ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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7.

Erfahrungen über Träume.

(Auszug aus einem Briefe an Herrn Maimon.)

Wolfssohn, Aaron

In Ihrem vortreflichen Aufsatz: Ueber den Traum und über das Divinationsvermögen, nachdem Sie die verschiedenen Grade des Traums angegeben und erklärt haben, sagten Sie: »Ich glaube hier zur Erklärung einiger Phänomene in der Psychologie neue Aussichten eröfnet zu haben. Z.B. zu der Möglichkeit der Ahndungen, Vorhersehungen und dergleichen etc.« Da Sie nun hierdurch genugsam zu erkennen gegeben, daß Sie nicht nur die Möglichkeit der Ahndungen und Vorhersehungen nicht läugnen, sondern sogar glauben, den Grund zu dieser Möglichkeit entdeckt zu haben; so hoffe ich, daß es Ihnen nicht ganz unangenehm seyn werde, wenn ich Sie mit einigen Phänomenen von dieser Art bekannt mache, von deren Wirklichkeit ich ganz überzeugt bin, die ich mir aber, ungeachtet daß ich mir schmeicheln kann, Ihre Gedanken und Meinung über die verschiedenen Grade des Traums gehörig gefaßt zu haben, dennoch nicht ganz erklären kann, und die also Ihrer Aufmerksamkeit werth sind. Hören Sie also, mein werthester Freund! vor eini-[109]gen Wochen träumte mir des Nachts: es wäre in meiner Stube Feuer ausgekommen, welches zwar mir große Gefahr gedroht, das ich aber sogleich mit wenig Wasser gelöscht hätte.

Nun kann ich Sie auf mein Gewissen versichern, daß ich weder des Abends, noch des Tages vorher an Feuer gedacht, viel weniger davon gesprochen habe. Als ich nun des Morgens darauf aufstand, war mir dieser ganze Traum entfallen; ich ging wie gewöhnlich aus meinem Schlafzimmer in meine Wohnstube, nahm ein Buch und las darin. Unterdessen kam meine Aufwärterin, brachte — ganz zufällig, denn dies geschah von ihr denselben Tag zum Erstenmal, ungeachtet sie mir schon ein völliges Jahr aufgewartet hatte — einen Topf mit Kohlen, um zu räuchern, und setzte diesen Topf auf einen Tisch. Ich war zu sehr vertieft in meinem Lesen, auch saß ich mit dem Rücken der Thüre zugewandt, so, daß ich weder sie noch den Topf bemerkte. Eine halbe Stunde nachher aber wurde meine Stube mit einem solchen Rauch angefüllt, daß ich kaum die Buchstaben in meinem Buche mehr erkennen konnte; ich stand daher auf, und siehe! da hatte das Feuer schon sich meines Tisches bemächtiget und hätte ich nicht schleunige Hülfe geleistet, wäre er vom Feuer völlig verzehrt worden. —

[110]

So sehr ich nun durch Ihre Erklärung der Träume und des Nachtwandeln mit verschiedenen Erscheinungen in der Psychologie fertig werde; so unmöglich ist es mir, meine obenerzählte Erscheinung, mir dadurch gänzlich zu erklären, wenn ich sie nicht als eine Geburt des Ungefährs oder Zufalls betrachten solle. Denn zugegeben, daß die Vollständigkeit der Associationsreihe bei solchen Erscheinungen weit mehr ist, als im wachenden Zustande; daß auch die Einbildungskraft viel geschwinder und schneller von einer Vorstellung zu der Andern übergeht, so bleibt doch immer hier noch die Frage: Woher und wodurch entstand in meiner Associationsreihe die Idee des Feuers, da ich doch den ganzen Tag vorher nicht an Feuer dachte? Setzen Sie mir nicht den Nachtwandler entgegen, der, wie Sie in Ihrem Aufsatze erzählen, in seinem Paroxismo auf neue Erfindungen gerathen, so daß der Dümste auf einmal ein witziger Kopf und der Feigste ein Held werden kann. Denn diejenigen Erfindungen, auf welche er geräth, können, und wahrscheinlich sind sie auch schon vorher in seiner Associationsreihe gewesen, so daß die Einbildungskraft hier nichts weiter zu thun hat, als diese Idee hervorzusuchen, aber wenn diese Idee noch gar nicht in meiner Associationsreihe existirt hätte, woher soll nun die Einbildungskraft grade auf diese Idee kommen? Und warum just auf eine solche Vorstellung, die sich wirklich nachher zuträgt? ja [111]was noch mehr, selbst die Visionen — wenn sie auch in der Psychologie aufgenommen werden — haben mit meiner obigen Erscheinung gar nichts gemeinschaftliches; indem von jenen sich eben das sagen läßt, was ich von den Träumen und Nachtwandeln gesagt habe, nämlich, daß bei den Visionen kann die Vorstellung von dem Künftigen schon versteckt vorher in einer Associationsreihe gewesen seyn, z.B. wenn der Prophet den Umsturz des israelitischen Landes in einer Vision vorausgesehn hat, so kann diese Vorstellung darum in seiner Associationsreihe schon vorher gewesen seyn, weil ihm nämlich die Sünden der damaligen Israeliten gegen Gott bekannt waren, und daher leicht die Idee ihres Untergangs sich damit verbinden läßt. — Doch ich will hier abbrechen, um Ihnen einen andern Traum zu erzählen, der noch merkwürdiger ist, als der vorhergehende, und der gewiß eine wichtige Beschäftigung für jeden Psychologen seyn muß.

