ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 3 (1783)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz.

Ersten Bandes drittes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1783.

[<III>]

Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Zur Seelenkrankheitskunde.
I. Etwas aus Roberts G... s Lebensgeschichte oder die Folgen einer unzweckmäßigen öffentlichen Schulerziehung, vom Herrn Jakob, Lehrer am Gymnasium in Halle. 1.
II. Auszug aus einem Briefe, vom Herrn Hofgerichts-Sekretair Wörk in Insterburg. 27.
III. Geschichte eines Selbstmords aus Verlangen seelig zu werden, vom Herrn D. Hofrath und Stadtphysikus J. D. Metzger in Königsberg. 28.
IV. IV. Eigener Aufsatz von einem Selbstmörder unmittelbar vor der That. 32.
V. Einige Reflexionen über den vorhergehenden Aufsatz, vom Herrn Regierungs- und Hofgerichtsrath C. G. G. Glave zu Insterburg. 40.
Zur Seelennaturkunde.
I. Psychologische Betrachtungen auf Veranlassung einer von dem Herrn Oberkonsistorialrath Spalding an sich selbst gemachten Erfahrung, vom Herrn Moses Mendelssohn. 46.
[<IV>]
Seite
II. Fortgesetzte Beobachtungen über einen Taub- und Stummgebohrnen, v. d. H. 76.
III. Geschichte eines taub- und stummgebohrnen Frauenzimmers, vom Herrn Pastor Paulmann in Braunschweig, nebst einer Nachricht von der Lehrart dieser Person von dem Herrn Schullehrer Schweinhagen . 82.
Zur Seelenheilkunde.
I. Etwas aus der Geschichte eines Hypochondristen. 102.
II. Ueber Anstrengung des Geistes. Bemerkungen von eben diesem ehemaligen Hypochondristen. 105.
Zur Seelenzeichenkunde.
Beitrag zur Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere, vom Herrn Müller, Hofmeister in Halle. 108.
Sprache in psychologischer Rücksicht. v. d. H. 122.
[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Ersten Bandes drittes Stück.

Zur Seelenkrankheitskunde.

I.

Etwas aus Robert G... s*) 1 Lebensgeschichte oder die Folgen einer unzweckmäßigen öffentlichen Schulerziehung.

Jakob, Ludwig Heinrich

Beinahe, lieber Moritz, gereut mich das Versprechen, das ich gethan habe, Ihnen einzelne Züge aus dem Charakter eines sonderbaren [2]Mannes mitzutheilen. Ich fühle jetzt, daß ich diesen Charakter lange nicht so studiert habe, um die Erscheinungen, die ich zu bemerken Gelegenheit hatte, aus psychologischen Gründen erklären zu können, oder auch nur dem Erklärer gehörige Data zu liefern. Inzwischen hab ich Ihnen einmal mein Wort gegeben, und ich glaube wenigstens ein Beispiel mehr zu der Wahrheit herzugeben, die zwar schon lange dafür erkannt, aber doch nie lebhaft genug kann vorgestellt werden; ich meine, daß die Handlungen unsres ganzen Lebens sich nach den Grundsätzen richten, die sich in unsrer ersten Jugend bei uns festgesetzt haben, und daß es große Mühe kostet, einige irrige, aber beinah unmöglich ist, sie alle auszurotten.

Der Mann, von dem ich reden will, hieß Robert G... und war in einem Städtchen bei Stettin geboren. Seinen Vater behielt er nur bis in sein achtes Jahr, aber, ob ihm gleich seine Gestalt und Gesicht ganz entfallen war, so hat er mir doch in seinem zweiunddreißigsten Jahre noch kleine Auftritte erzählt, deren er sich recht lebhaft erinnerte. So wußte er auch noch viele Reden seines Vaters, von welchen er gestand, daß die lebhafte Erinnerung an sie, ihn oft mitten im Sturm unedler Leidenschaften aufgehalten habe. Bis in sein zwölftes Jahr genoß er Privatunterricht in dem Hause seiner Mutter, wo er auf das Gymnasium nach Stettin gebracht wurde. Die Schüler leben hier [3]von ihren Lehrern ziemlich entfernt, und sind allein während der Lehrstunden unter ihrer Aufsicht. Die innre Bildung ihres Charakters wird ihnen also, so wie beinah in allen öffentlichen Schulen, ganz allein selbst überlassen; ― die gelehrten Namen, Dogmatik, Logik, Metaphysik, Jus Naturæ u.s.w. blasen sie auf, und sie sind stolz, daß sie Vorlesungen hören, die sie nicht verstehen. Sie bilden sich ein, Studenten zu seyn, und ahmen wenigstens ihre Thorheiten nach. Die irrigen Begriffe von akademischer Freiheit und Unabhängigkeit drücken sich ihnen schon hier tief ein, daß sie sie oft in spätern Jahren noch nicht los werden können. Robert G... war ein starker muthiger Junge, dergleichen Pommern noch viele hervorbringt. Man weiß, welcher Geist eine Gesellschaft rascher Jünglinge beherrscht, und wie leicht sie sich untereinander zu Irrthümern und Ausschweifungen verleiten, wenn sie keinen Führer haben. Unerschrockenheit, Vertrauen auf Leibesstärke, Gefühl von der innern Ueberlegenheit seiner Kräfte galt bei ihnen alles, und wenn man diesen rohen Heldentugenden Schranken setzen wollte, so geschah dies gewöhnlich nicht mit der gehörigen Behutsamkeit und viel zu spät. Die Gesetze schienen ihnen für Sklaven und Feige gemacht zu seyn; sie aber wollten ihre Handlungen blos durch eigne Wahl und Ueberzeugung bestimmen. Solche Grundsätze schienen dem Robert G... so angenehm, und seiner ganzen Denkungsart so an-[4]gemessen, daß er mit allen Kräften darnach strebte, sich die Vorzüge seiner angesehnsten Mitschüler zu erwerben. Seine hitzige Gemüthsart, seine natürliche Stärke und sein entschloßner Muth waren ihm hierzu auch sehr behülflich, und er hatte bald den Ruhm unter seinen Mitschülern, daß er sich nicht ungestraft beleidigen lasse, und sich aus Händeln als ein braver Kerl zu retten wisse. So leicht eine solche Gesinnung zu einer Art von wilder Ausschweifung verführt, zumal bei einem Haufen roher Jünglinge, die oft zusammen leben, so verführte sie doch hierzu unsern Robert G.. nicht. Er besuchte seine Lehrstunden ordentlich und hatte das Zeugniß seiner Lehrer, daß er fleißig wäre. Jedoch wurde er zur Unabhängigkeit so gewöhnt, daß es ihm immer noch schwer wird, sich dem Willen eines andern, ohne Gründe vor sich zu sehen, zu unterwerfen. Nach fünf Jahren starb seine Tante, bei welcher er lebte, und seine Mutter beschloß, ihren Sohn nach Halle zu schicken, weil sie die Kosten an dieser Schule auf längere Zeit glaubte bestreiten zu können. Es ward ihm also der Entschluß gesagt, daß er nach Halle aufs Waisenhaus sollte. Er erschrack über diese Nachricht; denn die Schilderung, die er von dieser Anstalt hatte machen hören, hatte einen Widerwillen bei ihm zurückgelassen, der sich besonders auf die Eingeschränktheit der dasigen jungen Leute gründete. Inzwischen brachte ihn doch die Vorstellung seines Vetters, des Herrn Pastor [5]L..., der ihm alle Vortheile dieser Anstalt, die sie wirklich hat, sehr reizend vorzumahlen wußte, und die Thränen seiner Mutter, die dies Haus wegen dem Rufe der Frömmigkeit vor allen schätzte und sich die gewisse Hofnung machte, er würde hier sein hitziges stürmisches Temperament ablegen, und als ein stiller und geduldiger Waisenhäuser in ihre Arme zurückkehren; dieses brachte ihn so weit, daß er sich entschloß, sich alles gefallen zu lassen, was sie über ihn beschließen würden. Die Briefe, die in diesen Angelegenheiten mußten nach Halle geschrieben werden, verzögerten seine Abreise vier Wochen, und diese rühmte er immer als die schönsten seines Lebens. Der Tod seiner Tante hatte ihn in ein ernsthaftes Nachdenken versenkt und er hatte sich schon bei seinem letztern Auffenthalt in Stettin während ihrer Krankheit von allen seinen Mitschülern zurückgezogen, ihre Gesinnungen schienen ihm zu leichtsinnig und zu jugendlich, denn wirklich machten diese häußlichen Vorfälle, welche er sich sehr zu Herzen nahm, daß sein Verstand einige Jahre früher männlich wurde. Hierzu trug auch ein Lehrer vieles bei, der zuletzt durch seine Verheirathung mit ihm verwandt wurde, und der ihn ausserordentlich liebgewann, so, daß er ihm alle Rechte der zärtlichsten Freundschaft genießen ließ. Dieser Mann wäre vielleicht der einzige gewesen, der seine Heftigkeit hätte kuriren können, wenn er lange mit ihm umgegangen wäre. Er sprach oft mit ihm [6]über die Schädlichkeit der allzuheftigen Leidenschaften, wußte seine Aufmerksamkeit durch eine Menge trauriger Beispiele so zu reizen, daß er nichts lieber hörte, und sie mit dem größten Ernst auf sich anwendete. Der liebenswürdige sanfte Charakter seines Lehrers bezauberte ihn so, daß er es für die größte Glückseeligkeit hielt, ihm ähnlich zu werden. Auch hatte sich dieser Mann eine solche Gewalt über ihn erworben, daß er durch einen einzigen sanften mitleidigen Blick mehr ausrichten konnte, als alle Bannstrahlen und Gefängnisse. So besuchten sie zusammen ein Koncert, wo Robert mit Violin spielte. Er that einen falschen Grif, der Koncertmeister, der, wie viele Musiker, eigensinnig war, wurde hierüber verdrüßlich und rief ganz laut: »O, wenn Sie nicht wollen Achtung geben, so spielen Sie lieber nicht mit!« Robert wurde über diese Worte so wüthend, daß er in dem Augenblick die Violine mit der größten Gewalt zur Erde warf und sie in tausend Stücken zertrat. Die Musik hörte auf, und er stürzte wie ein Löwe auf den Musikdirektor zu, um ihn zu mißhandeln. Der Professor T. (es dauert mich, daß ich diesen würdigen Mann wegen der vielen Lokalumstände, die dadurch verrathen würden, nicht nennen darf) faßte ihn auf dem Wege bei der Hand, und sagte mit einem traurigen Tone: Robert! ― Wie kaltes Wasser auf ein glühendes Eisen; so diese Worte. Er fing an zu zittern und sank sprachlos ne-[7]ben dem Professor T. auf einen Stuhl. Professor T. überredete den Musikdirektor fortzufahren und endigte diesen Aufstand auf die glücklichste Weise. Alle diese Vorbereitungen machten, daß ihm der Gedanke an das Hallische Waisenhauß, wobei er sich sonst Sklaverei gedacht hatte, erträglich, ja sogar angenehm wurde. Er freuete sich, daß er aus den Verbindungen herauskäme, die ihn zuweilen noch genöthigt hatten, nach dem alten Begrif von Ehre zu handeln, und nahm sich vor, die renomistische Denkungsart, so wie er schon in Stettin gethan hatte, auch in Halle, wenn er sie finden sollte, zu verachten, sich blos einige Freunde zu erwählen, und wenn er auch diese nicht antreffen sollte, sich durch einen starken Briefwechsel mit dem Professor T. schadlos zu halten. Auf diese Art, glaubte er, würden die strengsten Gesetze seine Freiheit nicht einschränken können, weil er sich freiwillig bemühen wollte, nichts zu thun, was wider Wohlstand und Sittsamkeit wäre, und nur gegen Ausschweifende, glaubte er, könnten diese Gesetze gerichtet sein. Unter diesen beruhigenden Gedanken kam die Stunde heran, die ihn dem Genuße der Familienfreuden, die für ihn eben so süß und reizend als neu waren, entriß. Die ganze kleine Stadt hatte ihn lieb gewonnen, und die Trennung kostete ihm viel Thränen, besonders schwebte der Gedanke sehr lange vor seiner Seele, daß er diese Stadt nie wieder sehen würde. Seine Seele hatte also die [8]vortreflichste Stimmung als er in Halle ankam. Sich das Wohlgefallen seiner Mutter, die Zufriedenheit des Professor T., die Liebe seiner Lehrer und die Achtung seiner Mitschüler zu erwerben, wollte er alle seine Kräfte anwenden. Ein Brief von seinem Verwandten dem Herrn Pastor L. sollte ihn bei dem Direktor des Waisenhauses dem Doktor Knapp einführen. Die väterliche Behandlung dieses würdigen Mannes gefiel ihm ausserordentlich, und er schenkte ihm in dem ersten Augenblicke sein ganzes Zutrauen. Ein Auszug aus seinem Briefe an den Professor T. mag seine Ankunft auf dem Waisenhause beschreiben:

»Vierzehn Tage leb' ich nun in Halle, doch nein, in Halle nicht, sondern auf dem Waisenhause! ― O ich habe schon vier Briefe an Sie angefangen, liebster Herr Professor, und alle hab ich sie zerrissen. Es war Lug und Trug ― ich wollte recht vergnügt, ich wollte zufrieden schreiben, aber ich kann nicht, ich kann mich nicht verstellen, und vor wem soll ich mein gepreßtes und gedrücktes Herz sonst ausschütten, wenn ich es nicht vor Ihnen thun darf? ― O wie sind meine Vorstellungen getäuscht ― dies Hauß scheint für Diebe und Mörder bestimmt zu seyn.*) 2 ― Doch hören [9]Sie erst die ganze Geschichte dieser vierzehn Tage, und dann versagen Sie mir Ihren Trost und Ihren Rath nicht, denn ich weiß bald nicht mehr, was ich anfangen soll. Eine Viertelstunde bei Ihnen würde mir mehr helfen, als alle die Predigten und Gebete, die ich hier mit anhören muß.

***

Den Dienstag früh meldete ich mich bei dem Herrn Direktor, dessen Aufnahme meiner ganzen Erwartung entsprach. Ich faßte gleich ein solches Zutrauen zu ihm, als wenn er mein Vater wäre, und er sprach lange und sehr gütig mit mir. Hierauf ließ er mich durch einen Waisenknaben zu dem Inspektor S. bringen; wir mußten lange vor der Thür warten; endlich trat ein weinender Knabe heraus, und uns wurde die Thür geöfnet. Er stand an einem grünen Schreibepult und fragte den Waisenknaben, ohne daß er uns ansah: Was bringt ihr? ― »Einen Novitius vom Herrn Direktor.« Gut! wie heißt ihr? fragte er mich, und schien mich durch das eine Brillenglas anzusehen. Ich sagte ihm Namen, Vaterstadt u.d.gl. ― Er gab mir hierauf einen Zettel, der mir die Stube [10]anwieß, auf der ich wohnen sollte, und ließ mich zu dem Inspektor bringen, der mich examiniren sollte*) 3

***

Ich wußte also nun, daß ich in Kleintertia sitzen würde. Auf meiner Stube wohnen neun, Grosse und Kleine. Ich bin einer der Größten. Der Stubenpräceptor ist ein langer Mann, der sich aber wenig um uns zu bekümmern scheint. Den Tag, als ich ankam, war er just verreißt. Die Schüler machten einen Kreis um mich, und thaten eine Menge neugieriger Fragen, die ich auch, so gut ich konnte und wollte, beantwortete. Endlich verliessen uns die andern und wir blieben ihrer neun allein. Der Senior (das ist einer, der unter denen Schülern, die auf einer Stube wohnen, in der obersten Klasse sitzt) hohlte eine Pfeife unter dem Tische hervor, und fragte mich, ob ich Lust hätte eins mitzumachen? O ja, sagte ich, und hohlte meine Pfeiffe aus meinem Koffer. Wir rauchten also zusammen, und die andern lächelten. Nicht lange darauf kam ein Geistlicher herein, und es entstand ein allgemeines Gelächter. Ich glaubte, man wollte diesen Mann verspotten; dies dauerte mich; ich [11]ging ihm also entgegen und wollte ihn eben invitiren, näher zu kommen und sich niederzulassen und zu fragen, wen er hier suchte. Als ich aber die andern ansah, bemerkte ich, daß sie alle in einer demüthigen Stellung standen, und daß der Große die Pfeiffe versteckt hatte. Dies brachte mich auf die Gedanken, daß dies einer unsrer Vorgesetzten sei, und es war wirklich ein Inspektor, der alle Tage einigemal die Stuben visitirt. Ich blieb also vor ihm stehen, und hielt meine Pfeiffe in der Hand. »Ihr böses Kind, sagte er zu mir in einem steifen Ton, und hob den Finger in die Höhe, fangt Ihr mit solchen lüderlichen Streichen Eure Lebensart hier an?« ― Ich ward über und über roth und merkte, daß mich dieser große Mensch hatte anführen wollen. Mein Blut kochte, und ich wußte nicht, wen ich zuerst anreden sollte. »Ich weiß zwar nicht, fing ich endlich an, worinn ich gesündigt habe, aber ich vermuthe, das Tabacksrauchen ist hier verboten. Ist das, sagte ich zu dem Großen; so ist es ein sehr niedriger Streich von Ihnen, mich auf diese Weise anführen zu wollen. Dieser Mensch, sagte ich zu dem Inspektor, hat mich dazu eingeladen!« ― Ei, fiel er ein, müßt Ihr denn solche Bosheiten mitmachen? ― Nehmt Euch in Acht. Gebt mir Eure Pfeife! »Diese Pfeife, sagte ich, ist mein!« ― Was? Ihr wollt Euch wiedersetzen? Er faßte meine Pfeife; Ich glühte vor innrer Wuth, und wollte eben mein Eigenthum mit der [12]Stärke der Faust vertheidigen, als das Bild meiner Mutter, das auf diesem porcellainenen Pfeifenkopf ist, mir auffiel, und ― stellen Sie sich vor, was ich that? ich ließ sie ihm. ― An dieser Pfeife, sagte ich mit einem angenommenen kalten Tone, liegt mir so viel nicht, aber ich versichre Sie, daß, wenn ich einmal weiß, daß es wider die hiesigen Gesetze läuft, auf der Stube Taback zu rauchen, ich dies recht gut werde vermeiden können, wenn ich auch im Besitz dieser Pfeife bleibe. Ei, Ihr lüderlicher Mensch, sagte der Inspektor zu mir, Ihr sollt gar keinen rauchen, und schlug mich mit dem Pfeifenkopfe auf die Nase. Mein Herr! sagte ich hitzig ― Aber ich besann mich auch hier. Und Ihr, sagte er zu dem Senior, kommt einmal mit auf meine Stube, ich will Euch Euren Lohn geben. Dieser ging trotzig hinter ihm drein. Gütiger Gott! welche Behandlung! ― Ich lief in die Kammer, steckte meinen Kopf in das Bett, und zerriß vor Aerger mit meinen Zähnen die Leinwand; endlich stürzten grosse Thränentropfen aus meinen Augen, und ich hatte alle Mühe, mich in eine solche Verfassung zu setzen, daß meine Nebenschüler die entsetzliche Zerrüttung nicht merkten, die dieser Vorfall bei mir verursacht hatte.*) 4

[13]

***

Nach solchen Gedanken glaubte ich gefaßt genug zu sein, wieder zum Vorscheine zu kommen. Ich setzte mich hin, ergrif ein Buch und las. Es war der Agathon. Ich las eine Seite wohl zehnmal durch, aber es war unmöglich, nur einen einzigen Gedanken zu fassen. Die Thüren gingen auf und zu, und der eine Schüler, der mir ein überaus weiches Herz zu haben scheint, rief mir zu: Thun Sie das Buch weg ― der Inspektor! ― Ich sah ihn an und lachte mit der größten Bitterkeit. Also darf ich auch hier nicht lesen? ― Romane nicht, überhaupt deutsche Bücher nicht, antwortete er mir. O liebster Herr Professor! wo bin ich? ― Geht es wohl einem Gefangnen so?

Gegen Abend kam ein Student an des gewöhnlichen Stubenpräceptors Stelle. Die Schüler begrüßten ihn alle sehr freundlich; er stellte sich zu ihnen und erzählte verschiedne sehr interessante Geschichten, die sogar mich aus meinen Betäubung weckten. Als diese vorbei waren, scherzte er mit jedem und ironisirte über verschiedne Fehler, die er so eben an ihnen bemerkte. Endlich wendete er sich auch an mich: Sie denken gewiß noch an Ihr geliebtes Vaterland, redete er mich an, denn ich wette, Sie haben nichts von unserm Gespräch gehört? ― Das, was Sie sagten, antwortete ich, war zu [14]schön, als daß ich es hätte ganz verhören können, aber Sie haben recht, ich habe wirklich viel verhört*). 5

***

Freilich, fuhr er fort, muß Ihnen dies alles sonderbar vorkommen, aber dergleichen Anordnungen sind hier nöthig. Daß alle deutsche Bücher zu lesen verboten sind, ist falsch; das Verbot betrift blos schlüpfrige Sachen und Romane. Zu solcher Lektür hat ein hiesiger Schüler wirklich keine Zeit, wenn er nicht seine Schularbeiten vernachläßigen will, und gesetzt, er könnte auch einige Stunden darauf verwenden, so sind gewöhnlich junge Leute lange nicht genug vorbereitet, Schriften, die die Sinnlichkeit reizen, zu lesen. Daher wäre es freilich gut, wenn eine besondre Stunde zur Anweisung solcher Schriften bestimmt wäre, die junge Leute lesen sollten, und wenn die Gründe vorgetragen würden, warum man das Lesen aller Schriften nicht zugeben könnte. ―


[15]

Das Gespräch dieses Mannes war sehr lehrreich für mich und heiterte meine Seele wieder in etwas auf. Der Große war unterdessen wieder gekommen, und sah mich ziemlich hämisch an; man läutete zu Tische, aber ich blieb zu Hause, denn ich hatte weder Lust zu essen noch zu trinken. Ich war nun allein und überließ mich ganz meiner schwärmerischen Phantasie, rennte wie ein Rasender herum, und sprach für mich ganz laut. Es klinkte jemand; es war aber zugeschlossen; ich öfnete die Thür und es war der Inspektor; er hatte ein Paar lederne Handschuh in der Hand und schlug damit nach meiner Backe; zum Glück für ihn bog ich aus; Ihr unordentlicher Mensch, sagte er zu mir, könnt' ihr denn nicht zu Tische gehn? ― Mich hungert nicht, Herr Inspektor. ― Es wird Euch schon schmecken! kommt doch einmal mit herüber! Ich ging und er führte mich an einen Tisch, worauf einige zinnernne Schüsseln mit Essen standen, da, sagte er, stellt Euch hin und eßt. ― Ich dachte, ich sollte vor Demuth in die Erde sinken, welch ein Ton! ― Ich aß nicht. Er sprach einiges mit mir. Aber ich merkte, daß ich ihm so wenig gefiel, als er mir. Man kam von Tische und er befahl mir auf meine Stube zu gehn und ruhig zu sein. Hier fand ich viele, die ich noch nicht gesehen hatte. Der Senior fragte mich, wo ich denn gesteckt hätte? Ich [16]sah ihn verächtlich an. Wir woll'n Ihm das Betzen*) 6schon anstreichen! fuhr er fort. Nun konnt ich nicht länger. Bube, sagt' ich, schweig! ― Bürschchen, fing einer hinter mir an, und kriegte mich beim Ohrläppchen. Ich riß mich los wie ein Rasender, ergrif eine gläserne Wasserbouteille, die auf dem Tische stand, und warf sie ihm mit solcher Gewalt an den Kopf, daß er über und über blutete. Ich faßte ihn, aber das Blut strömte so warm über meine Hand, daß ich sie zurückzog. Man sagte zu diesem ganzen Auftritte kein Wort. Die Größern liefen durch die Kammer und ich blieb mit einigen Kleinern zurück. »Das war Recht, fing der Eine an, der denkt immer, er ist der Stärkste.« Ich schämte mich, und sprach kein Wort, bis ich zu Bette ging.

