ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Untersuchung der Möglichkeit einer Charakterzeichnung aus der Handschrift.

Grohmann, Johann Christian August

Der mit einem geistigen Aether durchströmte Nerve empfindet sehr vieles, was für den gröber organisirten Boeotier gleichsam Nichtexistenz ist, und das durch Erziehung höher geschrittene Menschenalter entdeckt eben so viel neues, wofür der noch in seinem harten Knochengebäude ruhende Embryo des Menschengeschlechts weder Empfänglichkeit noch Gefühl hatte. So steht denn täglich eine neue Welt auf, nicht allein umgeänderte Modifikazion der alten, sondern würklich neue Schöpfung, für den empfindenden nicht minder, als für den physischen Menschen neue Welttheile und Kolumbusse. —

Schwärmer nennt unser Zeitalter unter andern auch diejenigen, welche, wie jener kühne Seefahrer auf der Spitze seines Schifs, solche unbekannte Welttheile ahnden — die der periodischen Erziehung ihrer Zeitgenossen vorangeschritten, den Leibnitzischen Uebergang von dem rohern zu dem künftigen gebildeten Menschengeschlechte machen, und die ihre nur von fern ahndenden Empfindungen den schon alles entdeckt glaubenden Zeitgenossen verkündigen. Gewiß drängen solche feiner gebildete [35]Menschen ihre Entdeckungen nicht in kalte Schlußformen und systemfähige Periodenreihen, durch welche sie sie auch nicht gefunden und erkannt haben — freilich gränzen sie mit ihrer glühenden Einbildungskraft und schwebenden Empfindungen mehr an Dichter als an Philosophen an: — ist aber auch etwas natürlicher, als dieses, mehr mit dem Geiste jeder gefundenen Wahrheit übereinstimmend, als daß sie eher empfunden, als gedacht, eher gedichtet, in Gefühlen geahndet, als trocken dargestellt werden kann? —

Auf der ewigen Ausdehnung der Körperwelt schweben die ewigen Denkformen der Seele — der Geist Gottes — um durch sinnliche Analogie von außen die angebornen Wahrheiten und Gesetze des geistigen Wesens zu entwickeln, und so Welt, Körper und Geist zu einer gegenseitigen harmonischen Mitwürkung zu stimmen. Seele und Form der körperlichen Ausdehnung sind gleich ewig — gleich angeborne Gesetze und Wahrheiten: mit einmal sinkt also das Gebäude, das jede der philosophischen Partheien — eine für ihre angebornen Denkgesetze — die andere für ihre sinnliche Erfahrung — einseitig aufführt: Seele und Welt, Denkgesetz und Ausdehnungsform ist eins, nur dieses versinnlicht das Band einer harmonischen Entwickelung und einer gegenseitigen Erziehung. —

[36]

Empfindung ward so gleichsam die Grundlage der Vernunft, der empfindende Mensch, der Vorgänger des Denkenden und der Schwärmer der Vorläufer des Philosophen. Erst sinnlich äußeren Anreitz — denn auf Empfindung und Ahndung schwebender Geist der Einbildungskraft — und endlich vollendete klare Erkenntniß und abgezogene Wahrheit. Leibnitzisches durch feinere Sinnorgane gewecktes Ahnden einer ewigen Stufenfolge der Schöpfung und endlich durch Erfahrung und Denken geprüfte und gefundene Wahrheit derselben. Darfst du noch vor dem Nahmen Schwärmer erröthen, Lavater; — noch staunen, daß deine so innig empfundene Harmonie des Menschengesichts und Menschenseele von deinen Zeitgenossen — denen du zu früh vorangeschritten, zu früh die Periode einer verfeinerten Menschheit verkündiget hast — daß von ihnen deine Empfindungen nicht verstanden, nicht mitempfunden und gefühlt werden! Laß sie nur erst zu der Stufe, wo der Geist des schwerern Nervens entlöst der Welt offner steht, nur erst dahin laß sie, gewiß sie werden deine Empfindungen noch nachempfinden — nur zu spät für dich erkennen, nur erkannt als einige Wahrheiten hinstellen! Das Genie schwärmt immer so viele Augenblicke seiner Existenz hin, so viele es mit neuen Ahndungen und Empfindungen ausfüllt. Das Genie ist jederzeit Schwärmer — nicht aber jeder Schwärmer Genie.

[37]

Ich darf weder hoffen, den Nahmen des Schwärmers zu verdienen, noch ihn fürchten, von dem grob organisirten boeotischen Allwisser zu hören, wenn ich für eine Erscheinung, die mehr, wie so manches andere, ist belacht, als geprüft worden, wo nicht Empfänglichkeit, doch wenigstens Ernst habe, um sie einer gründlichern und denkendern Untersuchung zu unterwerfen. Ich glaube, der Anthropologie einen kleinen Beitrag liefern und ihre Aussichten erweitern zu können, wenn ich sie selbst zur Entscheidung der Frage hervorrufe, und auf sie das Resultat der Untersuchung zurückkommen lasse: ob und in wie fern eine Charakterzeichnung des Menschen aus seiner Handschrift wahrscheinlich und möglich ist ? — Vier Gesichtspunkte, die ich mehr oder weniger zur Entscheidung nur angeben darf, bieten sich mir zur völligen Betrachtung dieser Frage dar:

1 ) Welchen bestimmenden Einfluß hat der Nerve auf den intellektuellen, empfindenden und moralischen Menschen? —

2) Welchen bestimmenden Einfluß leidet der Nerve selbst von den übrigen ihn umgebenden Bestandtheilen des Körpers — dem Blute, Knochen und Fleische.