Ein sehr rechtschaffener und wahrheitsliebender Mann, der gewiß das Lügen so haßt, wie mancher Geistlicher die Aufklärung, erzählte mir folgende Geschichte.

Es träumte ihm eines Nachts, er habe in sein gewöhnliches Kaffeehaus gehn wollen, als er aber dahin käme, fände er die Thüre desselben [112]verschlossen. Da er nun sehr stark angepocht hätte, wäre ihm die Thüre aufgemacht worden; er gienge also hinein, fände einige beim Spiele sitzen, mit welchen er sich in Gespräch einließe, welches aber sich endlich in einen Wortwechsel verwandelte, bei welcher Gelegenheit einer von den Spielenden sich einiger anzüglicher Worte gegen ihn bedient hätte, worüber er in solche Wuth gerathen wäre, daß er sogleich nach einem Stuhle gegriffen, und seinen Gegener damit auf den Kopf geschlagen hätte, daß dieser sobald zur Erde gefallen und auf der Stelle todt geblieben wäre. Hierauf hätte man ihn als Mörder in Verhaft genommen, ihn sehr genau bewacht, und strenge mit ihm verfahren, und endlich ihn zum Tode verurtheilet. Hier wurde der Traum unterbrochen, denn mein Freund erwachte, und da es just seine gewöhnliche Zeit zum Aufstehn war, verließ er auch zugleich das Bett.

Nun hatte diese furchtbare Vorstellung so viel Eindruck auf ihn gemacht, daß er den ganzen Tag darauf mißmüthig war, und wie er mich versichert, war dieser Traum noch zwei Wochen nachher ihm beständig gegenwärtig, doch verlor er sich allmälig aus seinem Gedächtniß ganz und völlig.

Eine geraume Zeit nachher traf es sich nun, daß dieser des Sonnabends in ein Kaffeehaus gehen wollte, als er hinkam, fand er die Thür der [113]Billardstube verschlossen (es spielten nämlich einige Juden darin, die sich darum eingeschlossen, um nicht von orthodoxen Juden überrascht zu werden, weil, wie Ihnen doch bekannt ist, das Billardspielen am Sonnabend nicht erlaubt ist) mein Freund pochte, es wurde ihm auch aufgemacht, aber gleich nach seinem Hineintreten die Thüre wieder verschlossen. Dieser stellte nun den spielenden Juden vor, daß wenn sie bei verschlossenen Thüren spielen, sie bei den Hereinkommenden den Verdacht erregen würden, daß sie sich mit Hazardspielen abgäben, und könnten dadurch nicht allein sich, sondern auch ihm als Zuschauer Unannehmlichkeiten zuziehen; er verlangte daher ausdrücklich, daß man die Thüre wieder aufschließen solle, jene aber bestanden auf ihren Eigensinn, wodurch zwischen ihnen ein Wortwechsel entstand, bei welcher Gelegenheit einer von den Spielenden gegen meinen Freund sich unerlaubter Ausdrücke bediente, die ihn zum Zorn reitzten, so daß er, ganz wider seine gewöhnliche gütige Natur, nach einem neben sich stehenden Stuhle griff, um den Streitsüchtigen damit zum Stillschweigen zu bringen.

Aber kaum war er im Begriff mit dem Stuhle um sich zu schlagen, da fiel ihm ganz unvermuthet sein gehabter Traum ein, und sieh da! er faßte sich sogleich, setzte den Stuhl ganz gelassen nieder, und ging nach Hause. —

[114]

Was sagen Sie nun, werthester Herr Maimon, zu dieser Erscheinung? ich kann sie weder Ahndung noch Vorhersehung nennen, sie ist eine ganz neue Art, welche von Ihnen gar nicht ist erwähnt worden, und ich erwarte daher mit Sehnsucht Ihre Antwort und Ihren Aufschluß darüber, wodurch Sie unaussprechlich verbinden werden, Ihren aufrichtigen Freund

Aaron Wolfssohn.

Berlin, den 1sten Sept.

1791.