Dies war mein erster Tag ― denken Sie sich alle diese Auftritte und dabei mich! Wie geliebt war ich in Ihrem Hause, und wie geehrt von meinen Mitschülern! ― Inzwischen verhielt man sich gegen mich ruhig, und ob ich mich gleich bis um zwölf schlaflos im Bette herumwälzte, so schlief ich doch von da an fest ein, bis mich ein ungeheurer Lerm um fünf Uhr weckte. Ich sprang [17]schnell heraus, und glaubte, es wäre Feuer; es war aber nichts, als ein Kerl mit einem Hammer, der die Schüler alle Morgen auf diese Art weckt. Zween standen nach mir auf, die übrigen aber schliefen ruhig bis gegen sieben. Ich konnte in diesen Morgenstunden nichts anfangen! ― Ich unterredete mich mit dem einem jungen Menschen wegen dieses Vorfalls und war neugierig, was daraus werden würde? ― Nichts, antwortete mir dieser, als daß Sie Kleinsekunda auf den Hals kriegen! ― Dies war also ein guter Anfang, mir die Liebe meiner Mitschüler zu erwerben. Ich kam nun in die Klasse.*) 7

Um neun Uhr mußten wir uns alle an die Wand auf dem Hofe stellen, um frische Luft zu schöpfen, aber keiner darf von der Stelle weichen. Wenn ich hier stehn muß, so schäme ich mich, wenn jemand vorbei geht, und glaube noch unter dem Viehe zu stehn. Ein Viertel auf zehn ging es herauf, aber es kam kein Lehrer. Es wurde unvernünftig gelermt. Der Eine kam zu mir und wieß mir den Stärksten, welcher N.. oldi hieß und eine grosse ungeheure Maschine war. Die andern neckten ihn, wie kleine Hunde einen grossen; er warf bald hier bald da einen von sich, drehte ihnen den [18]Arm auf den Rücken, und gab ihnen Faustschläge. Endlich wettete er, ein Dintefaß, dergleichen hier auf allen Tischen mit grossen Nägeln zum öffentlichen Gebrauch befestigt sind, mit einem Tritt abzustoßen. Viele, die sich stark dünkten, versuchten es vorher, aber es gelang keinem; er invitirte auch mich, und schien es besonders meinetwegen veranstaltet zu haben, um zu sehen, was ich vermöge. Ich sagte aber, daß ich es gewiß nicht könnte. Endlich trat er es mit leichter Mühe, daß es bis an die Thür flog und viele mit der Tinte besudelte. Alle lachten ihm Beifall. Seht, rief er nun, laßt einmal die Kleinsekundaner kommen! Fürchten Sie sich nicht, sagte er zu mir, ich stehe Ihnen bei.

Ich verstand hiervon kein Wort, und der Mensch schien mir so roh, daß ich ihn nicht einmal um eine Erklärung bitten wollte.

Gegen fünf wurde zu einem Spatziergange geläutet; wir mußten uns Klassenweise versammeln, und alsdann paarweise vor einem Inspektor vorbeimarschieren, der uns wie Musketier musterte. Ein Lehrer ging voran und einer hinterdrein; sie unterschieden sich dadurch, daß sie einen Stock trugen. Ich konnte keinen finden, mit dem ich Lust gehabt hätte zu gehn, ich kam also ganz zuletzt in einer ziemlichen Entfernung von den übrigen. »Haltet Euch zum Cötus!« rief der Inspektor. Ich schloß mich also schnell an den letzten Mann an, denn ich glaube, der Klaps mit der Pfeife, und die ledernen [19]Handschuh hatten mich furchtsam gemacht. Wir gingen auf dem Felde an einer langen Mauer herunter; ein Haufen kleinerer Menschen nahm neben uns einen andern Weg, worunter ich den kleinen Wollenberg aus Prismark entdeckte. Ich rief ihn an, und er wunderte sich sehr, mich hier zu sehen. Er hat eine ungesunde Farbe, aber durch sein lebhaftes Sprechen verliert sie sich. Ich sprach viel von seinen Verwandten und auch von Ihnen mit ihm, und er versicherte mich, daß es ihm hier weit besser gefalle, als in Stettin. Sehn Sie, rief er, als wir ein Stück zusammen gegangen waren, Ihr Cötus kriegt Schlägerei mit den Sekundanern. Ich sah einen Haufen dem meinigen entgegenkommen, und hörte die Präceptoren laut sprechen. Auf einmal breiteten sich beide Theile aus, und einige theilten Knüppel aus, die sie aus den Garben holten. Jetzt standen sie wie zwei in Schlachtordnung gestellte Armeen; ich war von diesem neuen Auftritte wie betäubt. Man rief wie rasend meinen Namen. Gehn Sie doch, sagte der kleine W., Sie sollen helfen! Ein großer Stein fiel vor meinem Fuße nieder, und sie schleuderten eine große Menge aus Schnupftüchern nach mir. Ich trat einige Schritte zurück, und lehnte mich, um den Rücken frei zu haben, an einen Kornhaufen. Beide Partheien geriethen nun aneinander, und schlugen wie rasende Menschen auf sich los; endlich siegte mein Haufen, und der andre wurde [20]mit großem Geschrei verfolgt. Die vier Präceptoren standen in der Ferne und sahen zu, und giengen, als die Schlacht vorbei war, ganz ruhig hinter ihrem Haufen her.*) 8 Ich folgte meinem Cötus; kaum aber hatten sie mich erblickt, so hörte ich ein verwirrtes Murmeln und Schimpfen. Ich wußte noch nicht, daß dieß mir galt. Endlich kam der große N..oldi auf mich los von der Seite und gab mir einen empfindlichen Schlag auf den Kopf. Verfluchte Memme, schrie er, deinetwegen ist der ganze Streit, und du läufst davon! ― Ich glaube nicht, daß ich ihm etwas antwortete, ich drehte mich aber um, und trat das große Ungeheuer, daß er zur Erde stürzte, drehte ihm seinen großen Knüppel aus der Faust, und vergalt ihm den Schlag so reichlich, daß ich selbst glaube, ich habe ihm zuviel gethan. Ich sprang auf, und machte mich auf die blutigste Scene gefaßt; aber es wagte sich keiner mehr an mich. Wirklich weiß ich nicht, was mir immer so glücklich durchhilft; es wäre dieser Menge ein Kleines gewesen, mich zu mißhandeln, und doch kam keiner, selbst auf mein wiederholtes Fodern, nicht. Endlich schrie einer, ich sollte mich vertheidigen, warum ich der Klasse nicht beigestanden? ― Kleinsekunda hätte mich heraushaben wollen, und sie hätten sich für mich geschlagen. Ich bedauerte, daß sie das gethan hät-[21]ten, und versicherte sie, daß ich davon keine Silbe gewußt. Der Große verlangte, ich sollte mich auf einem freien Platze mit ihm balgen, damit er sich seine Ehre wieder erwerben könne. Ich sagte ihm, ich würde dieß nicht thun. Der eine Lehrer mischte sich drein, und suchte ihn zu einer Aussöhnung zu bewegen. Dieß wollte er auch thun, wenn die Klasse es zugäbe, und öffentlich gestünde, daß seine Ehre nichts dabei litte. Dieß thaten sie durch einen lauten Zuruf; er gab mir die Hand, und ich mußte an seinem Arme nach Hause gehen. Von diesem allen erfährt der Inspektor kein Wort.

***

Am Donnerstage erhielt ich Nachricht von meiner Schwester aus Frankfurt, daß sie nun wirklich mit dem Major du B. verlobt sey. Ihre Laune und ihr Glück schenkten mir den ersten glücklichen Tag in diesem Kerker; ich wurde so heiter und so froh, als ob ich noch in ihrem Hause wäre; ich arbeitete mit Lust, und alles ging treflich. Um diesen Tag recht vergnügt zu beschließen, wollte ich den Abend bei dem Herrn Magister Herrmann zubringen, an den Sie mich empfohlen haben. Um recht vorsichtig zu gehen, sagte ich zu einem Schüler, er möchte mich bei dem Stubenlehrer entschuldigen, wenn ich etwa spät zu Hause käme. Mit dieser vergnügten Seele kam ich bis an die Apotheke des Waisenhauses. Wo wollt Ihr hin? rief mir ein Mensch nach, der höch-[22]stens zwei Jahre älter war, als ich. Aus diesem Ihr schloß ich, daß dieß wohl ein Inspektor seyn müsse. Ich nahm also meinen Hut ab, und sagte: Ich will nur eine kurze Visite geben. »Narr! sagte er, habt Ihr denn einen Zettel? ― Wie denn? ― Einfältiger Knabe, stellt Euch doch nicht so dumm! marschirt den Augenblick auf Eure Stube!« Es stund ein Cirkel Studenten um ihn herum, die lachten mich aus, und ich stand da, wie ein Mensch, der nichts thut, weil er glaubt, er träumt. Der Fall von meiner stolzen Freude über das Glück meiner Schwester bis zu dieser tiefen Demüthigung war so groß, daß er mich ganz gedankenlos machte. Endlich besann ich mich, und fuhr hitzig auf ihn hinein: Herr, sagte ich, denken Sie denn, ich bin ein Kind! Er trat einige Schritte zurück, und ich glaube, der Elende erschrack, denn er sagte: Nun, so geht nur! ― Ich war aber viel zu ärgerlich, als daß ich nun hätte sollen einen Schritt weiter gehn. Ich kehrte um, und ging auf meine Stube. Sind Sie geschossen?*) 9 sagte ein kleiner Schüler zu mir. ― Was wollen Sie damit? Ich meine, ob Sie der Schießhund nicht durchgelassen hat? ― So nennt man hier diesen Inspektor, der die Aufsicht über das Ausgehn der Schüler hat, allgemein. Ich hörte [23]dieß alles zum erstenmale, und war aufgebracht genug, mich über diesen Beinamen zu freuen, und über sein Amt zu spotten. Ich habe nun erfahren, daß man ohne einen ausdrücklichen Erlaubnißschein von dem Inspektor nicht zehn Schritt von seiner Wohnung gehen darf, und selten erhält man ihn. Ich habe mir daher vorgenommen, dieß Gesetz wirklich zu halten, so lange ich in diesem Gefängnisse sitzen muß, und ich will doch sehen, ob ich es werde so weit bringen, diese Gesetze alle zu halten. Ich habe schon angefangen, mir ein Verzeichniß davon zu machen.*) 10


Wirklich hielt er auf das eigensinnigste alle Gebote, die er erfahren konnte, und sah die ganze Zeit über Halle nicht, als von den Bergen auf seinen Spaziergängen. Seiner Mutter schrieb er, daß es ihm in Halle ziemlich wohl gefiele, und daß er hofte, er würde sich recht gut in die Ordnung finden lernen. Seinem Vetter, dem Pastor L., meldete er etwas mehr von seinen wahren Empfindungen, und seiner Schwester in Frankfurt entdeckte er sich ganz, weil er glaubte, sie würde es bewirken können, daß er zu ihr nach Frankfurt zöge, und die dasige Schule besuchte. Allein er erhielt eine kalte gleichgültige Antwort. Der Pastor L. warf ihm Eigensinn und Stolz vor, und die Antwort seiner Mutter war voll [24]zärtlicher Freude über seine geäußerte Zufriedenheit, doch nicht ohne Bekümmerniß für die Zukunft, die vielleicht der Pastor L. noch mochte vermehrt haben. Diese Briefe hatten verschiedne Wirkungen auf ihn. Gegen seine Schwester faßte er einen Groll, weil er glaubte, einen andern Ton in dem Briefe der Majorin zu finden, als in den Briefen der bürgerlichen Schwester; sie hatte ihm einen Dukaten beigelegt; er schickte ihr denselben aber wieder zurück, und hat nie wieder an sie geschrieben. Den Pastor L. fing er an zu verachten, und auf den Brief seiner Mutter strömten bittre Thränen herab. Aus des Professor T. Briefen schöpfte er Rath, Trost, Muth und Hofnung einer bessern Zukunft. ― Sechszehn Wochen hielt er dies Leben aus. Da er aber sah, daß ihm alle seine Projekte, die er in ruhigen Stunden zur Verändrung seines Auffenthalts gemacht hatte, fehl schlugen; so brachen auf einmal alle seine Leidenschaften los, er raßte und seine Phantasie mahlte ihm den tiefsten Abgrund vor die Augen. Wo er ging machte er Bewegungen mit den Händen, die seine schrecklichen Leidenschaften ausdrückten, und wenn er irgend glaubte allein zu seyn, hielt er stundenlange Selbstgespräche. In einem solchen Anfalle von innerlicher Wuth ging er die Treppe herunter und trat, unversehens, weil er nichts vor und um sich bemerkte, dem Inspektor mit einem schmutzigen Stiefel auf seinen neuen Schuh. Robert trat erschrocken zurück, und wollte sich entschuldigen; er-[25]hielt aber, eh' er dazu kommen konnte, eine Ohrfeige. Dies machte ihn rasend; er stieß fürchterliche Flüche aus, schlug nach dem Kopfe des Inspektors, der aber ausbog, und traf sich mit solcher Gewalt gegen die Wand, daß seine Hand blutete. Der Inspektor nutzte diesen Augenblick und wischte in eine Stube, die er schnell hinter sich zuwarf. Robert rennte mit seinem ganzen Körper dagegen und sprengte sie auf. Er ergrif einen Stiefelknecht, der im Wege lag, fand aber keinen mehr, an dem er seine Rache hätte auslassen können. Dies war für beide sehr gut. Er ging hierauf mit verstellter Ruhe auf seine Stube, zog ein Kleid unter seinen Oberrock, packte alles was herumlag in seinen Koffer, und steckte drei Dukaten zu sich, die er vor wenig Tagen von einem Onkel bekommen hatte; schloß dann seinen Koffer zu, und ging einigemal in der Stube hin und her, vielleicht um sich zu besinnen, was er in diesem Augenblicke thun wollte. Indem trat der Aufwärter herein und foderte ihn zum Inspektor S. Die Schüler hatten sich truppweise versammelt, um zu sehen, was aus dem Dinge werden würde. Ich werde kommen, rief er, in der halben Stunde, denn jetzt bin ich nichts da nutze. ― Er fing nun an zu überlegen, was er gethan hatte, aber er konnte sich nicht schuldig finden: er machte sich also auf eine Vertheidigung bei dem Inspektor S. gefaßt, und glaubte, man würde ihm, wenn man ihn gehörig vornähme, wohl eine Abbitte auflegen. Er zog wirklich seinen [26]Oberrock wieder aus, und ging zum Inspektor S. ― Zwei Kerl standen mit Prügeln in der Thür, und der Inspektor schrie ihm entgegen: Nun! wo bleibt Ihr denn so lange? Hat's man Euch nicht gesagt? ― O ja, Herr Inspektor, aber ich war nicht fähig, ehr vernünftig mit Ihnen zu sprechen; ich wollte erst meine Hitze vorbei lassen! ― Ei! Hitze! sagte S. wir woll'n Euch schon Eure Hitze abkühlen. Jetzt sollt Ihr Eure Prügel für Euren boshaften Streich haben! stellt Euch 'rum! ― Prügel, fuhr Robert auf, und das so schnell! hören Sie mich erst! ― Wollt Ihr auch noch räsonniren, Bube! 'rum, sag' ich! ― Er faßte ihn hier bei der Brust! Herr Inspektor, rief Robert, mäßigen Sie sich, und riß sich von ihm los. Daraus wird nichts. Wer mich anrührt, den tret ich mit Füssen. ― Packt ihn an, rief er den Aufwärtern zu. Robert aber stieß den einen, der auf ihn los kam, mit großer Gewalt in die Stube hin. Sie sind ein Esel, sagte er zum Inpektor; ich mag mich von Ihnen nicht richten lassen. Leben Sie wohl. Indem öfnete er die Thür und trat heraus. Die Schüler standen auf dem Flur und freuten sich über den alten Aufwärter, der noch auf der Erde lag, eingedenk so mancher Empfindungen, die er auf ihrem Buckel und Hintern verursacht haben mochte. Der andre lies ihn ruhig davon gehn, und von den Schülern ward er wie ein Sieger die Stufen herunter begleitet. Der Inspektor rief umsonst, man sollte ihn halten. Er [27]ging langsam und unangerührt aus dem Waisenhause hinaus.

(Die Fortsetzung folgt.)

Fußnoten:

1: *) Der Mann, dessen Geschichte hier erzählt wird, ist noch am Leben, und dem Verfasser dieses Aufsatzes, Herrn Jacob in Halle, persönlich bekannt. <M.> a

2: *) Hier lasse ich eine ganze Stelle, die seine Unzufriedenheit in den heftigsten Ausdrücken an den Tag legt, weg. Man glaube ja nicht, daß ich durch die Bekanntmachung dieses Briefes eines traurigen aufgebrachten Jünglings dieser grossen Anstalt einen Streich versetzen will. Wenige denken wie Robert, und für diese Wenigen ist freilich das Waisenhauß nicht.
J.

3: *) Hier folgt eine Beschreibung des Examens, die sonderbar genug ist, die ich aber doch hier weglasse, weil sie nicht hierher gehört.
J.

4: *) Hier folgt eine lange Betrachtung über sich und seinen vorigen Zustand, die ich aber, um nicht zu weitläuftig zu werden, auslasse.
J.

5: *) Hier folgt die ganze Unterredung mit ihm, die als Vorschrift dienen könnte, wie man empörte Gemüther zur Ruhe bringt; ich rücke nur ein kleines Stück mit ein.
J.

6: *) So nennt man es auf dem Waisenhause, wenn einer den andern verräth oder anklagt, und wird für die niederträchtigste Handlung bei den Schülern gehalten.
J.

7: Hier folgt eine umständliche Beschreibung seiner Lektionen und der Lehrer.
J.

8: *) Dieß war auch das Beste, was sie thun konnten, denn ihre Gewalt geht nicht weiter.
<J. >

9: *) Heißt auf dem Waisenhause so viel, als gesehen von einem Inspektor auf einer unerlaubten That ertappt.
<J. >

10: *) Das Uebrige dieses Briefes hab ich verlegt.
J.

Erläuterungen:

a: Jakob beschwerte sich über diese Aussage, denn es handelte sich um eine fiktionale Geschichte. Vgl. Dickson 2013, S. 7.


II.

Auszug aus einem Briefe. a

Dörk, Johann Jakob

Folgende beide Vorfälle von Selbstmord ereigneten sich im Monat May d. J. Der eine in der Nacht vom 16-17ten in Königsberg, der andere den 18ten Morgens um 10 Uhr in Insterburg.

Der erste Beitrag rührt vom Hofrath Dokt. Med. und Kreisphysikus Herrn Johann Daniel Metzger in Königsberg her, und ist so vollständig, daß ich noch etwas hinzuzufügen für überflüßig halte. Der andere Aufsatz, und zwar der zweite Abschnitt, hat den Regierungs- und Hofgerichtsrath Herrn Carl George Gottfried Glave in Insterburg zum Verfasser, und bei diesem bemerke ich, daß der Unglückliche, der den ersten Abschnitt aufsetzte, der hiesige Hofgerichts-Assistenzrath Clooß war.

Insterburg den 24sten Februar 1783.

Wörk,
Hofgerichts-Secretarius. b

[28]

Erläuterungen:

a: Zu diesem und den folgenden drei Beiträgen vgl. Goldmann 2015, S 57-72 und Schütz 2015, 108f.

b: Zur Autorschaft vgl. Goldmann 2015, S. 69.

III.

Geschichte eines Selbstmords aus Verlangen seelig zu werden.

Metzger, Johann Daniel

Man hat wohl öfters Beispiele von Selbstmord aus Verzweiflung, Ueberdruß des Lebens, und ähnlichen Ursachen gesehen, aber einzig in seiner Art, und seltsam ist der Selbstmord aus übertriebener Frömmigkeit und Verlangen, seelig zu werden, wovon ich vor kurzem ein Beispiel erlebt, von welchem ich, weil ich glaube, daß es zur Beförderung der Menschenkenntniß etwas beitragen kann, den Verlauf erzählen will.

Dorothea R..in, eine hier gebürtige ledige Person von 38 bis 40 Jahren war der Herrnhutischen Brüdergemeine einverleibt, dabei kränklich, mehrentheils bettlägerig. Diese Person, welche beinahe immer einen von ihren leiblichen Brüdern oder Schwestern bei sich hatte, die ihr aus Geschwisterliebe zur Hand giengen und Gesellschaft leisteten, foderte in der Nacht vom 16ten zum 17ten May a. c a von dem bei ihr seyenden Bruder ein Messer, welches er ihr auch, nichts Arges vermuthend, zureichte, bald darauf verlangte sie auch eine Scheere, welche er ihr aber entweder auf der Stelle nicht schaffen konnte, oder nicht schaffen wollte. Kurz hernach bemerkte er, daß sie unter Zuckungen den Geist aufgab, und als er zusprang und Blut entdeckte, so fand es sich bei [29]näherer Untersuchung, daß die Verstorbene sich mit dem ihr gereichten Messer eine Wunde in den Unterleib beigebracht, und sich verblutet hatte. Die Obrigkeit, welcher der Zufall gemeldet wurde, ließ sogleich eine Obduction anstellen. Man fand eine Wunde am Unterleib vier Zoll lang von außen, drey von innen, durch welche die Gedärme hervorgedrungen waren; sie war ungleich und folglich durch wiederholtes Ansetzen des Messers verursacht. Am untersten Winkel der Wunde war die Arteria epigastrica verletzt, und daher die Verblutung entstanden.

Ein Umstand war zwar hierbei verdächtig. Der Bruder war bei der Schwester allein gewesen, und hatte, ehe die versammelten Geschwister beschlossen, die Sache pflichtmäßig anzuzeigen, das Messer ins Wasser geworfen. Er wurde daher zwar auch eingezogen, allein es mittelte sich bald aus, daß er ihr Mörder weder war, noch seyn konnte, und daß bloß das Vorurtheil, ein Selbstmord und die darauf folgende gerichtliche Untersuchung bringe Schande auf eine Familie, ihn veranlaßt, das Messer wegzuwerfen, um die Sache desto besser geheim halten zu können. In der Mine der Verstorbenen herrschte noch Ruhe und Heiterkeit des Gemüths; keine Spur irgend einer anderweitigen Gewaltthätigkeit äußerte sich an dem Körper.

Mir schien der Vorfall nicht sowohl der Tödtlichkeit der Wunde, als des Beweggrunds wegen, welcher die Verstorbene zum Selbstmord mochte ver-[30]anlaßt haben, merkwürdig. Ich gab mir daher Mühe, eine genaue Erkundigung von ihrer Gemüthsbeschaffenheit einzuziehen. Ein Tagebuch der Brüdergemeinde, welches Denksprüche aus der heiligen Schrift auf jeden Tag im Jahr enthält, fand sich aufgeschlagen nahe bei dem Bette der Verstorbenen, und der diesem Tage gewidmete Spruch konnte würklich als ein Abschied aus der Welt ausgedeutet werden, wiewohl ich mich des eigentlichen Inhalts nicht mehr erinnere. Ich wand mich an einen der Brüder, welcher mir ein Mann von gesundem, schlichtem Menschenverstand zu seyn schien; (er war es, der darauf gedrungen hatte, den Vorfall der Obrigkeit anzuzeigen) ich that die Frage an ihn, ob die Schwester wohl melancholisch gewesen, oder an ihrer Seeligkeit gezweifelt habe? Niemalen, sagte er, habe man etwas Unrichtiges in ihren Reden bemerkt, und an ihrer Seeligkeit habe sie so wenig gezweifelt, daß sie vielmehr ihm und den übrigen Geschwistern als weltlichgesinnten sehr oft die ewige Verdammniß gedroht, wenn sie nicht eben denselben Weg des Heils einschlügen, wie sie. Sie habe seine Frau veranlaßt, ebenfalls in die Brüdergemeine zu treten, welches ihm um destomehr zum Verdruß und Plage gereiche, da sie nun die Haushaltung über dem öftern Beten und Heiligung der vielen vorkommenden Feyertage vernachläßige; er habe sich aber besonders bei Lebzeiten seiner Schwester desto weniger hierüber auslassen dürfen, da ihm dieselbe jederzeit die ewige Ver-[31]dammniß angedroht, wenn er seiner Frau in ihren gottseeligen Uebungen das geringste in den Weg legte.

Wahnsinn also läßt sich bei dieser Person nicht vermuthen, wenn man nicht den aufs höchste gestiegenen Religionsenthusiasmus mit diesem Namen belegen will.

Besonders aber ist bei diesem Vorfall merkwürdig:

1) Daß der 17te des Maymonats ein großer Festtag bei der Brudergemeine ist, und daß die Verstorbene gerade den Tag erwählte, um heimzugehen, und der ewigen Seeligkeit theilhaftig zu werden. Auch bereitete sich

2) Die Verstorbene sehr feyerlich zu ihrem Tode, indem sie sehr oft, doch jedesmal nach einer langen Zwischenpause, mit immerfort gefaltenen Händen ausrief: In deine Wunden, mein Heiland ― Ja? ―ja!

