ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 2 (1784)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz,
Professor am Berlinischen Gymnasium.

Zweiten Bandes zweites Stück.

Berlin
bei August Mylius 1784.

[1]

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde.
Zweiten Bandes zweites Stück.

Zur Seelenkrankheitskunde.

I.

Sonderbare Aeußerungen des Wahnwitzes, in einem Briefe aus Rußland an Herrn Buchhändler W** in Berlin.*) 1

Anonym

Hoch- und Wohledler Herr!

Ob wohl bishero an medicinischen Büchern kein Mangel gewesen, so werde ich doch keine Todsünde begehen, zu Nutzen des ganzen mensch-[2]lichen Geschlechts, noch ein sehr kleines Bändchen beizutragen, dessen Inhalt von der Natur und Wahrheit abhängt; nemlich: wie ein Mensch, ohne Rücksicht auf Stand oder Nation, sich vor allen kleinen Unpäßlichkeiten, Krankheiten, ja vor Pest und Influenzen präcaviren könne, durch Mittel, die in eines jeden Gewalt sein: kurz ein Mensch kann das vollkommenste Wohlsein in seiner Gewalt haben.

[3]

Die Elektricität thut zu Erhaltung der jetzigen besten Welt und zu deren Wohlsein sehr vieles beitragen, denn der Herr Professor elektrisirt die Kranken, die nichtsdenkenden und unvermögenden Bergknappen elektrisirt der Herr Professor; Halt, ich irre, die Welt will, was will sie? elektrisiret seyn.

Der kürzlich wieder neu herausgekommene Bleiextract, kann bei äusserlich zugefügten Wunden, durch Versetzung etwas beitragen, in französischen Blutschwären, Krätze und allen anderen Teufelsgeschmeiß ist er dem Werthe nach gar nicht zu schätzen, wenn man ihn nur gar nicht nöthig hat.

Hieraus und aus folgendem bitte nach Dero Belieben dieses kleine Bändchen, zu Nutzen des ganzen menschlichen Geschlechts, in Verlag zu nehmen, und solches die Censur passiren zu lassen. Jedoch, damit nicht zu vieles ausgestrichen werde, habe zu erinnern, daß allezeit auf den Bauer müsse zurückgesehen werden.

Ich werde auch einige Naturgeschichten mit einfließen lassen, nemlich der Feigenbaum bringet seine Früchte ohne prangende Blüthe, das französische Verschneiden und zierliche Ausputzen leidet er gar nicht, dessen Absprößlinge oder junge Kinder tragen nach dem guten Vorsatz im ersten Jahre schon Früchte, ist also kein Wunder, daß der nachhero gehangete den unfruchtbaren Feigenbaum verfluchet.

[4]

Damit dieß von Nutzen und Schaden medicinischer Schriften, für den Layen oder gemeinen Mann, auch mir sehr nutzliche Buch, dem Herrn Verleger nicht liegen bleibe, sondern zu neuer vermehrter Auflage befördert werde, so bittet der Laye vorläufig dieses denen Lesern, zum Jahrgeschenk dem unpartheischen Correspondenten bekannt zu machen.

Da dieses seltsame neugebohrne Kind den wahren Adel von uralten Ahnen herleitet, den Vater zu verläugnen nicht nöthig hat, so solle ihm folgender Titul angehänget sein: Des Layen oder gemeinen Mannes vernünftige Gedanken, von Nutzen und Schaden medicinischer Schriften, entgegengesetzt einer hochgelehrten Schrift, vom kleinen a b c Schüler der Wahrheit.

Der Herr Autor berufet sich pag. 8. auf den Heerführer Herrn Tissot als einen Celsus unserer Zeiten, zwischen beiden aber ist ein himmelweiter Unterschied. Celsus hat ein vortrefliches Buch vom Fundament der Künste und Weißheit geschrieben, dieser aber berufet sich auf den Altschuhflicker, welches zwar auch eine Innung und Alteristen genennet werden, in denen mehresten Orten Deutschlandes aber das Nebenverdienst derer Küh- und Schweinhirten ist. ―

Der Uhrmacher Meister ist einer der edelsten Künstler, wann er die Federn, sonderlich die grosse treibende, mit gehöriger Stärke der Schnecke [5]wohl zu verbinden weiß, wann er aber wie der Herr Doctor die von dem unendlichen wohl eingesetzte Feder herausnimmt, und eine schlechte lederne hineinflicket, ist er allezeit ein moralischer Dieb: alsdann kommt es, wie mit jenem künstlichen Ofensetzer: Junge! halt den Ofen, ich will das Geld abholen.

Da der Herr Doctor nicht auf die Natur als das Fundament der Kunst und Weißheit bauet, so drucket das von Celsus sogenannte Mysterium Magnum nach und nach auf, der Herr Doctor klebet auf den alten Dreck immer neuen drauf, bis der Kopf zu schwer wird und der Junge nicht mehr halten kann, sterben müssen wir alle, gute Nacht Herr Doctor, glücklich kuriret.

O Fehrgiwell, wills Gott nach der Ewigkeit: pag. 14. kann der Herr Doctor so unwissend nicht seyn, daß ein hellbrennender Strohwisch die gröste Tonne Pulver nicht entzünden, sogar Minen sprengen könne, derowegen muß der Herr Doctor bald, bald löschen, und hernach den großen Staatsmann Sully zum Richter erkaufen, damit er den Bauer wegen Unachtsamkeit in das Loch werfen lässet, und das von Rechtswegen.

In der hiesigen Vatersstadt in Oberöstreich wurde ein Bauer wieder aus dem Loche gelassen, nahm sogleich ein Pint Wein, und sagte, ich kann dich nicht helfen, Hans Mistbauer hat in das Loch gemust, du must auch hinein.

[6]

Ich habe wohl ersehen, daß Sie eben kein Weindoctor seyn, es kann aber auch ohne Wein und Liebe kein Schmaus vollkommen seyn. ― Dann die Trüffelpastete könnte stopfen, oder auch sonst nicht gehörig wirken, das verstehen Sie ja selbst. O! hellklingender Klarinettenton!

Ebber das aartliche Dinck, die hokgelahrte Trüffel Pastete, hat der Bauer Ursach zu lachen, dann he sat, mein Hans muß, wen ich oalt bin, mahl das Bauer Gut krein; wann er aber Doctormäßig dächte, mein zukünftiges Söhnchen, das gesp ― Hundsvödchen, muß mir das gelehrte Doctorhäubchen mit auf die Welt bringen, so müste er freilich erst eine Trüffelpastete verzehren: und ebber dem weiß der Bauer nicht, ab er das oardliche hokgelahrte Dinck süs oder sauer kochet, mit der Heugabel oder Mistgreben antomiret, er ist ein Bauer, aber kein französischer.

Pag. 10. ist die Frage, wer diejenigen alten oder neuen Aerzte seyn, die ihren Kunstgenossen Irrthümer gesagt, weggeleget und vergessen seyn; Wenn dasjenige neue nebst der Elektricität nicht anschlagen will, wird das alte mit mehreren Vorurtheilen, auch wohl anderen Worten aus dem Gedankenbehälter oder Verstandskasten wieder herfürgeholet und also wieder neu, so bezahlen die Patienten immer neues Lehrgeld für das Schuflickerhandwerk, und den Schmaus der Trüffelpastete.

[7]

Ich schneide aber eine Geissel aus ganz neuen Leder, welche ewig hält. Pag. 28. ist die Frage wie lange man an Thieren die Anatomie lernen müsse und daß man bei denen Menschen damit gutes gestiftet. An denen Thieren lernen, heisset deren Vollkommenheiten aufmerksam beurtheilen. Celsus saget, wir sollen sie als unsere Lehrmeister ansehen, sie sind älter als wir. Hier ist nicht die Meinung, daß wir so niedrig als diese leben müsten, aber auch nichts als Trüffelpasteten verzehren.

Celsus saget: alles ist gut, und alles ist Gift. Ich aber sage: alles ist ja vollkommen gut, daß beste aber nach des Landes Mode Unentbehrliche könne und werde zu Gift werden; wie aber auch die unverfälschte Fieberrinde zu Gift werden könne, das rathe einmal einer.

Es ist aber merkwürdig, daß dieser große Celsus mit dem Ausdruck alles keinen Unterschied derer Gifte machet. Ich glaube aber, daß es den an solchem Gift verstorbenen gleichviel gelte, wenn es nur überstanden ist. Hierbei ist aber kein ander Mittel übrig, wann man nur weiß, wie alles zu Gift werde, sich also nicht kuriren, sondern präcaviren könne, damit das nach der Landesmode Unentbehrliche nicht zu Gift werden müsse.

Der Gott derer Juden, war ein guter Arzt, indem er seinem Volk lauter gesunde Speisen verordnete, da wir aber als Christen eine viel weitere [8]Aussicht, und also auch höhere Bestimmung haben, muß uns nichts unrein seyn, ausserdem, was wir uns selbst gemein machen; wir können auch Trüffelpasteten essen, und 1 Pint Wein darzu trinken.

Sollte an allen diesen einer oder der andere einen Zweifel haben, so erbiete mich solche öffentlich zu lösen, dann es gehet dem allgemeinen menschlichen Geschlecht an, diese Zweifel aber müssen mit der heiligen Einfalt als Philosophie der Faulen nicht verknüpfet seyn, der Bauer muß auch nicht auf den Kampfplatz gefodert werden, er ist ein rechter grober Kerl, und ist mit weiter nichts, als mit der ungehobelten Zoberstange bewafnet, pariret von oben herunter, die französische Joabs Complimenten wollen ihm gar nicht in den Kopf.

Die Zweifel müssen also auf die Natur und das Fundament der Künste und Weißheit gerichtet seyn.

Damit aber auch Sie, Hochedele freidenkende Herren der gelehrten Welt, an der Möglichkeit dieses nicht zweifeln mögen, so bitte, dessen Nahme in Ewigkeit lebe, des Herrn Baron von Wolfs des Großen, kleine philosophische Schriften 2ter Theil pag. 159, 199. Halle D. Reng. B. H. 1737. von F. G. H. herausgegeben a No. 8. §. 9. 10, und weiter den Glückwunsch des Herrn Professor Cramers aufmerksam nachzusehen §. 9. 3ter Theil.

Ich muß aber auch eingestehen, daß mit denen Rechnungsarten, wodurch erwiesen wird, daß [9]ein Gott und selbststehendes Wesen sey, meine Feder zu schwach, jedoch nicht ledern ist.

Daß pag. 313 der Herr von Tschirnhausen die Arzneykunst der Seele b vor seinem Ende verbrant, daran seynd die medicinischen Vorurtheile schuld, er sollte das Staabsquartier der Seele rein ausbürsten, und den Leib kuriren, so könnte die Seele sich hierbei auch etwas zu gute thun.

Daß der Herr Doctor von Kopfschmerzen spricht, ist eben die Ursach, daß die Wache nicht wohl bestellt, Spionen und Untreu vorhanden, und alsdann der Körper vermögend ist, allerlei Influenzien und Franzosen einzuquartieren; pag. 36 erwehnet der Herr Doctor den Sirach, dieses ist gewiß, aber auch zugleich die allervollkommenste Wahrheit, daß alle die, welche in die Hände derer Menschenschlächter fallen, ohnmöglich alle Sünder seyn können, und deswegen nennet Celsus die damaligen Medici, Bankerte, Hurenkinder, Spiegelärzte, Fegeteufel, welche auf dem Stuhl der Pestilenz sitzen.

Also soll es diesem Jahrhunderte zu der größten Ehre gereichen, wenn man die ganze hochgelahrte Mediciner in eine halbausgeleerte Nußschaale legen wird, wenn man aber den Herrn Doctor mit einbringen will, ist die ganze Nuß nothwendig, das verursachet die starke Schnecke und lederne Feder. Es wird mir also niemand übel nehmen, wann ich jetzt und fernerhin dem Weibe Jerobeams [10]die Larve abziehe, denn die alte Mutter der Natur ist uns näher als wir glauben, hierdurch aber bahne mir nur den Weg des Einganges, die allzufest eingerosteten Vorurtheile herauszubohren, denn hart eingesudelte Wäsche, bedarf scharfer Laugen.

Ich weiß, daß dreiviertel dieser besten Welt im halben Schlaf lieget, sie will reden und kann nicht, dann die alte Hure, Mara genannt, drucket sie ängstlich, derowegen ist nöthig, daß man sie rüttelt, und laut mit Nahmen ruft.

Man lasse einen oder den andern fallen, die Schuld lieget nicht an dem Rufer, sondern am Nachtwanderer, indem er nicht schaffen will, weil es Tag ist.

Nun so gehe hin in alle Welt, wenn sie dir auch offen stehet, suche Freunde der Wahrheit; ob diese beste Welt wohl meinet, der bittersaure zusammenziehende Dreck Wahrheit könne mit ihr nicht bestehen, solches laß dich nicht irren, denn Träume sind wohl süßer, und wenn sie eckelhaft werden, wirft man sie weg und machet andere: komme dem Pariser Wind nicht zu nahe, damit du nicht brennbar werdest, du würdest allda so angenehm seyn, wie jene Sibille, ja angenehmer, als die Sau im Judenhause; laß dich den Judaskuß der Liebe nicht berücken.

Insonderheit suche mit denen kleinen a b c Schülern Freundschaft zu machen, diesen wirst du sehr willkommen seyn, wenn sie vernehmen werden, [11]daß der Verstand mit denen Pocken nicht mehr dürfe inoculiret werden, und daß die liebe Eltern, zu Verbesserung ihrer Schönheit, nicht mehr nötig haben, auf jede Pockengrube einen Louisd'or zu legen, denn französische, englische, ja ächt schöne Waare verkaufet sich selbst.

Wann dich aber niemand haben will, komme mit gesammleter Erfahrung zurück bei den Ungenannten nicht vor der Zeit. Ich schliesse hiermit, und dieses sei das Zeichen zwischen mir und Ihnen, wenn ich solches in den Hamburgischen Correspondenten lesen werde, so mögen Sie sich auf gutes Druckpapier, scharfe Lettern und Subscribenten versehen, ich verlange nichts als zwei Exemplare. Sollte aber wider Vermuthen das Porto zu viel werden, so bitte um einen kleinen Beitrag.

Kürzlich ist mir auf eine Viertelstunde eine Jungensschleuder zu Augen kommen, ich möchte wohl wissen, ob das Jüngelchen wohl getroffen. Von dem Nothanker habe nur gehöret; nebst denen zwei Exemplaren werde mir diese zwei Bücher ausbitten, wenn sie nicht zu hoch stehn. Im Durchblättern habe angemerket, daß das Jüngelchen ein Stück von der Medicin ist.

Ich werde auch unter Gleichgewicht bringen, ob Judas oder Peter höher gefallen, und glaube, daß erstern Unrecht geschieht, wenn er von dem Pater Abraham von St. Clara ein Erzschelm genennet wird. Endlich bin ich erstaunet, daß ein phi-[12]losophischer und höllischer Pful bei dem Dohm zu Ratzeburg, das unendliche allerhöchstvollkommenste Wesen mit einem Kettenhunde in Gleichheit bringet.

Es ist unbegreiflich, wie einer, der dem freiwillig loßgerissenen tollen Kettenhund gleichet, solch Exempel geben könne. Schade, daß dessen Nahmensvetter und wohlgar Blutsfreund bei dem Abend-Morgentage der französischen Krankheit des Hiskia die Elektrisirmaschine nicht anbringen können.

Keiner der allerwildesten Nationen wird von ihren Göttern ein solch Exempel verstattet, es müste dann seyn, daß sie den Teufel verehrten, damit er sie nicht holen möge: entweder gut deutsch oder gar nicht geredet, über letzteres aber werden die Steine reden.

Es ist wahr, daß zuerst müsse die Mutter gebrochen werden, aber auch unwahr, daß eine vollkommne Person mit Schmerzen müsse Kinder gebähren, und so hatte Kohlreif einestheils unrecht, wann er das unendliche verehrungswürdigste Wesen mit einem Kettenhund vergleichet.

Alle Krankheiten, des Davids, Hiobs, Hiskiä haben einen Ursprung.

N B. Dieses aber wird nicht anjetzo in den Hamburgischen Corespondenten eingesetzet, das Bändchen muß auch, wie Sie wohl selbst einsehen werden, einen vollkommnern Styl erhalten.

Da ein jeder insbesondre zu Nutzen seiner Nebenmenschen leben muß, so sind wir auch verpflich-[13]tet, eines und das andere zu Nutzen des ganzen beizutragen, das Große aber kann nur allein im Kleinen beurtheilet werden.

Ich glaube, es wird der nicht denkenden Materie Stein, Holz oder Metal gleich viel gelten, ob man einen gehangeten oder Baal Beor formiret; von Natur ist zwar alles wild, und brauchet einige Zeit, das Wild zahm zu machen, und dessen Vorurtheile zu bestreiten, durch eine unächte Klugheit wird das halbzahme wieder wild.

Ob wohl einer oder anderer meinet, er schöpfe nahe an der Quelle rein; er irret sich, und ist nicht so reine als es im ersten Ursprung der Quelle seyn müßte. Wie wollen also diejenigen, welche von der Quelle weit entfernt sind, rein schöpfen, je weiter davon laufet allerlei Schund zu, da der unendlich ausfließende Strom jetzo gereiniget wird, so ist nothwendig, daß derselbe mit unverweßlichen Steinen dicht ausgemauert werde, damit die Ewigkeit ein Andenken habe, auch so bearbeitet, daß ja nichts Unreines hineinfließet, und jeder aller Orten rein schöpfen könne.

So haben wir eines neuen Himmels und Erde zu gewarten, wo auch alles Leid und Geschrei aufhören müsse, das alte vergehet und wird ein neues.

Wer will haben, daß bei dem Gedächtnißmahl Lichter brennen müssen, und wer hat gesagt, daß der Pöbel nothwendig etwas in die Augen haben müsse.

[14]

Er siehet auch nicht auf das schöne Singen, welches doch nach der deutschen Aussprache beten heißet; man muß sich den Layen nicht so gefährlich machen, er ist zwar von Natur auch wild, der Anlage nach, zu vernünftigen Denken aber von dem Unendlichen gewürdiget worden.

Fußnoten:

1: *) Wenn man von irgend einer Tollheit sagen kann, daß Methode darinn sey, so gilt dieß von derjenigen, welche in diesem Briefe herrscht, worin Herr W**, eine medicinische Schrift in Verlag zu nehmen, ersucht wird.
Antithesen, witzige Wendungen, geheimnißvolle Winke, alles kömmt zusammen, den Unsinn zu verstecken, daß man ihn oft beim ersten Anschein nicht merkt, und glauben sollte, es liege, wer weiß was für geheime Weißheit darunter verborgen.
Indes kömmt alles, was der Verfasser, der vermuthlich ein verunglückter Arzt ist, in Rücksicht auf die Arzneikunst, gedruckt, gelesen, und empfunden haben mag, hier in sonderbarem Gemisch untereinander.
Er wird bald pathetisch, bald geheimnißvoll, bald witzig, bald ärgerlich, nachdem irgend einer seiner herrschenden Gedanken sich vordrängt.
Vermuthlich war es ein nicht ganz schlechter Kopf, dessen Eifer beim Nachgrübeln eben seine Kräfte überstieg, und der vielleicht unter andern Umständen brauchbar geworden wäre.
Wenigstens scheinen noch hier und da einige schimmernde Reste unter den Trümmern seines zerrütteten Verstandes hervorzublicken.
M.


II.

Sonderbare Würkung einer überspannten Einbildungskraft.

Schwarts, Christof Friedrich

Aus einem Briefe.

In Kliesche, einem Dorfe im Raudtenschen, a das einem Herrn v. S... gehört, wurde eine Magd nach einem eine kleine Stunde davon entlegenem Orte geschickt, um Fleisch einzukaufen.

Sie verrichtete ihren Auftrag gehörig, und trat den Rückweg gesund an. Es war in der Mitte des Januars gegen Abend. Auf einmal kam es ihr vor, als ob es gewaltig hinter ihr rausche, wie das Rauschen vieler Wagen; und mitten in demselben Geräusch tritt ein kleines graues Männchen in Kindesgröße neben sie, und fordert von ihr, daß sie mit ihm gehen solle.

Sie antwortet nichts, und geht ihren Weg fort. Die kleine Figur begleitet sie beständig, und ermun-[15]tert sie immer mit ihm zu gehen; sie kömmt unter dieser Gesellschaft in den Hof ihrer Herrschaft, dort frägt sie der Kutscher, wo sie gewesen sei, und erhält gehörige Antwort von ihr.

Er sieht ihren kleinen Begleiter nicht, sie aber sieht ihn, und hört an der Schloßbrücke zum letztenmale seine Aufforderung mitzugehen; und da sie sich nochmals weigert, die Drohung, daß sie vier Tage blind und stumm seyn sollte, und damit geht das Männchen seiner Wege. Die Magd eilt aufs Schloß in ihr Schlafgemach, wirft sich aufs Bette, und kann Mund und Augen nicht mehr öfnen.

Sie wird da aufgesucht. Kein Mensch weiß, was ihr begegnet, und jedermann glaubt, daß sie sterben müsse. Sie verstand alles, was mit ihr geredet wurde, und gab oft, besonders ihrer lamentirenden Mutter, Zeichen mit der Hand zur Beruhigung, konnte aber nichts sagen, so sehr ihre Mutter sie darum bat.

Ihre edeldenkende Herrschaft wendet alle Mühe an, sie wiederherzustellen, und will ihr Arznei beibringen, aber sie macht den Mund nicht auf. Es wird ein Bader geholt, der ihr zur Ader lassen muß, und sie sehr erhitzt findet.

Alles ist umsonst. Aber nach dem Verlaufe von vier Tagen steht sie wieder auf, ist gesund, sieht und spricht wie zuvor, und erzählt ihre Begebenheit selbst.

Vielen, auch nicht etwa nur gemeinen Leuten, ist dieser Vorfall ein Beweiß für die Wahrheit der [16]Gespenster oder Geistererscheinungen, so wie er meinem Erachten nach ein Zeugniß von einer ausserordentlichen Stärke, und von sonderbarer Wirkung einer empörten Einbildungskraft ist.

Kunzendorf bei Polkwiz b den 28sten Hornung c 1784.

C. F. S**
Pred.

Erläuterungen:

a: Kliszów (deutsch: Klieschau) in der Landgemeinde Rudná (deutsch: Raudten), Niederschlesien.

b: Trzebieszowice (deutsch: Kunzendorf an der Biele) ist ein Dorf im Powiat Kłodzki (Niederschlesien), in dem Polkowice (deutsch: Polkwitz) die Kreisstadt ist.

c: Februar.


III.

Eine fürchterliche Art von Ahndungsvermögen.

Liphardt, Johann Christian Lüderitz

Aus einem Briefe.

Ein angesehener glaubwürdiger Mann in St** a kann es einem Menschen aus dem Gesichte lesen, ob er bald und plötzlich sterben werde. Für ihn selbst, versichert er, habe eine solche Entdeckung viel Schauderndes, und er vermeide gern große Gesellschaften, wo ers aber nicht könne, so scheue er sich doch jedem dreiste ins Gesicht zu sehen, weil er bei solchen Gelegenheiten am ersten befürchten müste, eine solche unangenehme Entdeckung zu machen.

Die Leute, versichert er ferner, an denen er bisher seine Erfahrungen gemacht, kommen seinen Augen völlig so vor, als ob sie schon ein paar Tage [17]im Grabe gelegen, gelb und todten blaß, und wenn sie auch für jeden andern wie Rosen blühen.

Einst ging er auf einem öffentlichen Spazierplaze mit einem seiner Freunde auf und nieder. Eine kleine Gesellschaft Frauenzimmer, worunter auch ein achtzehnjähriges Fräulein war, kam ihm entgegen.