3) Haben die verschiedenen Modifikazionen des Nervens auch verschiedene äußere harmonische Nachbildungen, Bewegungen, Thätig-[38]keiten der Glieder? und hat daher der Zustand des innern Menschen auch gemäßen Ausdruck in dem Aeußern seines Handelns — dem Bewegen seiner Hände, Finger u.s.w.? —

4) Ist es daher möglich, charakteristische Handschriften zu denken und durch Erfahrung in denselben Charakterzeichnungen des Menschen zu bestätigen? —

Keine Hypothese über die Struktur der Nerven scheint mir zur Erklärung der so mannichfaltigen Erscheinungen des Empfindens so zureichend und dem Hinschweben der geistigen Schönheit so angemessen zu seyn, als der Nervengeist, der den Nerven durchströmt — das feinste, unzerstörbarste der Materie, das sich nach dem Hinsinken der äußern gröbern organischen Hülle wahrscheinlich zu einem neuen feinern Medium zwischen Welt und Geist entwickelt. So lange Aufeinanderfolge und Nebeneinanderseyn die Denkgesetze jeder Geisterart bleiben, so lange der menschliche Geist sich nicht selbst zu der höchsten einzigen letzten Vollendung hinschwingt, so lange muß ein Organ da seyn, welches die möglichen Tonbestimmungen, möglichen Anreiz und Anschlag der geistigen Empfindung und Thätigkeit in sich trägt, und alle die möglichen Zeitmodifikazionen und Ausdehnungsformen, die sich in jene auflösen, nachzubilden fähig ist. Es kann für das geistige Wesen nicht gleichgültig seyn, wie das [39]Medium beschaffen ist, durch welches es Einwirkungen bekommt und austheilt, nicht für seine Thätigkeit, Art, Stärke, Geschwindigkeit derselben gleich bestimmend, ob das Fluidum mehr oder weniger geistig, mehr oder weniger träge, mehr mit diesen als jenen Bestandtheilen getränkt ist. Ohne daher selbst Abstufungen des menschlichen Geistes anzunehmen, ist dieses allein vermögend, alle die tausend individuellen Modifikazionen des empfindenden, moralischen und intellektuellen Menschen hervorzubringen, deren letzte sich an die Einheit anschließt, und deren höchste in dem kürzesten Zeitraum die mannichfaltigsten Momente der idealischen Schönheit durchgehet. Je nachdem der geistige Aether des Nerven die sinnlichen Darstellungen der Schönheit in sich zu fassen, und nachzubilden im Stande ist: je nachdem entstehen die verschiedenen Erscheinungen des intellektuelempfindenden Menschen. Aetherische Geistigkeit und stille leichte Ruhe derselben werden daher die physischen Erfordernisse zum höchsten Gefühl und Genuß des Schönen. Jene bewürkt die Empfänglichkeit für Zeitvorstellungen und das Hinschweben auf den Zeitformen der Ausdehnung: diese aber die treue Nachbildung der Aufeinanderfolge der Zeittheilchen, welche die Schönheit bildet. Mit glücklicher Bildung empfänglicher Sinnenwerkzeuge verdankt der Tonkünstler, Mahler, Bildhauer — jeder seine eigene Darstellungsart bloß diesen verschiedenen möglichen Graden der [40]ätherischen Geistigkeit und der leichten gefälligen Ruhe. Feurigerer, geschwinder, stärker würkender geistiger Aether bildet den Mahler, der alle seine Empfindungen in dem eben so geschwindern und stärker würkenden Nebeneinanderseyn darstellt: hingegen leichtere, ruhigere Geistigkeit desselben den Tonkünstler, der seine Empfindungen in der sanftern, gefälligern Aufeinanderfolge hinschweben läßt.

Der moralische Mensch leidet eben so viel Veränderungen seines Daseyns durch die verschiedene Beschaffenheit des Nervengeistes. Der Freigeist und der Religiöse — der moralische Sanguiniker und der furchtsame Gewissenhafte — jeder hat seinen eignen Boden, aus dem seine Empfindungsart hervorbricht.

Längst bewiesen ist von Anthropologen der Einfluß des Nerven auf das geistige denkende Wesen, daß ich also wohl die erste Frage dieser Untersuchung weitläuftig genug beantwortet zu haben glauben darf.

Weiter könnte ich die zweite Frage ausdehnen, welchen Einfluß der Nerve von den übrigen Bestandtheilen des Körpers leidet? weitläuftiger könnte ich hier seyn, wenn ich nicht schon diese Untersuchung anderswo durch meine Temperamentslehre vollendet glaubte.

[41]

Nur fragmentarisch — wie überhaupt diese ganze Untersuchung nichts als Fragment seyn soll — will ich die dritte Frage mit Beobachtungen des gemeinen Lebens beantworten, da sie schon überdies durch Engels philosophische Mimick und Lichtenbergs Bemerkungen aus seiner satyrischen Menschenkenntniß ist bewiesen worden.

Jeder Mensch hat nach seinem innren Charakter auch etwas äußerlich charakteristisches, äußerlich auffallendes, kontrastirendes, unzusammenstimmendes. Goldmacher, Mystiker, Apokalyptiker lasset sie ruhig bei ihrem Kruge Bier hinterm Tische sitzen, und wer kennt sie schon da nicht an der verdrehten Form ihres Hutes, den schielenden Blicken ihres Auges, dem schiefen Sitzen ihres Kopfes und Halses? —

Wie viel charakteristisches liegt nicht allein in der Form und dem Sitzen des Huts! — Jedes Temperament hat einen eigenen Schnitt, eine eigne Art ihn zu tragen: mit dem Sanguiniker ist er sanguinisch, mit dem Renomisten renomistisch, mit dem Geistlichen geistlich, dem Denkenden denkend, und mit dem Pflegmatischen pflegmatisch. Der Renomist läßt die Seitenspitzen desselben auf seine breiten Schultern herabhangen, und die Vorderspitze, die sich kolbicht zu den zwei Seitenmauern hinbiegt, rund und schier nach dem Himmel steigen. Der sanguinische Geniemacher kneipt die Spitzen [42]des Hutes klein, läßt die Vorderspitze wie ein Schif sich über das Auge hinstrecken, den Hut selbst vorne auf der Nasenwurzel ruhen, und hinten in die Höhe steigen. Auf Universitäten, wo so manches Genie, mancher Dogmatiker, Renomist, mancher Schulfuchs unter einander läuft, möchte ich Chodowieckische Tafeln von Köpfen und Hüten zeichnen! H— und J— ist der Sitz der renomistischen —, L— hingegen der kleinen Geniehütchen, und es wäre wohl keine possirlichere Grouppe von Hogarthschen Karikaturen zu bilden, als eine Verwechselung der Hüte! — Der H— mächtige Renomist auf das ausgedörrte Köpfchen so manchen L— Städtsöhnchens: und das kleine L— Geniehütchen auf den stieren Nacken und Kopf eines H— Studierenden. —