So dialogirte sie im Nahmen des Heilandes mit sich selbst, der anwesende Bruder, welcher dergleichen feurige Andachten schon an ihr gewohnt war, argwöhnte nichts Bedeutendes in diesen Worten; und sah den Sinn davon erst nach Endigung des Trauerspiels ein.

3) So wahrscheinlich es ist, daß die Verstorbene mit der verlangten Scheere ihre Wunde, die ihr anfänglich vielleicht noch nicht gros genug schien, zu erweitern im Sinn hatte, so wahrscheinlich ist es auch, daß diese Wunde in der Seite des Unterlei-[32]bes eine Nachahmung der Seitenwunde des Heilandes seyn sollte, als wodurch sie demselben auch in ihrem Tode ähnlich zu werden hofte. Jedoch wenn wir auch diese Vermuthung auf ihren Werth und Unwerth beruhen lassen, so bleibt immer ein prämeditirter Selbstmord durch Frömmigkeit und Sehnsucht nach dem Heiland veranlaßt, eine sehr auffallende Begebenheit. Sie ist ein Räthsel, dessen Auflösung ich denjenigen überlasse, deren psychologisch-theologische Kenntnisse weiter gehen, als die meinigen. Für die Wahrheit der Thatsache bin ich Bürge.

J. D. Metzger,
Doct. Med. Hofrath und Kreisphysikus
in Königsberg.

Erläuterungen:

a: anni currentis: laufenden Jahres.


IV.

Eigener Aufsatz von einem Selbstmörder unmittelbar vor der That.

Clooß

Es hat dem Allmächtigen gefallen, meinen Verstand zu schwächen, meine Denkkraft zu zerrütten, und mich zu Erfüllung meiner Pflichten unfähig zu machen. ― Mein Blut wallt seit der Zeit in verzweifelnden Schlägen, und ich muß ihm Luft machen. ― Wie? ich bekleide einen Dienst ― ich schände ihn, indem ich seinen Pflichten nicht genüge [33]― ich hindere einen besseren Menschen, ihn würdiger zu bekleiden? ―

Dieß kleine Brodt, über das ich klagen müßte, daß es mich und mein Haus nicht ernähren kann ― auch das verdien' ich nicht? ― auch das esse ich mit Sünden? und ich athme noch? und ich! ― Tödtender Vorwurf, den ein wohlbehaltenes Gewissen mir macht ― Ja! eine Gattin ― und ein Kind, das mir sein Daseyn vorrückt ― erfordern meine Vorsorge ― Aber ihr wißt nicht ― Ihr meine Angehörigen, daß wenn mein unglückliches Wesen nicht plötzlich aufgelöset wird ― meine geschwächte Geisteskräfte euren Beistand erfodern, und ich statt zur Hülfe euch zur Last seyn werde! Besser, daß ich beizeiten meinem Unglück ein Opfer werde, als daß mein Stand, wenn die Täuschung auch noch lange währte, die letzten Pfennige des Erbtheils meiner armen Gattin aufzehre ― Wie sehr hat mich jede kleine Post, die ich davon zu Bedürfnissen, die gemein waren, aufnehmen mußte, weh' gethan, ohne daß meine Gattin meine Thränen verursacht oder gesehen hat ― Es ist Pflicht für jeden, das zu thun, was ihm am zuträglichsten ist ― das fordert Vernunft ― dasselbe die Religion ― Mein Leben, so wie es jetzt ist, ist ein thierisches, vernunftloses Leben ― es genügt nicht seiner Bestimmung, nicht seinen Pflichten ― Ein pflichtwidriges Leben ist für mich moralischer Tod, und dieser ärger, als der physische ― [34]für die wenigen, denen ich nun schon ihr Daseyn nicht erleichtern kann, ists wenigstens Pflicht, es ihnen nicht zu erschweren, und eine Bürde ihnen abzunehmen, die über kurz oder lang sie drücken müßte.

Ein späterer Absatz, einige Monate nach vorstehendem geschrieben.

Ich setze die Gedanken auf, die ich schon vor wenigen Wochen hatte, meinem unglücklichen Leben ein Ende zu machen, und mein Herz recht vor mir selbst auszuleeren und zu ergründen ― Täuschende Hofnungen eines erträglicheren Zustandes setzten meine verzweifelnden Entschlüsse bisher aus ― Nun habe ich noch das liebe Kind verloren ― Ich Unsinniger ― ganz widersinnisch schmerzt mich sein Verlust, da ich doch Gott preisen sollte ― ihn allen Leiden entrückt, meinen Sorgen ihn entnommen zu haben ― Mein Hoffen der verlornen Geisteskräfte ist vergebens gewesen ― mein Kopf versagt mir noch die kleinsten Dienste, und die läppischsten Beschäftigungen wollen ihm nicht gelingen.

Jetzt ist es Zeit, den unglücklichen Lebensfaden zu zerreißen, jezt, da meine Gattin von der Sorge für ein verwaistes Wesen frei ist, bevor noch täuschende Augenblicke einer vorbeirauschenden Freude mich dahin führen, Abkömmlinge meines jetzigen trauervollen Zustandes in die Welt zu setzen. Und welch ein quälender Vorwurf, der Urheber des Unglücks anderer zu seyn!

[35]

So blute dann dein Herz, armes Weib ― einmal muß es doch bluten, und gewiß länger, gewiß gefährlicher, wenn meines nicht verbluten sollte ― Mein Kopf sollte meine und deine einzige Stütze seyn ― hört er auf, es zu seyn, so wird er Last mir und dir ― und was hilft ein Herz ohne Kopf ― eine Larve ohne Gehirn deinem unglücklichen Gefährten.

Dieß sey dein Trost, du verlierst keine Stütze, sondern eine Bürde, und er lässet dir wenigstens keine Erben seines Elendes dir zur Last.

Meinen Trost mag meine Asche finden, wenn sie in Lüften zerstäubt.

Deine Standhaftigkeit ist jezt mit mein Trost, sie übertrift hunderte meines und tausende deines Geschlechts ― Du hast als Mutter und Gattin deine Pflichten stets treulich erfüllt, und das giebt dir die gerechtesten Ansprüche an deiner Nebenmenschen Hülfe, die nicht Barbaren sind ― Gott, der mir seinen Schutz versagte, sey mit dir ― Dein Glück ist noch nicht verdorben ― wie es durch die Fortdauer meines unglücklichen Lebens werden könnte.

Neuer Absatz.

Beynahe vier Monate habe ichs von neuem gewagt zu leben, aber mein Elend hört nicht auf ― das hin und wieder gehabte Vergnügen war Blendwerk, und konnte die gewissere Stimme, mit mei-[36]nen Pflichten uneins zu seyn, nicht ersticken; auch der einzige bisherige Trost, daß mein Unglück nicht meine Schuld ist, verläßt mich ― So hilf mir denn mein Gott die Hütte gänzlich zerbrechen, die du als die meine mir gabst, und die Pflicht gegen mich und andere zu verlassen gebietet.

15. Mai 1783.

Letzter Absatz vom 18ten May, am Tage der Entleibung.

Nun noch eine kleine Erklärung, wills Gott, die letzte an die, die im Leben mich ihrer Freundschaft, Gewogenheit und Theilnehmung, und daß ichs recht sage, Mitleids würdigten. Mitleids ― wie grausam, wie erniedrigend, wenn man nichts als Mitleid erwarten kann, wenn man auf eigene Mittel, auf eigenen Trieb zu seinem Fortkommen entsagen muß.

Wie demüthigend dieß sey ― wie schaudernd der Gedanke, seine Pflicht hintanzusetzen, seinen Amtseid zu vernachläßigen, dem, der Jahre lang darinnen seine Genugthuung, seine Wollust gesucht hat ― sey Gott bewußt ― Behalte ich nach diesem Leben noch Freunde, nu dann weihet meinem unglücklichen Andenken eine mitleidige Zähre!

Ich danke denn Gott, der uns alle schuf, für unzählige glückliche Vorfälle, die er nicht selten auch mir hat zufließen lassen ― aber nun erschwert das Andenken verlebten Glücks meine Verzweiflung.

[37]

Ihr, die ihr nach den Buchstaben der Schrift lebet, ruft sie nicht auch euch zu: ärgert dich dein Auge, so reiß es aus, deine Hand, dein Fuß, so haue ihn ab. Wenns nun der Kopf ist, der mich ärgert, warum soll ich mich seiner auch nicht entledigen?

Mein Leben war ein Geschenk Gottes ― er lieh es mir, um zu meinem und meiner Nebenmenschen Vortheile damit zu wuchern ― Diese Aussichten sind nun nach vielfältigen Versuchen für mich verloren ― ich bringe es also dem zurück, der mir es gab, unfähig, den Gebrauch, wozu er mir es lieh, davon zu machen.

Ich rufe dich, mein Gott! noch hier zum Zeugen, daß ich nicht Gutes that, weil ich Belohnung hofte, nichts Böses ließ, weil ich vor ewigem Feuer mich fürchtete ― Nein, weil ich glaubte, daß dieß meinem Gotte, den ich unverfälscht als meinen Herrn, als ein unendliches Wesen ehrte, gefällig seyn würde ― wie sollte ich wider ihn murren, daß er mich mit Sinnlosigkeit strafte ― Viel Tausende leben glücklich, und ihr Schicksal entscheidet für seine unendliche Güte.

Nicht meinem Eide kann ich gerecht werden ― denn der Kopf schwärmt, stockt, wenn er seinen Pflichten nachgehen soll ― Partheyn, deren Zutrauen, deren Gerechtsame mir heilig seyn sollen, leiden, und ich schände durch eine unwillkührliche Unthätigkeit ein ansehnliches Collegium, dessen Mit-[38]glied ich geheißen habe ― Ich soll meine Gattin versorgen, und die Quelle eigener Erhaltung versiegt ― Ich war der Stolz meiner Verwandten, und ich soll nun ihre Schande werden ― was bleibt mir Armen noch übrig ― nichts, als hinzukehren, wo ich herkam ― Es ist nicht Standhaftigkeit der Seele dieser Entschluß, wiewohl man Weise darum für weise gehalten, weil sie ihn ergreifen konnten. Aber es ist Noth, die meine Seele aus dem Zirkel dränget, worinnen sie bisher als ein Fremdling gewandelt hat ― Du wirst sie nicht darum verwerfen, mein Gott! Und solltest du sie in Staub und Asche gleich der zerbrechlichen Hütte verwandeln, so ist ihr Schicksal erträglicher, als Schade und Nachtheil einem ganzen Staate, oder doch einer ganzen Familie, deren Wohl dem Beherrscher der Menschen mehr als das Wohlseyn Eines Menschen am Herzen liegen muß, Jahrelang zu verursachen.

Wie danke ich dem über alles würdigen Herrn Hofgerichtsdirektor für die mir bewiesene Nachsicht mit meiner Schwachheit, ohne welche ich unbedacht diesen Schritt schon lange unternommen haben würde, den ich nun nach vielen mißlungenen Proben, das unglückliche Leben thätig zu verleben, verschoben, und nun erst dazu schreite, da die vergeblichen Versuche mich überzeuget, daß mein Hoffen thöricht sey ― Wie beruhigt mich der Gedanke, diese Ueberzeugung zu haben!

[39]

Man ergründe meine jetzige Geisteskräfte, besonders wenn sie auf Arbeiten, die mein Fach sind, angewandt werden, man wird finden, daß sie so wenig als gar nichts leisten ― Der Kopf verliert sich in Grübeleien, in dem Wunsche, alles recht zu machen, und in der Besorgniß, die die Folge begleitet, nichts Vernünftiges hervorzubringen ― Man balancire dagegen den großen Umfang meiner Pflichten ― und wie richtig wird der Schluß: daß zum Tollseyn nichts übrig bleibt ― Ists nun nicht vernünftiger, der Rechnung ein Ende zu machen, als die unvermögenden Geisteskräfte mit mehreren Schulden zu häufen? ― Nicht besser, die Null davon zu rücken, auszustreichen, als durch sie tausend Uebel entstehen zu lassen?

O möchte die Nachwelt dieß zu meiner Entschuldigung dienen lassen! Dank dir, lieber Gott, wenn du mit mir mein Elend hinwegschafst, und o, möchtest du alles Unheil andern Menschen auf eine gelindere Art abnehmen! ― Dir sey meine gute, würdige Gattin zur bessern Versorgung empfohlen ― Oefne ihr die Augen, daß sie durch meinen Verlust nicht verliert, sondern gewinnt ― Die Reichen unter ihren Verwandten müssen vor der Hand ― und dann wollest du weiter für sie sorgen ― Vergelte, mein Gott, auch allen denen, die mir während der Zeit meines Hierseyns manche vergnügte Stunde gemacht, jede derselben mit tausendfältigen Wohlthaten, und erhöre dieß letzte Gebet.

[40]

V.

Einige Reflexionen über den vorhergehenden Aufsatz.

Glave, Carl George Gottfried

Der Unglückliche, der dieß schrieb, schickte Sonntags den 18ten May 1783 seine Frau in die Kirche, schrieb den Schluß seines vorstehenden Vermächtnisses, nahm ein Scheermesser, schnitt sich in den Hals, und verfehlte den Tod. Er öfnete sich die Handadern, und verfehlte ihn noch; darauf trat er ans Fenster, sah seine Gattin aus der Kirche kommen, floh zurück, nahm einen Hirschfänger, und durchstieß sich die linke Herzkammer. Da lag er noch blutend, als seine Frau zu ihm ins Zimmer trat, sah sie an und verschied.

Du bebest, Leser! wohl bebe! das ist der Mensch. Vernunft und Unsinn führen ihn so oft zu demselben Punkte. Aber verweile noch bei dem blutenden Leichnam. Es liegt kein Werther vor dir, der einem Mannsleben ein Knabenende machte, weil er sich in eines andern Weib vergaft hatte. Ein Mann hat sich in den Staub gestreckt, der Edelmuth und Nachdenken besaß, lange seinen Entschluß überlebte, und mit festem Schritte aus der Welt gieng.

Dieser Tod ist werth des Anschauens des Weisen, werth der Betrachtung des Seelenarztes; was [41]ich zu seiner Erläuterung weiß, will ich zu Ergänzung deines Nachdenkens erzählen.

Dieser entflohne diente der Justiz vor der letzten Verbesserung der Ostpreußischen Justizeinrichtung, bei einem der nun aufgehobenen kleinen Justizcollegien als Mitglied. Von da ward er bei Stiftung des Ostpreußischen Hofgerichts zu Insterburg an selbiges als Assistenzrath befördert. Seine Mutter ist irre, ist es bei der Niederkunft mit diesem Unglücklichen geworden; das ist ein erheblicher Umstand. Er selbst war ein Mann von Verstand und lebhaftem Witze. Er hatte gute theoretische Gelehrsamkeit. Sein Herz war unverbesserlich ehrlich. Er besaß viele Lebhaftigkeit. Er hatte ― was jeder vernünftige Selbstmörder hat ― Stolz! aber nicht den Stolz eines Federnhuts, den Stolz des Geldkastens, des Patents oder Diploms, nicht einmal den Stolz der Gelehrsamkeit, sondern den Götterstolz der Selbstkraft, des Verstandes und der Rechtschaffenheit.

Seine Physionomie war auffallend. Ein großes dunkles sehr lebhaftes Auge, das nur darum mißfiel, weil es so oft einen unterdrückten Gedanken zuzudecken schien, und eben so oft Wildheit wegstrahlte, ein unangenehm weiter Mund, eine große hart herausstehende Nase, sind die Hauptzüge, die mir so erinnerlich sind, daß ich sie herzeichnen kann. Lavater würde beides, Selbstmord und lan-[42]ges würksames Leben, nach Belieben daraus hervor geschwärmt haben.

Sein äußeres war ohne Grazie. Die Geckereien eines Maineck, maitre de danse & des graces de plusieures residences de l'Europe, waren den Königsbergern damals, als unser gefallener erzogen ward, noch nicht bekannt.

Als er noch beim Justizcollegio diente, fühlte er Wallungen des Bluts, die auf sein Gehirn wirkten, und ihn in seinen Amtsgeschäften hinderten. Er kam ans Hofgericht zur Zeit einer Proceßordnung, die den Richter nicht mehr so lange schlafen läßt, bis Advokaten sich satt und fett geredet haben, sondern zu einer Zeit, wo der Richter in jedem Schritte jedes Processes mit Vernunft und Weisheit das Wohl der Partheyen selbst überlegen soll. Er fühlte den hohen Werth des Vertrauens, das der Staat in seine Bürger setzt, wenn er ihnen Mitbürgerwohl anvertraut. Er fühlte den hohen Adel des Berufs, Richter des Volks zu seyn. Er fühlte alles lebhaft, also auch diese Berufsgefühle. Er strebte mit unermüdetem Eifer, seine Pflicht zu erfüllen. Dabei aber fühlte er wiederhohlte Anfälle von Verstandesschwäche; Anfälle, die in alltäglichen Gesellschaften sogar auffielen, und von denen seine Bekannte und Freunde oft in die Besorgniß gesetzt wurden, daß er mit der Zeit wahnsinnig werden könnte.

[43]

Seine Amtsarbeiten waren mühsam erdachte Grübeleien. Sie glichen einem vorsetzlichen Bestreben, dem wahren Gesichtspunkte durch Trugschlüsse auszuweichen. Wenn man sie las, so fand man Fleiß darin und Scharfsinn, zugleich aber auch die gesuchteste Sophisterei und unaufhörliche Distinktionen, deren Verkettung die Wahrheit fast unvermerkt aus der Bahn schob.

Sophisterei ― wie sein Vermächtniß Sophisterei ist, aber nie war sein Stil so klar, wie in diesem letzten Aufsatze, stete Einschiebungen, Verwebung der Perioden machten, was er schrieb, unangenehm zu lesen.

Es konnte nicht fehlen, daß seine Arbeiten das Collegium nicht hin und wieder befremden musten. Er kam auch der öfteren Indispositionen wegen in Rückstände. Als er vor acht Monathen einst darüber in Freundschaft erinnert ward, antwortete er: »ich sehe es recht wohl ein, daß meine Arbeiten unbrauchbar sind. Mein Kopf ist ganz unfähig zu arbeiten, und wenn sich das nicht bald ändert, so muß man einen andern Entschluß fassen.« Diese letzte Aeusserung sprach er mit Nachdruck aus. Sie konnte aber nicht auf das jetzt geschehene gedeutet werden.

Einige Zeit darnach ist er gefunden, wie er alle seine zugeschriebene Arbeiten rund um sich ge-[44]legt gehabt, jede angefangen und abgebrochen hat, weil es ihm Kopfschmerzen nicht erlaubt hätten, sie fortzusetzen. Sein Verstand ließ ihn seinen Zustand ganz fühlen. Er besorgte zu seinen Amts- und häuslichen Pflichten einst ganz untüchtig zu werden, beide lagen ihm gleich treu am Herzen.

Er hatte veranstaltet, daß seiner verlassenen Gattin, noch an dem Tage, da er sie verließ, eine genaue Nachweisung ihres Eingebrachten zugeschickt ward.

Sein letzter Aufsatz beweiset, daß er sich selbst gefürchtet hat, wahnsinnig zu werden, und daß diese Furcht, Furcht der damit begleiteten Schande, und des seiner Ehegattin daraus besorglichen Unglücks, ihm den Tod, als das leichtere Uebel gezeigt, und ihn aus der Welt gedrängt hat.

Ein alter Weiser sagte: »will man dir nicht verstatten, zweckmäßig zu leben, so mache deinem Leben ein Ende, aber so, daß es dir nicht lasse, als obs dir ein Unglück dünke; wenn's in meiner Stube raucht, so gehe ich heraus; was ist dabei schweres oder erschreckliches?«

Dieser Philosoph sagt offenbare Spitzfündikgeit: wie leicht ist jeder Rauch zu stopfen, und wenn das gar nicht mehr möglich ist, so löscht der Mann das Feuer aus, um des Rauchs enthoben zu seyn, [45]und nur der Weichling entläuft lieber, um nicht ohne Wärme zu wohnen.

»Mein Entschluß ist nicht Standhaftigkeit, sondern Noth der Seele.«

Dies ist das redliche Bekenntniß des Blutenden, der uns, meine Leser! hier zusammenbrachte. Wir haben ihn nun gesehen. Laßt uns wieder zu unserm Berufe gehn! Es geschiehet nichts neues unter der Sonne.

C. G. G. Glave,
Regierungs- und Hofrath zu
Insterburg. a

Erläuterungen:

a: 1782 Vorsitzender Rat und Vizepräsident des Hofgerichts in Insterburg (heute Tschernjachowsk in der russischen Exklave Kaliningrad). 1786-88 wegen "Grausamkeit, Käuflichkeit, auch Auslandsreisen und Hasardspiele" inhaftiert, danach wegen "Spionage, Verleumdung des Königs und Mordpläne gegen Napoleon" von 1810 bis zu seinem Tod in Wien und Ungarn inhaftiert, wo er weitere politische Schriften schrieb. Vgl. Pibram und Fischer 1937.

[46]

Zur Seelennaturkunde.

I.

Psychologische Betrachtungen auf Veranlassung einer von dem Herrn Oberkonsistorialrath Spalding an sich selbst gemachten Erfahrung. a

Mendelssohn, Moses

(S. dieses Magazin 1. B. 2. St. S. 38.)

Bei jeder äußerlichen willkührlichen Handlung geschiehet eine Art von Uebergang aus der Seelenwelt in die Körperliche. Die Ursache ist geistig, die Wirkung körperlich. Die Veränderung im Körperlichen erfolgt, weil die Seele für gut findet, begehrt, will, einen Antrieb empfindet, oder einen Bewegungsgrund denkt; mit einem Worte, nach etwas zielet, das sie zu erreichen strebt. Absicht, Endzweck, Vorsatz, begehrtes Gut ist die wirkende Ursache, und die Wirkung ist Bewegung in den Gliedmaßen des Körpers. Was während diesem Uebergange aus dem Geistigen in das Materielle, noch geistig ist, [47]nenne ich würksame Idee; (im Gegensatz der blos spekulativen Ideen, die sich nicht über das Gehirn und etwa das System der Empfindungsnerven erstrecken, ohne auf die Bewegungsnerven Einfluß zu haben, und die ich dieserhalb unwürksame Ideen nennen will;) und was davon in die Materie zuerst übergeht, organischen Anstoß, erste Regung. Die in dem Augenblick des Ueberganges würksame Idee erzeugt den organischen Anstoß, und diese ist der Anfang einer Bewegung, die sich, nach den Gesetzen der körperlichen Bewegung, alsdann in der Materie weiter fortsetzt, und zum Ziele führet.

Ich weiß, daß nicht alle Weltweisen einen solchen Anfang der Bewegung zugeben; daß man gute Gründe hat, zu glauben, es entstehe überall keine neue Bewegung in der Natur; ja, wie einige hinzuthun, auch keine neue Richtung der Bewegung; sondern eine gewisse Quantität der Bewegungskräfte, so wie der Richtungen, bleibe vor und nach jedem Anstoße, vor und nach jeder Veränderung, gleich groß. Wenn Körper an Körper stoßen, hat dieses seine Richtigkeit. Ob sich aber dieses beim Uebergange aus der Ideenwelt in das Materielle eben also verhalte, und auch da keine neue Bewegung entstehe, und keine neue Direktion ihren Anfang nehme, scheint so ausgemacht noch nicht zu seyn, und die Analogie kann hier nicht völlig entscheiden. Indessen kömmt es mir hier auf diese spe-[48]kulative Untersuchung nicht an. Ich bleibe bei der bloßen Erfahrung stehn, die einen solchen Uebergang außer Zweifel setzt. Wie dieser Uebergang erklärt und begreiflich gemacht wird, lasse ich vor der Hand dahingestellt seyn, und halte mich an die Erfahrung selbst, die ein jeder mit seinem spekulativen System in Uebereinstimmung zu bringen, suchen mag.

Ist eine freiwillige, oder willkührliche Bewegung aus mehrern einfachen zusammengesetzt; so wird eine Folge von organischen Stößen a. b. c. d. mit einer ihr entsprechenden Reihe von würksamen Ideen A.B.C.D. gleichförmig fortrücken; dergestalt, daß in dem ersten Augenblicke der Veränderung, die Idee A, oder die Vorempfindung und Vorstellung von dem begehrlichen Gute, das Verlangen und Bestreben nach demselben, das größte Moment der Würksamkeit habe, und den organischen Stoß a hervorbringen wird. In dem zweiten Augenblicke, wird dem Vorsatze gemäß, das Moment der Vorstellung B. an Würksamkeit das größte seyn, und den Anstoß b. verursachen, u.s.w. bis am Ende die Absicht erreicht, und das Begehrte erzielt wird. Indem ich hier schreibe, entsteht in meiner Seele, Kraft des Vorsatzes; die Reihe der Buchstaben, die zu meiner Absicht gehören, erlangen in ihrer Folge, einer nach dem andern die größte Lebhaftigkeit, das größte Moment der Würksamkeit, und erzeugen in den Organen die ihnen ange-[49]messene Reihe von Bewegungen, bis der Vorsatz ausgeführt ist.

