ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 1 (1783)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz.

Ersten Bandes erstes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1783.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Ersten Bandes erstes Stück.

<Zum Magazin>

<Einleitung>

Moritz, Karl Philipp

Mit Zittern schreite ich zu der Ausführung eines Unternehmens, dessen Wichtigkeit und Nutzbarkeit mir von Tage zu Tage mehr in die Augen leuchtet, wobei ich aber auch die großen Schwierigkeiten immer deutlicher einsehe. ― Was für ein Feld ist es, wohin sich meine unsichern Schritte wagen; welche unbetretne Pfade, welche Dunkelheit, welch ein Labyrinth! Wie leicht kann hier ein falscher Tritt, den Suchenden irre führen, daß er sein ganzes Leben hindurch nach einem Blendwerke hascht, und nie den milden Strahl der Wahrheit findet, welcher nur den beglückt, der an der Hand der Vernunft geleitet, gleichfern von Enthusiasmus und Kälte, den Weg der ruhigen Weisheit wandelt. O möcht' es mir gelingen, diesen sanften Strahl noch zu erblicken, ehe mich die Nacht des Grabes deckt, wie gerne wollte ich dann mein Haupt niederlegen, und sterben!

[2]

Aber wie kann ich den ganzen übrigen Theil meines Lebens besser nutzen, als wenn ich ihn, neben der thätigen Ausübung meiner Pflicht, zur Erforschung und Betrachtung desjenigen anwende, was mir und meinen Mitgeschöpfen gerade am wichtigsten ist? Und was ist dem Menschen wichtiger, als der Mensch? Diesem vortreflichen Studium will ich daher meine Zeit und meine Kräfte widmen, und in Rücksicht auf dasselbe will ich studieren, lesen, beobachten, denken, und leben.

Daß ich das Publikum hiervon zum Zeugen mache, ist nicht Vermessenheit, als fände ich mich im Stande, gleichsam wie ein Repräsentant desselben, und ihm zum Nutzen, die Tiefen einer Wissenschaft zu ergründen, welche bisher noch von den hellsten Köpfen nicht ergründet sind: sondern ich wünschte bloß, daß mein Eifer und guter Wille bei demselben meine Vorredner seyn möchten, wenn ich es wage, einige Materialien zu einem Gebäude zusammen zu tragen, das seinen Baumeister noch sucht, und ihn wahrscheinlich einmal finden wird.

Was mich darüber beruhiget, daß ich die gegenwärtige Sündfluth von Büchern noch mit einem neuen Buche vermehren will, ist dieses, daß ich Fakta, und kein moralisches Geschwätz, keinen Roman, und keine Komödie, liefere, auch keine andern Bücher ausschreibe.

[3]

Uebrigens beziehe ich mich wegen des Plans dieses Magazins auf die ausführlichen Ankündigungen in verschiednen öffentlichen Blättern und Journalen, und insbesondre auf den Vorschlag zu einem solchen Magazine im deutschen Museum vom Monath Junius im gegenwärtigen Jahrgange. a Bei der Herausgabe binde ich mich an keine gewisse Zeit. Nach dem Vorschlage des Herrn Moses Mendelssohn werde ich die Eintheilungen in der Arzneiwissenschaft auf die Erfahrungsseelenkunde anzuwenden suchen, und die Aufsätze in diesem Magazine unter die Rubriken der Seelennaturkunde, Seelenkrankheitskunde, Seelenzeichenkunde, Seelendiätätik, u.s.w. zu ordnen suchen.

Erläuterungen:

a: Moritz 1782a.

[4]

Zur Seelenkrankheitskunde.

I.

<Bericht>

Ritter

Großglogau den 8ten May 1782.

Da ich aus einem mir vorgekommenen Avertissement ersehen, daß Beiträge zu einer Erfahrungsseelenkunde an Sie eingesendet werden können; so bin ich dadurch gereitzt worden, eines mir in meinen jüngern Jahren vorgekommenen besondern Falls gegen Sie zu erwähnen.

Als ich bald nach meiner akademischen Zeit, vor bereits einigen und dreißig Jahren, auf dem zwischen Liegnitz und Lüben gelegenen Prinz Ferdinandschen Amte Brauchitsdorf a Justitiarius war, traf ich einsmals in einem dortigen Vorwerke eine menschliche Gestalt, dem Ansehen nach von etwa zwanzig und einigen Jahren, in einem Leinwandkittel ohne Beinkleider auf der Erde an einer Wand sitzend an. Auf mein Anreden bekam ich nicht die mindeste Antwort. Ich erkundigte mich nachher nach diesem Menschen, und erfuhr, daß er des dortigen Großknechts Sohn sey, und, ob er gleich [5]vollkommen menschlich gebildet war, doch nicht den mindesten Grad von Menschenverstand, auch nicht einmal in so weit habe, daß er die nöthigen Nahrungsmittel für sich begehrte. Ich fragte weiter, ob man nicht einige Ursach angeben oder vermuthen könne, wie und woher es komme, daß dieser Mensch in solcher Verfassung sey: und man sagte mir, es könne keine andre Ursach angegeben werden, als, daß desselben Mutter, als sie mit ihm schwanger gegangen, einem in einer Clause gesessenen unsinnigen Menschen gemeiniglich das Essen habe zutragen müssen.

Ich habe mich auch noch vor kurzem bei dem jetzigen Brauchitsdorfer Prediger erkundigt, ob der beschriebene Mensch in solchen kläglichen Umständen verstorben, oder ob er nicht vielleicht vor seinem Ende noch einen Strahl von Menschenverstand bekommen; worauf ich die hier anliegende Antwort erhalten. Ich bin u.s.w.

J. A. Schönau.

Ritter,
K. Hof-, Kriminal- und Just.
Komiss. Rath.

Brauchitsdorf den 2ten May 1782.

Auf Ihr Begehren habe ich mich nach dem ehemals hier lebenden Menschen erkundiget, der ohne allen Gebrauch des Verstandes gewesen. Sowohl der Organist Metzig, der Ihnen noch erinnerlich [6]seyn muß, und der zur selbigen Zeit bereits im Amte gestanden, als auch andere Personen, welche damals zugleich in dem Vorwerk gedienet, wo gedachter Mensch gewohnet, stimmen auf mein genaues Befragen darinn überein, daß dieser Gottfried Friese, (so war sein Nahme) in der Verfassung, in welcher er bei gesunden Tagen gewesen, auch auf seinem Krankenbette, bis zu seinem Sterben verblieben, und nie zu einigem Menschenverstande gelangt sey. In seiner Krankheit hat er, wie in gesunden Tagen, sein Händeklatschen getrieben, und sein gewöhnlich Gack, Gack, ausgerufen. Niemand weiß also zu sagen, daß vor und bei seinem Sterben etwa was besonders vorgefallen, welches von einiger Veränderung seiner vorigen Umstände, und von einigem Gebrauch seiner Vernunft ein Beweiß seyn könnte. Laut unsers Kirchenbuchs ist dieser blödsinnige Friese den 16ten September 1748, in einem Alter von vierundzwanzig Jahren und neun Monathen, gestorben, also sechs Jahr vorher, ehe ich hieher ins Amt gekommen bin. Niemals soll gedachter Mensch Speise und Trank begehret haben, die Eltern haben ihm beides, wie einem kleinen Kinde, geben müssen. Ich bin u.s.w.

J. A. Schönau.

Erläuterungen:

a: Brauchitschdorf: Gemeinde im Kreis Lüben, Niederschlesien, jetzt Chróstnik in Südwest-Polen. 1728 fiel dieses Gebiet an das Preußische Königshaus. Das Gut wurde dem Bruder Friedrichs dem Großen, August Ferdinand von Preußen erteilt. Prinz Ferdinand war Offizier, 1756-1758 General der Preußischen Infanterie.

[7]

II.

Einige Nachrichten von dem Leben des seeligen Herrn Johann Matthias Klug*). a 1

Varnhagen, Johann Adolph Theodor Ludwig

Dieser Mann war aus Soest gebürtig, und ehemals Sekretair bei dem Englischen Kommissariat im letzten Kriege, b vorher aber bei dem Herrn Grafen von Truchßes Gouverneur gewesen. Nachdem er sich etwa sechzehn Jahre in Arolsen aufgehalten hatte, starb er am 7ten Jänner 1776, in einem Alter von sechzig Jahren. In seiner Verlassenschaft befand sich eine zwar nicht zahlreiche, aber auserlesene Büchersammlung. Aus den Anmerkungen, welche er in die Bücher geschrieben, ersiehet man leicht seine große, mit guter Beurtheilung verbundene Belesenheit. Er war der deutschen Sprache so mächtig, wie es von einem Gelehrten mit Recht erwartet werden kann: auch verstand er die lateinische, französische und englische; und letztere beiden redete er auch sehr gut.

Seine Wissenschaften erstreckten sich auf die Rechtsgelehrsamkeit, nach ihrem ganzen Umfange, auf die Weltweisheit und Geschichte: er hatte sich [8]dabei auch in der höhern (oder wissenschaftlichen) Gottesgelehrsamkeit umgesehen, und vielleicht die Arzneikunde nicht ganz vernachlässiget.

Was ihn aber vor den mehresten Gelehrten von Profession auszeichnet, ist seine große Künstlichkeit in Verfertigung mancher zum bequemen Leben erforderlichen Dinge; wovon nachher Beispiele sollen angegeben werden.

Er scheint auch auf die Autorschaft Anspruch gemacht zu haben: ob aber mit würklichem Recht, oder nur eingebildeterweise? kann ich nicht bestimmen. Doch wehe allen Schriftstellern, wenn ihre gute oder aber eigennützige Absichten so schlecht erreicht werden, wie bei unserm Herrn Klug! denn hier ist der Grund von seiner ganz sonderbaren Lebensart zu suchen, weswegen er in der Geschichte der Menschheit oder des menschlichen Verfalls, angemerkt zu werden verdienen möchte.

Wir müssen daher vor allen Dingen sein Vorgeben: er habe gegen den König von Preussen, oder eigentlich gegen dessen Gesinnungen in Ansehung der Religion, ein Buch geschrieben*) 2; nicht [9]ausser Acht lassen. Denn daraus entstand seine falsche Vorstellung, als sei dieser große König deshalb höchst ungnädig auf ihn, und thue alles, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Schon eine Zeitlang hatte er, bei seinem zu Arolsen genommenen Aufenthalte, diesen Gedanken nachgehänget; aber noch war er immer in die Gesellschaften seiner Freunde gekommen: als er vor etwa vierzehn Jahren von dem seeligen Herrn Bisen, seinem dortigen Anverwandten und vertrautem Freunde, zu einem Spatziergange in einen nahe gelegenen dichten Wald, die düstre Wiese genannt, eingeladen wurde. Hier, glaubt Herr Klug, sey eine Nachstellung. Sein Freund sey bestochen, ihn zu verrathen, und seinen Feinden in die Hände zu liefern. Er schlägt deswegen diesen Spatziergang nicht allein aus, sondern nimmt davon auch die Veranlassung, niemals wieder Gesellschaft zu suchen, sondern sich fest in seine Stube einzuschließen.

Damals logirte er in dem Hause eines italiänischen Kaufmanns, Namens Brentano, (der noch jetzt in Frankfurt am Mayn lebt). Als der Herr Geheimerath Hermann aber dasselbe Haus vor sieben oder acht Jahren an sich kaufte, war diesem daran gelegen, des Einsiedlers los zu werden. Gleichwol waren alle deshalb genommene Maßregeln nicht vermögend, den Herrn Klug von seiner Stube zu vertreiben. Er erwartete eher [10]die äusserste Gewalt, (und mit welcher Gefahr diese würde versucht worden seyn, wird die Folge der Erzählung zeigen,) als herunter zu gehen. Und dabei legte er sich dermaßen auf das Bitten, daß der Herr Geheimerath endlich sich bewegen ließ, diesen Mann in seinem Hause zu behalten.

Die Einrichtung seiner Stube, welche im Dache, gerade gegen der Treppe, war, (so daß die, welche die Treppe heraufkamen, vor die Thüre sahen,) übertrift alle Erwartung. Die Thüre war mit eisernen Stangen zugeriegelt: und konnte nur zum Theil aufgemacht werden, weil starke Stricke in die eine Wand und an die Thüre befestiget waren. Brachte man ihm Essen und Trinken, und andere Sachen, so wurde so weit aufgemacht, als nöthig war, es hinein zu nehmen. Denn niemand durfte die Stube betreten. Und nur bei bedeutenden Krankheiten wurde der Pfarrer, Arzt, und Aufwärter hineingelassen.

Ueber und in die Stubenthüre hatte er Schießscharten in die Wand gegraben, die weder in noch ausser der Stube konnten bemerket werden. Er war mit einer Anzahl Flinten und Pistolen, und allen Erfordernissen zum Schießen, immer versehen. Seiner Einbildung nach hatte er einen gewaltsamen Ueberfall zu befürchten: und deshalb waren alle diese Anstalten gemacht, um [11]seine Feinde, schon bei dem Heraufkommen, auf der Treppe zu bewillkommen.

Ferner: weil er in der Furcht stand, seine Feinde möchten durch den gewöhnlichen eisernen Ofen in die Stube brechen, so band er diesen mit Ketten und dicken Stricken: und machte sich dagegen selbst einen gar künstlichen Kachelofen, den er selbst innerhalb der Stube heitzte, und auf dem er zugleich das Theewasser kochen, Chocolade machen, Biscuit u.d.g. backen konnte. Und da er alles in der Stube haben mußte, so verdient diesesmal auch ein Nachtstuhl in Betrachtung gezogen zu werden. Diesen hat er ebenfalls selbst erfunden und gemacht, mit der subtilen Einrichtung, daß sich eine Art von Ventilen sogleich verschlossen, wann er gebraucht worden: damit die übelriechende Ausdünstungen das Zimmer nicht verunreinigten.

Seine Bettlade, Tische, Stühle, Vogelkäfige, ja sogar alle seine Kleidung, hat er sich selbst verfertiget; alles mit besonderer Erfindung und Geschicklichkeit.

Kurz: alles war bei ihm sauber und bequem, und er führte eine würklich kostbare Lebensart, die er mit dem im Kriege*) 3 erworbenen und großen-[12]theils auf Leibrenthen ausgegebenen Gelde wohl bestreiten konnte. Apfelsinen- und Citronenhändler, und dergleichen Leute, kannten seine Stube gar wohl. Und so wenig er seinem Leibe abzog, so wenig war er auch unerkenntlich gegen die Personen, die mit ihm in Verbindung standen. Weil er der evangelischreformirten Religion zugethan war, so hat er einstmals aufs Neujahr dem reformirten Pfarrer in Arolsen, dem nunmehrigen Herrn Professor Roller in Bremen, einen alten Kalender überschickt, darinn er zwischen jedes Blatt einen Dukaten gelegt hatte. Auch seine Aufwärterin, und andere Personen, die Vortheile von ihm hatten, haben ihn ungern verloren.

Dieser Bequemlichkeit und dieses Ueberflusses ohngeachtet, muß ihm doch die Gesellschaft, selbst in seiner großen Einsamkeit, da er, ohne durch eine äußere Gewalt gezwungen zu seyn, die ärgste Gefangenschaft übernommen hatte, angenehm gewesen seyn. Dieses schließe ich aus zweien Vorfällen, die gewiß gegründet sind.

Er hatte eines Bruderssohn, einen jungen Menschen von etwa achtzehn Jahren. Diesem [13]versprach er, sein ganzes Vermögen zu vermachen, wenn er bei ihn zöge. Der junge Mensch that's. Nun muste dieser wie jener leben, und durfte niemals wieder aus der Stube*) 4. Die Folge war, daß der junge Mensch nach einigen Jahren an der Abzehrung starb. Daß derselbe krank war, wußte man im Hause, weil der Arzt war gehohlt und auf die Stube gelassen worden: aber sein Tod war unbekannt, bis des Morgens ganz früh von Herrn Klug ein Brief herausgereicht wurde, worinn er den Herrn Geheimenrath ersuchte, den Verstorbenen aus dem Hause schaffen zu lassen, und der Frau Hofcommissariin Hartmann den Auftrag zu geben, das Begräbniß zu besorgen. In der Nacht nehmlich hatte Herr Klug seinen todten Vetter in Bettücher gewickelt, und ihn hinter den Umgang an der Treppe gelegt. Der Leichnam wurde darauf in das Haus der gegenüber, jenseit der Straße, wohnenden Frau Hartmann getragen, und von daraus begraben.

Das andere, was mich veranlasset, zu glauben, daß er doch die Gesellschaft geliebt habe, ist, [14]daß er die dicht neben ihm wohnende französische Mademoiselle gar gern hat heirathen wollen*) 5. Bloß der Umstand, daß sie sich mit ihm einsperren sollte, verhinderte diese Verbindung, da sonst ein reicher, noch wohl aussehender Mann, der auch Welt hatte, von einem Frauenzimmer nicht leicht möchte ausgeschlagen werden.

Noch eine wunderliche Einbildung dieses Mannes zu berühren, muß ich seines Traumbuches erwähnen. Er hielt die Träume für eine Art von göttlicher Eingebung, und schrieb sie sorgfältig früh Morgens sogleich auf. Freilich würde dieses kein Geschäfte für manchen mit Arbeit belästigten Mann seyn; aber Herr Klug hatte eigentlich gar nichts zu thun, und zu leben hatte er doch. Man erzählt, daß ihm unter andern geträumt habe, er solle seinen Vetter drei Tage hungern lassen: dieses habe er auch richtig gethan, und der junge Mensch habe in der Zeit nichts zu essen bekommen.

Ja, dieser bei ihm auf der Stube eingesperrte Vetter ist durch Schläge von ihm dahin gebracht worden, eidlich zu versichern, daß er seines Onkels Träume für göttliche Eingebung halte.

[15]

Die Traumbücher sollen verbrannt worden seyn. Wären solche noch vorhanden, so ließe sich daraus noch wohl manches hernehmen, was über die Denkungsart dieses Mannes nähern Aufschluß geben könnte. Von seinem Tode und der bestimmten Zeit desselben soll ihm auch oft geträumet haben.

Er starb, ohne daß ein Mensch davon etwas gewahr wurde. Als man Nachmittags durch den Schreiner die Thüre aufschlagen ließ, fand man ihn so ordentlich im Bette liegend, als habe er sich zu dem Tode vorher zurecht gelegt. Vermuthlich war er vom Schlagfluß gerührt worden.

Hier muß ich noch zwo Anmerkungen machen, welche zur Aufklärung dieser Erscheinung etwas beitragen können.

1) Man weiß, daß in der Klugischen Familie etwas tiefmelancholisches ist.

2) Dazu kommt, daß unser Subjekt im letzten Kriege als Sekretair bei dem Engl. Kommissariat unablässig mit dem Kopfe hat arbeiten müssen, wegen der weitläuftigen, mehrentheils sehr wichtigen, Korrespondenz.

Bald nach des Herrn Klug's Tode aufgesetzt

Fußnoten:

1: *) Ist mir von dem Herrn Kriegsrath Dohm gütigst mitgetheilt worden. <M.>

2: *) Ob es geschehen sey, weiß ich nicht; denn es kann ja auch leere Einbildung gewesen seyn. Soviel mir bekannt ist, hat man nach seinem Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden.

3: *) Man kann nicht sagen, daß er dieses Vermögen im Kriege auf eine ungerechte Art erworben habe. Es kann rechtmäßig zugegangen seyn, weil er für seine erstaunenden Arbeiten doch auch gut wird belohnt worden seyn.

4: *) Man erzählt, der junge Mensch habe manchmal gebeten, er möchte ihn wieder gehen lassen; aber seine Bitte sei immer mit erbärmlichen Schlägen zurück gewiesen worden. Eine Sache, die doch kein gutes Herz verräth.

5: *) Mit dieser Mademoiselle unterredete er sich auch oftmals, indem er alsdann seine Stubenthüre öffnete, und sich ihr präsentirte.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag vgl. Goldmann 2015, S. 49-55.

b: Der siebenjährige Krieg (1756-1763). Ein Kriegskommissariat war u. a. zuständig für Truppenverpflegung und Transport.

[16]

III.

<Auszug aus den Kriminalacten>

Frölich

Berlin den 5ten October 1782.

Ich habe Ihnen neulich versprochen, einen Auszug aus den Kriminalacten, die ich jetzt eben unter Händen habe, zu liefern, und darinn besonders dasjenige, was zu psychologischen Betrachtungen Anlaß geben könnte, aufzuzeichnen. Da ich aber weiß, daß oft dasjenige, was mir oder auch einem andern wichtig und bemerkungswerth scheinen möchte, ein dritter ganz unbedeutend finden würde, und mancher geringscheinende Umstand einer Thatsache, in Vergleichung mit einer andern, zu großen und wichtigen Betrachtungen Anlaß geben kann, so habe ich Ihnen die Handlungen des Inquisiten so nackend, wie ich sie in den Acten gefunden, hingeworfen.

