ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 2 (1788) >  Belag zur Geschichte der Ahndungen.

Belag zur Geschichte der Ahndungen.

Pockels, C. F.

Die Ahndungsgeschichte, welche Herr Bartels in seinen Briefen über Calabrien und Sicilien*) 1 S. 408 ff. erzählt, verdient sehr, in Ihrem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde aufbewahrt und psychologisch beleuchtet zu werden; ob das Phänomen gleich selbst nicht so unerklärbar seyn mag, als Herr Bartels glaubt. Hier ist die ganze Stelle:

»Es scheint, es liegen noch Kräfte in den Menschen, bis zu deren Entstehungsquelle bis jetzt das Auge des scharfsinnigsten Psychologen nicht hat dringen können, und unter diese gehört das Vermögen der Vorahndung oder der Vorempfindung zufälliger künftiger Dinge, bei nicht erhitzter Einbildungskraft. Alle die Hokus Pokus der Somnambuleurs und ihrer Lehrer lassen sich bis jetzt noch wohl, so viel ich glaube, durch Erhitzung der Einbildungskraft, Anstrengung der geschwächten Nerven, und Reiz des Zeugungstriebes, hervorgebracht gedenken; — aber [63]daß eine Frau alle die Schrecken des Erdbebens im Schlaf voraussah, und sie anzeigte, ihre Phantasie nicht erhitzt war, wie sie dies that, man auch gar nicht weiß, wie durch Ideenassociation die Vorstellungen grade jetzt in ihr erregt werden konnten, und sie doch alles vorher sah, und vorher verkündigte, das bleibt mir ein unerklärliches Phänomen. Sonderbar aber ist's, daß der größte Theil ähnlicher Entdeckungen fast immer an Weibern gemacht wird, aber es fast immer alte abgelebte Menschen, oder von zerrüttetem Nervensystem sind, bei denen wir diese Kräfte bemerken. Komme diese Kraft woher sie wolle, folgende Geschichte ist unläugbar wahr. (Ich habe verschiedene Zeugen davon gesprochen, und die Erzählung steht selbst ungefähr eben so in der Beschreibung des Erdbebens von der Akademie). Donna Lukrezia Ruffo, eine siebenzigjährige Frau, sah im Schlaf eine Nacht zuvor alle Schrecken des Erdbebens (1783), und ward dadurch so erschüttert, daß sie mit einem heftigen Klaggeschrei erwachte. Ihre Familie, aus dem Schlaf gestört, eilte furchtvoll zu ihr hin, und wie sie ihr die Ursache erzählte, und besonders eine genaue Beschreibung von der Seerevolution gab, ward sie verlacht. Ihr Schwiegersohn war hernach einer von denen, der sehr vom Meere gemißhandelt, verschlungen und wieder ausgeworfen ward, dann sich in eine Menge Netze verwickelte, und beinah so auf die traurigste Art erstickte.« So weit der Reisebeschreiber.

[64]

Wenn auch die Sache, wie sie hier erzählt wird, buchstäblich wahr seyn sollte (so leicht auch sonst den Reisebeschreibern etwas Wunderbares und Seltsames aufgebunden wird, — wovon fast alle Reisebeschreibungen die deutlichsten Beweise enthalten): so scheint sie doch für die Ahndungen nichts zu beweisen. Wer weiß denn erstlich gewiß, daß die Frau von aller erhitzten Einbildungskraft frei war, als sie den Traum hatte? Wer weiß, welche Bilder, Beschreibungen und Erzählungen von vergangenen Erdbeben ihr grade damals vorschwebten, als sie einschlief? In einem Lande, wo dergleichen schreckliche Naturphänomene öfter vorfallen, wo man die Kinder schon von Jugend auf mit Erzählung derselben unterhält, — ist's ja wohl nichts unnatürliches, von einem Erdbeben zu träumen. Die Frau war ohnedas alt; folglich sehr wahrscheinlich von einer ängstlichen und furchtsamen Gemüthsart, und von schwachen Nerven; — wie viele alte Weiber mögen dort von Erdbeben träumen! Also in dem Traum selbst liegt nichts ungewöhnliches, nichts unerklärbares. — Aber sie sah alle Schrecken des nachher erfolgten Erdbebens vorher? — Wenn sie einmal von einem Erdbeben träumte, so war es wieder sehr natürlich, daß ihr die Phantasie die Schrecken desselben vormalte; — sie sah vermöge dieser Phantasie Häuser umstürzen, Feuer aus der Erde hervorbrechen, die See in heftige Bewegung gerathen, und was sich sonst bei einem Erdbeben [65]schreckliches zutragen konnte. Alles dies waren natürliche Folgen einer einmal durch die Einbildungskraft entstandenen Ideenassociation, die man hier freilich, so wie überhaupt die Folge der Traumideen bei den meisten Menschen, nicht bestimmt angeben kann, weil die Seele im Schlaf über sich selbst zu reflectiren nicht sehr aufgelegt ist. — Aber sie sahe die Schrecken dieses wirklichen Erdbebens vorher? Hier entsteht nun die große Frage, die uns der Verfasser nicht beantwortet, ob sie die Schrecken des geträumten Erdbebens nur überhaupt, oder nach allen einzelnen Umständen so genau beschrieben habe, daß man die Erfüllung des Traums selbst im Detail nicht läugnen konnte. Jene Beschreibung überhaupt würde nichts beweisen; denn alle Erdbeben haben ja wohl in Absicht des mit sich führenden Schrecklichen eine Aehnlichkeit mit einander, — ja selbst bei einer genauern Erfüllung einzelner geträumter Umstände, die hernach beim Erdbeben wirklich vorfielen, konnte sich vieles noch durch einen bloßen Zufall ereignen, — vieles konnte das alte Weib auch hinterher geträumt zu haben glauben, was sie nicht geträumt hatte, wie gemeiniglich zur Erfüllung eines bedeutenden Traums so manches hinterher zugesetzt wird, um dem Dinge so recht den Anschein einer Ahndung zu geben.