Der Handwerksbursche, der des Sonntags auf sein Bierhaus gehet, läßt die Hinterkrempe auf dem Zopfe auf- und niederschlagen, und wie eine Flagge hin- und herwehen. Manchen Reisenden — Bettler, fragt nur diesen, seine Charakteristik trügt ihn gewiß nicht, wenn er jemanden mit auf ein Auge gesetztem Hute und schleichenden Schritten herbeikommen sieht. —

Der Sanguiniker, Choleriker, Boeotier, jeder trägt seinen Arm, seine Hände anders, schwenkt sie, hebt sie, giebt sie anders. Der sich selbst genüg-[43]same Pflegmatische, der eben so wenig Stärke in seinem Kopfe als in seinem Körper hat, läßt seine langen Hände an den Hüften herunterbaumeln. Der gichtische Hektiker schwenkt sie in tausend Zuckungen um seinen Kopf herum. Der handfeste Renomist drängt seine Hand und Finger in einem Knoten zusammen, um so seine Stärke in einem Punkte konzentrisch zu fühlen.

Wie der Kopf, so der Fuß: — und — bei denen dieser mehr vermag, als jener — der Fuß wie der Kopf. Kein Mensch gehet mit dem andern gleich, so wie keiner dem andern ganz gleich ist. Der Pflegmatiker nimmt sich gerne, wie er sagt, bei seinem Spatziergange Zeit: der Sanguiniker um sich Motion zu machen, läuft bei Spatzierengehen Bothschaften: der Boeotiker aber geht seinen angefangenen Schritt fort; das heißt, einen derben taktmäßig langsam sich erhebenden und niederfallenden Hufschlag. Beobachter setze dich auf öffentliche Wege, Alleen, Gärten, wo deine Welt vorbeispatzieret, — so mancher gottesfürchtige Handwerker, und schwere Gelehrte, so mancher springende Windbeutel, und schwerfällige Handelsmann; so manche naseweise Ehefrau, so manche auf ihre Unschuld, auf ihre noch unberührte Jungferschaft haltende Jungfer mit steifem Rocke, und fest versiegelten Halstuch; — und so manches arme in dem Hinsehnen ihrer Empfindung und dem [44]Augenblicke der Liebe gefallene, vor dem schiefen Blicke ihrer keuschen Schwestern, erröthende Mädchen einander begegnen: dahin setze dich, wenn dich Unwillen und Verachtung des Lebens ergreift, bitterer Spott, daß du dich verkannt und Thoren gekannt siehst; — setze dich dahin nur einen Augenblick, und gewiß, du wirst ruhig in deine einsame Kammer zurückkehren, und stolz danken, daß du nicht reicher Kaufmann, nicht reicher Thor, nicht reicher Schwelger bist, sondern daß du das bist, was du bist und nicht scheinst, daß du bist, was andere nicht sind, die nur scheinen. Kunst, Zwang, selbst können nicht den Charakter verdrängen, der sich äußerlich dem innren nachbildet, in den Vergnügungen, den Spielen jugendlicher Unschuld, dem Tanz, der jetzt Drahtzieherei und maschinenmäßige Bewegung ist. Keinen einzigen findest du unter hundert, die alle bei einem Tanzmeister gelernt haben, der nicht einen eignen Charakter in seine Bewegungen, ein eignes Temperament in seine Tanzart einmischte. Gehe auf Hofbälle, willst du stolze, fette in sich eingewickelte Hofnarren und Hofleute sehen, und eben so widerliches Auftalpen und Fortschleppen des Tanzes: — in Schenken bei ländlichen Kirmsfesten, willst du dich an dem reinen rohen unverzärtelten Ausdruck der Freude vergnügen: — und in die Wohnungen weiblicher jugendlich blühender Unschuld, wenn du dich an ihren Tänzen deiner warmen Empfindung, deiner Liebe freuen [45]willst. Wie der Charakter der Seele, so der Ausdruck des Körpers die Mimik.

Zugestehen wird man mir dies, denn Erfahrung redet zu deutlich dafür, und das Alter der Beobachtung, welches an dem Glauben des Menschen so viel Theil zu haben scheint: ohne mir die hergeleiteten Schlüsse und Folgerungen gelten zu lassen, daß also auch die Handschrift den Charakter ihres Schreibers an sich tragen, und eine Charakterzeichnung aus derselben, wie aus der Bewegung der Hände und Füsse, möglich seyn müsse. Ist denn jenes nicht eben sowohl, als dieses, Bewegung des Nerven und des Muskels? und sollte sich nur hier allein die verschiedene Modifikation desselben abdrucken und abbilden? —

Lavater sagt: »ich bemerke eine große Aenhlichkeit zwischen Handschrift, Sprache und Gang des Menschen.« Ist denn auch wohl etwas physisch richtiger, als dieses, da alle diese Erscheinungen Würkungen des nämlichen Nerven und der nämlichen Nerven Modifikation sind? Das Nervengewebe des Gaumens, der Zunge, — der Hand, des Fusses haben eine Tinktur, nothwendig müssen also die sinnlichen Ausdrücke mittelst derselben nur eine Tinktur und nur eine Charakteristik haben.

