder Verbum für ein Seelenleiden, auch wohl gar der abstracte Ausdruck des Leidens überhaupt; vielleicht auch durch einen Vorsatz oder Nachsatz einer Silbe, eines Vocals, das Wort für die Ursache des innerlichen Schmerzes. — Doch ich habe schon oben gesagt, daß das eigentliche Wie hievon nicht angegeben werden kann.

[86]

Die Töne, die durch Reflexion bestimmten Naturlaute des Schmerzes wären also nach meiner Meinung mit die ersten Stammwörter im Lexico einer anfänglichen Sprache gewesen. An sie mußten sich sehr natürlich die anschließen, welche aus einer frölichen Gemüthsstimmung herrührten. Töne des innern Freudengefühls, des Wohlbehagens, der Liebe und Zärtlichkeit. Ein neues Feld für die Entwickelung der ersten Sprache. Der Affect der Freude tönt anders, als der des Schmerzes, drückt sich am ganzen Körper anders aus. Das Sprachbedürfniß muß also auch aus dem Naturlaute desselben andere Nomina, andere Verba bilden, und unter diesen werden diejenigen wieder die ersten seyn, welche etwas sehr Auffallendes an sich hatten, eine gemeinschaftliche Nachahmung einer ganzen Gesellschaft verursachten, und durch das Ansehn der Person einige Autorität erhielten. Viele werden aber auch durch bloßen Zufall Nennwörter der Sprache geworden seyn, der überhaupt keinen geringen Antheil an ihrer Ausbildung gehabt haben mag.

Die elterliche Liebe sowohl als die eheliche, die wir allerdings schon im rohen Zustande der Menschheit wider Rousseaus Meinung annehmen können, ist gewiß eine sehr reiche Quelle von Wörtern gewesen; — vorausgesetzt, daß wir den ersten Menschen als ein erwachsenes Geschöpf mit menschlichen Anlagen denken. Die Mutter muß einen Namen für ihr Kind haben, und sie giebt ihm ei-[87]nen, um es von andern zu unterscheiden, und im Fall der Noth rufen zu können. Diese ersten Nomina propria kamen wahrscheinlich zuerst von einer hervorstechenden Eigenschaft des Gemüths, oder von einem besondern Umstande der Geburt des Kindes her. Aber die Mutter will es nicht blos nennen, sie will ihm seine Liebe zu erkennen geben, und bedient sich der Naturausdrücke der mütterlichen Zärtlichkeit, welche eine ganz besondere Art der Naturlaute sind, und sich durch eine sanfte Milderung der Stimme auszeichnen. Sie giebt dem Kinde Namen von Gegenständen, die ihr sonst schon angenehm waren, sie führt ihm Sachen, Thiere vor, und macht die Stimme derselben nach, um sie zu unterscheiden, und erweitert dadurch nicht nur den Ideenkreis des Kindes, sondern auch sein Sprachbedürfniß.

Abstracte Wörter für alle dergleichen zärtliche Empfindungen bildet die Seele wiederum durch Reflexion, so wie die für den übrigen großen Theil abstracter Kenntnisse, deren Ursprung aber ohnmöglich individuell angegeben werden kann. Der allgemeine wahrscheinliche Weg, den die menschliche Seele hierbei nimmt, ist wohl der, daß sie wegen einer bemerkten Aehnlichkeit zwischen einzelnen und körperlichen Gegenständen den Wortausdruck derselben auf geistige hinüberträgt, und also das Uebersinnliche anfangs selbst unter einem Bilde ausdrückt. Alle alte Sprachen wim-[88]meln von dergleichen Bildern für abstracte Gegenstände. So wurde Gott wahrscheinlich unter dem bildlichen Ausdrucke des Donnerers, der Zorn unter dem eines rasenden Menschen, die Wachsamkeit unter einem Auge, die Liebe im Bilde der Umarmung, die Schnelligkeit mit einem Pfeil, oder schnell laufender Thiere u.s.w. vorgestellt. Der Ausdruck des Bildes wurde allgemeiner Ausdruck, ein abstractes Wort, welches freylich vielerlei Sinonime haben konnte; aber doch immer Allgemeinausdruck blieb.

P.

(Die Fortsetzung folgt.)

Erläuterungen:

a: Locke 1690.

b: In seinem Essai analytique sur les facultés de l'âme (1760) ging Bonnet davon aus "daß die Bewegung einer Fiber eine Idee hervorbringt, und daß bey Gelegenheit einer Idee auch eine Bewegung der Fiber erfolget" (Bonnet 1770/1771, Bd. 1, Vorrede, S. XVIII).

c: Locke 1690, Book II, Chapter 1, § 10-16.

d: Locke 1708, S. 196-205.

e: Condillac 1746, Bd. 2, Section première, Chapitre premier, §2-5.

f: Herder 1772, S. 31-35.

2.

Ueber den Einfluß der Finsterniß in unsere Vorstellungen und Empfindungen, nebst einigen Gedanken über die Träume.

Pockels, Carl Friedrich

Gewisse Gedanken und Empfindungen der menschlichen Seele werden gemeiniglich erst dann in uns rege, wenn die ganze Natur um uns her finster und still wird. Ein aufmerksamer Beobachter seiner selbst kann leicht die Erfahrung machen, daß man, wenn uns Stille und Finstemiß umgeben, wenn unser Geist [89]sich aus dem sichtbaren Schauplatze der Welt gleichsam in sich selbst zurückzieht, oft ganz anders denkt und empfindet, als bei Tage; — daß gerade alsdann und sonst vielleicht nie oft die sonderbarsten und lächerlichsten Mißgeburten von Gefühlen und Begriffen in uns entstehen. So dunkel und verworren diese Begriffe und Gefühle aber auch immer seyn mögen; so lebhaft würken sie doch gemeiniglich auf unsere Einbildungskraft, ja selbst auf unser Herz, und empören sich nicht selten gegen die moralischen Grundsätze unserer Natur.

»Ich fürchte mich immer, sagte mir neulich ein rechtschaffener und gelehrter Mann, vor den Augenblicken, die vor dem Einschlafen hergehen. Gemeiniglich habe ich dann wider meinen Willen und ohne alle Veranlassung mit den unschicklichsten Gedanken zu kämpfen, die meine Sittlichkeit und Tugend beleidigen, — und sogar dann oft meine Seele mit ihren häßlichen Bildern durchkreutzen, wenn ich mein Gebet zu Gott richte. Nie fallen mir gewisse die Gottheit und göttliche Dinge entehrende Prädicate so deutlich ein, als wenn ich mich in mein Bette gelegt und das Licht ausgelöscht habe, und nie sehe ich die verführerischesten Bilder der Sinnlichkeit mit allen ihren gefälligen Reitzen so lebhaft vor mir herumtanzen, als wenn ich einschlafen will. Von diesen Augenblicken, fuhr er fort, haben vornehmlich junge Leute beiderlei Geschlechts sehr viel zu fürchten. Ihre lebhafte Phantasie mahlt ihnen [90] alsdann allerlei Scenen der Wollust mit den hellesten Farben ab, und sie haben dadurch oft schon lange ihre Unschuld verloren, wenn sie gleich noch äußerlich schamhaft erröthen können«.

Die Beobachtung, daß Stille und Finsterniß der Nacht unserm Denken und Empfinden gleichsam eine andere Richtung geben können, kommt mir in der That in mehr als einem Betracht merkwürdig vor. Ich finde vornehmlich in ihr einen Grund mehr, wie und warum der menschliche Verstand auf die sonderbare und unphilosophische Lehre von den Einwürkungen böser Geister auf unsern freien Willen gefallen ist, und warum sich die Einbildungskraft der Menschen diese Geister immer unter den fürchterlichsten Gestalten gemahlt hat*) 1. Natürlich mußte jene unnatürliche Lehre immer entstehen, indem man sich den Ursprung gewisser unanständigen Gedanken und Empfindungen der menschlichen Seele deswegen nicht erklären konnte, weil sie [91]ohne alle Veranlassung von aussen und nicht selten ganz wider unsern Willen in uns entstanden waren. Die Gewalt, welche oft solche unwillkürliche Bilder begleitet, und durch die Schwäche einer unvorbereiteten Vernunft noch sehr vermehrt werden muß, hat die Menschen von je her destomehr angetrieben böse Geister anzunehmen, die uns nach ihrem Gefallen lenken und regieren könnten.