Daß das Moment der Wirksamkeit auf diese Weise von Idee auf Idee fortrückt, und so die ganze Reihe durchwandert, geschiehet Anfangs bei ungeübten und ungewohnten Handlungen, Kraft des Vorsatzes, der diesen Fortgang erfordert, und die Ideen auf diese Weise verbindet; geschiehet also in so fern noch mit vollem Bewußtseyn der Seele, und gleichsam unmittelbar auf ihren Befehl; wie an einem Menschen zu ersehen ist, der buchstabiren, schreiben oder ein Instrument spielen lernt. Wenn aber diese Handlungen öfter wiederhohlt werden, so entstehet eine so genaue Verbindung zwischen den Begriffen sowohl, als zwischen den organischen Stößen, daß sie sich einander, wie die Glieder einer Kette, nachziehen, sobald das erste Glied fortgezogen wird.

Alsdann ist das deutliche Bewußtseyn der Seele bei jeder einzelnen Handlung nicht mehr nöthig. Das Bewußtseyn des Vorsatzes im Ganzen erzeugt die erste wirksame Idee und die ihr entsprechende organische Regung; alles übrige erfolgt von selbst, vermittelst des festen Zusammenhangs der Ideen, immer noch als eine Wirkung der Seele, aber ohne deutliches Bewußtseyn derselben. Ich sage, die ganze Reihe der Veränderungen hört deswegen nicht auf, eine Wirkung der Seele zu seyn; ob diese sich gleich derselben nicht mehr bewußt ist. Denn da [50]dergleichen Handlungen Anfangs nicht anders als mit Bewußtseyn der Seele und durch ihre thätige Einwürkung erfolgen, das Bewußtseyn aber in der Folge allmälig und nach dem Gesetze der Stetigkeit abnimmt; indeß der Einfluß der Seele noch immer dieselbe Wirkung hervorbringt; so muß auch alsdann, wenn das Bewußtseyn völlig verschwindet, die Handlung selbst der Einwirkung der Seele nicht entzogen werden. Anfangs beim Buchstabiren z.B. muß jede Silbe, jeder Buchstab mit Bewußtseyn der Seele betrachtet und zum Laute gebracht werden. So wie die Fertigkeit von der einen Seite zunimmt, nimmt von der andern Seite das Bewußtseyn allmälig und stetig ab, bis es am Ende ganz verschwindet, und wir ohne deutliches Bewußtseyn fortlesen können. Diese ganze Folge von dem deutlichsten Bewußtseyn, bis auf die schnellste Fertigkeit, gehet so ununterbrochen fort, daß es nirgends absetzende Gränzen giebt, wo die Handlung selbst eine Wirkung der Seele zu seyn aufhöret, und eine blos mechanische Wirkung des Körpers zu werden, anfangen sollte.

Im Vorbeigehen sei es erinnert, daß ich diese Beweisesart für sehr fruchtbar in der Philosophie, und insbesondre in der Seelenlehre halte; und ich weiß mich keines Logikers zu erinnern, der sie ausdrücklich angeführt hätte. Im allgemeinen würde ich sie folgendergestalt ausdrücken:

[51]

Wenn x, und y veränderliche Grade vorstellen, und wir bemerken, daß Ax und By, unter mancherlei Ab- und Zunahme von x und y, in Causalverbindung stehen; so muß diese Causalverbindung nicht aufhören, wenn auch x oder y, oder beide = o werden.

Es ist, wie es scheint, eine bloße Anwendung der in der Algebra so nützlichen Fluxionalmethode auf die unausgedehnte Größe, die aber in der Philosophie mit gutem Nutzen gebraucht werden kann. So läßt sich z.B. durch diese Methode beweisen, daß die Seele im tiefsten Schlafe nicht aufhöre, Vorstellungen zu haben; daß die Gegenstände, die mit ihrer Entfernung, immer schwächer auf die sinnlichen Organe würken, in der größten Entfernung doch niemals ihre Einwirkung auf die Sinne völlig verlieren; und daß alle Lebensbewegungen in dem Körper Mitwirkungen der Seele seyn müssen, so daß eben die Seele, welche in den heftigsten Leidenschaften auf die Verdauung, Umlauf des Geblüts u.s.w. einen so merklichen Einfluß zeigt, auch in dem ruhigsten Gemüthszustande nicht ganz ohne Einwirkung auf diese Lebensverrichtungen bleiben könne. Dergleichen psychologische sowohl als physiologische Sätze giebt es so manche, die von verschiedenen Weltweisen in Zweifel gezogen werden, und, wie mich dünkt, auf diese Weise unumstößlich zu beweisen sind. Jedoch ist hier der Ort nicht zur weiteren Ausführung derselben. Ich begnüge [52]mich, sie hier dem Nachdenken der Leser empfohlen zu haben, und kehre zu meinem Thema zurück.

Gewohnte und geübte Handlungen, in welchen wir einige Fertigkeit erlangt haben, können wir verrichten, und zugleich etwas anders deutlich denken; das heißt, wir können eine Reihe von wirksamen Ideen fortsetzen und die ihnen gemäßen organischen Veränderungen hervorbringen, indem wir eine heterogene Reihe von unwirksamen Ideen mit den Gedanken verfolgen, deren wir uns bewußt sind; ja wir können neben einer Reihe von unwirksamen Vorstellungen, mehr als eine Reihe von wirksamen Ideen verfolgen, auf mehr als ein Organ des Körpers zugleich wirken, ohne daß sich diese verschiedene Reihen einander hemmen oder verwirren. So kann ein geübter Musikus z.B. auf einem Instrument mit beiden Händen und Füssen spielen, das heißt in jedem dieser Organe eine andre Reihe von organischen Bewegungen hervorbringen, und zugleich etwas ganz anders denken und sprechen. Man kann gehen, singen, und nachsinnen zugleich. Frömmlinge, die sich gewöhnt haben, gewisse Gebetsformeln, ohne Andacht herzuplappern, können unterdessen ganz heterogene Gedanken verfolgen, und ihre Formel gleichwohl ganz richtig hersagen.

Auf solche Weise kann die Seele fünf bis sechserlei Bewegungen in den Gliedmaßen willkührlich [53]hervorbringen*), 1 das heißt, so viele Reihen von wirksamen Ideen zugleich durchzusetzen, und neben denselben eine heterogene Reihe von deutlichen Gedanken verfolgen, ohne sie zu verwirren. Sie muß indessen ihre Kraft theilen, und die dunkeln Ideen mancherlei Art, die zugleich wirken sollten, vermittelst der Ideenverbindung durcheinander weben, ohne ihre Aufmerksamkeit von den Gedanken abzuziehn, die sie nebenher fortsetzen will. Ich glaube aber nicht, daß es möglich sei, mehr als eine Reihe von unwirksamen Begriffen zugleich zu haben; das heißt, mehr als eine Kette von deutlichen Gedanken auf einmal zu führen, ohne sie zu verwirren. Daß so mancher mehr als einem Schreiber, und jedem eine andre Reihe von Gedanken zugleich diktiren kann, macht hierinn noch keine entscheidende Erfahrung. Es scheint, daß man genöthigt sey, jedesmal den Faden der übrigen Gedanken gleichsam fallen zu lassen, indem man Einen verfolgt, und so wechsels-[54]weise einen Faden nach dem andern wieder aufnehmen muß, um das Gewebe zu vollenden. Dieses heißt aber nicht, verschiedene Reihen von Gedanken zu gleicher Zeit denken, so wie man verschiedene willkührliche Bewegungen zu gleicher Zeit hervorbringen kann.

So oft wir verschiedene Reihen von wirksamen Ideen mit einer von deutlichen Begriffen verbinden sollen, muß keine einzige Vorstellung eintreten, die durch die Stärke des Eindrucks, oder des Antheils, den die Seele daran nimmt, ihre ganze Aufmerksamkeit an sich ziehet. Sobald dieses geschiehet, wird die Wirkung der Ideenverbindung gehemmt; die Handlung wird unterbrochen, und es entsteht ein Stocken und Anhalten in der Fortschreitung, bis die Seele sich sammlet, und Kraft des deutlich bewußten Vorsatzes, wiederum den ersten Stoß giebt. Einen solchen Zustand nennen wir Zerstreuung. Wir sagen, der Mensch sei zerstreut, wenn er durch fremde, ihm angelegentliche Vorstellungen verhindert wird, eine sonst gewohnte Handlung in gehöriger Ordnung zu verrichten. Wenn er nicht gegenwärtiges Geistes ist, das heißt, öfters durch interessantere Vorstellungen abgerufen wird.

Hierdurch läßt sich erklären, warum gewisse Handlungen niemals besser von statten gehen, als wenn sie mit einiger Geschwindigkeit verrichtet werden. Dem Redner, der eine gewisse Rede auswendig gelernt hat, wird sein Gedächtniß treuer bleiben, [55]wenn er solche mit der gewohnten Geschwindigkeit hersagt. Der Schreibmeister muß seine gewundenen Züge, und der Maler seine Pinselstriche mit Keckheit gleichsam hinwerfen, wenn sie gelingen sollen; und dieses wird hauptsächlich in allen Fällen nöthig seyn, wo die zusammengesetzte Handlung Ein stetiges Ganzes ausmachen soll, wie in den schönen Künsten und Wissenschaften der Fall ist. Alsdann muß durch die Schnelligkeit verhütet werden, daß keine fremde Nebenidee sich einschleiche, und der Zusammenhang der wirksamen Begriffe, so wie der organischen Regungen, die sich einander von selbst anrufen sollen, unterbreche. So oft dieses geschiehet, geräth die Handlung, wie wir gesehen, ins Stocken; die Seele muß, durch Bewußtseyn des Vorsatzes, von neuem wieder anfangen, und den ersten organischen Stoß geben; daher das Ganze seine Einheit und Stetigkeit verlieret. Das öftere Ablassen und Ansetzen der willkührlichen Handlung giebt ihr ein Ansehn der Aengstlichkeit, das Mißfallen erregt, wie solches an mühsamen Copien nach einer fremden Hand wahrgenommen wird, wo der Künstler nicht aus eigener freier Kraft und Ideenverbindung, sondern immer nach Vorschrift und Muster wirken, das heißt, wo er die organischen Regungen nicht in ununterbrochener Reihe fortrücken lassen kann, sondern öfters absetzen, und wiederum von Neuem anfangen muß.

[56]

Ferner müssen auch nie zwei wirksame Ideen zusammenstoßen, die auf eben dasselbe Organ würken, und Verrichtungen verschiedner Art hervorzubringen bemüht sind. Denn so oft eine solche Collision entstehet, erfolgt eine Art von Schwanken und Ungewißheit in der Seele, ein Zittern in den Organen der Bewegung, das wir in Rücksicht auf die Organen der Sprache, mit einem besondern Namen zu belegen, und Stottern zu nennen pflegen.

Man sollte glauben, dieser Fehler sey den Organen zuzuschreiben; es müsse nehmlich in der Anlage und dem innern Baue der Sprachwerkzeuge etwas mangelhaft und unrichtig seyn, woraus sich diese Unfähigkeit erklären lasse. Es ist aber aus mancherlei Beobachtungen abzunehmen, daß der Fehler mehr psychologisch, als mechanisch oder organisch seyn müsse. Ich will einige derselben, die ich anzustellen, die beste Gelegenheit gehabt, hier anführen.

1) Im Affekt sind wir alle, mehr oder weniger, dem Fehler unterworfen.

2) Man ist demselben in einer fremden Sprache, die uns nicht so geläufig ist, mehr ausgesetzt, als in der Muttersprache.

3) Mehr, wenn jemand zugegen ist, vor dem wir uns scheuen, diese Schwachheit merken zu lassen.

4) Am wenigsten, wenn man allein ist, laut und langsam spricht, oder gar singet.

[57]

5) Wenn der Stotternde zu sprechen fortfahren will, so wiederholt er einige Silben, die er bereits ausgesprochen, um gleichsam auszuholen, und fährt mit der äußersten Geschwindigkeit über die schwierige Silbe, sehr oft ohne Anstoß, hinweg; zuweilen aber gelingt es das erstemal nicht, und die Operation muß öfter wiederholt werden.

Alles dieses würde unbegreiflich seyn, wenn ein Mangel in dem Baue der Organen die Ursache des Stotterns wäre. Die Hypothese, nach welcher ich mir alle diese Erscheinungen zu erklären suche, ist diese. Wir haben gesehen, daß die Seele zu gleicher Zeit mehrere Reihen von wirksamen Ideen verbinden könne, im Falle sie nur nicht in Collision kommen, daß nehmlich mehr als eine Idee auf dasselbe Organ zugleich wirken wolle. Mit diesen Reihen von wirksamen Ideen kann sie auch noch eine Reihe von spekulativen, deutlichen Gedanken verbinden, die, so lange sie für die Seele kein hervorstechendes Interesse haben, den Lauf der willkührlichen Verrichtungen nicht unterbricht.

Gesetzt nun, es trete in der Reihe der würksamen Ideen A.B.C.D. u.s.w. an die Stelle von D., eine fremde, auf eben dasselbe Organ wirksame Idee, oder interessante Vorstellung K. ein, die mit D. gleiches Moment von Wirksamkeit hat; so wird in der Seele gleichsam ein Hin- und Herschwanken zwischen D und K entstehn, und indem sie bemühet [58]ist, den organischen Stoß d. hervorzubringen, kann wider ihren Willen und Vorsatz, der Anstoß k. erfolgen. Sobald nehmlich K. so wirksam wird, daß es der Vorstellung D. die Wage hält; so entstehet ein Stocken im Sprechen. Es ist nehmlich zwischen den Gliedern der Kette, die sich einander nachziehen sollen, ein Hinderniß eingetreten, das ihre fernere Bewegung hemmet. Nimmt K, durch Nebenideen etwa, an Kraft und Wirksamkeit zu; so erfolgt der unzweckmäßige Anstoß k, anstatt des zweckmäßigen und verlangten Anstoßes d. Die Seele wird dieses gewahr, hält ein, und ziehet sich gleichsam zurück, um durch Lenkung der Aufmerksamkeit, die Gewalt der Vorstellung D. zu verstärken, und den Anstoß d. hervorzubringen. Dieses gelinget zuweilen; aber zuweilen entsteht durch diese Bemühung blos ein zweites Stocken, das mit dem vorigen denselben Weg nimmt. Die fremde Vorstellung, welche diese Verwirrung verursacht, kann zuweilen von der Beschaffenheit seyn, daß sie in die Reihe der zweckmäßigen Ideen gar nicht passet, sondern aus einer ganz andern Folge von Begriffen sich hier eingemischt hat. Mehrentheils aber scheint es eine spätere Idee zu seyn, die der Stotternde anticipirt, ein Glied der Ideenkette, das zu früh eintreten will, und dadurch die Bewegung hemmet. Die Vorstellung K. nehmlich, die nach dem Erfordern des Vorsatzes, erst in der Folge, nach I. ihren Platz hat, erhält etwas zu früh das größte Moment der [59]Kraft, und unterbricht dadurch die Einwirkung der zweckmäßigen Vorstellung D.

Das Stottern wäre also, nach dieser Hypothese, nichts anders, als eine Art von Collision einer zweckmäßigen mit einer unzweckmäßigen Idee, welche beide auf die Sprachwerkzeuge zugleich wirken wollen, und fast gleiche Momente der Kraft haben. Die Glieder der Ideenkette, die sich, ohne unmittelbare Lenkung der Seele einander nachziehen sollen, werden, durch eine fremde Idee, die sich dazwischen gelegt, aufgehalten, und nunmehr findet die hinzutretende Seele ihre Schwierigkeit, das Hinderniß aus dem Wege zu nehmen.

In einer Gemüthsbewegung drängen sich gewisse Ideen mit einer solchen Lebhaftigkeit und Wirksamkeit vor, daß sie gar leicht den Lauf der zweckmäßigen Ideen unterbrechen können.

Wenn wir uns in einer fremden Sprache ausdrücken wollen, so pflegen wir selten, so lange sie uns nicht sehr geläufig ist, in derselben zu denken, sondern wir denken noch immer in der Muttersprache, und übersetzen uns selbst, in währendem Sprechen, aus der geläufigen in die fremde Sprache. Wir haben also zu gleicher Zeit, nicht nur für das Gegenwärtige, in einer Sprache zu denken, in welcher sich der Ausdruck von selbst darbietet, und in einer andern den Ausdruck aufzusuchen, der uns zu fliehen scheinet; sondern müssen auch für das Nächstkünftige sorgen, denken und übersetzen, damit wir [60]nicht stocken. Wie leicht ist hier nicht Collision möglich?

Je mehr Personen auf die Worte des Redenden aufmerksam sind, destomehr fremde Vorstellungen können sich einmischen, und ihn in Verwirrung bringen, und dieses um desto leichter, wenn sich die Furcht mit einmischt, ihnen durch den Fehler in der Sprache zu misfallen.

Beim langsamen Lesen oder Singen würkt die Seele weniger durch dunkele Ideenreihen und sich selbst überlassene Fertigkeiten, als durch rege Aufmerksamkeit, mit Willen und Bewußtseyn, und kann daher weit weniger von einer fremden, unzweckmäßigen Vorstellung beschlichen und in Verwirrung gebracht werden. Das laute Lesen hat noch überdem den Vortheil, daß die Seele vermittelst des Gehörs, sinnlich beschäftiget und an das Gegenwärtige in der zweckmäßigen Ideenreihe gleichsam befestiget wird; dadurch sie weit weniger ausschweifen und auf etwas fremdes zu verfallen, aufgelegt wird.

So kann auch auf die entgegengesetzte Weise, durch die äußerste Schnelligkeit, mit welcher der Stotternde die Reihe der Worte durchfährt, die innige Verknüpfung der würksamen Begriffe verstärkt, das Eintreten fremder unzweckmäßiger Ideen verhindert, und die Sprachwerkzeuge in den Stand gesetzt werden, über die schwierige Silbe ohne Anstoß hinzurollen. Eben so, wie in der physischen [61]Bewegung ein Hinderniß, das im Wege liegt, leichter zu überkommen ist, wenn wir ausholen, und mit der möglichsten Geschwindigkeit darauf zueilen.

Das beste Mittel wider dieses Uebel ist, meiner Erfahrung nach, folgendes: Man gewöhne sich frühzeitig niemals anders, als laut und langsam zu lesen, und vornehmlich nicht mit den Augen zuvoreilen, und das Folgende zu schnell vorausnehmen zu wollen. Man belege sich vielmehr das Folgende mit der Hand, und lasse Silbe nach Silbe, so wie sie ausgesprochen werden soll, erst in die Augen fallen. Hierdurch werden nicht nur fremde Vorstellungen entfernt, sondern hauptsächlich das Zuvoreilen späterer Begriffe verhindert, welches in den mehresten Fällen die Ursache des Stotterns zu seyn pflegt. Anfangs wird diese Uebung am besten mit solchen Sachen vorzunehmen seyn, die noch unbekannt sind, davon man also das Folgende nicht aus dem Gedächtnisse vorausnehmen kann. Nach und nach versuche man es mit bekanntern Sachen. Man wiederhole die Bemühung öfters in Gegenwart andrer und vornehmlich solcher Personen, denen man Ehrerbietung schuldig ist, und zu gefallen Ursache hat. Dadurch wird die Seele in der Fertigkeit gestärkt, ihre Ideenreihe in Ordnung zu halten, und alle fremden und unzweckmäßigen Vorstellungen zu entfernen.

In den übrigen Gliedmaßen der freiwilligen Bewegung kann sich etwas ähnliches zutragen, als [62]hier zur Erklärung des Stotterns in Absicht auf die Gliedmaßen der Sprache angenommen worden ist, und hieraus läßt sich das Schwanken und Taumeln der berauschten und fieberhaften Personen, so wie das Zittern der Alten und Schwächlichen begreiflich machen. Bei jenen folgen die Ideen zu schnell auf einander, und die Gliedmaaßen der Bewegung können ihnen in eben der Geschwindigkeit nicht folgen. Es durchkreuzen sich auch bei ihnen verschiedene Ideenreihen, und laufen dermaßen durcheinander, daß sie öfter in Collision kommen, und sich einander hemmen; daher wechselsweise das schnelle Zufahren in der Bewegung und das öftere Stocken, welches zusammengenommen das Taumeln genennt wird. Bey alten und schwächlichen Personen aber folgen zwar die Ideen mehrentheils in ihrer natürlichen Geschwindigkeit aufeinander; allein die Gliedmaaßen der Bewegung sind bey jenen zu steif, bey diesen zu schwach, mit den würksamen Ideen gleichen Schritt zu halten, und ihnen in eben der Zeit harmonisch zu folgen. Es mischen sich also fremde und itzt nicht zum Zweck dienliche Begriffe mit ein, und bringen die Reihe der organischen Stöße, die der Reihe der würksamen Ideen entsprechen soll, in Unordnung und öftere Unterbrechung. Der Schwindel selbst scheint nichts anders zu seyn, als das Durchkreutzen und Ineinanderlaufen verschiedener Reihen von unwürksamen Begriffen, die sich mit einer solchen Lebhaftigkeit ineinander verlieren, daß [63]die Seele zu schwach ist, sie dem Bewußtseyn unterzuordnen, und sich derselben zu bemeistern. Man wird sich dieses deutlich machen können, wenn man auf die verschiedne Art aufmerksam ist, auf welche der Schwindel zu entstehen pflegt. Jedoch ich verlasse diese besondere Krankheit, die ein philosophischer Arzt von meinen Freunden mit mehrerer Ausführlichkeit zu behandeln im Werke hat, b und verweise meine Leser auf die Abhandlung desselben, die wahrscheinlicherweise nächstens zum Vorschein kommen wird.

Ich komme zu der seltnen Beobachtung, die Herr Spalding an sich selbst gemacht hat, und die zu diesem Aufsatze die Veranlassung gewesen. Jener Weltweise spricht: die Frage eines Weisen führet die Antwort zur Hälfte mit sich. Mich dünkt, dieses treffe allhier vollkommen ein. Herr S. hat mit so vieler Genauigkeit beobachtet, und die Umstände, die er wahrgenommen, so treffend beschrieben, daß die Hypothese, aus welcher sie erklärt werden können, sich gleichsam von selbst darbietet. Man darf nur seiner Erzählung folgen, und dabei nicht aus der Acht lassen, was oben von der Harmonie zwischen den würksamen Begriffen und organischen Stößen ist angeführt worden.

»Ich hatte, erzählt Herr S., denselben Vormittag in geschwinder abwechselnder Folge viele Leute sprechen, vielerlei Kleinigkeiten schreiben müssen, wobei die Gegenstände fast durchge-[64]hends von sehr unähnlicher Art waren.« Diesem nach entstunden in ihm viele Ideenreihen mancherlei Art, deren verschiedene auf dieselben Organe des Sprechens und Schreibens wirksam waren. Diese mußten sich einander desto öfter durchkreutzen und in Verwirrung bringen, je weniger Verbindung sie unter sich hatten, und je mehr die Aufmerksamkeit, wie Herr S. hinzusetzt, immer auf etwas anders gestoßen ward. Dergleichen vielerlei Geschäfte, die durcheinander laufen, pflegen bei jedem andern schon Zerstreuung zu verursachen; einen Zustand, in welchem wir etwas anders verrichten, als wir verrichten wollen. Bei einem Manne, der gewohnt ist, anhaltenden, bündigen Betrachtungen nachzuhängen, und vielleicht geringfügige Geschäfte dieser Art mit Unlust verrichtet, mußte die Wirkung stärker und von längerer Dauer seyn. Seine Aufmerksamkeit ward desto härter angegriffen, da sie nicht gewohnt ist, sich so zerren und stoßen zu lassen, und jeder Kleinigkeit, die sie auffordert, sogleich zu Dienst zu seyn; daher sie am Ende so eingenommen und gleichsam betäubt ward, daß sie seiner freyen Willkühr den Gehorsam versagte, und sich nicht mehr von dem Bewußtseyn des Vorsatzes lenken ließ.