Thue ich etwas mehr, wenn ich die Charakterzeichnung aus der Handschrift behaupte, als daß [46]ich die Härte, Weichheit, Ruhe, Stätigkeit, Geistigkeit und Empfänglichkeit des Nerven in den Buchstaben zu finden glaube? Thue ich etwas mehr, als jener Schriftsteller, den Winkelmann in seiner Geschichte der Kunst anführet, der aus dem härtern oder weichern Nervengewebe des Gaumens den verschiedenen Sprachausdruck herleitet: »Die Bildung des Gesichts ist so verschieden, wie die Sprachen, ja wie die Mundarten derselben; und diese sind es vermöge der Werkzeuge der Rede selbst, so daß in kalten Ländern die Nerven der Zunge starrer und weniger schnell seyn müssen, als in wärmern Ländern; und wenn den Grönländern und verschiedenen Völkern in Amerika Buchstaben mangeln, muß dies aus eben dem Grunde herrühren. Daher kommt es, daß alle mitternächtige Sprachen mehr einsylbige Worte haben, und mehr mit Konsonanten überladen sind, deren Verbindung und Aussprache andern Nationen schwer, ja zum Theil unmöglich fällt. In dem verschiednen Gewebe und Bildung der Werkzeuge der Rede suchet ein berühmter Scribent sogar den Unterschied der Mundarten der Italiänischen Sprache. Aus angeführtem Grunde, sagt er, haben die Lombarder, welche in kältern Ländern von Italien geboren sind, eine rauhe und abgekürzte Aussprache; die Toskaner und Römer reden mit einem abgemessenern Tone; die Neapolitaner, welche einen noch wärmern Himmel ge-[47]nießen, lassen die Vocale mehr als jene hören, und sprechen mit einem völligern Munde.«

Hand und Handschrift ist eins, ein Ausdruck. — Diese ist wie jene; wie sich jedes Temperament auf der Hand, dem Finger und Nagel unterscheidet: so unterscheidet es sich auch so in den verschiedenen Zügen des Buchstabens. — Noch keinen Pflegmatiker habe ich gesehen mit der Hand, den Fingern, Nägeln eines Cholerikers, — runde, fette, weiche, glänzende Hand mit kleinen fetten zugespitzten Fingern und weißen kurzen kleinen Nägeln statt der langen knöchernen mit Adern durchkreuzten Hand des Cholerikers: — kein Weib mit der Hand, den Fingern eines Mannes, wie keinen Mann mit der eines Weibes — so wie noch keinen Mann mit der stillen innig ruhig hinfließenden Empfindung des weiblichen Herzens, und kein Weib mit dem festen kalten Biedersinn, der gestählten Brust des Mannes. Die Hand arbeitet durch Einwürkung der Seele, mittelst der vielen Muskeln und Nerven, die sich an ihr herunterschlängeln und zu den Fingern hinlegen. Ein eigenes anatomisches Studium verlangt dieses Glied des menschlichen Körpers mit seinen tausend verborgenen Nerven- und Muskelverbindungen, welches nach dem Gesichte am deutlichsten die innren Bewegungen und Empfindungen der Seele abspiegelt, welches eben so, wie das geistigere Empfinden, den Men-[48]schen über das Thier erhebt, und mit welchen der Mensch zunächst die Werke seiner Unsterblichkeit aufstellt, und die Existenz seiner Empfindungen verewiget. — Das Spiel der Hände ist das Spiel der thätigen, würkenden Seele, und die Bewegungen derselben die Bewegungen des innren moralischen Herzens. Betet je wohl einer mit, statt hingesenkter sanft in einander geschlagener Hand, geballter in einander gedrängter Fingerkraft? — ist wohl einer mit eingeknippenen Händen freigebig, mit ruhigem Fingerspiel zornig? — Könnte ich die Jahre wieder erkaufen, wo deine zarte Hand sich an dem Halse deiner Mutter umklammerte, wo sie noch von keinem Nervenweh geschmerzt unschuldig in den Lüften sich hinbewegte! Erkauftest du weniger als deine Unschuld, den ruhigen zufriedenen Kindheitssinn deines Herzens? — Besonders die Ruh der Empfindung zeigt sich in der Ruhe der Hand und das quälende Gewissen des Mörders in den sich windenden Krämpfen seiner Finger! Die Angst der hinscheidenden Empfindung des Sterbenden in dem zuckenden ängstlichen Zupfen an seinem Bette oder seinem Sterbekleide. Der Mensch, der jetzt einen Gedanken entwickelt, hin und wieder aber Schwürigkeiten findet, daß er nicht seelig werden, sich nicht herausfinden kann, nimmt was ihm unter die Hand kommt, ein Stück Papier, Holz, und macht es nach und nach klein, zerbricht es in tausend Stückchen, wie er den Gegenstand selbst in [49]seiner Seele nach und nach zergliedert und gleichsam kleiner macht. Der Melancholische, der immer auf eine Idee hingerichtet ist, liest Federn von seinem Rocke, auch wo er sie nicht findet. Der Hypochondrist umfast in den ängstlichen Sorgen der Zukunft mit der rechten die linke Hand über dem Gelenkbein. — —

Die Hand also so voll Ausdruck der Seele — sollte in ihrer Bewegung des Schreibens, dem Zeichnen des Buchstabens so ganz ohne Charakteristik seyn? — die Handschrift nichts von der eigenthümlichen Modifikazion ihres Pinsels, der Hand und des Nervens enthalten? —

Wie ist dieses möglich, wirft man ein, da erstlich das Schreiben eine nach Regeln bestimmte mechanische Bewegung der Feder und mechanischer Zug des Buchstabens ist? — Wie ist es möglich, da jeder sich nach seinem Schreibemeister bildet? — Da endlich jeder Buchstabe seine bestimmten Gränzen hat, die unveränderlich sind? Wie viel kommt nicht auf die Feder an, wie sie geschnitten ist, wie ich selbst habe schreiben wollen? u.s.w.