Ich will es versuchen, über jenen Zustand der menschlichen Seele, in welchem sie durch den Einfluß der Dunkelheit auf ihre Begriffe so oft ganz besonders gestimmt, oder eigentlich verstimmt wird, einige Betrachtungen anzustellen; ob ich gleich den Ursprung einer jeden individuellen Vorstellung jener Art nicht angeben kann. Wenn sich gleich unsere Einbildungskraft nach gewissen psychologischen Gesetzen richten muß, und darnach bestimmt wird; so ist sie doch in jedem andern Menschen anders, und ihre Modificationen müssen bei jedem einzelnen Menschen nach tausend Localumständen abgemessen werden, wenn man ihre Würkungen in Rücksicht einzelner Menschen erklären will. Vielleicht würden wir viel größere Schritte in der Seelenlehre thun, wenn uns mehrere aufgeklärte Männer richtige und wahrhafte Tagebücher ihrer Einbildungskraft mit den jedesmaligen Localumständen einzelner Erscheinungen derselben mittheilen würden. Doch zur Sache!

[92]

Wenn die Zeit des Schlafs herannahet, so bemerken wir deutlich, daß in unserm Körper sowohl als in unsrer Seele mancherlei Veränderungen vorgehen. Jener geräth durch den Druck des Bluts auf unser Gehirn in einer Art Erschlaffung, welche mit einem wohlthätigen Gefühl der Ruhe verbunden ist, das gleichsam alle unsere Sinne berauscht. In dieser Berauschung verrichten unsere Organe nur gleichsam noch die Dienste der Invaliden, sie stellen uns die Objecte nicht mehr deutlich, sondern verworren dar, und unsere Seele nimmt aus schwesterlicher Bekanntschaft mit dem Körper an diesem Zustande Theil. Es erfolgt eine unwillkürliche Verwirrung ihrer Ideen, welche Haller nicht ganz unrichtig ein delirium nennt. Unsere Gedanken verlieren und verwischen sich nach einander. Einige bleiben zuletzt noch mit einem dunkeln Schimmer in uns zurück, bis auch diese nach und nach verschwinden, und unsere Seele, sich ihrer gänzlich unbewußt, in den Zustand des Schlafs sinkt.

In dieser Zwischenzeit zwischen Schlaf und Wachen bemerken wir nun gemeiniglich jene bizarren, bald lächerlichen und unanständigen, bald auch fürchterlichen Bilder, welche unsere Seele durchkreutzen, und deren Ursprung noch ein Räthsel in der Psychologie zu seyn scheint. Bisweilen erinnern wir uns alsdann auf einmahl, ohne eine Ideenassociation in uns wahrzunehmen, aus der man sich das Erinnern erklären könnte, Dinge, die wir längst [93]vergessen hatten; es fallen uns Scenen aus unserer Jugend ein, die wir mit einer erstaunlichen Pünctlichkeit gleichsam vor unsern Augen vorübergehen sehen; oder wir erblicken einen hell leuchtenden Gegenstand, eine abscheuliche, menschliche Gestalt, eine Leiche, einen Abgrund, ein reitzendes Frauenzimmer, einen lächerlichen Kontrast zwischen zwei Gegenständen; oder wir hören einen deutlichen Glockenschall, ein Wort wird uns ins Ohr gerufen, u.s.w.

Besonders merkwürdig sind in diesem Mittelzustande der menschlichen Seele manche Empfindungen unseres Herzens und Gewissens. Mit einer innern lebhaften Wehmuth erinnern wir uns dann oft eines Fehlers unserer Jugend, welcher während daß wir wachten, keine solche unangenehme Empfindung in uns zu erregen pflegte; wir erröthen in der stillen Einsamkeit der Nacht bei gewissen Gedanken vor uns selber, wenn wir gleich den ganzen Tag über von diesem Gefühl verschont wurden. Ein andermahl überrascht uns eine hüpfende Freude, ohne daß wir wissen, worüber wir uns freuen; eine Bangigkeit, ohne daß wir wissen, worüber wir bange sind. Wieder ein andermahl verlieren wir uns mit unsern finstern Gedanken in einem endlosen Himmelsraum, in unendlichen Zahlen und Kreisen, — ja manche Menschen fühlen in jenen Augenblicken heftige Unruhen über die Gewißheit ihres Glaubens, und werden von unglücklichen Zweifeln über die [94]Fortdauer ihrer Natur gefoltert, davon ich nächstens ein merkwürdiges Beispiel mittheilen will.

Alle diese besondern Modificationen unserer Seele sind nichts anders als Folgen unserer durch Dunkelheit und Finsterniß der Nacht lebhaft gewordenen Einbildungskraft. Diese Kraft unserer Seele würkt zwar im Wachen beständig fort, und es geht nichts in jener vor, woran sie nicht bald auf eine nähere, bald entferntere Art Antheil haben sollte; allein sie bekommt alsdann die Alleinherrschaft über unsern Geist, wenn sich unsere Sinne schließen. Nun bleibt diesem nichts mehr übrig, was ihn von aussen zerstreuen könnte, und er muß sich nun, wenn ohnehin seine Ideen durch das Herannahen des Schlafs verdunkelt werden, unwillkürlich dem Spiel seiner Phantasie überlassen, die jetzt ohne Aufsicht des Verstandes, die im Wachen gesammelten Bilder unter einander wirft, und, noch ehe wir einschlafen, den Stof zu tausendterlei Träumen bereitet.

Unser Gefühl im Wachen lehrt es uns ja überdem schon, daß eine Empfindung oder Vorstellung nicht in einem so hohen Grade lebhaft werden kann, so lange neben ihr eine Menge anderer heterogener Empfindungen entsteht, welches im Wachen offenbar geschieht. Unaufhörlich strömen uns neue Vorstellungen alsdann zu. So lange also ein solcher Wechsel, ein solches Zuströmen von immer neuen Ideen und Empfindungen da ist, und unsere Seele [95]also (ich verstehe in einem gesunden Zustande) ihre Aufmerksamkeit theilen muß, pflegt auch unsere Einbildungskraft noch in ihren Gränzen zu bleiben. Sie kann nicht nach ihren eigensinnigen Launen handeln, wenn sie zu oft, wie im Wachen, gestört wird; — aber sie nimmt an Stärke (so wie alle Kräfte der Seele) erstaunlich zu, wenn sie allein handeln kann*) 2.

Aus eben dieser Alleinwürksamkeit der Phantasie lassen sich nun vornehmlich die wollüstigen Bil-[96]der erklären, welche uns des Nachts beunruhigen und unsere Schamhaftigkeit beleidigen. Wenn der menschliche Körper von den Arbeiten des Tages frei der Ruhe genießt, und die Seele mit ihrem Nachdenken sparsamer zu Werke geht, führt die Einbildungskraft die Bilder der sinnlichen Bedürfnisse näher vor uns vorbei,einmahl, weil sie immer die öftern Vorstellungen der Seele in ihrem ruhigen Zustande zu seyn pflegen, und durch die Gewalt der Gewohnheit die stärksten geworden sind, und denn zweitens, weil durch die Entkleidung des menschlichen Körpers, durch die weiche Lage auf dem Bette, und durch das Erinnern an verliebte nächtliche Zusammenkünfte, vielleicht aus lange vergangenen Zeiten, unsere Phantasie sehr leicht und lebhaft gereitzt werden kann; — sehr leicht, weil, wie ich schon gezeigt habe, sie nicht von sinnlichen Eindrücken des Nachts so oft gehindert wird; sehr lebhaft, weil sie sich, wenn unsere Augen geschlossen sind, gewisse Nudidäten viel deutlicher, als sonst, vorzustellen pflegt.