Das, was bei der angeführten Erzählung am auffallendsten ist, besteht darin, daß die Donna [66]Ruffo grade die Nacht vorher von dem Erdbeben träumte. Allein, sollte man hiervon nicht lieber einen physischen Grund, als gewisse geheime Kräfte der Seele anzugeben suchen, die doch, so lange wir die denkende Substanz des Menschen nicht genauer kennen, — nichts als eine Hypothese bleiben werden, die durch die Neigung der Menschen zum Wunderbaren ihre vornehmste Stärke erhält. Wenn die Idee von einem Erdbeben in der Seele der siebenzigjährigen Frau entstand: so konnte die Veranlassung dazu aus einem physischen Vorgefühl von jener schrecklichen Revolution entstehn, welches sich mehrere Tage vorher nicht nur bei Menschen, sondern sogar bei Thieren zu äussern pflegt, wie ich aus mehrern Erzählungen von gebornen Italiänern und glaubwürdigen Männern weiß, die jenes ängstliche Vorgefühl wirklich empfunden haben. Nach der Erzählung dieser Männer fühlen viele Menschen vor einem bald entstehenden Erdbeben eine innere Bangigkeit, eine Mattigkeit in ihren Gliedern, ein schweres Athmen, welches wohl von der Veränderung der Luft abhängen mag, die vor jedem Erdbeben hergehn soll. Herr Bartels läugnet, daß wenigstens beim letztern Erdbeben die Menschen nichts davon vorher empfunden hätten; — aber wie leicht konnten selbst die Vorzeichen an Thieren einen ängstlichen Traum über eine nahe bevorstehende Erdrevolution hervorbringen, und die Veranlassung zu der Ideenassociation bei der Donna Ruffo [67]werden, die sich der Verfasser nicht erklären kann, da sie doch sehr natürlich in jenen Vorzeichen liegen konnte.

Nachdem er die Lufterscheinungen, die der Aberglaube in dortigen Gegenden für Vorzeichen halten wollte, als solche geläugnet hat, fährt er so fort: »Merkwürdiger sind unstreitig die Vorempfindungen, die sich an lebenden Geschöpfen zeigten. Nur der Mensch blieb von diesen Vorgefühlen frei; — (aber alle, und ein jeder?—wer kann das bestimmen?) weder auf seinen Körper, noch auf die Heiterkeit seines Geistes hatte es den geringsten Einfluß; seine Empfindungsnerven wurden durch das, was in den Thieren die quälendste Unruhe veranlaßte, nicht gerührt; ein Beweis, wie weit schärfer das Perceptionsvermögen durch den äussern Sinn bei den Thieren als bei den Menschen ist. Aber auch bei den Thieren selbst nahm man hier eine große Verschiedenheit wahr. Bei einigen äusserte es sich früher, schneller und heftiger, bei andern später, langsamer und gelinder. Diese Begebenheiten sind zu sonderbar, als daß ich Ihnen nicht das, was ich davon zuverlässig weiß, mittheilen sollte. Die Fische im Meer schienen kurze Zeit vorher, und während der ganzen traurigen Periode, wie in einem Taumel zu leben, eilten unruhig im Wasser, häufiger als sonst, in die Netze der Fischer, und büßten ihre Vorempfindung durch einen frühen Tod. [68]Die Vögel in der Luft durchkreutzten, wie von irgend einer Furcht gejagt, schreiend die Luft, und auch sie schienen weniger schlau, den Fallstricken der Menschen entgehn zu können: eben die Unruhe bemerkte man an Gänsen, Tauben, Hünern u.s.w. Unter den vierfüßigen Thieren schienen Hunde und Esel die zu seyn, auf die dies Vorgefühl am frühesten und heftigsten würkte; sie liefen mit wildem starren Blick furchtsam umher, und füllten mit schrecklichem Geheul und Geschrei die Luft. Pferde, Ochsen, Maulesel und andre ähnliche Thiere zitterten vorher am ganzen Körper, stampften wiehernd und brüllend den Boden, spitzten die Ohren, und ihr Auge rollte starr und argwöhnisch umher. In dem schrecklichen Moment selbst stemmten sie die Beine auf dem Boden von einander, damit sie sich vor dem Fall sicherten, und doch wurden sie oft niedergestürzt. Einige suchten kurz vorher vergeblich zu fliehen, wurden aber von dem Toben der Erde erreicht, und blieben unbeweglich stehn. Die Schweine schienen am wenigsten dies Vorgefühl zu äussern; aber die Katzen, obgleich später, als die Esel und Hunde, doch sehr heftig. Sie krümmten sich, ihr Haar fing an starr wie Borsten empor zu stehn, ihre Augen wurden blutig und wäßrig, und sie stellten ein schreckliches Klaggeschrei an.«