»Das Schreiben ist eine nach Regeln bestimmte Bewegung der Feder!« Dieser Einwurf schränkt sich vors erste gleich dahin ein, daß [50]das Schreiben eine nach Regeln bestimmte Bewegung der Hand ist, mit der und durch deren Führen der Feder der Buchstabe hingemahlt wird. Die Feder verhält sich also ganz leidentlich dabei, und muß nur der Bestimmung der Hand folgen. Uebrigens aber, so bestimmt auch die Regeln der Bildung des Buchstabens sind, so viel Arten sind auch wieder möglich, diese Regeln zu vollstrecken. Giebt es nicht tausend Linien in die Höhe, je nachdem sie von der Perpendikularität abweichen, rückwärts oder vorwärts sich neigen, — giebt es nicht tausend mögliche Verbindungen der Buchstaben untereinander, rund, geschärft, spitzig, abgebrochen, oder wohl gar keine, jeder einzeln isolirt von dem andern? Giebt es nicht Züge und Verzierungen der Buchstaben, die mehr willkührlich, als bestimmt sind? — Das Mechanische, das das Schreiben zu haben scheint, fällt also ganz weg, und wird mehr ein nach dem Nervensystem der Hand sich richtender Ausdruck im Buchstaben. So wenig würklich der Tackt, das Pas eines jeden Tanzes das Charakteristische des Ausdrucks einer jeden Tänzerin versteckt und zu einer mechanischen Bewegung des Fußes macht: so wenig macht auch die Vorschrift des Buchstabens die tausend Möglichkeiten, ihn nach dem Charakter des Nervens zu bilden, unmöglich. —

»Jeder bildet sich nach seinem Schreibemeister: — « Lasset hundert Kinder bei Einem [51]schreiben lernen, und sehet nach vier, acht, zehn Jahren ihre Handschriften an: glaubt ihr dann wohl noch viel Aehnlichkeit mit ihrem ehemaligen Schreibemeister zu finden, viel von der Bildung, die einst von ihm ihren Buchstaben ist vorgezeichnet worden? — Der harte feststehende perpendikuläre Buchstabe des mechanischen Schreibemeisters wird ohnmöglich der Buchstabe des Nervenschwachen, — des empfindsamen Dichters werden können, trotz alles Unterrichts nicht das harte mechanische der Vorschrift die Handschrift der weichern Mädchen, die sich nach ihr bilden sollen. Der Schreibemeister thut weiter nichts, als daß er die Art die Zeichen zu machen lehrt, wodurch Worte geschrieben werden. Weiter thut er nichts, nicht im Stande ist er bis zur einzigen Nachbildung seines Buchstabens zu tyrannisiren. — Freilich fällt die Möglichkeit einer Charakterbestimmung ganz weg bei dem Kinde, das jetzt unter der Zucht des Schreibemeisters stehet, oder nur seiner Hand entlaufen ist; so wie der Charakterausdruck des Temperaments in dem ängstlichen Tanze des Kindes nicht möglich ist, ehe es das steife Pasmachen des Tanzmeisters verlernt, und durch Uebung sich von dem Blick auf die Füsse gewöhnt hat. —

»Jeder Buchstabe hat seine bestimmten Gränzen: — « Wer setzt ihm diese Gränzen, gewiß ihr blos, die ihr mir dieses einwendet. Ich [52]finde wenigstens keine Gränzen beobachtet in den Buchstaben des Sanguinikers, nicht dieselben in denen des Cholerikers, noch weniger die nämlichen in denen des Pflegmatikers oder Boeotikers. Jeder setzet sich seine eigenen Gränzen, macht sich seine eigenen Formen, seine eigenen Zusätze durch Züge, seine eigenen Abkürzungen, kurz seine eigene Bearbeitung des Buchstabens. Eben dieses ist ein Beweiß, weil jeder Buchstabe gewisse Gränzen haben sollte, aber sie nicht hat, daß Ursache, physische Ursache des Körpers, des Nerven, des Temperaments, das auf die Seele Einfluß hat, da seyn müsse, welche diese Gesetzlosigkeit hervorbringe, — eben die Ursache, welche in der Mahlerey den verschiedenen Styl und den verschiedenen Umriß bildet.

»Wie viel kommt allein nicht auf die Feder an? — « Nicht mehr als auf den Pinsel, der die Empfindungen des Mahlers auf der Leinewand lebendig darstellt, und noch weniger, da der Schnitt der Feder selbst von der Hand des Schreibers abhängt, aber der Pinsel das Verdienst des Handwerkers ist, der sie alle nach einer Regel, nach einer mechanischen Routine macht, ohne auf den Mahler zu sehen, der ihn brauchen wird. Freilich mit einer verdorbenen Feder kann die Handschrift nur halb und wenig charakteristisch werden; wie mit einem verdorbenen Pinsel das Gemälde eines Mahlers, oder mit einer abgestumpften Reißfeder das [53]Portrait eines Menschen. Ist dieses aber gut, was soll es hindern, daß sich das Charakeristische des Menschen von dem Nerven der Hand mittelst der Feder in dem Buchstaben herabsenke? — Wie der Mahler, so das Gemählde: wie der Schreiber, so seine Handschrift.

»Ein Mensch unter Ludwig dem XIV. konnte aus der des Königs seiner sehr ähnlichen Schrift eines Grafen mit Zuverläßigkeit schließen, daß der Schreiber ein verächtlicher Kerl sei.«*) 1

Dieses ist ein Erfahrungsbeweiß, der freilich wenig gelten darf, und wenig gilt; denn es gab auch Wahrsager und Sterndeuter! —

Wie jeder Mensch nur eine Physiognomik hat, so hat er auch nur eine Handschrift — wie nur einen Charakter: so auch nur einen Ausdruck desselben. Diese verändert sich eben so oft, als jene, hat eben sowohl, wie jene, ihre physischen Zeichen der Kindheit, Jugend, Mannheit und des Greisenalters. Diese ist eben so schwer, als jene, zu verstellen; wie hier immer die Grundphysiognomik bleibt, und nur die beweglichen Muskeln und Nerven anders gefaltet werden können, als die innre Empfindung will; so bleibt auch gewiß hier bei aller [54]Verstellung der Grundcharakter der Handschrift, obschon durch erzwungene und verstellte Züge verdunkelt. — Ich habe immer gefunden, daß das Vermögen der Verstellung der Handschrift mit dem der Verstellung des Charakters und des Gesichts gleichen Schritt gehet. Beides setzt bewegliche Nerven, geschmeidige Muskeln, die nicht an eine Bewegung gebunden sind, voraus — beides also physisch sich nicht widersprechend, sondern mit einander übereinstimmend. Hundert will ich daher nehmen, die ihre Handschrift eben so wenig ganz sollen verstellen können: so wenig sie ganz den täuschenden Schmeichler und Versteller ihrer Empfindung vor dem Kenner sollen spielen können — und nur den hundert und ersten erst nehmen, der beides chamäleonisch täuschend vielleicht unter andern Farben wird verstecken können. Je mehr der Mensch daher zu jedem Ausdruck sich stimmen, je mehr er Schmeichler und Hofmann seyn kann: desto besser kann er dieses und jenes, Handschrift und Gesicht verziehen und verstellen. — Briefe, Handschriften nachmahlen, war dieses wohl je mehr in Gebrauch als bei Kabalen der Höfe? — Und auch hier wie schwer, Hände nachzubilden; eben so schwer, als sich in die Empfindung des andern zu versetzen.

