ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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4.

Fortgesezte Nachricht von einer Geisterseherinn.

Pockels, Carl Friedrich

(Siehe 4ten Bandes 1stes Stück, Seite 122 ff.)

Nachfolgende Berichte von einer sonderbaren Geisterseherinn sind ein abermaliger Beweis, welch eine erstaunliche Gewalt eine erhizte und verschrobene Phantasie über uns, und vornehmlich über schwärmerische Weiber, bekommen kann; denn kein Vernünftiger wird die Erzählungen der Madam Beuter für etwas anders, als lebhafte, im Wachen gehabte, Traumbilder halten, so sehr sie auch das alles deutlich und wirklich gesehen und gehört zu haben vorgiebt. Es ist bekannt, daß Ideen der Phantasie durch mancherlei Umstände, sonderlich durch eine lebhafte Bewegung des Bluts und Gehirns eine solche Stärke und Helligkeit bekommen können, die die Lebhaftigkeit sinnlicher Eindrücke noch weit [35]übertrifft und ganz verdunkeln kann. Gesellt sich dazu nun noch irgend eine andre religiöse Grille, Bilder und Gefühle von einer geträumten himmlischen Entzückung; ist die Seele von feurigen Gedanken an Gott und den Erlöser, oder von schrecklichen Vorstellungen an einen Teufel eingenommen: so kann die Phantasie mit dem armen Menschen machen, was sie will, so sieht er Dinge, die nie existirt haben, und nie existiren werden, hört Stimmen und Worte, die nie ausgesprochen worden sind, macht Spatzierfahrten durch den Himmel, – so wie ihn der Enthusiast irgend einmal aus einem Gemälde, oder in einer Predigt, oder in einem mystischen Erbauungsbuche abgeschildert gefunden hat. Die weibliche Seele, die ihre Natur auch im Traume nicht verläugnen kann, erblickt männliche Gestalten, Engel u. dergl., wird von ihnen holdselig angeredet, und die Gottheit kommt wohl gar selbst, bei der Phantastinn ihren Besuch abzulegen. Alles dies ist der erhizten Einbildungskraft so leicht, läßt sich so äusserst natürlich aus ihren Gesetzen, die auch bei den stärksten Verwirrungen der Phantasie noch zum Grunde liegen, erklären, daß ich nicht begreifen kann, wie es möglich ist, dergleichen natürliche Phänomene der Seele für übernatürliche Wirkungen einer höhern Offenbarung zu halten; nicht begreifen kann, warum dergleichen Offenbarungen ohne sehr wichtige grosse Zwecke da seyn sollen, ich will nicht sagen: ob überhaupt da seyn [36] können. Der vornehmste Grund von solchen abergläubischen und schwärmerischen Meinungen liegt theils in der so grossen Neigung des Menschen zum Wunderbaren; theils auch, und vornehmlich darin, daß wir unsere Kinder damit von Jugend auf unterhalten, und ihnen die Lesung gewisser Bücher zur Pflicht machen, worin dergleichen Erscheinungen Gottes, der Engel und Teufel fast auf allen Seiten vorkommen. Man wird vergeblich wider den Aberglauben und die Schwärmerei predigen, so lange dergleichen geistervolle Schriften nicht behutsamer der Jugend überreicht, und deutlicher, als gemeiniglich geschieht, erklärt werden. – »Was diesem und jenem Mann in vorigen Zeiten geschahe, kann auch sich mir besonders nähern!« Was ist natürlicher, als daß solche Gedanken bei einer nur etwas lebhaften, durch Religionsempfindelei verschrobenen, Phantasie in uns entstehen können! Was natürlicher, da diese Gedanken die menschliche Eitelkeit so sehr nähren, uns über andere Menschen erheben, und ein gewisses behägliches Gefühl von Glückseligkeit erzeugen, das allen Schwärmern bei ihren Phantasien so eigen ist!

P.