Etwas schwerer scheinen mir die Erklärungsarten zu seyn, — wie gewisse unanständige Prädicate uns gegen heilige Dinge, die wir doch schätzen und lieben, einfallen, wenn wir unsere Augen schließen; worüber ich aber auch viel Leute habe klagen hören, daß sie im völligen Wachen damit geplagt wären. Ich vermuthe, daß Leuten, die sich dieser Gedanken nicht enthalten können, und deren [97]in Bernds Lebensgeschichte, (siehe das vorhergehende Stück) sonderbare Beispiele vorkommen, auf einmahl und ganz von ohngefähr ein dergleichen unheiliger Gedanke sehr auffiel, indem sie ihn würklich von andern hörten, z.B. ein Fluch gegen die Gottheit u.s.w.; oder indem Subject und Prädicat in ihrer Seele durch den Contrast zufällig nebeneinandergestellt wurden. Wir sind diesen Empfindungen und Vorstellungen, welche das Gefühl des Contrasts in uns erregt, auch in andern Stücken unzählig oft unterworfen, und unsere Seele hat einen offenbaren Hang dem Contraste nachzugehen, daher ihn auch Hume als einen Verbindungsgrund unserer Ideen annimmt*). 3

Wir bemerken nehmlich eine Neigung und eine Leichtigkeit in uns, wenn wir uns eine Sache vorstellen, auch an ihr Oppositum zu denken, [98]und diese Neigung hat ihren Ursprung ohnstreitig in der Erfahrung, indem wir nicht nur viel entgegengesetzte Dinge täglich um und neben uns wahrnehmen, sondern auch durch den Umgang mit andern, und durch die Natur der Sprache alle Augenblicke darauf hingeführt werden. Es kann uns also auch wohl sehr natürlich ein unanständiges Prädicat zu einer heiligen Sache einfallen, welches ihr zwar selbst nicht eigen ist, welches wir ihr aber andichten, weil es als ein Oppositum unserer Neigung zum Contrast schmeichelt. Daß wir aber uns eines solchen Prädicats immer wieder so leicht erinnern, kommt wohl daher, weil es uns in seiner Verbindung mit einer heiligen Sache zu sehr auffällt, und weil wir etwas Verbotenes dabei wahrzunehmen glauben, wozu alle Menschen eine Neigung haben. Hätte man immer diese Gründe näher untersucht, so würde man nicht dergleichen Erscheinungen dem Teufel aufgeladen und eine Menge Menschen von den unglücklichsten Gewissensunruhen leichte geheilt haben, die sich oft schon für verdammte Menschen hielten, weil sie jene unheiligen Gedanken nicht loswerden konnten.


Der Traum besteht in einer fortgesetzten Thätigkeit unsrer Seele, wenn sich unsere Sinne geschlossen haben, und kann auf eine dreifache Art entstehen: 1) durch einen äußeren Anstoß, eine äußere Veränderung unseres Körpers; 2) durch eine innere [99]Veränderung desselben; 3) durch eine eigene Bewegung der Seelenkraft, ohne jene Veränderungen des Körpers, eben so, wie wir im Wachen unzählig oft Vorstellungen in uns wahrnehmen, welche alleinige Folgen unsrer Seelenkraft, ohne Eindrücke auf den Körper sind.

Bei Träumen, die durch den äußern Eindruck gewisser Gegenstände auf unsern Körper hervorgebracht werden, fühlen wir nicht immer den Eindruck selbst, auch nicht immer in dem Organ, wo die Empfindung geschehen war, und endlich auch nicht immer gerade so, wie der Eindruck würcklich beschaffen war. Alles dies trifft auch bei den innern Veränderungen des Körpers zu, in so fern sie gewisse Träume veranlassen. Die Seele handelt in dem Augenblick, da sie im Schlafe etwas empfindet, so erstaunlich geschwind, daß sie nicht einmahl diese Empfindung zu bemerken scheint; sondern gleich zu neuen Ideenreichen forteilt; wahrscheinlich vergißt sie in den mehresten Fällen gleich das Wo des sinnlichen Eindrucks, oder sie vergrößert und verkleinert nach Gefallen die Empfindung. Wir träumen z.B. daß wir einen ungeheuren Balken zwischen unsern Zähen halten, hier hat die Seele das Wo ihrer Perception noch nicht vergessen; — warum? das weiß ich nicht, genug sie hat es noch nicht vergessen. Endlich fängt uns der Balken zu stechen und zu drücken an, wir wachen auf, und finden, daß sich eine Feder des Bettes zwischen unsere [100]Zähen gedrängt hat. Doris hat einen Liebhaber, den sie inbrünstig liebt, sie geht mit den lebhaftesten Gedanken an ihn zu Bette, Joli ihr Hund liegt in ihren Armen, — sie träumt, ihren Liebhaber bei sich zu haben, und drückt den armen Joli bei nahe zu Tode; — — in allen solchen Fällen setzt die Seele ihre Perception immer dahin, wo sie würklich entstand, nur daß sie andre Bilder mit der Empfindung vereinigt, und an diese Bilder, weil es andre Bilder sind, auch andre Empfindungen knüpft. Wir empfinden, sagt ich vorher, den sinnlichen Eindruck, der einen Traum veranlaßt, auch nicht immer in dem Organ, worauf oder worin er geschahe. Der Kitzel an einem Theile meiner Haut kann im Traume die Idee in mir erwecken, daß ich eine Pastete esse, obgleich der Kitzel nicht unmittelbar auf meiner Zunge war. Der erste sinnliche Eindruck kann auch so schwach seyn, daß ihn die Seele überhaupt nicht bemerken würde, wenn er nicht durch hinzugekommene andere Bewegungen in den Fibern endlich zur Seele gelangte. Ueberhaupt unterscheidet sich der Zustand des Wachenden auch dadurch von dem eines Träumenden, daß er den Ort der Empfindung angeben und dieser ihn nicht allemahl angeben kann, weil im Traum die Phantasie nicht eigentlich die Gegenstände, die von aussen auf uns würken, zu unterscheiden im Stande ist, und weil sich unsre Empfindungen alsdann leichte mit einander vermischen

[101]

Es frägt sich, welche Art Träume die häufigsten sind, die, welche durch den Körper, oder die, welche durch die Seelenkraft allein veranlaßt werden? Um dies genauer zu bestimmen, müßten wir den menschlichen Körper würklich genauer kennen. Er kann tausend Gedanken und Empfindungen im Wachen sowohl als im Traum in uns veranlassen, ohne daß wir es wissen, daß er sie veranlaßt hat, und vielleicht giebt es keinen einzigen Traum, der nicht durch einen uns freilich oft unbekannten Einfluß des Körpers aufs Gehirn veranlaßt wird, ob ich gleich nicht behaupten möchte, daß wir bei einer völligen Gesundheit unsrer animalischen Maschine nicht träumen. Eben so schwer ist es nun auch zu beantworten, warum und wie die Seele bei ihren Träumen diesen und jenen Weg und keinen andern nimmt, warum sich die Ideen so und nicht anders associirten?

Daß diese Association nach den bekannten Gesetzen der Einbildungskraft erfolge und erfolgen müsse, ist wohl nicht zu läugnen, und auch in dem verworrensten Traum giebt es noch einen Zusammenhang, wo eine Idee an die andre gekettet ist, ob wir gleich darin bei den Wiederhohlungen desselben im Wachen ungeheure Lücken und Sprünge wahrzunehmen glauben*). 4 Vielleicht würden wir [102]diese sonderbaren, oft sich widersprechenden Associationen genauer verfolgen können, wenn wir immer mit der Grundidee des Traums bekannt wären, an welche sich der ganze Traum ankettet. Aber eigentlich wissen wir nie mit Gewißheit, von welcher Idee der Traum ausgegangen ist und mit welchen Nebenvorstellungen, die hernach wieder Hauptvorstellungen wurden, er sich verbunden hat. Daß jeder Traum aber würklich von einer gewissen Grundidee ausgehen müsse, ist wohl nicht zu bezweifeln, und daß eben diese Idee gemeiniglich eine Folge von einer Bewegung in unsern innern oder äußern Organen sey.

Manche Leute behaupten, daß sie nie träumen. Lessing gehörte darunter. Allein ich glaube, daß sie ihre Träume ganz wieder vergessen, wenn sie aufwachen.

(Die Fortsetzung künftig.)