Monath lange anhaltende Uebung gehört dazu, der größte Fleiß, das charakteristische einer andern [55]Handschrift abzulernen und auch nachbilden zu können. — Ein neuer Beweiß ist mir dies, wie wenig willkührlich die Zeichnung der Buchstaben ist, und wie genau mit der Nervenmodifikation und mit dem denkenden Charakter zusammenhängend, da es bei aller Mühe seine Hand zu verstellen so schwer ist. Nur mit deinem Charakter legst du die Handschrift ab: so wie nur mit deiner Nervenmodifikation deinen Charakter.

Die Anthropologie hat noch keinen sichern Maasstab, wornach sie die Reizbarkeit, Empfindlichkeit des Nervens bestimmen, und hieraus die Empfindlichkeit des Charakters angeben könnte. — Ich glaube, daß die Handschrift wohl der sicherste, bestimmteste und zugleich sinnlichste Maasstab, dafür seyn könnte, — sicherer weniger täuschend, als, wie Lavater will, das Haar, wobei das Gefühl so täuschend, und das Auge bei der Vergleichung so wenig bestimmt entscheidend seyn kann. Die vielen Nerven, die die Hand umgeben, und die fast unmittelbare Würkung derselben auf die Handschrift bürgt uns dafür, daß wir aus derselben sichere Resultate und Schlüsse auf die Lebhaftigkeit, Ruhe, Feinheit der Empfindung, auf den Muth, die Kühnheit, Standhaftigkeit, Ausdaurung des Menschen machen können, daß wir schon aus der Handschrift schließen können, welchen Patriotismus diesen beseelt — ob er blos aufbrausender Sanguinismus [56]oder ausdauernd und kühn ist — ob den Gefahren entgegengehend, oder furchtsam in sich zurückziehend? —

So einfach der Buchstabe ist, so viel unendliche Richtungen sind in ihm möglich, und eben so viel verschiedene Charakterbestimmungen enthält er. Seine Höhe, Dicke, Schärfe, Verbindung, seine ganze Gestalt ist für die kleinsten Schilderungen des menschlichen Herzens entscheidend.

Wie sich das individuelle Alter des Menschen in der Handschrift abmahlt und diese sich mit jenem verändert: so mahlt sich auch das Alter des Menschengeschlechts in derselben ab. — Der physische Zustand des Menschen, welche Perioden ist dieser nicht durchgegangen, und die Handschrift, als Ausdruck des Nerven, sollte immer noch die des ältern Deutschen seyn, immer noch das harte, unbiegsame desselben an sich tragen. — Nehmet die Handschriften unserer Vorfahren vor einigen Jahrhunderten, und vergleichet sie mit denen der jetzigen Zeit! Jene sprechen ganz von Alterthum, von fleißigem unermüdeten Sammlungsgeiste und weitläuftig voluminöser Gelehrsamkeit — diese hingegen von Empfindung, von philosophischem Geiste und mehrern Weltumgang.

Nicht weniger giebt es Nationalhandschriften, als Nationalcharakter und Nationalphysiognomien. [57]Schreibt der Franzose wohl so wie der Engländer — der Deutsche wie der Franzose? — Die Anthropologie hat würklich noch manchen Wunsch zu thun, der freilich nicht für den festern aktenmäßigen Kopf ist. Was wäre wohl ein bleibenders Denkmahl des Charakteristischen jeder Nation, als eine Aufstellung ihrer Handschrift, wie die ihrer Nationalphysiognomie? — Die gute Vorwelt hat uns Beweise zur Bestätigung der obigen Behauptung hinterlassen.

Der Römer, so fest, muthig, männlich, ausharrend, gedrängt das Gefühl seiner Mannskraft war — so voll seine Sprache, so groß seine Physiognomik: — so voll, so rund seine Handschrift.

Der Grieche, so sehr intellektuelle Schönheit, platonische Liebe genießend, so weich, so geistig sein Nerve: — so fortfließend, sich fortschlängelnd, wellenlinienmäßig auch seine Buchstaben.

Der alte Bewohner Germaniens, wo die Natur noch ihre rohe angebohrne Festigkeit hatte, zog seine Buchstaben eben so fest, so perpendikulär, als Ausdruck des Festen, eben so quadratförmig, als das Zeichen der Unerschütterlichkeit hin. Hier blos Vormauer und sich brechende Scheidewand.

So heiß die Einbildungskraft, das Blut des Morgenländers, so ausschweifend seine Dich-[58]tungsart: so bilderreich, ausschweifend, heiß auch gleichsam seine Handschrift. —

Je fester, trockner der Nerve, je unbeweglicher und mit dem Knochen gleichsam eins, je kälter die Empfindung: — desto stehender perpendikulärer der Buchstabe, desto regulärer ihre Ordnung, gerade horizontal ihre Linien und desto gleichbleibender die ganze Handschrift. Keine hinschweifenden untereinander liegenden Buchstaben, keine springenden Züge: sondern alles abgemessen, abgezirkelt und in Proportion.