Madam Beuter, welche sich jezt zu Lindau am Bodensee aufhält, nachdem sie vorher in Augs-[37]burg gewohnt hat, glaubt schon seit mehrern Jahren her, himmlische Erscheinungen zu haben, und glaubt sie so steif und fest, daß sie auf keine Art davon abgebracht werden kann. Sie hat nicht nur eigene Berichte darüber aufgesezt, sondern verschiedene der gehabten Erscheinungen, so weit sich ihr Talent im Malen erstreckte, sehr vielfarbig abgezeichnet, davon ich die Zeichnungen selbst in Händen gehabt habe.

Das erste Gemälde stellt eine Stube vor, die durch einen himmlischen Glanz erleuchtet wird. Die Geisterseherinn liegt im Bette. Zu ihrer Linken sizt ein himmlisches Wesen in einem blauen Kleide, zur Rechten steht ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln, und neben dem Engel ein Teufel (so wie man beide Herren sehr oft in mystischen Kupfern zusammen gemacht findet) in schrecklicher Gestalt. Aus dem Munde des Engels gehen die Worte: Herr, laß es genug seyn! Unter das Gemälde hat sie mit eigener Hand geschrieben: »Diß gesicht ist geschehen und gesehen worden von mir Euphersyna Beitherin in Lindau im Monat December Morgens um ½ 5 Uhr 1771, als die Nacht noch stark finster war, wurde es um diese Zeit, auf einmahl heller Tag, zu meiner Verwunderung saß zugleich eine Himmlische Persohn gegen meine Linken Seite. an meiner rechten ein Engel Gottes, in der Höhe gegenüber eine Klarheit. Diese ließe sich 4 Mahl sehen, zwischen ihrer abwechslung empfand [38]ich ausserordentliche schmerzen am Rücken vom sathan, dieser ließe sich zulezt auch sehen, in meinen großen schmerz sagte der Engel zu der Klarheit 3 Mahl, Herr laß es genug seyn, er ließ sich erbitten und machte ein Ende die Personen verschwanden, der Tag wurde zur Nacht wie vorhin, alles dauerte eine halbe Stund. Gott der allmächtige ist von diesem allen auch mein Zeige.«

Das zweite Gemälde betrifft eine Erscheinung, welche Madam Beuter vom offenen Himmel gehabt zu haben behauptet. Die Träumereien von einem offenen Himmel findet man fast bei allen lebhaften Schwärmern und Schwärmerinnen. Je unbestimmter überhaupt die Idee von einem Himmel ist, und bleiben wird, je mehr Feld gewinnt die menschliche Phantasie zu hunderterlei albernen Grillen, wozu sie allen nur erwünschten Stoff in der Bibel findet. Das Gemälde selbst stellt den Himmel vor, über den sich aus der Wohnung Gottes ein Lichtstrahl über viele tausend Menschen ergießt. Unter dieser Wohnung erscheinen drei Engel, und führen in ihrer Mitte eine Frauensperson von göttlicher Schönheit. Die weitere Beschreibung dieses Gemäldes kann man in den von ihr selbst aufgesezten Nachrichten Seit. 127, 4ten Bandes 1stes Stück der Seelenkunde, nachlesen. Unter dies Gemälde hat sie wiederum mit eigener Hand geschrieben, daß sie wahr und wahrhaftig, alles dies, so wie sie es beschrieben, gesehen habe.

[39]

Ueberhaupt ist dieses schwärmerische Weib von nichts so sehr überzeugt, als von der Wahrheit ihrer Träumereien. Daß sie den tiefsten Eindruck auf ihre Seele gemacht haben, der auch wohl schwerlich je wird wieder ausgelöscht werden können, zeigen ihre Erzählungen der kleinsten Umstände ihrer Visionen nach so langen Jahren. Einige Worte, die Gott mit ihr gesprochen haben soll, um sich von ihrem Manne zu trennen, und die so lauten: Gehe aus von ihm, denn ich will ihn verderben, hat sie sogar mit goldenen Buchstaben auf ein Stück Sammet gestickt.