Er sah von ohngefähr die Damen eine nach der andern flüchtig an. Gott! ist's möglich? das arme Fräulein! Sie dauert mich.

Dies sprach er, daß es nur sein Gesellschafter vernehmen konnte, wandte sich darauf zu diesem und sagte: Sehen Sie den Engel, sie blühet wie eine junge Rose, denkt heute gewiß an nichts weniger als ans Sterben, aber sie wird bald, sehr bald sterben.

Kommen Sie, Freund, fuhr er mit wehmüthigem Ton fort, ich kann den Anblick nicht länger aushalten. Sie gingen zu Hause. Vier Tage nachher trug man das junge Fräulein zu Grabe.

Ich habe es noch nicht gewagt, über diese Sache weiter etwas zu sagen, als sie zu erzählen. Wäre dies der einzige Fall, so würde ich bald mit der Antwort fertig seyn: es war Zufall.

Aber wo sollen wir die Ursach dieses Vermögens bei dem Mann suchen? Etwa in den Augen des Mannes? Aber ich glaube, wenn wir sie einst anatomisch zerlegen könnten, unsere Mühe würde vergeblich seyn. Was bleibt also übrig? ― Das wäre ich begierig zu hören.

Stettin, den 15ten Jenner 1784.

Liphardt.

Erläuterungen:

a: Stettin.

[18]

Zur Seelennaturkunde.

I.

Ueber den Mangel unsrer Jugenderinnerungen.

Pockels, Carl Friedrich

S. 1. B. 1. St. p. 65. und 2. St. p. 82.)

Es scheint, als wenn uns die Natur recht mit Fleiß den ersten unvollkommnen Zustand unsrer Existenz habe verbergen wollen, indem sie uns unfähig machte, uns der ersten Erfahrungen unseres Lebens zu erinnern; so lehrreich es auch in der That für den menschlichen Verstand seyn würde, wenn er die Reihe unsrer nach und nach erlangten sinnlichen Begriffe, oder besser, den ersten grossen Wirrwarr derselben überschauen könnte.

Wenn wir würklich die Thätigkeit unsrer Seele mit unsern Blicken bis dahin verfolgen könnten, wo sie die allerersten Empfindungen von Gegenständen ausser sich, folglich auch von aussen her das erste Bewustseyn ihrer selbst bekam; so würden wir ohnfehlbar die wichtigsten Aufschlüße über die allererste Entwickelung unsres Geistes erhalten, die wir jetzt nun freilich nicht machen können, da wir uns aus Mangel des Erinnerungsvermögens erst [19]dann zu beobachten anfangen, wenn wir schon eine ziemliche Reise durchs menschliche Leben, und eine noch viel größere schon mit unsern Ideen gemacht haben.

Wir würden es uns alsdenn leichter erklären, wie sich der Mensch, der anfangs in Absicht seiner Fähigkeiten würklich unter dem Thier zu stehen scheint, so schnell über das Thier in kurzer Zeit erhebt; wie er die Kunst, seine Begriffe durch Zeichen aneinander zu reihen so schnell erlernte, da doch diese Kunst schon ein würkliches Nachdenken über den rechten Gebrauch der Zeichen voraussetzt; wie er zu den ersten Abstraktionen aus dem bloßen Vorrathe sinnlicher Begriffe überging, und bald einen Geschmack an Gegenständen des Geistes gewann.

So leicht es sich auch immer sagen läßt, daß wir alle menschliche Erkenntniß durch die Sinne bekommen, und daß die ersten Abstraktionen sich auf den Gebrauch der Sinne beim Kinde eben sowohl, als bei dem tiefsinnigsten Philosophen, beziehen, so wenig können wir doch das Wie ihres Entstehens bestimmen, eben weil wir uns der ersten Geschichte unsrer Ideenassociation nicht mehr erinnern können, weil wir nicht mehr wissen, welchen Grundverhältnissen unsrer Begriffe wir am meisten folgten, und welches dunkle Gefühl von Selbstinteresse die Thätigkeit unsrer Seele am leichtesten in Bewegung setzte.

[20]

So viel sehen wir wohl ein, daß ein gewisser Wirrwarr unsrer ersten Begriffe, die Ursach von der Vergessenheit ihrer Ureindrücke seyn muß, ob ich gleich nicht leugnen will, daß jene Vergessenheit auch mit durch die erste Schwäche unsres Körpers und des Nervengebäudes, eben sowohl als durch die damals geringere Aufmerksamkeit unserer Seele befördert werden konnte.

Doch kommt es mir immer wahrscheinlicher vor, daß die erste zu große Herbeifuhre neuer Begriffe, die durch fünf Kanäle und auf einmal mitgetheilt wurden, die Kräfte unsres Gedächtnisses gleichsam überladen hat.

Es ging dem Kinde grade so, wie uns Erwachsenern, wenn wir in ein großes Naturalienkabinet geführt werden.

Wir erblicken da tausend neue Gegenstände; aber ihr Ueberfluß ist zu groß, als das wir sie alle im Gedächtniß behalten könnten.

Welches Kabinet kann wohl größer seyn, als das, in welches das Kind bei seiner Geburt geführt wird! wohin es nur seine schwachen Sinne richtet, wird es durch eine Menge neuer Objekte mehr betäubt als unterrichtet und eben dadurch der ersten Erfahrungsgeschichte seines Lebens auf immer beraubt. Doch hat die Natur, die bei den grösten scheinbaren Unordnungen, nie ihre ewigen Gesetze der Ordnung und Harmonie aus den Au-[21]gen verliert, gewiß eine sehr weise Absicht bei dem ersten Wirrwarr unsrer Begriffe gehabt.

Aus ihm entsteht das große wichtige Bedürfniß einer Sprache und die bereitwilligste Aufnahme derselben schon in der frühesten Jugend, noch vor der völligen Ausbildung unserer Sprachorgane.

Das Kind sucht sich nach und nach von einem Mischmasch seiner Ideen zu befreien und einige Deutlichkeit hineinzubringen, die seiner angebornen Kraft, Aehnlichkeiten zu bemerken, angemessen ist.

Es lernt aus einem innern Seelendrange reden, ein Geschäfte, das ihn anfangs herzlich viel Mühe kostete, daß es aber aller Schwierigkeiten ohngeachtet, die sich ihm hiebei in Weg legen, arbeitsam fortsetzte.

Durch das Reden lernt es bald deutlich denken und so entsteht ursprünglich seine Seelenthätigkeit, die sich in der Folge in die tiefsinnigsten Untersuchungen einlassen kann, aus einer anfänglichen Confusion seiner ersten Ideen.

Da wir durch die Sprache nach und nach Ordnung in unsre Gedanken bringen, und sich folglich das erste Chaos unsrer Begriffe nun mehr verliert; so müßte daraus folgen, daß wir uns von da an unserer Jugenderfahrungen zu erinnern anfangen müssen, wo wir uns deutlich auszudrücken anfingen. ―

[22]

Und es verhält sich in der That grade so. Von der Epoche unseres Sprachgebrauches an, kommt erst einiges Licht in die Geschichte unseres Lebens.

Kein Mensch kann sich aus der Zeit vor seiner Bekanntschaft mit der Sprache, einer Begebenheit seiner Kindheit erinnern.

Doch will ich nicht läugnen, daß es ein Erinnern überhaupt an vergangene Begebenheiten des Lebens auch ohne Sprache geben kann, die Thiere selbst besitzen ohne Sprache ein Gedächtniß; aber wer weiß denn, ob nicht selbst das Thier sein Gedächtniß vermöge einer thierischen uns unbekannten mechanischen Zeichensprache besitzt, die sich durch Mittheilung besserer Sprachorgane in eine würkliche äussere Wortsprache auflösen würde.

C. F. Pockels.


II.

Fortsetzung des Fragments aus Anton Reisers Lebensgeschichte. a

Moritz, Karl Philipp

S. 2 ten B. 1 stes St. p. 76.)

Bald darauf wurde er auch ohngeachtet alles seines Flehens und Bittens von seinem geliebten Schreibmeister getrennt.

[23]

Dieser hatte freilich einige Nachläßigkeiten in Antons Schreib- und Rechenbuche passieren lassen, worüber sein Vater aufgebracht war.

Anton nahm mit dem größten Eifer alle Schuld auf sich, und versprach und gelobte, was nur in seinen Kräften stand, aber alles half nichts; er mußte seinen alten treuen Lehrer verlassen, und zu Ende des Monaths anfangen, in der öffentlichen Stadtschule schreiben zu lernen.

Diese beiden Schläge auf einmal waren für Anton zu hart. Er wollte sich noch an die letzte Stütze halten, und sich von seinen ehemaligen Mitschülern jedes aufgegebene Pensum sagen lassen, um es zu Hause zu lernen, und auf die Weise mit ihnen fortzurücken, als aber auch dieß nicht gehen wollte, so erlag seine bisherige Tugend und Frömmigkeit, und er ward wirklich eine zeitlang aus einer Art von Mißmuth und Verzweiflung, was man einen bösen Buben nennen kann.

Er zog sich muthwilliger Weise in der Schule Schläge zu, und hielt sie alsdann mit Trotz und Standhaftigkeit aus, ohne eine Miene zu verziehn, und dieß machte ihm dazu ein Vergnügen, daß ihm noch lange in der Erinnerung angenehm war.

Er schlug und balgte sich mit Straßenbuben, versäumte die Lehrstunden in der Schule, und quälte einen Hund, den seine Eltern hatten, wie und wo er nur konnte.

[24]

In der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seines Gleichen den ganzen Gottesdienst über.

Oft fiel es ihm ein, daß er auf einem bösen Wege begriffen sey, er erinnerte sich mit Wehmuth an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden, allein so oft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst, und ein nagender Mißmuth seine besten Vorsätze nieder, und machte, daß er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte.

Der Gedanke, daß ihm seine liebsten Wünsche und Hofnungen fehlgeschlagen, und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhörlich, ohne daß er sich dessen immer deutlich bewußt war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen.

Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre, und gegen sich selbst. Sein Morgen und Abendgebet laß er pünktlich wie vormals, aber ohne alle Empfindung.

Wenn er zu dem alten Manne kam, that er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen gethan hatte, aus Verstellung, und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebenen Worten, worinn er fälschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten.

[25]

Ja zuweilen konnte er heimlich lachen, indes der alte Mann sein Geschriebenes las. So fing er auch an, seinen Vater zu betrügen. Dieser ließ sich einmal gegen ihn verlauten: damals vor drei Jahren sey er noch ein ganz anderer Knabe gewesen, als er in P.. sich weigerte eine Nothlüge zu thun, indem der den Engländer verläugnen sollte.

Weil sich nun Anton bewußt war, daß gerade dieß damals mehr aus einer Art von Ostentation, als würklichem Abscheu gegen die Lüge geschehen sey, so dachte er bei sich selber: wenn sonst nichts verlangt wird, um mich beliebt zu machen, das soll mir wenig Mühe kosten, und nun wußte er es im kurzen durch eine Art von bloßer Heuchelei, die er doch aber vor sich selber als Heuchelei zu verbergen suchte, so weit zu bringen, daß sein Vater über ihn mit dem Herrn v. F. korrespondirte, und denselben von Antons Seelenzustande Nachricht gab, um seinen Rath darüber einzuhohlen.

Indes wie Anton sahe, daß die Sache so ernsthaft wurde, ward er auch ernsthafter dabei, und entschloß sich zuweilen, sich nun im Ernst von seinem bösen Leben zu bekehren, weil er die bisherige Heuchelei nicht länger mehr vor sich selbst verdecken konnte.

Allein nun fielen ihm die Jahre ein, die er von der Zeit seiner vormaligen wirklichen Bekehrung an versäumt hatte, und wie weit er nun schon seyn [26]könnte, wenn er das nicht gethan hätte. Dieß machte ihn äußerst mißvergnügt und traurig.

Ueberdem las er bei dem alten Manne ein Buch, worinn der Proceß der ganzen Heilsordnung, durch Buße, Glauben, und gottseelig Leben, mit allen Zeichen und Symptomen ausführlich beschrieben war.

Bei der Buße mußten Thränen, Reue, Traurigkeit, und Mißvergnügen seyn: dies alles war bei ihm da.

Bei dem Glauben mußte eine ungewohnte Heiterkeit und Zuversicht zu Gott in der Seele seyn: dieß kam auch.

Und nun mußte sich drittens das gottseelige Leben von selber finden: aber dieß fand sich nicht so leicht.

Anton glaubte, wenn man einmal fromm und gottseelig leben wolle, so müsse man es auch beständig, und in jedem Augenblicke, in allen seinen Minen und Bewegungen, ja sogar in seinen Gedanken seyn; auch müsse man keinen Augenblick lang vergessen, daß man es seyn wolle.

Nun vergaß er es aber natürlicher Weise sehr oft: seine Miene blieb nicht ernsthaft, sein Gang nicht ehrbar, und seine Gedanken schweiften in irrdischen weltlichen Dingen aus.

Nun glaubte er, sey alles vorbei, er habe noch so viel, wie nichts gethan, und müsse wieder von vorn anfangen.

[27]

So ging es oft verschiednemale in einer Stunde, und dieß war für Anton ein höchst peinlicher und ängstlicher Zustand.

Er überließ sich wieder, aber beständig mit Angst und klopfendem Herzen, seinen vorigen Zerstreuungen.

Dann fing er das Werk seiner Bekehrung einmal von vorn wieder an, und so schwankte er beständig hin und her, und fand nirgends Ruhe und Zufriedenheit, indem er sich vergeblich die unschuldigsten Freuden seiner Jugend verbitterte, und es doch in dem andern nie weit brachte.

Dieß beständige Hin- und Herschwanken ist zugleich ein Bild von dem ganzen Lebenslauf seines Vaters, dem es im funfzigsten Jahre seines Lebens noch nicht besser ging, und der doch immer noch das Rechte zu finden hofte, wornach er so lange vergeblich gestrebt hatte.

Mit Anton war es anfänglich ziemlich gut gegangen: allein seitdem er kein Latein mehr lernen sollte, litte seine Frömmigkeit einen großen Stoß; seine Frömmigkeit war nichts als ein ängstliches, gezwungenes Wesen, und es wollte nie recht mit ihm fort.

Er las darauf irgendwo, wie unnütz und schädlich das Selbstbessern sey, und daß man sich bloß leidend verhalten, und die göttliche Gnade in sich würken lassen müsse: er betete daher oft sehr auf-[28]richtig: Herr, bekehre du mich, so werde ich bekehret! aber alles war vergeblich.

Sein Vater reißte diesen Sommer wieder nach P.., und Anton schrieb ihm, wie schlecht es mit dem Selbstbessern vorwärts ginge, und daß er sich wohl darinn geirrt habe, weil die göttliche Gnade doch alles thun müsse.

Seine Mutter hielt diesen ganzen Brief für Heuchelei, wie er denn wirklich nicht ganz davon frei seyn mochte, und schrieb eigenhändig darunter: Anton führt sich auf, wie alle gottlose Buben.

Nun war er sich doch eines wirklichen Kampfes mit sich selbst bewußt, und es mußte also äusserst kränkend für ihn seyn, daß er mit allen gottlosen Buben in eine Klasse geworfen wurde.

Dieß schlug ihn so sehr nieder, daß er nun wirklich eine Zeitlang wieder ausschweifte, und sich muthwillig mit wilden Buben abgab; worinn er denn durch das Schelten, und sogenannte Predigen seiner Mutter noch immer mehr bestärkt wurde: denn dieß setzte ihn immer noch tiefer herab, so daß er sich oft am Ende selbst für nichts mehr, als einen gemeinen Gassenbuben hielt, und nun um desto eher wieder Gemeinschaft mit ihnen machte.

Dieß dauerte, bis sein Vater von P.. wieder zurückkam.

Nun eröfneten sich für Anton auf einmal ganz neue Aussichten. Schon zu Anfange des Jahres war seine Mutter mit Zwillingen niedergekommen, [29]wovon nur der eine leben blieb, zu welchem ein Hutmacher in B. Nahmens L.. Gevatter geworden war.

Dieser war einer von den Anhängern des Herrn v. F.. wodurch ihn Antons Vater schon seit ein paar Jahren kannte.

Da nun Anton doch einmal bei einem Meister sollte untergebracht werden, (denn seine beiden Stiefbrüder hatten nun schon ausgelernt, und jeder war mit seinem Handwerke unzufrieden, wozu er von seinem Vater mit Gewalt gezwungen war) und da der Hutmacher L.. gerade einen Burschen haben wollte, der ihm fürs erste nur zur Hand wäre, welch eine herrliche Thüre eröfnete sich nun, nach seines Vaters Meinung, für Anton, daß er eben so, wie seine beiden Stiefbrüder, bei einem so frommen Manne, der dazu ein eifriger Anhänger des Herrn von F.. war, schon so früh könne untergebracht, und von demselben zur wahren Gottseeligkeit und Frömmigkeit angehalten werden.

Dieß mochte schon länger im Werke gewesen seyn, und war vermuthlich die Ursach, warum Antons Vater ihn aus der lateinischen Schule genommen hatte.

Nun aber hatte Anton, seitdem er Latein gelernet, sich auch das Studiren fest in den Kopf gesetzt; denn er hatte eine unbegränzte Ehrfurcht gegen alles, was studiert hatte, und einen schwar-[30]zen Rock trug, so daß er diese Leute beinahe für eine Art übermenschlicher Wesen hielt.

Was war natürlicher, als daß er nach dem strebte, was ihm auf der Welt das Wünschenswertheste zu seyn schien?

Ein Prediger, der seiner Eltern Hause gegen über wohnte, stand zuweilen in seiner schwarzen Kleidung und mit dem Kragen vor der Thüre, und Anton konnte ihn stundenlang mit der tiefsten Ehrfurcht betrachten; die Knöpfe an seinem Kleide, die weissen Streifen, welche unter dem Ermel hervorguckten, alles war ihm heilig, und er konnte zuweilen im Ernst untersuchen, ob ein solcher auch wohl ein Mensch wie andre Menschen seyn möchte.

Nun hieß es, der Hutmacher L.. in Braunschweig wolle sich Antons wie ein Freund annehmen, er solle bei ihm wie ein Kind gehalten seyn, und nur leichte und anständige Arbeiten, als etwa Rechnungen schreiben, Bestellungen ausrichten, u.d.gl. übernehmen, alsdenn solle er auch noch zwei Jahre in die Schule gehen, bis er konfirmirt wäre, und sich dann zu etwas entschließen könnte.

Dieß klang in Antons Ohren äußerst angenehm, insbesondre der letzte Punkt von der Schule; denn wenn er diesen Zweck nur erst erreicht hätte, glaubte er, würde es ihm nicht fehlen, sich so vorzüglich auszuzeichnen, daß sich ihm zum Studieren von selber schon Mittel und Wege eröfnen müßten.

[31]

Er schrieb selber zugleich mit seinem Vater an den Hutmacher L.., den er schon im Voraus innig liebte, und sich auf die herrlichen Tage freute, die er bei ihm zubringen würde.

Und welche Reize hatte die Verändrung des Orts für ihn! Der Aufenthalt in Hannover, und der ewige einförmige Anblick eben derselben Strassen und Häuser ward ihm nun unerträglich: neue Thürme, Thore, Wälle, und Schlösser stiegen beständig in seiner Seele auf, und ein Bild verdrängte das andre.

Er war nie ruhig, und zählte Stunden und Minuten bis zu seiner Abreise.

Ein Ausschlag am Kopf verzögerte dieselbe zu seinem größten Mißvergnügen: allein dieser legte sich, auch war der Schaden am Fuß aus dem Grunde geheilt, und nun weiter kein Hinderniß mehr übrig.

Es wurden alle Anstalten zur Abreise gemacht. Seine Mutter ermahnte ihn alle Tage mit Sprüchen aus der Bibel, und wie sich einer krümmen und bücken müsse, wenn er durch die Welt kommen wolle, und dergleichen mehr, das freilich nicht die mindeste Wirkung that, weil er dasselbe schon tausendmal bis zum Eckel von ihr gehört hatte.

Seine Ausstattung von seinen Eltern war äußerst schlecht, und wären ihm nicht von guten Leuten noch einige Kleidungsstücke geschenkt worden, [32]so wäre er wie ein Bettelknabe nach Braunschweig gekommen.

Hierüber wäre freilich nichts zu sagen, wenn nur Antons Eltern nicht mehr hätten thun können. Allein die beständige Zwietracht brachte, bei einer mehr als hinlänglichen Einnahme für Leute von ihrem Stande, dennoch ihre Wirthschaft so in Unordnung, daß sie nie etwas für sich oder ihre Kinder erübrigen konnten, und doch dabei nur ein kümmerliches Leben führten.

Der erwünschte Tag zur Abreise war endlich da. Anton nahm von seiner Mutter, und von seinen beiden Brüdern abschied, wovon der ältere Christian fünf Jahr, und der jüngere Simon, der nach dem Hutmacher L.. genannt war, kaum ein Jahr alt seyn mochte.

Sein Vater reißte mit ihm, und es ging nun halb zu Fuße halb zu Wagen, mit einer wohlfeilen Gelegenheit fort.

Antons Vater war nehmlich mit Fuhrleuten, die des Weges nach Braunschweig Kohlen brachten, um ein geringes einig geworden, daß er und sein Sohn sich zuweilen aufsetzen durften, wenn sie müde waren.

Anton genoß nun zum erstenmale in seinem Leben das Vergnügen, zu wandern, welches ihm in der Zukunft mehr wie zu häufig aufgespart war.

Sie schliefen die Nacht in einem Dorfe mit den Fuhrleuten auf der Streu.

[33]

Den andern Morgen vor Tagesanbruch ging es schon wieder fort, über Peine und Fecheln nach Braunschweig zu; vor Fecheln nahmen die Fuhrleute einen andern Weg, und nun mußte zu Fuße gegangen werden.

Je mehr sie sich Braunschweig näherten, war Antons Herz voll Erwartung, wie seine Beine voll Ermüdung.

Der Andreasthurm ragte mit seiner rothen Kuppel majestätisch hervor. Es war gegen Abend, Anton sahe in der Ferne die Schildwachen auf dem hohen Walle hin und her gehen.

Tausend Vorstellungen, wie sein künftiger Wohlthäter aussehen, wie sein Alter, sein Gang, seine Miene seyn werde, stiegen in ihm auf und verschwanden wieder.

Er setzte endlich von demselben ein so schönes Bild zusammen, daß er ihn schon im Voraus liebte.

Ueberhaupt pflegte Anton in seiner Kindheit durch den Klang der eignen Nahmen von Personen oder Städten zu eignen Bildern und Vorstellungen von den dadurch bezeichneten Gegenständen veranlaßt zu werden.

Die Höhe oder Tiefe der Vokale in einem solchen Nahmen trug zur Bestimmung des Bildes das meiste bei.

So klang der Nahme Hannover beständig prächtig in seinen Ohren, und ehe er es sahe, war es ihm ein Ort mit hohen Häusern und Thürmen, [34]und von einem hellen und lichten Ansehen. Braunschweig schien ihm länglicht, von dunklerem Ansehen, und größer zu seyn, und noch itzt stellt er sich Paris, das er nicht gesehen hat, nach eben einem solchen dunklen Gefühl bei dem Nahmen, vorzüglich voll heller weißlichter Häuser vor.