Festigkeit, Ruhe der Empfindung — Indolenz zeigt sich in dem Buchstaben eben so, wie in der Bewegung, Fortschreiten des Fußes durch ruhiges, kaltes Hinlegen, gerades Auftreten, Fortschreiten und taktmäßiges sich nicht übereilendes Aufheben desselben zum neuen Niederlaß. Siehst du eine Handschrift, die Muster akkurater Gleichförmigkeit, sich immer gleichbleibender Stoicismus ist: so kannst du dich nicht täuschen — der Schreiber gewiß kein Mensch, der für Kunst, Schönheit, platonische Liebe Gefühl hat, sich zum Dichtungsgeist hinschwingen kann: sondern Aktenwühler, mechanischer Händler, der kalt aussieht, kalt auch genießt, und kalt dein Freund ist. —

Gott bewahre mich für eine schöne Handschrift, wie für ein kaltes unempfindliches Auge für Schön-[59]heit und ein unempfängliches Herz für Liebe und Freude Gottes! — Was heißt denn schön schreiben nach der gemeinen Sprache des Lebens? — einen Buchstaben wie den andern hinsetzen, in eben der Proportion, Weite, Höhe, Dicke, eine Linie so horizontal wie die andere, und so abgemessen distant von einander und schöne Züge, d.h. die von dem festen, harten Nerven ihres Schreibers zeigen. Könnte ich doch einen Aufwärter eines Naturalienkabinets hinters Ohr schlagen, wenn er mir neben einer Wallfischribbe auch, wie er sagt, eine schöne Handschrift zeigt, d.h. eine Reihe von perpendikulären, gleich starken, gleich hohen, gleich zugespitzten, eingepfählten da stehenden Buchstaben, die irgend ein Waisenknabe, der mehr Talent zum Schneider, Schuster, Baumeister, als zum Gelehrten hatte, dem Papiere aufgemahlt hat. Laßt einen solchen Knaben, der so schön schreibt, daß es wie gedruckt aussieht, lieber ein Handwerk lernen; denn hier ist das Loch, wo allenfalls mit einer mechanischen festen Hand alles gethan ist: — um Gottes Willen aber keinen Gelehrten, wenn nicht ein Pedant in der Welt mehr werden soll, ein Systemgelehrter, Vielwisser, der alles seinem Leisten anpassen will, den er sich in seinem Kopfe, der diesem gedrehten Holze nicht viel ungleicher ist, gemacht hat. Ein Gelehrter muß, wenn auch nicht Genie, doch genieartig und mehr als Handwerker seyn. — Schöne Handschrift nenne ich, wo ich Ausdruck [60]von dem Genie ihres Schreibers, seiner Empfänglichkeit für Schönheit und Empfindung finde: — freilich ist just diese nach der Sprache des Lebens garstig geschrieben, unordentlich, die Buchstaben untereinander liegend, und die Züge schief konturirt. Solche Handschriften würde ich auf ein Naturalienkabinet thun, neben den seltnen Produkten des menschlichen Geistes, wenn diese dort zu finden wären. Ich habe viel dergleichen Schönschreiber gesehen und gekannt: der eine hatte schon in seiner Kindheit wegen der schön gemahlten Buchstaben die Aufmerksamkeit des Pfarrers auf sich gezogen, der ihn eben deswegen hatte wollen studieren lassen. Jetzt ist dieser Schönschreiber Schneider, ein genauer, fleißiger, akkurater und gottesfürchtiger Handwerker. — Wer Verstand hat, dem giebt auch Gott Amt, der Mensch trägt es gleichsam vor sich her, was er einst werden soll, sagt Lavater irgendwo. — Die Natur wußte besser dem Mahler dieser Buchstaben Amt zu geben, als sein Pfarrer. Ein anderer ist Geistlicher, der dem Inspektor seiner Diöceß Gedichte wie gedruckt geschrieben überreicht: — ein Mann, der seine hebräische Bibel jährlich ein paarmahl durchliest, und sie schon funfzigmahl durchgelesen hat — nicht aber empfunden, philosophisch nach dem Geiste des Morgenlandes studiert, sondern analysirt, die Punkte gezählet, falsche Accente angemerket und grammatische Lesearten verglichen. Ein dritter war ein jun-[61]ger Studierender, der seine Manuscripte in der größten Ordnung der Buchstaben abschrieb: jetzt ist er Aktenschreiber. —

Lavater beantwortet einen Einwurf: »Aber die schönsten regelmäßigsten Schreiber sind oft die unregelmäßigsten Menschen — wie die besten Prediger — und dennoch würden die besten Prediger noch unendliche bessere Prediger seyn, wenn sie die besten Menschen wären. So die Schönschreiber. Sie würden noch edler, noch schöner schreiben, wenn sie zu ihren Talenten noch gerade so viel Herz hätten.« Ich würde diesen Einwurf nicht beantwortet, sondern ihn ganz widerlegt haben. Nicht allein Erfahrung, sondern auch physische Kenntniß des Körpers können Beweise hergeben, daß ein solcher Schönschreiber, wie ich ihn oben beschrieben habe, und wie ihn das Leben nennt, nicht ein unregelmäßiger, ausschweifender, sanguinischer Mensch seyn kann.

Je mehr Genie — desto weniger Schönschreiber: nicht aber daher der Schluß, je weniger Schönschreiber — desto mehr Genie. Wie viel Genies würden sonst bald nicht in der Welt seyn, wenigstens genieartig schreiben! Es giebt noch tausend Modifikationen und wesentliche Unterschiede, unter schlechten Handschriften. Der Nervenschwache, der Gichtische schreibt eben so schlecht, als das Genie, ohne deswegen Genie zu seyn. [62]Der Sanguiniker schreibt eben so wenig schön, als das Genie. Nur der Kenner und Beobachter erkennt unter den schlechten Handschriften die tausend Abdrücke des menschlichen Empfindens und des menschlichen Geistes. —

Wie jedes Temperament seinen Körper hat, in dem es wohnt, jeder Körper seine eigene Hand, und jede Hand ihre eigene Handschrift: so muß auch jedes Temperament seine Handschrift haben, wo es seinen Charakter abmahlt, wenn überhaupt der ganze Mensch in allen seinen Handlungen, Aeußerungen seinem Körper mit sich selbst übereinstimmend seyn soll. Nichts ist wohl natürlicher, als dieses, nichts wird aber zugleich auch wohl mehr das Kopfschütteln erregen, als der Versuch, Handschriften mit Temperamenten in Uebereinstimmung, und jene, wie diese in Klassen bringen zu wollen. Und doch ist nichts leichter, als dieses, nichts leichter durch Erfahrung und Anthropologie zu beweisen, als dieses. Die Handschriften lassen uns den Menschen in eben so viel Temperamentsunterschieden erscheinen, als die Physiognomik und das tägliche Leben des handelnden Menschen. Eben so viel Klassen von Temperamenten, eben so viel giebt es von Handschriften: so viel Abstufungen und Unterarten jedes Temperaments: so viel Abstufungen der Aehnlich- und Unähnlichkeiten der Handschriften.