Zu mehrerer Erkenntniß und Beurtheilung der ganzen Sache will ich das Wichtigste hierher gehörige, aus zweien Briefen des verdienstvollen Herrn Pfarrer Müller zum heil. Kreuz in Augsburg, auszugsweise hersetzen.

»Die viele Mühe, die sich Madam Beuter bei Zeichnung ihrer Visionen gegeben, die Zuversicht, mit der sie spricht, diese Worte gehört zu haben, so daß sie lieber tausend Leben liesse, als sich eine Sylbe davon wegdisputiren, zeigen doch wirklich, daß ihre Erscheinungen und gehörte Stimmen den tiefsten Eindruck auf ihre Seele gemacht haben müssen. Eins von ihren Gemälden habe ich schon seit Jahr und Tag in Händen, und doch kann sie noch Jedem auf's genauste alles pünktlich sagen, was darauf steht. Wie ich überhaupt erstaunen muß, [40]daß sie, ohne zu variiren, auf das allerpünktlichste noch mit einerlei Worten erzählen kann, was sie vor mehr als 20 Jahren vor Erscheinungen gehabt.«

Noch muß ich erinnern:

Madam trinkt viel Kaffe, ist von starker Person, vollblütig, hat in ihrer Ehe sehr misvergnügt gelebt; was ihr etwa halb schlafend mag (ich schreibe mit Fleiß mag, weil etwas Zuversichtliches ich und viele andre gern aus der Seelenkunde lesen möchten, nämlich was Ew... von dieser ganzen Sache, so wie Sie davon benachrichtigt worden sind, halten) geträumt haben, hält sie vor wirklich gesehen und gehört.*) 1 Freilich ein Lavater, der gleich überall lauter Wunder sieht, der einen Maler, welcher ihn ganz und gar nicht getroffen, plötzlich mit tausend Küssen soll umarmt haben, als jener sich entschuldigte – »er finde vor itzo freilich keine Aehnlichkeit, allein so und um kein Pünktlein anders werde er als ein Verklärter einmal im Himmel aussehen,« – ein [41] Lavater würde also freilich hier lauter Wunder sehen; allein leere und blos allein Einbildung mag doch auch alles nicht seyn. Die Einwirkung der Seele in den Körper und umgekehrt ist sehr mannigfaltig. NB. Madam B. hat noch in Lindau beständig fort Erscheinungen.

Auf einen von mir an den würdigen Herrn Pfarrer Müller über diese Sache geschriebenen Brief, worin ich die Visionen der Madam Beuter für nichts anders als für Geburten der Einbildungskraft erklärte, und ich mich nach mancherlei Umständen des sonderbaren Weibes genauer erkundigte, erhielt ich folgende Antwort:

»Ihre Urtheile, daß bei Madam B. alles Einbildung sey, unterschreibe ich, doch mit der Einschränkung, – woher kommt es doch, daß sie alles nach 10 bis 30 Jahren noch so pünktlich genau weiß, und keine Absicht zu blenden, oder zu betrügen haben kann;*) 2 noch bis [42]heute darauf stirbt, alles pünktlich unter den beschriebenen Umständen gesehen und gehört zu haben? Was mögen wohl da die Geschäfte der Seele gewesen seyn? Wie mag sie wohl gewirkt haben, daß solche gewaltige Eindrücke blieben, und ihr nicht zu benehmen sind – selbst durch die vernünftigsten Vorstellungen nicht, daß sie mit einer gewissen Seelenwonne und mit völliger (vermeinter) Ueberzeugung davon spricht, oder schreibt. – Glauben Sie ja nicht, daß Schwärmerei oder Aberglauben über meine Gottlob! gesunde Seele etwas vermögen. Doch, da wir einmal im Untersuchen sind, so wollen wir nicht müde werden. Nun diene ich Ihnen auf Ihre Fragen, Madam Beuter betreffend:

a) Sie ist nicht katholisch, und ist meine Beichttochter gewesen.