»Zuletzt, fährt Herr S. fort, war noch eine Quitung zu schreiben. Ich setzte mich nieder, schrieb die beiden ersten dazu erforderlichen Wörter.« Hier trat, nach meiner Hypothese, eine [65]fremde, auf eben das Organ würkende Idee dazwischen, hielt der zweckmäßigen Idee die Wage, und unterbrach die Folge der organischen Stöße. »In dem Augenblicke, erzählt der Beobachter, war ich nicht weiter vermögend, weder die übrigen Wörter in meiner Vorstellungskraft zu finden,« (die Menge der mannigfaltigen Ideen hatte diese Dunkelheit verursachet) »noch die dazu gehörigen Züge zu treffen« (die zweckmäßigen Vorstellungen waren am Moment der Kraft in diesem Augenblicke nicht die stärksten). »Ich strengte aufs äusserste meine Aufmerksamkeit an, suchte langsam einen Buchstab nach dem andern hinzumahlen« (grade so, wie die Stotternden beim Sprechen, zuweilen mit gutem Erfolge, zu thun pflegen,) »mit beständigem Rückblick auf den vorhergehenden, um sicher zu seyn, ob er auch zu demselben passe« (daß sich Hr. S. dieses Rückblicks und der Bedenklichkeit, ob auch der Buchstab passen würde, so deutlich bewußt war, mag wohl den Zustand in etwas verschlimmert haben; indem dadurch die Aufmerksamkeit noch mehr getheilt, und unzweckmäßigen Ideen mehr Gewalt eingeräumt wurde) »merkte aber doch, und sagte es mir selbst, daß es nicht diejenigen Züge würden, die ich haben wollte.« (Eben so, wie der Stotternde eine Silbe nicht herausbringen kann, und eine andre dafür hören läßt. Er merkt es, daß es nicht die zweckmäßige Silbe sei, hält ein, und setzt zu verschiedenen Malen von neuen an, [66]um die rechte, zur Absicht dienliche Silbe tönen zu lassen.)

»Ich brach also ab, fährt Hr. S. fort, hieß den Mann, der darauf wartete, theils einsilbigt, theils durch Winken, weggehen, und überließ mich unthätig dem Zustande, in welchem ich mich befand. Es war eine gute halbe Stunde hindurch eine tumultuarische Unordnung in einem Theile meiner Vorstellungen« (in der Region der würksamen Ideen) »in welchen ich nichts zu unterscheiden vermochte: nur daß ich sie ganz zuverläßig für solche Vorstellungen erkannte, die sich mir ohne und wider mein Zuthun aufdrängten, deren Unwichtigkeit ich einsahe, auf deren Wegschaffung ich arbeitete, um den eignen und bessern Ideen, deren ich mir im Grunde meiner Denkkraft« (in der Region der unwürksamen, spekulativen Ideen,) »bewußt war, mehr Luft und Raum zu verschaffen. Ich warf mich nehmlich, so viel ich unter dem Schwarm der andringenden verwirrten Bilder konnte, auf die mir geläufigen Grundsätze von Religion, Gewissen, und künftiger Erwartung zurück: ich erkannte sie für gleich richtig und fest: ich sagte mir selber, mit der größten Deutlichkeit und Gewißheit: wenn ich, das eigentliche denkende Wesen, jetzt gleich, etwa durch eine Art von Tod, aus diesem in dem Gehirn erregten Getümmel, welches mir, nach meiner innersten Empfindung, immer etwas fremdes außer mir selbst vor-[67]gehendes blieb, herausgesetzt würde; so würde ich in der besten glücklichsten Ordnung und Ruhe fortdenken und fortdauern. Bei dem allen war nicht die mindeste Täuschung der äusserlichen Sinnlichkeit: ich sahe und kannte alles um mich herum in seiner wahren Gestalt: nur des fremden Andranges und Gewirres im Kopfe konnte ich nicht loswerden. Ich versuchte zu reden, gleichsam zur Uebung, ob ich etwas zusammenhangendes hervorzubringen im Stande wäre; aber so sehr ich auch Aufmerksamkeit und Gedanken zusammenzwang, und mit der äußersten Langsamkeit dabei verfuhr; so merkte ich doch bald, daß unförmliche und ganz andere Gedanken erfolgten, als die ich wollte: meine Seele war itzt eben so wenig Herr über die innerlichen Werkzeuge des Sprechens, als vorhin des Schreibens.«

Man siehet gar deutlich, daß die Seele unsers Beobachters, was die unthätigen spekulativen Ideen betrift, ihre Funktion ohne Fehler und Verwirrung verrichten konnte: das Widernatürliche lag bloß in der Funktion der eigentlichen wirksamen Ideen, die in die Gliedmaßen des Sprechens und Schreibens wirken und die ihnen gemäßen körperlichen Veränderungen hervorbringen sollten. Hier hatten sich mancherlei andre, unzweckmäßige Ideen dermaßen gehäuft und zusammengedrängt, daß sie sich zwar einander das Licht benahmen und dunkel in der Seele schwebten; aber das Moment ihrer Kraft ward [68]dadurch nicht vermindert, und sie stellten sich der Seele gleichsam in den Weg, so oft sie eine von den ihr sonst so willigen Saiten, nach Erforderniß ihres Endzweckes, berühren, und in Bewegung setzen wollte. Wir sind zwar Meister über unsre Aufmerksamkeit, und im Stande, sie nach unserm Vorsatze zu lenken; aber nur bis auf einen gewissen Grad. Die Gewalt der Ideen kann aber so sehr zunehmen, daß wir mit aller Anstrengung die Aufmerksamkeit von ihnen nicht abrufen können, und in der Region der wirksamen Ideen können die dunkelsten Begriffe eine solche Gewalt besitzen, oder vielmehr die Begriffe, die eine so große praktische Gewalt haben, sind mehrentheils undeutlich, wegen der Geschwindigkeit, mit welcher sie aufeinander folgen, wie bei allen Fertigkeiten und Geschicklichkeiten der Menschen zu ersehen ist.

Daß in der Region der Gedanken alles wohl und in Ordnung sey, und gleichwohl in der Region der wirksamen Ideen etwas widernatürliches, oder gar eine gänzliche Unfähigkeit obwalten könne, habe ich selbst, bei der Nervenschwäche, an der ich seit vielen Jahren leide, nur zu oft erfahren. Die Zufälle meiner Krankheit hat mein Freund, der D. Bloch, der mich, als Arzt und Freund genau zu beobachten Gelegenheit gehabt, in seinen Beobachtungen c mit vieler Deutlichkeit beschrieben. Im Anfalle, der mich beim ersten Erwachen aus einem unruhigen Schlafe anzuwandeln pflegte, hatte ich mein völliges [69]Bewußtseyn, war im Stande, jede Gedankenreihe, die ich mir vornahm, mit Ordnung und Deutlichkeit zu verfolgen; nur daß ich aller willkührlichen Bewegung schlechterdings unfähig war; weder ein Glied am Leibe regen, noch einen Laut von mir geben, oder die Augen aufthun konnte, und jede Bemühung, die ich anwandte, irgend ein Glied zu bewegen, war völlig fruchtlos, und vermehrte nur die sehr widrige Empfindung, von welcher dieser Zustand begleitet war. Es war mir nehmlich dabei, als wenn etwas glühendes vom Gehirn herab, den Rückgrad entlang, einströmen wollte, und Widerstand fände, oder als wenn jemand mit glühenden Ruthen mir den Nacken geisselte. Ich mußte mich also vollkommen ruhig halten, bis ein Eindruck von außenher den Lebensgeistern gleichsam die Schleusen öfnete, daß sie freien Einfluß hatten, und nunmehr war auch in demselben Augenblick alles wieder hergestellt, und ich völlig wieder Herr über meine freiwilligen Bewegungen.

Demohngeachtet aber ist es immer dieselbe Seele, dieselbe einfache Substanz, welche beides verrichtet, Gedanken hat, und Willkühr oder freien Willen ausübt; nur daß sie, so wie der Körper, in Absicht auf Eine von ihren Funktionen in einen widernatürlichen Zustand gerathen und gehemmet werden kann; das heißt, die Seele kann, so wie der Körper in Ansehung dieser Verrichtungen, gesund und wohl, und in Ansehung einer andern hingegen [70]schwach oder krank seyn. Dasselbe denkende Wesen, das Hr. S. sein eigentliches Ich nennet, und das von Seiten seiner Gedankenfähigkeit völlig gesund war, empfand von Seiten seiner Bewegungsfähigkeit, die Verwirrung, das Fremde, Widernatürliche, die Indisposition, die leicht in eine Krankheit hätte übergehen können. Die Reihe der spekulativen unthätigen Begriffe blieb in ihrem natürlichen Zustande und konnte, so oft der Denker wollte, mit freier Willkühr fortgesetzt werden. Aber die Reihe der thätigen Ideen, und der mit ihnen harmonisch zu erregenden organischen Stöße hatte gelitten. Hier war der Andrang und das Getümmel, welches Hr. S. fühlte; und so oft er ans Reden oder Schreiben ging, drang sich aus dieser Verwirrung immer eine fremde unzweckmäßige Vorstellung vor, die auf dasselbe Organ wirkte, und eine andre Bewegung hervorbrachte, als er haben wollte.

Mich dünkt indessen, Hr. S. habe in der Ueberraschung einen mißlichen Versuch gewagt, in währendem Andringen verwirrter Bilder und Vorstellungen, sich nach seinen philosophischen und religiösen Betrachtungen umzusehen, und seine Aufmerksamkeit von dem gegenwärtigen Getümmel gleichsam mit Gewalt abzuziehen. Dieser Versuch hätte, wo ich nicht irre, von traurigen Folgen seyn können. Jene Betrachtungen, auf die sich Hr. S. zu werfen wagte, enthalten blos spekulative Ideen, die unmittelbar auf keine äußere Gliedmaßen wirken. Und [71]in dem Gehirn selbst, wo sie so lebhaft wirken, beschäftigen sie, als allgemeine, abstrakte Begriffe, bloß einen gewissen Bezirk, eine ihnen zukommende Region, und lassen das übrige System ohne alle Thätigkeit. Sie erfordern also mehr Sammlung und Anstrengung der Lebensgeister und eine stärkere Richtung derselben gegen die obern Theile, als in dem tumultuarischen Zustande, in welchem sie sich bei Hrn. S. ohnehin befanden, dienlich gewesen seyn mochte, und daher mußten sie, wie mich dünkt, das Uebel vermehren. Eine freie Aussicht in die offene Natur; ein ruhiger Blick auf das thätige Leben der Menschen und Thiere; ein körperlicher Schmerz, oder jede andre äußere sinnliche Empfindung von einiger Kraft, etwas Speise oder ein kühlender Trunk, den er etwa zu sich genommen hätte, würde wahrscheinlicher Weise heilsamer gewesen seyn. Dadurch würden die Lebensgeister von ihrem allzuheftigen Andrange im Gehirne abgeleitet, und in das ganze Nervensystem gleichmäßig vertheilt worden seyn. Nur durch sinnliche Eindrücke werden die Ideenbilder in Ordnung gebracht, und Licht und Schatten so über die Masse verbreitet, daß sie sich einander unterstützen, und die Wirkung des Ganzen befördern helfen. Betrachtungen und Vernunftgründe, wie diejenigen, denen sich Hr. S. überließ, mußten grade von entgegengesetzter Wirkung seyn; ja die Besorgniß, die er sich in diesem Zustande machte, die doch wahrscheinlicherweise mit einiger Unruhe verbunden [72]seyn mußte, konnte nach meiner Hypothese den Zustand nicht wenig verschlimmern helfen; indem jede Gemüthsbewegung die ordentliche Einwirkung wirksamer Ideen auf die Organe zu verhindern pflegt; wie solches vom Stottern ist angemerket worden.

Es thut nichts zur Sache, daß Hr. S. sich auf nichts in seinen vorhergegangenen Vorstellungen oder Geschäften zu besinnen wußte, das zu den unverständlichen Worten, die er in der Verwirrung niederschrieb, hätte Anlaß geben können. Wir haben gesehen, daß die dunkelsten Empfindungen, die mit keinem Bewußtseyn der Seele verbunden sind, auf die Organe dennoch sehr kräftig wirken, und die zweckmäßigen willkührlichen Handlungen hervorbringen, und eben so wohl unterbrechen können. Ein Wort, das etwa in währender Verwirrung in einem Nebenzimmer laut gesprochen ward, konnte zufälliger Weise, da alles in dem Haupte Hrn. S so gespannt war, einen sehr lebhaften Eindruck machen, und von stärkerer Wirkung in die Organe seyn, als die zweckmäßige Idee, die kein sonderliches Interesse hatte. Indem nun Hr. S. seine Lebensgeister anstrengte, die Bewegung der Hand hervorzubringen, die zu seinem Endzweck erforderlich war, drang jene fremde Vorstellung vor, und ließ ihn etwas unzweckmäßiges niederschreiben, so wie dem Stotternden wider Willen Silben entfahren, die er nicht hat aussprechen wollen. Die Seele, ihres Vorsatzes deutlich bewußt, merkte gar bald, daß etwas [73]unrechtes hingeschrieben worden, hielt ein, um von neuem wieder anzusetzen; daher das Unterbrochene, Unvollendete in der Sprache des Stotternden sowohl, als in dem Niedergeschriebenen des Hrn. S. ― Und eben dieses, daß die unwillkommenen Ideen in der Seele fremde waren, und sich nur zufälliger Weise eindrängten, daß sie noch das Bürgerrecht nicht erlangt, an keine Reihe von Begriffen sich angefügt hatten; eben dieses, sage ich, ist die Ursache, daß sich Hr. S. ihrer nachher nicht wieder zu erinnern vermochte. Man hat im Traume zuweilen die lebhaftesten und wirksamsten Vorstellungen; man weiß es, beim Erwachen, daß man dergleichen gehabt, ohne sich ihrer wieder erinnern zu können, so lange man nicht auf eine Idee geräth, die mit ihnen verbunden ist, und vermittelst derer jene hervorgerufen worden. Die Seele kann nur diejenige abwesende Vorstellung anrufen, zu der sie das eine Ende der Schnur gleichsam vor sich hat, um sie anziehen zu können. So lange sie dieses nicht gefunden hat, ist ihre Bemühung vergebens. Nur vermittelst des Gegenwärtigen ist die Seele im Stande, sich des Vergangenen wieder zu erinnern.

Und nun auch etwas auf die philosophische Frage Hrn. S. zu antworten:

»Wenn die ganze Denkkraft von dem jedesmaligen Zustande des Gehirnes abhängt, oder eigentlich darinn liegt; so muß in meinem Fall, der eine Theil meines Gehirns gesund, in gehö-[74]riger Lage und Ordnung, der andre in unordentlicher, verwirrter Bewegung gewesen seyn. Und welcher von beiden sagte denn: ich? unterschied die durcheinander kreutzenden Vorstellungen von sich selber? urtheilte von der Unrichtigkeit derselben? fühlte so innig sich selbst, als etwas ganz anders und abgesondertes von jenem?«

Nach obiger Erklärungsart war eigentlich in dem Gehirn des Herrn S. kein Theil in unordentlicher, verwirrter Bewegung; und es hatten nur fremde, unzweckmäßige Vorstellungen mehr Wirkungskraft erlangt, als sie seinem Vorhaben nach, haben sollten. Das Ich seiner Seele hatte weder Ort noch Bestimmung verändert. Daß wir neben einer Reihe von spekulativen, mit Bewußtseyn verbundenen Ideen, die nicht auf äußere Organe wirken, auch noch so manche Reihe von thätigen Ideen verfolgen, und zum Ziele leiten können, ist bekannt, und bereits oben angeführt worden. Die Seele beherrscht diese verschiedenen Reihen, lenkt jene durch deutliches Bewußtseyn jedes Gliedes, diese durch Gewohnheit und Uebung, und die durch dieselben hervorgebrachten Fertigkeiten; wirkt hier selbst, und läßt dort andre nach ihrem Plane fortwirken. Alles dieses weis sie, wie die Bürger eines wohlgeordneten Staats dermaßen in Harmonie zu bringen, gleichsam wie in eine einzige gruppirende Masse von Licht und Schatten zu verbinden, daß die Wirkung [75]des Ganzen zu ihrem Hauptendzwecke übereinstimmet. Allein sie herrscht in diesem ihrem innern Staate nicht unumschränkt, und ihre Befehle werden nicht alle ohne Weigerung vollzogen. Ihre Kraft überhaupt hat Gränzen. Zuweilen gelanget eine Vorstellung zu einer größern Gewalt, versagt ihr den Gehorsam, will thätig seyn, wo sie nicht soll; verdränget eine zweckmäßige Idee aus ihrer Stelle, oder hemmet sie wenigstens in ihrer Verrichtung; wodurch Unordnung und Stocken in den öffentlichen Angelegenheiten entstehen muß. Die Beherrscherin eilt hinzu, der Unordnung zu steuern. Ihrem Befehle nach sollte eine gewisse Reihe von organischen Stößen hervorgebracht werden, und eine fremde Idee hatte sich dazwischen eingedrängt. Sie suchet also die Aufmerksamkeit, die sie zum Theil in Händen hat, mehr der zweckmäßigen Idee zuzuwenden, und sie dadurch wirksamer zu machen. Es läßt sich aber begreifen, daß die widerspenstige Vorstellung nicht immer alsofort weichen wird, sondern auch zuweilen in dem ersten Kampfe obsiegen, und einen organischen Stoß hervorbringen kann, den der herrschende Theil des Ichs ganz verkennt, und seinem Endzwecke zuwider findet.

Fußnoten:

1: *) So viel nehmlich Organe überall in unsrer Willkühr stehen; als der Kopf, der Mund, beide Hände und beide Füße, ohne die ganz dunkeln Ideen mitzuzählen, die zur Bewegung, Richtung und Haltung des ganzen Körpers, selbst beim Sitzen, erforderlich sind. Die genaue Anzahl der willkührlichen Bewegungen, die zu gleicher Zeit geschehen können, läßt sich schwerlich bestimmen. Es ist erstaunlich, wie weit es gewisse Menschen durch anhaltende Uebungen hierinn gebracht haben.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag vgl. Goldmann 2015, S. 175-193.

b: Herz 1786.

c: Bloch 1774, S. 60-71.

[76]

II.

Fortgesetzte Beobachtungen über einen Taub- und Stummgebohrnen

Moritz, Karl Philipp

Da ich wegen meiner fortdaurenden Kränklichkeit meine Versuche mit diesem Taubstummen, nicht, wie ich wünschte, habe fortsetzen können, so bin ich wenigstens aufmerksam auf seine Handlungen und auf die pantomimische Aeußerung seiner Gedanken gewesen, um daraus auf die Denkart eines solchen Menschen weiter zu schließen.

Ich habe schon von ihm angeführt, wie außerordentlich wahr und richtig seine Erinnerung des Vergangnen, wie stark seine Einbildungskraft, und wie gut seine Beurtheilungskraft ist: nachher aber habe ich auch zu meiner größten Verwunderung bemerkt, daß er fast alle Religionsbegriffe von Gott und Christo, und selbst religiöse und andächtige Empfindungen dabei habe.

So lange ich ihn kenne, hat er beständig einen großen Haß gegen die Juden bezeigt, den ich mir anfänglich nicht erklären konnte, bis er einmal gegen einen, der mich besuchte, erstaunlich aufgebracht war, und durch Ausbreitung der Arme, wie bei einem Cruzifix, und sehr genaue Bezeichnung der fünf Wunden Jesu, sehr deutlich ausdrückte, daß Christus von den Juden gekreuziget sey. Er bildete darauf mit den Fingern eine Figur von zwei Hör-[77]nern auf seinem Kopfe, und drückte durch Pantomime aus, indem er nach dem brennenden Feuer im Ofen wieß, das der Teufel die Juden in die Hölle führen würde.

Dieses mußte ihm natürlicher Weise von seinen Eltern oder andern Leuten in der Kindheit durch Zeichen beigebracht seyn. Aber nun wollte ich untersuchen, ob er auch wohl einen Begriff von Sünde oder Unrecht im religiösen Verstande habe, und zeichnete ihm in dieser Absicht ein Cruzifix aufs Papier, wo ich an dem Kopfe Hörner, und an Händen und Füßen Krallen anbrachte, mit welchen er sich nehmlich den Teufel vorstellte.

Sein Abscheu dagegen war unbeschreiblich. Er sahe mich starr und mit Entsetzen an, und das erste, was er that, war, daß er diese Hörner und Krallen, wovon die Dinte noch naß war, so geschwind er konnte, wieder auswischte, gleichsam, als ob er den Anblick nicht länger ertragen könnte. Indem er auf mich wieß und einen Bart bezeichnete, äusserte er, ich sey wohl selbst ein Jude, oder doch so schlimm wie ein Jude.

Er erzählte dieses sogleich mit eben den verabscheuenden Gebehrden meiner Aufwärterin wieder, und seitdem äußert er auch beständig großen Zweifel an meiner Seeligkeit. Diese bezeichnet er, indem er die Arme wie Flügel leicht emporschweben läßt, und dabei eine heitre, lächelnde Miene annimmt; da er hingegen die Verdammniß auf vorerwähnte [78]Art durch die Gestalt des Teufels, der die Seele in seine Klauen faßt, und sie in den feurigen Ofen wirft, bezeichnet.

Frage ich ihn nun durch Zeichen, ob er wohl glaube, daß ich seelig werde, so will er mich zwar nicht geradezu verdammen, aber er schüttelt doch mit dem Kopfe, und mahlt ein Cruzifix aufs Papier, wobei er alsdann die Hörner und Krallen, die ich dazu gemahlt, zwar mit der Feder über dem Papier bezeichnet, aber es nicht wagt, das Papier mit der Feder wirklich zu berühren, und nur einen Zug davon zu entwerfen. Die Miene, die er dabei macht, ist aus Verwunderung, Andacht und Abscheu zusammengesetzt.

So hält er auch den Selbstmord für eine große Sünde. Denn indem ich einmal in seiner Gegenwart mich stellte, als ob ich mir ein Messer in die Brust stoßen wollte, so suchte er mich durch sehr ernsthafte Mienen und Gebehrden davon abzuhalten, indem er mir zugleich bezeichnete, daß mich gewiß der Teufel hohlen und mit Füßen zertreten würde, sobald ich auf die Weise stürbe.

Ich stellte mich darauf, wie einer, der vor Krankheit auf dem Bette stirbt, um ihn zu fragen, was denn mit mir geschehen würde, worauf er nach seiner Art zu verstehen gab, daß ich alsdenn wohl seelig werden könnte. Dieß war noch vorher, ehe ich die Hörner und Krallen gemahlt hatte.

[79]

Wenn er glaubt, daß ihm selber Unrecht geschieht, und er sich nicht rächen kann, so zeigt er gen Himmel, und macht mit der Hand eine Bewegung, wie der Donner allmälig herankommen, alsdann seinem Beleidiger plötzlich auf den Kopf fahren, und ihn tödten, oder wie Gott ihn mit seinem Donner todtschlagen werde. Dieß ist seine ernsthafteste Aeußerung von der Bestrafung des Unrechts: bei geringeren Veranlassungen begnügt er sich damit, daß er dem, der ihn beleidigt, ein paar Hörner vormacht, als ob er sagen wollte, der Teufel werde ihn schon früh genug hohlen.

Die erste ernsthafte Aeußerung pflegt er auch zu machen, wenn ein Stück Brodt muthwillig an die Erde geworfen, oder damit gespielt und Kugeln davon gemacht werden, welches er ebenfalls für eine der größten Sünden hält.

Bedeutet man ihn, er werde wegen seiner eignen Sünden auch verdammt werden, so giebt er zu verstehen, daß er ja nicht hören könne, und daß sich Gott deswegen sein erbarmen, und ihn seelig machen werde.

Dieß geschahe auch einmal bei der Gelegenheit, wo er mir durch Zeichen vorwarf, daß ich nicht so fleißig in die Kirche gienge, wie meine Aufwärterin, sondern während der Zeit andre Geschäfte triebe; daß er selbst aber nicht hineingienge, entschuldigte er damit, weil er nicht hören könne.

[80]

Uebrigens sind ihm auch viele abergläubische Begriffe von Hexen u.d.gl. beigebracht. Er weiß z.B. sehr genau, wenn die Hexen in der Walpurgisnacht auf den Blocksberg reiten; und hierbei habe ich eben zuerst gefunden, daß er einen sehr richtigen Kalender im Kopfe hat: denn den Abend vor dem ersten May beschrieb er zu meiner großen Verwunderung alle Thüren und Eingänge mit Kreuzen, ohne daß ihn, wie ich gewiß weiß, irgend jemand ein Wort von der bevorstehenden Walpurgisnacht gesagt hatte.