Es ist dieses auch sehr natürlich: denn von einem Dinge, wovon man nichts wie den Nahmen weiß, arbeitet die Seele, sich noch, vermittelst der entferntesten Aehnlichkeiten, ein Bild zu entwerfen, und in Ermangelung aller andern Vergleichungen, muß sie zu dem willkührlichen Nahmen des Dinges ihre Zuflucht nehmen, wo sie auf die hart oder weich, voll oder schwach, hoch oder tief, dunkel oder hell klingenden Töne merkt, und zwischen denselben und dem sichtbaren Gegenstande eine Art von Vergleichung anstellt, die manchmal zufälliger Weise eintrift.

Bei dem Nahmen L.. dachte sich Anton ohngefähr einen etwas langen Mann deutsch und bieder mit einer freien offenen Stirne, u.s.w. Allein dießmal täuschte ihn seine Nahmendeutung sehr. Es fing schon an dunkel zu werden, als Anton mit seinem Vater über die große Zugbrücke, und durch die langen gewölbten Thore in die Stadt Braunschweig einwanderte.

Sie kamen durch viele enge Gassen, vor dem grauen Hofe vorbei, und endlich über eine lange Brücke in eine etwas dunkle Straße, wo der [35]Hutmacher L.. einem langen öffentlichen Gebäude gegenüber wohnte.

Nun standen sie vor dem Hause. Es hatte eine schwärzliche Außenseite, und eine große schwarze Thür, die mit vielen eingeschlagnen Nägeln versehen war. Oben hing ein Schild mit einem Hute heraus, woran der Nahme L.. zu lesen war.

Ein altes Mütterchen, die Ausgeberin vom Hause, eröfnete ihnen die Thür, und führte sie zur rechten Hand in eine große Stube, die mit dunkelbraun angestrichnen Brettern getäfelt war, worauf man noch mit genauer Noth eine halb verwischte Schilderung von den fünf Sinnen entdecken konnte.

Hier empfing sie denn der Herr des Hauses. Ein Mann von mittleren Jahren, mehr klein als groß, mit einem noch ziemlich jugendlichen aber dabei blassen und melancholischem Gesichte, das sich selten in ein andres, als eine Art von bittersüßen Lächeln verzog, dabei schwarzes Haar, und ein ziemlich schwärmerisches Auge, etwas feines und delikates in seinen Reden, Bewegungen, und Manieren, das man sonst bei Handwerksleuten nicht findet, und eine reine aber äußerst langsame, träge, und schleppende Sprache, die die Worte, wer weiß wie lang zog, besonders wenn das Gespräch auf andächtige Materien fiel.

Auch hatte er einen unerträglich intoleranten Blick, wenn sich seine schwarzen Augenbraunen [36]über die Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkinder, und insbesondre seiner Nachbaren, oder seiner eignen Leute, zusammenzogen.

Anton erblickte ihn zuerst in einer grünen Pelzmütze, blauen Brusttuch und braunen Kamisol drüber, nebst einer schwarzen Schürze, seiner gewöhnlichen Hauskleidung; und es war ihm beim ersten Blick, als ob er in ihm einen strengen Herrn und Meister, statt eines künftigen Freundes und Wohlthäters gefunden hatte.

Seine vorgefaßte innige Liebe verlosch, als wenn Wasser auf einen Funken geschüttet wäre, da ihm die erste kalte, trockne, gebietrische Miene seines vermeinten Wohlthäters ahnden ließ, daß er nichts weiter, wie sein Lehrjunge seyn werde.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA I, S. 44-52 u. 815-821, und Wingertszahn 2002.


III.

Zum 1sten B. 2tes St. No. 8. pag. 100. des Magazins.

Anonym

Ich erstaunte, hier meine Geschichte zu lesen. Auf Thürmen, wo ich nichts zu befürchten hatte, an Fenstern, deren Bänke mir bis an die Brust gingen, war die Idee bei mir lebhaft, du wirst herunterspringen!

[37]

Nun die Ideen, der Zerfleischung, des Schröckens der Stadt, des Geredes, warum und wie es geschehen, gingen so mit mir herum, als ob ich Augenzeuge einer solchen ebengeschehenen schröcklichen Sache sei; so daß ich vom Thurme weggehen, oder das Fenster zumachen muste, um Luft zu schöpfen, und zu Verstande zu kommen.

Noch neuerlich geschah mir in der Kirche, das was mir oft geschah, der innere heiße Drang, laut reden zu müssen.

Ich stellte mir alle Folgen vor, und der Zwang, den ich mir thun muste, preßte mir entsetzliche Angst aus.

Ich war darüber böse auf mich, konnte mir es durch nichts erklären, als daß der Fall, närrisch zu werden, bei mir eintreten könnte.

Und siehe: Herrn M. ging es eben so; und seitdem hat mir ein Anverwandter gestanden, daß es ihm eben so gehe. Also drei Beispiele von einerlei ― wie soll ich es nennen ― Narrheit? ― Was ist das?

***

[38]

IV.

Einwirkung sinnlicher Gegenstände auf die Gedanken.

Bötticher, Jakob Gottlieb Isaak

Am Neujahrstage predigte ich zu Steinort. Schon während dem Gesange bemerkte ich, so oft ich auf die Zuhörer sah, eine, mir ganz ungewöhnliche, Verwirrung, auf die ich aber wenig achtete.

Kaum hatte ich den Vortrag angefangen, als mir plötzlich jeder Gedanke fehlete, und kaum konnte ich mich so viel fassen, ein Tuch aus der Tasche zu nehmen, zu räuspern und mich wieder zu sammeln.

Anfänglich hielt ich es für einen Schwindelanfall, und war, bei der Zurückkehr des ersten Bewußtseyns, schon im Begriff, mich zu setzen, als ich mich zum Fortfahren stark genug fühlte.

Dieß begegnete mir einigemal, ehe ich den Endschluß faßte, wider alle meine sonstige Gewohnheit, stets vor mich niederzusehn.

Von dieser Zeit an begegnete mir der Vorfall nicht wieder, ohngeachtet ich noch über eine Viertelstunde sprach.

Während dem Gesange nach der Predigt, suchte ich die Ursach dieser sonderbaren Begegniß und fand sie (mit dem einzigen Unterschiede, daß die Wirkung bei jedem der neuen Versuche schwächer wurde. Ein Fingerzeig, was Gewohnheit über Erdensöhne vermag, selbst wider unsern Willen; denn, aller [] [39]angewandten Mühe ohngeachtet, konnte ich die Wirkung nicht zu ihrer ersten Höhe führen) nach wiederholten Versuchen in folgendem:

Das Zimmer der Zuhörer war ganz erhellt, meines ganz dunkel; eine Zuhörerin trug ein incarnatfarben Kleid, in der Zuhörer Zimmer stand ein Bett mit carmoisinen Umhängen und, ein Paar große Spiegel reflectirten ihre Lichtstrahlen auf mich.

Die Pupillen meiner sehr guten Augen wurden, wider meinen Willen, der Dunkelheit meines Standpunkts wegen, sehr geöfnet, und alle die hohen Farben und häufigen Lichtstrahlen trafen jetzt von vorne her meine Sehnerven so stark, daß ihre Stärke jedes Gefühl und jeden Gedanken verdrängte: wie der gewiß die Flöte nicht hört, den man mit Waldhörnern in die Ohren bläst. Doch, ich darf mich hier mit Recht jeder weitern Auseinandersetzung enthalten.

Steinort den 11ten Februar 1784.

J. G. Bötticher,
Lehrer beym Grafen von Lehndorff zu Steinort
bey Rastenburg in Preussen. a

Erläuterungen:

a: Graf von Lehndorff war in zweiter Ehe mit Amalie Caroline von Schmettau (1751-1830) verheiratet und hatte drei Kinder: Carl (1770-1854), Pauline (1776-1813) und Heinrich (1777-1835). Bötticher war bis April 1784 Erzieher der beiden Söhne auf dem Lehndorffschen Stammsitz Schloss Steinort bei Angerburg (heute Sztynort) im Norden der Großen Masurischen Seenplatte in Ostpreußen. Kętrzyn (deutsch: Rastenburg) ist heute Kreisstadt in der Woiwodschaft Ermland-Masuren. Zu Lehndorffs Einschätzung von Böttichers Charakter, s. Giebel 2007, S. 349, 353f.

[40]

V.

Merkwürdiges Bekenntniß eines Tauben und Stummen von seiner verübten Mordthat.*) 1

Moritz, Karl Philipp

Gleich bei der ersten Nachforschung, wegen des Thäters der Verwundung und Entleibung, entstand ein starker Verdacht gegen den Inquisiten. Er wurde daher mit Steckbriefen verfolget, in Dannicko unterm Chursächsischen Amt Gommern b betreten, von da ausgeliefert, und demnächst von den Nedlitzschen c Amtsgerichten, jedoch in Magdeburg, wohin derselbe mehrerer Sicherheit wegen gebracht wurde, zur Inquisition gezogen.

Weil er von dem Amte Gommern so fort ausgeliefert wurde, und also eher, als die Beerdi-[41]gung des Ermordeten geschehen war, zu Nedlitz ankam; so wurde er zu dessen bereits mit einem Sterbehemde bekleideten Körper geführet.

Der inquirirende Justitiarius gab ihm durch Zeichen zu verstehen: ob er den Körper für denjenigen halte, welchen er ums Leben gebracht habe? Es wurde ihm zu solchem Ende die Wunde am Halse gezeiget, und die Art und Weise, wie die Verwundung durch ein Messer geschehen sey, vorgemacht.

Hierauf geberdete sich der Inquisit sehr kläglich, er weinte, zeigte auf sich, und des Ermordeten Wunde, und nickte dabey mit dem Kopfe: Woraus um so mehr geschlossen wurde, daß er sich für den Mörder bekenne, weil er äußerst bestürzt war, und bei Vorzeigung der mit Blut beschmierten Kleidung des Getödteten sogleich mit der Hand darauf zeigte, daß solche Kleidungsstücke dem Ermordeten zugehörten.

Die Bewegung seines Körpers und seiner Gliedmaßen war dabei außerordentlich. Er wimmerte, sobald er den erblaßten Körper ansah, und gab durch Zeichen zu verstehen, daß er von dem Orte weg seyn wollte.

Tages darauf wurde er an den Ort des begangenen Mordes geführet, und, auf das daselbst liegende Blut zu sehen, angewiesen.

Er nickte darauf mit dem Kopfe, und gab durch Zeichen am Halse zu erkennen, daß dieses der [42]Ort sey, wo der Ermordete ums Leben gekommen wäre.

Auf die Frage: ob dieses der Ort sey, wo er die That begangen hätte? gab er durch Zeichen in so weit eine deutliche Antwort: daß er bei der That zugegen gewesen, und der Ermordete durch Schnitte am Halse ums Leben gekommen sei.

Er bezeigte auch durch Leibesstellung dieses: daß der Ermordete etwas auf seinem Rücken gehabt habe, und derselbe rückwärts sei übergezogen worden.

Man machte zu gleicher Zeit einen Versuch, ob Inquisit, wie verlauten wolle, schreiben könnte. Man schrieb die Frage hin: Ist dieses der Ort, wo ihr den Messerkerl ermordet?

Allein aller angewandten Mühe ungeachtet, gab er keine schriftliche Antwort, sondern er machte bloß die ihm vorgeschriebenen Worte nach. Hingegen schrieb er, als ihm die Frage: Wie heißt euer Nahme? geschrieben war vorgeleget worden, auf ein ihm vorgehaltenes Brett, mit der ihm in die Hand gegebenen Kreide mit sehr leserlichen Buchstaben seinen Nahmen: J. Brüning.

Am 7ten benannten Monaths wurde Inquisit von dem Justitiarius in Beisein zweier Assessoren anderweit vorgenommen, und die Gelegenheit dazu gab die Nachricht, daß der Inquisit am zweiten Finger der rechten Hand eine sehr kleine Verwundung habe, welche dem Ansehen nach ein Biß wäre, [43]und dem Inquisiten, wie er vorgabe, von dem Entleibten solle zugefüget worden seyn.

Es wurde auch im Verhöre diese kleine Wunde, so bereits fast völlig wieder zugeheilet war, bemerket, und von dem Inquisiten durch Zeichen zu verstehen gegeben, daß er solche von dem Ermordeten durch einen Biß bekommen habe.

Bei dieser Gelegenheit gab der Inquirens, wiewohl vergeblich, sich viele Mühe, von dem Inquisiten auf schriftliche Fragen dergleichen Antwort, oder auch nur eine Antwort durch Zeichen zu erhalten: der Inquisit schrieb bloß die ihm vorgelegten Fragen ab oder nach, ungeachtet er den Verstand der ihm vorgeschriebenen Wörter zu haben schien.

Als ihm aber mancherlei Zeichen durch Bewegung des Körpers und dessen Gliedmaßen waren vorgemacht worden, die ihm begreiflich machen sollten, daß man von ihm zu wissen verlange: ob er nicht dem Messerkerl, und auf was für Art, den Hals abgeschnitten und also ihn ums Leben gebracht habe? gab er durch seine Gestus zu erkennen, daß er den Sinn verstehe und Antwort geben wolle.

Er beugte sich mit Unterlegung der Hand gegen den Kopf zur Seite, und bezeichnete einen Schlafenden; er stellte neben sich einen großen Mann vor, so ihm nach der Tasche gefaßt hätte; wies auf die linke Seite, als den gewöhnlichen Ort eines Degens oder Couteau; d bezeichnete, daß [44]das daselbst gehabte Instrument lang gewesen, und er mit demselben von dem Kerl (den er mit Beschreibung eines Bogens über den Rücken bezeichnet hat) im Schlafe überfallen worden sei: man schloß daraus, daß er sich die Augen mit den Händen gerieben, und sich dabei als einen Menschen geberdet habe, der unvermuthet aus dem Schlafe gebracht wird.

Die übrigen Geberden des Inquisiten wurden dahin gedeutet, daß er bei dem erwähnten Anfalle aufgesprungen sei, darauf ein kleines Messer ergriffen, den Messerkerl hinterwärts um und zur Erde niedergezogen, und mit dem ganz klein beschriebenen Messer ihm in den Hals geschnitten habe.

Bei dem Verhör bezeigte der Arrestant durch seine Gestus ganz deutlich mit Annehmung zorniger Gebehrden und Stellungen, daß er auf den Messerkerl böse gewesen.

Die Ursache hievon suchte er folgendergestalt zu beschreiben: der Messerkerl, auf dessen Figur hinweisend, habe ihm in der Nacht, da er mit ihm im Wirthshause geschlafen, ganz sachte in seine Tasche gegriffen, und ihm einen Beutel, davon das Band aus der Tasche gehangen, herausgezogen, bei welcher Beschreibung er den einer viertel Elle langen Beutel vom Tische nahm, solchen in seine Tasche steckte, den Band heraushängen lies, und [45]die Handlung dadurch den Umstehenden zu zeigen suchte.

In diesem Beutel sei Geld gewesen, welches ihm mit sammt dem Beutel der Ermordete im Schlafe weggenommen.

Er stellte ferner hiebei vor: wie er bei seiner Erwachung diesen angeblich von dem Messerkerl ihm entwendeten Beutel vermißt, und seine Verwunderung gegen denselben zu erkennen gegeben, welcher ihm aber hierauf trotzig und verächtlich begegnet und s.v. den Hintern gewiesen.

Wegen dieses entwandten Geldbeutels sei er hinter dem Messerkerl hergefolget, und (hier nahm er bittende, doch eifrige Mienen an) wie er nochmals den Geldbeutel zurück verlanget, habe dieser ihm solchen zu geben sich geweigert, den Rock aufgehoben, und den Hintern gewiesen, auch, da er mit Eifer den Beutel verlanget, ihn mit dem in der Hand gehabten Stock über den Arm geschlagen.

Bei dieser Handlung stellte er sich in der Gestalt eines wüthend Zornigen, nahm einen neben ihm stehenden bei dem Arm, kehrte selbigen mit dem Rücken nach sich, und stellte die Action vor, wie er den Messerkerl hinterwärts zu Boden gerissen.

Auf der Erde habe er den Ermordeten mit einem Einlegemesser, worauf gelbe Buckeln, nehmlich auf [46]der Schaale gewesen, dessen Klinge vorn zugespitzet und schmal gewesen, (wie er solches an dem vorgelegten Einlegemesser sowohl, als einem mit Kreide auf dem Tisch gemahlten Messer, beschrieb) in den Hals gestochen, so daß die Spitze des Messers auf der andern Seite wieder herausgekommen.

Der Ermordete habe die Arme nach ihm ausgestreckt, und demselben in den zweiten Finger der linken Hand gebissen, an welchem er noch die Narbe zeigte: (bei dieser Vorstellung zeigte er wieder durch Annehmung einer zornigen Miene, daß ihn dieser Biß noch mehr in Zorn gebracht.)

Darauf er, auf das Messer zeigend am Halse hin und zurückziehend, mit dem Messer am Halse hin und her geschnitten, auch mit voller Faust dem Messerkerl so auf das Maul geschlagen, daß er ihm die Zähne dadurch ausgedrückt.

Um ihn durch neue Fragen nicht konfus zu machen, ließ man ihn die angefangene Beschreibung fortsetzen, da er denn die Suite dieser Handlung auch dermaßen beschrieb: Wie er den Messerkerl, da demselben das Blut aus dem Halse gelaufen und er die Hände bereits entkräftet ausgestreckt, auf die Seite geleget, und ihm den Messerbündel mit dem Trageriemen sachte abgenommen, sich solchen Bündel über seine Arme gemacht, und damit fortgegangen sey.

[47]

Bei Beschreibung des Weges, welchen er genommen, hielt sich Arrestant an die auf den Tisch mit Kreide gemahlte Figur der Kienheide und des Weges nach Nedlitz, mahlte an der Kirschallee eine Mühle, oberwärts aber noch einige Thürme, und noch eine andere Mühle, davon die erste vermuthlich die Relitzsche bedeuten sollte.

Er wieß, wie er noch diesseits der Nedlitzer Mühle um die Nedlitzer Kienheide dicht herum, jedoch nicht nach Nedlitz zu, nach der andern Mühle heraufgegangen, sich aber vorhero in einen Graben geleget, und sich umgesehen.

Er wieß zugleich auf einen hieher gezeichneten Schäfer, und gab so viel zu verstehen, daß er den Schäfer gesehen, sich aber in Erwählung seines Weges immer umgesehen, und solchem aus dem Gesichte zu kommen gesucht, und endlich nach den Dorfe gekommen, wo er arretirt worden.

Bei Vorstellung dieses Dorfs mahlte und beschrieb er ein Wirthshaus, darin er sich mit des Entleibten Sachen hingesetzt und das Geld überzählet.

Indessen sei ein großer starker Mann, welchen er mit einer großen rauhen Mütze mahlte, in dem Wirthshause beim Geldzählen an ihn gekommen, und habe von ihm ein Papier verlanget.

Hier ergrif er einen Bogen Papier vom Tisch, wieß auf die gezeichnete Figur, so daß Papier von ihm verlanget, und welcher er auch den Bogen zugestellet.

[48]

Da dieser den Bogen gelesen, (welche Handlung er ganz deutlich vorstellte,) sei diese Person zornig und unwillig auf ihn geworden, und ohngeachtet er derselben Pfeifenröhre und andre Sachen geben wollen, diese obbeschriebene Person dennoch zornig geblieben, habe ihn mit der Hand in die Haare gefaßt, ihn dabei geschüttelt, und endlich habe sich diese Person zu Pferde gesetzet, und habe Bericht (so er durch Schreiben suchte begreiflich zu machen) von ihm abgestattet, indessen aber ihm den Messerbündel und Sachen wegnehmen und versiegeln lassen.

Da er den andern Tag (den er nach wieder geendigtem Schlaf vorstellte) mit dem Bündel aus dem Kruge weggegangen, hätten ihn einige zu Pferde und Fuß mit Knüppeln, auch Seitengewehr angehalten; und ohngeachtet er gebeten, ihn gehen zu lassen, sei er doch mit Schlägen und Maulschellen hart begegnet, und geschlossen an Händen nach dem Orte (wobei er zugleich Thürme mahlte, so vermuthlich Gommern seyn sollte) gebracht worden: vorher aber hätten ihn diejenigen, so ihn geprügelt, (wobei er zugleich auf den mit anwesenden Gerichtsdiener wies) alles weggenommen; ihm Hosen, Weste und alle Kleidung durchgesuchet, und die darin befindlich gewesene Sachen und Geld daraus genommen.

An diesem Orte hätte er zwei Nächte bleiben müssen, sei in einem tiefen Loche an einen Stein [49]angeschlossen gewesen, und mit Wasser und Brod gespeiset worden.

Alle diese Beschreibungen machte der Arrestant so deutlich und überzeugend, daß gar keine Zweideutigkeit übrig blieb.

Da man ihm begreiflich zu machen suchte, wie er deshalb, daß der Ermordete ihm, seinem Vorgeben nach, etwas entwendet, demselben nicht hätte den Hals abschneiden, sondern Hülfe bei den Gerichten suchen sollen, gab er auch hier zu erkennen, daß er den Sinn dieser Vorstellung einsehe, und zur Entschuldigung gab er nicht nur durch Mienen und Zeichen zu verstehen, daß der Messerkerl schon sehr weit von ihm weggewesen, sondern mahlte auch auf dem Tische in weiter Entfernung von sich den Messerkerl ab, und wie er denselben durch große Schritte wieder einholen müssen: woraus man den Schluß machte, wie er sich damit entschuldigen wolle, daß er nicht Zeit gehabt haben würde, anderwärts Hülfe zu suchen.

Im Betreff der Frage: ob ihm bekannt, daß er wegen der begangenen Mordthat Strafe verdienet? und was für Strafe? stehet folgendes im Protecoll:

Der Sinn dieser Frage konnte ihm wohl nicht anders als dadurch begreiflich gemacht werden, daß ihm mit Hinweisung auf des Entleibten gemahlte Figur, als auch auf die mit dessen [50]Kleidern behangene hölzerne Maschine die That nochmals zu Gemüthe geführet wurde.

Da er aber bei diesen Vorstellungen noch immer drauf hinwies, daß der Messerkerl schon sehr weit von ihm gewesen, und er ihn verfolgen müssen, so wurde ihm ein ausgezognes großes Seitengewehr vorgezeiget, und ihm mit nochmaliger Hinweisung auf die seine That anzeigende Gemälde gewiesen, daß er deshalb mit dem Schwerdte würde bestrafet werden: worauf er sich demüthigend stellte, vor seine Brust schlug, die Kniee beugte, auch gegen den Himmel wieß, dabei solche Zeichen mit den Händen machte, woraus man abnehmen konnte, daß er damit Reue über die begangne That bezeugen, und dabei versprechen wollte, daß er solche nicht weiter verüben wolle.

Fußnoten:

1: *) Dieser Taube und Stumme Nahmens Brüning hat diesen Mord 1764, im Magdeburgischen, an einem Messerkerl verübt, und wurde zu zeitlebens daurender Zuchthausstrafe verurtheilt.
Da dieß eine Sache ist, die die Menschheit interessirt, und in psychologischer Rücksicht höchst merkwürdig ist, so habe ich kein Bedenken getragen, sie aus den Beiträgen zur juristischen Litteratur in den Preußischen Staaten, wo sie in der 5ten Sammlung steht, a mit Weglassung des bloß Juristischen, auszuziehen, um sie auf die Weise noch gemeinnütziger und zweckmäßiger zu machen.
M.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Beiträge 1780, Erster Abschnitt, Praejudicia juris, S. 1-90.

b: Dannigkow ist ein Ortsteil der Stadt Gommern in Sachsen-Anhalt. Bis 1808 gehörte der Ort zum kursächsischen Amt Gommern, das eine Enklave im Magdeburgischen bildete.

c: Nedlitz ist eine Ortschaft der Stadt Gommern.

d: Frz.: Messer.


VI.