Der Musquetier Friedrich Wilhelm Meyer, achtundzwanzig Jahr alt, aus Dresden gebürtig, eines Kaufmanns Sohn, lernte in seiner Jugend bei einer christlich guten Erziehung die Orangeriegärtnerkunst, und ging nach geendigten Lehrjahren, um sein Glück nun weiter zu suchen, 1737 nach Prag. Hier traf ihn nebst vielen andern Fremdlingen das Loos aufgegriffen und nach Ungarn transportirt zu werden. Er fand jedoch in der bei Molwitz 1741 vorgefallenen Schlacht Gelegenheit den Oestreichern zu entweichen, a und deren Dienste mit den preußischen, unter Anführung des [17] Prinzen Dietrichs von Anhalt-Dessau zu verwechseln. Nicht lange nachher entwich er auch diesem, und nun faßte er den Entschluß, zu seinen Aeltern nach Dresden zurückzukehren. Ehe er noch dahin gelangte, traf ihn ein preußischer Werber in Duderstadt auf einem Kaffeehause, der ihn durch allerhand listige Wendungen, und Versprechungen einer dreijährigen Kapitulation, dahin brachte, daß er wieder in preußische Dienste trat. Er ward darauf dem hochlöblichen damaligen v. Kleistischen Regiment übersandt, b ohne daß auf die versprochene Kapitulation weiter geachtet wurde. Dieß führet Inquisit Meyer als einen Hauptgrund seiner künftigen liederlichen Lebensart an. Ausserdem, daß er sich zur Zeit, da er zum Exerciren erscheinen sollen, zum öftern betrunken und sich ganze Tage versteckt gehalten, fällt es ihm ein, seines Kameraden Sachen zu verkaufen und sich alsdann zu verbergen. In diesem Vorsatz geht er am 22sten Jänner 1743 des Morgens früh aus. Als er eben auf dem Neuköllnischenmarkte mit einer Fischerfrau wegen der gestohlnen Sachen im Handel begriffen ist, trift ihn ein Unterofficier, der ihn deshalb zur Rede stellt, und als dieser ihn zu arretiren drohet, so ergreift er die Flucht und springt auf eines Tobacksspinner Tonliers obersten Boden. Wie er hier eine Nacht gesessen hat, so versucht er herunterzusteigen, findet aber die Thür des Bodens verschlossen. Weil er nun, wie er hernach sehr oft [18]wiederholet hat, sein Leben so satt gehabt, überdem auch befürchten müssen, daß, wenn er sich wieder sehen ließe, er gleich einem Deserteur bestraft werden möchte, so entschließt er sich, weil er gehört hatte, daß ein Mensch nicht über neun Tage hungern könne, Hungers zu sterben. Vierzehn Tage nachher geht der Tobacksspinner auf seinen Boden, und findet diesen Menschen unter den Tobacksblättern ganz entkräftet liegen. Es wurden sogleich Veranstaltungen gemacht, ihn durch Suppen wieder aufzuhelfen, allein sein Magen ist so erschlafft gewesen, daß es sehr schwer gehalten hat, ihm einige Speisen aufzudringen. Auf Befragen, wie es möglich gewesen wäre, so lange zu leben, ohne das geringste von Nahrung zu sich zu nehmen? Erwiederte er: die ersten acht Tage habe ihm sehr gehungert. Zweimal habe er, um seinen Durst zu löschen, sein eigen Wasser getrunken, und einmal habe er, als es etwas geschneiet, Schnee aufgefangen, und den zu sich genommen; hernach aber sei er zu ohnmächtig geworden, als daß er noch einige von diesen Bedürfnissen habe empfinden können. Nachdem er in den gehaltenen Verhören alles, es mochte zur Milderung seiner Strafe gereichen oder nicht, gestanden, welches er auch in der Folge treulich beobachtet hat, so ward er seiner schwächlichen Gesundheitsumstände wegen, die durch das lange Hungern ganz zerrüttet waren, ins Lazareth gebracht. Hier hatte er bereits einen Mo-[19]nath zugebracht, als einige von seinen Kameraden ihm sagten, daß er seiner begangenen Verbrechen wegen schwerlich sein Leben verlieren würde, vielmehr glaubten sie, daß er Zeitlebens auf die Festung kommen möchte. Sowohl die Furcht, sein ganzes Leben hindurch zur Karre verdammt zu seyn, als auch der schon vorher geäußerte Ueberdruß seines Lebens, und das angebliche harte Verfahren der Krankenwärterin, hatten jetzt so heftig auf seine Seele gestürmt, daß er den Entschluß faßte, durch einen Mord seine Strafe zum Tode zu graviren. In dem Augenblick fiel es ihm ein, sich auf diese Art an der Krankenwärterin, die ihn geschimpft, und weswegen er besonders in dem Verhöre aufgebracht war, zugleich zu rächen. Des andern Tages frühe zog er von den im Hause befindlichen Gewehren ein Bajonet ab, und wollte die Ankunft der Krankenwärterin abwarten. Da aber diese wider ihre Gewohnheit sehr lange ausblieb, so bekennt er, er sei ungeduldig geworden, und habe den Entschluß gefaßt, diese That an seinem noch schlafenden unschuldigen Kameraden, dem Musquetier Spannagel, zu verüben. Er habe sich darauf desselben Bette gegenübergesetzt, und dem Spannagel einen Stich auf der rechten Seite und zwei auf der linken Seite der Brust beigebracht, und würde er, wie er wiederhohlentlich gestanden, den Mord [20]gewiß vollführt haben, wenn nicht die Leute aus dem Hause, welche über das Geschrei des Spannagels darzu gekommen, ihn davon abgehalten hätten. In dem nachmaligen Verhör hat er gleich alles gestanden, und sehr bereuet, daß er das Leben einer unschuldigen Person zum Opfer seines Lebensüberdrusses gemacht. Auf Befragen, wie ihm denn zumuthe gewesen, als er diese That begehn wollen? Antwortete er: »bei Verrichtung der That sei ihm angst und bange geworden. Er wolle gern sterben, man solle ihm nur Zeit zur Buße übrig lassen.«

Frölich.

Erläuterungen:

a: Mollwitz, Dorf südöstlich von Breslau. Am 10. April 1741 preußischer Sieg im Ersten Schlesischen Krieg (1740-1742).

b: Bis 1806 wurden die preußischen Regimenter nach ihren Inhabern oder Chefs, meistens einem General oder einem Mitglied der königlichen Familie, benannt. Dieses Regiment zeichnete sich im Ersten Schlesischen Krieg (1740-1742) aus, unter der Anführung des Generals Heinrich Karl Ludwig de Herault, Seigneur de Hautcharmoy.


IV.

Gemüthsgeschichte Christian Philipp Schönfelds, eines spanischen Webers in Berlin. a

Pyl, Johann Theodor

Der Herr Doktor und Stadtphysikus Pihl, welcher die Gelegenheit, wichtige Beobachtungen zum Besten der Menschheit zu machen, so gewissenhaft und vortreflich nutzt, hat mir einige seiner Gutachten über den Gemüthszustand verschiedener Personen gütigst mitgetheilt, um zweckmäßige Auszüge für mein Magazin daraus zu machen. Ich habe [21]mich größtentheils seiner eignen Ausdrücke bedient, die Sachen aber nach meiner Absicht geordnet. <M.>


Das beständige krumme Sitzen, oft scharfes Nachdenken, und weitläuftiges Ueberrechnen bei schweren und künstlichen Mustern, veranlaßt fast alle die Leute, welche auf dem sogenannten Stuhl arbeiten, zur Hypochondrie und daraus entspringenden Uebeln. Ist nun vollends ihr Temperament sehr lebhaft, so entsteht um so leichter ein Hang zum Projektmachen, wobei nicht selten der Verstand leidet, und mit der Zeit, besonders wenn sie noch in Noth und Unglück gerathen, Blödsinn, oder würklicher Wahnsinn entstehet.

Unsern Schönfeld brachte wahrscheinlich eine Neigung zum Müssiggange, und Unlust zu arbeiten, zuerst auf die Gedanken, Schätze zu graben. Beständiges Nachdenken darüber, drückte diese Idee seiner ohnedem schon äußerst lebhaften Einbildungskraft so fest ein, daß sie ihm am Ende beständig gegenwärtig war, und er sich selber einen Traum schuf, den er nach und nach anfing für Wirklichkeit zu halten. Dieß verwirrte schon seinen Verstand. Nun kam noch Krankheit, äußerste Nothdürftigkeit und Kummer hinzu; diese zerrütteten vollends denselben, und sein Wahrheitsgefühl war nun so abgestumpft, daß er sich von der Wirklichkeit folgender Einbildungen fest überzeugen konnte.

[22]

Er glaubte nehmlich ungezweifelt, daß er, im Jahr 1764, einen Schatz von zweihundert Millionen an Werth gefunden, der in großen Diamanten, einem großen silbernen und goldenen Crucifix mit Augen von Karfunkelstein, welches auch Sr. Majestät der König selbst in Augenschein genommen, nebst vielem Gelde, bestanden habe. Dieser ungeheure Schatz sey von ihm in des Tuchscheerers Kerchow Keller, mit Hülfe seines schon verstorbenen Bruders, entdeckt und aufgegraben worden.

Die heiligen Engel und Geister, wie auch zwei jetzt schon verstorbne Bürger von der Friedrichsstadt haben es ihnen offenbart, daß der Schatz da läge, und mit Hülfe eines solchen Geistes und einer Wünschelruthe hat er die eigentliche Stelle entdeckt. Böse Geister aber haben ihm so viele Hindernisse in den Weg gelegt, daß er die erste Nacht mit seinem Bruder den Schatz nicht heben konnte.

Er entdeckte also die Sache dem Tuchscheerer Kerchow, und einem Kupferschmidt Nahmens Jury, um ihn mit deren Beihülfe die andre Nacht zu heben. Diese aber gehen allein hin, ohne ihm ein Wort zu sagen, und leugnen darauf gänzlich gegen ihn, daß sie einen Schatz gefunden haben. Er weiß dieses aber ganz gewiß, und ob er gleich [23]dasjenige, was in den Gefässen enthalten gewesen ist, nicht selbst gesehen hat, so hat er es doch durch Rechnen und durch seine Wünschelruthe richtig herausgebracht.

Von dem Gelde haben verschiedne Personen einen Theil bekommen, unter andern auch der Herr Prediger Woltersdorf, welcher dafür den Geist aus dem Keller bannen mußte, der nach dem gehobenen Schatz nicht weichen wollte. Auch nach Potsdam ist eine große Menge davon gekommen, wie dort die ganze Stadt weiß. Er hat mit verschiednen vornehmen Personen, die er aber oft verwechselt, und einen für den andern nimmt, vertraulich über seine Angelegenheiten gesprochen, und diese haben seine Foderungen gebilliget.

Dieß alles sind seine Einbildungen und jetzt nun auch seine Ueberzeugungen. Man denke sich einen Menschen, noch dazu von sehr unruhigem und lebhaftem Temperamente, der sich Herr so vieler Millionen glaubt, und Hunger und Kummer leiden muß!

Als der Herr Doktor und Stadtphysikus Pihl den 18ten Junii 1781 seinen Gemüthszustand untersuchte, war er anfänglich ganz gelassen, sobald man aber auf den Punkt des Schatzgrabens und der gefundenen zweihundert Millionen kam, ward er hitzig.

[24]

Man überführte ihn wirklich aus seinen eignen Reden, daß seine Phantasie ihn alle Augenblick täuschte, dahin aber war er auf keine Weise zu bringen, die Schatzhebung selber auch nur im mindesten für Täuschung zu halten. Der Herr Doktor Pihl ließ seine Schwester Cath. Elisab. Schönfeld zu sich kommen, um über die Umstände ihres Bruders mehr Licht von ihr zu erhalten. Diese aber bekräftigte alle thörichten Einbildungen ihres Bruders wörtlich, und war völlig so närrisch, wie er.

Anmerkung des Herausgebers: Vielleicht ein Beleg zu der Erfahrung, daß der Wahnwitz ansteckt.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl, Gutachten vom 16. Januar 1781, in: Pyl 1784, S. 168-173.


V.

Gemüthsgeschichte Christian Gragerts eines Gensd'armes in Berlin. a

Pyl, Johann Theodor

Dieser Christian Gragert scheinet, bei einem übrigens gutem und stillem Naturell, immer etwas einfältig und leichtgläubig gewesen zu seyn. Wegen einer besondern Steifigkeit des Körpers und Ungelehrigkeit konnte er sich nicht gut mit dem Exerzieren behelfen, und mußte darüber manche Strafe leiden, welches ihm sehr nahe ging. Hiezu kamen noch dürftige Umstände, erlittene Unglücksfälle in [25]seiner kleinen Haushaltung, und gänzliche Abneigung gegen das Soldatenleben.

Darüber gerieth er endlich in eine ganz besondre, ungewohnte Aengstlichkeit, vorzüglich des Nachts, die ihn gar nicht schlafen ließ, und die er, seiner Aussage nach, bloß durch Lesen in geistlichen Büchern und Singen geistlicher Lieder, vertreiben konnte, worauf ihm immer leichter und besser ward. Indem er nun fleißig in der Bibel las, gerieth er unter andern auf den Propheten Daniel, den er nun zu seiner Lieblingslektüre machte. Und von der Zeit an entstand bei ihm die Idee von Wundern, die sich nachher seiner Einbildungskraft so sehr bemeistert hat, daß er selbst Wunder zu thun, im Stande zu seyn glaubte.

Er war nehmlich fest überzeugt, daß durch seine Macht, auf einem von ihm gepfropften Apfelbaume Kirschen wachsen würden.

Man gab ihm seinen Abschied, und er kam in das hiesige Arbeitshaus, wo er sich sehr stille, ordentlich, und fleißig betrug, und nichts vornahm, was eine Verwirrung des Verstandes vermuthen ließ. Es wurde daher beschlossen, ihn nach seiner Heimath zurückzuschicken, und der Herr Doktor Pihl untersuchte zu dem Ende den 25sten März 1781 seinen Gemüthszustand. Dieß geschahe ohngefähr zwei Jahre nachher, da er die erste Aengstlichkeit empfunden hatte.

[26]

Er gab auf alles sehr ordentliche und passende Antworten, nur wenn es auf die Wunder kam, so blieb er bei seiner alten Meinung, vertheidigte aber dieselbe nicht hartnäckig, sondern versicherte, wenn er zu Hause käme, und fände, daß es sich nicht so verhielte, wie er gedacht hätte, so wolle er gern zugeben, daß er sich geirrt haben könnte. Auch habe er auf die Weise schon einmal einen Irrthum eingesehen, indem er eine dortige alte Frau für eine Hexe hielt, nachher aber fand, daß er ihr Unrecht gethan hatte. Endlich wünschte er nichts mehr, als zu seiner Frau und Kindern nach Hause zu kommen, wo er sich redlich nähren, friedlich leben, und keinen Menschen mehr beunruhigen wolle. Worauf der Herr Doktor Pihl sein Gutachten gab, daß dieser Mensch ohne Gefahr entlassen, und wieder in seine Heimath geschickt werden könne.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl, Gutachten vom 24. April 1781, in: Pyl 1784, S. 177-180.


VI.

Geschichte des Kindermörders J. F. D. Seybell. a

Pyl, Johann Theodor

Dieser Seybell wurde vom vierten bis zum zweiundzwanzigsten Jahre im großen Waisenhause zu Potsdam erzogen, wo er das Schneiderhandwerk lernte, und war nach den Zeugniß aller, die ihn [27]kannten, von jeher ein stiller, arbeitsamer und gottesfürchtiger Mensch, dabei aber immer sehr einfältig, schüchtern, und mehr zur Traurigkeit, als zur Freude aufgelegt. Schon in seiner ersten Jugend hat er oft schleunige Anfälle von Tiefsinn, und wunderlichem Wesen geäußert, daher ihm auch die andern Knaben den Spottnahmen, der irre Seybell, beilegten.

Er war immer außerordentlich vollblütig, und zu heftigem Aufwallen, und Andrang des Bluts nach dem Kopfe geneigt, wobei sich starke Unruhe, Angst, und Bangigkeit einfand, die sich mit der Vollblütigkeit und Wallung im Blute vermehrte und verminderte, in spätern Jahren aber in eine wahre melancholische Schwermuth ausartete.

Er hatte seine Profession nicht vollkommen genug erlernet, um sich davon ernähren zu können; auch konnte er sich in seinem Dienste bei verschiednen Herrschaften nicht recht behelfen; dabei war er sich mit Unmuth seiner eignen Einfalt und Schwäche bewußt, und befürchtete beständig, daß seine Herrschaft seiner überdrüssig werden, und ihn fortjagen möchte, wo er alsdann ganz verlassen und ohne Brodt seyn würde. Aus dieser Ursach verließ er so schleunig, und ohne den geringsten ihm gegebnen Anlaß, seinen Dienst bei dem Herrn Hofrath Oeßfeld in Potsdam, wollte sich bei dem Herrn Haupt-[28]mann von Winterfeld erschießen, und stürzte sich bei dem Herrn Ordensrath Wißmann aus dem Fenster des dritten Stockwerks.

Er kam wirklich in traurige Umstände, konnte vom December 1772 bis zum Februar 1781 mit der größten Mühe, durch Nähen, kaum seinen höchst nothwendigen Unterhalt erwerben, und hatte noch einige kleine Schulden, die er gern bezahlen wollte, und doch kein Mittel, dieses zu bewerkstelligen, sahe.

Von der heftigsten innren Unruhe und Angst gefoltert, die er lange durch brünstiges Gebet zu Gott und Singen unterdrückte, aber nicht zu heben vermochte; von der grausamsten Furcht gequälet, ein unglückliches und elendes Leben führen zu müssen; seiner Schulden wegen, die freilich unbeträchtlich waren, verklagt zu werden, und sich öffentlicher Beschimpfung ausgesetzt zu sehen; und von der Einbildung hingerissen, daß seine Leiden nicht anders, als durch seinen Tod, gehoben werden könnten; kam er auf den unglücklichen Entschluß, durch den Tod eines unschuldigen Kindes, seinem qualvollen Leben und seinem Leiden ein gewisses und sichres Ende zu machen.

Er liebte dieß Kind außerordentlich, sowohl nach seinem eignen Geständniß, als nach dem Zeug-[29]niß der Eltern des Kindes, welche bezeugen, daß er immer still und gottesfürchtig gewesen sey, auch das Kind viele Gebete und schöne Sprüche aus der Bibel gelehret habe.

Eben diese große Liebe war es, die ihn einigemal abhielt, Hand an das Kind zu legen, bis ihn endlich mit einemmal der Wahnsinn in einem unglücklichen Augenblicke überwältigte, und er dasselbe in einem Anfall von rasender Wuth ermordete; nachdem er freilich vorher die Stubenthüre zugeschlossen hatte, um nicht gestört zu werden, und nachher das Kind in die Kammer trug, welches den Anschein hätte, als habe er die That verbergen wollen, wenn er nicht sogleich selbst hingegangen wäre, um sich von freien Stücken anzugeben.

Dieser Seybell hatte gemeiniglich ein rothes Gesicht, und einen scheuen, etwas starren Blick. Er war achtunddreißig Jahr alt, da er die That beging. Auf den Beweiß des Herrn Doctor Pihl, daß er die That im Wahnsinn begangen, wurde er nicht am Leben gestraft. Sein schon verstorbner Bruder ist ebenfalls einfältig und tiefsinnig gewesen.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl, Gutachten vom 24. April 1781, in: Pyl 1784, S. 161-168.

[30]

VII.

Parallel zu der Geschichte des Herrn Klug. a

Pyl, Johann Theodor

Der Herr Doktor Pihl besuchte den gewesenen hiesigen Kaufmann D...s, um seinen Gemüthszustand zu untersuchen, und fand ihn in einem sonderbaren Aufzuge. Er war mit einem Schlafrocke bekleidet, hatte aber einige eiserne Ringe um den Leib. Auf dem Kopfe trug er einen ungeheuren Aufsatz, der aus leinenen Tüchern und Mützen bestand, die er theils mit Bändern, theils mit dünnen eisernen Reiffen und dazwischen gesteckten Papiere, u.s.w. befestiget hatte. Sein Bette war ebenfalls mit eisernen Reiffen und Platten, Brettern u.d.g. versehen. Als ihn der Herr Doktor Pihl um die Ursache dieses Aufzuges und dieser wunderlichen Anstalten fragte, so antwortete er: daß er es deshalb thun müßte, weil er keinen Augenblick Ruhe vor bösen Geistern habe, die ihn Tag und Nacht beunruhigten, ihm schon Lunge und Leber ausgerissen, und grosse Summen aus seiner Haut gelöset hätten, u.s.w.