Fußnoten:

1: *) Der Teufel wird fast von allen Völkern, die an ihn glauben, schwarz und in einer scheußlichen Gestalt gemahlt. Die Canadier haben ihn mit der rothen Farbe und mit einer ziemlich menschlichen Gestalt beehrt. Er erscheint oft in einem prächtigen Kleide auf ihren Bällen, und man würde ihn nicht erkennen, wenn er seine Krallen, die selbst durch seine Handschuhe hervorstechen etwas besser verbergen könnte, und den Damen nicht so oft seine bewafnete Hand zu reichen pflegte.

2: *) Blinde Leute haben daher einen sehr hohen Grad von Einbildungskraft, welcher bei ihnen gleichsam den Sinn des Gesichts ersetzt. Ich ging vor einiger Zeit mit einem Musicus, der in seinem vierten Jahre durch die Blattern blind geworden war, in einem Garten spatziren. Ich fragte ihn: ob er wohl eine deutliche Vorstellung von einem Baume, seinen Früchten, von diesen und jenen Blumen habe? Ich erstaunte, wie ich ihn diese Gegenstände mit einer Richtigkeit beschreiben hörte, als ob er sie vor sich sähe. Ich habe alles, sagte er mir, von meinem dritten bis vierten Jahre so erstaunlich lebhaft in der Seele behalten, daß mir mein würkliches Gesicht selbst keine deutlichern Vorstellungen würde geben können. Welche Vorstellung, fuhr ich fort, ist Ihnen aber wohl nach Ihrem Gefühl die allerlebhafteste, die Sie in sich wahrnehmen? — ein freundliches Lächeln verbreitete sich über sein ganzes Gesicht, er drückte mir die Hand recht innig und lebhaft, und rief laut aus: die Vorstellung eines Mädchens, — eines Mädchens!

3: *) Contrast or Contrariety is a connexion among Ideas: but it may, perhaps, be considered as a mixture of Causation and Resemblance. Where two objects are contrary, the one destroys tbe other; that is, the cause of its annihilation, and the idea of the annihilation of an object, implies the idea of its former existence.
Siehe Humes Versuch of the association of Ideas, worin noch manche andere herrliche Aufschlüsse über die Natur unserer Begriffe vorkommen. a

4: *) Sonderbar ists mir immer vorgekommen, daß wir die Sprünge unsrer Phantasie während des Traums selbst nicht zu bemerken scheinen, daß sie uns lange nicht so sehr, wie im Wachen, auffallen. So lange wir träumen, scheint alles einen sehr guten Zusammenhang zu haben, es kommt uns selten etwas unnatürlich vor, ja das allerunnatürlichste scheint uns oft etwas sehr gewohnliches und natürliches zu seyn, worüber wir doch erstaunen, sobald wir aufwachen.

Erläuterungen:

a: Hume 1748, "Of the Connexion of Ideas", S. 31-45, hier S. 43, Fußnote.

[103]

3.

Ein Traum.

N-

Der seel. Prof. Meier in Halle wurde eines Tages zu einem seiner Zuhörer gerufen, welcher gefährlich krank war. Der Patient versicherte seinem Lehrer, daß er gewiß sterben würde, weil er darüber einen sonderbaren Traum gehabt habe, und er habe ihn (Meiern) vornehmlich deswegen zu sich kommen lassen, um ihm diesen Traum anzuvertrauen, welchen er selbst wörtlich aufgezeichnet und in sein Schreibpult verschlossen hätte. Er gab darauf Meiern den Schlüssel dazu, und bath ihn, die in einem gewissen Kästchen befindlichen Papiere nach seinem Tode zu sich zu nehmen, und wenn sein Traum eingetroffen sey, ihn der Welt bekannt zu machen.

Der Student starb auch würklich kurze Zeit darauf, wie er vorher gesagt hatte; Professor Meier öffnete das Schreibpult, und fand ein versiegeltes Päckchen, worinn denn folgender Traum des Verstorbenen aufgezeichnet war:

»Ich ging vor einiger Zeit auf dem hallischen schönen Kirchhofe vor dem Galgthore spatziren. Die vielen vortrefflichen Leichensteine und Epitaphien gefielen mir ausserordentlich, ich besahe eins nach dem andern, las ihre Aufschriften, und wollte mich endlich entfernen, als ich auf einen Leichenstein stieß, [104]welcher mir besonders auffiel. Ich las nehmlich mit größtem Erstaunen meinen eigenen Vor- und Zunahmen darauf; aber noch bestürzter wurde ich, als ich sogar den Tag meines Todes darauf angezeigt fand. (Es war auch würklich der Tag des Monats, in welchem der Student starb.) Es überfiel mich eine unbeschreibliche Angst, ich fing am ganzen Leibe zu zittern und zu beben an. Nur das Jahr meines Todes war mir nicht deutlich genug, der Leichenstein war hie und da mit Moos bedeckt, und einer von diesen Moosklumpen saß gerade auf der vierten Ziffer der Jahrzahl. Meine Neugierde, so ängstlich sie mich auch machte, trieb mich an, vollends zu größter Gewißheit zu gelangen, ich wollte das Moos wegkratzen, um auch die vierte Ziffer kennen zu lernen; — aber in dem Augenblick erwachte ich«. — —

Der Student vermuthete, daß die mit Moos bewachsene Ziffer der Jahrzahl die gewesen sey, welche man eben damahls schrieb, als er krank wurde. Prof. Meier erzählte alsbald seinen Zuhörern diesen Traum, welcher auf ihn selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte, ist aber, so viel ich weiß, noch nicht gedruckt worden. Ich habe die Erzählung aus des seel. Meiers eigenem Munde.

Halle den 2ten Nov. 1786.

N—.

[105]

4.

Ausserordentliches Gedächtniß.

Pockels, Carl Friedrich

(Gentlem. Magazine. Febr. 1751.) a

Im Jahr 1751 lebte in dem Flecken Elmton, nahe bei Chesterfield in Derbyshire ein Mann, Jedediah Buxton genannt, welcher damahls ohngefähr 50 Jahr alt, und in seiner Jugend so sehr vernachläßigt worden war, daß er nicht einmahl seinen Namen zu schreiben wußte. Nur das Einmahleins hatte er als ein Knabe gelernt, und dieses und sein Fleiß haben ihn in den Stand gesetzt, daß er allein durch Hülfe seines Gedächtnisses, und zwar mit einer bewundernswürdigen Geschwindigkeit 5 bis 6 Zahlen durch eben so viel andere multipliciren oder dividiren kann. Herr Holläday fragte ihn einst: Wenn ein Feld 423 englische Ellen lang und 383 breit wäre, wie groß die ganze Quadratfläche seyn würde? 162009 englische Ellen, war die Antwort nach zwei Minuten. Auf die Frage: wie viel Morgen besagtes Feld betragen würde? sagte er nach eilf Minuten: 33 Morgen, 1 Vorling, 35 Ruthen, 20 engl. Ellen und 1/4. Als er sagen sollte, wie viel Gerstenkörner in einer Länge von 8 Meilen liegen könnten? antwortete er in1 und 1/2 Minute: 1520640. Um auszurechnen, wie vielmahl sich ein Kutschrad, 6 englische Ellen in der Peripherie, auf einem Wege [106]von 204 Meilen umdrehen müßte, antwortete er nach 13 Minuten: 59840 mahl. Noch erstaunlicher sind folgende Beispiele von dem ausserordentlichen Gedächtnisse des J. Buxton. Hr. Saxe traf ihn einmahl bei seiner Arbeit an (er war ein armer Tagelöhner, der in Lumpen einherging) und legte ihm zur Probe die Frage vor: wie viel Cubiczoll ein Körper hätte, dessen eine Seite 23145789, die andere 5642732, und die dritte 54965 englische Ellen in sich enthielten? Er sagte ihm ein einzigesmahl diese Zahlen deutlich nach einander vor, und Buxton fing in seinem Kopfe mitten unter seiner Arbeit und unter dem Geräusch von mehr als 100 Mitarbeitern zu rechnen an. Hr. Saxe hatte sich unterdessen entfernt, rechnete die Aufgabe mit der Feder aus, und kam ohngefähr nach 5 Stunden wieder zurück. Buxton sagte ihm: daß er mit seinem Exempel fertig sey, und fragte: von welchem Ende er die einzelnen Ziffern seiner Summe ansagen sollte? Saxe zog seine Schreibtafel heraus, und Buxton sagte ihm die in seinem Kopfe berechnete Summe von 28 Zahlen ohne den geringsten Fehler her.