Bemerkungen über das vorhergehende Bekenntniß vom Herrn Oberkonsistorialrath Silberschlag*). 1

Silberschlag, Johann Esaias

(Aus einem damaligen Gutachten desselben über diesen Vorfall.) a

Ew. Hochedelgebohren haben die Geneigtheit gehabt und mir Gelegenheit gegeben, unter dem Bei-[51]stande Gottes an der Zurechtbringung und Errettung der Seele des Delinquenten Brünings zu arbeiten.

Da ich nun bei meinem ersten Besuche deutliche Merkmale wahrnahm, daß meine geringen Bemühungen nicht ganz ohne Segen seyn dürften; so mache mich mit Freuden anheischig, darin fortzufahren.

Eben dieser Besuch und die von Ew. Hochedelgebohrnen gründlich geführten Acten setzen mich in den Stand, die mir vorgelegten drey wichtigen Fragen, so weit es meine schwachen Einsichten zulassen werden, zu beantworten.

Die erste Frage: wie ich den Inquisiten bei dem ersten Besuche in Absicht seiner Art, seine Ideen auszudrücken und andern zu erkennen zu ge-[52]ben, gefunden? nehmlich: ob solche deutlich oder undeutlich oder umschweifend sei?

Grade dieses war einer von denjenigen Punkten, worauf ich bei meinem Besuche mein Augenmerk zu richten mir vorgenommen hatte.

Daß der Inquisit Verstand und Vernunft, ja sogar eine messende Vernunft besitze, beweiset nicht nur der Inhalt der Acten, sondern auch jede Uhr, die er verfertigt hat.

Es ist die Frage: ob er seine Gedanken durch Kennzeichen auszudrücken fähig, die uns veranlassen können, eben das zu denken, was er gedacht wissen will, oder welches einerlei: ob seine Gebehrden die Stelle der Sprache vertreten können?

Ich kann diese Frage nicht eher beantworten, bevor ich nicht die Denkungsart dieses tauben und stummen Menschen untersuchet habe.

Er kann nicht so denken wie wir, die wir durch Zusammensetzung einzelner mit Worten verknüpfter Begriffe das Ganze einer Idee in unsrer Seele bilden: sondern jeder Brüningischer Gedanke ist eine totale Idee, ein Bild, in welchem sich alles, was zu demselben gehört, auf einmal in seinem Zusammenhange vorstellet.

Seine Gedanken sind viel grösser vom Umfange, viel lebhafter, viel schneller, nicht so zerstückt und unterbrochen als die unsrigen.

Daher ist er den Augenblick mit der Antwort fertig, sobald er die Gebehrden des Fragenden ver-[53]standen; daher müssen Fragende sich hüten, ihn anders als durch ganze Ideen zu fragen und eben daher höret er nicht eher auf, zu demonstriren, als bis er die ganze Idee durch seine Gebehrden sichtbar gemachet hat.

Ja eben dieses ist die Ursache, warum er so gern seine Gedanken mahlet, und wenn er sie mahlet, so bemerket er die geringsten Nebenumstände, weil sie per legem associationis idearum mit seiner Hauptidee verknüpfet sind.

Ob nun gleich seine Gedanken von einem weitläuftigeren Umfange, auch größerer Stärke sind, als die unsrigen, so haben sie doch den unvermeidlichen Fehler an sich, daß es einer solchen Seele schwerer wird, zu reflectiren und präscindiren, wie die Philosophen reden, das ist, er kann wenig abstractas ideas in dem Felde seiner Vorstellungen haben; er ist bei jeder Subsumtion in Gefahr, zu irren; er übersiehet nicht genugsam die Folgen seiner Handlungen: das Gebiet seiner Wissenschaft erstreckt sich nicht viel weiter, als die Gränzen seiner Empfindungen.

Dieses alles bestätiget folgender Versuch:

Als ich bemerkte, daß der Delinquent mehr von der Religion wußte, als ein Taub- und Stummgebohrner wissen kann, so war ich begierig zu untersuchen, wann er und wie er in dieses Unglück gerathen.

[54]

Ich fragte ihn durch Gebehrden, welche keiner Zweideutigkeit unterworfen waren; augenblicklich war er mit der Antwort fertig.

Hier ist sie: Er zeigte erst auf sich, darauf erniedrigte er sich zum Kinde von ohngefähr sechs bis sieben Jahren, mit Herablassung der Hand.

Auf den Fingern zählte er mir neun Jahre ab. Dieses wäre Antwort gnug für mich gewesen.

Ich habe aber behauptet, seine Seele könne keine andere als totale Ideen haben, das ist: er könnte nicht eher glauben, mir geantwortet zu haben, als bis er alle mit diesem Unglück verknüpfte Umstände mir erzählt oder vielmehr nachgewiesen hätte.

Hierauf bezeichnete er einen Ort, wo dieses bezeichnete Kind gestanden, ging zurück, stellte sich in Positur eines, der eine Flinte anleget, auf das Kind zielet, losschießet (indem er mit dem Munde einen Schlag erregte) und davon läuft.

Er ging wieder an den Ort, wo er das Kind hingestellet hatte, zeigete, wie das Kind sich herumgewälzt und kläglich gethan hätte, wieß auf das rechte Ohr, that, als ob er aus dem Munde etwas kleines herausrisse und in die Hand nähme: er machte in der rechten Hand mit dem Finger der linken einen kleinen Zirkel, stellete sich, als ob er dieses Schrotkorn auf den Tisch würfe, wies nochmals auf seine Ohren, und machte mit beiden Hän-[55]den eine Bewegung, die ein jeder Mensch machet, wenn er einen Verlust anzeiget.

Ich bin sicher, daß kein Vernünftiger diese Gebehrden für zweideutig, undeutlich oder ausschweifend ausgeben wird.

Vollständig war wohl seine Antwort, aber nicht ausschweifend. Es ist die Frage: ob diese Aussage wahr gewesen? Gesetzt, er habe die Anwesenden hintergehen wollen, so bleibet dennoch diese Probe ein Beweis, daß der Inquisit seine Gedanken vollständig auszudrücken im Stande sey, sogar wenn er lügen wolle.

Aber nachdem ich hierauf in Gegenwart des Herrn Hofraths und Criminalraths W** b dieses Ohr untersuchte, so fand sich nahe am Gehörgange eine Narbe.

Es kann seyn, daß das Schrotkorn hier nur angeschlagen und seinen Weg bis in das Gehörgewölbe fortgesetzet hat: es kann seyn, daß einige Körner durchgefahren und die obern Theile der Luftröhre verletzet und wohl gar die Nerven des gegenüber liegenden Ohrs zerrissen haben, daraus zugleich die Ursache seines Unvermögens, einen lauten Schall hervorzubringen, erhellet.

Es kann endlich seyn, daß alle diese Wunden ohne innere und äußere Narben wieder zugeheilet worden, weil der Verletzte noch ein Kind war, und daß bloß die Narbe in dem knorplichten Gehörgange übrig geblieben.

[56]

Das gebe ich zu, daß keine Kugel diesen Schaden verursacht habe, sonst würde das Wundmahl größer gerathen seyn. Daß aber Inquisit in der Kindheit habe hören können, bleibet gleichwol richtig, wenn er auch gelogen.

Wie könnte er sonst etwas von der Dreieinigkeit und von den Ständen Christi wissen? Er buchstabirt auch, wenn er eine gedruckte Schrift vor sich liegen siehet, mit den Fingern, wie ein Kind.

Es kann seyn, daß er eben damals, als er den Schuß empfangen, im Buchstabiren begriffen gewesen.

Hieraus wird die Anwendung auf die Ausmahlung seiner Mordthat leicht gemachet werden können.

Sind seine Mahlereyen undeutlich und zweideutig, so zeige man an, was sie sonst bedeuten können, und wie es möglich, daß sie mit den übrigen Nachrichten in einem so vollkommenen Zusammenhange stehen.

Ort, Zeit, das Vorhergehende, das Nachfolgende, alles bestätiget sein Bekenntniß.

Ueberdem ist zu bemerken, daß Lügen niemals im Zusammenhange mit der würklichen Welt stehen: eine Seele, die allemal totale Ideen denkt, mit ihren Nebenumständen, ist nicht zum Lügen sonderlich fähig; sie verfällt gar bald wieder in das Wahre.

Ich meine: es wird die Erschaffung einer totalen Lügenidee ihr schwerer, als einem andern Menschen, der unterbrochen durch Worte denkt.

[57]

Daher kommt es, daß die Lügen am leichtesten durch den Mangel des Zusammenhangs sowohl der einzelnen Ideen untereinander, als auch des vorhergehenden und nachfolgenden Wörtlichen entdecket werden können.

Eine so große Seele hat Inquisit nicht, daß er unentdeckt lügen könne. Ein Vorrecht verschlagener und witziger Köpfe, welche die Welt aus Erfahrung und durch Gelehrsamkeit kennen gelernet, und doch werden sie in ihrem Nebel erhaschet.

Wenn die Bildersprache nicht deutlich und vollständig wäre, was bedeuten denn die Warnungstafeln, welche auf obrigkeitlichen Befehl an Orten aufgehangen werden, welche nicht ungestraft beschädiget werden sollen?

Folglich kann man, meiner Meinung nach, das Gemälde des Brünings, im Ganzen betrachtet, als ein vollständiges Bekenntniß seiner Mordthat ansehen. Denn ich kann nicht wissen, ob ein Bekenntniß durch Worte nothwendig erforderlich sey.

Es folget die zweite Frage: Ob seine Art und Weise, sich zu erklären, mit derjenigen übereinkomme, die man bei andern Taub- und Stummgebohrnen wahrzunehmen pfleget?

In meiner Jugend habe ich Gelegenheit gehabt, einige Jahre eine taub- und stummgebohrne Tagelöhnerin in dem Hause meiner Eltern zu sehen und mit ihr umzugehen; man machte sich endlich ihre Gebehrden bekannt, mit welchen sie Männer [58]und Weiber, Alte und Junge, Vornehme und Geringe, die vergangene und künftige Zeit, alle Arten der Arbeit u.s.w. zu erkennen gab: da konnte man sie nicht nur bedeuten und in Ansehung des Lohns mit ihr handeln, sondern die Zeit wurde in ihrer Gesellschaft niemanden langweilig; sie berichtete Neuigkeiten; sie gab guten Rath und warnete vor Schaden; sie beklagte erlittenes Unrecht, und wenn sie nebst andern zugleich arbeitete, so verrieth sie ihre Mitarbeiter, wenn sie faul oder untreu gewesen waren.

Und weil man keine strengere Aufseherin sich wünschen konnte als diese war, so mußte man es als ein Glück ansehen, wenn man ihrer habhaft werden konnte.

Ueberdem war sie zornig, falsch und habsüchtig. Sie wieß und seufzete oft zum Himmel hinauf mit lauter Stimme; sie drohete auch bei dem Himmel und zuweilen faltete sie die Hände zum Gebet. Aber dieses war auch ihre ganze Theologie, so wie Mja ihre immerwährende Sprache ausmachte.

Ihre symbolische Sprache aber beruhete auf eben dem Grundsatze, der den Inquisiten Inquisit in Stand setzet, seine Gedanken kennbar zu machen, nehmlich: verwandele die Bilder deiner Phantasie in Gebehrden.

Ich habe oben bemerket, daß die Gedanken dieser Leute sehr lebhaft seyn müßten, weil sie aus lauter Gemälden der Phantasie bestehen.

[59]

Dieses taube und stumme Weibsbild begleitete eben sowohl ihre Gebehrden mit einem heftigen Affekte, wie Brüning.

Das Angenehme konnte sie nicht ohne Lachen, und das Unangenehme nicht ohne Verdruß erzählen, sogar, daß man manchmal sich mit der Flucht zu retten Ursach hatte, um nicht das selbst auszustehen, was sie andern drohte, wenn man bei ihren Erzählungen sich kaltsinnig anstellte.

Die zweite taube Person, mit welcher ich Umgang gehabt, war eine Tagelöhnerin in Wolmirsleben, Nahmens Köhlerin: diese konnte sprechen und lesen, auch aus der Bewegung des Mundes die Worte verstehen, wenn man gleich keinen Schall mit ihrer Bildung verknüpfte.

Alle Buchstaben, die einerlei Bewegung der Sprachgliedmaßen erfordern, z.E. k und z, ch und k, sp und p verwechselte sie beständig bei der Aussprache.

Die Ursache von dem allen war keine andere, als daß sie erst im neunten Jahre, durch einige heftige Ohrfeigen des damaligen Schulmeisters, ihr Gehör verlohren.

Lesen konnte sie damals, las auch noch im funfzigsten Jahre, aber sie verstand kein Wort von dem, was sie las, ausgenommen solche Wörter, deren Bedeutung ihr durch den Augenschein gezeiget werden konnte: ganze Redensarten aber wußte sie nie zusammen zu reimen.

[60]

Als ich einige Monathe hindurch Prediger in Wolmirsleben gewesen war, brachte man diese Person nebst einem Stricke zu mir, mit welchem sie sich hatte erhenken wollen.

Sie selbst gab zur Ursache an: daß sie gemeint, der neue Prediger solle sie mit andern Christen zum Abendmahle gehen lassen; weil sie sich aber ausgeschlossen sehe, so wolle sie auch nicht länger leben.

Dieses bewog mich, sie mit unglaublicher Mühe zum heiligen Abendmahle zuzubereiten.

Von Christo wußte sie vorher sehr wenig und vom heiligen Geiste *) 2 gar nichts, und ich hatte viele Mühe, sie zu überführen, daß Diebstahl, Lügen und Zorn, nebst der daraus entspringenden Rachsucht, welche der Zunder ihrer Leidenschaften waren, Sünde wären.

Tages nachher, als sie zum Abendmahle gewesen, und ich sie in meinem Garten arbeiten ließ, um sie eine zeitlang in meiner Aufsicht zu erhalten, erzählte sie den übrigen Mitarbeitern, was sie für Freude des vorigen Tages genossen; in der Nacht sey sie im Himmel gewesen, wo alles so herrlich ihr geschienen, daß sie nichts mehr wünsche, als beständig an dem Orte der Freuden zu wohnen.

Sie fuhr fort, sich vernehmen zu lassen: da sie nun wisse, wie sie seelig werden könne, und da sie durch Christum Recht an dem Himmel habe; so [61]begehre sie nicht mehr, in einer sündlichen und mühseligen Welt zu leben: sie werde nach verrichteter Arbeit ein Gebet thun und darauf sich im Garten an dem mitgebrachten Stricke erhenken.

Man brachte sie unverzüglich zu mir, und ich hatte neue Mühe, sie zu überzeugen, daß der Selbstmord der Weg zum Himmel nicht sey.

Nachmals hat sie ein christliches, arbeitsames und stilles Leben fortgesetzet, und es kann seyn, daß sie noch lebt.

Diese Person sah sich nach jeden Knalle um; sie konnte auch wissen, wenn die Orgel in der Kirche gerühret wurde.

Auf Befragen, wie solches zugehe? versetzte sie: ihre Füße benachrichtigten sie davon (durch die Erschütterung). Ja, als sie einsmal sich Glas in die Fußsohle getreten hatte, war sie mir anmuthend, zuzuhören, wie der Fuß brumme.

Ein Beweis, daß es möglich sey, daß Taube zuweilen scheinen können, etwas zu hören: aber auch ein Beweis, wie schwer es hergehe, diese Leute von der Sittlichkeit ihrer Handlungen zu unterrichten.

Aus dem allen erhellet, daß man den Inquisiten in die Mitte dieser beiden Personen zu stellen habe. Es ist nicht möglich, daß er taub und stumm gebohren seyn könne; aber er muß sein Gehör zugleich mit der Sprache und zwar sehr frühzeitig, noch eher als er lesen gelernet hatte, verlohren haben.

[62]

Nun habe ich mir zugleich den Weg zur Beantwortung der dritten Frage gebahnet: Wie Brüning in seiner moralischen Erkenntniß, insonderheit in der Erkenntniß biblischer Geschichte befunden worden?

Hierin einiges Licht zu bekommen, nahm ich Gelegenheit, durch Gebehrden ihn zu fragen: ob er etwas von Gott wisse? er beantwortete diese Frage durch Gegengebehrden, die mich nicht zweifeln ließen, daß er nicht nur Gott, sondern auch eine Dreifaltigkeit glaube.

Ich zeigte ihm aus Hübners biblische Historie die Person des Heilandes: er berichtete durch Gebehrden, daß er wisse: diese Person sei gebohren, getaufet, am Kreutze gestorben, begraben und gen Himmel gefahren.

Es ist schlechterdings unmöglich, einen Taubgebohrnen diese Begriffe beizubringen; er wird sie nicht gehörig zusammen reimen können, und nicht wissen, was man damit sagen wolle. Brüning aber stellte sich, als betete er diese Person an.

Hierauf zeigte ich ihm den Brudermord Kains: hier stellete er sich ganz ungeberdig und bezeugte seinen höchsten Abscheu vor dieser That.

Also weiß Brüning, daß Todtschlag Sünde sei.

Gleich unmittelbar hierauf bediente ich mich seiner eignen Gebehrden und bezeugte eben denselben Abscheu vor seiner Mordthat.

[63]

Was geschah? der Inquisit schlug sein Gemälde auf und zeigte auf den Messerhändler.

Hieß das nicht so viel: meine Handlung ist durch die That des Entleibten entschuldiget? hätte jener mich nicht bestohlen, so hätte ich ihn nicht entleibet?

Gesetzt, es sei nicht wahr, daß er von jenem bestohlen worden, der Inquisit habe sich solches eingebildet oder fälschlich vorgegeben, so beweiset solches gleichwol, daß er eine Einsicht in die Unrechtmäßigkeit, sowohl seiner als des Entleibten Handlung habe, indem er eine Uebertretung durch die andre zu entschuldigen gedenket.

Ob aber Brüning gewußt, daß vorsetzlicher Todtschlag mit nichts, wenigstens mit keiner gefahrlosen Beleidigung des andern Theils verantwortet werden könne? dieß ist eine Frage von andrer Art.

Wie hat Brüning von dem ausdrücklichen Verbote Gottes, als einem Positivgesetze, Nachricht haben können? Noch vielweniger hat er die Gesetze der Obrigkeit lesen und sich davon unterrichten können.

Wenn Brüning Soldaten und andere Leute mit Gewehr einhertreten gesehen, was hat er anders daraus schließen können, als jedermann hat Erlaubniß, sich seiner Haut zu wehren und seinen Gegenpart mit dem Tode zu bestrafen.

Dieses ist, meiner Meinung nach, der einzige und wahre Stoff zu seiner Vertheidigung.

[64]

Bei Inquisiten sind alle Regeln seiner Handlungen nichts anders, als bloße Muthmaßungen und natürliche Triebe, unter welchen keine einzige den Werth eines Gesetzes behaupten kann.

Ferner, wenn er würklich so weit künftig könnte gebracht werden (bisher ist keine Spur eines von seinem Gewissen gehuldigten Gesetzes vorhanden), daß er gewisse Vorstellungen als Gesetze, die ihn zum Gehorsam verpflichten, ansehen könnte, so habe ich oben schon gemeldet, daß er in Ansehung der Subsumtion entweder ungewiß oder irrig verfahren müsse.

Denn da jeder Gedanke ein Bild und jedes Bild mit andern Umständen verknüpfet ist, so kann er nicht wissen, welches die eigentlichen Umstände sind, auf welchen die Subsumtion beruhet.

Ihn dünkt, daß die Besteigung des Baums so wesentlich zu seiner That gehöre, als die Plünderung des Entleibten.

Aus diesem Umstande kann man erklären, warum er zuweilen seinen Mord als eine Heldenthat ansiehet, zuweilen Angst und Reue drüber bezeuget; warum er so willig ist, sie vorzumahlen, warum er auch die geringsten Umstände bemerket, weil er nicht gewiß weiß, was zu seiner Entschuldigung gereichen könnte.

Ich wüßte nicht, ob ein Umstand von Wichtigkeit bei dieser Mordthat noch möglich seyn könne, [65]den nicht Ew. ... mit der grösten Genauigkeit herausgebracht hätten.

Bei Worten ist allemal die Frage: ob beide Theile, der sprechende und der hörende, völlig einerlei Begriffe mit demselben verknüpfen? die Hermeneutick ist ein Beweiß, wie schwer solches sei; ja wie viele Processe laufen auf ein Mißverständniß der Gesetze hinaus?

Die Bildersprache ist bloß alsdann zweideutig, wenn Dinge ausgedrückt werden sollen, die keine Figur haben.

Man weise den Delinquenten und seine Gemälde allen Nationen; alle Nationen werden in ihrer Sprache ihn der Mordthat beschuldigen.

Aber ob Brüning als ein vorsetzlicher Uebertreter göttlicher und menschlicher Gesetze anzusehen sei? diese Frage wird durch richterlichen Ausspruch entschieden werden.

Fußnoten:

1: *) Dieser Aufsatz des Herrn Oberkonsistorialrath Silberschlag scheint mir äusserst merkwürdig, und eine wichtige Parallel zu den Aufsätzen über taube und stumme Personen im ersten Bande dieses Magazins zu seyn, indem eine Geschichte der andern immer mehr Licht giebt.
Im 3 ten Stück des 1 sten Bandes dieses Magazins pag. 76. u.s.w. finden sich ähnliche Beobachtungen über einen Taub- und Stummgebohrnen, der in Ansehung der Religionsbegriffe, eben so viel Kenntnisse, als dieser Brüning, besaß, ohne daß er je hätte hören können.
Ferner kann auch die Geschichte eines taub- und stummgebohrnen Frauenzimmers in eben dem Stück pag. 82. hiermit verglichen werden.
M.

2: *) Wird auch wohl nicht viel davon gelernt haben.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Beiträge 1780, Erster Abschnitt, Praejudicia juris, S. 90-103.

b: In der Vorlage: Werner.

[66]

VII.

Auszug aus einem Briefe des Herrn Direktor Heinicke an den Abbé l'Epee.

Heinicke, Samuel

Leipzig, den 8ten November 1781.

Es ist mir sehr angenehm mich mit Ihnen über die Kunst und Wissenschaft zu unterhalten, womit wir uns beide, zum Besten unglücklicher Personen beschäftigen, die bisher noch nicht allgemein bekannt ist, die Mancher aus einem unrichtigen Gesichtspunkte betrachtet und sie bei diesen Unglücklichen, ohne bleibenden Nutzen, anwendet.

Noch angenehmer ist es mir, in Ihnen einen Mann zu finden, dem es um Wahrheit zu thun ist, der Einsicht genug in die Lehrart für Taubstumme verräth, und der kein Sclav irrig angenommener Meinungen zu seyn scheint.

Ihre Institutiones habe ich, sobald sie die Presse verliessen, gelesen. Längst vorher aber hatte ich schon Ihre Lehrart, welche die nämliche eines Bonnet, Wallis und Ammann ist, bei Taubstummen angewandt; allein, ich gestehe es Ihnen frei, alle Mühe, Zeit und Kosten waren dabei vergeblich.

Das ist wahr, Taubstumme lernen, auf eine mühsame Art, mit schriftlichen Wörtern Begriffe verbinden, aber die Erfahrung lehret auch, daß [67]diese Wörter bald, und samt manchen Begriffen, wieder bei ihnen verschwinden und in die Vergessenheit übergehen müssen.

Die physische Ursache, warum bei Taubstummen die Begriffe, durch Schriftsprache allein, von keiner langen Dauer seyn können, liegt in der Irregularität und unendlich verschiedenen, abwechselnden Zusammenfügung und Darstellung der Wörter, die, nicht allein für Taubstumme, sehr schwer zu lernen sind, sondern auch, weil sie im Gedächtniß keinen festen Fuß fassen können, bald wieder verlöschen müssen, wie wir gleich sehen werden.