Herr Klug hatte sich in den Kopf gesetzt, er habe ein Buch wieder den König von Preussen geschrieben, und sich dadurch seinen Zorn auf den Hals geladen. Herr D...s glaubte, er sey ein un-[31]mittelbarer Abgesandter der heiligen Dreieinigkeit, die jetzt die Regierung auf Erden selbst übernommen, und also die Gewalt aller Könige und Fürsten verachtet und aufgehoben habe. Er besonders habe von ihr den Auftrag erhalten, zu sehen, daß Recht und Gerechtigkeit gehandhabt, und die Häuser im guten Stande erhalten würden, die fast alle zum Umsturz da stünden, weswegen auch Herr D...s im Anfange seines Wahnwitzes in viele Häuser ging, und den Eigenthümern derselben, Kraft seines Amts, befahl, daß sie unverzüglich sollten bauen lassen.

Herr Klug verrammelte nur seine Stube, Herr D...s sogar seinen Leib. Jener fürchtete sich vor Menschen, dieser vor dem Teufel.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl, Gutachten vom 3. November 1781, in: Pyl 1785, S. 204-208.


VIII.

Grundlinien zu einem ohngefähren Entwurf in Rücksicht auf die Seelenkrankheitskunde.

Moritz, Karl Philipp

In einem Magazine der Erfahrungsseelenkunde müssen, insbesondre anfänglich, der eingestreuten Reflexionen so wenige als möglich seyn. In der Folge kann es immer mehr durch wichtige Re-[32]flexionen und wichtige Fakta wachsen, die sich wechselseitig einander zu Hülfe kommen.

Alles ängstliche Hinarbeiten aber auf ein festes System muß dabei gänzlich vermieden werden, und fürs erste muß alles nur ohngefährer Entwurf seyn, worinn immer noch manche Linie wieder verwischt werden kann, wenn auch sogar das Ganze darüber eine völlig andre Gestalt gewinnen sollte.

Zu einem solchen Entwurfe habe ich es gewagt, folgende Grundlinien auf gut Glück zu ziehen, und werde mit der größten Gleichgültigkeit eine nach der andern wieder auslöschen, sobald sich Fakta einfinden, welche dagegen streiten. Mit ununterbrochner Aufmerksamkeit will ich über die Unpartheilichkeit meiner Gedanken wachen, und gelingt mir dieser Vorsatz, so hoffe ich, daß er mich dereinst zur Wahrheit führen wird.

Wenigstens können folgende Winke dazu nutzen, daß sie zu mehrern Arten von Beobachtungen Veranlassung geben, wodurch sich vielleicht ganz etwas anders ergiebt, als worauf man zuerst bei seinen Untersuchungen ausging: denn wer ein schlechtes Stückchen Silber sucht, kann wohl statt dessen einen Edelgestein finden.


[33]

1)*) 1 Mangel der verhältnismäßigen Uebereinstimmung aller Seelenfähigkeiten ist Seelenkrankheit.

Es kömmt daher nicht sowohl auf die Stärke oder Schwäche einer einzelnen Seelenfähigkeit, an und für sich betrachtet, an, als vielmehr, in wie ferne dieselbe, in Absicht aller übrigen Seelenfähigkeiten, entweder zu stark oder zu schwach ist.

Eine sehr starke Einbildungskraft kann daher bei einem solchen, wo Gedächtniß, Beurtheilungskraft u.s.w. ihr die Waage halten, in einem völlig gesunden Zustande der Seele statt finden; bei einem andern, wo dieses der Fall nicht ist, kann sie Krankheit seyn.

Hieraus folget, daß ein jeder Mensch nach dem ihm eignen Maaß seiner Seelenfähigkeiten, auch seinen eignen Seelengesundheitszustand habe, und daß selbst dieser nach dem verschiednen Alter desselben abwechselt; so daß z.B. ein gewisser Grad der Beurtheilungskraft, der in spätern Jahren na-[34]türlich ist, in frühern Jahren Ueberspannung und Krankheit der Seele gewesen seyn würde.

2) Diese Zerstörungen des nöthigen Verhältnisses zwischen den Seelenfähigkeiten heben sich oft von selber wieder auf, und nur, wenn sie lange und anhaltend fortdauren, sind sie eigentlich Seelenkrankheit.

Mangel an Thätigkeit, überspannte Thätigkeit, zwecklose Thätigkeit, u.s.w. sind Symptomen solcher Seelenkrankheiten, oder zerstörten Verhältnisse.

Diese Symptomen können oft gefährlich scheinen, ohne es zu seyn, oft können sie es seyn, ohne es zu scheinen. Zuweilen müssen sie plötzlich unterdrückt, oft nur eingeschränkt, und manchmal wohl gar befördert werden.

Wie wichtig würde die Ausführung und Bestätigung dieses Satzes in der Pädagogik seyn!

3) Die thätigen Kräfte müssen mit den vorstellenden Kräften in einem gewissen Verhältniß stehen; sind sie gegen dieselben zu stark, und bekommen das Uebergewicht, so ist dieses Krankheit der Seele, und eben der Zustand, wo man oft klagt, meliora video proboque, deteriora sequor; b sind sie gegen dieselben zu schwach, so ist [35]dieses ebenfalls Krankheit; die herrlichsten Entschließungen, die vortreflichsten Entwürfe werden nicht ausgeführt; schwinden sie ganz oder zum Theil, so ist dieses gleichsam eine Seelenlähmung, ein Zustand, worinn sich so mancher Unglückliche befindet, der die ausgezeichnetsten Talente durch Ueberspannung unbrauchbar machte.

4) Von den Ideen, welche täglich und Augenblicklich in die Seele strömen, müssen nothwendig immer eine gewisse Anzahl bald wieder verdunkelt werden, wenn die Denkkraft in einem gesunden Zustande bleiben soll.

Werden zu wenige verdunkelt, so entsteht ein Ueberfluß von Ideen, welcher Unordnung und Verwirrung verursacht, und die Reinigkeit und Klarheit im Denken hemmet; werden zu viele verdunkelt, so entsteht Unfruchtbarkeit, Leere und Armuth des Geistes.

Es scheinet, als wenn die Ideen, welche wir im Traume erhalten, ordentlicher Weise wieder verdunkelt werden müssen. Mir ist wenigstens die Erinnrung von Träumen höchst unangenehm, weil sie den ganzen Tag über einige Unordnung in meinen übrigen Ideen erweckt.

5) Der Mangel des gehörigen Zusammenhangs zwischen den Ideen scheinet die Ursach vieler [36]Krankheiten der Seele zu seyn. Im gesunden Zustande der Seele muß es immer einige gewissermaßen fixirte Ideen geben, die zwar eine Zeitlang, durch den Strom der neuen Vorstellungen, aus ihrer Lage gebracht werden können, aber doch allemal in dieselbe wieder zurückspringen; es muß vollkommen fixirte Ideen geben, die durch nichts erschüttert werden können. Bei dem Mangel des gehörigen Zusammenhangs aber springen die erstern nicht wieder in ihre Lage zurück, und die andern halten nicht stand. Wodurch Leichtsinn, Wankelmuth, und die daraus entspringenden Laster entstehn.

Eben so nachtheilig scheinet aber auch ein zu fester und unerschütterlicher Zusammenhang zwischen den Ideen zu seyn, woraus Starrsinn und Härte entsteht. Die Seele stößt eine Menge von den hinzuströmenden Ideen zurück, und kann aus ihrem Zufluß keine wohlthätige Nahrung ziehen.

6) Die Krankheiten der Seele können vielleicht, eben so wie die körperlichen, von den Eltern auf die Kinder fortgepflanzt, oder in ganzen Familien erblich seyn. Wie dieses einige von den vorhergehenden Faktis zu beweisen scheinen.

Sie können bei einem Volke oder in einem Lande vorzüglich herrschen.

[37]

Sie können ansteckend seyn.

Sie können heilbar oder unheilbar seyn.

7) Da die Krankheiten der Seele aus verschiednen Ursachen entstehen, so giebt es auch gewiß gegen dieselben kein Universalmittel, sondern der moralische Arzt muß diese Krankheiten nach ihren Erscheinungen, nach ihren Ursachen, und Folgen studieren, wenn er es unternehmen will, sie zu heilen.

Er muß das verletzte Verhältniß zwischen den Seelenfähigkeiten, wo möglich, wieder herzustellen suchen.

Er muß schädliche Ideen zu verdunkeln, und andre wieder gehörig zu erhellen wissen.

Er muß den gehörigen Grad des Zusammenhangs zwischen dem ganzen System der Ideen bewürken, und wieder in die innersten Fugen des allzufesten Zusammenhangs derselben, wenn es nöthig ist, eindringen können.

8) Kann es moralische Aerzte geben, und hat es solche gegeben?

Sokrates scheinet diese erhabenste Kunst in hohem Grade verstanden und ausgeübt zu haben.

[38]

Vielleicht haben sie mehrere in ihren kleinen Cirkeln im Stillen ausgeübt, deren Nahmen nur im Buche der Allwissenheit verzeichnet stehen.

Kleinjog soll zu unsren Zeiten, Personen, die sich eine Zeitlang bei ihm aufgehalten, durch seinen Umgang und durch sein Beispiel, wirklich von moralischen Krankheiten geheilt, und den zerstörten Frieden in ihrer Seele wieder hergestellt haben*). 2

Fußnoten:

1: *) Wegen der auffallenden Aehnlichkeit, welche die Erfahrungsseelenkunde mit der Arzneikunde im Ganzen hat, ist mir des Herrn Doktor Markus Herz medicinische Encyklopedie, a bei meinen Betrachtungen über die Seelenkrankheitskunde sehr zu statten gekommen.

2: *) Möchte ich doch viele Beiträge von Eltern, Erziehern und Schulleuten, oder andern Personen, denen das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, erhalten, worinn ausführliche und specielle Nachrichten gegeben würden, durch welche Mittel es jemanden gelungen ist, irgend einen verirrten nach und nach auf den Weg der Tugend wieder zurückzubringen, oder ihn von diesem oder jenem eingewurzelten Laster allmälig abzuziehen; wie äußerst wichtig und allgemeinnützig würde die Bekanntmachung solcher wirklich in Ausübung gebrachter Verfahrensarten seyn!

Erläuterungen:

a: Herz 1782.

b: Zitat von Ovids Verwandlungen 7, 20f.: Ich sehe das Bessere und heiße es gut, dem Schlechteren folge ich.

[39]

Zur Seelennaturkunde.

I.

Einige Beobachtungen über einen Taub- und Stummgebohrnen.

Moritz, Karl Philipp

Es verdient wohl bemerkt zu werden, in wie ferne die Seele, ohngeachtet des gänzlichen Mangels eines Sinnes, wodurch sie einen so großen Zufluß von Ideen erhält, sich dennoch in einem gesunden Zustande befinden kann, da überdem noch die Sprache fehlt, wodurch der Mensch seine Ideen allein zu fixieren scheinet.

Ich kam vor einiger Zeit auf den Gedanken, mit einem Taub- und Stummgebohrnen einen Versuch zu machen, ihn reden zu lehren, und zugleich über die Entwickelung seiner Ideen und Geisteskräfte Beobachtungen anzustellen.

Um Ostern dieses Jahres machte ich wirklich einen solchen Versuch mit einen taubstummen Knaben von funfzehn Jahren, Nahmens Karl Friedrich [40] Mertens, den ich in dieser Absicht aus dem hiesigen Chariteehause zu mir nahm.

Er schien es zu wissen, daß ihm ein Sinn mangle, indem er allemal mit dem Kopfe schüttelte, und eine betrübte Miene machte, sobald man auf das Ohr zeigte. Auch schien er den Mangel der Sprache zu empfinden, und bezeigte eine große Begierde, reden zu lernen.

Gleich anfänglich bildete er mir zwar die leichten Buchstaben b, d, f, u.s.w. durch die Bewegung des Mundes nach, aber er setzte keinen vernehmlichen Laut hinzu, bis ich durch Lachen und Husten, welches er mir ebenfalls nachmachte, endlich einen Ton aus seiner Kehle hervorlockte, und ihn nun in demselben Augenblick die obigen Buchstaben, mit diesem Tone verknüpft, wieder aussprechen ließ. Dieß alles war das Geschäft einer einzigen Stunde.

Anstatt der Buchstabencharaktere machte ich ihm nun erstlich einige natürliche Zeichen, und fand zu meiner größten Verwundrung, daß er eine kleine Wellenlinie, gänzlich ohne mein Zuthun, und von freien Stücken, sogleich mit der Volubilität der Zunge verfolgte, und dieses wiederhohlte, so oft ich ihm diese Linie wieder vorzeichnete, so, daß er auf diese Weise zuerst das l aussprechen lernte. Eben so verfolgte er nachher, auch ohne mein Zuthun, [41]den vorgezeichneten graden Strich mit einem Stoß der Zunge, und lernte auf diese Art das d aussprechen.

Ich ging nun in diesem Versuche weiter, und zeichnete ihm einen etwas großen halben Cirkel vor, welchen er, auch ohne mein Zuthun, durch eine weite Oefnung des Mundes nachahmte, und auf diese Weise einen lauten Schrei hervorbrachte. Ich fiel darauf, innerhalb dieses Cirkels einen kleinern, und immer einen kleinern, zu beschreiben, und bewirkte dadurch ein sehr verhältnißmäßiges Fallen, und schwächer werden der Stimme. Und da sich der letzte und kleinste halbe Cirkel endlich in einem Punkte verlor, so schwand auch die Stimme bis auf einen leisen und feinen Laut, welcher mit dem i viele Aehnlichkeit hatte.

Ich fing nun an, ihn verschiedne Gegenstände zuerst mit einzelnen Lauten benennen zu lassen, und er konnte sogleich, ohne mein Zuthun, die Dinge, welche zu einer Art gehörten, sehr wohl von andern, die verschiedner Art waren, unterscheiden. So ließ ich ihn z.B. ein gläsernes Dintenfaß l benennen, und zeigte darauf mit dem Finger nacheinander auf ein Fenster, auf einen Spiegel, und auf ein Trinkglas, welches er alles ebenfalls mit l benannte; da ich aber auf einen Stuhl zeigte, so schüttelte er mit dem Kopfe. Ein Stück Papier ließ ich ihn b nennen, eben so benannte er nun auch ein [42]Buch, und einen versiegelten Brief, den ich ihm vorzeigte; da ich ihm aber unmittelbar darauf eine Feder wieß, schüttelte er aufs neue mit dem Kopfe, und schwieg still.

In den ersten vierzehn Tagen, da ich ihn kaum alle Tage eine Stunde vornehmen konnte, lernte er schon Silben aus Buchstaben zusammensetzen, und sie vernehmlich aussprechen; und nach vier Wochen konnte er schon verschiedne zweisilbige Wörter, als Blume, Papier, u.s.w., obgleich mit einiger Anstrengung, hervorbringen, wie auch mehrere Personen, die ihn bei mir gesehen haben, wissen.

Er verstand die kleinsten Merkzeichen, wodurch man ihm eine Sache deutlich zu machen suchte. So konnte ich z.B. die Figur des k, so wie es geschrieben aussiehet, darzu nutzen, um ihn dadurch zu erinnern, daß er die Zunge an den Gaumen zurück ziehen müsse, weil diese Figur zufälliger Weise etwas Aehnliches darstellt.

Er machte nun starke Progressen, bis ich zu Pfingsten in diesem Jahre eine Reise that, von welcher ich erst vor Kurzem zurückgekehrt bin, und ihn bis jetzt, vieler Hindernisse wegen, noch nicht habe wieder vornehmen können. Freilich hat er während der Zeit das meiste wieder verlernet; ich [43]werde aber demohngeachtet nunmehro meine Lektionen von neuen mit ihm anfangen, und meine Beobachtungen über ihn fortsetzen, um sie in der Folge in diesem Magazine ebenfalls bekannt zu machen.

Noch muß ich, das Gedächtniß dieses Taubstummen betreffend, hinzufügen, daß er sich nach geraumer Zeit des Vergangnen sehr lebhaft erinnern kann, wie aus folgendem Umstande erhellet.

Vor einem Jahre lief er noch wild auf der Straße herum, und da ich einmal mit einem jungen Menschen auf einem Kahne fuhr, half er nebst noch einem Knaben für Geld mit rudern, indeß ich mit dem jungen Menschen auf dem Kahne in einem Buche las. Dieser junge Mensch besuchte mich einmal, und ich fing an, im Beiseyn des Taubstummen, mit ihm in einem Buche zu lesen, als dieser sich sogleich an alle Umstände des Kahnfahrens zurückerinnerte, und uns durch viele, sehr verständliche Zeichen seine Ideen deutlich machte.

Seine Einbildungskraft ist stark und richtig. Er bezeichnet fast alle Leute, die er gesehen hat, durch Miene und Gang.

Dabei ist zugleich seine Beurtheilungskraft so gut, daß ihm nicht leicht jemand ein Blendwerk vormachen, oder ihm, durch etwas einen leeren [44]Schreck einjagen, und ihn aus seiner Fassung bringen könnte.

Uebrigens scheint er viel Anlage zum Stolz zu haben, und ist außerordentlich neidisch.

II.

Aus einem Tagebuche.

Moritz, Karl Philipp

Den 18ten September 1780.

Ein unbedeutender, höchst uninteressanter Ausdruck aus einer Arie in einer Operette, den ich selbst nur vor ein paar Tagen von einem guten Freunde hörte, welcher ihn sich zu wiederhohltenmalen, aus Langerweile vorsang, kam mir heute Nachmittag, während dem ernsthaftesten Nachdenken, alle Augenblick, wieder meinen Willen, in den Sinn, und ich konnte mich nicht enthalten, ihn mir ebenfalls zu wiederhohltenmalen vorzusingen, ohne den mindesten Gefallen daran zu finden.

Dieses habe ich schon öfter bei mir gespürt. Auch habe ich zuweilen junge Leute gefragt, was sie denken, wenn sie eine lange Strecke für sich allein gehen? und sie hatten ebenfalls irgend einen solchen unbedeutenden Ausdruck im Kopfe, den sie sich [45]den ganzen Weg über ohne Zweck und Absicht wiederhohlten.

Den 4ten August 1781. Abends.

Während dem Gehen gelang es mir, die Gedanken, die mich traurig machten, nach und nach zu unterdrücken. Es traten andre an ihre Stelle, welche sie verdrängten. Ich fand, wie klein und unbedeutend mein gegenwärtiger Verdruß im Verhältniß gegen meine Entwürfe sey. Diese Entwürfe rollten sich alle in meiner Seele auseinander, und der Gedanke an ihre wahrscheinliche Ausführung gewährte mir eine süße Täuschung. Dieß alles aber ereignete sich erst bei mir, nachdem ich eine Weile schnell gegangen war.

Ich erinnere mich hiebei, daß ich im neunzehnten Jahre, da ich noch in Hannover auf der Schule, und wegen meiner schlechten Glücksumstände und traurigen Aussichten auf die Zukunft oft bekümmert war, allemal eine merkliche Veränderung in meinem Gemüthe spürte, wenn ich, mit einiger Schnelligkeit, einen Spatziergang um den dasigen Wall gemacht hatte, es mochte auch für Wetter seyn, was es wollte. Ich brauchte dieses zuletzt sehr oft, mit Vorbedacht, als ein Mittel, um mir wieder Muth zu machen, und meine gesunknen Hoffnungen wieder zu erwecken.

[46]

Den 22sten August 1781. Abends.

Als ich über die Wiese gegen die Dämmerung zu ging, dachte ich eine Reihe sehr angenehmer Gedanken, die ich mir jetzt so gut wie möglich wieder zurückrufen will:

Beschränke deine Aussichten und deine Wünsche, so kannst du hier einst wandeln, als Mann und als Greis, dein Weib an deiner Seite, und deine Kinder um dich her; kannst dann auch an diesen Abend dich zurückerinnern.

Hinter mir dämmerte die Abendröthe so schön, wie ich sie lange nicht dämmern sahe - ich ging noch etwas weiter, um bei der Rückkehr ihren Anblick desto länger zu genießen —

Und nun, da ich gegen den Glanz der Abendröthe zurückkehrte, wie ganz verändert waren auf einmal meine Gedanken! lebhaftere, stärkere Bilder traten an die Stelle der sanftern, die Freuden des Ruhms an die Stelle der ruhigen häuslichen Freuden. — Doch wurden die erstern nicht ganz verdrängt; sie milderten noch das aufwallende Streben nach den letztern, wie die zunehmende Dämmerung den Glanz der funkelnden Abendröthe.