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Ist es gewiß, daß jedes Temperament sich eine eigene Physiognomik bildet, auf einem gewissen Kopfumrisse, Wölbung der Stirne u.s.w. ruhe, so ist es wohl eben so gewiß, daß nach dem äußern Ansehen der Physiognomik die Handschrift des Menschen zu bestimmen ist, und daß es nicht blos Marktschreierei sei, nach dem äußern eines Menschen auch das Charakteristische seiner Handschrift vorherzusagen. Aehnliche Menschen haben ähnliche Handschriften, — unähnliche auch unähnliche. So wenig sich Mann und Weib, Jüngling und Greiß, Kind und Mann einander ähnlich sehen, so sehr disharmonirt auch gleichsam das Alter, das Gepräge ihrer Handschriften. Sanguinische Menschen, je mehr sie sich in dem Sanguinismus einander gleich waren, habe ich immer in ihren Buchstaben eine Regel, ein Gepräge und ein gleiches Kolorit beobachten gesehen. Cholerische Menschen eben so das brennende, das heiße ihrer Empfindung in ihren Handschriften durch das eckigte, scharfe, spitzige, gebrochene, lange gezogene ihrer Buchstaben, die wie Bajonette vorgestreckt liegen. Wie der Sanguiniker, wenn er irgend ein interessantes Faktum seines Lebens oder seiner Reisen erzählt, es mit den Händen gleichsam nochmahls vor sich hinmahlt: eben so mahlt sich auch das unruhige, unstäte in dem hingeschliffenen, unordentlichen seiner Buchstaben ab. Wie der Sanguinismus ruhiger wird, wird auch die Handschrift ruhig, bis [64]er sich endlich in das Pflegma verliert, welches seine Buchstaben gerundet, mit ziemlich dick aufgetragenen und groben Farben hinlegt. Sein Arm, seine Hand ist mit zu vielem Fette umwunden, um in seinen Bewegungen spitzige Winkel zu machen. —

Nichts ist lächerlicher, als den Brief eines gichtischen Hektikers zu sehen: wie er seinen ganzen Körper in gichtischen Zuckungen bewegt: so ist auch seine Handschrift, wie eine Hogarthsche Tanzgesellschaft, die in tausend Winkeln ihre Pas vor- rückwärts und zur Seite macht. —

In wie fern von Empfindung, Grundsätze, Verstand, Geist, Genie abhängt; in so fern ist auch aus der Handschrift analogisch gewisse Schlußart auf Anlage, Talent, den Geist und Kopf ihres Verfassers möglich. — Kritiker — Geschichtswisser — Mathematiker will ich wohl unter tausend Handschriften mir Gewißheit herausfinden, und habe sie auch jederzeit, ohne mich zu trügen, herausgefunden. Eben darum ist es so leicht, diese zu erkennen, weil die Nerven und der Körperbau die erste Veranlassung und Anreitz zu diesen Wissenschaften ist. Der Kritiker scheint mir blos eine Geburt des unruhigen, gichtischen, empfindlichen, überall Anstoß findenden scharfen Nervengeistes. Der Mathematiker eine Geburt des festen, starken, unempfindlichen Nervens: — und der Geschichtswisser — des sanguinischen Bluts, in wie fern dadurch das [65]physische des Gedächtnisses befördert wird. Je mehr von allen diesem — desto charakteristischer, wenig täuschender die Handschrift. Man mache sich eine Sammlung von Handschriften dieser Gelehrten, und man sehe, wie charakteristisch jede derselben und wie treu ihr allgemeiner Charakter ist! —

Nichts läßt sich leichter aus der Handschrift erkennen, als der moralische Mensch, seine Gesinnungen, Empfindungen, häuslichen Freuden, seine Religion und sein Handel, weil dies alles für den Anthropologen Erscheinungen des physischen Menschen sind. Der Gutmüthige ist auch in seinen Buchstaben gleichsam gutmüthig, frei, verträglich. Der Satiriker auch in seinen Buchstaben scharf, spitzig, stechend, wie der Stachel seines Witzes. Der Argwöhnische auch seine Buchstaben einen hinter den andern versteckend, zurückhaltend. Der Reinliche auch in seiner Handschrift reinlich. Der Geitzige auch in seinem Buchstaben karg und schmutzig. Der Galante auch in seinen Buchstaben galant und geputzt. —

Körperbau, Stimme, Farbe, Haar, alles ist für den Beobachter des Menschen auch leicht in der Handschrift zu finden — ich sage für den Beobachter des Menschen, der ihn zugleich als Anthropolog kennt. Blonde Haare, blaue Augen, weiße rosichte Wangen des Mädchens — niemahls habe [66]ich sie in der Handschrift verkannt, oder gefunden, wo sie nicht waren.

Harmonie, das einzige Gesetz der Reihe der Dinge! — und doch nicht Harmonie zwischen den Menschen und dem zeichnenden Bilde seiner Gedanken? — So ewig Harmonie zwischen Sprache und Vernunft, so ewig hier sein eigener Schöpfer: so ewig auch sein eigener Bildner und Zeichner. Ewiges Gerede, philosophisches Geschwätz von Harmonie der Schöpfung Gottes, wenn sie nicht auch in dem gesternten zerstreuten Spritzen des Wassertropfens seyn soll, in dem sich die elastische Fliege gekühlt hat, — und in dem langen Wasserschweif, den der pflegmatische Regenwurm hinter sich her gezogen! —

Grohmann.

Fußnoten:

1: *) Sulzers Vorübung. S. 363, 364.