ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Einwirkung eines äussern Gegenstandes auf die Verwirrung unser Ideen.

Pockels, Carl Friedrich

Wir pflegen uns entfernte Bekannte, die wir aber noch nicht persönlich kennen gelernt haben, unter einer gewissen Gestalt, Figur, Leibeslänge, und unter gewissen Gesichtszügen zu denken, die ihnen unsere Phantasie andichtet, weil wir überhaupt uns nichts ohne ein sinnliches Zeichen vorstellen können. Unsere Einbildungskraft verfährt hierbei allemal nach gewissen Gründen, warum sie sich den Entfernten grade unter dieser und keiner andern Gestalt [32]denkt, ob wir uns gleich dieser Gründe nicht immer bewußt sind. Hat man uns schon eine Beschreibung und Vergleichung der unbekannten Person gemacht: so stellt man sie sich auch ungefähr wie den mit ihr verglichenen Gegenstand vor, aber doch nicht ganz so; sondern wir leihen ihr Züge, die sie von jenem in etwas unterscheiden, und aus einem Gemisch von mehrern, von andern ähnlichen Gegenständen hergenommenen, Kennzeichen bestehen; hat man uns aber noch gar keine körperliche Beschreibung von der unbekannten Person gemacht: so bildet sich unsere Phantasie von irgend einem oder mehrern Umständen, die wir von der Person wissen, ein eigenes Bild, welches freilich selten zutrifft. Dieses Bild kann bisweilen eine solche Lebhaftigkeit und Festigkeit in uns erhalten, daß es uns gar nicht möglich ist, uns die Person anders, als nach dieser Phantasie vorzustellen; daher die öftere Verwirrung, worin sich Leute befinden, die sich zum erstenmale sehen, wovon ich hier ein ausgemachtes Beispiel liefere.

Der Staatsminister *** aus ** machte vor einigen Jahren durch einige Provinzen des Staats eine Reise, um verschiedene bei dem Justiz- und Finanzwesen eingeschlichene Misbräuche zu untersuchen. Wohin er kam, wurde er mit aller Ehre, die seinem Stande gebührte, empfangen, und in verschiedenen Städten wurde er mit feierlichen Reden von Seiten des Magistrats bewillkommt. Eine [33]solche Rede sollte ihm auch zu *** von dem dortigen Bürgermeister gehalten werden, welches ein ausserordentlich geschickter, und sonst sehr beredter Mann war. Der Minister, ein kleiner, hagerer Mann, der sein eigenes Haar trug, trat in den Saal des Rathhauses, und der Herr Bürgermeister auf seinen Rednerplatz. Mit einer sichtbaren Verwirrung fing der gute Mann seine Rede an, stockte, räusperte sich, und blieb endlich stecken, ohne ein einziges Wort weiter vorbringen zu können. Der Minister schien unwillig über den Redner zu seyn, und die ganze Versammlung schied aus einander.

Der Minister wurde zu einem Mittagsschmause eingeladen, der ganze Magistrat, die Honoratioren der Stadt waren gegenwärtig, und der Minister kam neben dem Bürgermeister zu sitzen, dessen Rede ein so klägliches Ende genommen hatte. Beide liessen sich in ein Gespräch ein, und der Minister sahe nun, daß der leztere ein vortreflicher Kopf war, der sich sehr gut auszudrücken wußte, und sehr weitläuftige Kenntnisse verrieth. »Aber wie ist es möglich, fing der Minister endlich an, daß ein Mann von Ihrer Lebhaftigkeit, von ihrer Suade in seiner Rede stecken bleiben konnte?« »Ich will es Ew. Excellenz erklären, erwiederte der Bürgermeister: – »Ich hatte Ew. Excellenz nie gesehen. Ich stellte Sie mir als einen Mann mit einem grossen dicken Bauche, einer langen Wolkenparücke, [34]einem mit dickem Golde besezten Kleide, und einer kühnen Miene vor. Ich fand dies alles bei Ihrem wirklichen Anblicke nicht; und dies allein, daß ich einen ganz andern Mann vor mir stehen sahe, als ich mir bisher imaginirt hatte, brachte mich aus aller Fassung.«