b) Ihr Leben war jeder Zeit gewiß recht regelmässig. Von Kindheit an lebte sie unterm Druck. Sie muß eine gute Erziehung gehabt haben, und hat ihrem Stande gemäß Welt. [43] Ihr Mann war ein sehr bekannter Mathematiker, und anfänglich Rechenmeister, hielt aber von der Religion sehr wenig. Sie sprach Teutsch nicht im Schwäbischen Ton, sondern ganz Hochteutsch. Von Nervenschwäche merkt' ich in dem Umgange von vier Jahren nichts an ihr. Möchten aber ihre Nerven nicht überspannt seyn?

c) Kinder hat sie nicht. Ihr Mann, als er sie nahm, war alt, und sie ist sehr korpulent; scheint mir auch etwas zu schnell gegen einen langsamen Beischläfer. Jezt ist sie in Lindau am Bodensee mit einem Mann versorgt, von dessen gegenseitiger Liebe sie ganz eingenommen ist. – Gespukt hat es bei ihr die Zeit noch immer.«

Es sind mir mehrere Bescheide von Geistlichen über die Visionen der Madam Beuter zugesandt worden, davon ich aber nur einen von einem rechtschaffenen und gelehrten Augsburger Prediger hersetzen will, welcher im Ganzen die Sache aus dem rechten Gesichtspunkte angesehen hat, obgleich nicht alle Leser seine theologischen Ideen unterschreiben dürften.

P.


[44]
Ueber die Erscheinungen d. Fr. B.

Es kommt hierbei meines Erachtens erstlich auf die Frage an:

Sind die Erzählungen gegründet, oder eine blosse Erdichtung?

Möglich ist's an sich selbst, daß Jemand so etwas sehe und höre, als hier erzählt wird, es sey entweder durch äussere Einwirkung Gottes selbst, oder eines Geistes, und widerspricht das weder unsrer Natur, noch den Kräften eines endlichen oder unendlichen Geistes, wie die Geschichte der alten Offenbarungen Gottes sattsam darthut. Oder es kann Jemand wirklich sehen und hören durch blosse Wirkung seiner zu lebhaften Einbildungskraft, durch eine solche Stärke der Idearum sensualium und Bewegung in den Nerven, über welche der Geist des Menschen nicht mehr Gewalt hat, daß er wirklich innere Wirkungen mit äussern verwechselt, wie bei den Phantasien in der Fieberhitze, wie bei den Maniacis aller Art, wie uns wohl auch in Träumen begegnet.

Die Wirklichkeit eines jeden solchen Ereignisses, daß man dies und jenes gesehen oder gehört habe, ist res facti, läßt sich, im Fall ihrer innern Möglichkeit, aus keinen Gründen a priori entscheiden, durch kein Raisonnement verwerfen oder beweisen; [45]sondern allein durch Prüfung des davon vorliegenden Zeugnisses entscheiden. Dabei fragt sich denn: a) Hat der Zeuge, auf dessen Aussage das Factum beruht, die Gaben, die Zeit und Gelegenheit, was er aussagt, richtig zu beobachten? b) Ist er unbefangen von irgend einer Meinung, die ihn veranlassen könnte, mehr oder weniger zu sehen und zu hören, als wirklich vorgeht? c) Hat er im Affect, oder ohne Affect beobachtet? d) Hat er so viel Rechtschaffenheit und guten Willen, die Sache zu sagen, wie sie ist? e) Ist er dabei völlig für sich uninteressirt; und hat er, so wie bei seiner Beobachtung selbst, also bei dem Zeugniß, was er giebt, nichts zu gewinnen, oder zu verlieren? f) Ist er stark, tugendhaft genug, auch mit Verlust die Wahrheit zu sagen? g) Darf er, kann er ohne Hinderniß sagen, was er denkt?