Es ist Vorurtheil, wenn man glaubt, daß der Sinn des Gesichts, bei Taubstummen, im Denken, den Sinn des Gehörs, durch Schriftsprache, vertrete. Durch das Gesicht erlangen wir zwar immer Abdrücke von Farben, Gestalten und Flächen, die sich nachher auch abwesend in unsrer Einbildungskraft darstellen, man glaube aber ja nicht, wenn sich Wörter auf dem Papier vorstellen lassen, daß sie auch abwesend, in uns, vorstellbar seyn müßten. Nein, dieß folgt keinesweges: die geschriebenen oder gedruckten Wörter gleichen zusammen geworfenen Fliegen oder Spinnenfüssen, sie sind keine Figuren, die sich abwesend in unsrer Einbildungskraft darstellen oder denken lassen und kaum können wir einzelne Buchstaben subjektivisch, mit Stetigkeit in uns, vorstellen.

[68]

Dies wird begreiflich, wenn Sie nur den Versuch machen und einige Minuten Beobachtungen darüber anzustellen sich die Mühe geben wollen. Ich muß aber vorher erinnern: daß Sie nicht etwa bloße Empfindung, oder Bewustseyn, statt der Vorstellung, dabei annehmen, und sich nicht durch den Ton eines Worts täuschen lassen.

Nun denken Sie sich einmal, mit verschlossenen Augen, ein Wort, z.B. Paris, und geben Sie acht: ob sich dies Wort, in Ihrer Einbildung, herbeiziehen, und, wie auf Papier oder auf einer Tafel, so leserlich vorstellen lasse. Ich wette tausend gegen eins, Sie können das nicht; und ists nicht an dem , was ich sage: daß schriftliche Wörter nicht abwesend in uns vorstellbar sind? Zwar werden Sie innerlich bei diesem Versuche, einen Buchstaben nach dem andern, gaukelnd und nebelicht, zu diesem oder jenem Worte, aber nie ein ganzes Wort ordentlich und mit Stetigkeit herbeiziehen und wie auf Papier, oder auf einer Tafel, lesbar darstellen können, weil, wie ich schon gesagt habe, schriftliche Wörter unförmliche und undenkbare Gestalten oder vielmehr gar keine Gestalten sind, die wir Hörenden nur durch Empfindung, niemals aber vorstellbar denken, und daß der Taubstumme zu Tönen keinen Sinn hat, darf ich Ihnen nicht erst sagen.

Diese durch Erfahrung bestätigte Wahrheit: daß ein Taubstummer nicht in abwesender Schriftsprache denken kann, wollen wir voraussetzen, und [69]nun können wir auch weiter zur Denkart der Taubstummen fortschreiten.

Der Taubstumme, ehe er eine Schriftsprache lernt, denkt durch allerlei sinnliche von ihm anerkannte Zeichen, nämlich von lebenden und leblosen Gegenständen, Bildern und fühlbaren in seine Sinne fallenden Handlungen; dadurch kann er auch, aus der sinnlichen, in die intellectuelle Welt, übergehen lernen. Lehrt man ihn nun eine Schriftsprache, so ist sie, nicht wie bei uns, die Copey der Tonsprache samt der Bedeutung eines Begrifs, von einem Gegenstande, zugleich, sondern nur lediglich eine characteristische Bedeutung von demselben, den er schriftlich bezeichnet, und diesen Gegenstand kann er, wenn das Wort auf Papier vor ihm geschrieben da stehet, abwesend denken; allein, er kann, sobald man ihm das Papier weg nimmt, worauf der Name eines Gegenstandes geschrieben stehet, diesen geschriebenen Namen nicht denken, wie uns die obige Erfahrung mit dem Worte Paris lehret.

Das beschriebene Papier dient dem Taubstummen also zur Einbildungskraft, nimmt man ihm dies, so nimmt man ihm auch seine geschriebenen Zeichen, und er behält nur die bildlichen, die in allerlei willkührlichen modificirten Bewegungen, oder Bildern, in seinen Sinnen, empfunden werden. Z.B. die Zeichen, zu gähnen, niesen, gehen, tanzen, der König, der Baum etc. und tausenderlei andre mehr, die sehr kurz, zum Gegenstande analogisch [70]und auf diese oder jene Art, von ihm, gefaßt worden sind.

Da nun der Taubstumme nur durch Bilder und Handlungen denken kann, so wird er darin sehr fertig: er erzählt dadurch ganze Geschichten und denkt auch dadurch wachend und träumend. Aber, eben weil er pantomimisch und nicht durch Schriftsprache denkt, so ists ganz natürlich, daß er die Schriftsprache vernachläßiget: er kann sich nicht denkend darin üben, wer soll sich auch immer schriftlich mit ihm unterhalten, und wie viel giebts Leute, die dies richtig können? Ehe er sich nun hinsetzt und schreibt, so drückt er sich viel lieber durch Gebehrden aus, diese sind ihm viel bequemer, aber daher vergißt er auch die Schriftsprache, ehe man sichs versieht, und behält von seinen Begriffen nichts, als nur die methodischen Zeichen übrig, die nur sein Lehrer, oder der sie auch bei ihm gelernt hat, wissen und sich darin mit ihm unterhalten kann.

Ich habe zwar, ehe ich meine jetzige Lehrart erfand, unter meinen tauben Lehrlingen einige gefunden, die etwas mehr als andre von der Schriftsprache behielten, aber es waren gemeiniglich welche, die in ihrer Jugend, im 6, 8, 12ten Jahre, ihr Gehör verlohren hatten, und die die Schriftsprache noch innerlich, mit einer tönenden Empfindung, verbanden. Ein solcher ist Saboureux, von dem man so viel Aufhebens macht, und der in seinem achten Jahre taub geworden ist.

[71]

Die Seele bedient sich aller möglichen Mittel ihre Begriffe zu befestigen, aber ich rede überhaupt hier von total Taubstummen, und diese können ihre Schriftsprache nur durch ein äusserliches Zusammenfügen merken: denn unser Gedächtniß ist verschieden, und äusserliche Vorstellungen, die keine förmlichen Abdrücke machen, werden nur tonhaft in demselben. Wir denken wachend und träumend durch die Tonsprache, Gegenstände zu den Wörtern kommen uns schwach dabei vor, und unsre Gedankenreihen sind beständig tonhaft.

Die Töne sind also dunkle Triebfedern, die in das Begehrungsvermögen wirken, die willkührlichen Bewegungen hervorbringen und unsre Vernunft zu den darauf gegründeten allgemeinen abstrakten und transcendenten Gedankenreihen erheben, daß wir also Zeitlebens tonhaft denken, urtheilen und schließen müssen.

Als ich einige Jahre Taubstumme mit Schriftsprache unterrichtet hatte, sahe ich wohl, daß sie nicht dadurch, sondern nur durch methodische Zeichen dachten. Unter währendem Lernen vergaßen sie die Wörter bald halb, bald ganz, aber die Zeichen behielten sie. Ich versuchte es mit der Tonsprache und setzte sie auf die Schriftsprache, allein dies half wenig, doch behielten sie mehr Begriffe in der Ton- als Schriftsprache. Endlich wurde ich verdrießlich darüber und wollte den ganzen Kram aufgeben. Doch dachte ich vorher noch [72]der Sache fleißig nach, studirte die menschliche Anerkenntniß, die aufeinander folgenden Aktus der Sprache und ihre Einwirkung und Verbindung, in das Denken, bei hörenden und tauben Menschen. Ich war dabei so glücklich auf psychologische Erscheinungen zu stoßen, die ich vorher nicht gedacht, gehört oder gelesen hatte, und es ergaben sich Resultate, auf die ich eine ganz neue Lehrart bauete und sie auch ausführte.

Sie werden sich davon einen Begrif machen können, wenn Sie eine kleine Schrift, von mir,*) 1 durchzusehen belieben. Und nun bin ich auf dem rechten Flecke: meine Lehrlinge lernen deutlich und mit Verstande laut lesen und sprechen: sie denken in ihrer articulirten Sprache wachend und träumend, ein Jeder kann mit ihnen sprechen, wenn er nur langsam spricht und, die Schriftsprache ruhet auf ihrer Tonsprache, von der sie zwar nichts hören, sondern sie nur durch einen andern Sinn empfinden, welches aber gleichviel ist. Der Anfang dazu ist freilich erbärmlicher Singsang, aber in zwey, drei Jahren sprechen sie gut, vernehmlich und sie lernen endlich auch declamiren.

Fußnoten:

1: *) Beobachtungen über Stumme und die menschliche Sprache. a

Erläuterungen:

a: Heinicke 1778.

[73]

VIII.

Auszug aus der Antwort des Herrn Abbé l'Epee auf den Brief des Herrn Direktor Heinicke.

l'Epée, Charles Michel de

Sie glauben, daß Sie einen kürzern und leichtern Weg Taubstumme zu unterrichten, als der unsrige ist, gefunden haben: indem sie nehmlich behaupten, daß die Lehrlinge gleich von Anfang an zum Reden müssen gewöhnet werden, wodurch dem Unterricht gleichsam eine weitere Thüre eröfnet, als nach meiner Methode durch geschriebene Charaktere und methodische Zeichen, möglich ist.

Sie sind also gleicher Meinung mit dem Perriere, der schon vor dreißig Jahren, in einer französischen Schrift, die er im Jahr 1751 der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Paris überreichte, a eben dieses behauptet, und folgendermaßen in der dritten Person von sich spricht:

»Perriere theilt seinen Unterricht in zwei Theile, zuerst sucht er vorzüglich die Sprache, nachher den Verstand zu bilden. Zuerst lehrt er sie also die Kunst, einzelne Wörter in unsrer Sprache zu lesen und auszusprechen, alsdenn aber auch ganze Redensarten, die am häufigsten im gemeinen Leben vorkommen, nebst den Nahmen der Dinge, die zum täglichen Gebrauch [74]sind, als Essen und Trinken, Kleider, und Hausrath.

In der zweiten Abtheilung aber lehret er sie alles übrige, was nöthig ist, um ihre Bildung vollkommen zu machen, nehmlich die Kraft und Eigenschaft der Verborum, und wie sie sich derselben nach den Genius der Sprache grammatisch richtig bedienen sollen, es sey im Reden oder im Schreiben.

Wenige Tage, nachdem sie diesen Unterricht genossen haben, sind seine Schüler schon im Stande, einige Wörter deutlich auszusprechen.

Die ganze erste Hälfte des Unterrichts wird binnen zwölf oder höchstens funfzehn Monathen vollendet, vorzüglich, wenn die Lehrlinge noch von zarterem Alter sind. Die andre Hälfte aber erfordert längere Zeit, wenn es damit zu einiger Vollkommenheit gebracht werden soll.«

So weit Perriere, der mir erlauben wird, zu sagen, daß diese Methode den Progressen der Lehrlingen sehr schädlich ist, weil er es zwölf oder vierzehn Monathe lang in ihrem Verstande dunkel bleiben läßt.

Wir schlagen freilich einen ganz anderen Weg ein, indem wir in die Fußtapfen derer treten, die wir von unsrer frühesten Jugend an zu Lehrern gehabt haben, unsrer Ammen, Wärter, oder nur um wenige Zeit ältern Brüder und Anverwandten, denen es gar nicht so sehr um der Bildung unsres [75]Verstandes zu thun war, und die demohngeachtet fast in jedem Augenblick unsrer Kindheit, dieselbe unvermerkt bewürkten. Diese unsre frühesten Lehrer würden vergeblich die Dinge ein jedes mit seinem eigenthümlichen Nahmen benannt haben, wenn sie nicht unsre Augen durch ein Zeichen mit der Hand, oder durch einen andren Wink, darauf gelenkt hätten.

Diese gleichsam von der Natur vorgeschriebene Methode ist allenthalben befolgt worden, indem man sich dreier Hülfsmittel dabei bediente: zuerst des tönenden Worts, denn der Gegenwart der Objekte, und endlich des Hinblicks mit den Augen.

Eben das ist auch der Fall beim Unterricht der Taubstummen. Denn die Seele bekömmt den Begriff von der Beschaffenheit eines jeden einzelnen Buchstaben nicht durch die allenthalben beständig offne Thür, nehmlich durch die Ohren, sondern durch die Augen, als Fenster, die nur den sichtbaren Gegenständen offen stehen, indem zugleich der Lehrer ihm denselben bezeichnet, damit kein Irrthum statt finde.

Indeß nun die Stummen das geschriebene oder gedruckte Alphabet ansehen, lernen sie zugleich ihr Handalphabet, welches Perriere die Daktilologie nennt, und darin besteht, das sie ihre Finger in so verschiedene Lagen bringen, als einzelne Buchstaben nach gewissen Merkzeichen zu unterscheiden sind.

[76]

Was man Buchstabiren nennt, geschiehet nicht durch einen Laut der Stimme, sondern durch die nach den aufeinander folgenden Buchstaben abwechselnde Lage der Finger.

Ich schreibe z.E. an eine Tafel das Wort Fenster und lasse den Taubstummen seine Augen darauf richten: dieser bedienet sich sogleich der Handzeichen, womit er jeden einzelnen Buchstaben andeutet, und wiederholet dieses drei, vier oder fünf mal, so daß er seine Augen auf das Wort heftet und alle sechs Buchstaben nacheinander darin bezeichnet: alsdann kehret er seine Augen von dem Worte ab, und bezeichnet eben dieselben Buchstaben in eben derselben Ordnung durch die Daktilologie.

Darauf muß er sich wieder nach der Tafel wenden, und das Wort Fenster, welches der Lehrer während der Zeit ausgelöscht hat, wieder anschreiben.

Ist also der Taubstumme nur ein aufmerksamer Zuschauer, so wird er die einzelnen Buchstaben dieses Worts in ihrer Ordnung sich sehr leicht ins Gedächtnis prägen können, und sie nicht so leicht wieder vergessen, weil dieses Wort sowohl im Sprechen durch die methodischen Zeichen, als auch in unsern öffentlichen und Privatlektionen häufig vorkömmt.

Beiläufig ist hier noch zu bemerken, daß zu diesem Geschäfte, in Gegenwart und unter Anwei-[77]sung eines Lehrers, selbst bei den ersten Neulingen nicht mehr als zwei Minuten erfordert werden.

Sobald die Taubstummen durch die Daktilologie das ganze Alphabet ins Gedächtniß gefaßt haben, schreiten wir zu einem andern wichtigen Geschäfte fort.

Zuerst kommt wenig darauf an, ob der Taubstumme gut schreibt oder nicht, wenn nur die Buchstaben zu erkennen sind, denn die Konjugationen und Deklinationen bedürfen nicht sowohl einer zierlichen Schrift, als vielmehr nur einer deutlichen Bezeichnung der Endigungen. Daher wird dieß Geschäft gleich mit dem zweiten Tage, wo nicht schon mit dem ersten angefangen. Es werden nehmlich zwei oder drei Tempora eines Verbums, wovon ihnen ein Schema vorgelegt ist, täglich gelernet, welche sie nachher auf eine Tafel, nach weggelegtem Schema, mit Kreide schreiben, und in einer Zeit von sieben Tagen wissen sie das ganze Verbum Porter (tragen) auswendig, und haben sich dasselbe so ins Gedächtnis eingeprägt, daß sie die Tempora und Modos von alle den Verbis, die nach eben der Konjugation gehen, sowohl geschrieben, als durch die methodischen Zeichen, darstellen können.

Mit welcher Begierde zu lernen die Kinder diese Beschäftigung anfangen, und darinn fortfahren, läßt sich kaum sagen. Wir bringen ihnen indeß durch kleine Fragen die ersten Grundsätze der Reli-[78]gion bei, welche wir durch die methodischen Zeichen erläutern, die die Lehrlinge auswendig lernen, und am folgenden Tage an die Tafel schreiben: Dieses thun sie mit solchem Vergnügen, daß sie oft vor Freuden weinen, und wir uns selbst kaum der Thränen dabei enthalten können.

Dieser Uebung in den ersten Monathen, wo ein jeder besonders vorgenommen wird, werden zweimal wöchentlich die öffentlichen Vorlesungen hinzugefügt, welche den Taubstummen zur Erlernung der methodischen Zeichen äußerst nützlich sind. In diesen Vorlesungen diktirt nehmlich ein Lehrer durch die methodischen Zeichen, und die Materie, welche in der Ordnung der Vorlesungen folgt, wird in Frag' und Antwort getheilt, und mit Kreide auf eine fünf Fuß breite Tafel mit großen Buchstaben geschrieben. Sie enthält etwas mehr oder weniger als vierhundert Verba, und wird alsdann vor den Augen von funfzig Lehrlingen aufgestellt.

Alsdann wird durch die methodischen Zeichen gebetet, und die methodische Erklärung von den Verbis in einer jeden Frage hebt an, welche ohngefähr zehnmal wiederholet, und zuerst von dem Lehrer oder von einem der geschicktern Schüler unternommen wird, der auf die übrigen Achtung giebt, damit die Erlernung dieser Zeichen allmälig zu den jüngern und ungeübtern herabsteige, und sie dieselben machen lernen.

[79]

Diese Zeichen aber stellen nicht nur die einfache Bedeutung eines Wortes, sondern auch seine grammatikalische Beschaffenheit dar, wie Persona, Numerus, Tempora, Modi, ja sogar Genera und Casus verschieden sind: auch haben die Adverbia, Konjunktionen und Präpositionen ihre eignen Zeichen. Von den Neulingen aber, welche dieser Uebung beiwohnen, wird nichts verlangt, als die Zeichen der Nennwörter, welche häufig vorkommen.

In Zeit von einem Monathe werden also mehr als dreitausend Verba in den öffentlichen Uebungsstunden auf die Weise durchgegangen und wiederholet. Da nun der größte Theil derselben oft wieder vorkömmt, so prägen sie sich so tief ins Gedächtniß ein, daß die Eindrücke nicht nur niemals wieder ausgelöscht werden können, sondern von Tage zu Tage noch immer fester werden.

Ferne sey es also, daß wir die Seelen, welche nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, und aller Unterweisung fähig sind, zwölf bis funfzehn Monathe lang blos mit der Uebung reden zu lernen quälen sollten, als ob es nicht Menschen, die unserer Sorgfalt anvertrauet sind, sondern unvernünftige Thiere wären.

Warum sollen wir sie in der beweinungswürdigen Unwissenheit der nöthigsten Heilswahrheiten lassen, da wir ihnen sowohl von dem Daseyn eines Gottes, als auch von den vorzüglichsten Geheim-[80]nissen der Religion, ob zwar nicht deutliche, doch hinlängliche Begriffe geben können, so daß, wenn sie während der Zeit sterben, sie durch Christum die ewige Seeligkeit zu erlangen fähig sind.*) 1

Was auch Perriere sagen mag, so ist immer jene Methode, welche die angebohrnen Seelenkräfte schneller entwickelt, derjenigen weit vorzuziehen, welche erst binnen einem Jahre und später die Dunkelheit im Verstande zerstreut.

Freilich würde die Länge des Weges zu entschuldigen seyn, wenn einige Hofnung zu einem glücklichern Ausgange Statt fände, und der Weg selbst leicht und angenehm wäre.

Aber im Gegentheil wird den Lehrlingen nicht nur ein langer, sondern auch ein rauher und unebner Weg vorgezeichnet. Das große und schwere Geschäft wird mit einer ekelhaften und lästigen Arbeit angefangen, welche doch noch erträglicher werden würde, wenn sie nur mit irgend einer andern Uebung abwechselte, wodurch die Seele allmälig einige Nahrung erhielte, und der Verstand allmälig erleuchtet würde. Aber nein! jetzt ist die Stunde zum Reden, die Zeit zum Denken ist noch nicht da: eine dicke Finsterniß ruhet auf der Seele, während daß das Band der Zunge gelöset wird.

[81]

Und was kann während der Zeit der vortreflichste Lehrer thun, als das Geschäft eines bloßen Schulmeisters verrichten, welches auch leicht einem jeden andern übertragen werden könnte, wenn man nicht der unerfahrnen Menge ein Blendwerk vormachen will. Denn jener Theil des Unterrichts erfordert keine große Seelenfähigkeiten; unsere Aufseherinnen der Tauben und Stummen haben dieselbe bei einigen jungen Mädchen in Ausübung gebracht, nachdem wir ihnen bloß einige Tage lang zu dieser mechanischen Arbeit eine geringe Anweisung gegeben hatten. Hier kömmt es nicht sowohl auf Geschicklichkeit als Geduld an.

Wenn aber zu jener undankbaren Arbeit (zu deren glücklichen Beendigung Perriere zwölf bis funfzehn Monate Zeit fordert) der Lehrer und der Schüler täglich mehr als zwei Stunden, nehmlich eine Vormittags, und eine Nachmittags, verwenden, so werden beide so ermüdet seyn, daß sie die Beschwerlichkeit dieser Methode selbst wohl fühlen werden. Aber wie soll der Schüler seine übrige Zeit zubringen, dessen Verstand auf keine Weise beschäftigt wird? Er wird Langeweile haben, wenn er nicht Spielereien treibt, denn ohne Hülfe seines Lehrers kann er nichts Vernünftiges unternehmen.

Wir aber geben seinem Verstande vom ersten Anfang an schon Nahrung, und fahren nachher ohne Unterbrechung damit fort.

[82]

Da Perriere seine Methode von niemanden bestritten fand, so setzte er auch keine Grundsätze derselben fest, und blieb vier und zwanzig Jahre lang in ruhigen Besitz derselben: als dieselbe aber in meiner methodischen Unterweisung, die im Jahr 1775 ans Licht trat, von mir angegriffen wurde, so erklärte er, daß er seine Methode ausführlich vertheidigen würde, sobald es ihm seine Geschäfte erlaubten. Allein noch hat er keine Hand ans Werk gelegt. Wie würde er triumphirt haben, hätte er vorausgesehen, daß Sie mit ihm zur Vertheidigung derselben gemeinschaftliche Sache machen würden!

Eh ich aber über diesen Satz mich mit Ihnen weiter einlasse, so bitte ich, zu erwägen, daß ich gar nicht gesonnen bin, Ihre Art reden zu lehren, mit der Perrierischen zu verwechseln, weil mir weder Ihre Methode noch die seinige hinlänglich bekannt ist. In einem Punkte trift ihrer beider Meinung zusammen: sie behaupten nehmlich, daß die Tauben und Stummen eher zur Sprache, als zum Verständniß der Sachen und Wörter angeführt werden müssen. Das ist es, was ich mir zu wiederlegen vorgenommen habe; ich fahre also jetzt fort, Ihre Einwürfe einzeln zu beantworten.

(Die Fortsetzung folgt.)*) 2

Fußnoten:

1: *) Freilich ein sonderbarer Grund des Herrn Abts, der vermuthlich glauben muß, daß die andern Taubstummen alle verdammt werden. <M.>

2: *) Ein Aufsatz, den mir Herr Nikolai gütigst mitgetheilet hat, und welcher im nächsten Stück, nebst der Fortsetzung dieses Aufsatzes von Herrn Abt L'Epee, erscheinen wird, verbreitet über die gegenwärtige Streitfrage in Ansehung der Taubstummen vieles Licht. Auch behalte ich mir vor, über die in diesem Magazine gesammleten Fakta von Taubstummen künftig allgemeine Reflexionen, die menschliche Seele betreffend, anzustellen.
M.

Erläuterungen:

a: Pereire stellte am 11. Juni 1749 und am 27. Januar 1751 taubstumme Schüler in Sitzungen der Académie Royale des Sciences in Paris vor. Er publizierte seine Reden als Mémoires jeweils in demselben Jahr.

[83]

Nachtrag zur Seelenkrankheitskunde.

I.