Wie sehr hängt oft die ganze Richtung unsrer Gedanken von den äußern Gegenständen ab!

[47]

Vielleicht ist es in dem Augenblicke, wo wir eine große Entschließung fassen sollen, kein unwichtiger Umstand, ob die Gegenstände, welche wir um uns her erblicken, roth oder grün sind.


III.

Stärke des Selbstbewußtseyns.

Fischer, Ernst Gottfried

Ich habe verschiedenemale einen Zufall gehabt, der zwar wohl nicht unter die ganz seltenen, und unbekannten Erscheinungen gehört, der mir aber doch einiger Umstände wegen einen Platz in einem Magazine der Erfahrungsseelenkunde zu verdienen scheint.

Im Grunde mag er wohl nichts anders seyn, als das sogenannte Alpdrücken, das nur vielleicht bei jedem einzelnen Menschen eine etwas andere Gestalt annimmt.

Soviel ich weiß, hat man bisher diesen Zufall, mehr in medicinischer, als psychologischer Rücksicht beobachtet, und doch scheint er mir in dieser letztern Hinsicht nicht minder merkwürdig zu seyn.

Besonders kann er zur Bestätigung des Paradoxen Satzes dienen, daß man bei einer gänzlichen Verwirrung der Vorstellungs- und Einbildungs-[48]kraft, dennoch ein ziemlich deutliches Bewußtseyn von sich selbst, und von seinem Zustand behalten könne.

Der Zufall, von dem ich rede, hat sich immer bei mir auf folgende Art geäußert. Ich wache bisweilen des Nachts plötzlich auf, fühle mich aber zugleich in einen äusserst peinlichen, und sonderbaren Zustand versetzt, der schwer zu beschreiben ist, weil die damit verbundnen Empfindungen, mit andern gewöhnlichen, wenige oder gar keine Aehnlichkeit haben.

Es ist mir ohngefähr so, als ob ich mich über und über mit Feuer umgeben sehe, das mir aber eigentlich keine Empfindung vom Brennen, sondern nur eine heftige Beängstigung, verursacht.

Während dieses Zustandes ist die Phantasie in gänzlicher Verwirrung. Ungehirnte Schreckenbilder schweben um mich, und Vorstellungen, die keinen Zusammenhang und Menschensinn haben, gehn mir durch den Kopf.

Die Angst treibt mich zu schreien, aber die Kehle ist wie zugedrückt. Der ganze Körper ist wie gefesselt, oder eingekerkert, und alles Vermögen irgend ein Glied des Körpers zu bewegen, ist weg.

[49]

Dieser Zustand dauerte selten über ein oder zwei Minuten, und pflegte eben so schnell zu verschwinden, als er entstanden war.

Ich war ohngefähr siebzehn Jahr alt, als ich diesen Zufall zum erstenmale bekam, und damals hatte ich während desselben nicht das geringste deutliche Bewußtseyn von mir selbst, obgleich das peinliche Gefühl des Zustandes stark genug war, um mir hernach noch sehr lebhaft in der Erinnerung zu bleiben.

Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, lag ich in einem Angstschweiß, und meine Bestürzung war so groß, daß ich auf den thörichten Gedanken gerieth, etwas Uebernatürliches in dem Zufalle zu finden.

Da ich mich aber nachher wieder erhohlte, und zu völliger Besonnenheit kam, fiel mir sehr bald die Aehnlichkeit dieses Zufalls mit dem Alpdrücken ein, wovon ich nicht lange vorher in einem medicinischen Buche, ich glaube im Arzt, eine Beschreibung gelesen hatte. Ich wurde davon noch gewisser, da ich mehrere Personen fand, die ähnliche Zufälle gehabt hatten, ob sie gleich von ihren Empfindungen etwas andere Beschreibungen machten.

Wie oft ich nachher den Zufall wieder gehabt habe, weiß ich nicht ganz genau, doch kann es leicht acht bis neunmal seyn. Die Empfindung und [50]die Verwirrung der Phantasie, ist allezeit die nehmliche; allein in Absicht des Bewußtseyns, zeigte sich die folgendenmale ein merkwürdiger Unterschied.

Schon das zweitemal kam zugleich mit dem Zufall einiges Bewußtseyn, und Erinnerung an den ersten Fall, in die Seele, dieses Bewußtseyn ist bei jedem folgendenmale immer deutlicher geworden; und die ganze Erscheinung hat dadurch viel von dem Schreckhaften, das sie anfänglich hatte, für mich verloren.

Ich weiß jetzt, sobald der Zufall kommt, ganz deutlich, daß ich in diesem Zustande bin, daß er bald vorüber geht, und mir weiter keinen Schaden verursacht; ja, da ich einmal gehört habe, das Alpdrücken höre auf, sobald man nur ein Glied bewege, so habe ich doch bei aller Verwirrung oder Verrücktheit, die im Kopfe ist, genug Geistesgegenwart, um mich an diese Regel zu erinnern.

Ich bestrebe mich dann, irgend ein Glied zu bewegen, allein es ist nicht anders, als ob die Seele (man erlaube mir einen etwas sinnlichen Ausdruck) die Fäden, an welchen sie die Glieder bewegt, nicht finden könnte, als ob sie sie erst suchen müßte. Gemeiniglich war die rechte Hand das erste, was ich bewegen konnte, und dann verschwand das ganze Hirngespinst ziemlich bald.

[51]

Ich will indessen nicht bestimmen, ob der Zufall nachläßt, weil sich die Hand bewegt, oder ob die Hand beweglich wird, weil der Zufall nachläßt. Das erste sieht freilich ziemlich unwahrscheinlich aus, da die Ursache des Zufalls wohl nicht in der Hand, sondern im Gehirn liegt, wo vermuthlich das Blut stockt oder sich anhäuft, und daher das Gehirn drückt, welches durch einen sehr kleinen Umstand z.B. durch eine unnatürliche Lage des Kopfs veranlaßt werden kann.

Es sey mir erlaubt, vorjetzt nur noch eine Anmerkung hinzuzufügen.

Zufälle von dieser Art, und tausend andere Erfahrungen, scheinen zu beweisen, daß in den Wirkungen der Seele etwas mechanisches, oder so zu sagen, materielles sey. Jede Unordnung im Gehirne ist unmittelbar mit einer Unordnung in der Denkkraft verbunden, und folglich setzt auch umgekehrt die regelmäßige Wirksamkeit der Seele einen völlig gesunden Zustand des Gehirns voraus.

Da nun unser Gehirn, wie jeder andere Körper, in seinen Veränderungen mechanischen Gesetzen unterworfen ist, so muß von eben diesen Gesetzen auch die Wirksamkeit der Seele zum Theil abhängen.

Ich sage zum Theil; denn eben dieselben Erfahrungen, beweisen eben so unleugbar, daß noch [52]etwas höheres in der Seele ist, welches bei allen Verwirrungen und Unordnungen des Gehirns doch immer dasselbe bleibt, und dessen Thätigkeit zwar durch wiedernatürliche aus Unordnungen im Gehirn entspringende Empfindungen gehindert, und gleichsam betäubt, aber wohl nicht vernichtet werden kann.

Bis jetzt ist wohl die Gränzlinie noch nicht gezogen, in wie weit die Wirksamkeit der Seele mechanisch ist, und wie weit sie es nicht ist. Es dürfte auch wohl etwas schwer seyn, und einen ungemein feinen und scharfsichtigen Beobachter erfordern; allein der Nutzen, den die Auflösung dieser Aufgabe haben würde, scheint mir so groß zu seyn, daß ich fast zweifle, ob man in der Seelenlehre irgend eine wichtigere Frage aufwerfen könne.

Ich wünschte, daß mehrere, die an sich selbst Beobachtungen über das Alpdrücken gemacht haben, so genau und treu als möglich, die Ausschweifungen ihrer Phantasie, während dieses Zustandes, beschreiben möchten. Ich vermuthe, daß die Phantasie bei jedem Menschen etwas anders schwärmt, und andere Bilder hervorbringt. Und bestätigte dieses die Erfahrung, so ließen sich vielleicht manche nützliche Folgerungen daraus ziehen, vielleicht auch einiges zur psychologischen Erklärung dieser Erscheinung sagen. Da aber dergleichen Folgerungen [53]nicht ehr einen reellen Nutzen haben können, als bis sie auf unstreitigen Erfahrungen beruhen, so würde es überflüssig seyn, für jetzt etwas mehr davon zu sagen.

Fischer,

Lehrer am grauen Kloster in Berlin.


IV.

Wachender Traum.

Frölich

Als ich noch auf Schulen war, und ohngefähr das sechszehnte Jahr erreicht haben mochte, saß ich an einem Winterabend auf meiner Stube, und las einen lateinischen Autor.

Während dieser Zeit fiel mir's auf einmal ein, daß ich mir ein Pfund Kaffee und ein Pfund Zucker gekauft hätte, und dieser Gedanke machte mir während meinem Lesen außerordentlich viel Freude. Ich war hiebei, so viel ich mich entsinnen kann, in Auflösung mancher schweren Stelle glücklich, und wenn ich anders meiner damaligen Empfindung trauen darf, auch heiter.

Wie nun die Zeit heran kam, daß ich und meine Stubenburschen zu Tische gehen sollten, so stand ich auf, ging an mein Fach, worinn jeder Schüler seine ihm gehörigen Sachen aufbewahren [54]mußte, und griff nach dem Orte, wo ich den Zucker und Kaffee hingelegt zu haben glaubte. Zu meiner größten Verwunderung fand ich weder eins noch das andre. Ich schalt auf meine Mitschüler, und meinte nun, daß die ihn mir entwandt hätten: Allein diese versicherten mir hoch und theuer, daß sie unschuldig wären, und jeder von ihnen half mir suchen.

Endlich ging ich traurig fort, und der Gedanke an meinen verlornen Kaffee begleitete mich eine ganze Straße lang, durch welche ich erst zu dem Speisesaale gehen mußte.

Bei Tische fand ich gute Freunde, die gerade geschickt genug waren, durch ihre muntere und scherzhafte Laune, mich meines Verlustes vergessen zu machen.

Ich ward mit ihnen aufgeräumt, und mitten im Lachen — das weiß ich noch recht eben — fiel mir's ein, daß ich niemals Kaffee und Zucker gekauft, und dieser Gedanke war mir auf einmal so gegenwärtig, daß ich mich nicht genug wundern konnte, wie's möglich gewesen, nach einer Sache, woran ich den Tag über gar nicht, wenigstens doch nicht stark gedacht hatte, und die nach meinen damaligen Vermögensumständen, mir anzuschaffen, völlig unmöglich war, mit so vielem Ernst, in einer so langen Zeit, zu suchen. —

[55]

Ich weiß mich gar nicht zu erinnern, daß irgend ein Umstand meine Seele damals besonders beschäftigte, vielmehr waren wir an dem Tage spatzieren geführt worden, wo wir es doch nicht an Zerstreuungen fehlen ließen.*) 1

Frölich.

Fußnoten:

1: *) Ich erinnre mich hiebei eines ähnlichen Falles, da ich als ein Knabe, von ohngefähr zwölf Jahren, mich einige Tage lang fest überredete, daß eine junge Kaufmannsfrau in unsrer Nachbarschaft todt sey, bis ich sie einmal vor der Thüre stehn sahe, und über ihren Anblick sehr erschrack.
Nachdem ich aber etwas nachdachte, fiel es mir plötzlich ein, daß mir vor einigen Tagen von dem Tode dieser Frau geträumt hatte, so daß ich sie in einem Sterbekittel im Sarge liegen sahe.
Die Ideen vom Traume hatten sich nicht gehörig verdunkelt, und sich daher mit den Ideen von der Wirklichkeit vermischt. Im obigen Falle kann gleicherweise ein solcher Traum vorhergegangen seyn, dessen sich aber die Seele nicht wieder erinnern, und folglich auch nicht wissen konnte, woher sie zu einer ihr ganz fremdscheinenden Idee gekommen war.
Dauert ein solcher Zustand lange und anhaltend fort, so kann er in Wahnwitz ausarten. Und es lassen sich aus dem Mangel einer hinlänglichen Verdunkelung der Traumideen gegen die Wahrheitsideen, die obige Schönfeldsche und Gragertsche Geschichte vielleicht am besten erklären.
M.

[56]

V.

<Über den Tod von Johann Georg Zierlein>

Moritz, Karl Philipp

Dasjenige, was die augenscheinliche Zerstörung des Körpers mit Gleichmuth ansehen, und bis auf den letzten Augenblick bemerken kann, muß nothwendig etwas anders, als der Körper selber, muß ein höheres, sich dem Staube entschwingendes Wesen seyn. In dieser beruhigenden Rücksicht denke ich immer gern an die letzten Stunden meines unvergeßlichen Freundes, des seeligen Herrn Professors

Zierlein.

Mit Wehmuth schreib' ich seinen Nahmen nieder. — Denn vor zwei Monathen dachte ich es noch nicht, daß ich jetzt von seinem Tode reden würde. Wenn aber die letzten Stunden solcher Personen, welche sich in ihrem ganzen Leben durch redlichen Wahrheits- und Tugendeifer vorzüglich ausgezeichnet haben, merkwürdig sind, so sind es gewiß die seinigen.

Ich werde davon erzählen, was ich aus dem Munde seines Bruders des Herrn Kandidat Zierlein, jetzigen Lehrers am hiesigen großen Friedrichs-Hospital, der bis an den letzten Augenblick bei ihm war, mit Gewißheit weiß, wenn ich vorher noch das Nöthige von seinen Lebensumständen vorangeschickt habe.

[57]

Er ward am 10ten November im Jahr 1746 zu Jüchsen, einem Dorfe im Meiningischen, gebohren. Sein Vater, welcher daselbst Cantor war, unterrichtete ihn selbst so lange in Sprachen und Wissenschaften, bis er die lateinische Schule in Meiningen besuchen konnte, wo er fünf Jahre zubrachte, und von da nach der Universität Halle ging.

Nachdem er hier vier Jahre zugebracht, wovon er die erste Hälfte bloß zum Zuhören, die andre aber auch, als Lehrer in den obern Klassen der lateinischen Schule des Glauchischen Waisenhauses, zum Unterricht angewandt hatte, so ward er im vierundzwanzigsten Jahre seines Alters zum Rektor der Schule in Prenzlow erwählt, eben da er im Begriffe war in Halle Magister zu werden, und sich der Universität zu widmen.

Als er fünf Jahre lang das Rektorat zu Prenzlow mit ungemeinem Eifer und Treue verwaltet, die Schule in innere und äußere Aufnahme gebracht, und sich den Ruhm eines vorzüglichen Schullehrers erworben hatte, fühlte er, daß sein Körper nicht mehr fähig war seiner Seelenthätigkeit das Gleichgewicht zu halten, und von Tage zu Tage schwächer wurde. Er sahe sich daher genöthiget, sein Rektorat mit einer Landpredigerstelle zu vertauschen, welche er auch in dem uckermärkischen Flecken Gerswalde erhielt.

[58]

So wie er aber hier anfing, sich wieder von seiner Schwachheit zu erhohlen, ward auch der Wirkungskreis, in welchen er nun versetzt war, für ihn zu klein, und sein Verlangen wiederum an einer höhern Schulanstalt nützlich zu werden, von Tage zu Tage größer. Er erreichte seinen Wunsch, und ward im Jahr 1778 als Professor der griechischen und hebräischen Sprache, und der christlichen Lehre an das Berlinische Gymnasium beruffen, nachdem er viertehalb Jahr in Gerswalde Prediger gewesen, und zweiunddreißig Jahr alt war.

Sein Eifer und seine Treue, womit er seinem hiesigen Amte, bis an seinen Tod, vorgestanden hat, sind allgemein bekannt. Er ließ sich das Beste der Anstalt, woran er arbeitete, so sehr angelegen seyn, daß er würklich die Sorge für seine Gesundheit oft darüber vergaß, und daher immer einen schwächlichen Körper behielt, der ihn endlich zu einem so frühen Tode reif machte.

Wir waren, besonders in den letztern Jahren, vertraute Freunde geworden, und sprachen bei unsern Spatziergängen oft über unsre Bestimmung, über die Seele, über Tod und Unsterblichkeit. Dieß war auch noch unter andern der Gegenstand unsrer Unterredung als wir neun Tage vor seinem Tode, des Sontags, an einem heitern Morgen, zum letztenmal nach Strahlau spatzieren gingen.

[59]

Es war am Ende des August. Das Gras auf der Wiese war abgemäht, und von dem Heu stieg uns ein angenehmer Duft entgegen. Die ganze Natur lächelte. Wir waren außerordentlich vergnügt, und machten Entwürfe auf die Zukunft. Kein Gedanke dran, daß dieß unser letzter Spatziergang seyn sollte.

Er ward von der rothen Ruhr befallen, und den andern Tag schon lag er nieder. Als ich ihn im Anfange seiner Krankheit besuchte, äußerte er, daß er schwerlich glaubte, durchzukommen, hatte aber demohngeachtet immer noch einige Hofnung, bis an den folgenden Sonntag, da er des Morgens früh zu seinem Bruder mit vielem Nachdruck und Gewißheit sagte: ich sterbe! Wie dieser darüber in die äußerste Wehmuth geräth, spricht er ihm Trost ein, und versichert ihn zu wiederhohltenmalen, er werde gewiß bald, und ehe er sich's versehen würde, eine sehr gute Versorgung erhalten: welches auch sogleich nach seinem Tode eingetroffen ist, indem man dem Herrn Candidat Zierlein, noch ehe sein Bruder begraben ward, eine einträgliche Pfarstelle auf dem Lande übertrug.

Nachdem der seelige diesen Vormittag noch mit vieler Fassung verschiednes gesprochen hatte, bat er seinen Bruder, ihm einige Psalmen im hebräischen Grundtext vorzulesen, und sagte unter andern die [60]Worte griechisch: ich begehre aufgelöset und bei Christo zu seyn. Endlich unterschrieb er noch mit zitternder Hand einen letzten Willen, worinn er seinem Bruder seine Bücher vermachte.

Den Sonntagnachmittag besuchten ihn verschiedne Freunde, denen er aber bloß die Hände drücken konnte, ohne ein Wort zu reden. Gegen die Nacht schien er sich etwas wieder zu erhohlen, und bat seinen Bruder bei ihm zu wachen. Dieser mußte ihm wiederum im hebräischen Grundtext zuerst aus den Sprüchen Salomonis und hernach aus den Psalmen vorlesen. Bald darauf aber wünschte er einige Psalmen in Luthers deutscher Uebersetzung zu hören, und da sein Bruder einige nicht zum Zweck dienende Stellen, während dem Vorlesen, ausließ, so merkte er dieses sogleich, und bezeigte ihm darüber seinen Beifall.

Da es gegen Mitternacht hinkam, bat er seinen Bruder, er möchte nun aufhören zu lesen, und sich ein wenig mit ihm unterreden, worauf er ihm verschiedne Fragen, in Absicht des Daseyns und der Fortdauer der menschlichen Seele, that, mehr als ob er ihn prüfen, als sich selbst erst überzeugen wollte, er empfahl ihm hiebei, Kants Schriften fleißig zu lesen.

Aber, fuhr er fort, wie willst Du mir das auflösen, daß ich jetzt sterben muß, da ich kaum [61]sechsunddreißig Jahr alt bin, und hier das Ziel meiner Thätigkeit noch lange nicht erreicht zu haben scheine? — Sein Bruder antwortete ihm: da Du in Prenzlow fünf Jahre als Rektor nützlich gewesen warest, und nun wegen der Schwächlichkeit Deines Körpers Dein dortiger nützlicher Einfluß aufgehört hatte, so hattest Du auch da Dein Ziel erreicht, und Gott fügte es so, daß Du in Gerswalde Prediger wurdest, wo sich Deine Kräfte wieder erhohlen konnten. Als aufs neue viertehalb Jahr um waren, so hattest Du auch dort wieder das Ziel Deiner Erhohlung erreicht, und Gott setzte Dich nun wieder in einen Wirkungskreis, wozu Deine Kräfte reif geworden waren. Aus dieser zweimaligen weisen göttlichen Fügung kannst Du nun mit vieler Gewißheit schließen, daß Du auch das drittemal Dein jetziges Ziel erreicht habest, und Gott Dich nun wieder in einen ganz andern Wirkungskreis versetzen werde.