Millionen, Millionen über Millionen Tribes und Cramps u.s.w. (so nante er seine langen Reihen von Zahlen) waren ihm eben so geläufig als Pfunde, Schillinge und Pence. Er erzählte dem Hrn. Hölliday, daß er im Jahr 1725 ohngefähr einen Monat lang von seinen Gedächtnißrechnungen ganz [107]verwirrt gewesen wäre, und zuletzt 7 Stunden in einem tiefen Schlafe gelegen habe. Damahls hätte er nehmlich folgende Fragen beantworten sollen: wie viel Gerste, Wicken, Erbsen, Weitzen, Haber, Rocken, Bohnen, Linsen, ein Raum von 202680000360 Meilen, jede cubisch gerechnet, fassen könnte? und wie viel Haare, jedes ein Zoll lang, diesen Raum füllen würden? Er nahm die Breite von 48 Haaren für die Breite eines Zolles. Das Verhältniß seiner Maaße, so wie er es ausgerechnet, war folgendes: Auf den körperlichen Inhalt eines Zolles gehen 200 Gersten- 300 Weitzen- 512 Rocken- 180 Haberkörner, 40 Erbsen, 25 Bohnen, 80 Wicken, 100 Linsen, 2304 zolllange Haare. Hieraus schloß er folgende Größen: in einer Cubicmeile sind enthalten 14 tausend 93 Millionen, 420 tausend und 936 Quarterr, 1 Scheffel,1 Metze, 1 Maaß, 3 Nößel und 5 1/4 Cubiczoll von einer Art Korn. Fünftausend 451 Millionen, 776 tausend Ellen in einer Cubicmeile sind 254 Millionen Millionen, 358 tausend 61 Millionen und 56 tausend Zoll, und wenn ein jedes Haar einen Zoll lang ist und 2304 Haare einen Cubiczoll ausmachen; so gehen 586 tausend 40 Millionen Millionen 972 tausend 673 Millionen und 24 tausend auf eine Cubicmeile, wäre aber ein Haar ebenso lang als es breit ist, so meinte er, es müßten 28 Tribes, 129 tausend 966 Millionen Millionen, [108]688 tausend 305 Millionen und 152 tausend Haare den Raum einer Cubicmeile anfüllen.

Das Erstaunlichste, was wohl jemahls ein menschliches Gedächtniß geleistet hat, besteht darin, daß Buxton folgende aus 39 Ziffern bestehende Zahl blos im Gedächtnisse mit sich selbst multiplicirt hat.

725958238096074007868531656993638851106.

Nachdem er über dieser ungeheuren Rechnung drittehalb Monate zugebracht hatte, gab er folgende aus 78 Ziffern bestehende Quadratzahl davon an:

527015363459557385673733542638591721213298966079307524904381389499251637423236.

Buxton ließ sich in seinen Gedächtnißrechnungen durch nichts irre machen, und er fuhr darin während des Sprechens und unter allerlei Geräusche fort. Man bemerkte auch bei ihm keinen Unterschied, er mochte lange oder kurze Exempel vor sich haben. Er fing den andern Tag, ohne sich zu irren, da wieder an, wo er den vorhergehenden aufgehört hatte, und so fuhr er so lange in seiner Gedächtnißarbeit fort, bis er nach Wochen und Monaten fertig war, wenn die Rechnung so viel Zeit erfoderte. Eben so wenig machte es ihn irre, wenn er seine Rechnung abbrechen und lange Zeit liegen lassen mußte. Sie stand immer mit größter Lebhaftigkeit vor seinen Augen, und er setzte sie oft nach Monaten von da, wo er aufgehört hatte, mit [109] größter Richtigkeit fort, und konnte die längsten Zifferreihen, wie mans haben wollte, vor oder rückwärts hersagen. Er war im Stande, denen ihre Fehler sehr genau zu zeigen, die mit der Feder gerechnet hatten. Er ließ sich von zwei Personen ganz verschiedene Aufgaben unmittelbar hintereinander vorsagen, und gab nachher einem jeden die gehörige Antwort, ohne sich im mindesten dabei zu verirren. Fand sich ja einmahl ein Fehler in seiner Antwort; so wiederhohlte er die ganze Rechnung und änderte seinen Fehler selbst. Sein Gedächtniß war ihm so getreu, daß er eine einmahl ausgerechnete Summe nach zwei Monaten noch völlig und ohne Anstoß wieder hersagen konnte.

Erläuterungen:

a: Vorlage: The Gentleman's Magazine 1751, "Jedediah Buxton, a surprising Arithmetician", letter from Geo. Saxe, Sherwood Forest. Feb. 8, 1751, S. 61f.; "Account of Jedediah Buxton", letter from T. Holliday, Haughton Park, August 1751, S. 347-349.


5.

Fortsetzung der Folge meines Lebens.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Nun Bruder! hab ich dich wieder. O der Wonne! daß ich dich wieder an meine Brust drücken konnte; wie süß war mir da das Leben! wie seelig, unaussprechlich seelig ergoß sich die Lust in meinen Busen, als ich an deiner Lippe hing, und ich die Freudenthränen von deinen, und du die Freudenthränen von meinen Wangen küßtest. Der seligste Moment meines Lebens, und der eben da erschien, als der Kelch meines Leidens begann voll zu werden! [110] Es war ein Tropfen Linderung herabgegossen von jenem, der noch mitten unter den schrecklichsten Erschütterungen unsers Muthes über uns wacht. Ich habe dich wieder, und erst gestern fühlte ich in deinen Armen wieder Jene Seeligkeit mit verjüngtem Seelengenuß; doch du schiedest, um mir sie einst wieder zu gönnen. Empfange nun dieses Blatt, lies die Abwechselungen unseres beschiedenen Theils, und ich fahre fort an dieser angefangenen Materie.


Ich kam mit 10 Jahren, und du, Bruder! mit 11 Jahren nach Sp..: Ich will ganz aufrichtig von der Seele sprechen. Wir sollten dort die sogenannten 5 untern Klassen studiren; du warst 2 Klassen über mir. Als wir nun unsern Geburtsort verlassen mußten, so ward mir's immer dunkler in der Seele, je weiter wir uns davon entfernten. Daß wir uns nun Vater- und Mutter-los, von den Geschwistern und dem gewöhnten freudenvollen lieben Orte verbannt, von dem Orte, der uns so theuer wegen der vielen unschuldigen Vergnügen war, die wir da im Umgange mit den kleinen Freunden und in unserm eigenen Hause genoßen, und nun auf immer missen müßten, uns in eine ganz unbekannte Lage übersetzt und an einem fremden Ort uns selbst überlassen, von Noth gedrückt, und zu ohnmächtig sehen mußten, als uns in all' dieses sobald schicken zu können: waren traurige Gedanken für mich, die meine ganze Seele beschäftigten; und würklich, das [111]weißt du noch Bruder! wie floßen nicht die drei ersten Tage die Thränen über meine Wangen! wie klagte ich laut über mein Schicksal! wie mußte ich eben so viele Nächte schlaflos mit Weinen und Jammern zubringen! und wie war ich so am ganzen Leibe krank! und gewiß, wenn du nicht bei mir gewesen wärest, oder dasselbe empfindliche Herz gehabt, mich eben den Kummer an deinem Gesichte hättest erblicken lassen; gewiß, die Krankheit wäre so lange unheilbar geblieben, bis der Grund gehoben worden wäre; es schmeckte mir kein Essen, keine Freude, kein Vergnügen; abzehrend von Harm und den quälendsten Empfindungen würde ich dem Tode entgegengegangen seyn.