Beobachtungen über Herrn Ch. während einer sonderbaren Krankheit.

Feder, Johann Georg Heinrich

Den 3ten Januar 1781 besuchte ich ihn Morgens nach zehn Uhr. Er schlummerte auf dem Bette in seiner Kammer eine Treppe hoch.

Schon ehe die Person, die bei ihm war, etwas von meiner Gegenwart wußte, gab er durch den gewöhnlichen unartikulirten Ton Freude zu erkennen, und nannte meinen Nahmen.

Ich erkundigte mich unten nach ihm und sprach auch einige Worte beym Eintritt in die Stube. Er konnte mich also, bey seinem sehr scharfen Gehör, an der Stimme erkannt haben.

Sobald er meine Gegenwart bei seinem Bette bemerkt hatte ― seine Augen waren beständig ge-[84]schlossen ― fühlte er nach mir herum, ich gab ihm die Hand, er küßte sie, welches er in der Folge noch öfter gethan hat, kratzte mich darauf sanft an der Stirn (eine bei dieser Krankheit gewöhnliche Liebkosung desselben) und gab durch unartikulirte Töne Freude zu verstehen.

Noch sprach er kein Wort. Darauf schickte er sich an, aufzustehen; wir verließen ihn, daß er sich ankleiden konnte. Und kaum waren wir aus der Kammer heraus, so schloß er die Thür ab.

Nachdem er sich angekleidet hatte, öfnete er sie wieder, und kam heraus in die Stube, immer mit verschlossenen Augen. Und so öfnete er eine verschlossene Kommode, indem er durchs Gefühl das Schlüsselloch suchte, nahm daraus mein deutsches Kompendium der Logik und Metaphysik, und schlug bei der ersten Oefnung desselben den §. auf, der die Ueberschrift hat: Ob alle endliche Geister einen Körper haben müssen, wieß mit dem Finger darauf und hielt mir das Buch hin. Auch schlug er sein nachgeschriebenes Collegium über die Moral auf, und zeigte auf eine Stelle, wo es hieß: Von der Trägheit muß man Unfähigkeit der Kräfte unterscheiden.

Bald darauf ging er vor sein Klavier, das auch verschlossen war, schloß es auf, nahm den darauf liegenden Marsch aus der Medea, fühlte herum, um zu entdecken, welches die rechte Seite und Richtung des Blatts, und nachdem er dieß durch Be-[85]fühlung des Beschriebenen und nicht Beschriebenen entdeckt hatte, legte er es vor sich hin, als ob er vom Blatt wegspielen sollte; probierte aber noch eine Zeitlang die Töne herum, bis er den rechten ersten Accord hatte; (so daß ich glaubte, es würde aus dem Spiele nichts werden) sobald er aber den ersten Griff hatte, spielte er das ganze Stück ohne den mindesten Verstoß mit seiner sonstigen großen Geschicklichkeit weg.

Er hatte diesen Marsch sonst oft gespielt, und kurz vorher meinen ältesten Sohn ihn spielen gelehrt. Darauf nahm er Bachs Sonaten, legte das Buch wieder nach Anweisung des Gefühls zu rechte, und spielte ohne allen Anstoß die zweite Sonate, mit außerordentlichem Nachdruck der empfindungsvollern Stellen.

Er hatte aber dabei eine verstimmte Saite bemerkt, schickte sich also an, sie zurecht zu bringen, und wurde gleich aufs beste damit fertig.

Unterdessen hatte ein Anwesender, um ihn zu versuchen, das Notenbuch verkehrt hingelegt, mir es aber leise ins Ohr gesagt. Dieß mußte er gehört haben. Denn als er wieder zu spielen anfangen wollte, kehrte er sogleich das Buch um, ohne es vorher zu befühlen.

Darauf sagte ich, ob er zufrieden wäre, wenn ich ein wenig auf dem Claviere spielte, er bezeugte dabei und während des Spielens seinen Beifall. Ich fragte ihn: sehen Sie mich denn, lieber Freund? [86]Er antwortete nicht, ging aber vor den Schreibtisch, und fing einen Brief an seinen Bruder an zu schreiben. Da keine Dinte mehr in der Feder war, schrieb er demohngeachtet zwei bis drei Zeilen fort, weil er den Mangel der Dinte nicht bemerkte. Ich sagte ihm alsdann, daß die Feder keine Dinte mehr habe; er tunkte sie wieder ein, und schrieb noch einige Worte zum Schluß, alles gerade leserlich und vernünftig. Nun fehlte es an Streusand, er fühlte darnach herum. Als man ihm sagte, daß keiner vorhanden: schloß er eine andere Kommode auf, wo noch ein Schreibzeug mit einer Sandbüchse war, und bediente sich derselben.

Bei der Gelegenheit nahm er noch einmal meine deutsche Logik und Metaphisik, schlug mit einemmale das Blatt auf, wo das Kapitel von der unendlichen Substanz anfängt, und zeigte mit dem Finger auf diese Ueberschrift.

Nun wollte er dieß Buch in die Schlafkammer tragen, stieß aber so gewaltig gegen die Thür, daß er sich die Hand verwundete; worüber er durch stumme Zeichen Schmerz zu erkennen gab.

Ich wünschte Eau de Lavande oder Englisch Pflaster zu haben, um seinen Schmerz zu heilen; man schickte aus nach dergleichen, als aber die Nachricht zurückkam, daß nichts zu haben, zog er seine Uhr aus der Tasche, nahm da Englisch Pflaster heraus, und ließ sich von mir seine kleine Wunde damit zudecken.

[87]

Er hatte auf mein Ersuchen sich zu Bette gelegt, und bisher kein Wort noch gesprochen. Weil ich erfahren hatte, daß er seit einigen Tagen keine Arzenei eingenommen, und daß er gar keine mehr einnehmen wolle, suchte ich ihn dazu zu bereden.

O ne, war da sein erstes Wort. Wobei er sich etwas verdrießlich herumlegte, und tief zu schlafen schien. Nach einiger Zeit fing ich wieder von der Medicin an, sagte, daß wenn ich krank bin, ich den Aerzten folge, daß er dieß doch auch thun sollte.

Darauf versetzte er: wenn Sie mir Gründe sagen, thue ichs auch; und so unterredeten wir uns über dieß Thema weiter fort, wie vernünftige Leute bei verschiedenen Meinungen thun. Er blieb dabei: die Aerzte verstehen seine Krankheit nicht; und es sey gefährlich für ihn, ihnen zu folgen.

Er hat hernach gegen andere geäußert, daß er befürchte, durch Erbrechungen, wozu ihm Arznei gegeben werden sollte, sein Gesicht zu verlieren.

Einmal schlug er sich heftig vor den Kopf; und einmal wollte er auf einen umgekehrten Stuhl treten, und dann auf eine Kommode hinaufsteigen, wobei er in Gefahr war, das Bein zu brechen. Dieß ist das einzige Ungeschickte, was er in meiner Gegenwart gethan hat.

Daß er nichts sehen konnte, erhellet aus allen Umständen. Auch bei andern Auftritten bemerkte man dieß. Er schlug z.B. einmal Feuer, um ein Licht anzuzünden, da dasselbe schon im Zimmer [88]brannte; und kam wirklich mit einem brennenden Schwefelhölzchen zu diesem Licht hin, und hielt es, um dieses anzuzünden, mitten in die Flamme.

Heute Nachmittag aber, schien es, als ob er mit verschlossenen Augen sahe. Er sagte nemlich, es schneiet, da es wirklich schneite. Und als man, um sich zu überzeugen, ob er wirklich sähe, ihn fragte, ob er sonst noch etwas sähe, sagte er, daß der Besitzer des gegenüberstehenden Hauses am Fenster stehe, und das Hüte (der Studenten im Auditorio) am Fenster hiengen.

Es war alles so. Aber ich bin, indem ich dieses schreibe, noch nicht gewiß, ob er nicht das Schneien wußte, weil er es gehört hatte, und das andere, weil es etwas gewöhnliches war, nur vermuthete und in der Einbildung vor sich hatte.

Verschiedenemale hat er Briefe in diesem unnatürlichen Schlafe geschrieben. Heute noch einen an mich über einen moralischen Gegenstand.

Uebermäßige Anstrengung im Studieren, und eine sehr lebhafte Imagination ist mir von ihm wohl bekannt. Auch sagte mir sein ältester Herr Bruder, daß er schon in seiner frühen Jugend einigemale starke Anfälle von Schlafwandlungen hatte.

Er erwachte in diesen Tagen bisweilen so weit, daß er zu essen verlangte; schlief aber gewöhnlich mitten im Essen wieder ein.

[89]

Er sprach bisweilen in allerhand Sprachen. Vor einigen Tagen hielt er mit einem Gegner, den er im Kopfe hatte, eine lateinische Disputation über den Satz der Seele. Besonders aber sprach er viel Englisch; und hatte mit einer ihm verhaßten Person aus einer romantischen Geschichte in diesen seinen Träumen viel zu thun.

Beobachtungen über Herrn Ch. in seiner Krankheit.

Den 4ten Januar besuchte ich ihn wieder Nachmittags um vier Uhr, und blieb bis sechs Uhr bei ihm. Es fielen Auftritte derselben Art vor, wie Tags vorher. Er sprach einigemale mit Bildern seiner Phantasie für sich, öfter mit den Anwesenden und vernünftig. Die meiste Zeit sprach er nicht; sondern gab nur abgebrochne Laute von sich. Immer mit verschlossenen Augen spielte er auf dem Klavier, stimmte dasselbe, schlug Feuer, wobei er den Schwamm vors Ohr hielt, um an dem Knittern (er war mit Pulver eingerieben) zu hören, ob er brannte u.s.w.

Daß er bisweilen die Augen ein wenig öfnete, und einigen Schein der Gegenstände hatte, wurde nun durch einige Beobachtungen außer Zweifel gesetzt.

Auf vieles Zureden ließ er sich endlich bewegen, das Vomitiv einzunehmen, und weil die erste Portion nicht wirkte, nahm er es noch bey meiner Anwesenheit zum zweiten- und drittenmale.

[90]

Gegen neun Uhr, da die Arzeney noch immer nicht gewirkt hatte, bekam er entsetzliche Beängstigungen und Schmerzen, die ihm den Schweiß austrieben, und vieler Personen Gewalt nöthig machten, um ihn von gefährlichen Versteigungen, die er unternehmen wollte, abzuhalten.

Einer der Aerzte wurde geholt, welcher darauf drang, daß sogleich mit Gewalt ein Klistier ihm beigebracht wurde. Sogleich wurde er etwas ruhig, und noch mehr, als dieß Klistier, und darauf auch das Vomitiv endlich gewirkt hatte. Er schlief bis gegen den andern Morgen mehrentheils ruhig.

Diesen Tag über (den 5ten) war er völlig erwacht, und blieb länger im Wachen, als in den vorhergehenden Tagen. Er wußte nichts von allem, was er in dem Schlafwandeln bisher vorgenommen hatte, nichts von dem gestrigen Schmerz, den das Vomitiv ihm verursacht hatte, nichts von meinem und anderer Personen Besuchen, von den Briefen, die er geschrieben, und von seinem Klavierspielen.

Man hatte die Unvorsichtigkeit gehabt, ihm den Inhalt eines dieser Briefe zu sagen, über den betrübte er sich sehr, ohne große Ursache dazu zu haben.

Ueber sein Klavierspielen verwunderte er sich, indem er die Stücke, die er so vortreflich gespielt, vorher beim völligen Wachen nie ohne die Noten [91]vor sich zu haben, gespielt, und itzt noch nicht aus dem Kopfe zu spielen sich getraut hatte.

Um halb fünf Uhr besuchte ich ihn heute wieder. Er schlief, und so tief, daß er meine Gegenwart, auch da man ihm meinen Namen etlichemale genannt, und ich ihn selbst angeredet hatte, nicht merkte. Bald darauf wurde doch dieser Schlaf durch ängstliches Stöhnen unterbrochen, er rief etlichemal die Frau C. und hatte um diese Zeit auch starke Krämpfe und Zuckungen in Händen und Füßen.

Als die Frau C. gekommen war, wurde er noch unruhiger, richtete sich auf, krümmte sich, daß er zu Boden sank, wurde mit Mühe wieder zu Bette gebracht, gab darauf die deutlichsten Zeichen eines heftigen Schmerzens im Kopfe, vorn an der Stirn, über welche Stelle er auch bey seinem heutigen Wachen noch beständig geklagt hatte; und, nachdem dieß vier bis fünf Minuten gedauert hatte, richtete er sich auf einmal auf, öfnete die Augen, und sagte: nun ists da vorn weg.

Gefragt, ob er nicht eben heftige Schmerzen im Kopfe gespürt habe, antwortete er, daß er etwas, aber nichts rechts davon sich bewußt sey.

Man behauptete, daß er diese seine Genesung auf die Stunde vorhergesagt habe. Auf halbfünf hatte er sie diesen Morgen vorhergesagt; sie erfolgte um fünf Uhr. Des Tags vorher aber hatte er sie auf drey Uhr versprochen, und sie erfolgte nicht.

[92]

Er hatte diesen Nachmittag wieder ein Klistier und des Morgens eine Purganz bekommen. Seine Zunge soll sehr unrein und sein Stuhlgang sehr stinkend gewesen seyn. Die Ursache scheint also im Unterleibe zu seyn.

Auch itzt, da er völlig erwacht war, wollte er mir beym Weggehn die Hand küssen, welches er die beiden vorhergehenden Tage in seinem Schlafwandeln, sonst aber nie gethan hat. Also hat vielleicht die Handlung, die er im Schlafe vorgenommen, eine mechanische Disposition erzeugt.

Beobachtungen über Herrn Ch. den 24sten Januar geschrieben.

Nachdem Herr Ch. durch viele Evacuationen dahin gebracht war, daß er mehrere Tage hintereinander sich wohl befand, nur daß er mehr als gewöhnlichen Reizen zum Lachen unterworfen war, wozu sich bisweilen schmerzhafte Krämpfe gesellten: so wurde er wieder rückfällig.

Bei diesem Rückfall hatte er, wenn er einschlief, die meiste Zeit die Augen ganz weit offen; und es bewies sich, daß er vieles sehr deutlich sah; ob er gleich keine völlige Besinnung und Gegenwart des Geistes hatte, und an alles, was er that, hernach beim völligen Erwachen sich nicht erinnerte.

So sahe er es z.B. daß eine anwesende Person nähte, und sagte: Mademoiselle L. Schneider; daß einer seiner Freunde den Hut unter dem [93]Arm hielt, und sagte: L. Hut unterm Arm, L. Petit Maitre u.d.gl. mehr.

Es ist also möglich, daß er auch bei den vorhergehenden Schlafwandlungen, wo es doch schien, daß er die Augen geschlossen hatte, von Zeit zu Zeit einiges gesehn.

Und es wird wahrscheinlich, bei dem vorher bemerkten Aufschlagen der ihm interessanten Stellen in den Compendien und nachgeschriebenen Discoursen, wegen des Umstandes insbesondere auch, daß er seine Hefte über die Moral kurz vorher erst hatte binden lassen, und also keine mechanische Disposition just da sie zu öfnen, wo die angezeigten Stellen waren, vorausgesetzt werden kann.

Er hat auch dem Professor K., als der ihn besuchte, genau gezeigt, wo er in der biblischen Erklärung stehen blieb, als er das letztemal das Collegium besucht hatte.

Ein sonderbarer Zufall hat sich gestern ereignet. Er hatte seit einigen Tagen die meiste Zeit in seinem unnatürlichen halben Schlaf zugebracht. Die ganzen letzten zwölf Stunden über, oder noch länger, schwärmte die Zahl 6 in seinem Kopfe, auf vielerlei Weise.

So wollte er z.B. 6 mal um den Wall herumgeführt seyn, und ließ sich, als ob es auf dem Wall wäre, 6 mal in der Stube im Kreis herumführen; wobei er die Thore ordentlich angab, wie eines auf das andere folgte, und befahl, daß jeder-[94]mann ganz still sich betragen solle, weil, wenn man das geringste Geräusch machte, sein Leib sogleich in 6 Stücken zerfallen würde.

Er schrieb 6 Briefe, und jeder fing an mit der Anrede: Mein lieber Sechser, Sechser, Sechser, S. S. S.*) 1

Er wollte 6 Fensterscheiben eingeschlagen haben, und schlug wirklich einige ein; und viele dergleichen Dinge mehr.*) 2 Besonders anzumerken ist, daß er auch mehrmahlen sagte: Er werde nur 6 Krämpfe bekommen; und 6 Krämpfe oder Zuckungen mit den Armen etc. erfolgten wirklich.

Am meisten aber setzte die Anwesenden (von denen ich alles dieß habe, denn ich bin nicht selbst zugegen gewesen) in Verwunderung, daß er den ganzen Tag über vorhersagte, um 6 Uhr werde sein Uebel wieder vorbei seyn; und so geschahe es aufs genaueste, d.h. da erwachte er.

Er hat bald darauf Ipecacuanha bekommen, und heftig darauf vomirt. Seit der Zeit ist er die [95]meiste Zeit wach gewesen, oder hat einen sanften erquickenden Schlaf gehabt. Nach jenem Erwachen gestern 6 Uhr war er äußerst entkräftet, so sehr, als er sich noch nach keinem Erwachen gefühlt hatte.

Sein Erwachen um die vorherbestimmte Zeit erkläre ich mir so:*) 3 Sein Schlaf war ein unvollkommner Schlaf. Er hatte die meiste Zeit über, wenigstens abwechselnd, Empfindungen durch alle äußere Sinne. Er hörte insbesondre alles; hörte die ganze Zeit über die Glocke schlagen, und gab dabei an, wie lange es nun noch währen würde, bis seine Krankheit ihn verließe. Nur ein Theil seiner Vernunftideen, die zum völligen Bewußtseyn seines wahren Zustandes, zur allseitigen Besinnung gehörten, schlummerten, oder waren gefesselt.

Auf den Glockenschlag 6 lauerte er also mit großer Erwartung, d.h. mit vielen regen und interessanten Ideen.

Alle diese Ideen wurden also, als es 6 schlug, in lebhafte Bewegung gesetzt, und dieß konnte ihn zum völligen Erwachen bringen.

So erwacht man immer leicht zu einer gesetzten Zeit; wenn man wegen der Absicht dann zu er-[96]wachen, unruhig, halb nur schläft, und wenn die bestimmte Sensation, die Paroption des Zeitpunktes kömmt, mittelst der paraten sich zugesellenden Ideen stärker davon afficirt wird.*) 4

Er hat während dieses letzten Paroxismus auch mit musikalischen Kompositionen sich beschäftiget; sie gespielt auf dem Klavier, und einem anwesenden Freund, den er für seinen Bedienten nahm, befohlen, was er spielte gleich auf Noten ihm nachzusetzen. Da dieser sich stellte, als ob er nachschriebe, ließ Ch. sich hernach das Papier geben, auf welches jener aber gar nichts geschrieben hatte.

Ohne zu bemerken, daß gar nichts darauf stand, schimpfte Ch. nur auf ihn wegen der vielen Fehler, die er gemacht habe, und zeigte einen um den andern an.**) 5

[97]
Ueber Herrn Ch. den 16ten Februar 1781.

Seine Krämpfe zogen sich von den innern Theilen des Kopfs weg, so daß das Schlafwandeln ausblieb. Ehe sie ihn aber ganz verließen, verursachten sie einen sehr schmerzhaften Priapismus cum mictu cruento.

Vierzehn Tage ohngefähr war er von allen Uebeln dieser Art frei, gab wieder Unterricht auf dem Klavier und verschiedene Besuche, kehrte auch zu seiner gewohnten Diät, zum Gebrauch gemeiner harter Speisen zurück.

Die Witterung war um diese Zeit fast immer naß und stürmisch. Bei einer solchen Witterung besuchte er den Herrn Professor Cl. des Abends; und da wurde er wieder plötzlich von seiner unnatürlichen Schlafsucht und den Krämpfen überfallen, so daß er von etlichen Personen nach Hause, im Schlafe, mehr getragen als geführt wurde.

Er schlief etliche Tage meist in einem fort. Nun warf sich auf einmal die böse Materie auf andere Theile. Er bekam fürchterliche Ohnmachten, aller Puls war weg, und man wartete auf sein Ende.

Er erholte sich davon wieder, hatte aber die Sprache verlohren. In diesem Zustande der Sprachlosigkeit besuchte ich ihn den 14ten Februar Abends. Er war bei vollkommenen Verstande, und munter, unterhielt sich mit mir, indem er lebhaft eins ums andere aufschrieb.

[98]

Den folgenden Tag verlohr er auch das Gehör, und in der Nacht vom 15ten bis 16ten endlich auch, nach so heftigen Krämpfen in den Augen, daß zwei Personen Mühe hatten, seine Hände zurückzuhalten, womit er gegen seine Augen schlagen und drücken wollte, das Gesicht.

Der Geruch war äußerst scharf; und gegen allerlei, was ihm sonst keinen unangenehmen Geruch machte, zeigte er sich nun sehr empfindlich.

Doch den 16ten Vormittags, unmittelbar nach einem warmen Bade, kam die Sprache, und da bald darauf ein gegebnes Brechmittel gewirkt hatte, auch Gehör, und zuletzt das Gesicht wieder. Er befindet sich jetzt, nach der Aussage des vorher oft gemeldeten Freundes Herrn B. munter, und aß diesen Mittag mit dem besten Appetite.

Nachschrift den 29sten December 1783.

Dieß sind meine Beobachtungen, Reflexionen und mit Vorsicht eingezogenen Nachrichten über diese merkwürdige Krankheit. Ich theile sie Ihnen mit, völlig so, wie ich sie jedesmal niedergeschrieben habe, damit es in aller Rücksicht Geschichte seyn möchte. Gern legte ich auch die Beobachtungen und Gedanken der Aerzte bei; ich bin aber bisher nicht so glücklich gewesen, sie zu erhalten. Vielleicht macht sie einer derselben doch noch bekannt.

Als Vermuthung kann ich nur hieher setzen, daß man die Ursache der Krankheit in der Folge an-[99]ders beurtheilte, als anfänglich; und auf eine andere Art von Evacuation die Heilung gründete. Auch scheint mir die entfernte, zum Theil psychologische Ursache nicht einfach, sondern aus mehrern solchen zusammengesetzt zu seyn, wovon eine jede Nervenkrankheiten nach sich ziehen kann.

Verstellung und Betrügerei im mindesten zu vermuthen, würde hier, nach dem Urtheil aller Beobachter, eben so lächerlich als unwahr seyn.

Aber zwei Bemerkungen habe ich mehreremale Gelegenheit gehabt hiebei zu machen: einmal, wie schnell das Wunderbare sich vergrößert, auch in den Erzählungen derer, von denen man die genausten Beobachtungen erwarten sollte; sodann, wie leicht es auch bei solchen Krankheiten seyn müsse, daß ein Mensch an sich selbst irre werden könne, wenn es sich fügte, daß er selbst unwissend und mit lauter einfältigen und abergläubischen Personen umgeben wäre. Beides war hier nicht der Fall; und doch hatte ich Gelegenheit die Möglichkeit davon zu bemerken.

J. G. H. Feder.

Fußnoten:

1: *) Er tunkte immer die Feder sechsmal ein, ehe er wieder schrieb.

2: *) Er wollte auch den Spiegel sechsmal zerschlagen. Sein Freund aber brachte ihn dadurch ab, daß er sagte: wenn Sie ihn einmal zerschlagen haben, so können Sie ihn nicht wieder zerschlagen. Und erstens, das ist eine schlechte niedrige Zahl. Worauf er ihm die Stirn sanft kitzelte, das Zeichen seines Beifalls.

