ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Aehnlicher Fall zu der im zweiten Stück des fünften Bandes erzählten sonderbaren Ohnmacht.

Köppen, Johann Heinrich Just

Ein verheirathetes, älteres, nervenschwaches Frauenzimmer unsrer Stadt, lag am Faulfieber krank. Da die Krankheit am heftigsten war, verlor sie Nachts um zwölf Uhr die Empfindung. Der Arzt fand, als er kam, sie völlig empfindungslos, nur daß die Pulsadern noch immer, wie am Abend, schlugen, und die Augen nicht ganz geschlossen waren. Alle Reizungsmittel, selbst heftiges Bürsten unter den Fußsohlen, vermogten keine Bewegung hervorzubringen. Die Umstehenden, welche wider die Versicherung des Arztes glaubten, daß sie nicht wieder erwachen würde, liessen ihr die letzte Oelung geben. Gegen vier Uhr erwachte sie. Sie hatte alles, was mit ihr vorgenommen worden war, deutlich empfunden; was in ziemlicher Entfernung vom Bette, und nicht laut war ge- [20] sprochen worden, hatte sie genau gehört. Aber durch alle Anstrengung hatte sie es nicht dahin bringen können, durch Sprache, oder Mienen oder Bewegungen ihre Empfindungen auszudrücken.

Mein Gewährsmann ist unser würdiger Arzt Herr Doktor Brandis.

Hildesheim,
den 6ten Nov. 1787.

Köppen.