Bruder! sagte der seelige, nachdem er ausgeredet hatte, Bruder! und drückte ihm voll Inbrunst die Hände, da bist Du auf dem rechten Wege der Philosophie, o dabei bleibe ja beständig! Auf diesen Faden war ich selbst noch nicht einmal so gefallen. Gott wird es Dich gewiß gut gehen lassen, und Du wirst in Deinem Berufe gewiß viel, viel Nutzen stiften! Hiebei rollten ihm Thränen der Freude und Wehmuth die Wangen herab.

[62]

Nach einiger Zeit sagte er: nun Bruder, geh' zu Bette, ich will auch ein wenig schlafen! — Sein Bruder mußte seinem Bitten nachgeben, ging zu Hause, und legte sich ein paar Stunden nieder. Die noch lebende Mutter des seeligen, welche er in seinen drei Aemtern beständig bei sich gehabt, und sie immer auf das zärtlichste geliebt hat, blieb noch einen Theil der Nacht bei ihm, und er tröstete sie ebenfalls über seinen Verlust, und rühmte ihr vieles von seinem Bruder, der nun künftig ihre Stütze seyn, und gewiß bald und unversehens eine gute Versorgung erhalten würde: auch wiederhohlte er ihr die Worte desselben, worüber er sich kurz vorher so gefreuet hatte.

Bald nachher erheiterte sich auf einmal seine ganze Miene. Ei wie schön! sagte er lächelnd, o das ist was Herrliches! solch einen Gesang habe ich noch nie gehört! wenn doch das mein Bruder hören könnte! —

Er schlummerte ein wenig. — Den Montag Morgen kam sein Bruder zu ihm, und fand ihn im Bette aufgerichtet sitzen, und eine Tasse Kaffee trinken, worinn er Zwieback tunkte und aß. Gott sey Dank, rief sein Bruder, daß ich Dich besser finde! Ja, antwortete er, mir ist besser! und als der Arzt kam, fragte er ihn, ob er wohl etwas Wein trinken dürfte, und wie viele Gläser? zugleich bat [63]er seinen Bruder, ihm etwas Wein zu verschaffen: dieser eilte, um selbst den allerbesten zu hohlen. Man gab ihm erst einen Löffel voll zu kosten; allein er wiederte ihn auf der Zunge, und er konnte keinen Tropfen davon trinken.

Der Arzt zog darauf den Bruder bei Seite, und sagte ihm, daß nun eben, da sich der Kranke so augenscheinlich erhohlt zu haben schiene, gar keine Hoffnung mehr übrig, und der kalte Brand in den Eingeweiden sey. Dieser faßte sich nun so viel wie möglich, um die Beklemmung seines Herzens nicht merken zu lassen, und blieb bei dem Bette seines sterbenden Bruders, dessen schon kalt werdende Hand er in der seinigen noch zu erwärmen suchte.

Nun beklagte er sich stark über Frost an den Füssen. Sein Bruder rieb sie ihm eine Weile, aber sie erkälteten ihm zwischen den Händen. Der Kranke bat darauf seinen Bruder, ihn aufzuheben, dieser konnte es aber nicht allein mehr, und sagte: Du bist mir zu schwer, Bruder, ich muß jemanden zu Hülfe rufen. Worauf er antwortete: bald werde ich noch schwerer werden.

Gegen zehn Uhr hörte er auf zu sprechen, drückte aber immer noch seines Bruders Hand, und sahe ihn heiter und lächelnd an. Machte auch Bewegungen mit dem Haupte, als ob er [64]andächtig im Gebete mit Gott redete. Als sein Bruder ihn einmal verließ, sah er sich etwas unwillig nach ihm um, und schien beruhigt zu seyn, da er wieder kam.

Kurz vor zwölf Uhr streckte er noch einmal seine Hand aus, reichte sie seinem Bruder, drückte ihm die seinige zum letztenmale, und sagte ihm mit seinem sterbenden Blicke Lebewohl. Darauf zog er die Füße nach sich, das Deckbette fest über sich, und sagte auf einmal, nachdem er schon seit zwei Stunden nicht mehr gesprochen hatte, wie vom entsetzlichsten Frost erschüttert: Hu, wie kalt! Alsdann zeigte er mit der Hand und mit einem bedeutenden Nicken erstlich auf die Hüfte, dann auf die Seite, dann etwas höher, als ob er bezeichnen wollte, wie der Tod allmälig heraufrükte. Und endlich fuhr er mit heftiger Gewalt mit der Hand aufs Herz, und verschied ohne weitere Zuckung, um zwölf Uhr, sanft und mit lächelnder Miene.

[65]

VI.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit. a

Moritz, Karl Philipp

Die allerersten Eindrücke, welche wir in unsrer frühesten Kindheit bekommen, sind gewiß nicht so unwichtig, daß sie nicht vorzüglich bemerkt zu werden verdienten. Diese Eindrücke machen doch gewissermaßen die Grundlage aller folgenden aus; sie mischen sich oft unmerklich unter unsre übrigen Ideen, und geben denselben eine Richtung, die sie sonst vielleicht nicht würden genommen haben.

Wenn die Ideen der Kindheit bei mir erwachen, so ist es mir oft, als ob ich über die kurze Spanne meines Daseyns zurückschauen könnte, und als ob ich nahe dabei wäre, einen Vorhang aufzuziehn, der vor meinen Augen hängt. Daher ist es auch seit mehrern Jahren oftmals die Beschäftigung meiner einsamen Stunden gewesen, diese Erinnerungen in meine Seele zurückzurufen.

Freilich merke ich es deutlich, daß dieses oft nur Erinnerungen von Erinnerungen sind. Eine ganz erloschne Idee war einst im Traume wieder erwacht, und ich erinnere mich nun des Traumes, und mittelbar durch denselben erst jener wirklichen [66]Vorstellungen wieder. Auf die Art weiß ich es, wie meine Mutter mich einst im Sturm und Regen, in ihren Mantel gehüllt, auf dem Arme trug, und ich mich an sie anschloß, und ich kann die wunderbar angenehme Empfindung nicht beschreiben, welche mir diese Erinnerung gewährt.

Im meinem dritten Jahre zog meine Mutter mit mir aus meiner Geburtsstadt weg, die ich seitdem nicht wieder gesehen habe. Ich erinnere mich aber demohngeachtet noch einiger Gegenstände, die dort einen vorzüglichen Eindruck auf mich machten. Einer dunkeln tiefen Stube bei unserm Nachbar, den wir des Abends zuweilen zu besuchen pflegten. Der kleinen Schiffe, welche auf der Weser fuhren, und wo ich einige Weiber am Rande sitzen sahe. Eines Brunnens nicht weit von unserm Hause, dessen Bild mir immer auf eine ganz eigne Art im Gedächtniß geschwebt hat, und wobei es mir noch jetzt in diesen Augenblick ist, als ob ich wehmüthig in eine dunkle Ferne blickte.

Sollten vielleicht gar die Kindheitsideen das feine unmerkliche Band seyn, welches unsern gegenwärtigen Zustand an den vergangnen knüpft, wenn anders dasjenige, was jetzt unser Ich ausmacht, schon einmal, in andern Verhältnissen, da war? Unzähligemale weiß ich schon, daß ich mich bei irgend einer Kleinigkeit an etwas erinnert habe, und [67]ich wußte selbst nicht recht an was. Es war etwas, das ich nur im Ganzen umfaßte, was irgend eine dunkle entfernte Aehnlichkeit mit meinem gegenwärtigen Zustande gehabt haben muß, ohne daß ich mir dieselbe deutlich entwickeln konnte.

Auch erinnere ich mich von meiner Geburtsstadt noch eines dunkeln Gewölbes, wo man, glaub' ich, durch ein Gitter, die Särger stehn sahe; eines schwarzen Schranks, welches in einem der benachbarten Häuser auf dem Flur stand, und mir so ungeheuer groß vorkam, daß ich glaubte, es müßten nothwendig Menschen darinn wohnen; unsrer Wirthin einer bösen harten Frau, in einem grauen Kamisohle, und ihres Mannes im grünen Rocke; der gelben Thüre in unsrer Stube; der Treppe, worauf ich oft saß, und auf und niederkletterte; eines Mangelholzes, womit ich spielte; überhaupt aber mehr der Farben, als der Gestalten der Dinge.

Ein Umstand ist mir noch insbesondre gegenwärtig. Meine beiden Stiefbrüder b saßen auf einer steinernen Bank, vor einem Hause, welches dem unsrigen gerade gegenüber stand, und das Klingenbergsche hieß, wie ich mich noch von der Zeit an zu erinnern scheine, weil ich nachher von diesem Hause nicht wieder reden hörte. Ich lief [68]quer über die Straße von unserm zu jenem Hause hin und wieder. Ein ansehnlicher Mann kam in der Mitte der Straße dahergegangen, und ich rannte ihm gerade auf den Leib. Nun weiß ich noch ganz genau, wie ich gegen diesen Mann anfing mit beiden Händen auszuschlagen, weil ich glaubte, er habe mir Unrecht gethan, da ich doch im Grunde der beleidigende Theil war.

Nicht weit von uns gegenüber wohnte der Garnisonprediger, in dessen Garten meine Brüder oft mit mir spatzieren gingen. Von diesem Garten kann ich mich weiter nichts, als der grünen Weinranken an den Seiten erinnern. — Die Eindrücke großer sichtbarer Gegenstände, als der Thürme, Kirchen, des Umfanges der Häuser, u.s.w. sind von diesen Zeiten her gänzlich aus meinem Gedächtniß verwischt, und haben nicht die mindeste Spur zurückgelassen, nur das scheinet mir noch sehr klar zu seyn, daß unsre Hausthüre weit größer war, als die des gegenüberstehenden Hauses.

In der kindischen Einbildungskraft stellen sich die kleinen Gegenstände viel größer dar, als sie sind, und die großen faßt sie nicht.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit von mehrern Personen nebeneinander gestellt, würden vielleicht erwei- [69] sen, wie sich die Ideen zuerst von der Farbe, dann von der Gestalt, dann von der verhältnißmäßigen Größe der Gegenstände, nach und nach in der Seele fixirt haben. Und könnte man nicht auf die Weise vielleicht dem geheimen Gange nachspüren, wie das wunderbare Gewebe unsrer Gedanken entstanden ist, und mit der Zeit die ersten Grundfäden desselben auffinden?

Den ersten starken und bleibenden Eindruck auf mich machte die freie offne Natur, als meine Mutter, während des siebenjährigen Krieges, da ich beinahe drei Jahr alt seyn mochte, aus der Stadt aufs Land zog. Ich weiß noch, wie ich, in ihren Mantel gehüllt, mit ihr auf dem Wagen saß, und gewiß glaubte, daß Bäume und Hecken vor uns vorbei flögen, so wie der Wagen fortfuhr. Auch erinnere ich mich noch, wie wir über eine grüne Wiese fuhren, worauf sich oft Wasser von Regen gesammlet haben mochte, daß mir damals wie lauter große Seen vorkam; und wie meine Brüder in rothen Röcken neben dem Wagen hergingen, die ich zu meiner Verwundrung bald erscheinen, bald wieder verschwinden sahe.

Von dieser Zeit an scheinet mir mein gegenwärtiges Daseyn erst recht seinen Anfang genommen zu haben. Der vorige Theil meines Lebens [70]kömmt mir wie abgerissen vor. Mit vieler Mühe kann ich ihn nur an mein eigentliches Daseyn anknüpfen, und die Erinnerungen aus demselben scheinen mir alle nur Erinnerungen von Erinnerungen zu seyn. Vom dritten Jahre an aber schweben mir die Ereignisse meiner Kindheit größtentheils noch sehr lebhaft im Gedächtniß.

M.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA I, S. 35 u. 804

b: Die Zwillinge Johann Gottlieb und Anton, vgl. KMA I, S. 772, Erl. zu 13,23-24.


VII.

Hat die Seele ein Vermögen, künftige Dinge vorher zu sehen?

Knape, Christoph

Ich meines Theils zweifle sehr daran, vielleicht deswegen, weil ich es, in so mancherlei Rücksicht, nicht wünsche. Allein es kömmt freilich hiebei auf Thatsachen an. Und wer weiß, ob es nicht, bisher noch unbekannte und ungenutzte Seelenfähigkeiten geben mag; die eben dadurch ihre allgemeine Wirksamkeit verloren haben, weil sie zu wenig gebraucht worden sind; so wie unsre linke Hand am Körper, bloß wegen Mangel des Gebrauchs, schwächer und unbehülflicher ist, als die rechte. In dieser unpartheiischen Rücksicht also sollen mir wirkliche Fakta sehr willkommen seyn, welche ein solches Vorhersehungsvermögen der Seelen zu be-[71]weisen scheinen, wozu auch folgender Aufsatz gehört, der mir von dem Herrn D. Knape gütigst mitgetheilt ist. <M.>

Berlin den 27sten Oktober 1782.

Sie wünschen also, daß ich Ihnen dasjenige schriftlich mittheilen soll, was ich Ihnen neulich als einen Beweis von dem Vorhersehungsvermögen der Seele mündlich erzählt habe. Da meine Erfahrungen auf Träumen beruhen, so muß ich freilich wohl befürchten, daß manche mich für einen phantastischen Träumer halten werden; allein wenn ich zu der Erreichung Ihres allerdings sehr nützlichen Endzwecks etwas beitragen kann, so liegt nichts daran, man denke, was man wolle! Genug, ich bin Bürge für die Wahrheit und Zuverlässigkeit desjenigen, was ich Ihnen sogleich umständlicher erzählen will.

Im Jahre 1768, als ich in der hiesigen Hofapotheke die Apothekerkunst erlernte, hatte ich in der 72sten Ziehung der Königl. Preuß. Zahlenlotterie, a die am 30sten May desselben Jahres geschahe, auf die Zahlen 22 und 60 gesetzet.

In der Nacht vor dem Tage der Ziehung träumte mir, daß des Mittags gegen zwölf Uhr, als zu welcher Zeit gewöhnlich die Lotterie gezogen zu werden pflegt, der Hofapotheker zu mir herunter schickte, und mir sagen ließ, daß ich zu ihm her-[72]aufkommen sollte; als ich heraufkam, sagte er zu mir, ich sollte sogleich jenseits des Schlosses zu dem Auktionskommissarius Herrn Mylius hingehen, und ihn fragen, ob er die ihm kommittirten Bücher in der Auktion erstanden habe? sollte aber ja bald wieder kommen, weil er auf die Antwort warte.

Das ist vortreflich, dacht' ich bei mir selbst, jetzt wird gerade die Lotterie gezogen, da will ich sogleich, sobald ich meinen Auftrag ausgerichtet habe, geschwind nach dem Generallotterieamte hinlaufen und sehn, ob meine Nummern herausgekommen*), 1 wenn ich nur hurtig zugehe, so komme ich doch noch früh genug wieder zu Hause.

Ich ging also sogleich meinem erhaltnen Befehl zufolge zu dem Auktionskommissarius Herrn Mylius, bestellete meinen Auftrag, und nach erhaltener Antwort lief ich eiligst nach dem Generallotterieamte an der Jägerbrücke. Ich fand hier die gewöhnliche Zurüstung, und eine ansehnliche Menge Zuschauer. Man hatte schon angefangen die Nummern in das Glücksrad hineinzuzählen, und in dem Augenblick, als ich ankam, wurde Nummer 60 vorgezeiget und ausgerufen. O, dacht' ich, das ist eine gute Vorbedeutung, daß gerade eine [73]von meinen Nummern ausgerufen wird, indem ich dazu komme.

Da ich nicht lange Zeit hatte, so wünschte ich nun nichts mehr, als daß man mit dem Hereinzählen, der noch übrigen Nummern, soviel als möglich eilen möchte. Sie wurden endlich alle hereingezählet, und nun sahe ich dem Waisenknaben die Augen verbinden, und nachher auf die gewöhnliche Art die Nummern ziehen.

Als die erste gezogene Zahl vorgezeiget und ausgerufen wurde, so war es Nummer 22. Schon wieder eine gute Vorbedeutung, dacht' ich; nun wird 60 gewiß auch herauskommen! Es wurde die zweite Nummer gezogen, vorgezeiget und ausgerufen, und siehe da! es war Nummer 60.

Nun mögen sie meinetwegen ziehen was sie wollen, sagte ich zu jemand, der neben mir stand, meine Nummern sind heraus, ich habe nicht länger Zeit, indem drehete ich mich um, und lief spornstreichs zu Hause. —

Hier erwachte ich, und war mir meines Traums so deutlich bewußt, als ich ihn jetzt erzählt habe. Wäre mir nicht der so sehr natürliche Zusammenhang und die ganz besondere Deutlichkeit auffallend gewesen, so würde ich ihn [74]für nichts anders als einen Traum im gewöhnlichen Verstande gehalten haben: diese aber machten mich aufmerksam, und reitzten meine Neugierde so sehr, daß ich kaum den Mittag erwarten konnte.

Endlich schlug es Eilf, aber noch war kein Anschein zur Erfüllung meines Traumes. Es schlug ein Viertel, es schlug halb Zwölf, und auch noch jetzt war keine Wahrscheinlichkeit dazu vorhanden. Schon hatte ich alle Hofnung aufgegeben, als unvermuthet einer von den Arbeitsleuten zu mir kam, und mir sagte, ich sollte sogleich zu dem Herrn Hofapotheker heraufkommen.

Ich ging voller Erwartung herauf, und hörte von ihm mit der größten Verwunderung, daß ich sogleich zu dem Auktionskommissarius Herrn Mylius jenseits des Schlosses hingehen und ihn fragen sollte, ob er die ihm kommittirten Bücher in der Auktion erstanden habe? zugleich sagte er mir aber auch dabei, ich sollte ja bald wiederkommen, weil er auf die Antwort warte.

Wer war wohl geschwinder als ich? Ich ging eiligst zu dem Auktionsskommisarius Herrn Mylius, bestellete meinen Auftrag, und nach erhaltener Antwort lief ich, so geschwind ich konnte, nach dem Generallotterieamte an der Jägerbrücke. Und voller Erstaunen sahe ich, daß Nummer 60 in dem [75]Augenblick als ich herankam, vorgezeigt und ausgerufen wurde.

Da mein Traum bis jetzt so pünktlich eingetroffen war, so wollte ich doch nun auch gerne das Ende abwarten, so wenig ich auch Zeit dazu hatte, ich wünschte daher nichts mehr, als daß man mit dem Hereinzählen der Nummern eilen möchte. Endlich wurde man damit fertig. Es wurden dem Waisenknaben, wie gewöhnlich, die Augen verbunden, und nun kann man sich leicht die Begierde vorstellen, mit welcher ich die letzte Erfüllung meines Traumes erwartete.

Die erste Nummer wurde endlich gezogen und ausgerufen, und siehe da! es war — Nummer 22. Es wurde die zweite gezogen, und auch diese war, so wie mir geträumt hatte, Nummer 60.

Jetzt fiel's mir ein, daß ich mich schon länger verweilet hatte, als es mir mein Auftrag erlaubte, ich bat also die mir im Gedränge zunächststehenden, mich durch zu lassen. Ei, antwortete mir einer, wollen Sie nicht warten bis die Nummern alle heraus sind? nein, sagte ich, ich habe nicht länger Zeit, meine Nummern sind heraus, und nun mögen sie meinetwegen ziehn was sie wollen, indem wandte ich mich um, drängte mich durch und lief eiligst und freudig zu Hause, und so wurde mein [76]ganzer Traum nicht nur dem wesentlichen Verlauf, sondern sogar den Worten nach erfüllet.

Vielleicht ist's Ihnen nicht unangenehm, wenn ich Ihnen noch ein paar Erfahrungen von ähnlichem Inhalte erzähle.

Am 18ten August 1776 träumte mir gegen Morgen, als wäre ich in der Gegend am Schlesischen Thore spatzieren gegangen, und wollte von da quer über das hier befindliche Feld durch die Riecksdorfer- oder Dresdenerstraße zu Hause gehen.

Ich fand das Feld voller Stoppeln, und es schien, als wenn das Korn, was hier gestanden hatte, nicht längst abgemähet und eingeerndtet war*). 2 Als ich in die Riecksdorferstraße hereinkam, so ward ich gewahr, daß sich vor einem der ersten Häuser einige Menschen versammelt hatten, die nach dem Hause hinsahen. Ich vermuthete also, daß in oder vor dem Hause irgend eine Neuigkeit vorgefallen seyn würde, und aus dieser Ursache frug ich, als ich herankam, den ersten, der mir aufstieß, was giebts denn hier? I, antwortete er ganz gleichgültig, die Lotterie ist gezogen, so! sagte ich, ist sie schon gezogen? was sind denn für Nummern heraus? I, gab er zur Antwort, da stehn [77]sie, und zugleich zeigte er mit dem Finger nach der Thüre eines im Hause befindlichen Kramladens, den ich jetzt zuerst gewahr wurde.