3: *) Die 6 Krämpfe lassen sich noch leichter begreifen, denn die Seele kann solche Zuckungen willkührlich anwirken; und also können sie auch durch eine große Vorstellung, daß sie kommen werden, erregt werden, halbwillkührlich.

4: *) Man sieht aber aus diesem Vorfall, was auch unabsichtlich wirkende, nicht von der Vernunft aufgestellte Ideen vermögen; wie etwas Betrügerei, Verstellung scheinen kann, was es im mindesten nicht ist.

5: **) Dieser sein Freund und mein geschickter Zuhörer sagte mir noch diesen merkwürdigen Umstand, daß er in seiner etliche Stunden fortwährenden Rede über die Zahl 6, und alles was damit vorzunehmen, auf einmal sich selbst unterbrach mit den Worten: Aber ich möchte nur wissen, wie meine Seele so auf die Zahl 6. gekommen; gleich darauf aber wieder in seinen theils scharfsinnigen, theils sehr träumerischen Combinationen fortfuhr.


II.

Beobachtungen über Ahndungsvermögen.

Zimmermann, Friedrich Albert

Schon in meinen frühen Jahren merkte ich in mir bei gewissen oft ganz gleichgültigen Dingen, [100]ehe ich sie unternahm, eine ungewöhnliche Empfindung dagegen, nicht Abneigung, denn ich hatte Lust dazu, eher eine Art von Warnung; folgte ich dieser Warnung nicht, so hatte ich allemal Schaden oder Unglück, Verdruß etc.

Dieß brachte mich zuerst auf die Idee: Hat der Mensch auch ein Vorhersehungsvermögen? Ich las darüber Verschiedenes, und die Gründe dafür nahmen zu. Folgende besondere Beispiele bestärkten meine Meinung. Hier sind sie:

1) Der Archidiakonus Kirchner in Strehlen a studierte in Königsberg, ging von der Akademie mit einer Landkutsche; bald fuhr er, bald ging er. An einem Sonntage war er müde, setzte sich auf die Kutsche, und stellte über verschiedene Gegenstände der Religion Betrachtungen an. Auf einmal entstand in seiner Seele der lebhafte Gedanken: Springe vom Wagen! Er konnte sich, so lebhaft war der Gedanke, fast nicht besinnen, sprang vom Wagen, und ging. Kaum war er einige dreißig Schritt gegangen, als der Wagen umfiel, und Tonnen und Kasten, welche der Fuhrmann geladen, herabstürzten. Blieb er sitzen, so wurde er sicher zerquetscht.

2) Meine Großmutter wurde, wider ihren Willen, in der katholischen Religion erzogen, (sie hatte Eltern zweierlei Religion) in ein Kloster gesteckt, aus dem sie entfloh und sich verehlichte. Neunzehn Wochen nach ihrer Heirath wurde sie [101]aufgegriffen, in ein fremdes Kloster gebracht, gestraft, und mußte ein ganzes Jahr in einem Loche unter der Erde zubringen, nachher wieder eingekleidet, und blieb drei Jahr Nonne.

Sie mochte freilich oft den Wunsch gehabt haben, wegzugehen, aber sie sahe keine Gelegenheit. Eine Nacht soll sie ins Chor läuten; es entstehet eine ungewöhnliche Neigung zu entfliehen, sie betet, die Neigung wird stärker, bis zum Entschluß, gehet mit vielen Gefahren, ohne zu wissen wohin, weg, läuft fünf Meilen, kömmt in ein Dorf in der Grafschaft Wernigerode, findet im Wirthshause ihren Mann, der auch als Reisender da herberget, sie gehn darauf nach Halberstadt, wo sie beide in dem bekannten Dorfe Ströbke b bis 1754 gelebt haben. ― Wahr sind die Geschichten.

Breslau, den 24sten März 1784.

Zimmermann,
Königl. Kammer-Calculator.

Erläuterungen:

a: Heute Strzelin, südlich von Breslau, Niederschlesien.

b: Auch Ströpke genannt. Damals im Fürstentum Halberstadt. Heute Ströbeck bei Halberstadt. Bekannt als Schachdorf.


III.

Beschluß von Simmens Geschichte.

Moritz, Karl Philipp

(S. 2ten B. 1stes St. S. 38.)

Ruhig also, ja vergnügt über seine Grausamkeiten, verließ der Mörder das Haus, in welchem er sich so vielfach mit Blute befleckt hatte, wusch Knit-[102]tel und Messer im Schnee ab, wiewohl er hernach das letzte aus Abscheu nicht wieder brauchen mögen, machte sich auf den Weg, und kam unbemerkt in seine Wohnung zurück.

Am nächsten Morgen ging er auf einige Dörfer, wohin er sonst seinen Viehhandel gehabt, und wo er noch einige Reste einzufodern hatte; und, bis gegen Mittag, versichert er, sey er noch in diesem Rausch seiner Seele gutes Muths gewesen; alsdann aber sey er unruhig geworden, und habe von selbst angefangen, nachzudenken, was er verübt habe.

Indessen verfolgte ihn die Rache geschwinder, als er, der zur Flucht Gelegenheit und Zeit genug hatte, und schon in fremder Herrschaft war, wirklich aber nicht darauf gedacht zu haben scheint, sich es wohl einbildete.

Die ältere Schmidtsche Tochter, deren wir schon gedacht haben, erklärte, sobald sie von der Ermordung ihrer Eltern hörte, den Wachtmeister Simmen laut und öffentlich für den Thäter, behauptete es auch, als sie gerichtlich deswegen vernommen ward, und gründete sich auf die vieljährige Feindseligkeit desselben gegen ihren Vater, auf die letzte Verweigerung des von ihm bei ihrem Vater gesuchten Geldvorschusses, und vornehmlich auf die vielfältigen Drohungen, deren Simmen sich habe verlauten lassen, ihren Vater aus Rache umzubringen.

[103]

Dieses gab denn Anlaß zu weiterer Untersuchung der Sache, und zuförderst zur Inhaftirung des Wachtmeisters, und unversehens wurde er auf öffentlichem Markte, wo er Frucht handelte, eingezogen, wobei sogleich die Veränderung der Farbe und starkes Zittern sein böses Gewissen den Zuschauern merklich verrathen haben soll.

Zugleich wurde aber auch zu einer Haussuchung bei dem Arretirten geschritten. Bei demselben fand sich ein blutiges Oberhemd, an dem die Flecken nur halb ausgewaschen waren, so wie auch Beinkleider, an denen Blutflecken zu bemerken waren; ein Beweis, daß den Mörder damals seine Geistesgegenwart und sein Scharfsinn größtentheils verlassen gehabt, da er nicht bedachte, daß ihn diese Anzeigen noch immer verrathen könnten.

Im ersten Verhör schien es anfangs, er werde sich aufs Läugnen und auf seine Verstellungskunst verlassen. Bewegliche und überführende Vorstellungen wollten lange nichts bei ihm verfangen, bis ihm, mit einem Feuer und ernstlichen Anrede, von seinem, sich hier vortreflich zeigenden, Richter, das blutige Hemd unter die Augen gehalten wurde.

Dieses machte ihn bestürzt, und, nun außer Fassung, gab er gute Worte, ergriff die Hand des Richters, versprach alles zu gestehn, und that es auch wirklich, unterwarf sich der Strafe, und bat nur um Beschleunigung seines Processes.

[104]

Nach dem Geständniß, und während der Erwartung, zu welcher Genugthuung die menschliche Gerechtigkeit ihn verurtheilen werde, blieb er bei einem Betragen, das die Aufmerksamkeit des Menschenforschers auf sich zog.

Er behielt eine gewisse Freimüthigkeit im Anblick und im Reden, und ein freundliches Lächeln in der Mine, das manchen, die es nicht begreifen konnten, Leichtsinn und Frechheit schien.

Er blieb sich insgemein gleich, mochte wohl essen, und hatte einen guten ruhigen Schlaf, so daß von denen, die ihn am genauesten beobachten konnten, einstmals einer sagte, der Wachtmeister müsse ein sehr gutes Gewissen haben! ein Urtheil, das vermutlich paradoxer klingt, als es gemeint war, vielleicht aber auch auf Spuren der Denkungsart des gemeinen Mannes führen möchte, wenn wir ihm nachgehen könnten.

Für Dummheit konnte man dieses ruhige Wesen nicht halten, denn übrigens zeigten seine Reden und Erzählungen noch eben den guten Verstand, der ihm Achtung erworben hatte.

Daß es Verstellung gewesen, um ein heimliches Vorhaben, etwa der Flucht, oder Selbstentleibung, zu verbergen, hat auch im geringsten keine Wahrscheinlichkeit; man hat nie etwas bemerkt, daß auch nur auf eine entfernte Art darzu angelegt hätte scheinen können. Noch weniger konnte er [105]sich wohl mit der Hofnung täuschen, das Leben zu erhalten.

Das einzige, was ihm bei seiner Erzählung weich machen und Thränen ablocken konnte, waren, lange Zeit, nur seine Frau und Kinder, und das oben gedachte vierjährige Schmidtsche Kind; für die ersten bat er viel; soll ihnen auch, was von Personen, so ihn in seinem Arrest besuchten, ihm etwa geschenkt worden, alles geschickt und kaum davon wenige Pfennige, zu einen Maaß Bier oder Trunk Brandtwein, für sich behalten haben; das letzte, das Schmidtsche Kind, nannte er unschuldig, wollte aber, wie man merken konnte, damals noch damit sagen, daß seine Rache an dessen Eltern nicht so ungerecht gewesen sey.

Es brach aber seine Reue nicht in heftige Ausbrüche des innern Schmerzes, in Wehklagen und in Winseln aus, sondern zeigte sich in einer etwas tiefsinnigern Niedergeschlagenheit, in einer stillen Wehmuth, und mit unter durch das Herabfallen einiger Thränen.

Sein Vater, ein zwei und achtzigjähriger Greis, wurde vermocht, den Sohn noch einmal zu besuchen, der von ihm Vergebung alles dessen, worinn er etwa seine kindliche Pflicht aus den Augen gesetzt haben möchte, auch der letzten Kränkung durch sein Verbrechen, wehmüthig suchte, und sie unter guten Ermahnungen und Wünschen vollkommen erhielt, auch dagegen den kummervollen Greis rüh-[106]rend bat, seines Endes wegen sich zu beruhigen: da er versichert sey, daß er Vergebung und Gnade von Gott habe, und ihn bat, seiner Kinder sich noch ferner anzunehmen, daß der Greis auch willigst zusagte, und der Sohn ihm hingegen versprach, daß er auch seinen Kindern, dessen Enkeln, beim Abschied von ihm anbefehlen wolle, ihm in allen gehorsam und beiständig zu seyn.

Der nun beruhigte Alte war so froh, daß er sich Kräfte wünschte, dem besten Fürsten sich zu Füßen zu werfen, und ihm für die seinem Sohne erwiesene unverdiente Gnade danken zu können.

Zween Tage vor seinem Ende nahm der Unglückliche, in Gegenwart seines Beichtvaters, von seiner Frau und Kindern einen Abschied, der nicht zärtlicher und rührender seyn konnte.

Die Worte flossen ihm jetzt nicht, weil sein Herz zu beklemmt war und zu viel litte; seine Frau aber, die zu wiederholtenmalen bezeugte, daß er ihr niemal etwas zu leide gethan habe, konnte sich kaum von ihm losreissen, und sein jüngstes Kind nahm er auf den Schooß, und drückte es so weich an seine Brust, daß alle Anwesende mit ihm weinen mußten.

Von allen nahm er einzeln Abschied, aber seine Minen redeten mehr, als sein Mund.

Er versicherte den Morgen darauf, daß er in diesen Empfindungen zu väterlichen Vermahnungen unvermögend gewesen wäre, durch eine Tochter [107]aber, die unterdessen wieder bei ihm gewesen, es nachzuholen gesucht habe.

Er hat auch an demselben Abend, nachdem er sich wieder gefast hatte, einen Knaben, seinen Pathen, der Abschied zu nehmen kam, beweglich ermahnet, Gott vor Augen zu haben, und sich vor Sünden zu hüten.

Aus Vorsorge für die Seinigen, denen etwa Mildthätigkeit dadurch erweckt werden könnte, verlangte er bei seiner Ausführung von seinem jüngsten Sohne begleitet zu werden, weil er aber selbst empfand, daß ihn der Anblick leichtlich stören, und zu weich machen könnte, stund er davon ab; seinem Begehren aber geschahe doch, auf eine ihm unmerkliche Art, Gnüge.

Auch diejenigen, mit denen er im Streit gewesen war, kamen, von ihm Abschied zu nehmen, und freuten sich nachher innigst, sich mit ihm ausgesöhnt und ihn in der guten Gemüthsfassung gefunden zu haben, bewiesen auch, daß es ihnen anliege, in den Stücken, die sie selbst angingen, den nachtheiligen Vermuthungen und Urtheilen von Simmen zu steuren.

Bei einem solchen Besuch entfuhren ihm ein paar Worte, die ein Vorwurf zu seyn, und einen noch festsitzenden Groll zu entdecken schienen.

Er bat aber selbst den andern Morgen um Verzeihung dieses Ausdrucks, und bezeugte, daß damals noch eben, denn es war gleich nach dem Ab-[108]schied von den Seinigen, sein Herz zu voll von Empfindung, dennoch aber nicht voll Grolls, auch seine Worte nicht so gemeynt gewesen seyen, als sie hätten erklärt werden können.

Bei der ersten Bekanntmachung seines schärferen Urtheils veränderte er sich wenig, bei dessen Bestätigung aber gerieth er etwas mehr in Bewegung, und bat mit einigen Thränen, doch bescheiden und gefast, um die ihm auch verstattete Erlaubniß, um Milderung seiner Todesart nochmals nachzusuchen.

Nach der Rückkunft in seine Haft fiel er, wehmüthiger als sonst, auf seine Knie, und sagte, als ihm zugesprochen ward: Es sey doch ganz etwas anders So zu sterben; ein So, das sein Gefühl von allem entdeckte, was die Ursach und die Art seines Todes beugendes für ihn haben mußte.

Das Schimpfliche der letztern machte ein großes davon aus, und vielleicht war es ihm gewissermaßen schwerer als das Sterben selbst; es kränkte ihn besonders die Schande dabei, die er auf die Seinigen zu laden fürchtete.

Wenn auch in einem Gesang das Sterbebette vorkam, so ward immer seine Bewegung merklich, und bei den Worten: der Leib hab in der Erd seine Ruh, entfuhr ihm die Wehklage: Und der meinige nicht!

Doch auch diesen Schauder hatte er überwunden, als er den traurigsten Anblick in den Augen [109]hatte, und doch noch zu den Zuschauern seines Todes reden konnte.

Bei der Bekanntmachung der ihm angediehenen Milderung, brachen seine Dankbarkeit und Freude in Minen, Worten und Gebehrden auf das lebhafteste aus; er bezeugte, daß er so viel Gnade nicht gehoft hätte, und nun gerne sterben wollte.

Die Bekanntmachung des Todestages selbst, hat er mit dem gesetztesten Wesen und einer Art von Zufriedenheit angenommen, auch dabei nochmal mit Thränen für die gnädige Milderung gedanket.

Während der Zeit, da er nun ein verurtheiltes Opfer der Gerechtigkeit war, blieb seine Bereitung darzu sein ganzes Geschäfte; wie er aber auch in dieser Zeit in härtern Banden gehalten wurde, so behielt er ebenfalls die größte Gelassenheit und Geduld, auch seine lächelnde Mine, und in der Wehmuth selbst eine große Heiterkeit.

Alles zeigte von Schuldgefühl und Demüthigung, aber auch von Vertrauen und Muth.

Er verfehlte nicht, denen die ihm Liebe erwiesen hatten, seine Dankbarkeit und zwar mit merklicher Empfindung der Stärke ihres Wohlmeinens, und der Größe ihrer Verdienste um ihn, zu bezeigen.

Er erfüllte bei seinem langen beschwerlichen Todesgang, was er mit Gotteshülfe von demselben versprochen hatte, ging ihn getrost, aber nicht frech. Er ließ sich weder durch die viele Tausende, [110]deren Augen auf ihn gerichtet waren, noch auf dem Richtplatze durch die erblickten Anstalten zu seinem Tode und zu seiner Schande stören.

Auf dem Richtplatz selbst blieb er sich vollkommen gleich, ungeachtet der Anblick den Zuschauern selbst schauderhaft war, bedankte sich bei seinem ihm aufstoßenden Defensor, und denen, die ihn auf seinem Todesgang mit ihrem Zuspruch begleitet hatten, insgesammt einzeln und mit vieler Rührung, bezeigte, daß er geneigt sei, von den Zuschauern Abschied zu nehmen, nahm ihn auch mit gesetzten Wesen und fester Stimme, zwar kurz, aber so, daß nichts, was zweckmäßig war, vergessen war; Bekenntniß, Abbitte, Vermahnungen, Fürbitte für die Seinigen und Wünsche zu Gott für aller Wohlfarth, war ihr Inhalt.

Er kniete nochmals nieder, bezeugte die Beharrlichkeit seiner Reue und Glaubens, und ließ sich mit heitrer Mine einsegnen, betete inbrünstig, sorgte noch beim Auskleiden für seine Kinder, half dabei denen, unter deren Hand er sterben sollte, ließ sich von ihnen zurecht weisen, und mitten im Gebet floß sein Blut und büßete sein Verbrechen.

Er starb also, zwar den Tod eines Missethäters, und der andern eine Warnung bleiben sollte, aber er starb ihn getrost und muthig.

Sein Tod müsse jeden mit ihm aussöhnen, und sein letztes Wohlverhalten seine Verbrechen bedecken!

[111]

IV.

Sprache in psychologischer Rücksicht.

Moritz, Karl Philipp

(Fortsetzung von p. 126. des 2 ten B. 1 tes St.)

Wollen wir uns nun das völlig Vergangne nicht einzeln und gleichsam abgeschnitten, sondern im Zusammenhange mit etwas darauf folgendem denken, das auch schon vergangen ist, so müssen wir sogar die Mittelbegriffe von seyn und haben in die Vergangenheit zurückschieben, und sagen, ich hatte geliebt, und ich war gegangen.

Auf die Art machen wir die dunkelste Perspecktive in unsrer Seele, indem wir die völlige Vergangenheit selbst noch hinter eine andere Vergangenheit zurückschieben. Die Zukunft können wir uns ebenfalls nicht unmittelbar Denken, sondern müssen sie uns erst mittelbar durch den Begriff des Werdens oder allmäligen Entstehens, vorstellen, indem wir z.B. sagen, ich werde rufen, ich werde gehen.

Das Werden oder Entstehen dieser Handlungen, indem sich meine Gedanken jetzt dazu entschließen, denke ich mir als wirklich und gegenwärtig, die Handlungen selbst aber kann ich mir unmöglich als wirklich denken, daher drücke ich ihnen auch nicht das Gepräge der Wirklichkeit auf, und sage nicht, du wirst rufest, sondern, du wirst rufen, u.s.w.

[112]

Ist aber auch dieß Entstehen der Handlung noch nicht einmal wirklich, so bezeichne ich diese Ungewißheit durch einen halben, schwankenden Ton, und sage anstatt, ich werde rufen, ich würde rufen, u.s.w. ―

Wenn wir nun blos sagen, ich werde rufen, so rufen wir oder handeln wir noch nicht wirklich, sondern so lange die Handlung noch in uns entsteht, verhalten wir uns gleichsam unthätig.

Daher kömmt es nun, daß wir uns durch den Mittelbegriff von werden auch das unthätige Verhältniß denken, worinn wir uns befinden, wenn wir nicht selbst handeln, sondern die Handlung eines andern auf uns übergeht, und daß wir also z.B. sagen, ich werde geliebt, ich werde gerufen.

Daß aber in diesen Falle die übergegangne Handlung durch die Silbe ge bezeichnet wird, erklärt sich sehr natürlich daraus, daß man sich, so wie bei der vergangnen Zeit, die Handlung schon wie vollständig oder gewissermaßen wie vollendet denken kann, sobald sie auf ihren Gegenstand schon wirklich übergegangen ist.

Weil aber das Werden etwas ist, was nicht von mir ausgeht, sondern gleichsam in mir selber bleibt, so kann ich auch nicht sagen, ich habe geworden, sondern, ich bin geworden: allein man sagt demohngeachtet, vielleicht des Wohlklangs wegen, nicht, ich bin geliebt geworden, sondern, ich bin geliebt worden.

[113]

Bei alle den Verbis, die auf die Art etwas anzeigen, daß mehr in uns bleibt, als von uns ausgeht, so daß wir uns mehr leidend als thätig verhalten, wird das völlig Vergangne nicht durch haben sondern durch seyn bezeichnet, daher sagen wir ich bin begegnet, ich bin gefallen, ich bin gestürzt, weil alle diese Verba etwas bezeichnen das von uns unabhängig ist, und wobei wir uns mehr leidend als thätig verhalten.

Demohngeachtet aber sagen wir, es hat mich gefreuet, es hat mir geahndet, u.s.w. weil wir uns bei den unpersönlichen Verbis zwar selbst wie leidend verhalten, aber dasjenige, was auf uns wirkt, sich gewissermaßen thätig gegen uns verhält.

Wir sagen sogar, ich habe gelitten, ich habe geruhet, ich habe geschlafen, obgleich alles dieses eigentlich keine Handlungen sind, die von uns ausgehen, allein wir denken sie uns doch einmal, als von uns abhängig, ob wir leiden, ruhen, oder schlafen wollen oder nicht, kurz, wir denken uns gewissermaßen thätig.

Bei den Verändrungen des Orts aber, als gehen, laufen, kommen, scheinen wir uns am wenigsten thätig zu denken, weil die Bewegung unsern Körper gleichsam fortzieht, und derselbe sich also nur leidend verhält, darum sagen wir, ich bin gegangen, gelaufen, gekommen, u.s.w. [114]deswegen ist auch nur ein kleiner Unterschied dazwischen, wenn wir sagen, ich bin gefahren, und, ich bin gefahren worden.


Pronomina in psychologischer Rücksicht.

Selbst unter denjenigen Wörtern, die etwas für sich bestehendes in der Natur anzeigen, als Baum, Bach, u.s.w. denken wir uns doch keine einzelne für sich bestehende Sache, sondern fassen z.B. unter Baum, alles, was in der Welt Baum heißt, zusammen; wenn wir nicht durch eines von den kleinen Wörtern der, die oder das, ein einzelnes Ding, aus der Menge aller übrigen herausheben, um es uns, nicht nur in unsrer Vorstellung, sondern auch außer uns, als wirklich vorzustellen, indem wir z.B. sagen, der Baum, welcher da steht, das Wasser, welches dort fließt, die Wiese, die hier vor mir liegt.

Durch die kleinen Wörter, der, die oder das, denken wir uns also eine Sache, von der wir reden, aus unsrer Vorstellung heraus, so daß wir sie uns nicht nur in unsern Gedanken, sondern auch außer uns, als wirklich für sich bestehend, vorstellen.

Wollen wir aber von einer Sache bloß als von einer Vorstellung in uns reden, so setzen wir vor das Hauptwort statt der, die oder das, nur das [115]Wörtchen ein; sagen wir also z.B. ich sehe einen Baum, so reden wir von dem Baume nur, in so fern er in unsrer Vorstellung da steht; fahren wir aber fort, der Baum ist grün, so denken wir ihn aus unsrer Vorstellung heraus, indem wir ihm, außer uns, ein wirkliches Daseyn beilegen; sagten wir aber, ein Baum ist grün, so würden wir wiederum nur von einem Baume in unsrer Vorstellung reden.

