ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 2 (1788) >  

Pockels, C. F.

Die Beiträge zur Seelenheilkunde sind bisher immer noch die wenigsten gewesen, obgleich grade dieses Feld in einem Magazin der Erfahrungsseelenkunde am meisten bearbeitet zu werden verdiente. Jeder Mensch liegt an irgend einer Idee, an irgend einer Lieblingsgrille krank, und es ist uns unendlich viel daran gelegen, sonderlich bei der Erziehung, zu wissen, wie dieser oder jener von jener Krankheit geheilt wurde, durch welchen Ideenumtausch seine Vorstellungskraft eine bessere Richtung bekam, was Zeit, Umstände, Umgang, Lectüre dazu beitrugen, und wie überhaupt der menschliche Geist nicht nur vor Irrthümern in frühern Jahren bewahrt, sondern auch in spätern, sonderlich wenn jene Irrthümer einen großen Einfluß auf's practische Leben hatten, davon zurück gebracht werden konnte.

Die Curen der Seele haben viel Aehnlichkeit mit der Heilung körperlicher Krankheiten. In beiden Fällen muß der Patient oft Arzeneien gebrauchen, die sehr bitter sind, wenn sie eine gute Würkung haben sollen. Am bittersten kommen uns gemeiniglich die Heilmittel gegen die Krankheiten der [51] Seele vor; theils weil die wenigsten Menschen — so sehr es auch andre bemerken, an ihrer Seele krank zu seyn glauben, und also sich gegen die ihnen angebotenen Mittel sträuben; theils auch, weil die wenigsten Seelenärzte ihre Patienten mit weiser Schonung zu heilen wissen, sondern nach einer Methode verfahren, die den Schwächen jener unangemessen ist, und die Wunden mehr aufreißt, als heilt.

Welcher Menschenfreund wird sich nicht betrüben, wenn er um sich herschaut, und bemerkt, daß die meisten Leiden, die die Menschheit drücken, von uns selbst herrühren, daß ein Theil derselben sich durch einen unersättlichen Ehrgeitz, durch eine traurige Habsucht nach Titeln, Ehrenstellen, Belohnungen höchst unglücklich macht, und oft seine heiligsten Pflichten jenen Leidenschaften, die eine gesunde Philosophie nicht billigen kann, aufopfert; daß ein andrer Theil von Menschen durch einen überspannten Grad der Sinnlichkeit vor der Zeit verwelkt, und alle Kraft in Thätigkeit, allen Einfluß in's Beste der Gesellschaft durch einen erschlafften Körper, durch einen noch erschlafftern Geist verliert; daß wieder andere durch eine giftige Verläumdungssucht, durch einen unauslöschlichen Hang zum Betrügen und die Wahrheit zu verstecken, ihr Glück untergraben, und die Zufriedenheit vieler andern vielleicht auf immer stören; daß überhaupt die Unmäßigkeit der Leidenschaften und das aufgehobene [52] Gleichgewicht der menschlichen Seelenkräfte an allen den Uebeln Schuld sind, die von uns selbst herrühren, und den Erdkreis überschwemmen. — — Und welcher Menschenfreund wird, durch dergleichen Beobachtungen veranlaßt, nicht wünschen, daß durch eine genaue Kenntniß des menschlichen Herzens immer mehrere Heilmethoden jener Seelenkrankheiten in Gang gebracht werden mögten, und daß vornehmlich jeder aufgeklärte Erzieher es sich zur Pflicht machen mögte, auf die Mittel, Umstände, Lagen, Ideenverbindungen, moralischen Gefühle Acht zu geben, wodurch die Seele nach und nach, oder auch auf einmal zu einem gesunden Selbstbesinnen kommt.

Ich habe so manchmal darüber nachgedacht, woher es doch kommen möge, daß bei aller neuen Erziehungskunst und Aufklärung, wenn man das Ding beim Lichte betrachtet, die Menschen doch noch nicht viel besser geworden sind, und zu werden scheinen, und ich habe gefunden, daß noch nicht die genauste Aufmerksamkeit auf die Bildung junger Seelen gewandt werden müsse. Bei noch genauern Beobachtungen, und durch den Umgang mit vielerlei Erziehern und Zöglingen habe ich vornehmlich wahrgenommen, daß man den ersten versteckten Keimen des moralischen Uebels in den Kinderseelen nicht nur nicht fleißig genug nachspürt, sondern auch bei den ersten Aeußerungen der Sin-[53]neslust, des Ehrgeitzes, der Rechthaberei, des Eigensinnes, der Spottsucht und anderer Herzensseuchen zu sorglos ist, und das Uebel nicht auf eine weise und geschickte Art in der Geburt zu ersticken sucht. Man arbeitet immer zu sehr im Ganzen, hemmt nur den Ausbruch grober Fehler, und läßt die Cultur des besondern Menschen, oder jeder seiner individuellen Leidenschaften liegen. Freilich kostet dies sehr viel Menschenstudirung, sehr vielen pädagogischen Fleiß; allein der Garten wird immer verwildert bleiben, wenn nicht das Unkraut mit der Wurzel ausgerissen wird, und hie und da Nesseln stehen bleiben, die man auszureissen nicht der Mühe werth achtet.

Wie äusserst interessant müßte es daher nicht seyn, wenn mehrere aufmerksame Menschenkenner und Erzieher die Mittel der Welt bekannt machen wollten, wie sie diese und jene Leidenschaft ihrer Zöglinge zu bessern, zu mildern, und ihr eine gute Richtung geben lernten. Z.B. Wie sie ein eigensinniges Kind von seinem Eigensinn; eine Gemüthsart, die überall das Lächerliche aufsucht, von diesem Uebel; einen Knaben oder Mädgen von ihrer Verstellungskunst, wieder ein anders von der Neigung zu lügen u.s.w. geheilt haben. Eben so wichtig für die Belehrung der Menschen würden getreue Darstellungen von schon erwachsenen Männern und Frauenzimmern seyn: wie sie nach und nach über so manchen Fehler ihres Herzens Herren wurden, [54]und wie es ihnen gelang, durch die Stimme der Vernunft das Gewicht der Leidenschaft zu unterdrücken. Je genauer dergleichen Schilderungen wären, je nutzbarer würden sie seyn, und je leichter würden andere Menschen in ähnlichen Lagen dadurch zu gleichen Siegen über ihre Fehler vermogt werden. Wir werden selten dadurch zu einer moralischen Besserung gebracht, wenn man uns gradezu die Mittel und Regeln vorschreiben will. Stärker und mächtiger würken auf uns Beispiele und Schilderungen von andern Personen, worin wir uns gleichsam wie in einem Spiegel erblicken, und ohne daß sie an uns gerichtet zu seyn scheinen, uns nicht selten die edelsten Entschliessungen ablocken.

Ich bitte und ermuntre die bisherigen Mitarbeiter dieses Magazins, in ihrem Kreise, in ihrem Umgange und ihren Verhältnissen auf die Mittel aufmerksam zu seyn, wodurch Menschen von verjährten Fehlern des Herzens zurückkamen, oder auch davor bewahrt wurden, und jede ihrer Beobachtungen und Entdeckungen wird gewiß den Lesern der Erfahrungsseelenkunde äußerst willkommen seyn.

P.