Da aber konnten wir auch würklich fühlen die Größe des Verlustes all' der vergangenen Kinderfreuden und den Werth der Kindheit vor all' dem künftigen Leben, dem ein so sichtbarer empfindlicher Kontrast folgte. Du weist Bruder, wie das finstre Schicksal da schon in der Blüthe uns traf. Mangel an den Nothwendigkeiten unsers Lebens machte uns muthlos, zum Theil auch Mangel an Büchern und stetes kummervolles Streben ein Mittel aufzufinden, benahm uns alle Lebensfreuden. Mit einem Worte: wir empfanden schon das Loos der Dürftigen in seinem ganzen Umfange, auf seiner ganzen empfindlichen Seite.

Wir lernten aber auch da schon Welt und Menschen kennen; wie sichtbar war uns nicht die Ver-[112]schiedenheit des Menschenverhältnisses vom Fürsten bis zum Bettler! die vielen aufsteigenden Mittelgrade von dieser untersten Sprosse zu Jener obersten; wie sich Jeder, um sich den Weg durch dieses Leben zu erleichtern, Schätze auf Unkosten und den Schweiß seines Bruders zu sammeln sucht; wie mancher so verdienstlos, durch so niederträchtige, nichtsbedeutende Mittel sich über den Verdienstvollen, über den würdigen Stolz zu erheben sucht, und sich von ihm seinen Müßiggang bezahlen läßt.

»— — Das Thier erschien.
Geh, friß dein Korn daheim und schweige!
so sprach der Fürst, und lies ihn ziehn;
und so entstunden in dem Staate
die weltlichen Kanonikate
für Esel, die auf Polstern ruhn,
und Sold beziehn, um nichts zu thun.«

Pfeffel. a

Wir sahen Menschen, wie sie bei all' ihrem Gold den leidenden Bruder hätten verschmachten sehen, so ganz ohne Rührung, seinem Elend, seinem Kummer und seinen Thränen gleichgültig zusehen können, ohne nur einen Tropfen Oel in seine Wunde zu gießen.

Es fehlte nicht viel, uns noch zu überzeugen, daß unumschränkte Habsucht und ein hartes Herz allgemeiner seyen, als ein vernünftiges, weises [113]Streben nach Gütern dieser Erde, als ein thätiges Mitgefühl; ja, daß Geitz, so wie an Abscheulichkeit, auch an Allgemeinheit alle Laster übertreffen. Wir fühlten unsere Noth und wir konnten am besten Beobachtungen über Menschenliebe und über das entgegengesetzte Laster anstellen; wir machten sie, und fanden, wie selten man die alles versüßende Würkungen der erstern, und hingegen wie herrschend die alles verbitternde Würkungen der letztern antreffe; wie wenige die Seelenwonne genießen, die eine zärtliche, innige Theilnehmung an dem Leiden des Bruders gewährt; wie viele gefühllos auf den Elenden herabblicken und dabei die stolze Prunke der verhältnismäßigen Größe ihrer Glücksumstände empfinden, ohne zu denken, daß eben so zufällig ihr Verhältniß auch Jenes seyn könne, und daß ganz ohne Hinsicht auf Verdienste das Weltglück ausgetheilet sei; ohne zu denken, daß Reichthum, Ansehen, aller äußerlicher Prunk nicht das wahre Glück des Menschen ausmachen, sondern nur Beförderungsmittel desselben seyn können; Güter sinds, und wahre Güter, wenn sie in der Sphäre dieser Bestimmung würken; sobald der Mensch ihre Subordination vergißt, so verfehlt er den Zweck seines Daseyns, anstatt glücklich wird er unglücklich. Nur du, Liebe! bist wahres einziges Mittel zum allgemeinen Schöpfungszweck, aber mißkennt von vielen, zu fremd, als daß du unter ihren kontrastirenden, Gift-kochenden Leidenschaften könntest Aufnahme [114]finden, hast du nur wenige Edle inne. Laß uns, Bruder, laß uns immer diese allbeglückende Göttinn unsere Freundin seyn, so bist du mein Bruder, und Bruder aller Menschen, aller Wesen.

Ich erhohle mich aus einem Strome dahinreißender wonniglichen Gefühle, und erinnere dich wieder, mein Lieber! an unser Sp... Mein Lehrer war ein Hectikus, jähzornig, und in der Strafe wußte er, wie es meistens geschieht, keine Mäßigung, keine Zweckmäßigkeit zu beobachten. Er hatte eine hämisch-lächelnde Miene an sich; mit diesem hämischen Wesen, das mir Leidenschaft, Befriedigung eines gallsüchtigen Herzens verrieth, konnte er Hände und Rücken der armen Jungen blutig schlagen. Seine Schule schien mehr einem Zuchthause ähnlich, die junge Leute unempfindlich und abgehärtet zu machen, als in sie ein gutes Herz und gemeinnützige Kenntnisse zu pflanzen; von der Lehrart und von der Auswahl der Lehrgegenstände will ich gar nichts melden; denn da herrschte noch der alte Schlendrian, der jetzt noch in den meisten katholischen Schulen über die junge Köpfe forttirannisirt.

Da begegnete mir in der Schule manches, das ich als ungerecht ansahe, mit dem sich gleich mein natürliches Gefühl des Unrechtleidens verband, und mir manchen Thränenguß verursachte, manchen [115]freudenlosen Tag machte. In diesen Umständen, die eben so sehr auf meinen Geist, als auf meinen Körper würkten, mußten nun auch verschiedene eben so traurige Folgen für mich gegründet werden; ich wurde schüchtern, menschenscheu, zur Melancholie geneigt, auch wohl verstellt, tückisch und mürrisch, welches Unheil in dem Character eines Menschen, welche Ausartung seines sittlichen Wesens, welche verderbende Angewöhnungen haben ihr Daseyn der vernunftlosen Behandlungsart eines Lehrers, dessen Unerfahrenheit und übler Schullaune zu verdanken!

Das 2te Jahr bekam ich einen andern Lehrer, der sein Geschäft besser verstand, seine Schüler nicht so eigensinnig, sondern vernünftiger behandelte; Er war freier von Partheilichkeit, von Vorurtheilen, minder anhänglich an schulgerechte Meinungen; hatte eine angemessenere Lehrmethode, weniger üble Launen und Kathederstolz; Er brauchte nur selten körperliche Strafen, und da mußte er wichtige Gründe haben. Er ermunterte den Fleiß, machte die Trägheit zu Schande, hatte Nachsicht mit der Schwachheit; er ließ sich zu der Fassungskraft eines jeden herunter; sein aufgereimtes Wesen machte dem Trägen sowohl als dem Wißbegierigen die Schule angenehm. In seiner Gesellschaft verlor sich der Eigensinn und das mürrische Wesen, auch des starrsinnigsten Schülers; besonders flößte er uns tolerante Gesinnungen ein, suchte uns den Re-[116]ligionshaß zu benehmen, den man in den vorigen Jahren einsog, und der in einer Stadt, wie Sp.. ist, so nachtheilig und gefährlich seyn konnte. Diesen Lehrer hatte ich 2 Jahre, und da ich auch eines nähern Umganges mit ihm genoß, so ward ich wieder freier, offener, umgänglicher und munterer, doch nicht so ganz aufgeräumt mehr, daß mich nicht zuweilen eine trübe Stunde überfiel, eine Folge des vorigen Jahres. Dieser Mann fiel, wie ich nachher hörte, in die unseelige Krankheit, Hypochondrie, und ist jetzt der unglücklichste Mensch; dieser Mann, der immer von dem heitersten Gemüthe, von der besten Laune war, stürzt nun auf einmahl in das entgegengesetzte Extrem, wo er sich überall Verfolgungen und Scenen erdenkt, die nie existiren, wo er um sich her nichts als Gift und Dolche, sich auf allen Seiten von Feinden umrungen glaubt; er bildet sich ein: jeder Mensch suche ihn zu verderben; er hat daher nirgends eine bleibende Stätte, und da er ein Mönch ist, so wandert er von einem Kloster zum andern. Indessen leidet er weder von seinen Mitbrüdern noch von seinen Vorgesetzten eine Bedrückung oder harte Begegnung; man ist vielmehr gegen ihn äußerst gefällig und nachgiebig; man sucht alles auf, ihn von seinem Irrwahn zu überführen; alle Bemühung aber ist fruchtlos. Der offenbarste Kontrast zwischen 2 Extremen, ein Fall, der mir eben so unerklärbar, als er contrastirend ist.