Eben so bezeichnete er mir auch nachher, wenn es Ostern, Pfingsten, oder Himmelfahrtstag war. Es wäre doch wirklich viel, wenn er einen Tag nach dem andern zählte und sich merkte, und nun die ganze Reihe dieser vergangnen Tage im Gedächtniß behielte, wie es doch beinahe der Fall seyn muß, wenn er wirklich eine Art von Kalender im Kopfe hat. Auch kann er an dem Standpunkte der Sonne sehn, was die Uhr ist, und trift dieß gemeiniglich sehr richtig.

Wenn er bezeichnen will, daß er etwas wisse oder nicht wisse, so zeigt er mit dem Finger auf die Stirne, wobei er entweder mit dem Kopfe nickt oder schüttelt. Es sieht poßierlich aus, wenn er bedeuten will, daß einer verrückt sey, alsdann zeigt er ebenfalls mit dem Finger auf die Stirne, und macht dabei eine sonderbare verwirrte Miene.

[81]

Einmal hatte er sich oder jemand anders ihm in den Kopf gesetzt, daß mir der König jährlich 30 Rthlr. für ihn bezahlte; bis ich ihm diese Vorstellung aus dem Kopfe brachte, glaubte er beständig Unrecht zu leiden. Seine Kleidung, Essen, nichts war ihm gut genug, und er hatte mich bei jeder Gelegenheit im Verdacht, daß ich das Königliche Geld unterschlüge, und er darüber leiden müsse.

Gegen den König bezeigt er sehr viel Respekt. Wenn man ihm allerlei Fragen thut, was er werden will, und ihn unter andern, durch einen großen Stern, den man auf die Brust zeichnet, frägt, ob er etwa König werden wolle, so macht er dabei eine Miene, wie bei einer delikaten und gefährlichen Sache, und bezeichnet, daß ihm alsdann der Kopf werde vor die Füße gelegt werden.

Als das erste Stück dieses Magazins herausgekommen war, so ich ihm seinen Nahmen in demselben, den er wegen der Aehnlichkeit der gedruckten mit den geschriebnen Buchstaben sogleich erkannte, und dieß that eine ganz außerordentliche Wirkung auf ihn. Allen, die er kannte, zeigte er mit Verwundrung und Freude seinen Nahmen in einem gedruckten Buche. Ich bezeichnete ihm nun, daß einige Seiten bloß von ihm handelten, und er fand auch hier die Buchstaben b, d, f, u.s.w., die er zuerst hatte aussprechen lernen, besonders gedruckt, dieß vermehrte noch seine Verwunderung. Als ich ihm aber am Ende des Aufsatzes die Wör-[82]ter stolz und neidisch erklärte, und bezeichnete, daß sie ebenfalls auf ihn gingen, so war nun seine Aergerlichkeit hierüber eben so groß, als vorher seine Freude darüber, daß er seinen Nahmen gedruckt sah.

Sobald das zweite Stück dieses Magazins herauskam, und er es bei mir auf dem Tische liegen sahe, blätterte er es gleich sehr sorgfältig durch, um zu sehen, ob er wiederum seinen Nahmen darinn finden würde.


III.

Geschichte eines taub- und stummgebohrnen Frauenzimmers.

Paulmann, Johann Ludwig

Dorothea Johanna Catharina Klingesporn, ist den 4ten Mai 1751 hieselbst in Braunschweig gebohren. Ihr seeliger Vater, Christian Gottfried Klingesporn, war ein Musquetier, und ihre, auch schon längst verstorbene Mutter, hieß Ilse Maria Klingesporn. Diese Eltern erfuhren leider bald aus allerhand Proben, daß ihr Kind nicht müßte hören können; aber sie befürchteten hierbei nicht zugleich auch das andere traurige Elend, daß es stumm wäre. In den Jahren aber, da sich bei den Kindern sonst die völlige Sprache zeiget, bemerkten sie auch den Mangel der Sprache bei ihrem Kinde mehr denn zu gewiß. Ohngefähr da es sechs Jahr alt war, hat-[83]ten die Eltern Gelegenheit, es dem damals sehr berühmten Hofrath Heister, da er sich eben in Braunschweig aufhielt, vorzuzeigen, und dieser große Arzt seiner Zeit, sagte es ihnen, daß keine Hofnung wäre, daß ihr Kind je würde hören und sprechen können. So wurde es also damals für ein taub- und stummgebohrnes Kind gehalten, und dafür hält sie ein jeglicher noch, der sie kennet. Damit ich aber hier nichts schreiben möchte, wovon ich nicht, so viel möglich, vergewissert wäre, so erbat ich mir hierüber das Urtheil des hiesigen einsichtsvollen Hofmedikus dü Roi, welches ich auch erhielt.

Ich komme wieder zurück in meiner Erzählung, auf die Jugendjahre dieses tauben und stummen Mädchens. Ihre Eltern machten mit ihr alle Versuche, ob ihr nicht sowohl im Irrdischen, als auch besonders in der Religion etwas könnte beigebracht werden. Sie schickten sie viele Jahre nacheinander zur Schule, und auch dahin, wo sie in Handarbeiten Unterricht haben konnte. Von den irrdischen Geschäften lernte sie verschiedenes; aber in der Schule weiter nichts, als mechanisch das Schreiben; und nicht das geringste von der Religion.

Nachdem ihre Eltern frühzeitig verstorben waren, so nahm sie ihre jetzt im 92ten Jahre noch munter und gesund lebende Großmutter zu sich und hat sie bereits dreizehn Jahr als eine Vater- und Mutterlose Waise verpfleget. Auch diese ihre alte [84]Großmutter hat anfangs noch einige Bemühungen angewandt, um ihr Großkind noch ein mehreres lehren zu lassen. Allein alle Frucht, die sie davon hatte, war, daß sie in irrdischen Geschäften, Nähen, Stricken, auch Verkaufung der Gartengewächse immer geschickter wurde. Von der Religion aber wußte sie nichts.

In einem solchen bejammernswürdigen Zustande war sie nun bereits 25 Jahr alt geworden, als sie mir hier, in einem gewissen Hause christlicher Menschenfreunde, wohin dieselbe nebst ihrer Baase öfters mit Gartengewächse gekommen, zu meiner Untersuchung, ob ihr nicht noch wohl einige Kenntniß der Religion beizubringen, und zugleich meiner Fürsorge, wer dazu wohl zu gebrauchen sei, gütigst anempfohlen wurde. Man communicirte mir hiebei des Herrn Superintendenten Lasius Unterricht der taub- und stummen Fräulein von Meding.

Ich machte hierauf mit unserer Tauben und Stummen eine Probe. Sie hatte wirklich von der Religion nicht das geringste Erkenntniß. Aber ich bemerkte bei ihr ein recht sanftes, freundliches, lehrbegieriges, folgsames Wesen, was zu lernen, und anzunehmen. Nun gedachte ich darauf, wem ich hier wohl mit am besten, zur beständigen Aufsicht und zur täglichen Unterweisung, sie anvertrauen könnte. Nach einigen Tagen redete ich desfalls mit dem hiesigen Schulhalter, den ich als einen treuen, fleißigen Schulmeister schon lange gekannt [85]hatte, und bat ihn, daß er sie in sein Haus nehmen, und unter göttlicher Gnade einen Versuch mit ihrer Unterweisung machen möchte. Ob es ihm nun gleich nicht möglich war, die Taube und Stumme in seine Wohnung aufzunehmen, so war er doch willig genug, sie täglich zu unterrichten. Er erhielt von mir einige hiezu dienliche Bücher, und zugleich meinen Rath, wie das Werk wohl unter göttlichen Beistand anzufangen wäre.

Er fing wirklich dies wichtige Werk mit der Hülfe Gottes vor anderthalb Jahren an; widmete dazu täglich zwo Stunden, und so setzte er es mit allem treuen ununterbrochenem Fleiße fort. Seine angewandten Bemühungen segnete Gott von Zeit zu Zeit recht merklich. Jeder, der davon ein Augenzeuge wurde, mußte darüber erstaunen. Selbst verschiedene Standespersonen bewunderten, wenn er mit seiner Schülerin zu ihnen gerufen wurde, ihre erlangte Kenntniß der Religion. Nach allen meinen möglichst angestellten Prüfungen glaubte ich, daß sie, nach den Fähigkeiten, die ihr Gott gegeben hatte, so viel von dem Christenthum gefasset, daß sie wohl könnte confirmiret und zum heiligen Abendmahle angenommen werden.

Ich berichtete hierauf das alles, was bisher mit Unterweisung dieser Tauben und Stummen vorgegangen, und wie weit ich glaubte, daß sie in der Kenntniß der Religion gekommen sei, mit aller Unterthänigkeit an Ihro Durchlauchten, unsern [86]gnädigsten Herzog. Höchstdieselben geruheten auch durch ein gnädigstes Rescript Höchstdero huldreichstes Wohlgefallen auf die mildeste Weise hierüber zu bezeugen.

So wurde nun also ein Tag zu der heiligen Confirmationshandlung dieser Tauben und Stummen angesetzt, und ein jeder, der dieser Handlung beiwohnete, preisete die wunderbare Güte Gottes, die er an ihr bewiesen hatte.

Jeglicher rühmte auch den treuen Fleiß ihres Schullehrers; und ich selbst kann ihm hier öffentlich das gewissenhafteste Zeugniß geben, daß er sie mit aller Treue und unermüdeten Fleiße unterwiesen hat. Davon habe ich mich so oft aus dem Augenscheine überzeuget, und die heiligen Handlungen, die ich mit dieser seiner Schülerin habe anstellen können, sind davon auch sichere Beweise.

Und damit der geneigte Leser selbst von dem, was ich von seinem Fleiße und seinen treuen Bemühungen gerühmt habe, ein gütiges Urtheil fällen möchte; so hat er einige Nachrichten von der Lehrart, nach welcher er die Taube und Stumme unterrichtet, aufsetzen müssen. Er hat diesen Aufsatz so gemacht, wie er hier zu lesen ist. Ich hätte freilich wohl einiges darinnen weiter ausdehnen, anderes enger zusammenziehen; und hie und da dieses und jenes ändern können; aber ausser einigen Verbesserungen in der Schreibart und in dem Ausdruck, habe ich lieber die Sachen selbst so [87]lassen wollen, wie sie aus seinem guten Herzen ungekünstelt geflossen sind.


Einige Nachrichten von der Lehrart, nach welcher die Unterweisung der Taub- und Stummgebohrnen Dorothea Johanna Catharina Klingesporn, unter göttlicher Gnade angefangen und fortgesetzt ist.

Es war am 20ten März 1776, da mich der hiesige Herr Pastor Paulmann hohlen ließ, und mir eröfnete, daß sie wegen Unterrichts dieser Person ein Vertrauen in mich gesetzet, und mich zu diesem wichtigen und seeligem Geschäfte ausersehen hätten: ich möchte nach aller Treue und Fleiß thun, was mir möglich wäre. Sie wollten nicht ermangeln, mich mit Rath und Beistand zu unterstützen. So bereit und willig ich nun war, zur Ehre Gottes und zum Dienste meines Nächsten auch in diesem Falle alles beizutragen, so war es mir doch ein fremder Gedanke, wie es möglich wäre, eine taube und stumme Person zu unterrichten. Worauf mir der Herr Pastor des Herrn Superintendent Lasius Unterricht von der taub- und stummgebohrnen Fräulein von Meding, und des Herrn Pastor Solbrigs Bericht von Unterweisung tauber und stummer Personen zum Gebrauch reicheten, und dabei alle mögliche Anweisung gaben. Dieses machte mir Muth und Hofnung, daß da es doch nicht bei andern Personen unmöglich gewesen, so würde Gott auch zu diesen vorzunehmenden Unterrichte seinen Seegen geben.

[88]

Ich versprach nach aller schuldigsten Treue und Fleiß zu thun, was mir unter göttlicher Gnade möglich wäre. Und ich hatte Ursach Gott zu danken, daß er mich als ein Werkzeug in seiner Hand gebrauchen wollte, das Elend meines Nächsten in etwas zu erleichtern.

Worauf wir an dem Tage den Anfang machten, und auf alle Art versuchten, ob es nicht möglich wäre, daß sie Buchstaben könnte aussprechen lernen. Allein vergebens, kein anderer Buchstabe wurde gehöret als B, weil das eine Prellung der Lippen ausmachte. Da nun nach aller ersinnlichen Bemühung, sie reden zu lehren, keine Hofnung war, so mußte ich auf Mittel denken, ihr andere Wege zu bahnen, um ihr doch für das erste eine richtige Kenntniß der Buchstaben beizubringen. Ich sahe mich in diesem Falle von vorerwehnten Büchern verlassen. Da die Fräulein von Meding die Buchstaben schon gekannt hatte; in Solbrigs Bericht aber keine Erwähnung dieserhalb geschehen, und das von dem Herrn Superintendent Lasius angezeigte Fingeralphabet uns wohl zu weitläuftig gewesen seyn möchte, indem ich nur täglich zwo Stunden zu diesem Unterricht widmen konnte. Daher machte ich den Versuch, und nahm einen Stock, dessen eines Ende sie zwischen ihre Vorderzähne nehmen mußte, und das andere Ende nahm ich zwischen meine Zähne und redete ihr dadurch zu, wodurch sie in Verwunderung und Erröthung gesetzet [89]wurde. Dieses ließ uns hoffen, ihr auf solche Weise die Buchstaben beizubringen, und kenntlich zu machen, welches auch durch die Gnade Gottes so glücklich von statten ging, daß sie in vierzehn Tagen die Buchstaben alle richtig anzeigen konnte, wenn ich ihr dieselben sowohl in als außer der Reihe zurief. Sobald sie die Buchstaben gefasset hatte, schrieb ich ihr das currente Alphabet auf, und wir gingen sodann die gedruckten und geschriebenen Buchstaben mit einander durch, so daß sie zum innigsten Vergnügen in kurzer Zeit alle diese Buchstaben auf das deutlichste kennete. Den Unterschied zwischen einem harten P und weichen B, und harten T und weichen D ihr begreiflich zu machen, fassete ich sie bei der Hand, und drückte bei dem harten Buchstaben ihre Hand feste, und bei dem weichen sanfte. Da nun dieses Zurufen durch den Stock seine gute Wirkung hatte, so machten wir weiter den Versuch, ob sie auch alles durch denselben verstehen könnte; allein vergebens. Sobald es Wörter waren, die aus mehreren, als einer Silbe bestunden, konnte sie solche nicht verstehen, ja sogar wenn das Wort aus mehr als drei bis vier Buchstaben bestand, so konnte sie es nicht unterscheiden, außer solche Wörter, als Ich, Du, er, Sie, u.d.gl. die konnte ich ihr verständlich zurufen. Nun mußten wir uns blos ans Schreiben, und an Zeichen, und Bilder halten. Nichts war nöthiger, als sie durch ein beständiges liebreiches Betragen so einzu-[90]nehmen, daß sie nirgends lieber war, als in der Schule zum Unterricht bei ihrem Lehrer, und daß man ihre Zeichen, durch welche sie eine Sache angab, kennen lernete, und dabei ja immer eine ernsthafte Miene behauptete, so lächerlich auch wohl zum öftern ihre Zeichen gewesen wären. Daher sahe sie auch gar nicht gerne, wenn Kinder gegenwärtig waren, außer kleine Kinder von einigen Jahren. Auf diese ihr angenehm gemachte Information wurde sie immer freudiger, und zeigte eine solche Lernbegierde, daß sie auf alle nur mögliche Art sich befleißigte, was zu lernen, und auf alles sehr genaue Achtung gab. Wenn ihr, z.E. gezeigt wurde, wie sie die Feder halten, und zu welcher Zeit sie derselben einen Druck geben müßte, wenn die Buchstaben ein Ansehen gewinnen sollten, so war sie stets achtsam. Nun wurden ihr eine Menge Wörter vorgeschrieben; als von dem Menschen, die Augen, Ohren, Arm, Hand u.s.w. Die Kleidung und andere in die Sinne fallende Dinge, wobei ihr bei einem jeden Worte die Sache angezeigt werden konnte. Wenn sie nun eine Anzahl Sachen vor sich auf dem Tische oder sonsten vor Augen liegen sahe, und dieselben nach dem Namen unterscheiden konnte, so wurden die Sachen aus der Stube oder sonst bei Seite geleget, und ihr denn durch ein Wort eine Sache angezeiget, die sie hohlen mußte. Auf diese Weise ging der Unterricht unter göttlichem Beistande glücklich fort.

[91]

Um nun das Buchstabiren und Lesen ihr auf eine angenehme Art geläufig zu machen, schafte ich einen Buchstabierkasten an, aus welchem sie einen Buchstaben nach dem andern hinsetzte und Wörter daraus formirete: solche mußte sie alsdenn hinschreiben, damit ihr immer ein jedes Wort doppelt ins Gedächtniß käme, und so gingen wir in dem Irrdischen und Sinnlichen fort, bis zur Religion. Da nun vor allen Dingen hier nöthig war, ihr zuerst ihren Gott kennen zu lernen, so gelang es uns auch durch seinen Geist und Beistand, daß wir über alles Vermuthen in dieser so sehr schweren und wichtigen Sache täglich um ein großes weiter kamen; wozu ihr innerlicher Trieb, solches zu wissen, ungemein vieles beitrug. Nun zeigte ich ihr erst am Abend den Himmel mit seinen unzähligen Lichtern, nehmlich die Sterne, und frug: ob sie die zählen könnte? sie hielt das anfänglich für eine sehr leichte Sache. Wie ich ihr aber eine Hand voll Sand auf das Papier schüttete, und eine Rechentafel voll lauter durcheinander punktirter Punkte vorlegte, und befragte: ob sie dieselben zählen könnte? so sahe sie gar bald ihre Schwäche ein, daß da sie diese geringe Anzahl nicht zählen könnte, es ihr gar nicht möglich wäre, die große und unbeschreibliche Zahl der Sterne zu zählen. Und als ich ihr nun weiter zeigte, daß ich einen wüßte und kennte, der die Sterne zählen könnte, so war sie begierig zu wissen, wer der seyn möchte? Ich schrieb ihr vor: der [92]heißet Gott, und sie freuete sich, den näher kennen zu lernen. Am andern Tage zeigte ich ihr die Sonne, und befahl ihr, daß sie dieselbe ansehen sollte; da sie aber ihres starken Glanzes wegen solche nicht ansehen konnte, schrieb ich ihr vor: Gott hat die Sonne auch erschaffen, und dieser Gott ist so groß und so herrlich und glänzend, daß ihn niemand ansehen kann. Gleich darauf kam uns ein starkes Gewitter sehr zu ihrem Unterricht zu Nutze. Wie sie eine Furcht vor dem Blitze, und vor der Erschütterung des Donners zeigte, so wieß ich ihr, das thäte Gott, der wäre aber uns nicht böse, wie sie wohl dächte, sondern gut, und er wäre hier bei uns, ob wir ihn schon nicht sehen könnten.

Ich nahm hierauf ein Kind und band dem die Augen zu, nun frug ich sie: ob das Kind uns sehen könnte? worauf natürlich ihr Kopfschütteln, ihr Nein, erfolgte. Ich frug weiter, können wir denn das Kind sehen? Ja; nickte sie; nun brauchte ich ein Exempel und zeigte ihr, wenn jemand in die Stube käme und diesem Kinde Leid zufügen wollte, ob ich denn als Vater das Kind nicht würde beschützen. Sie nickte wieder Ja. Oder wenn der Durchlauchtigste Herzog die Kanonen abfeuern ließen, (N B. den Durchl. Herzog bezeichnete sie mit dem Stern auf der Brust) und Ihro Durchlauchten Prinzen wären gegenwärtig, ob denn denenselben bei dieser donnernden und blitzenden Kanonade würde ein Leid zugefüget werden. Nein, schüttelte sie [93]mit dem Kopfe. Nun eben so bedeutete ich ihr: würde Gott uns auch gnädiglich beschützen, das uns kein Leid wiederführe, ob es auch noch so sehr donnerte und blitzete, denn er wäre unser Vater und wir seine Kinder.

Weil ich nun leicht erachten konnte, daß sie mir den Einwurf gewiß machen wollte, ich sehe aber Gott nicht? So bedeutete ich ihr hierauf für das erste, daß man viele Dinge nicht sehen könnte, und wären doch da. Z.E. das Ding, mit welchem sie wüßte, was sie thäte, das wäre nicht ihr Finger, oder Hand, oder Arm, sondern das wäre in ihr, ihr Geist. Nun frug ich sie durch Zeichen: ob sie schon gesehen hätte, das jemand gestorben wäre? welches sie mit ihrem Ja Zeichen anzeigte. Worauf ich weiter frug, ob sie denn auch die Seele gesehen hätte, daß die gestorben wäre? Die habe ich nicht sterben sehen, schrieb sie.

Ich bezeichnete ihr, daß die auch nicht sterben könnte, weil sie kein Finger, oder Hand, oder Fuß wäre. Aber, schrieb ich, die Seele ist vielleicht noch in dem todten Menschen geblieben? worauf sie aber antwortete: Nein, denn der Mensch hätte seine Hände, Augen, Mund und nichts mehr rühren können, welches ihre Seele sonst befohlen. Dieses überzeugte sie deutlich, daß die Seele nicht mehr in dem verstorbenen Menschen sei, indem man nach weniger denn Acht Tagen seinen besten Freund nicht mehr sehen möchte, wenn er todt wäre. Aber die [94]Seele desselben mag man doch noch gerne sehen? Die kann ich nicht sehen, bezeichnete sie.

Hierbei nahm ich denn Gelegenheit ihr zu zeigen: daß da Gott auch ein Geist sey, so wäre er doch wahrhaftig als Gott da, ob man ihn schon nicht sehen könnte. Und von dem hätten wir unsern Ursprung. Unser Leib wäre aus Erde gebildet, wie ich ihr bei Schöpfung des Menschen gezeiget hatte. Wenn der Mensch nun stürbe, fuhr ich fort, müßte der Leib zur Erde werden, wovon er genommen wäre, die Seele aber ginge wieder zu Gott, von dem sie ihren Ursprung hätte. Ja, ich wollte ihr noch mehr sagen, dieser Gott wäre unsichtbarer Weise allgegenwärtig, wir möchten uns hinwenden, wo wir wollten, so wäre Gott da, er sähe und hörete, alles was wir thäten und redeten, und dieser Gott sey allmächtig, das hieße: er könnte alles hervorbringen, z.E. daß die Sonne uns schiene und nicht schiene, daß es regnete und aufhörte, daß es donnerte und wieder aufhörte, und das Gewitter gnädiglich vorüber ginge, u.d.m.

Nun frug ich sie, ob das ein Mensch könnte hervorbringen und abwenden, es fiel ihr leicht hierauf: Nein zu schreiben, und sie zeigte mir durch Zeichen, daß ihr jetzt eben eine solche Begebenheit einfiele. Wie wir vor einigen Jahren das schwere Hagelwetter gehabt hätten, so sei kein Mensch vermögend gewesen, demselben zu wehren, sogar des Durchl. Herzogs Fenster wären auch zerschlagen. [95]Nun glaubte sie also wohl, daß ein allmächtiger Gott wäre. Und so giengen wir das Pflanzenreich auch mit einander durch. Da sie vorher natürlicher Weise mußte gedacht haben: daß das alles von dem Fleiße der Menschen herrührte, und die Erde solches alles hervorbrächte, so lernte sie nun einsehen, daß wenn es nicht regnete, alles auf dem Lande vertrocknete, oder wenn keine Sonne schiene, daß es denn im Wachsthum damit nicht fort wollte, wie ihr denn solches am besten bekannt war, weil sie mit Gartengewächse zum Verkauf umzugehen pflegte. Nun faßte sie es auch gar bald, daß alles von einem allmächtigen Wesen, auch das Leben, und die Gesundheit der Menschen abhinge.

Da ich nun überzeuget war: daß sie Gott aus dem Reiche der Natur mit vieler Gewisheit und Ueberzeugung hatte kennen lernen; so giengen wir zum zweiten Beweise: nehmlich zu dem Zeugniß des Gewissens. Ich suchte ihr unter allerlei Begebenheiten vorzustellen, daß ein Mensch nicht immer einerlei Gemüthsbewegung haben könnte, wenn er Gutes oder Böses thäte. Z.E. ein Dieb hätte bei der finstern Nacht gestohlen, und niemand hätte es gesehen, und nun säße er am Tische und zählte sein Geld, es käme aber jemand und klopfte an die Thüre: ob der Dieb wohl ein ruhiges Gemüthe hätte, oder ob er nicht vielmehr sein Geld würde suchen zu verbergen, ehe er jemanden hereinkommen [96]ließe? Dagegen stellte ich ihr weiter vor, wenn ein Kaufmann aus seinem Laden tausend Thaler Geld, die er redlich aufgenommen, auf seinem Tische liegen hätte, und jemand käme und klopfte an, so würde der sein Geld nicht verbergen, sondern ungescheut rufen: herein! Und solche Fälle giengen wir sehr viele durch. Nun ließ ich sie selbst urtheilen, ob der Dieb ein so ruhiges Herz und Gewissen habe, als der Kaufmann? Nein! zeigte sie an, der Dieb hat was Böses gethan, und der Kaufmann nicht.