Ich sahe die Thüre an und fand, daß die Nummern mit Kreide an einer schwarzen Leiste der Thüre angeschrieben waren, so wie es wirklich nicht selten zu geschehen pflegt*). 3

Zu meinem größten Verdruß ward ich aber gewahr, daß nur eine einzige Nummer von denen, die ich gesetzt hatte, heraus war: ich übersahe die Nummern noch einmal, um sie nicht zu vergessen, und ging darauf verdrießlich nach Hause. Ehe ich aber noch zu Hause kam, erwacht ich. —

Ich ward, als ich erwachte, durch ein zufälliges Geräusch verhindert, mich meines Traums sogleich zu erinnern, kurz nachher aber fiel er mir wieder bei, und nachdem ich etwas nachgedacht hatte, erinnnerte ich mich dessen zwar so deutlich, als ich ihn jetzt erzählt habe, jedoch fiel es mir schwer, mich auf alle fünf Nummern ganz genau zu besinnen.

[78]

Daß Nummer 42 die erste, und Nummer 21 die zweite von den Nummern war, die ich angeschrieben gesehen hatte, dieß wußte ich mich ganz gewiß zu erinnern, daß die dritte, die hierauf folgte, eine 6 gewesen war, dieß wußte ich auch noch ganz gewiß, nur wußte ich nicht zuverläßig, ob die Null, die ich in dieser Gegend gesehen hatte, zur 6 oder zu der darauf folgenden Nummer 4 gehörte, die ich mich auch noch sehr deutlich gesehen zu haben erinnerte, und da ich dies nicht gewiß wußte, so konnte es sowohl 6 und 4 allein, als auch 60 und 40 gewesen seyn.

Auf die fünfte Nummer konnte ich mich am allerwenigsten mit Zuverlässigkeit besinnen, so viel wußte ich zwar gewiß, daß es eine aus den funfzigern gewesen war, welche aber, konnte ich nicht mit Gewißheit bestimmen. Nummer 21 hatte ich wirklich schon gesetzt, und dieß war diejenige, die, meinem Traume nach, von meinen Nummern herausgekommen seyn sollte.

So merkwürdig mir auch übrigens mein Traum zu seyn schien, so machte mich doch dies mißtrauisch, daß ich mich nicht ganz deutlich auf alle fünf Nummern besinnen konnte. Ob ich gleich ganz gewiß wußte, daß unter den sechzehn angeführten Nummern, nämlich den zehn Funfzigern und den sechs vorher genannten, alle fünfe waren, [79]die ich im Traume gesehen hatte, und obgleich noch Zeit genug zum Einsetzen war, so wollte es mich doch, des beträchtlichen Einsatzes halber, nicht behagen, sechzehn Nummern miteinander verbunden zu setzen: ich ließ es also bei einigen Amben und Ternen bewenden, und hatte noch dazu, wie der Erfolg lehrte, den Verdruß, eine schlechte Verbindung der Zahlen gewählt zu haben.

Am dritten Tage nachher, den 21sten August 1776, ward die Lotterie gezogen, es war die 215te Ziehung, und es kamen richtig alle fünf Nummern heraus, die ich im Traume gesehen hatte, nämlich 60. 4. 21. 52. 42., und nun erinnerte ich mich auch ganz deutlich, daß Nummer 52 die fünfte von denjenigen war, die ich im Traume gesehen hatte, und auf die ich mich bisher nicht mit zuverlässiger Gewißheit besinnen konnte.

Statt einigen tausend Thalern, die ich hätte gewinnen können, mußte ich mich jetzt mit einigen zwanzigen abspeisen lassen.

Nun also noch die dritte und vorjetzt letzte Erfahrung.

Am 21sten September 1777 träumte mir, daß mich ein guter Freund besuchte, und nachdem das Gespräch auf die Lotterie gekommen war, aus meinem kleinen Glücksrade, welches ich damals hatte, Nummern zu ziehn verlangte.

[80]

Er zog verschiedene, in der Absicht, sie zu besetzen. Als er aufgehöret hatte zu ziehn, so nahm ich alle Nummern aus dem Glücksrade heraus, legte sie vor mir auf dem Tisch hin, und sagte zu ihm, die Nummer, die ich jetzt greifen werde, kömmt in der künftigen Ziehung ganz gewiß heraus; indem griff ich unter den ganzen Haufen eine Nummer heraus, wickelte sie auseinander und besahe sie: es war Nummer 25 sehr deutlich. Ich wollte sie wieder zusammen wickeln und in die Kapsel stecken, aber in dem Augenblick erwachte ich.

Da ich mir meines Traumes so deutlich bewußt war, als ich ihn jetzt erzählt habe, so hatte ich viel Zutrauen zu dieser Nummer, und besetzte sie daher auch so, daß ich mit dem Gewinnst zufrieden gewesen seyn würde: aber zwei Stunden zuvor, ehe die Lotterie gezogen wurde, erhielt ich von dem Lotterieeinnehmer meinen Einsatz zurück, mit der Nachricht, daß meine Nummer gänzlich gestrichen sey. Die Lotterie wurde am 24sten September gezogen, und meine Nummer kam richtig heraus*). 4

Ob ich gleich sehr gerne zugebe und sehr wohl weiß, daß viele, und vielleicht die mehresten Träume, aus solchen Ursachen entstehen, die bloß im [81]Körper gegründet sind, und daher auch von keiner weitern Bedeutung seyn können; so glaube ich doch aus vielfältiger Erfahrung hinreichend überzeugt zu seyn, daß es nicht selten Träume giebt, an deren Entstehung und Daseyn der Körper, als Körper, keinen Theil hat, und zu diesen gehören, wie ich glaube, die drei angeführten Beispiele.

Ich denke nicht, daß der Inhalt dieser Träume jemanden zu irgend einer schiefen Beurtheilung Gelegenheit geben sollte, denn sonst hätte ich eben so gut andere wählen können, aber gerade des ähnlichen Inhalts wegen habe ich sie zusammengestellt*). 5

Christoph Knape,

der Weltweisheit, Arzneiwissenschaft und
Wundarzneikunst Doktor.

Fußnoten:

1: *) Die Lotterie wurde damals auf öffentlicher Straße, vor dem Generallotterieamte gezogen.

2: *) Dies verhielt sich wirklich so, ob ich es gleich nicht vorher gesehen hatte.

3: *) Um zu wissen, ob sich wirklich am Anfange der Riecksdorferstraße ein Kramladen nebst einer Lotterieeinnahme befindet, so habe ich mir den Weg dahin nicht verdrießen lassen, und gefunden, daß sich beides in der That so verhält.

4: *) Es war die 234ste Ziehung.

5: *) Mir scheinen diese Träume auch aus dem Grunde zum Beweise des Vorhersehungsvermögens am besten gewählt zu seyn, weil die Vorhersehung gerade eines der allerzufälligsten Dinge, das Herauskommen einer Zahl in der Lotterie, betrift.
M.

Erläuterungen:

a: 1763 als Staatslotterie von Friedrich II. eingerichtet, damit seine Untertanen ihr Geld nicht in fremde Lotterien setzten.

[82]

<Der Traum>

Jördens, Karl Heinrich

***

Berlin den 5ten November 1782.

So wollen Sie denn noch immer im Ernste, daß ich Ihnen den Traum meiner Kindheit, den ich Ihnen bei unserer letzten Zusammenkunft, als sich die Unterredung auf das Vorhersehungsvermögen der Seele gelenkt hatte, erzählte, jetzt schriftlich aufsetzen soll? Gut, ich gehorche. Aber ich bleibe dabei — dieser Traum war sicher nichts weiter, als ein Spiel meiner im Schlaf geschäftigen Seele! daß gerade damals eine wirkliche Begebenheit vorfiel, die mit der geträumten völlige Aehnlichkeit hatte, war — Zufall*). 1

Sprechen wir nicht sogar wachend öfters von einem Dritten? sagen wir da nicht, wenn sich irgend etwa ein Geräusch an unserer Thüre hören läßt, im vollen Spaß: da wird er kommen, weil wir's vielleicht wünschen, daß dies geschehe; und — siehe! der tritt herein, von dem wir im Ernst es gar nicht vermuthet hatten, daß er hereintreten würde. Wem ist es noch zur Zeit eingefallen, daraus ein Vorhersehungsvermögen unserer Seele herzuleiten?

[83]
Der Traum.

Ich hatte einen Oheim, meiner Mutter Bruder, einen Prediger auf dem Lande, nicht weit von Halle. Zwei Jahre lang, nach dem frühzeitigen Tode meines Vaters, war er mir ein anderer Vater gewesen. Er sorgte für mich; er liebte mich; alle Stunden, die er etwa von Amts oder anderen Geschäften und Zerstreuungen übrig hatte, widmete er meiner Bildung. Meine ganze kindliche Liebe, Zärtlichkeit und Verehrung mußte ihm ja wohl gehören!

In meinem zehnten Jahre kam ich von ihm in's Waisenhaus nach Halle. Hier nun träumt' ich einstens, wie Diebe das Haus meines geliebten Oheims bestöhlen; ich sahe sie einbrechen, sahe sie dieser, sahe sie jener Sache sich bemächtigen. Ich bemerkte das alles so deutlich, als säh' ich's am lichten Tage mit offenem Auge. Ich war voller Angst und nicht geringer Besorgniß, selbst für das Leben meines Oheims. Ich erwachte und ängstigte mich immerfort, bis ich mit meinen andern Mitschülern um die gewöhnliche Zeit aufstand.

Ich erzählte sogleich meinen Traum. Wir gingen nachher zusammen in die Unterrichtsstunden, und noch denselben Vormittag ward ich herausgerufen. Ein Fremder, hieß es, wolle mich sprechen. Siehe da, es war mein Oheim. Ich[84]lief ihm entgegen, ich küßte ihm die Hand, und ohne etwas weiters zu sagen, erzählt' ich den bösen Traum.

Es läßt sich vermuthen, daß ihn meine Erzählung befremdete. Er befahl mir, nochmals alles zu erzählen, und versicherte mich endlich, gerade so habe es sich verwichene Nacht in seinem Hause begeben. Meine Erzählung traf fast in allem zu. Ich hatte den Ort des Einbruchs genannt, ich hatte bezeichnet, wo die Diebe zuerst geraubt, wo weiter, verschiedenes, was sie genommen. Sie hatten ihm unter andern alle Kleider entwendet, nur einen alten abgetragnen Rock ausgenommen, welcher nicht mit im Kleiderschranke gehangen. In diesem hatte er sich genöthigt gesehen, gleich nach Entdeckung des Diebstahls nach der Stadt zu reiten, um für neue Kleider zu sorgen; und hier besuchte er mich. So weit mein Traum.

Jetzt aber denke ich Ihnen noch etwas zu erzählen, was vielleicht beträchtlicher seyn dürfte, wenigstens ist es das in meinen Augen. Suchen Sie es also, wenn Sie's für gut finden sollten, meiner Erzählung in Ihrem Magazine eine Stelle einzuräumen, unter eine Ihnen beliebige Rubrik zu bringen.

K. H. Jördens,

Lehrer am Schindlerischen Waisenhause
in Berlin.

Fußnoten:

1: *) Für jetzt bin ich auch noch dieser Meinung, glaube aber, daß mehrere Fakta, die das Gegentheil zu beweisen scheinen, doch in Erwägung zu ziehen sind.
M.

[85]

VIII.

Verschiedenheit unserer Empfindungen bei der Vorstellung vom Tode.

Jördens, Karl Heinrich

Berlin den 5ten November 1782.

Ich habe mich in den Jahren meiner ersten Jugend stets einer blühenden Gesundheit zu erfreuen gehabt. Ich wußte selbst nichts, weder von eigentlichen Krankheiten, noch andern Unpäßlichkeiten und Schmerzen des Körpers. Aber ich konnt's auch nicht begreifen, wenn andre um und neben mir über etwas klagten, oder gar sich ungebärdig stellten, wovon ich noch bisher nicht das mindeste Gefühl gehabt hatte.

Ich konnte mich nicht enthalten, alsdann meine große Verwundrung darüber zu erkennen zu geben, oder wohl gar zuweilen in ein muthwilliges Gelächter auszubrechen, wenn ich, besonders ältliche Personen, über wer weiß was alles für Stiche, Reissen in Gliedern, Hitze und Frost im Körper, oder irgend einen andern Schmerz, sich beklagen hörte.

Kurz, ich stand in dem Wahn, das sei nichts wie Einbildung der Leute. An den Tod und die verschiedenen Arten desselben unter den Menschen dacht' ich entweder gar nicht, oder wenn ich ja von aussen her daran zu denken genöthigt ward, ge-[86]schah's mit der gleichgültigsten Art von der Welt. Wohl gar die Ursach oder Beschaffenheit der mancherlei Krankheiten und Tode, auch nur wie jeder andre Mensch, kennen zu lernen, davon war keiner entfernter als ich.

Mein leichtes Blut floß ja so ruhig, so ungehemmt in seinen Adern; was sollt' ich mich um Dinge kümmern, die vielleicht meine Seele durch ein düsteres Bild, sollt' es auch nur auf wenige Augenblicke seyn, umwölkt haben würden. War mir's doch, als würd' ich den Tod, wenn er ja auch mir Visite machen wollte, durch kraftvolles Sträuben schon zum Weichen zwingen, und durch überlegene Stärke dies dürre Knochengeripp' übermeistern können.

Aber in den folgenden Jahren, wo ernsteres Nachdenken über mich selbst und das, was mir als Menschen wiederfahren konnte, an die Stelle des jugendlichen Leichtsinns zu treten anfing, hab' ich diesen Leichtsinn empfindlich genug gebüßt.

Ich hatte mir unter andern nie eine deutliche Vorstellung davon zu machen gesucht, was das heisse, vom Schlage gerührt zu werden. Ein plötzliches Ende des Lebens war alles, was ich mir dachte; der Schall des Worts schien das so mit sich zu bringen. Wie plötzlich dies Ende sei, ob[87]etwa mit Schmerz verknüpft, oder nicht, und solcherlei mehr, darnach zu fragen, war mir nie eingefallen. In den folgenden Jahren nun, wie schon gesagt, befand ich mich einstens in einer Gesellschaft, wo hintereinander von mehrern Personen erzählt ward, die vom Schlage getroffen worden. Ich hörte diesen Erzählungen jetzt zum erstenmal mit mehrerer Aufmerksamkeit zu, als bisher geschehen war, und das Bild des Todes brachte Schrecken in mein Herz! Ich ward plötzlich unruhig; ich empfand eine gewisse Bangigkeit, die ich sehnlich von mir wünschte. Es ward ein neues Beispiel erzählt, und ich fühlte eine zitternde Bewegung an meinem Körper. Jede Wiederhohlung des Wortes Schlag vermehrte meine Unruh' und Angst. Endlich faßte mich ein eiskalter Schauder.

Ich sah' mich genöthigt, mir ein Glas Wasser reichen zu lassen und trennte mich von der Gesellschaft. Mit schnellen Schritten und in entsetzlicher Unruh' ging ich nach Hause. Ich wollte nicht an die Todesart denken, die mich so mit Grausen und Beben erfüllte, und sie kettete sich nur desto fester an meine Gedanken. Ein dunkles, aber grauenvolles und fürchterliches Bild schwebte in meiner geängsteten Seele. Es deutlich zu beschreiben, würd' ich vergebens versuchen. Es glich ohngefähr einem plötzlichen sausenden und gewaltsamen Zusammenrollen, Verwirren und Wirbeln aller [88]Räder und Federn eines Uhrwerks, dessen Kette jetzt, alles äußersten Strebens, gleichsam sich der Vernichtung zu entreißen, ohngeachtet, durch eine stärkere Macht zerrissen wird, und nun auf einmal ohnmächtig still steht.

Es kam dazu, daß ich alle Augenblicke diese gewaltsame Katastrophe an mir selber zu leiden befürchtete, und schon glaubt' ich den Anfang derselben in meinem Kopf zu empfinden. Ich hatte den ganzen Abend keine Ruhe. Ach! und die Nacht, deren Dunkel mir gar den Anblick aller andern Gegenstände, die mich noch etwa hätten zerstreuen und von dem unseeligen Bilde meines Gehirns losreißen können, entzog, sie machte mich höchst elend. Gegen Morgen war ich, vermuthlich vor Abmattung, in einen festen Schlaf versunken.

Den andern Tag war mein Zustand beinahe noch eben derselbe. So wie meine Augenlieder sich öfneten, dachte meine Seele nur an das, was ihr so fürchterlich war. Kurz, das dauerte so fast ein ganzes Jahr, wiewol nicht mit der ersten Heftigkeit, und so, daß ich durch bestimmte Arbeit und andre Zerstreuung ganz ruhige Stunden erhielt. Doch oft auch während der Arbeit, wenigstens auf meiner einsamen Stube, ward ich plötzlich beunruhigt, bisweilen in schwächerm, bisweilen in stärkerm Grade.

[89]

Ich sank dann öfters ganz ermattet zurück auf die Lehne des Stuhls; es war, als sollt' ich in den tiefsten Abgrund versinken. Die erste Hälfte der Nächte bracht' ich gewöhnlich in Unruh zu, bis endlich ein gütiger Schlaf meinen Plagegeist von mir scheuchte. Ich war zu gleicher Zeit nicht vermögend, meinen Zustand irgend jemanden zu entdecken. Ich konnte unmöglich davon reden, oder auch nur das bloße Wort Schlag aussprechen.

Es traf sich, daß einigemal in Gesellschaft, wo ich zugegen war, davon gesprochen wurde, und mich ergrif sogleich die quälendste Bangigkeit. Ich entfernte mich alsbald, und gab nur zu verstehn, man möchte meiner schonen, und nicht mehr davon sprechen, doch ohne mich im geringsten weiter zu erklären.

Endlich nach Jahres Frist wurde ich allmälig aus diesem unseeligen Zustande wieder herausgerissen. Noch muß ich bemerken, daß zu Anfange desselben überhaupt eine zu einförmige Lebensart, zu wenige Abwechslung in meinen wissenschaftlichen Beschäftigungen, und Misvergnügen über mich selbst, wenn ich in Kenntnissen nicht die Fortschritte zu machen glaubte, die ich wünschte, ferner anhaltendes Sitzen und zu wenige Bewegung in freier Luft, meinen Geist trüber und finsterer, mithin für Ausartungen der Einbildungskraft empfänglicher, gemacht, in meinem Körper aber ein schwarzes [90]Blut, die Quelle schwarzer melancholischer Bilder, gesetzt hatte.

Doch kann ich versichern, daß ich von Hypochondrie, auf die man etwa argwöhnen könnte, völlig frei gewesen. Mehrere Zerstreuung und Aufheiterung des Geistes, die ich selbst geflissentlich suchte, und die sich mir glücklicherweise jetzt auch ungesucht, mehr denn vorhin, darbot, sind wohl meine stärksten Heilungsmittel gewesen.

Sodann die Länge der Zeit, die öfters macht, daß wir uns an Dinge mit Gleichgültigkeit zu denken gewöhnen, die im Anfange für uns etwas Schreckliches hatten; endlich eigenes festes Streben, nach einiger wieder erlangter Uebermacht der vernünftigen ruhigen Betrachtung über Eindrücke der wilden Phantasie, durch genauere Betrachtung des Phantoms, dasselbe schwinden zu machen.

Jetzt kann ich schon seit geraumer Zeit nicht bloß an das, was mich vormals in meinen Gedanken so heftig erschütterte, gelassen denken; sondern auch, wie Sie, bester Freund, sehen, anstatt sonst nicht einmal das Wort aussprechen zu können, ohne die mindeste Bewegung sogar eine ganze Beschreibung meines vormaligen Zustandes machen.

K. H. Jördens,

Lehrer am Schindlerischen Waisenhause
in Berlin.

[91]

<Bild des Todes>

***

Moritz, Karl Philipp

Ich erinnere mich hierbei eines beinahe ähnlichen Falles aus meinem Leben. Als ich ohngefähr zehn oder elf Jahr alt seyn mochte, hörte ich einmal der Erzählung von dem Todesfalle eines Mannes sehr aufmerksam zu, welcher sich durch einen Fall in den Bergwerken den Kopf zerschmettert hatte.

Je mehr ich hierüber nachdachte, desto lebhafter wurde mir die Vorstellung davon, und desto schrecklicher zum erstenmale das Bild des Todes. Die Empfindungen in der obigen Erzählung stimmen größtentheils mit den meinigen in dem damaligen Zustande meiner Seele überein; und was mir dabei am meisten auffält, ist, daß beinahe einerlei Eindrücke in das Gemüth diese Empfindungen verursachten.