[117]

Nach diesem Lehrer, den ich nun 2 Jahre hatte, kamen wieder andere Lehrer zum Vorschein, die zugleich die alte Schulform wieder aufstellten; was soll nun aus dem Menschen werden, der sich unter so vielen Abwechselungen, die man mit seiner Bildung vornahm, und immer so entgegengesetzt waren, leidend wie ein Ball verhalten mußte? so gings mir. Was mußten nicht da für Schattirungen, für Mischungen des Characters entstehen? welcher Wirrwarr, und schiefe, unrichtige, unvollkommene Ideen mußten das Gehirn durchkreutzen? Ist es ein Wunder, wenn so der Schwärmer erzeugt wird? Soll daraus nicht erklärbar seyn, was sich mit mir von dieser Zeit an zugetragen hat. Diese Veränderung der Lehrer und der Schulform brachte wieder all' die traurigen Anfälle jener unglücklicher Characterstimmungen zurück.

Aber oft, wenn das Schicksal schwer über mir lag und meine Seele mit Kummer, Mißmuth und trübem Nachdenken erfüllte; wenn ich dann mir eine Bewegung machte, die auf etwas anderweitiges als auf den traurigen Pfad dieser alles verbitternden Gedanken führte; dann ward mirs so wohl und leicht, und Friede herrschte in meiner Seele, und mit frohem Sinne unternahm ich jedes mir aufstoßende Geschäft, wobei mich nur süßes, glückliches Wonnegefühl begleitete.

[118]

Wenn ich dann nachforschte: warum ist dein Gemüth so heiter, so freudig? warum hat Frölichkeit die Würkungen deines Elendes, die du erst unmittelbar in ihrer Betrachtung so betrübt, so schmerzlich fandest, besiegt? dann both sich die Empfindung dar: du kanst ja noch deinem Leiden entgehen, du kannst die unselige Quelle deines Leidens fliehen, und so ihre Würkungen auf deine Empfindung verhindern, du kannst weggehen, den Ort, die Verbindung verlassen, die der Grund deines Kummers sind; und dann wallte in mir ein verworrenes Entschlossenheitsgefühl auf, all' dieses zu thun, und diese unbekannte Entschlossenheit war die wohlthätige Hand, die jenes behagliche Wesen eines erleichterten Schicksals, jene Wollust in meine auflebende Seele goß.

So war öfters mein Gemüthszustand auf den Schulen, und nur äußere Hindernisse, die damit verknüpft waren, hinderten die Würklichwerdung meines Vorsatzes. Oefters auch empfand ich diese erfrischende Wehungen in einem meiner letzten Verhältnisse, von dem ich am Schlusse dieses Aufsatzes etwas erwähnen werde; freylich wurden sie jetzt stärker und anhaltender, da sie meine nachherige Bestätigung fanden, und ich ihnen durch meine Gründe nachhalf.

Andächtelei wurde nun der herrschende Ton bei dem Studenten in Sp..; ein Wesen, das [119]Wahrheit und Rechtschaffenheit zerstört; ein Wesen, das Bosheit und Gift unter das Gewand der Heuchelei verbirgt; das alles Gute, alles Streben der Seele verstimmt, den Grund legt zum verdorbensten und gemeinschädlichsten Menschen. Wo Andächtelei herrscht, ist der gesunde Menschenverstand Sünde, und der Gebrauch desselben Ketzerei; da man sie als die Grundfeste, als das Wesentliche der Religion ansieht, so macht sie den rechtschaffensten Mann, den Mann, der Wahrheit lieb hat und sichs merken läßt, zum Ketzer, zu einem Gegenstand ihres Hasses, dessen Antheil Fluch und Scheiterhaufen sind.

In der Schule wurde das Herz mit Intoleranz und Aberglauben erhitzt, der Kopf mit Dummheit und Seichtheit angefüllt; wie konnten sich andere als eben diese leidige Folgen in dem Character des Jünglings anlegen? Eine besondere Etiquette war's, am letzten aus der Kirche zu gehen. Da ich einstens eine Lobrede auf den h. Aloiß hörte, so ward meine Einbildungskraft durch die ausschweifende Erhebungen der Tugenden dieses Heiligen so schwärmerisch entzündet, daß ich mir augenblicklich vornahm, ein eben so großer Heiliger zu werden, mir eben so Abbruch zu thun, mich eben so zu quälen als Aloiß, und einstens fähig zu werden, Wunder zu würken, und gewiß eben diese Gabe Wunder zu würken war mir die schmeichelhafteste Aus-[120]sicht, der hauptsächlichste Antrieb zu diesem Entschluß; es war mein größter Ernst, nicht eher nachzulassen, bis ich einmal Wunder würken könnte, mit denen Gott immer so freigebig war*) 1 In dieser Absicht geiselte ich mich täglich dreimal, schlug mich bis aufs Blut; fastete strenge; vergoß ganze Thränenströme; seufzete unaufhörlich; betete Tag und Nacht auf der Straße und zu Hause; legte bei der Nacht Steine oder Bretter unter mein Haupt; schlief auch wohl auf der Erde; gab mir alle Mühe, auch andere zu einem eben so heiligen Lebenswandel zu bekehren u.s.f. Dies dauerte einige Wochen, bis der Eifer von selbst erkaltete.

Mit jenen Ideen, einstens ein Wundersmann zu werden, verband sich als Folge, Stolz und Intoleranz. Was kann man nicht alles aus einem jungen Herzen modeln! welche unseelige Verstimmungen und Zerrüttungen,die öfters so lange Zeit und durch so viele Mühe nicht können wieder gut gemacht werden, gründen Aberglauben und Vorurtheile! Für Religionsschwärmerei steht besonders das junge Herz offen, wie ich ebenfalls schon ein Beispiel im 1ten Stück des 4ten Bandes dieses Magazins geliefert habe.

[121]

Bestimmtere Züge, die entweder minder interessant und bemerkbar oder zu wenig ausdaurend waren, sind theils für ihre Darstellung zu verwirrt oder obliterirt, als daß ich sie hier anführen sollte. So war also ohngefähr mein Zustand, in dem immer eine Modification Ursach und Würkung war, die Zeit, als du bei mir warst, Bruder! und als N.. bei mir war, 5 Jahre durch; dein flüchtiger, leichtsinniger Character stimmte freilich nicht mit meinem schwermüthigen, trüben, leutscheuen Geiste so ganz überein; doch, wir waren 3 Jahre beisammen, und ich wünschte, daß wir uns nie hätten trennen dürfen; denn wir theilten mit warmem Herzen einander unser Leben und die frühen, harten Schicksale desselben; und als du mich verließest, um zu B. Philosophie zu studiren, da wie blos fühlte ich mich nun dem Wellenspiele überlassen! wie erfüllte dein Verlust meine Gedanken mit Wehmuth und mein Leben mit Ueberdruß! Obschon ich wieder unsern N.. zu mir bekam, so warst du mir doch schon so alles geworden; du kanntest mein Verhältniß, meine Bedürfnisse, und so innig war ich mit dir verbunden, daß ich in deinem Umgange von allem, was mich widriges umgab, die Hälfte nicht empfand; nun mußte ich allein die Bürde tragen, bis ich endlich nach B.. kam.

[122]

Da fühlte ich nichts von Kummer, nichts von Unglück; denn glücklich war ich da, wenn ich Nahrung, Kleider hatte und mein Studium gut voranging. Eine gute Schuleinrichtung und Aufklärung überhaupt hatte in B.. schon ziemliche Fortschritte gemacht; Licht hatte schon allmählig die Finsterniß verscheucht, und Wahrheit über Aberglauben, Sophysterei und Barbarei gesiegt.

Nun ging eine Veränderung mit den häuslichen Umständen unserer Eltern vor, dabei ich das meiste zu thun hatte; ich mußte unter den rauhesten Winterstürmen, ohne Schonung meines Körpers, Reisen thun, die nicht nur ganze Tage, sondern noch manche Nacht mitnahmen; oft floh mit mir mein Pferd durch die ödesten Gegenden, durch Eisbäche und starre Wälder hin, wo ich nur noch den einzigen Gedanken zu meinem Trost hatte: du thust es für deine Eltern. Aber auch die Folgen davon waren, daß ich in eine tödtliche 6 Wochen-lange Krankheit fiel und gleich nach meiner Genesung ein Recitiv bekam; dieser Zustand dauerte wieder 8 Wochen; der Herr Geheimerath Frank, der sich durch seine medicinische Policei so viel Verdienste sammelte, rettete mich vom Tode.