Ich kenne die Person gänzlich nicht; sehe aber aus den Erzählungen selbst, daß sie nichts weniger als unbefangen ist. Bei der Erscheinung des Vaters war schon zuvor ausgemacht, daß der Hr. D. und Praeses in Straßburg recht habe, der ihm eine sichtbare Gestalt giebt. Auch ist sie nicht uninteressirt: denn sie war des Lebens mit ihrem Mann überdrüssig, wollte ihn verlassen, und nun kommt die Stimme: Gehe aus von ihm! Man merkt auch sichtbar, daß sich Niemand so leicht unterstehen dürfe die vorgegebene Facta zu läugnen, ohne ihren innigsten Unwillen aufzureizen; ein Kennzei-[46]chen einer tiefgewurzelten Rechthaberei. Ja sie ist geneigt, dergleichen Personen alle Gottseligkeit abzusprechen, ihnen Bosheit anzudichten: wie schlimm! Zu dem kommt, daß sie die Gelehrten nichts will wissen lassen – ohe jam satis! Da wäre also noch viel zu fragen, ob die Offenbarungen wirklich geschehen, oder erdichtet sind?

Zweitens aber, posito: alles sey geschehen wie es erzählt ist, was ist von diesen Offenbarungen zu halten? Sind sie Wirkungen von aussen, oder Geschöpfe der Einbildungskraft und einer regelwidrigen Circulation?

Sie sollen nach dem Vorgeben d. Fr. B. göttlich gewirkte Erscheinungen und Offenbarungen seyn. Das sind sie nicht, das können sie schlechterdings nicht seyn. Einmal wissen wir aus der Vernunft und Schrift von dergleichen Offenbarungen keinen Vermuthungs- und Erwartungsgrund; nirgend ein Versprechen derselben, eine Anweisung, wie wir uns dabei verhalten, keine, wie wir uns nach Maaßgabe derselben bestimmen sollen. Gott hat sich uns offenbart durch seine Werke, und durch die eingeführten Gesetze der physischen Natur; er hat sich offenbart durch die heil. Schrift. Ist er unveränderlich, so bleibt er bei seiner einmal erklärten Meinung und Anweisung, und kann sich durch neue Offenbarun-[47]gen nicht widersprechen. Auch wäre es seiner Weisheit zuwider, was schon bekannt ist, noch einmal ausserordentlich zu offenbaren. Sollte dies Leztere ja geschehen: so müßten grosse Zwecke vorhanden seyn, die sich ohne das nicht erreichen liessen, und erreicht werden müßten. Jezt wollen wir die vorliegenden Erscheinungen ein wenig durchgehen:

1) Das Kind von vier Jahren hört eine Stimme: Thue die Bibel auf den Tisch!*) 3 Was soll doch diese Offenbarung? Liebe zu der Bibel wirken? Ueberflüssig – das Kind hat ja Christliche Aeltern und Christlichen Unterricht. Da wird es Gottes Offenbarungen hören, und die Wahrheit wird mit ihrer eignen efficacia wirken. Die alte Offenbarung sagt: Die Wahrheiten des Heils seyn, was ein guter Saame ist, zur Wiedergeburt des Herzens. 1. Pet. 1, 23.

2) Was soll das Licht durch die Stubenkammer? Es spricht nichts. Wer hat denn gesagt, daß dies Gottes Wirkung sei? Woher weiß man das? Die Aeltern sagten: NB. ausser der Christkindleinszeit sehe man nichts: also doch in der Christkindleinszeit. So kamen also die Begriffe von göttlicher Erscheinung aus der älterlichen Erziehung**) 4.