Es hats aber niemand gesehen, schrieb ich ihr auf, vor wem fürchtet er sich denn? Doch, zeigte sie an, Gott hat es gesehen. Und der Gott, bezeichnete ich ihr, ist auch Beherrscher über unser Gewissen, und keiner kann, wenn er Böses gethan, der Unruhe desselben sich entziehen. Dagegen wenn wir nichts Böses gethan haben, und es kommt denn auch wegen einer gestohlnen Sache Nachfrage, so können wir ganz ruhig seyn, das wäre laut des Gewissens sein untrügliches Kennzeichen, daß ein Gott sey.

Hierauf fing ich an, ihr die Gebote eins nach dem andern begreiflich zu machen, welche sie auch bald fassete, und sie suchte selbst jeden ähnlichen Fall in die Gebote einzurücken. Z.E. nach dem ersten Gebote, daß es nicht erlaubt wäre, Bilder anzubeten; nach dem andern, daß es so viele Leute gäbe, [97]die nicht beteten; nach dem dritten, es giengen zwar viele Leute in die Kirche, die wenigsten aber aus der rechten Absicht. Sie zeigte nun und klagte: die Leute könnten hören und reden, und bekümmerten sich so wenig um die Predigt. Ein Theil plauderte, ein Theil sähe nur zu, was die Leute für Kleider und Frisuren hätten, ein Theil säße und blätterte in Büchern, und ein Theil schliefe, was Gott wohl möchte davon denken; sie wollte gerne zuhören, wenn sie nur könnte. Indessen hätte sie doch den Nutzen von ihrem Kirchengehen, daß sie von Gott den Seegen empfinge.

Nach dem vierten Gebote, das wäre nicht erlaubt, wenn Kinder ihren Eltern nicht gehorchten u.s.w. Hier zeigten sich die hoffnungsvollesten Früchte der jetzigen Bemühung, und daß sie nicht mechanisch gelernt hatte, aus folgenden Umständen: Wie sie nach Hause kömmt, nimmt sie eine Tafel, macht einen Ring darauf, und theilet den in zehn Theile, und schreibet die Gebote darein; nun gehet sie zu ihrer alten Großmutter, und zeiget, wenn sie sich vergangen und sie beleidiget hätte, so bäte sie um Vergebung. Von der Zeit an hat sie sich sehr gehorsam bewiesen.

Nach dem fünften Gebote zeigte sie die Kindermörderin an, die vor einigen Jahren gerichtet war.

Nach dem sechsten Gebote war es ihr ein rechter Schauder, wenn junge Leute so vor die Thore [98]zum Tanzen und Springen liefen, oder wenn sich sonst wer betrunken hatte. Wie sie nun in eben diesem Gebote den frommen und keuschen Jüngling Joseph in dem Bildercatechismus erblickte, wie ihn Potiphars Weib beim Kleide hielt, so glaubte sie, das wäre ein Fehler in dem Bildercatechismus, und gehöre ins siebente Gebot, weil sie dachte, Joseph hätte stehlen wollen, und wäre dabei erhascht. Wie ich ihr aber, so viel die Wohlanständigkeit erlaubte, verständlich machte, was die Ursache davon wäre, gerieth sie in eine rechte Verbitterung auf das Weib. Nach dem siebenten Gebote bemerkte sie, daß es schon hier bestraft würde, wenn jemand stehle, wovon sie denn viele Exempel anführte. Und so wußte sie auch leicht anzuzeigen, was in dem achten, neunten und zehnten Gebot enthalten sey.

So weit ging alles gut, aber wie wir im Gebete Christi oder Vaterunser an die fünfte Bitte kamen: und vergieb uns unsere Sündenschuld! da glaubte sie, das wären nur bloße offenbare Missethäter, die das bitten müßten; wie ich sie aber überführen wollte, daß alle Menschen Sünder und Schuldner wären vor Gott, daß kein König, kein Fürst, kein Priester, in Summa kein Mensch wäre, der nicht sündigte, so zog sie die Schultern, und bedauerte es sehr, daß sie denn manchen für so ganz fromm angesehen hätte, und thäte doch noch Sünde. Und daß [99] ich auch noch Sünden begienge, das hätte sie nicht geglaubt. Wie ich ihr aufschlug, was David sagt: meiner Sünden sind mehr, denn des Sandes am Meer, das war ihr sehr bedenklich. Aber sie und ihre Großmutter, meinete sie, hätten doch keine Sünden gethan, wenn sie ja, wie sie noch klein gewesen, sich versehen, so wäre das längst geschehen, und ihr vergeben. Folglich könnte Gott keine Schulden mehr zurechnen. Wie ich ihr nun zeigte, daß sie nicht allein mit Werken, sondern auch mit Gedanken und Gebehrden noch immer sündigte, auch nicht allein mit Vollbringung des Bösen, sondern auch mit Unterlassung des Guten die Gebote übertreten habe, und daß sie auch dafür, was sie von Kindheit an Böses gethan, strafbar wäre; so fiel alle Liebe und Zutrauen zu mir weg, und wollte nichts mehr erklärt wissen.*) 1


Rührend ist die Anrede, die Herr Pastor Paulmann, bei der Konfirmation dieser Taub- und Stummgebohrnen, an den Herrn Schullehrer [100] Schweinhagen, und eine betagte Großmutter dieses Frauenzimmers hielt: sein gutes, gefühlvolles Herz ergießt sich hier, wie folget:

»O bewundre, bete an, danke mit mir dem Herrn, und freue Dich, Du guter Lehrer dieser unsrer treuen Schülerin! Du hast gepflanzet, ich habe begossen, und Gott hat das Gedeihen dazu gegeben. Sie ist unter den Dir anvertrauten Lämmern in der Schule, und unter meiner mir anbefohlnen Heerde, von dieser Art mein und Dein Erstling, von uns dem Herrn gebracht, hier in der Gemeine Gottes, und das wird sie auch dereinst für uns seyn im Himmel. Da, da wird sie uns mit Himmelssprache ewig Dank sagen.

O bewundert, betet an, dankt dem Herrn, und freuet Euch mit mir, die Ihr dieser Eurer Freundin als Anverwandten angehöret. Und Du, alte Betagte, die Du schon längst das sonst so hochangesetzte Ziel des menschlichen Lebens überstiegen hast; die Du als Großmutter diese Deine Großtochter an dieser heiligen Stäte erblickest; Dein Wunsch ist erfüllt; die Du mütterlich gepflanzet, die Dich kindlich liebet, Dein Kind ist Gottes Kind, eine Erbin des Himmels. Wenn Du nach Gottes Willen vor ihr, oder sie nach seinem weisen Rath vor Dir in die Ewigkeit geht; [101]dort kommt Ihr wieder an einem Orte zusammen, wo keine Leiden, keine Stummheit, keine Taubheit, sondern lauter Freude, lauter Himmelsfrohlocken auf ewig seyn wird!

O bewundre, bete an, danke mit mir dem Herrn, und freue Dich, ganze christliche Versammlung, über diese unsre liebe Tochter, Deine Mitchristin! ― Keiner verachte sie! niemand ärgere sie! niemand verderbe den Tempel Gottes, denn wer den verdirbt, den wird Gott verderben! ― Jeglicher sehe wohl zu, wie er mit ihr, und vor ihr fürsichtiglich, christlich, heilig, exemplarisch wandle! Nehmet sie auf, liebet sie, schätzet sie, sorget für sie, betet für sie!«

Fußnoten:

1: *) Hierauf folgt eine fernere Erzählung, wie Herr Schweinhagen ihr dennoch, nach seiner besten Ueberzeugung, die von ihm für nöthig gehaltenen Religionsbegriffe beizubringen suchte.

[102]

Zur Seelenheilkunde.

I.

Etwas aus der Geschichte eines Hypochondristen. a

Anonym

Da ich einmal fand, daß die Gemüthsfassung außerordentlich viel zur Gesundheit thue: so habe ich alles von mir entfernt, was ich entfernen konnte, dessen schädlicher Einfluß hierinn mir bekannt geworden ist. Die Vielwisserei und Angst des Nichtwissens ist bezähmt.

Ich gehe noch gern den Untersuchungsweg fort, wenn er auch rauh, steil, oder dunkel ist. Aber ich überlaufe mich nicht, sondern gehe Schritt vor Schritt. Bin ich einmal nicht so weit gekommen, als ich wünschte, so denke ich, auch für den morgenden Tag muß noch Beschäftigung und Ausbeute seyn. Dadurch bleibt man bei Athem und Kräften.

Das Studium des Menschen und der Natur ist gesunde Nahrung. Ueber Kindereien, worüber sich die ehrwürdige Versammlung zu ― ― und zu ― ― den Kopf zerbrochen hat, zerbreche ich den meinigen nicht, nachdem ich eingesehen habe, daß sie [103]nicht ad bene beateque vivendum b nöthig sind. Den schönen Wissenschaften, die die Einbildungskraft auf die Folter englischen Spleens spannen, oder ein paar körnichte Ideen in einem Meere von faden und süssem Gewäsch ersäufen, bin ich nicht gut. Man kann mir viel Geld bieten, um mich zum Lesen eines Trauerspiels, oder Romans, wenns nicht etwa ein Spitzbart c ist, oder auch Gedichts, zu bewegen, das nicht mit so vielen, in jedem Worte ausströmenden Vergnügen, wie ein Homer, Virgil, Horaz, Haller, Gellert, und einige wenige mehr, angefüllet ist und aufheitert.

Ein witziges und vergnügendes Epigramm, eine drollichte Romanze, ist ein wahrer stärkender Leckerbissen für mich, aber keine Idylle, keine Elegie etc. etc. Kleist war, und ist gewissermaßen noch der Dichter meiner Seele; aber ― er ist feine Nahrung sanfter hypochondrischer Laune, und in sofern nicht der beste Gesellschafter.

So aufmerksam, zum Exempel, muß der unglückliche Hypochondrist, der aus dem Schifbruch entronnen ist, über alles wachen, womit er sich nähret und beschäftiget. Ueber viele andere, hieher gehörige Dinge, kann ich mich nicht erklären, ohne den Vorhang zu weit zurückzuschlagen, hinter welchem ich meine Schwachheiten bekenne.

Im ganzen weiß ich meine Gemüthsfassung und Neigungen, in Beschäftigung, Vergnügen und Ge-[104]schmack, nicht kürzer und gewissermaßen kräftiger auszudrücken, als wenn ich sage: ich bemühe mich, ein Teutscher zu seyn. Die Teutschheit, in allen Stücken, ist ein wahres Antiseptikum gegen dieses giftige Uebel. Auch waren wir nicht so leicht hypochondrisch, so lange wir nicht von fremden Sitten zu sehr angesteckt waren.

Ich könnte diese Vergleichung weit führen: aber ich fürchte schon, hie und da zu weitläuftig gewesen zu seyn. Doch noch eins. Der Umgang mit unsers Gleichen ist bei der Wahl eines Hypochondristen bedeutend. Gleich und Gleich darf sich hier nicht sonderlich gesellen. Ich suche immer einen Zirkel zwar von denkenden, aber immer teutschfühlenden und männlich heitern Freunden zu finden.

Selbst der ungelehrte Lustigmacher ist mir lieb; und ich möchte beinah sagen, lustige, wenn schon nicht immer sokratische Scherze, sogar Plattitüden von Spas, wenn man auch zuweilen den Erfinder mit der Erfindung zu belachen nicht umhin kann, ― sind dem Hypochondristen immer besser, als die schönste Stelle aus Youngs Nachtgedanken, d oder dem M ― ―

Wo zuweilen, neben dem Glase in Züchten, unter ungenirten, doch moralisch guten Köpfen, so etwa ein asmussischer e Schwank umhergehet, und das Zwergfell nicht viel Ruhe hat, das gehört zu den Festen, die dem Erbfeind der Gelehrten ein wahrer Dorn im Auge sind. Aber einem mond-[105]süchtigen Empfindler zuzuhören, wenn er quelque chose de gracieux ou de noble vorlispelt, oder aus dem Buche hergrimmaßirt, ― dafür wollte ich jetzt lieber mit Eulenspiegeln in Gesellschaft seyn, ― mit dem alten. ―

Erläuterungen:

a: Vorlage: Anonymus 1782, S. 113-116.

b: "zum guten und glücklichen Leben". Vgl. Cicero, De Officiis, Liber II, Abschnitt 2.

c: Schummel 1779.

d: Edward Youngs Gedicht, The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death, and Immortality, erschien in neun Teilen zwischen 1742 und 1746 und wurde mehrfach neu aufgelegt.

e: Matthias Claudius 1775.


II.

Ueber Anstrengung des Geistes.

Anonym

Bemerkungen von eben diesem ehemaligen Hypochondristen. a

Anstrengung des Geistes ist für Gelehrte schlechterdings in einigem Grade unvermeidlich; man kann sich zwar nicht ganz davor hüten, aber unter gewissen Regeln, kann man sie sich weniger schädlich machen.

Erstlich suche man seine Gesundheit so stark wie möglich zu machen: so wird eine stärkere Anstrengung weniger schaden, als unter andern Umständen eine weit geringere. Vorzüglich ist der Gebrauch des guten Weins und Obstes ein Mittel, stärkere Anstrengung des Geistes länger zu ertragen.

Zweitens, arbeite man nicht lange unmittelbar aneinander mit dieser Anstrengung. Sobald es damit nicht recht mehr fort will, so lasse man dies sein Werk nicht nur sogleich liegen, sondern suche sich, wenn schon nur auf eine kurze Zeit, zu zer-[106]streuen. Man gehe im Zimmer umher, in die Luft, in den Garten u.s.w. oder zerstreue sich mit kleinen Arbeiten und Gesprächen.

Je abgelegener diese von unserer Gedankenreihe, je simpler, in Absicht der nöthigen Aufmerksamkeit, je lustiger sie sind, desto besser. Drittens, suche man die hohen Arbeiten des Geistes in solchen Zeiten vorzunehmen, worinn wir am stärksten sind; des Morgens, nach starken Bewegungen und Erholungen, nach den nicht schwächenden Vergnügungen u.s.w. Durch eine möglichst weise Einrichtung der Geschäfte gehe man vom Schwerern nur zum Leichtern fort; nie aber umgekehrt. Dadurch werden wir unendlich mehr thun, als sonst möglich ist, und immer mit genugsamer Kraft. Zwingt man sich aber zu Anstrengungen dieser Art, wenn just die Seele nicht heiter ist, so trift das Virgilanische

― ― frustraque laborem / Ingratum trahit ― ― b

ein. Man sieht hieraus, daß die Stunden gegen Abend und die Nacht gerade, auch aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, die unschicklichsten sind.

Wer hypochondrisch ist, und dabei freiwilligen grossen Geistesanstrengungen obliegt, ist de tempore der größte Thor und Selbsthasser. Man wende nicht ein, daß man aus seiner Erfahrung und Gewohnheit wisse, daß die Stunden gegen und nach Mitternacht die besten Zeiten zu starken See-[107]lenarbeiten seyn. Ich gebe es zu, daß es bei Manchem fürs erste wirklich so ist. Ich habe diese scheinbar beweisende Erfahrung und Meinung auch gehabt. Aber es ist nichts weiter als die Frucht der Gewöhnung der Seele und des Körpers an eine gewisse periodenmäßige Epoche, wornach wir, wie mit vielen Dingen, z.E. dem Essen geschieht, wenn diese Zeit wiederkömmt, wieder vorzüglich Lust zur Sache haben, weil wir einmal dazu gewöhnt sind.

Aber man kann es a priori schon einsehen, daß dieses schlechterdings nicht die bequemste Zeit dazu sei, da es doch immer am Ende der Thätigkeit eines Tages ist, wornach die Kräfte doch allemal etwas geschwächt werden. Wie kann das gesund auf der einen, und die Arbeit erleichternd auf der andern Seite seyn, jetzt vorzüglich die Seelenkräfte und Nerven anzustrengen? Man versuche es, und verlege diese epochenmäßige Thätigkeit der Seele in die Morgenstunden, so wird man finden, sobald man dazu gewöhnt ist, daß man dennoch jetzt noch mehr, als damals, und mit grösserer Leichtigkeit arbeiten könne, und weniger Schaden für die Gesundheit davon habe. Da ich jene Mode ehedem gehabt, und nachher mit völliger Ueberzeugung diese hier vorgezogen habe, so sind diese Sätze lauter Erfahrung.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Anonymus 1782, S. 319-321.

b: Georgica, Liber III, Z. 97f. In der Übersetzung von Johann Heinrich Voß: "[frostig schleicht der Verlebte zur Braut,] und müht sich vergebens / Im undankbaren Frohn." (Voß 1797-1800, Bd. 4, S. 473.)

[108]

Zur Seelenzeichenkunde.

Beitrag zur Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

Müller

Heinrich, ein Knabe von acht bis neun Jahren, hat ein durch häufige Krankheiten sehr geschwächtes Nervensystem, und daher in seinem Aeussern nicht das mindeste Lebhafte. Sein Gang ist schleppend, und seine Sprache langsam und matt. Sein Blick ist ohne alles jugendliche Feuer, aber sehr sanft und ein treuer Schattenriß seines ruhigen, freundschaftlichen Herzens, das keine aufbrausenden Leidenschaften kennt, und sich an jeden seiner Bekannten, wenn ich so sagen darf, anschmiegt.

Er liebt zwar Reinlichkeit und Ordnung, mag aber nicht gern selbst dafür sorgen; er ist gesellig und liebt das Spiel, macht aber selten Geräusch dabei. Entstehen Zänkereien zwischen ihm und seinen Geschwistern, so giebt er nach und kann sich nicht leicht beruhigen, wenn er jemanden gekränkt hat.

Er thut fast alles, um gelobt zu werden; da er aber das verdiente Lob nicht von der Schmeichelei unterscheidet, so hat sein Ehrtrieb leider die rechte Spannung schon verloren, und ihn auf den Weg [109]der Heuchelei und Verstellung gebracht; er weiß seine Fehler sehr geschickt zu verbergen, und ihnen, wenn sie je entdeckt werden, einen so guten Anstrich zu geben, daß sie ihm, von allen, die ihn nicht kennen, gewiß auf der Stelle vergeben werden. Mit eben so vieler Geschicklichkeit weiß er auch sein Gutes allenthalben sichtbar zu machen. Diese üble Gewohnheit muß er sich so, wie seine ziemlich große Fertigkeit im Lügen, abgewöhnen, wenn ihn seine, übrigens dienstfertige, liebevolle, nachgebende und zu allen sanften Tugenden fähige Seele, allgemein beliebt machen soll.

Schmerz und Vergnügen bringen ihn beide leicht außer Fassung, und er kann sich eben so wenig im Klagen als im Fröhlichseyn mäßigen.

Seine zu große Furchtsamkeit hält ihn von jeder Unternehmung zurück, bey welcher etwas gewagt werden muß. Bey den kleinsten Uebungen im Springen, Klettern und Bergablaufen, die ich mit ihm anstellte, um ihn beherzter zu machen, kostete es mir sehr viel Mühe, ihn zu den kleinsten Versuchen zu bewegen, denn seine Vorstellungen von den damit verbundenen Gefahren waren immer überspannt.

Durch Schilderungen des Elends oder guter Charaktere wird er so, wie durch Erzählungen trauriger Begebenheiten, leicht gerührt; er läuft dann im ganzen Hause umher, und sucht jede theilneh-[110]mende Seele auf, der er erzählen kann, was er gesehen oder gehört, und was er dabei empfunden hat. Freilich verschwindet der Eindruck, den der Anblick eines Elenden oder eine rührende Erzählung auf sein Herz gemacht hat, auch bald wieder, denn sein allzureizbares Nervensystem findet in jedem Augenblick einen anziehenden Gegenstand, der ihn zerstreuet. Daher ist die Reihe vernünftiger Vorstellungen, die er an sinnliche Eindrücke knüpft, gewöhnlich sehr kurz. Ueberhaupt mag er nicht gern lange nachdenken, und er wird sich sehr anstrengen müssen, wenn er es in irgend einer Wissenschaft, die viel abstraktes Denken erfordert, zu einiger Vollkommenheit bringen will. Desto ausdauernder ist er hingegen bei künstlichen Beschäftigungen, bei denen die Sinne im Spiel sind. So schnitzt er z.B. Pfeifen aus Schilf und Haberstroh, und bessert so lange, mit unglaublicher Geduld, daran, bis ihre Töne rein und seinem Ohr harmonisch werden. Er zeichnet oft halbe Tage lang, ohne vom Tische aufzustehen; seine Zeichnungen sind aber so, wie die kleinen Figuren, die er in Wachs poußirt, gemeiniglich bloße Kinder seiner Imagination, denn er nimmt selten bei diesen Arbeiten ein Muster vor die Augen; daher entstehen denn oft die sonderbarsten Gestalten, deren Bedeutung er gemeiniglich erst erklären muß. Sein Ehrgeitz findet sich durch nichts so sehr beleidigt, als wenn diese seine Werke, oder seine oft zu kindischen Einfälle, etwa von seinen Ge-[111]schwistern bespöttelt werden. Ich habe ihn oft Stundenlang hierüber weinen sehen.

Sein siebenjähriger Bruder, Philipp, ist ein gesunder, starker Knabe, von außerordentlichem Talent und eben so vieler Betriebsamkeit. Er ist keinen Augenblick müßig, sondern immer thätig, und seine Beschäftigungen sind gemeiniglich von so guter Art, daß sie auch dem erwachsenen Beobachter derselben Vergnügen machen, sonderlich, wenn er fähig ist, schon von den Kinderspielen auf die Beschäftigungen des künftigen Mannes zu schließen. Er pflanzt z.E. kleine Gärten, bauet Häuser und Thürme, und sucht sich die kleinen Baumaterialien im ganzen Hause dazu zusammen. Auf die Weise legt er Dörfer und Städte an, giebt ihnen Einwohner von Papier, sticht Kanäle mit einem Span und trägt das Wasser mit Nußschalen hinein u.s.w. Bei diesen Beschäftigungen ist er, wie überhaupt bei seinen Arbeiten, unermüdet. Er ruhet nicht eher, als bis er sein Projekt ausgeführt hat, und läßt nicht leicht ein Werk unvollendet liegen. ― Er pflegt gemeiniglich über alles, was ihm vorkömmt, nachzudenken: wozu es wohl nützt, was daraus verfertigt werden könnte u.s.w. Fällt ihm nun ein Brettchen oder sonst etwas in die Hände, so sinnet er gleich nach, wozu er es anwenden will; und auf die Weise entstehen denn die kleinen Plane zu seinen Unternehmungen, die, nach Maaßgabe seines Kinderverstandes, oft ziemlich gut überdacht sind. Diese [112]Plane führt er nun am liebsten selbst aus, ohne seine Geschwister daran Theil nehmen zu lassen; nicht aus Mangel der Geselligkeit, sondern weil ihre Projekte gewöhnlich mit den seinigen in Kollision kommen und er bei seinen Entwürfen schlechterdings nach seinem Sinne handelt. Dem Rathe erwachsener Personen folgt er dabei gern, nur müssen sie ihm das Ganze nicht zerstören wollen, sondern bloß die Miene eines Gehülfen annehmen. Uebrigens ist er bei den Spielen, mit andern, nicht eigensinnig, sondern sehr friedfertig, und verlangt nie bei einer Sache, bei welcher er nur Theilnehmer ist, seinen Willen zu haben.

Einer seiner Lieblingszeitvertreibe ist das Blumen- und Insektensammeln, wobei er alle andere Freuden, sogar oft das Mittagessen vergißt, und gern mit einem Butterbrot fürlieb nimmt, wenn man ihn nur nicht von seinen kleinen botanischen Excursionen zurückruft. Er hat dabei auf die kleinsten Pflanzen Acht, und erkundigt sich, wenn er ein neues, ihm noch unbekanntes Blümchen findet, sogleich nach dem Namen desselben, oft auch: »obs der Apotheker brauchen kann.«

Sein Blick ist lebhaft und scharf; seine Sprache deutlich und angenehm, und seine offene, immer heitere und freundliche Miene, scheint einem jeden zu sagen, daß er es mit der ganzen Welt gut meint, und daß in seinem Herzen nicht das mindeste Falsche ist.