Durch das Wörtchen ein heben wir also unter allen Bäumen in unsrer Vorstellung, und durch das Wörtchen der unter allen wirklichen Bäumen, einen einzigen heraus, worauf wir unsre Aufmerksamkeit insbesondere heften.

Welch ein Unterschied ist dazwischen, wenn ich sage:

dieser Baum ― du Baum ― dein Wipfel. ― und welcher (nehmlich) Baum.

Durch dieser bestimme ich den Standort des Baums, indem ich gleichsam mit dem Finger auf denselben zeige: durch du lege ich ihm gleichsam eine Persönlichkeit bei, indem ich ihn, als ein vernünftiges Wesen, anrede; durch dein wird die beigelegte Persönlichkeit fortgesetzt oder erhalten, ob man gleich nur von demjenigen redet, was zu dem Baume gehöret, oder was derselbe besitzt; durch welcher, wenn ich z.B. sage, der Baum, welchen ich sehe, ist grün, führe [116]ich die Handlung meines Sehens auf eben den Baum zurück, von welchem ich sage, daß er grün ist, sonst müßte ich mich so ausdrücken, ich sehe einen Baum, und der Baum ist grün; wir ziehen also durch welcher einen Satz gleichsam in den andern hinein.

Man siehet leicht, daß dieser nur eine Erhöhung oder Verstärkung des Artikels der ist, welcher auch oft anstatt desselben gesetzt wird, wo man aber im Reden einen stärkern Ton darauf legt, indem man z.B. auf jemanden zeigt, und sagt, der Mann da! So wie ich nun durch dieser, diese oder dieses das Nähere anzeige, so deute ich durch jener, jene oder jenes das Entferntere an.

Was nun aber das Wort du anbetrift, so wird uns dasselbe auf einige wichtige Bemerkungen in Ansehung der Sprache leiten. Durch du legten wir nehmlich dem Baume eine Persönlichkeit bei, oder wir betrachteten ihn gleichsam, als ob er ein Mensch wäre: eben das würden wir auch durch das Wort ich thun, wenn wir ihn redend einführten; und durch er, wenn wir von ihm, als von einer abwesenden Person sprächen.

Daß aber auch das er den Baum als eine Person bezeichnet, sehen wir daraus, weil man eine abwesende Person, wenn sie männlichen Geschlechts, mit er, und wenn sie weiblichen Geschlechts ist mit sie benennet, indem man z.B. sagt, er kömmt, sie kömmt.

[117]

Indem man also von dem Baume sagt, er ist grün, so redet man von ihm, als von einer Person männlichen Geschlechts, und indem man von der Rose sagt, sie blühet, so redet man von ihr, als von einer Person weiblichen Geschlechts.

So drückt der Mensch auch in dieser Absicht der leblosen Natur sein Gepräge auf.

Alles leblose, was man sich als stark, groß, wirksam, oder auch wohl als schrecklich denkt, wird, wenn man ihm eine Persönlichkeit beilegt, mit dem männlichen Geschlechte verglichen; alles aber, was man sich als sanft, leidend oder angenehm denkt, vergleicht man in dem Falle, daß man ihm Persönlichkeit zuschreibt, mit dem weiblichen Geschlechte, daher kömmt es nun, daß wir z.B. sagen:

der Baum, die Blume,
der Wald, die Wiese,
der Zorn, die Sanftmuth,
der Haß, die Liebe.

Wo denn auch der härtere, männlichere Artikel der in das sanftere die hinüberschmilzt.

So scheinet die Sprache auch alles leblose in der Welt zu paaren; indem sie zu etwas Größern oder Stärkern immer etwas Aehnliches aufzufinden weiß, das nur kleiner oder schwächer, aber schöner und angenehmer ist.

Was man aber in der Natur nicht so wichtig oder nicht schicklich fand, ihm das menschliche Ge-[118]präge aufzudrücken, bezeichnete man, wenn man davon sprach, weder durch er noch durch sie, sondern durch es, und schloß es auf die Art gewissermaßen von der Persönlichkeit aus, indem man es unter die Sachen rechnete.

Ja sogar, wenn man von Menschen mit dem Begriffe von ihrer Kleinheit redet, zählet man sie eine Zeitlang unter die Sachen, als wenn man z.B. sagt, das Kind, das Männchen.

Wir sehen, wie sich hier wiederum der Artikel nach der Vorstellungsart bequemet, und sowohl das männliche r als das weibliche ie, mit dem unbestimmten s vertauscht.

Wenn wir folgende Wörter untereinandersetzen, so werden wir sehen wie die erstern gleichsam den Keim zu den folgenden enthalten:

Mann, Weib, Sache,
der, die, das,
dieser, diese, dieses,
er, sie, es,
welcher, welche, welches.

Durch die ersten drei Wörter der, die, das, denken wir etwas erst aus unsrer Vorstellung heraus; durch die andern denkt man es an einen gewissen Ort hin; durch die folgenden er, sie, es, benennen wir nun dasjenige, was wir uns schon einmal aus unsrer Vorstellung heraus, und an einen Ort hin gedacht haben.

[119]

Wir lassen daher bei er, sie und es das bestimmende d weg, wodurch eigentlich das wirkliche Daseyn außer unsrer Vorstellung angezeigt werden soll, weil dieses schon einmal vorausgesetzt ward; durch die letztern welcher, welche, welches, benennen wir ebenfalls etwas, das wir uns schon außer unsrer Vorstellung als wirklich gedacht haben, mit dem Nebenbegriffe irgend einer Beschaffenheit, welche durch das vorgesetzte welch bezeichnet wird.

So wie das d die Wirklichkeit desjenigen, was wir uns vorstellen, anzeigt, so zeigt das w die Art der Wirklichkeit oder die Beschaffenheit desjenigen an, was wir uns schon als wirklich vorgestellet haben.

Wenn man folgende beide Ausdrücke nebeneinanderstellt:

der Baum, welcher da steht, ist grün; und

der Baum, (er steht da) ist grün,

so wird man den Unterschied zwischen denselben leicht bemerken, und sich zugleich die wahre Natur des Worts welcher daraus erklären können.

In dem ersten Ausdruck, denken wir uns das da stehen des Baumes, den wir durch er bezeichnen, vermittelst der vorgesetzten Silbe welch, als eine Beschaffenheit, in denselben hinein, und verwandeln auf die Weise zwei Sätze in einen: der andre Ausdruck wird immer in zwei Sätze zerfallen, wir mögen es machen, wie wir wollen, weil die Silbe welch darinn fehlt.

[120]

Weil wir uns nun bei unsern Fragen gemeiniglich nach den Beschaffenheiten der Dinge erkundigen, so fangen sie sich auch gemeiniglich mit w an; als wenn wir fragen, wer ist da? so setzen wir durch das er schon das Daseyn einer Person voraus, aber durch das vorgesetzte w drücken wir unser Verlangen aus, etwas von der Beschaffenheit der Person zu erfahren, welche nun wirklich da ist.

Wir können uns also hieraus erklären, warum die Wörter welcher, welche, welches, auch als Fragewörter gebraucht werden, zu denen wir noch die Wörter wer oder was rechnen müssen; wovon das erste von Personen beiderlei Geschlechts; das letztere aber nur von Sachen gebraucht wird.

Er, sie, es, sind also allgemeine Benennungen desjenigen, wovon ich rede; denn alles in der Welt kann ich er, sie oder es nennen. Setze ich nun vor jedes dieser Wörter ein d, als in der, die, das, oder in dieser, diese, dieses, so trage ich den Begriff der Wirklichkeit in meine Vorstellung; setze ich aber ein w davor, als in welcher, welche, welches, und in wer oder was, so trage ich den Begriff einer Beschaffenheit hinein.

Durch die Frage wer? kann man nun die wirkliche Persönlichkeit von der figürlich beigelegten sehr gut unterscheiden: denn ob ich gleich dem Baume eine Art von Persönlichkeit beilege, indem ich er, (der Baum,) dieser Baum, und welcher Baum, sage, so kann ich doch nicht fragen, wer [121] steht da? sondern ich muß fragen, was steht da? Wenn ich von etwas in der mehrern Zahl rede, so verliert sich der Unterschied zwischen Mann, Weib und Sache, in dem Begriffe von der Mehrheit, und wird nicht besonders mehr bezeichnet. Wir wollen nun noch nebeneinander stellen:

ich du er ihr
mein dein sein euer
mich dich sich euch.

Wir wissen nun, in wie ferne mein, dein, sein und euer von ich, du, er und ihr unterschieden sind: diese letztern nehmlich zeigen bloß die Person an und für sich selber an; vermittelst der erstern aber halten wir den Begriff von der Person fest, und richten doch zugleich unsre Aufmerksamkeit auf dasjenige, was der Person auf irgend eine Weise zu kömmt, ohne selbst diese Person zu sein: wir können dadurch den Begriff von der Person unendlich erweitern, und alles gleichsam mit in den Kreis ihres Daseyns hineinziehen.

So kann ich durch das m, vor den unbestimmten Artikel ein gesetzt, alles was ich will, obgleich nur in meiner Vorstellung, in den Kreis meines Daseyns hineinziehen, indem ich z.B. sage, mein Haus, mein Garten, u.s.w. schließe ich nun aber alles andre aus, und sage bloß mein Ich, so bekomme ich dadurch den deutlichsten Begriff von mir selber, indem ich mich nun, als etwas, das außer mir ist, betrachte, oder mich gleichsam aus [122]meiner eignen Vorstellung herausdenke; mein ich aber wird in mich zusammengezogen.

Auf diese Weise gelangen wir erst durch den Mittelbegriff von mein zu dem Begriffe von mich, welcher uns nun im Denken sehr zu statten kömmt, so daß wir über uns selbst Betrachtungen anstellen können, indem wir uns gleichsam von uns selber absondern. Wenn wir also z.B. sagen, ich kenne mich, du kennest dich, er kennet sich, ihr kennet euch, so ist das eben so viel, als wenn wir sagten: ich kenne mein ich, du kennest dein ich, er kennet sein ich, ihr kennet euer ich.

Wir tragen den Begriff von ich selbst auf dasjenige, was außer uns ist, hinüber, wenn wir uns die völlige Persönlichkeit desselben denken wollen, indem wir z.B. sagen: ich sehe dich, welches so viel heißt, als: ich sehe ein Ich, oder ein Wesen, das Selbstbewußtseyn und Persönlichkeit hat, aber es ist nicht mein Ich, sondern das Ich dessen, den ich anrede.

So wie wir nun Wörter haben, die Person auf das allerbestimmteste zu bezeichnen, so haben wir wieder andre, wodurch die Person, von der man redet, auf das allerschwankendste bezeichnet wird.

So sagen wir, da ist jemand, ohne einen Unterschied zwischen Mann und Weib zu machen: ferner, man glaubt ohne auf die Anzahl oder das Geschlecht der Person zu sehn, die da glauben; und [123]es donnert, ohne zu bestimmen, ob es eine Person oder Sache ist, die das Donnern hervorbringt. In folgender Tabelle sieht man die Wörter, von denen wir jetzt geredet haben, nebeneinander.

Ich, Du, Er, Sie, Es,
mein dein sein
mich dich sich (ihn) ihr
mir dir sich (ihm) sich
wir ihr sie
unser euer ihr
uns euch ihnen
der die das
dieser diese dieses
welcher welche welches
wer? was?
jemand
man
es.
[124]

Zur Seelenzeichenkunde.

Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

Seidel, Johann Friedrich

Der kleine **, ein Knabe, oder vielmehr ein Kind von etwa acht Jahren hat ungemein viel Drolligtes und Unschuldiges an sich. In seiner Mine herrscht außerdem noch etwas Ernsthaftes, welches sich immer mehr und mehr zu entwickeln scheint, und mehr Fähigkeiten und Nachdenken verspricht, als ich anfangs, vor einem halben Jahre, vermuthete. Er hat außerordentlich viel Ehrbegierde. Ueber einen seiner Mitschüler zu kommen, das macht ihn ungemein vergnügt, und sein freudiges Lächeln hat dann etwas Anziehendes, etwas Gefälliges an sich.

Will ihm einer seiner Mitschüler den folgenden Tag seinen Platz streitig machen: so bezeigt er seinen Eifer dagegen durch große Gesprächigkeit, wodurch er seine Sache ins Licht setzen will. Wird man überzeugt: so lächelt er, so freut er sich; will man aber nicht überzeugt werden, so verdoppelt sich sein Ernst; er arbeitet dann mit beiden Händen um sich her, faßt sich in die Haare, gleichsam als ob er sagen wollte: was soll ich nun wohl anfangen?

[125]

Sehr oft giebt es dergleichen Streitigkeiten mit ihm, und ich habe noch nicht gefunden, daß er Unrecht gehabt hätte. Auch kömmt er dann zu mir, und frägt: ob er nicht den und den Platz habe, und voll Zutrauen, daß ich ihm beistehn werde, setzt er hinzu: daß man ihn da nicht wolle sitzen lassen, und er sey doch bei der und der Gelegenheit heraufgekommen.

Einmal bat er einen andern Lehrer, wenn er wieder etwas fragen würde, ihm doch die rechte Antwort darauf vorher zu sagen, damit er heraufkommen möchte. Und das dünkte ihn sehr etwas Wichtiges und Ernsthaftes zu seyn.

Als ich einmal eine kleine Geschichte erzählt hatte, wie ein Reicher von seinem Gelde dem Armen geben und ihm dadurch seine Noth erleichtern könnte, und ich ihn nun fragte: was ein Reicher mit seinem Gelde thun könnte: so bekam ich zweimal hintereinander die Antwort: er kann sich Frühstück, Brod und Kleider, und endlich Rosinen kaufen; und gleichwohl verrieth er bei einer andern Gelegenheit wirklich mehr Mitleid und Gutmüthigkeit.

Ich las eine andre kleine Geschichte: wie eine Schwester, die von ihrem Bruder war geschlagen worden, ihn doch nicht wieder schlagen wollte, als der reuige Bruder es ihr erlaubte und verdient zu haben vorgab. Ich fragte: wer es wohl wie dieses kleine Mädchen machen würde. »Ich!« fing er an, und außer ihm noch ein Kleiner von seinem [126]Alter, dem ich es ebenfalls zutrauen würde. Allein ich glaubte doch: er hätte mich nicht recht verstanden, und fragte noch einmal: da wiederholte er dann die ganze Geschichte recht deutlich, und behauptete: er würde sich lieber noch einmal schlagen lassen, als daß er seinen kleinen Bruder schlagen würde.

Auf der Straße hält er sich, wenn er irgend kann, zu mir, und sagt mir dann mit großer Zutraulichkeit: daß er zu Hause recht fleißig wäre.

Ich werde meine Beobachtungen über ihn fortsetzen; denn im Ganzen ist freilich Anlage da; aber sie ist noch zu wenig entwickelt und zu wenig sichtbar, als daß man mit einiger Sicherheit mehr schließen könnte, als: er kann ein geschickter, gutmüthiger Mensch werden.


** von zwölf bis dreizehn Jahren hat für sein Alter so viel Sonderbares, daß er sich vor vielen dadurch auszeichnet. In seinen Minen herrscht eine gewisse Einfalt, die aber schon vermuthen läßt, daß sie nicht das herrschende seines jetzigen Karakters allein ausmacht. Und so ist es auch.

Seine Einfalt ist mit dem auffallendsten Eigensinn und Eigendünkel verknüpft. Er ist dabei immer geschäftig, immer unruhig. Es fehlt ihm durchaus alles Gefällige, wodurch er sich bei seinen Mitschülern beliebt machen könnte. Entweder sitzt er vor sich, und beschäftigt sich, so viel es an-[127]geht, mit Nebendingen, schreibt oder zeichnet, oder lieset, wenn er nichts davon thun soll; oder er sieht auf Andre, und bemerkt, was sie thun.

Es darf ihn nur einer berühren: so macht er ein so großes Aufsehn davon, als ob man ihm, wer weiß was zu Leide gethan hätte; und er weiß es so wichtig und so wahrscheinlich zu machen, daß man ihn kennen muß, um gewöhnlicher Weise seinen Klagen keinen Glauben beizumessen. Er ist dabei so redselig, daß man ihn oft mit Mühe nur zum Stillschweigen bringen kann.

Eben so heftig entschuldigt er alle Fehler, die man von ihm vorbringt. »Ich habe nichts gethan ― es ist der gewesen ― der läßt mich nicht zufrieden!« Das sind ihm so gewöhnliche Ausdrücke, daß sie immer abwechselnd wohl zehnmal hintereinander von ihm gebraucht werden. Dabei ist sein Blick trübe, schüchtern, und verräth viel Tücke, die er denn auch, sobald er Gelegenheit oder mehr Freiheit hat, dadurch ausübt, daß er um sich schlägt, schimpft, und die gemeinsten Reden ausstößt. Er ist unordentlich in hohem Grade. Bald weiß er nicht, wo er sein Buch, bald nicht, wo er etwas von seinen Sachen gelassen hat. Und dann ist sein Suchen mit so großer Heftigkeit und Unruhe verbunden, daß man ihn wirklich nicht gleichgültig beobachten kann.

Er läuft gradezu, es mag ihm begegnen wer da will, sieht sich zuweilen wild um, arbeitet mit [128]seinen Händen, redet dabei mit der größten Aengstlichkeit, und nennt die Sachen, die er sucht, auch wenn keiner um ihn ist, dem ers etwa sagen könnte.

So läuft er auf und ab, und wohl zehnmal an denselben Ort, wo er schon gesucht hat. Sein Blick, wenn ers gefunden, ist derselbe, ob er gleich nun die größte Freude anzeigen soll. Denn nun läuft er eben so hurtig und für Freude taumelnd hin und her, und sagt es laut, daß er das Verlohrne wieder gefunden habe.

Seine Fähigkeiten sind unbedeutend und er wird es niemals weit in einer Sache bringen.

Aber ein unglückliches, sich selbst lästiges Geschöpf scheint er zu werden, wenn nicht eine große Verwandlung mit ihm geschieht, wozu in der That fast keine Hofnung ist.

Seine Unruhe wird ihn in Streitigkeiten mit seinen Mitmenschen verwickeln; seine Zanksucht wird ihm Feinde verursachen, und in seinem Herzen wird er kein Mittel finden, sich irgend eine von den menschlichen Wiederwärtigkeiten zu versüßen.

Seidel.

[129]

Zur Seelenheilkunde.

<Arbeit im Zuchthaus> a

Anonym

Die Generalstaaten lassen keine Verbrecher transportiren. Die Männer werden zum Arbeiten in die Raspelhäuser, b die Weiber aber in die Spinnhäuser geschickt; nach diesem allgemein anerkannten Grundsatze: Macht sie nur arbeitsam, und sie werden gut und rechtschaffen seyn.

Das Raspeln des Campecheholzes, welches vormals die Hauptarbeit der Delinquenten männlichen Geschlechts war, geschiehet jetzt an vielen Orten weit wohlfeiler auf Mühlen. Und da die Holländer Wollenmanufakturen einträglicher fanden, so haben sie seit den letztern zwölf Jahren mehrere dergleichen in ihren Zuchthäusern angelegt. In einigen unterhält die Arbeit nicht nur die Gefangnen, sondern sie haben sogar noch einige Nebenstunden, in denen sie sich etwas zu einem bequemern Leben im Gefängniß, oder zu ihrem künftigen Vortheil, verdienen können.

Für ihren Unterricht in der Tugend und Religion, und für die Verbesserung ihrer Sitten, zu ihrem eignen und des Staats Besten, wird die äusserste Sorge getragen. Der Caplan, (und ein solcher ist bei jedem Zuchthause,) versieht nicht nur den öffentlichen Gottesdienst, sondern giebt den [130]Gefangnen auch Privatunterricht, katechesirt wöchentlich u.s.w. und ich weiß zuverläßig, daß viele als mäßige und rechtschafne Leute das Zuchthauß verlassen. Einige zogen sogar ihre bisherige Wohnung der Freiheit vor, blieben und arbeiteten in demselben auch noch nach ihrer Loslassung.

Die Delinquenten werden, nach Verschiedenheit ihrer Verbrechen, auf sieben, zehn, funfzehn, zwanzig und mehrere Jahre in diese Zuchthäuser verurtheilt, um aber Verzweiflung zu verhüten, selten auf Zeitlebens.

Als eine Aufmunterung zur ordentlichen Aufführung und zum Fleiß, werden die, so sich in diesen beiden Stücken vorzüglich auszeichnen, noch vor dem Ablauf ihrer Zeit losgelassen.

Ein Gefangner, der eine verabredete Entwischung anzeigt, wird in diesem Stück sehr begünstigt. Seine Zeit wird sehr beträchtlich abgekürzt.

Einem Engländer, von Profeßion ein Schuster, welcher mehrere Jahre hindurch im Raspelhause zu Amsterdam als Gefangner gesessen hatte, soll erlaubt worden sein, sein eigenes Handwerk im Zuchthause zu treiben. Dadurch, daß er beständig geschäftig und in Arbeit erhalten wurde, soll er endlich ganz von denjenigen Lastern zurückgekommen und geheilet seyn, die ihn vorher ins Gefängniß gebracht hatten.

[131]

Er soll bei seiner Entlassung einen so beträchtlichen Ueberschuß seines Verdienstes ausbezahlt empfangen haben, daß er dadurch in den Stand gesetzt wurde, sich nachher in London niederzulassen, woselbst er sehr gut gelebt, und gewöhnlich bei Tische »auf die Gesundheit seines würdigen Zuchtmeisters im Raspelhause« getrunken haben soll.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Howard 1780, S. 247-248. Originalausgabe: Howard 1777.

b: Zuchthäuser mit Arbeitszwang.


Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Sonderbare Aeußerungen des Wahnwitzes, in einem Briefe aus Rußland an Herrn Buchhändler W** in Berlin. 1.
2. Sonderbare Würkung einer überspannten Einbildungskraft, aus einem Briefe des Herrn C. F. S** Prediger zu Kunzendorf bei Polkwitz. 14.
3. Eine fürchterliche Art von Ahndungsvermögen, aus einem Briefe von Herrn Liphardt aus Stettin. 16.
Zur Seelennaturkunde.
1. Ueber den Mangel unsrer Jugenderinnerungen vom Herrn C. F. Pockels, Prinzenlehrer in Braunschweig. 18.
2. Fortsetzung aus Anton Reisers Lebensgeschichte, v. d. H. 22.
[132]
3. Zum 1sten B. 2tes St. No. 8. S. 100. des Magazins. Willensfreiheit. 36.
4. Einwirkung sinnlicher Gegenstände auf die Gedanken vom Herrn J. G. Bötticher, Lehrer beim Grafen von Lehndorf zu Steinort bei Rastenburg in Preussen. 38.
5. Merkwürdiges Bekenntniß eines eines Tauben und Stummen von seiner verübten Mordthat. 40.
6. Gutachten über das vorhergehende Bekenntniß vom Herrn Oberkonsistorialrath Silberschlag. 50.
7. Auszug aus einem Briefe des Herrn Direktor Heinicke an den Abbé l'Epee. 66.
8. Auszug aus der Antwort des Herrn Abbé l'Epee auf den Brief des Herrn Direktor Heinicke. 66.
Nachtrag zur Seelenkrankheitskunde.
1. Beobachtungen über Herrn Ch. während einer sonderbaren Krankheit, von Herrn Hofrath und Professor Feder, zu Göttingen. 83.
2. Beobachtungen über Ahndungsvermögen, von Herrn Zimmermann, Königl. Cammer Calculator zu Breslau. 99.
3. Beschluß von Simmens Geschichte. 101.
Sprache in psychologischer Rücksicht. 111.
Zur Seelenzeichenkunde.
Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere von Herrn Seidel, Lehrer am grauen Kloster in Berlin. 124.
Zur Seelenheilkunde. 129.