[48]

3) Jesus erscheint sichtbar 1770, und redet eine Menge; die Fr. B. weiß nicht was? und er verschwindet. Zu was soll diese Erscheinung? Wieder kein Zweck, kein Nutzen. Das N. T. vertröstet die Gläubigen, was das Sehen des Herrn Jesu anbetrifft, auf die lezte Erscheinung. 1. Pet. 1, 7.8. 1. Joh. 3, 2. Es versichert, Jesus sey bis dahin verborgen in Gott. Coloss. 3, 3. Hier widerspricht abermals die Offenbarung der Fr. B. der alten Offenbarung, und ist also – Traum!

4) Die Erscheinung im Traum 1771 ist schon verdächtig, denn der Herr ist dabei, und der erscheint nicht. Vid. anteced. Das Licht an der Decke kann Traum seyn. Der Schmerz ist eine Nervensache, die hundert Menschen erfahren, welche durch Gram und Verdruß, oder durch starke Arbeiten ermattet sind. Und was hatte diese Offenbarung für einen Zweck? Ist was noch nicht Offenbartes gesagt? »Halt an! halt ein! halt aus:« dies steht lange in der Bibel, und ist oft wiederholt in den Trostbüchern ipsissimis verbis. Der Teufel – O all die einfältigen Bilder von ihm! Die rechte Offenbarung sagt: er sey ein Geist, und der hat nicht Figur und Form. Ein allereinziges mal hat er Menschengestalt bei der wundervollen Versuchung Christi. Ein Engel mit Flügeln! – Die ganze Erscheinung habe ich in alten Krankenbüchern oft gefunden, eben so abgebildet wie hier.

[49]

5) Eben so die, von den Wohnungen Gottes. Einer, nur Einer hat sie gesehen, der wahre Offenbarung hatte. Der eben erzählt 2. Cor. 12, 4. er habe gehört αρρητα ρηματα α δχ εξον ανϑρωπω λαλησαι. Hatte die Frau B. eine ausserordentliche Erlaubniß die ihrige zu sagen? Paulus, der Apostel, darf uns den Himmel nicht beschreiben. Es ist also Gottes Wille, wir sollen ihn nicht kennen für jetzt. Also auch falsch, daß er d. Fr. B. gezeigt worden; oder was sie sah, ist nicht der Himmel. Die Sache sieht abermal einem bekannten Kupferstich aus irgend einem himmlischen Brautschatz, Liebeskuß, geistlichen Perlenschnur etc. gleich.

6) Anno 1776 sieht die Frau den Vater. Die alte ächte Offenbarung Gottes spricht von ihm 1. Tim. 6, 16. Welchen kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann. Es kann ihn also auch F. B. nicht gesehen haben, oder was sie sah, ist nicht der König aller Könige, der Herr aller Herren. Moses wollte auch einmal ihn gerne sehen: da bekam er zur Antwort: Exod. 33, 20). Mein Angesicht kann Niemand sehen. Die Jünger wollten's auch, und der Herr sprach: Wer mich siehet, der siehet den Vater.

7) Die Erscheinung mit dem Donner 1778, ist wieder recht ungöttlich. Ist denn die Drohung: Ich will ihn verderben – eingetroffen? Ist [50]er auf solche Art verderbt worden, daß dabei die Frau B. in Gefahr ihres eignen Lebens war, und also aus seiner Gegenwart fliehen mußte? Alles nichts. Wie, Gott soll einer Frau sagen: Verlaß deinen Mann, der in der rechten Offenbarung befohlen hat: Es soll das Niemand scheiden, was Gott zusammengefügt hat, den Ehebruch ausgenommen? Gott soll seine Gerichte über einen Menschen offenbaren, soll selbst deklariren: Er ist verworfen, und uns also verführen, Andre zu verdammen? da er doch gesagt hat in seinem Worte: Richtet nicht, verdammet nicht. Gott ist nicht ein Versucher zum Bösen.