[113]

Er kann im höchsten Grade frölich, aber selten ganz niedergeschlagen werden. Seinen Schmerz klagt er selten, und dann muß er sehr heftig seyn; aber an seiner Freude müssen alle seine Bekannten Theil nehmen.

Er ist ziemlich empfindlich, gleichgültig gegen äußere Ordnung und Reinlichkeit, und äußerst hitzig, wenn er glaubt, daß ihm oder einem seiner Freunde Unrecht geschiehet. Außer diesem, weiß ich aber auch weiter keinen herrschenden Fehler an ihm. Er liebt die Wahrheit im strengsten Sinne, und würde einen begangenen Fehler nicht leugnen, wenn er auch die schmerzhafteste Strafe zu befürchten hätte; er kömmt vielmehr sogleich, wenn er etwas versehen hat, und zeigt es selbst an. Furcht scheint er gar nicht zu kennen, daher ist er bei seinen Unternehmungen beinahe zu leichtsinnig und unbedachtsam. Lob muntert ihn auf, ohne ihn stolz zu machen; tadelt ihn ein Erwachsener, so wird er schamroth, thut es aber jemand von seinem Alter, so meint er, es sey besser, sich um sich selbst zu bekümmern. Durch Körperstrafen bewirkt man selten etwas Gutes bei ihm, sie machen ihn vielmehr eigensinnig und fast unbiegsam; denn er kann gar nicht begreifen, wie man jemanden aus einer guten Absicht Schmerz machen kann. Es war einmal nöthig, ihn durch Körperschmerz auf gewisse Unreinlichkeiten aufmerksam zu machen, die seiner Gesundheit schädlich waren, und an die er sich zu sehr [114]gewöhnt hatte, als daß bloße Vorstellungen hinreichend gewesen wären, ihn davon zu heilen. Ich konnte ihn über diese erlittene Strafe lange nicht beruhigen, denn er meinte immer, es sey zwar gut, daß man ihm das Böse abgewöhnen wolle, allein Schläge thäten doch weh, und wenn man einem gut wäre, müsse man ihn nicht schlagen.

Er denkt gern und lange über einen Gegenstand nach, und richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf einen, ihm wichtig gewordenen, Gegenstand. Ich habe oft mit Vergnügen bemerkt, daß er auch sogar auf das genau Acht hat, was man für ihn noch für zu schwer hält, und was nur seinen erwachsenen Geschwistern gesagt wird; er denkt dabei zuweilen schärfer nach als jene, und ist daher manchmal im Stande, ihre unrichtigen Antworten zu verbessern. Hört und versteht er eine gute Antwort, oder einen richtigen Schluß, so pflegt er oft, für sich, auszurufen: »das ist natürlich!« Dabei hat er ein sehr treues Gedächtniß, denn er erinnert sich bei der geringsten Veranlassung an eine ganze Reihe gehabter Vorstellungen, aus deren genauen und natürlichen Verkettung man schließen kann, wie gut er etwas gefaßt oder überdacht hat.

Im Fragen ist er unermüdet, und man hat oft Stundenlang zu thun, wenn man seine Wißbegierde über eine Sache befriedigen will. Oft blieb er nach geendigten Schulstunden bei mir sitzen, oder kam aus eigenem Triebe wieder, sich mit mir über [115]eine gehörte Geschichte, oder über einen in den Lectionen nur halb gefaßten Satz zu unterhalten; und diese Privatunterredungen gewährten mir öfters die herzlichste Freude, denn er weiß sich, für seine Jahre, schon ziemlich bestimmt auszudrücken, und seine Fragen führen nicht selten auf sehr ernste Materien.

Ich will einige Skizzen unserer Unterredungen hersetzen, der Leser mag denn urtheilen, ob ich zu viel gesagt habe.

Einst hatte ich mit seinen ältern Geschwistern, von den Freuden des künftigen Lebens, und sonderlich vom Wiedersehen unserer verstorbenen Freunde gesprochen, wobei er sehr aufmerksam zugehört hatte. Nach der Stunde blieb er bei mir, und hob folgendes Gespräch an:

Philipp. Das ist doch herrlich, daß ich meinen seligen Vater wiedersehen werde! Aber er wird mich doch nicht mehr kennen, wenn ich in den Himmel komme; er wird mirs doch nicht mehr ansehn können, daß ich sein Philipp bin!

»Warum nicht?

Phil. Ich werde noch lange leben, und dann werde ich so alt und krumm, wie der alte Schiele, und kriege auch solche Runzeln im Gesicht; woran soll er mich dann kennen?

»Willst Du denn Deinen Körper mit in den Himmel nehmen, wenn Du stirbst?

Phil. Nein, das kann ich nicht; wenn man todt ist, wird der Leib begraben.

[116]

»Wird also Dein Vater den Leib, den Du jetzt hast, je wieder sehen können?

Phil. Nein!

»Was meinst Du nun, woran soll er Dich wieder kennen, wenn Du diesen Leib nicht mehr hast?

Phil. An meiner Seele.

»Recht, denn die kömmt ja eben in den Himmel; aber wird denn der Vater Deine Seele wohl sehen können?

Phil. Nein, er hat keine Augen mehr; die sind ja auch mit dem Leibe begraben.

»Aber wenn er nun Augen hätte?

Phil. Denn könnte er sie doch nicht sehen.

»Warum nicht?

Phil. Ja, weil man eine Seele nicht sehen kann.

»Da hast Du Recht, eine bloße Seele kann weder sehen, noch gesehen werden. Aber denn weiß ich doch wirklich nicht, woran sie Dein Vater kennen wird; hilf mir doch die Sache ausdenken, lieber Philipp; besinne Dich einmal, ob Du noch nie so etwas gehört hast, woran man eine Seele kennen kann. ― ― Hörst Du jetzt nicht etwas?

Phil. Ja, Küsters Johann läutet Feierabend.

»Woher weißt Du denn, daß es Johann ist, es kann ja wohl der Vater selbst seyn?

Phil. Nein, es läutet so sachte, und denn ists Johann, denn der kann noch nicht so sehr ziehen, wie sein Vater.

[117]

»Also kennst Du jetzt Küsters Johann doch, ob Du ihn gleich nicht siehest, Du kennst ihn an dem, was er thut.

Phil. Haha, nun besinne ich mich; Sie sagten einmal, man könne die Seele an dem kennen, was sie thut.

»Nun daran wird auch Dein Vater die Deinige wieder kennen. Du weißt schon, daß sich alle Menschenseelen besinnen, oder denken, daß sie manche Dinge wollen, und manche nicht wollen; daran sind sie sich alle ähnlich. Deine Seele denkt und will, die Seelen Deiner Brüder denken und wollen auch; daran seyd Ihr Euch also ähnlich. Aber weil ein jeder von Euch, seine eigene Art, zu denken und zu wollen hat, so kann man Euch auch wieder von einander unterscheiden und jeden besonders kennen. Verstehst Du das?

Phil. Nein!

»Nun so höre mir zu, ich will Dich deutlicher unterrichten. Der Küster läutet, sein Sohn auch; daran sind sie sich ―?

Phil. Aehnlich!

»Richtig, wenn Dir also jemand sagt, es hat geläutet, so weißt Du, daß es jemand von Küsters Leuten gethan hat; aber weißt Du nun auch schon, ob es Johann oder sein Vater war?

Phil. Nein!

»Warum nicht?

[118]

Phil. Ja, denn muß ich erst wissen, obs sehr geläutet hat.

»Also am sehr Läuten sind sie sich nicht ähnlich?

Phil. Nein.

»Siehst Du, daran sind sie unterschieden, und darum kannst Du jeden besonders kennen; den Vater am starken und den Sohn am schwachen Läuten. Nun denke weiter nach: ich habe gesagt, alle Seelen denken und wollen, darum sind sie sich ähnlich; sie denken und wollen aber nicht alle einerlei, daran sind sie unterschieden, und darum kann man jede besonders kennen. Du denkst und willst, Dein Bruder auch; daran weiß ich, daß ihr beide Seelen habt; aber Du denkst oft und lange über eine Sache nach, und Dein Bruder selten und nicht lange; Du magst gern Blumen sammeln, Dein Bruder nicht. Du denkst und willst also anders als Dein Bruder, daran merke ich, daß ihr zwei verschiedene Seelen habt; ich kann Dich also von ihm unterscheiden, und Dich besonders kennen. Nun merke Dir noch eins; wenn man sich von einer Seele etwas merken will, um sie wieder zu kennen, so müssen es nicht Handlungen seyn, die sie selten thut, sondern solche, die man oft von ihr siehet. Denn siehe, Philipp, was Du oft thust, das gewöhnst Du Dir endlich an, das wird Dir eigen, nicht wahr?

Phil. Ja; wie das schnelle Laufen.

[119]

»Man nennt es drum Deine Eigenschaft. Solche Eigenschaften hat nun eine jede Seele; eine hat die übele Eigenschaft, daß sie gern lügt, d.h. sie hat sichs angewöhnt, oft Dinge zu sagen, die nicht wahr sind; eine andere hat die Eigenschaft, über eine jede Sache lange nachzudenken, u.s.w. In diesen Eigenschaften kennt man eigentlich die Seelen. Wenn ich Dich nun frage: woran einst Dein Vater Deine Seele wieder kennen wird, was wirst Du mir nun antworten?

Phil. An den Eigenschaften, die sie hat.

»Recht, merke Dir das für jetzt, und sorge dafür, daß Deine Seele lauter gute Eigenschaften bekömmt, denn wird sich einst Dein Vater recht über Dich freuen. Ich könnte Dir freilich noch manches über diese Sache sagen, aber Du bist ein siebenjähriger Knabe, und würdest mich also doch noch nicht recht verstehen. Warte noch eine Weile, bis Du verständiger wirst, denn kannst Du aus Büchern und von klugen Leuten mehr erfahren; vielleicht erräthst Du auch, durch vernünftiges Nachdenken, manches, was Du itzt nicht weißt, selbst; und das wird Dir denn recht viel Freude machen, wenn Du selbst so was erdenken kannst.

Phil. Wirds wohl noch lange, ehe ich so verständig werde?

»Wenn Du über alles, was Du hörst, siehest und liesest, fleißig nachdenkst, so kannst Du es bald werden.

[120]

***

Einst fand ich ihn an einem strengen Winterabend unter freiem Himmel, und als ich ihn fragte, womit er sich da so allein beschäftige? antwortete er mir: ich gucke nach den Sternen; sehen Sie nur, wie sie da flimmern!

»Macht Dir denn das Freude?

Phil. Ja wohl! o ich mögte die ganze Nacht hier stehen und den Himmel ansehen.

»Da würdest Du ziemlich frieren müssen; ich dächte, Du könntest ihn durchs Stubenfenster eben so gut beobachten?

Phil. Nein, da kann ich nicht so viel Sterne sehen, und denn ists gleich nicht so schön.

»Also freuest Du Dich darüber, daß ihrer so viele sind?

Phil. Ja, da gucke ich am ganzen Himmel umher, und allenthalben sind Sterne; hier ein großer, dort ein kleiner und denn wieder ein großer, und so gehts immer fort ― Aber hören Sie einmal: kommen wir denn, wenn wir sterben, dort in das Blaue oder auf einen Stern?

»Lieber Philipp, das ist eine Sache, die ich nicht gewiß wissen kann, weil wir es erst erfahren, wenn wir todt sind. Ins Blaue werden wir nun wohl nicht kommen, denn das ist lauter Luft; ob wir aber auf einem Stern oder an einem Orte leben werden, von dem wir noch gar nicht wissen, wo er ist, das kann ich Dir nicht sagen. Allein [121]es sei wo es wolle, so wird uns dort recht wohl seyn, wie ich Dir schon oft gesagt habe. ― Mögtest Du denn wohl gern auf einem Stern seyn?

Phil. Ach ja, da wollte ich mich recht umsehen! Aber wenn es nur dort nicht noch kälter ist als hier?

»Deshalb sei unbesorgt; wenn der liebe Gott will, daß Du einmal auf einem Sterne leben sollst, so wird er Dir auch einen ganz andern Körper geben, der es gewiß ertragen kann, es mag so kalt oder warm dort seyn, als es will.

Phil. Also kriegen wir wieder einen andern Leib, wenn wir todt sind?

»Viele kluge Leute vermuthen es, aus Gründen, die ich Dir ein andermal sagen will.*) 1.

***

Kömmt alle das Gute, was in ihm liegt, zur Reife, wird es von allen seinen Erziehern sorgfältig entwickelt, und von den Beispielen unserer heutigen Welt nicht zu sehr vergiftet; so wird er gewiß einst ein kluger, thätiger, biederer Mann, ein nützlicher Bürger des Staats, ein treuer, redlicher Freund, ein Wohlthäter der Armen, kurz, ein Mann, der überall Menschenglück befördern wird, so viel er kann.

Fußnoten:

1: *) Da ich überzeugt bin, daß man eine Kinderseele am leichtesten aus ihren Fragen und Antworten kennen lernen kann, so habe ich kein Bedenken getragen, diese Dialogen mit einzurücken.
Müller.

[122]

Sprache in psychologischer Rücksicht.

<Sprache in psychologischer Rücksicht>

Moritz, Karl Philipp

Um uns ein für sich bestehendes Ding, als wirklich außer unsrer Vorstellung zu denken, ist es nicht hinlänglich, seine Beschaffenheiten zu bezeichnen, die in oder an demselben befindlich sind, sondern wir müssen auch die Dinge benennen, welche um dasselbe her sind, damit es Festigkeit erhält, und nicht in die Luft zerflattert.

Alles dasjenige z.B. was wir mit einem Baume, und um ihn her, zu gleicher Zeit erblicken, giebt dem Baume erst seine Wirklichkeit außer unsrer Vorstellung, und macht es uns gewiß, daß derselbe kein Blendwerk und kein Geschöpf unsrer Einbildungskraft ist. Das kömmt daher, weil der Zusammenhang der Dinge ihnen erst Wahrheit geben muß.

Wir sehen aber hieraus, wie nöthig es ist, daß die Sprache nicht nur die innern Beschaffenheiten eines wirklich für sich bestehenden Dinges, sondern auch vieles außer demselben, benenne, wenn es seine Wirklichkeit außer unsrer Vorstellung erhalten soll.

Dasjenige, woran sich nun alle unsre übrigen Vorstellungen fest halten, sind erstlich die Vorstellungen von gewissen sehr auffallenden und in unun-[123]terbrochener Ordnung wiederkehrenden Veränderungen in der Natur, die wir Zeit nennen: dieß sind die Abwechselungen zwischen Tag und Nacht, zwischen den Jahrszeiten u.s.w.

Alles was wir in unserm Leben erfahren, pflegen wir an die Vorstellung von irgend einer solchen Abwechselung in der Natur anzupassen, die wir Tag, Nacht, Morgen, Abend, früh, spät, Sommer, Frühling u.s.w. benennen. Daher kömmt es nun, daß wir alle Begebenheiten und Erfahrungen unsers Lebens nach der Reihe überschauen können, die sonst ein Labyrinth für uns seyn würden, aus welchem wir uns nicht herausfinden könnten.

Wenn es heißt, jetzt war die Hütte gebauet, so sieht man leicht, daß jetzt weder eine Beschaffenheit der Hütte noch des Bauens anzeigt, sondern einen äußern Umstand, nehmlich einen gewissen Zeitpunkt, woran sich unsre Vorstellung festhalten muß, wenn wir uns die Vollendung der Hütte als wirklich denken wollen.

Solcher Wörter wie jetzt giebt es nun mehrere, die sich aber größtentheils in Hauptwörter auflösen lassen, als jetzt (in dieser Zeit) heute (an diesem Tage) u.s.w.

Mit diesem Begrif von der Zeit ist der Begrif von der Zahl auf das genaueste verwandt; indem es heißt, er lächelte noch einmal und starb, so denke ich mir unter mal ebenfalls einen gewissen Zeitpunkt, woran sich meine Vorstellung von sei-[124]nem Lächeln festhält, ein aber schreibt dem Lächeln seine Grenzen vor, daß es nicht öfter wiederholt wird; oft hingegen würde diese Grenzen der Wiederholung ganz unbestimmt gelassen haben.

Die regelmäßige Wiederholung einer und eben derselben Verändrung in der Natur, nach einer eben so regelmäßigen Unterbrechung, war es, welche den Begrif von Zahl zuerst erweckte; wäre die Unterbrechung nicht gewesen, so würde alles in eins geflossen seyn.

Unsre Vorstellungen von den wirklichen Dingen müssen sich ferner an dem Begriffe des Ortes festhalten; dieses ist ein großer Begrif, welcher jedesmal die Vorstellung von der ganzen Welt in sich faßt. Wenn es von der Hütte heißt, daß sie neben einem Bache stand, so hört unsre Vorstellung da nicht auf, sondern wir müssen dem Bache wiederum neben etwas andern seinen Platz anweisen, und das geht so fort, bis wir mit unsern Gedanken die ganze Welt und den Zusammenhang aller Dinge umfaßt haben, und nun in diesem Zusammenhange aller Dinge, auch der Hütte ihren wirklichen Platz anweisen.

Indem wir sagen, die Hütte steht da, so schränken wir sie grade auf den Raum ein, den sie einnimmt, eben so wie wir bei jetzt dasjenige, was geschiehet, gerade auf den kleinen Zeitpunkt einschränken, worinn es wirklich geschiehet, und uns demohngeachtet den Zusammenhang alles Vergang-[125]nen und Zukünftigen dabei vorstellen müssen, worin wir uns dasjenige, was jetzt geschiehet, allein als wirklich denken können. ― In den kleinsten Wörtern der Sprache ruhen oft die erhabensten Begriffe.

Die kleinen Wörter, welche einen Ort im Allgemeinen bezeichnen, lassen größtentheils sich ebenfalls sehr leicht in Hauptwörter auflösen, als dort (an dem Orte) fort (von dem Orte) u.s.w.

Endlich müssen sich alle unsre neuen Vorstellungen an unsern eignen Vorstellungen festhalten, die schon in unsrer Seele sind, und nur im Zusammenhange mit denselben bekommen sie Wahrheit: nun werden aber die verschiedenen Verhältnisse unsrer Vorstellungen gegeneinander durch mancherlei Wörter ausgedrückt, die also wiederum keine Beschaffenheiten der Dinge anzeigen. Wenn es also heißt,

die Hütte wird gewiß einstürzen,
die Hütte wird vielleicht einstürzen,
die Hütte wird nicht einstürzen,

so bezeichnen die Wörter gewiß, vielleicht und nicht weder die Beschaffenheit der Hütte, noch die Art ihres Einstürzens, sondern das jedesmalige Verhältniß der ganzen Vorstellung von dem Einstürzen der Hütte, gegen eine andre Vorstellung, die schon vorher in der Seele war, die aber hier nicht besonders ausgedrückt wird. Diese nicht ausgedrückten Vorstellungen, wodurch die Ausdrücke [126] vielleicht, gewiß und nicht veranlaßt werden, könnten vielleicht folgende gewesen seyn:

die Hütte ist baufällig,
die Hütte kann gestützt werden,
die Hütte soll gestützt werden.

Durch die erste von diesen drei Vorstellungen ward die Idee, daß die Hütte gewiß einstürzen würde, bestärkt, und diese Bestärkung ward durch gewiß ausgedrückt, welches beinahe so viel heißt, als ich weiß es; durch die zweite ward die Vorstellung von dem Einstürzen der Hütte schwankend gemacht, und dieses schwankende Verhältniß wird durch vielleicht ausgedrückt, welches so viel heißt, als es kann seyn; durch die dritte Vorstellung wird die Idee, daß die Hütte einstürzen sollte, als unmöglich dargestellt: denn wenn sie gestützt wird, wird sie stehen bleiben; da nun aber die Vorstellungen, daß sie stehen bleiben, und daß sie einstürzen soll, nicht nebeneinander bestehen können, so wird die letztere von der erstern aufgehoben, und diese Aufhebung wird nun durch nicht ausgedrückt. Nicht ist also eigentlich ein Ausdruck dessen, was wir dunkel dabei empfinden, wenn eine Vorstellung, die erst in unsre Seele kömmt, sich nicht in den Zusammenhang aller übrigen paßt, die schon darin sind. Durch das Wort nicht können wir uns also den Irrthum, unbeschadet der Wahrheit, denken, in-[127]dem wir ihn in eben dem Augenblicke wieder aufheben, da wir ihn festsetzten.

Die Art, wie nun eine Vorstellung, oder eine Reihe von Vorstellungen, die andre in unsrer Seele entweder ganz oder zum Theil aufhebt, festhält, bestärkt oder zernichtet, wird durch mehrere solche kleine Wörter, als aber, und, auch, denn, wie u.s.w. bezeichnet.

Diese kleinen Wörter bezeichnen eigentlich keinen Gegenstand in der ganzen Welt, und auch nicht einmal den Zusammenhang der Gegenstände, sondern bloß die Art des Zusammenhangs unsrer Vorstellungen, die wir uns von den Gegenständen außer uns machen. Man kann also auch von ihnen nicht einmal sagen, daß sie Zeichen irgend einer Vorstellung in uns selber wären: demohngeachtet aber sind sie in der Sprache äußerst wichtig, weil sie erst Wahrheit in unsere Gedanken bringen helfen, indem diese dadurch auf mancherlei Weise eingeschränkt und bestimmt werden, bis sie in den Zusammenhang aller unsrer übrigen Vorstellungen passen.

Wie oft müssen wir daher nicht zu diesen Wörtern unsre Zuflucht nehmen, insbesondre wenn wir über eine Sache urtheilen, weil wir dann eine jede einzelne Vorstellung nach dem Zusammenhange aller übrigen einzuschränken und zu bestimmen suchen müssen.

In einer Erzählung kommen diese Wörter nicht so oft vor, weil darin mehr der Zusammen-[128]hang der Dinge außer uns, als der Zusammenhang der Vorstellungen in uns, dargestellt werden soll.

Das passende Verhältniß einer Vorstellung in den Zusammenhang aller übrigen, oder dasjenige, was wir die Wahrheit derselben nennen, bezeichnen wir nun im Allgemeinen durch das Wort ist. Und so wie wir bei dem Worte da die ganze nebeneinander bestehende Welt, und bei dem Worte jetzt die ganze Reihe aller aufeinander folgenden Zeiten, mit unsern Gedanken umfassen mußten, so müssen wir nun auch bei dem Worte ist jedesmal den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen überschauen, um denjenigen, die wir uns als wahr denken wollen, ihren gehörigen Platz unter denselben anzuweisen.

Dasjenige also, was wir durch das Wort ist bezeichnen, enthält den ganzen Grund unsres Denkens, und in so fern die Sprache ein Abdruck unsrer Gedanken ist, enthält wiederum das Wort ist den ganzen Grund der Sprache.

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<Inhalt: Erstes Stück>

Inhalt.

<Liste der Beiträge des ersten Stücks>

Seite
Zur Seelenkrankheitskunde.
I. Ein Schreiben aus Schlesien über einen Blödsinnigen. 4.
II. Einige Nachrichten von dem Leben des seeligen Herrn Johann Matthias Klug. 7.
III. Geschichte eines Inquisiten Friedrich Wilhelm Meyer aus den Kriminalakten gezogen. 16.
IV. Gemüthsgeschichte Christian Philipp Schönfelds eines spanischen Webers in Berlin. 20.
V. Gemüthsgeschichte Christian Gragerts eines Gensd'armen in Berlin. 24.
VI. Geschichte des Kindermörders J. F. D. Seybell. 26.
VII. Parallel zu der Geschichte des Herrn Klug. 30.
VIII. Grundlinien zu einem ohngefähren Entwurf in Rücksicht auf die Seelenkrankheitskunde. 31.
Zur Seelennaturkunde.
I. Einige Beobachtungen über einen Taub- und Stummgebohrnen. 39.
II. Aus einem Tagebuche. 44.
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Seite
III. Stärke des Selbstbewußtseyns. 47.
IV. Wachender Traum. 53.
V. Die letzten Stunden des seeligen Herrn Professors Johann Georg Zierlein. 56.
VI. Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit. 65.
VII. Hat die Seele ein Vermögen, künftige Dinge vorherzusehen? 70.
VIII. Verschiedenheit unsrer Empfindung bei der Vorstellung vom Tode. 85.
IX. Sprache in psychologischer Rücksicht. 92.
Zur Seelenzeichenkunde. 107.
Zur Seelendiätätik. 111.
Zur Seelenheilkunde. 114.