Und hier fängt die Epoche meines Lebens an, die je den wichtigsten Einfluß auf dasselbe hatte; [123] die so viele nachfolgende Scenen, die auf dem Schauplatz meines Individuums erschienen, bestimmte; die so vielen Aufschluß über meinen Character, über meine Selbsterkenntniß verbreitete; die der Grund so mancher physischen und moralischen Phänomene in dem kleinen Bezirke meiner Existenz und meiner jetzigen bestimmten Ichheit ist.

Doch, Freunde der Wahrheit! verarget mir's nicht, wenn ich sage, ich muß schweigen; wenn ich sage, ich hätte die ganze Materie nicht angefangen, wenn meine damalige Lage die jetzige gewesen wäre; aber nun war ich gezwungen, wenigstens sie so weit fortzusetzen, um nicht ganz nutzenlos zu seyn. Und dich, Bruder! der du auch das weitere schon in Händen hast, bitte ich, es zu verbergen, und um Mitternacht es mit einer Schaufel voll schwarzer Erde zu bedecken. — Ich bin ruhig, sei auch du ruhig, Bruder — und lebe wohl, nimm den zärtlichsten Bruderkuß von deinem ewig guten Bruder.

Wien am 17ten Januar 1787.

J. L. A. Schlichting.

Fußnoten:

1: *) freygebig gewesen seyn soll. Gott ist und kann nicht freigebig mit Begebenheiten seyn, die der ewigen Weisheit seiner Plane entgegen stehen.
P.

Erläuterungen:

a: Pfeffel 1783.

[124]

6.

Liebe, die gegen den geliebten Gegenstand sehr bitter sein kann.

W.

Es giebt wenige Menschen, die nicht zuweilen eine Neigung in sich fühlen sollten, Andern etwas Bitteres zu sagen; nicht immer, um sie zu beunruhigen; sondern nur um es zu sagen, um ihren Witz zu zeigen und ihrer Galle freien Lauf zu lassen. Unsere übele Laune ist dann gemeiniglich mit im Spiel, und wir folgen ihren Eindrücken zu schnell, als daß wir immer die Moralität eines Gedankens, einer Handlung genau erwägen könnten.

Die menschliche Seele besitzt einen gewissen Starrsinn, um ihre Endzwecke zu erreichen, und wir können bei aller Gutmüthigkeit des Temperaments oft boshaft werden, um einen gewissen Endzweck zu erreichen. Wir wünschen oft Andere zu ärgern, weil wir sonst keine Gelegenheit haben, ihnen unser Uebergewicht sowohl, als unser Mißfallen zu bezeugen; oft aber denken wir auch nur einen Andern in eine Art Zorn zu versetzen, um zu sehen, wie sich Jener dabei hat, und wie weit wir im Besitz seines Herzens gekommen sind.

Hier sind einige Facta aus meinem Leben.

[125]

Ich liebte eine meiner Freundinnen ganz ausserordentlich. Unausstehlich war mir daher jeder Gedanke an eine Untreue, die sie gegen mich begehen könnte. Sie war verheurathet, ihr Mann war mein Freund und kannte meine Liebe gegen seine Frau; verrieth auch deswegen nie einen Widerwillen gegen mich. Ich konnte es ruhig mit ansehen, wenn sie ihren Mann küßte; allein ich konnte es durchaus nicht vertragen, wenn ihr ein anderer Mann zu gefallen schien; und doch hatte es bisweilen das Ansehen so.

Ich wurde wüthend; aber meine Wuth war nicht blos ein männlicher Sturm; ich suchte meine Freundinn für ihre Coquetterie zu bestrafen, und ich konnte dies nicht besser thun, als wenn ich ihr Bitterkeiten sagte, die ihr weiches Herz durchaus nicht vertragen konnte. Ich spornte meine üble Laune gleichsam an, um ihr Galle zu erregen; redete von Weibern, die ihre ganze Seeligkeit darin setzten, Männer an sich zu ziehen und ein Heer von Anbetern um sich zu haben; schilderte diese Weiber auf eine gehässige Art, satyrisirte aufs bitterste auf die Coquetterie verheuratheter Weiber. Meine Freundinn verantwortete sich anfangs mit lächelnder Miene; nach und nach wurde sie ernsthaft, endlich sehr ernsthaft, und zuletzt funkelte ihr Auge von Wuth, davor ich mich aber gar nicht furchte, vielmehr war mirs lieb, daß ich sie so weit [126]gebracht hatte, denn nun hatte ich nur noch einen Grad von Erboßtseyn bei ihr zu erreichen, wohin ichs bringen mußte, ehe ich ruhig werden konnte. Ich spitzte meine Pfeile noch feiner zu, — sie hörte endlich auf mir zu antworten, und ein Thränenstrom stürzte aus ihren Augen. Ich kann es keiner menschlichen Seele beschreiben, wie mir dann zu Muthe ward, wenn ich meine innigst geliebte Freundinn weinen sah. Himmel und Erde lag nun auf mir; jedes meiner Worte kam mir als die ungerechteste Sünde vor, und ich hätte in meinem Gefühl, einem unschuldigen Weibe Unrecht gethan zu haben, vergehen mögen; — — was that ich nun? ich wurde der reuigste Sünder von der Welt, ich beschwur sie, mir zu vergeben, ich weinte selbst wie ein Kind, und küßte ihr die Thränen von den Wangen. In dem Augenblick hätte ich mein Leben für meine Freundinn lassen können, wenn ich ihr dadurch meine innigste Reue zu bezeugen im Stande gewesen wäre; zugleich empfand ich auch dabei eine solche seelige Wehmuth, wenn sie mir zu vergeben schien, und endlich würklich vergab, die ich mit keiner genossenen Glückseligkeit des Lebens vergleichen kann. Ich erinnere mich, daß ich mehreremahl diese sonderbare Rolle mit ihr gespielt habe, und ich spielte sie würklich einmahl blos deswegen mit ihr, um das wehmüthige Gefühl der Reue recht lebhaft zu empfinden und die Vergebung hinterher in ihrem Auge zu lesen.So ein widersprechendes [127]Ding ist der Mensch, daß er oft die zu kränken sucht, die er liebt! — und ein so eigennütziges Wesen, daß er sich bei aller Guthmüthigkeit oft an den Unruhen seiner Geliebtesten weiden kann. Ganz anders waren meine Empfindungen, wenn ich Leuten, die es verdienten, durch meine Satyre Pfeile ins Herz schoß; ich war zufrieden, wenn sie getroffen hatten, und war bereit noch spitzere abzuschießen, wenn sie mir bitter antworteten. Ich glaube, daß tausend Menschen gleiche Erfahrungen an sich gemacht haben werden.

O. in Franken.

W.

[128]

Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Fortsetzung der Revision der drei ersten Bände dieses Magazins. 1.
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Auszug aus M. Adam Bernds eigener Lebensbeschreibung. Fortsetzung. 17.
2. Noch ein Beitrag zu dem Leben eines reichen jungen Mannes, welcher das Stehlen und Geldborgen nicht lassen konnte. 40.
3. Gewalt der Liebe, von C. S. H. 47.
4. Raserei aus Liebe und Todesfurcht. 53.
Zur Seelennaturkunde.
1. Vermischte Gedanken über Denkkraft und Sprache. Fortsetzung. 58.
2. Ueber den Einfluß der Finsterniß in unsere Vorstellungen und Empfindungen, nebst einigen Gedanken über die Träume. 88
3. Ein Traum von Hrn. N. 103.
4. Ausserordentliches Gedächtniß des Jedediah Buxton. 105.
5. Fortsetzung der Folge meines Lebens, von J. L. A. Schlichting in Wien. 109.
6. Liebe, die gegen den geliebten Gegenstand sehr bitter seyn kann. 124.