8) Die Stimmen alle, wegen der am Halsweh kranken Freundinn, offenbaren nichts, was nicht jeder verständige Arzt zum voraus aus dem Buche der Natur auch gewußt hätte, und halfen nichts, waren blos müssige Unterredungen. Zudem war die Bitte falsch: Herr, mache sie gesund; sie hätte sollen bedingt seyn, nach seinem Willen. Eins befremdet mich dabei. Bei dem zweiten Anfall des Schadens am Zäpflein hat die Stimme wirklich eine Wahrheit gesagt, welche die Fr. B. nicht verstand, und noch nicht versteht, sehr wahr: Warte des Leibes etc. Denn, aller Erzählung nach, hatte die gute Freundinn morbum venereum. Die Warnung aber steht schon in der heil. Schrift, und ist überflüssig.

[51]

9) Die Bitte um Gnade für die Verstorbne ist Christlich. Die Antwort des allerhöchsten Gottes ganz unwürdig. Er wird wohl über sein Gericht uns um nichts und abermal nichts Belehrungen geben.

10) Die Bußerweckung des seligen Hrn. B. durch eine Stimme war ihm wohl, ihrer Vorschrift nach, längst bekannt; steht auf allen Blättern der Schrift; ist überflüssig.

11) Das Zeigen der Hölle ist unnöthig. Gott hat uns hinlängliche Belehrungen gegeben. Und zu was sollte das helfen?

12) Die Offenbarung der neuen Verheurathung – was entdekt sie? Daß die Fr. B. nicht zum Viehstall geboren ist? Das wußte sie zuvor. Wer der von Gott für sie bestimmte zweite Mann ist? Aber war sonst kein Mittel da, dies zu erfahren, als ein Wunder? Ich glaube, wer den Hrn. W. a kennt, konnte ihr das alles von ihm sagen. Man konnte ihn selbst fragen. Aber, wie es ihr in Zukunft gehen werde, wer, als Gottes Offenbarung, wußte das? Freilich, sonst Niemand; doch ist ja diese Sache noch nicht erfüllt, noch ist es nicht ausgemacht, ob es so gehe. Zudem entdeckt uns der Herr unsre künftigen Schicksale für gewöhnlich nicht; warum hier eine Ausnahme? Wir haben kein Versprechen Gottes zu dergleichen Anleitungen, [52]auch keins zur Erwartung des prophetischen Geistes. Die Propheten waren nur in den ersten Gemeinden, seit der Zeit nicht mehr; eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit ist also auch für diese Offenbarung da.

