ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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6.

Eine das Gedächtniß betreffende Erfahrung*). 1

Anonym

Im dritten Stücke des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde, achten Bandes, heißt es S. 13: »Wer eine fremde Sprache durchs Uebersetzen in seine Muttersprache erlernt— die Ordnung der Association auch im umgekehrten Falle zu beobachten.«

Ich habe diese Gelegenheit gehabt. Bei meinem vormals guten Gedächtnisse lernte ich die Chiffres, deren ich mich zum Briefwechsel mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten bediente, größtentheils auswendig. Da ich aber vielmehr chiffrirte, als dechiffrirte, so fiel mir manchmal ja oft das französische Wort nicht für den Chiffre, welcher es bedeutete, ein, obgleich umgekehrt ich mich ohne Anstoß des Chiffres erinnerte, der eben das Wort ausdrückte; indem ich die Chiffres oder die Worte der fremden Sprache durch Chiffriren, [107]das heißt, durch Uebersetzen in die fremde Sprache, nicht aber durch Dechiffriren, oder durch Uebersetzen aus der fremden Sprache gelernt hatte. Daß die Chiffres keine eigentliche Sprache sind, und daß das Französische nicht meine Muttersprache ist, kann, dünkt mich, kein Einwurf seyn. Denn die Chiffres, deren man sich zum Briefwechsel zwischen den Höfen und den Gesandschaften bedient, sind so gut, wie Worte einer Sprache, da drei bis vier Zahlen, ja mehrere, zusammen, Worte, ja Redensarten bedeuten. Und das Französische war mir nicht allein überhaupt sehr geläufig, sondern es würde mir auch, da ich nie Berichte in meiner Muttersprache abgefaßt hatte, weit schwerer geworden seyn, dazu mich dieser, und nicht der französischen, Sprache zu bedienen.

So oft ich, nach Verlauf einiger Jahre, neue Chiffren erhielte, machte ich immer von neuem dieselbe Erfahrung.

Fußnoten:

1: *) Dieser Aufsatz, dessen Verfasser sich nicht nennt, ist mir vom Herrn Castillon, Friedrich Adolph Maximilian Gustav gütigst mitgetheilt.
Moritz.