In meinem siebenten Jahre schien es, als ob ich die Auszehrung hätte, und jederman zweifelte an meinem Leben. Einen jeden, der mich sahe, hörte ich, wie ich mich noch deutlich erinnere, von meinem Tode reden, und ich empfand nicht das mindeste dabei, vielmehr kam mir die ganze Sache lächerlich vor.

Vor einiger Zeit hörte ich ein paar Bauren zusammen reden, wovon der eine erzählte, wie er beim Aderlassen in Ohnmacht gefallen sey. Dar-[92]über kamen sie auf den Tod zu sprechen, und nachdem sie eine Weile ernsthaft davon geredet hatten, kam ihnen auf einmal die Sache so sonderbar vor, daß sie in ein lautes Gelächter darüber ausbrachen.

Sollte selbst der Tod vielleicht wirklich auch eine lächerliche Seite haben? Die Vorstellungen von demselben mögen nach der verschiednen Denkart und Fähigkeit der Köpfe auch erstaunlich verschieden seyn. Und es würde vielleicht nicht unnütz seyn, mehrere solcher verschiednen Vorstellungen nebeneinander zu stellen.

M.


IX.

Sprache in psychologischer Rücksicht.

Moritz, Karl Philipp

Daß es nützlich sey, die Sprache auch in dieser Rücksicht zu studieren, bedarf wohl keines Beweises, da sie selbst ein Abdruck der menschlichen Seele ist, von welcher sie uns in ihren Fugen und geheimen Verbindungen ein getreues Gemälde darstellt.

Das Studium der Sprache zu diesem Zweck ist seit einigen Jahren eine meiner vorzüglichsten Beschäftigungen gewesen, und ich habe in meinen kleinen Schriften, die deutsche Sprache betreffend, [93]schon Verschiednes davon geäußert, worinn man aber diese Absicht nicht bemerkt zu haben scheinet.

Ich glaube daher, daß dieses der schicklichste Ort sey, wo ich jene Bemerkungen weiter ausführen, und das Urtheil der Wahrheitsfreunde darüber erwarten kann. Für jetzt will ich also zur Probe von den Resultaten meines Nachdenkens über die Sprache einiges herausheben.

Mir scheinen die unpersönlichen Zeitwörter in jeder Sprache vorzüglich zu psychologischen Bemerkungen Stoff zu geben; weil sie die erste Empfindung ausdrücken, nach welcher jemand irgend etwas nicht für eine freie Handlung, die von ihm abhängt, sondern für etwas von dem Willen des Menschen unabhängiges hält.

Nun aber liegt wohl in dem ersten Ausdruck der Empfindung zuweilen mehr Philosophie, als in dem feinsten und kältesten Räsonnement des gebildeten Philosophen. In diesem Betracht muß uns die Sprache heilig, und insbesondre die einzelnen Wörter derselben, in Ansehung ihrer Entstehung, und ihres innern Gehalts, höchst wichtig seyn.

Einige Philosophen scheinen freilich zu viel und nicht das Rechte, andre aber auch wieder zu wenig in der Sprache zu suchen; im Grunde ist sie doch das einzige, woran wir uns halten können, [94]um in das innre Wesen unsrer eignen Begriffe, und eben dadurch in die Kenntniß unsrer Seele tiefer einzudringen.

Doch ich wende mich wieder zu meinem Gegenstande und betrachte die unpersönlichen Zeitwörter erstlich überhaupt, in sofern sie entweder Verändrungen außer uns in der Natur, oder Empfindungen und Verändrungen in uns selber bezeichnen, die nicht von unsrer Willkühr abzuhängen scheinen.

Ihren Nahmen haben sie natürlicher Weise daher erhalten, weil man sich unter denselben eine bloße Verändrung, ohne eine handelnde Person denkt, wodurch diese Verändrung hervorgebracht wird: ja man scheinet nicht einmal dabei auf eine nächste Ursach Rücksicht zu nehmen.

Denn wenn ich z.B. sage, es donnert, so stelle ich mir unter dem es doch eigentlich nichts weiter, als den Donner selber vor, und es donnert heißt daher nichts mehr, als das Donnern geschiehet, oder es ereignet sich eine Verändrung in der Natur, die ich donnern nenne. Da ich mir also das Donnern nicht als eine Handlung denke, so stelle ich mir auch kein handelndes Wesen vor, von dem es ausgeht, sondern es geschiehet, nach meiner Vorstellung, gleichsam vermöge seiner eignen Natur; und in und durch sich selber, weil [95]ich mir keine erste Ursach, oder keinen ersten Anstoß irgend eines freien und handelnden Wesens bei dieser Naturverändrung denke.

Ich höre wohl, daß es donnert, aber wer oder was das Donnern aus eigner Kraft hervorbringt, weiß ich nicht: denn bis auf die erste wirkende Ursach desselben kann ich nicht zurückgehn, und die Gewitterwolken, als die nähere Ursach, kann ich mir unmöglich als handelnde Wesen denken, drum sage ich nie, im eigentlichen Verstande: der Himmel donnert oder die Wolken donnern, sondern, es donnert.

Woher mag es aber kommen, daß es der unpersönlichen Zeitwörter in der Sprache verhältnißmäßig nur so wenige giebt, da wir uns doch bei so vielen tausend Verändrungen und Erscheinungen in uns und um uns her keiner handelnden Person bewußt sind, welche dieselben hervorbringt? Man sollte denken, daß die meisten Zeitwörter eigentlich unpersönliche seyn müßten: allein weil bei uns jede Vorstellung äußerer Gegenstände erst durch die Vorstellung von uns selber oder von unserm Ich gleichsam durchgehn muß; und wir daher als lebende und denkende Wesen der leblosen Natur so gern unser Bild eindrücken; so ist es kein Wunder, wenn wir uns dasjenige, was eigentlich bloße Veränderungen und Erscheinungen sind, als Handlun-[96]gen, und die nächste in die Augen fallende Ursach dieser Verändrungen, als handelnde Wesen denken, und also z.B. sagen: die Bäume tragen Früchte, anstatt die Früchte entstehen auf den Bäumen, oder es fruchtet auf den Bäumen.

Nur im höchsten Nothfalle bedient sich die Sprache der unpersönlichen Zeitwörter, wenn uns nehmlich z.B. selbst die nächste Ursach einer Verändrung oder Erscheinung in der Natur nicht einmal bekannt ist, wie bei den Erscheinungen, die man Geistern zuschreibt, wo man z.B. sagt: es wandelt, es geht um, u.s.w. und auf die Weise durch das unpersönliche es das unbekannte etwas bezeichnet, welches vor uns in Dunkelheit gehüllt ist.

So sagen wir auch, es ist helle, es ist dunkel, es ist kalt, es ist warm, u.s.w. und befestigen unsre Vorstellungen von helle, dunkel, kalt, und warm an dem unpersönlichen es, weil wir sonst nichts haben, woran wir sie befestigen könnten. Als man die Kälte zuerst empfand, war vermuthlich nur ein einzelner Laut, wie z.B. kalt, dasjenige, womit man sie zuerst bezeichnete. Da man aber nachher von der Kälte reden wollte, so machte das Bedürfniß die Wirklichkeit der Kälte anzuzeigen, daß man das Wort ist hinzufügte. Weil man nun die Kälte selbst nicht sah und nicht [97]hörte, sondern nur empfand, so betrachtete man sie als eine Eigenschaft, welche man irgend einem andern Wesen zuschreiben müsse, und da man ein solches nicht fand, so setzte man an die Stelle desselben das unpersönliche es, worunter man sich aber auch im Grunde weiter nichts, als die Kälte selber dachte.

Was nun von den unpersönlichen Zeitwörtern gilt, welche eine Veränderung oder Erscheinung außer uns in der Natur anzeigen, das gilt zum Theil auch von denen, welche Verändrungen und Erscheinungen in uns selber, entweder im Körper oder in der Seele, die nicht von unserm Willen abhängig sind, bezeichnen, und diese verdienen freilich in psychologischer Rücksicht, die meiste Aufmerksamkeit. — Wie fein ist z.B. die Grenzlinie zwischen den Ausdrücken es scheinet mir, es däucht mir, es kömmt mir so vor, u.s.w. und dem Ausdruck ich glaube, wo der Wille unsrer vorher schwankenden Meinung gleichsam noch den Ausschlag giebt, so, daß glauben etwas gewissermaßen von unsrer Willkühr abhängiges, scheinen, däuchten, und vorkommen aber etwas von ihr unabhängiges zu seyn scheint. —

So sagen wir auch nicht ohne Grund es schläfert mich, aber nicht es schläft mich, sondern ich schlafe, und betrachten das Schlafen als etwas,[98]das von uns abhängt, das Schläfern hingegen, als etwas, wovon wir abhängen: denn wenn wir gleich nicht wider Willen schlafen werden, so kann es uns doch wider Willen schläfern. Auch können wir wohl sagen, ich will schlafen, aber niemals, ich will schläfern.

Wenn wir aber nun sagen, es frieret mich, es hungert mich, es dürstet mich, es schläfert mich u.s.w., so denken wir uns unter dem es eigentlich weiter nichts, als das Frieren, Hungern, Dürsten, und Schläfern selber. Allein dieses scheinet nicht bei den unpersönlichen Zeitwörtern einzutreffen, welche von uns unabhängige Verändrungen in unsrer Seele anzeigen: wir sagen z.B. es freuet mich, es wundert mich, es gereuet mich, es schmerzt mich, es verdrießt mich, und wir denken uns unter dem es nicht nur das freuen, wundern, gereuen, u.s.w. selber, sondern dasjenige, was uns freuet, wundert oder gereuet. Daher können wir auch das es bei diesen Wörtern nicht füglich weglassen: wir können wohl sagen, mich hungert, mich dürstet, aber was würde es heißen, wenn ich sagen wollte, mich freuet, mich wundert, ohne noch etwas hinzuzusetzen, was mich freuete oder wunderte.

Wenn ich also sage, es freuet mich, daß mein Freund wieder gesund ist, so ist der ganze [99]Gedanke von der Wiederherstellung meines Freundes in dem es zusammengedrängt. Nun scheinet es zwar, als ob dieser Gedanke meine Empfindung des Freuens hervorbrächte, und das es also nicht ganz unpersönlich wäre; allein er bringt sie nicht eigentlich hervor, und ist nicht sowohl die Ursach als vielmehr nur der Stoff zu derselben. Denn der Gedanke an irgend eine Sache, die mit unsern Wünschen übereinstimmt, und unsre Empfindung der Freude sind eins, sie ist mit ihm zugleich in der Seele da, und der Gedanke selber scheint gleichsam mit ihr zusammen zu schmelzen.

In dem Ausdruck es freuet mich, denke ich mir unter dem es eine Gedankenreihe, welche erst in meine Seele kömmt, unter mich das ganze System der Gedanken, welche schon in meiner Seele sind, und unter freuet nichts als das Verhältniß zwischen beiden, wodurch in dem letztern Zusammenhang und Harmonie auf eine dunkle und plötzliche Art befördert, oder hergestellt wird.

Um aber freuen in ein persönliches Zeitwort zu verwandeln, müßte man die Silbe er hinzusetzen. Erfreuen kann mich wohl eine Person, aber nicht freuen: denn freuen zeigt die Empfindung der Freude selber, erfreuen aber zugleich ihre Hervorbringung an. Dasjenige, was einer Person begegnet, oder was sie thut, kann uns also wohl [100]freuen, das heißt, es kann mit unserer Empfindung der Freude eins werden, weil es in uns aus einer Reihe von Gedanken besteht, die unsrer Freude Nahrung geben, oder der Stoff, nicht aber die Ursach, derselben sind.

Sollte uns die Person an und für sich selber freuen, so müßte sich auch der Gedanke an sie gleichsam in unsre Freude verwandeln können, wie denn dieses der Gedanke an ihre Handlungen wirklich thut; allein wir bemerken hier einen Widerstand. Dieß kömmt vielleicht daher, weil zu der Freude eine Reihe von Vorstellungen gehört, und die Person, an und für sich selber, uns nur eine einzige Vorstellung gewähren kann. Und weil wir überdem auch die handelnde Kraft von der Person nicht absondern können, so kann sich der Gedanke an dieselbe auch niemals in unsre Freude so verweben, daß er ganz in Empfindung überginge, und daß wir uns die Person nicht zugleich auch als die hervorbringende Ursach unsrer Freude denken sollten.

Ob wir aber gleich einen Widerstand finden, wenn wir sagen wollten, du freuest mich, ich freue dich, so finden wir doch keinen Widerstand zu sagen, ich freue mich über dich. Dieses heißt soviel, als, die Person, über welche ich mich freue, bringt eine Reihe von Gedanken in mir hervor, und das Verhältniß dieser Gedanken gegen [101]den Zusammenhang derer, die ich schon habe, ist es, was ich Freude nenne. Nun setze ich aber mich selber, oder mein eignes Ich an die Stelle der Gedanken, welche durch eine andre Person in mir hervorgebracht sind, und sage, ich freue mich u.s.w. Ich freue dich aber kann ich deswegen nicht sagen, weil ich mein Ich wohl an die Stelle meiner eignen Gedanken und Empfindungen, nicht aber eines andern, setzen kann; um einen andern zu freuen, müßte ich mich in die Gedanken und Empfindungen desselben gleichsam verwandeln können.

Eben so ist es mit schämen, welches eigentlich auch ein unpersönliches Zeitwort seyn sollte, weil es eine bloße dunkle Empfindung ohne Rücksicht auf die Entstehung oder Hervorbringung derselben anzeigt, wie es denn bei den Lateinern auch unpersönlich ist. Allein wir setzen ebenfalls unser Ich an die Stelle der Gedanken, deren Verhältniß gegen andre Gedanken, eben dasjenige ist, was wir Scham nennen, und scheinen nun das Schämen, als etwas von uns abhängiges zu betrachten.

Ich schäme mich über mich selber, hieße daher so viel als: ich selber bin die Ursach einer Reihe von Vorstellungen, die in mir entstehn, und deren Verhältniß gegen andre, die schon da sind, dasjenige ist, was ich Scham nenne; an die Stelle dieser Vorstellungen aber setze ich mich selber, [102]gleichsam als ob dieselben gegenwärtig mein ganzes Ich ausmachten. — So wenig wie wir nun einen andern freuen, das heißt, uns in seine Empfindung der Freude verwandeln können, eben so wenig können wir auch jemanden, wie uns selber schämen, oder so unmittelbar, wie die Scham selber auf ihn wirken. Alles, was wir thun können, ist, daß wir ihn beschämen, oder solche Gedanken in seiner Seele hervorbringen, deren Verhältniß mit denen, die schon darinn sind, Scham heißt. Wenn wir mehr thun wollen, so müssen wir uns ganz in ihn hineindenken, daher rührt vermuthlich der bedeutungsvolle Ausdruck, sich in der Seele eines andern schämen.

Daß wir unser Ich an die Stelle unsrer jedesmaligen lebhafteren Gedankenreihe setzen, scheinet auch sehr deutlich in folgenden gewöhnlichen Ausdrücken zu liegen: ich freuete mich schon in meinen Gedanken darauf, ich wunderte mich in meinen Gedanken darüber, u.s.w. — wundern ist aber ebenfalls ein Verhältniß einer Reihe von Vorstellungen, die erst in meine Seele kömmt, zu dem ganzen Zusammenhang derer, die schon darinn sind, wie in folgender Darstellung von dem Ausdruck, es wundert mich, daß ich einen Wagen rasseln höre.

[103]
es wundert mich
Eine Reihe von Vorstellungen, die erst in meine Seele kömmt, daß etwas wirklich geschehen sey oder geschiehet, daß ich z.B. jetzt einen Wagen rasseln höre. Das Verhältnis zwischen dem, was unter es und mich begriffen ist, wodurch in dem letztern durch das erstre die Vorstellung von der Unmöglichkeit des Rasselns eines Wagens, ohngeachtet ihres schwachen Zurückstrebens, gänzlich aufgehoben, und in dem Zusammenhange aller meiner übrigen Vorstellungen eine augenblickliche nicht gewaltsame Verändrung hervorgebracht wird. Der Zusammenhang aller übrigen Vorstellungen, die schon in meiner Seele sind, worinn auch die befindlich ist, das jenes, was geschiehet, nicht geschehen könnte oder würde, und daß es z.B. unmöglich sey, gerade zu dieser Zeit oder an diesem Orte einen Wagen rasseln zu hören.

Wenn ich also sage, es gereuet mich, so denke ich mir unter dem es eine Reihe von Vorstellungen, welche durch die Erinnerung an eine Handlung in mir erzeugt werden, die für mich von schädlichen Folgen ist, und die ich nach meiner Meinung füglich hätte unterlassen können, weil ich mir aller dunkeln Bewegungsgründe zu derselben nicht mehr bewußt bin: unter mich denke ich mir den Zusammenhang aller der Vorstellungen, die schon in meiner Seele sind, und unter gereuet, das Verhältniß zwischen dem es und mich, wovon das letztre ein unwillkührliches Bestreben hat, das erstre aufzuheben, wenn es möglich wäre.— Gereuen ist aber ganz außerordentlich auf mich selber einge-[104]schränkt, denn nicht einmal die Handlung eines andern kann mich gereuen, da sie mich doch freuen und wundern kann: wir müßten uns nothwendig in eines andern Ich verwandeln können, wenn uns eine seiner Handlungen gereuen sollte.

Daß wir aber bei den unpersönlichen Zeitwörtern den Zusammenhang aller unsrer Vorstellungen unter mich begreifen, ist sehr natürlich, weil dieser Zusammenhang eben unser persönliches Bewußtseyn, oder dasjenige, was wir unser Ich nennen, ausmacht. — Bei den körperlichen Empfindungen aber scheinet dieses mich eine dunkle Vorstellung von dem ganzen Zusammenhange unsres Körpers zu enthalten, welcher auf mannichfaltige Weise zerstört, getrennt, und wieder hergestellt werden kann; und so wie Verwundrung, Freude, u.s.w. bloß verschiedne Verhältnisse der Gedanken gegeneinander sind, so ist auch zu vermuthen, daß alle körperliche Empfindungen, als Hitze, Frost, Hunger, Durst, u.s.w. ebenfalls nichts, als die verschiednen Verhältnisse der körperlichen Theile gegeneinander sind, welche sich auf mannichfaltige Weise einander aufzuheben, zu zerstören, und wiederherzustellen suchen.

Da nun hungern, dursten, frieren, u.s.w. nicht sowohl Resultate von Gedanken, als vielmehr von gewissen Verändrungen in meinem Kör-[105]per sind, deren nächste Ursach, oder das Verhältniß, wodurch sie bewürkt werden, ausser der Sphäre meines Bewußtseyns liegt, so kann ich mir, wenn ich z.B. sage, es hungert mich, unter dem es nichts weiter, als die Empfindung des Hungerns selber denken, und kann es folglich auch ganz weglassen, und sagen, mich hungert, ohne daß mein Gedanke von seiner Vollständigkeit etwas verliert. Freilich würde die nächste Ursach der körperlichen Empfindungen, die wir uns allenfalls unter dem es denken könnten, sich auch mit ihnen in eins verweben, und wir würden dadurch nur eine genauere Kenntniß von der wahren Beschaffenheit dieser körperlichen Empfindungen erhalten, ohne auf eine würkende Ursach zu stossen, welche sie hervorbringt.

Aus allen diesem erhellet, daß die unpersönlichen Zeitwörter das bezeichnen, was sowohl in unsrem Körper, als in den innersten Tiefen unsrer Seele vorgehet, und wovon wir uns nur dunkle Begriffe machen können; und daß wir durch das unpersönliche es dasjenige anzudeuten suchen, was außer der Sphäre unsrer Begriffe liegt, und wofür die Sprache keinen Nahmen hat. Eine Vergleichung der unpersönlichen Zeitwörter mehrerer Sprachen würde daher gewiß in dieser Rücksicht eine nützliche Beschäftigung seyn.