Daß übrigens obige Ahndungsgeschichte der Donna Ruffo durch Zeugen bestätigt wird, die [69]der Verfasser darüber gesprochen haben will, thut zur Verificirung einer wirklichen Ahndung nichts. Waren jene Zeugen aufgeklärte Leute, liessen sie sich nicht hintergehn, waren sie nicht schon für die Ahndungsgeschichte eingenommen, und hatten sie das Ding mit philosophischer Aufmerksamkeit geprüft? Die Menschen werden nur zu leicht betrogen, wenn es auf Wundererzählungen ankommt, und der scharfsinnigste Kopf muß grade alsdann selbst sehr auf seiner Hut seyn. Die Akademie zu Neapel hat die nämliche Geschichte erzählt, und fast eben so, wie der Verfasser; aber — wie oft haben sich die hochlöblichen Akademieen täuschen lassen!

Ich merke noch geflissentlich die Stelle aus des Verfassers Briefen an, daß nämlich dergleichen Phänomene fast immer an Weibern, an abgelebten und nervenkranken Personen jene Vorhersehungskräfte bemerkt werden sollen. Ich glaube aber, daß uns auch nichts als diese Bemerkung selbst gegen diese Kräfte mißtrauischer machen sollte. Die weibliche Phantasie ist, nach dem Zeugniß aller Psychologen und aller Zeiten, der größten Ausschweifungen fähig. Die Schwärmerei jeder Art hat immer in der Seele des andern Geschlechts eine freundliche Aufnahme gefunden, und die Geisterseherei, Traumdeuterei, Ahndungswuth, Vorherwisserei wird nie aussterben, so lange es Weiber giebt. — Abgelebte Personen sind schon darum [70]nicht mehr gültige Zeugen ihrer schwärmerischen Aussagen, von gewissen an sich bemerkten sonderbaren Phänomenen, weil sie oft die Schwäche des Geistes an richtigen Untersuchungen hindert, weil das Alter sehr abergläubig, furchtsam und leichtgläubig ist, und weil sein Hang zum Wunderbaren die Phantasie so leicht auf Abwege bringt. Nervenschwache Menschen endlich — — sollen die die Gefäße jener geheimen Kräfte der menschlichen Seele seyn? — O welche erbärmliche Maschinen hätte dann die Natur zur Darstellung ihrer Geheimnisse gewählt, und wie wenig könnte die Vernunft solchen Kräften trauen, die erst durch eine Erschlaftheit der Menschennatur sichtbar werden könnten.

Unterdessen scheinen unsre aufgeklärten Zeiten in der That jenen sonderbaren unpsychologischen Satz allgemein machen zu wollen, daß die Größe und Erhabenheit der Menschennatur erst durch gewisse vorhergegangene Erschlaffungen der Vernunft sichtbar werden können, und daß, um die Vollkommenheit derselben kennen zu lernen, allerlei ungewöhnliche Krisen der Empfindung vorhergehn müßten. Diesen Irrwahn haben nicht bloß die Bremischen Geschichten einer sonderbaren Gattung des neumodischen Wahnwitzes befördert, sondern es sind mehrere Umstände zusammengekommen, selbst von Seiten der religiösen Schwärmerei, um jenen Unsinn gültig zu machen. Eine natürliche Folge unsrer [71]neuen schwärmerischen Religionsbegriffe, die alles auf bloße Empfindungen reduciren wollen, und eben dadurch jedem schwachen Kopfe Gelegenheit geben, sich den Gesetzen eines vernünftigen Nachdenkens über religiöse Gegenstände zu entziehn, und seiner verworrenen Einbildungskraft, das, was das Größte, Erhabenste und Heiligste an dem Menschen ist, — seine gesunde Vernunft aufzuopfern.

Fußnoten:

1: *) Göttingen. 1787. 8. 1ster Theil. a

Erläuterungen:

a: Bartels 1787-1792,Bd. 1.