Nach Erwägung aller dieser Punkte kann man kühn sagen, die erzählten Gesichte sind keine göttliche Offenbarungen. Und was sonst? Die Fr. B. hat doch wirklich gesehen und gehört. Nun ja, ponamus hoc: so war alles ein Product der gereizten und gewöhnten Einbildungskraft. Die gute Fr. hat von Jugend auf, wie z.E. in der Kindheit vom Christkindlein gehört, und daß man da Licht und Helle sieht. Sie muß zu einer Familie gehören, die an solche Dinge glaubt, hat etwa dergleichen Geschichten erzählen hören (it. das Schreiben ihres Schwagers); muß Gemälde und Kupferstiche von solcher Art gesehen, und Bücher gebraucht haben, in denen nach älterer Art mehrere Wahrheiten des Evangelii durch Gedenksprüche vorgetragen werden. Sie hat vielleicht auch Scrivers Seelenschatz b gelesen, und viele Gespräche der Seele mit Jesu, die man im vergangenen Jahrhundert und den erstern decenniis des jetzigen vorzüglich liebte. Daher ihre Gesichte, daher ihre Stimmen, quoad materiam. Nun kommt ihre persönliche Beschaffenheit, ihr Kummer, ihre schlimme Ehe hinzu. Erst mit der Theurung 1770 c fängt die Geschichte ihrer Offenbarungen an, und nach [53]den widrigen Zuschriften ihres Mannes ist der meiste Theil geschehen nach 1771. Aber nagender, fressender Kummer verdirbt uns gern die Verdauungskräfte, wird die Ursache scharfer Säfte, leicht gereizter Nerven, erhebt eben dadurch die Einbildungskraft über ihre Schranken. Man denkt über seinen Zustand, man macht Entwürfe, man tröstet sich, und gewöhnt sich dann immer mehr und mehr zum Selbstgespräch; man schüttet seinen Unmuth aus, man hadert, man streitet mit Widerwärtigen, als hätte man sie vor sich. Man nimmt auch wohl seine Zuflucht zum Gebet. Ist's ein Wunder, wenn man auch davon träumt? Wenn vi legis imaginationis et reminiscentiae ähnliche Ideen, die man gelesen und gehört hat, sich an die gegenwärtigen anknüpfen, als wären sie ganz neu? Man darf dann vollends ein empfindliches Nervensystem haben, so werden aus eignen Gedanken Stimmen, aus einer aufgebrachten Circulation, Schläge und Donner und Geräusch, und Gott weiß, was noch. Man frage Hypochondristen, Melancholische, Fieberpatienten. In einem so von allen Seiten turbirten Zustand der Denk- und Vorstellungskraft äussert sich nicht selten die facultas diuinandi, und trifft nicht selten ziemlich richtig, ohne Darzwischenkunft einer höhern Offenbarung. Ist man schon gewohnt, jeden Gedanken als etwas ausser sich existirendes zu betrachten, so hört man wirkliche Worte; und ist der Mensch unwissend in [54]den Kenntnissen seines Geistes und seiner Seelenkrankheiten, so läßt er sich's nun nicht nehmen; denn der Erfolg macht's klar. Zudem leidet Fr. B. an der Sucht des Pharisäers, der sich selbst vermaß, daß er fromm wäre, und verachtete die andern; sie hält es für ein Zeichen des Gnadenstandes, Antworten und Erscheinungen zu haben, und hat wohl noch mehr falsche Begriffe in Sachen des Glaubens. Lauter Data, aus denen sich ihre Gesichte und Stimmen ohne Offenbarung begreifen lassen.

Die dritte Frage: Wie ist sie pastoralisch zu behandeln? ein andresmal.

Fußnoten:

1: *) Ich habe meine Meinung über Madam Beuter schon oben gesagt. Daß sie ihre Träumereien für etwas wirklich Gesehenes und Gehörtes hält, beweist nichts, da mir hundert Beispiele bekannt sind, daß lebhafte und vollblütige Leute ihre Träume für Wahrheit hielten, und, wegen der Lebhaftigkeit gewisser Vorstellungen, jene vom Wachen nicht unterscheiden konnten, und – doch hatten sie offenbar geträumt.
P.

2: *) Nicht alle Schwärmer und Geisterseher haben grade die Absicht zu betrügen, – wollen sie betrügen: so sind sie Schurken; aber es giebt gewisse gutmüthige Leute jener Art, welche keine andere Absicht haben, als das, was sie wirklich glauben, auch bei andern geltend zu machen. Sie sind Betrogene, und hintergehen andere, ohne daß sie es wissen. Freilich ist's wohl nicht zu läugnen, daß die Neigung, von sich etwas Sonderbares zu sagen, der Werth, den sie auf ihre mystischen Grillen legen, das Staunen und Horchen der Leichtgläubigen bei ihren Erzählungen, und eine Dosis vom Aberglauben, sie mit antreibt, ihre Träumereien für lauter Wahrheit auszugeben.
P.

3: *) Siehe 4ten B. 1stes St. Seite 122.

4: **) Ein Umstand, der hier sehr in Betrachtung kommt.

Erläuterungen:

a: Laut Familienblätter im Stadtarchiv Lindau hieß Frau Beuther nach der zweiten Eheschließung Greiner. Wir danken Heiner Stauder, Stadarchivar, Stadtarchiv Lindau, für diese Recherche.

b: Scriver 1675-1688.

c: Vgl. Erl. zu II,1,45.