[106]

Um aber noch einmal die feine Grenzlinie zu bemerken, welche durch die unpersönlichen Zeitwörter zwischen den willkührlichen und unwillkührlichen Verändrungen in der Seele gezogen wird, wollen wir die Ausdrücke ich denke, und es dünkt mich neben einander stellen. Dünken ist etwas, das sich in uns selber und aus dem vorhergehenden Zustande unsrer Seele entwickelt. Es bezeichnet eine dunkle Erinnerung, oder ein dunkles unwillkührliches Urtheil, dessen wir uns selber noch nicht recht bewußt sind, indem wir z.B. sagen, mich dünkt, Sie haben recht, oder mich dünkt, ich habe Sie irgendwo gesehen. Wir fällen hier nicht eigentlich das Urtheil, sondern es ist beinahe, als ob es sich selber fällte, und wir uns leidend dabei verhielten. Wenn ich sage, ich denke, so ist es, als ob mein Gedanke von mir selber oder von meiner Willenskraft bestimmt wird, sage ich aber, mich dünkt, so ist es, als ob ich von meinem Gedanken bestimmt werde.

M.

Tabelle von den deutschen Präpositionen. Zu Pag. 106.
  sich nähernd. berührend. verlaßend.
Dem Kopfe (den Kopf) einer Person, oder der (die) Spitze eines Dinges. über
Als dem Orte.
Ueber seinem Kopfe hing ein Schwerdt.
Als dem Ziele.
Ueber mich stürze der Himmel ein!
auf.
Als den Ort.
Auf seiner Scheitel ruhte die Last einer Krone.
Als das Ziel.
Auf sein Haupt fiel der Schlag.
Nach der Berührung.
über – weg.
Ueber dem Berge zog sich die Wolke weg.
Nach der Annäherung.
von.
Von seinem Haupte wurde der Lorbeerkranz gerissen.
Der (die) Seite einer Person oder eines Dinges. bei.
Als dem Orte.
Bei mir stand mein Freund.
neben.
Als dem Ziele.
neben mich stellte sich mein Bruder.
an.
Als den Ort.
An seiner Hüfte glänzte sein Schwerdt.
Als das Ziel.
Der Pfeil flog an den Schild.
Nach der Berührung
von ab
von seinem Schilde prallte der Pfeil ab.
Nach der Annäherung.
von.
Sein Freund ging von ihm.
Dem Fuße (den Fuß) einer Person, oder dem niedrigsten Theile (Theil) eines Dinges. unter.
Als dem Orte.
Unter dem Himmel schwebt das Gevögel.
Als dem Ziele.
Unter den schattigten Baum lagern sich die Thiere.
unter.
Als den Ort.
Unter meinen Füßen wankte der Boden.
Als das Ziel.
Unter meine Füße trat ich den Wurm.
Nach der Berührung.
von ab.
Von den Füßen schüttle ich den Staub ab.
Nach der Annäherung.
unter weg
Unter der Falle lief die Maus weg.
Dem Gesichte (das Gesicht) einer Person, oder dem Theile (den Theil) eines Dinges, welcher unserm Gesichteam meisten zugekehrt seyn soll. vor.
Als dem Orte.
Vor dem Richter stand die Tafel.
Als dem Ziele.
Vor die Tafel trat der Missethäter.
vor.
Als den Ort.
Vor dem Gesichte trug er eine Maske.
Als das Ziel.
Vor das Gesicht hing sie einen Schleier
Nach der Berührung.
vor weg
Vor dem Gesichte nahm sie den Schleier weg.
Nach der Annäherung.
Vor dem Tische trat er weg
Dem (den) Rücken einer Person, oder dem Theile (den Theil) eines Dinges, welcher von unserm Gesichte am meisten entfernt seyn soll. hinter.
Als dem Orte.
Hinter mir stand der Mörder.
Als dem Ziele.
Hinter die Wand hatte er sich versteckt.
hinter.
Als den Ort.
Hinter dem Buche stand der Titel.
Als das Ziel
Hinter den Nachen schlugen die Wellen.
Nach der Berührung.
hinter weg
Hinter dem Wagen war der Koffer weg.
Nach der Annäherung.
Hinter mir ging mein Begleiter weg.
Den (die) Seiten zweier Personen oder Dinge zugleich. zwischen.
Als dem Orte.
Zwischen beiden stand das Opfer.
Als dem Ziele.
Zwischen sie trat sein Retter.
zwischen.
Als den Ort.
Zwischen den Klauen trug der Adler die Beute.
Als das Ziel.
Zwischen die Zähne nahm der Krieger sein Schwerdt.
Nach der Berührung.
zwischen weg.
Zwischen den Klauen fiel dem Adler die Beute weg.
Nach der Annäherung.
zwischen hervor.
Zwischen seinen Feinden trat er hervor.
Allen (alle) Horizontalseiten einer Person oder eines Dinges. um.
Nur als dem Ziele.
um den Saturnus ist ein Ring.
um.
Nur als das Ziel.
um seine Stirne windet sich ein Kranz.
Nach der Berührung.
um weg.
Um die Stirne ist der Kranz weg.
Nach der Annäherung.
Um den Saturnus ist der Ring weg
Allen (alle) möglichen Seiten einer Person oder eines Dinges. um.
Nur als dem Ziele.
um die ganze Erde wölbt sich der Himmel.
um.
Nur als das Ziel.
um das ganze Brodt zieht sich die Rinde.
Nach der Berührung.
um weg.
Um das ganze Brodt fiel die Rinde weg.
Nach der Annäherung.
um weg.
Um ihn zog sich das Dunkel weg.
Allen (alle) Seiten eines Dinges, das sich wiederum von allen Seiten dem nähernden nähert, den berührenden berührt, und den verlaßenden verläßt, oder:
allen (alle) Seiten der Umgebung.
in
Als dem Orte.
In dem Tempel steht der Altar.
Als dem Ziele.
In den Tempel brachte er sein Opfer.
in.
Als den Ort.
In
dem Meere schwimmt der Fisch.
Als das Ziel.
In das Meer taucht sich der Schwimmer.
aus.
Nach der Berührung.
Aus dem Meere stieg Aphrodite.
Nach der Annäherung.
Aus dem Tempel trat der König.
allmälig der (die) Umgebung eines Dinges und dieselbe zugleich verlassend. durch.
Nur als dem Ziele.
Ich gehe durch die Thüre.
durch.
Nur als das Ziel.
Ich steche durch das Papier.
Anm. Die Verlaßung liegt bei durch schon mit in der Annäherung und Berührung.
Einem Dinge überhaupt, ohne zu bestimmen, ob die Annäherung auf Spitze, Seite, Fuß oder Umgebung desselben gerichtet ist. gegen.
Nur als dem Ziele.
Ich seegle gegen den Wind.
Ich marschiere gegen den Feind.
nach.
Nur als dem Zweck.
Ich gehe nach Hause.
Ich reise nach Spanien.
zu.
Nur als dem Zweck.
Ich komme zu dir.
Ich gehe zu Bette.
Anm. Um die Berührung im Allgemeinen anzuzeigen, giebt es keine eigne Präposition. Anm. Um die Verlaßung im allgemeinen anzuzeigen, giebt es ebenfalls keine eigne Präposition: denn weg kann nicht für sich allein vor einem Worte stehen.
[107]

Zur Seelenzeichenkunde.

<Zur Seelenzeichenkunde>

Moritz, Karl Philipp

Weil es einigen Materialien, die ich zu dieser Rubrik gesammlet habe, noch an Vollständigkeit fehlt, so will ich sie bis auf ein künftiges Stück versparen, und nur jetzt im Ganzen einiges niederschreiben, was ich aus eigner Erfahrung hierüber sagen kann, und wovon ich schon in meinen Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre a Verschiedenes geäußert habe.

Der Schulmann und der Erzieher haben vor vielen andern Gelegenheit, Beobachtungen über den Menschen anzustellen, weil bei Kindern die Verstellungskunst größtentheils noch nicht so weit, wie bei Erwachsenen gehet. Der Erzieher hat den Vorzug, daß er seine Subjekte beständig beobachten kann. Aber der Schulmann hat wiederum den Vortheil der Mannichfaltigkeit der Subjekte.

Als ich vor vier Jahren meine Lehrstelle am grauen Kloster antrat, machte ich mir schon einen Plan, wie ich Beobachtungen bei meinen Schülern anstellen wollte. Man sammlet tägliche Bemerkungen über das Wetter, dacht' ich, und den Menschen sollte man dessen nicht werth achten? Ich entschloß mich also, ein eignes Journal über verschiedne der merkwürdigsten Köpfe zu halten, welches ich auch, freilich mit vielen Unterbrechungen, die durch meine Lage verursacht wurden, fortgesetzt habe.

[108]

Mein Plan aber ist folgender: ich suche an einem jungen Menschen, den ich zum erstenmale sehe, sogleich das Auffallende zu bemerken. Denn was uns oft beim ersten Anblick auffällt, das übersehen wir nachher schon leichter, wenn wir mit dem Subjekte bekannter geworden sind, und uns an sein Gesicht, seine Mienen, u.s.w. gewöhnt haben.

Freilich kann man sich beim ersten Anblick oft sehr in einer Person irren, aber selbst dieser Irrthum hat nachher seine Vortheile. Wenn man nur nicht gleich im Anfange etwas festsetzt, sondern sich gleichsam erst einen ohngefähren Grundriß zu seinen künftigen Beobachtungen zu entwerfen sucht, der nachher noch immer wieder abgeändert werden kann. Auch kömmt dieses noch zu statten, daß man gegen denjenigen, welchen man zum erstenmale siehet, gemeiniglich weder ein gutes noch ein böses Vorurtheil gefaßt hat, und also, in Ansehung der Unpartheilichkeit, seinen Beobachtungen am besten trauen kann.

Das Unterscheidende in der Gesichtsbildung, das mit dieser etwa Uebereinstimmende im Tone, im Gange, und jeder körperlichen Bewegung; Alter und Erziehung, in so fern ich von dem Stande seiner Eltern, oder aus andern Nachrichten auf dieselbe schließen kann, sind mir zuerst merkwürdig.

Dann werde ich erst das Zutrauen des jungen Menschen zu gewinnen suchen, um auf zweckmäßige an ihn zu richtende Fragen, aufrichtige [109]und unzurückhaltende Antworten zu bekommen. Dieß Zutrauen aber erwirbt oft ein Blick, eine Miene, ein Händedruck, wodurch das junge Herz eröfnet wird, daß der Mund reine ungeheuchelte Wahrheit spricht.

Ich gebe sehr aufmerksam auf sein Betragen Acht, wenn sich die Gelegenheit ereignet, ihm wegen Muthwillen oder Nachlässigkeit ernsthafte Verweise zu geben, oder ihm wegen seines Fleißes oder seiner Ordnung meinen Beifall zu bezeigen. Wie mancher besteht nicht in dieser letztren Probe, der die erstre glücklich überstanden hatte!

Wenn ich diese Bemerkungen ohngefähr eine Woche lang in mein Buch eingetragen habe, und sie dann zusammennehme, so kömmt oft gerade das Facit heraus, was ich nach wahrscheinlichen Gründen vorher vermuthet hatte. Jeder befundne Irrthum aber wird mir eine heilsame Lehre auf die Zukunft.

Auf die Weise entwerfe ich mir zuweilen Tabellen von einigen der abstechendsten Charaktere, wo die Nahmen oben in einiger Entfernung nebeneinander stehen, und wo ich unter einem jeden die täglichen Bemerkungen eintrage. Es macht mir alsdann viel Vergnügen, diese Charaktere da nebeneinander figuriren zu sehen, und ihre Nüancen oft bis in die kleinsten körperlichen Bewegungen, und bis zum Mienenspiele zu verfolgen.

Ich zweifle nicht, daß viele Schulmänner und Erzieher, ähnliche und beßre Beobachtungen, und vielleicht auch nach einer bessern Methode, über [110]einzelne Subjekte angestellt und niedergeschrieben haben. Wollten sich mehrere entschließen, ihre Beobachtungen zum allgemeinen Besten in diesem Magazine bekannt zu machen, so würde dasselbe auch in dieser Rücksicht für die Pädagogik äußerst wichtig werden, so wie dieß denn die Erfahrungsseelenkunde überhaupt schon an und für sich selber ist.

Als vor einiger Zeit eine Schrift unter dem Titel der Jugendbeobachter erschien, freute ich mich sehr darauf, fand aber, daß sie gerade nicht eine einzige Jugendbeobachtung enthielt. Eine solche Schrift, die ihrem Titel entspräche, möchte auch wohl etwas schwerer zu schreiben seyn, und es würden nicht leicht so viele Bände aufeinander folgen können.

Garve über die Prüfung der Köpfe b verdient gewiß von jedem Jugendbeobachter fleißig studiert zu werden.— Zur Seelenzeichenkunde überhaupt ist Lavaters Physiognomik c wohl nicht ohne Nutzen. Engels Mimik d aber, wenn sie erscheinet, wird gewiß eine vortrefliche Seelenzeichenlehre seyn.

Eine Sammlung mehrerer eigentlicher physiognomischer Erfahrungen, von dem Eindruck, welchen solche Personen zuerst auf uns gemacht haben, mit denen wir nachher genauer bekannt geworden sind, wäre vielleicht sehr nützlich.

M.

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Zur Seelendiätätik.

<Zur Seelendiätätik>

Moritz, Karl Philipp

Ohne zu dieser Rubrik für jetzt noch Thatsachen zu liefern, will ich es wagen, so wie bei der Seelenkrankheitskunde, einige Grundlinien eines ohngefähren Entwurfs in Ansehung der Seelendiätätik vorläufig zu entwerfen.

1) Weil der gesunde Zustand der Seele in der verhältnißmäßigen Uebereinstimmung aller Seelenfähigkeiten besteht, so muß auch das Hauptaugenmerk der Seelendiätätik seyn, nicht etwa eine einzelne, sondern alle Seelenfähigkeiten, verhältnißmäßig gegeneinander, in dem möglichst vollkommnen Zustande zu erhalten.

Sie muß folglich vorbeugen, daß nicht eine Seelenfähigkeit auf Kosten der andern, die Einbildungskraft z.B. auf Kosten der Beurtheilungskraft, die thätigen auf Kosten der vorstellenden, oder die vorstellenden auf Kosten der thätigen Kräfte, zu sehr angestrengt werden.

2) Die Seelendiätätik lehrt entweder, wie der gesunde Zustand der Seele erhalten, oder der [112]kranke Zustand derselben zum Theil gemildert oder gehoben werden kann, und in diesem letztern Falle schlägt sie in das Fach der Seelenheilkunde, wovon sie sich nur darinn unterscheidet, daß die letztre sich zur Heilung der Krankheiten der Seele reeller würkender Mittel, die erstre aber vorzüglich nur des Gesetzes der Enthaltsamkeit, in Ansehung des zweckwidrigen oder unordentlichen Gebrauchs irgend einer Seelenfähigkeit, bedient.

3) Weil jeder Mensch seinen eignen individuellen Seelengesundheitszustand hat, so setzt die Seelendiätätik eine genaue Kenntniß desselben voraus. Wer also fortdauernd glücklich zu seyn wünscht, muß sich aus sorgfältigen Beobachtungen über sich selber, nach und nach seine eigne Seelendiätätik abstrahiren, und in dieser heilsamen Wissenschaft immer vollkommner zu werden suchen.

4) Was die Nahrung für den Körper ist, das sind die täglich zuströmenden Ideen für die Seele, und so wie der erstre mit dieser oder jener Art von Nahrungsmitteln überfüllt werden kann, so kann es auch die letztre mit dieser oder jener Art von Ideen. Da nun diese aber großentheils, nach dem Standorte in der Welt, welchen sich unsre Vorstellungskraft aussucht, von unsrer eignen Wahl abhängen, so ist es nicht unwichtig für einen jeden, durch wiederhohlte Erfahrungen zu lernen, wel-[113]cher Zufluß von Ideen für ihn vorzüglich heilsam oder schädlich sey.

5) Da ohngeachtet aller Verschiedenheit die Naturen mehrerer Menschen sehr viele Aehnlichkeit miteinander haben können, so ist es vielleicht nicht unmöglich, durch wechselseitige Mittheilung unsrer Erfahrungen, einige allgemeinere diätätische Regeln für die Seele zu erfinden, welche bei jedem einzelnen Subjekt ihre gewisse Wirkung thäten.

Doch, dieß sey genug! Und je allgemeiner, unbestimmter, und schwankender dasjenige ist, was ich jetzt gesagt habe, desto besser, glaub' ich, ist es. — Als Thatsache scheint einiges aus dem Aufsatze des Herrn Jördens hieher zu gehören, welchem es gelang, durch eine glücklich gewählte Seelendiätätik, die Schreckenbilder seiner Phantasie zu verbannen, und den zerstörten Frieden, und das Gleichgewicht in seiner Seele wieder herzustellen.

M.

[114]

Zur Seelenheilkunde.

<Zur Seelenheilkunde>

Moritz, Karl Philipp

Der in die ganze Natur, in so manche Quelle, und in so manches Kraut heilenden Balsam legte, um den kranken, hinfälligen Körper zu stärken und wiederherzustellen, sollte der nicht auch eine Arznei geschaffen haben, für kranke, verwundete Seelen?

Wer suchte sie, und wer fand sie?

Der Du dieses Geheimniß besitzest, glücklicher Sterblicher, o sey nicht karg damit! Versammle die edelsten Menschen um Dich her, theile ihnen, wenn Du kannst, Deinen Geist und Deine Gabe mit, und sende sie umher in allen Landen, daß sie die thätigen und die forschenden Kräfte der Menschen aus ihrem Schlummer wecken, die Lahmen gehend, die Blinden sehend machen!

Wem es je gelungen ist, irgend eine Krankheit der Seele mit der Wurzel auszurotten, o der mache doch das unschätzbare Arzneimittel bekannt, wodurch ähnliche Krankheiten können ausgerottet werden! — Was war es, als wechselseitige Mittheilung von Erfahrungen, wodurch man endlich eine Heilkunde für den Körper fand, und warum fand man noch keine für die Seele?

Was sind das für bleiche, entstellte, von heimlichen Sünden gebrandmarkte Gesichter, worauf die Blühte der Unschuld in der Knospe verwelkt ist?

[115]

Sie wandeln vor meinen Blicken vorüber, und ihr Bild drückt sich tief in meine schwermuthsvolle Seele, die Farbe der Jugend ist von ihren Wangen verschwunden — aus dem trüben Auge blickt keine Kühnheit, keine Entschlossenheit zu edlen Thaten mehr hervor.

Ich will mein Antlitz verbergen, und weinen, daß der Mensch so entstellt ist — daß von seiner frühesten Jugend an das Gift in seine Adern schleicht, welches den Keim zu edlen Thaten in ihm erstickt, seine Nerven erschlafft, und ihn unter das Joch der Sklaverei darnieder drückt.

Klagen will ich, daß der Mensch sich nicht mehr unterscheidet, von dem, was ihn umgiebt; daß der blitzende Edelgestein ganz in Blei gehüllt ist, welches keinen einzigen seiner Strahlen mehr durchschimmern läßt — daß auch ich Weinender und Klagender den Werth der Menschheit so lange verkannt habe, und vielleicht noch verkenne, und nach einem eitlen Blendwerk trachte, das vor mir fliehet, und immer meine sehnlichste Erwartung täuscht.

Bin ich besser, als meine Brüder, daß ich sie beweine? — Spare deine Thränen für deinen eignen Kummer, und für dein eignes Weh! meinest du, dein Herz sey ganz rein von Verstellung, und deine Seele ganz rein von Arglist? — o fließt ihr Thränen, und wischt diese Flecken meiner Seele ab, wenn ihr könnt!

M.

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Aus einem Tagebuche.

Moritz, Karl Philipp

Am letzten Abend des 1781sten Jahres.

Noch saußt der Wind um meine Wohnung her, aber in meiner Seele fängt es wieder an, ruhig zu werden, nach den fürchterlichen Stürmen dieses Tages.

Nachdem ich ohne Streben, ohne Zweck, von einer Begierde zur andern hin und hergeworfen, beinahe vierzehn Tage durchlebt habe, fühl' ich plötzlich meinen Muth wieder gestählt, meine Hofnungen wieder erweckt, die Krankheit meiner Seele geheilt.

Diese Erfahrung hab' ich nun schon so oft gemacht. Müssen denn Stürme die heitern Tage vorbereiten? Ist es nöthig, daß durch so viele äußre und innre Demüthigungen, die von Stolz und Eigendünkel angesteckte Atmosphäre der Seele zuweilen gereinigt wird, damit sie wieder freier athmen kann?

Es ist mir wirklich am Abend dieses Tages, als ob ich, ich weiß nicht wie, von einer schweren Krankheit genesen wäre.

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Druckfehler.

Seite 17. Zeile 1. statt General Dietrichs lies Prinzen Dietrich von Anhalt-Dessau

— 24. — 11. sollen die Worte: Vielleicht ein Beleg zu der Erfahrung, daß der Wahnwitz ansteckt, bloß als Anmerkung des Herausgebers unten, und nicht mit im Texte stehn.