ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Beurtheilung einiger Fälle von vermeinten Ahndungen.

Pockels, C. F.

Es giebt wohl wenige Menschen, die nicht wenigstens einmal eine Ahndung in ihrem Leben gehabt zu haben glauben sollten. Sehr viele – und nicht bloß Frauenzimmer – meinen bei jeder wichtigen (oft auch sehr unwichtigen) Veränderung ihrer Schicksale, oder auch der Schicksale ihrer Freunde und Verwandten, ein gewisses vorhersagendes Gefühl in sich wahrzunehmen, und wissen auch davon hunderterlei artige, zum Theil grausenvolle, Histörchen mit der ernsthaftesten Miene der Ueberzeugung zu erzählen, – so sehr sie auch ihrer Quelle, der Ammen und Kinderstube, ähnlich sehen mögen. Je mehr man die Meinung dieser Ahndungsjäger zu [93]widerlegen sucht, je dreister berufen sie sich immer auf ihr Gefühl – als ob es das untrüglichste Ding von der Welt sey – und den eingetroffenen Erfolg, ohne zu untersuchen, was Einbildung und Zufall dazu beigetragen hat, und wie schwer sich überhaupt ein Ahndungsvermögen mit der Natur unsrer Seele und der bekannten Art ihrer Ideenentwickelung vereinigen läßt. Jener Glaube findet um so viel leichter Beifall, – weil ihn der Großvater und die Großmutter gehabt haben, weil er das Gemüth vermöge des Wunderbaren erschüttert, weil er der Einbildungskraft jedesmal eine neue Schwungkraft giebt, weil er von vernünftigen Leuten vertheidigt wird, und weil man ihn, wie mehr dergleichen Dinge, für unschädlich hält. Allein jeder Irrthum ist wenigstens insofern schädlich, als an seiner Stelle keine Wahrheit steht, – und jener Glaube an ein nicht vorhandenes Gespenst ist es um so mehr, da er so viele Menschen mit einer unnöthigen Furcht anfällt, sie leicht zu abergläubigen Grillen, und zu dem Wahn eines unmittelbaren Einflusses höherer geistiger Wesen auf unsre Vorstellungen verleitet, und so manche andre locale Uebel stiftet. Leute, denen die Aufklärung des menschlichen Verstandes am Herzen liegt, und was sollte uns allen mehr am Herzen liegen! sollten daher Beispiele von vermeinten Ahndungen nicht in öffentlichen Blättern, ohne genaue psychologische Untersuchungen jener Fälle, bekannt machen.

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Im 7ten Stück des beliebten Journals von und für Teutschland (1787) sind ein Paar Ahndungsgeschichtchen erzählt, S. 93. ff., a deren Untersuchung den Lesern dieses Magazins vielleicht nicht unangenehm seyn dürfte, da bisher darin so viel über Ahndungen und Ahndungsvermögen vorgekommen, und dieses Feld der Psychologie von den Herren Herausgebern neuerlich mehr wie jemals bearbeitet worden ist. Die erste Geschichte, für deren Authenticität, so wie für die der folgenden, der anonymische Einsender oder die Einsenderin mit allem einstehen will, was ihm oder ihr lieb ist, lautet also:

»Ein in meinen Diensten stehendes Mädgen erwachte vor einigen Tagen mit einem beklemmten Herzen, und äusserte sich beim Theetrinken gegen seine Mitbedienten dahin, wie es äusserst niedergeschlagen sey – wie es nichts mehr wünsche, als sich in der Einsamkeit satt weinen zu können, und wie es fürchte, daß es heute unangenehme Nachrichten erhalten mögte. Nach Verlauf einer Stunde kommt ein Jude, der mit Waaren im Lande umherwandelt, und bringt dem Mädgen von einer, einige Meilen von hier wohnenden, Schwester einen Gruß. Nach einiger Hin- und Wiederrede fragt er: »ob es wohl wisse, daß ein junger Mensch der die Kinder der Schwester unterrichte, sehr krank sey?« – »Das nicht,« antwortete das [95]Mädgen; »aber krank, sehr krank? So ist er wohl schon todt.« »So ist's,« antwortete der Jude, und geht, und das Mädgen, das den Informator, einen jungen vierundzwanzigjährigen dem Anschein nach völlig gesunden Mann, vor einigen Wochen noch gesehen, und vielleicht nicht ohne Rührung gesehen, seitdem aber nicht das mindeste von ihm gehört hatte, erfährt von dem zurückgerufenen Unglücksboten, daß ihr Freund vom Schlagfluß gerührt und nach einem achttägigen Lager gestorben sey.«

Das wäre also die erste Erzählung, die freilich noch eine bessere Form einer Ahndung haben würde, wenn’s dem Mädgen gefällig gewesen wäre, grade an dem Tage eine Ahndung zu haben, als ihr Freund gestorben ist; doch die Ahndung sollte sich ja nur auf die Hiobspost des Juden beziehen. Das Factum mag wohl seine ganze Richtigkeit haben; aber man muß mehr als leichtgläubig seyn, wenn man die vorhergegangene Traurigkeit des Mädgens geradezu für nichts anders als eine Ahndung über irgend eine nahe bevorstehende traurige Nachricht halten will. – Welch ein unlogischer Schluß: »weil jemand eine Traurigkeit empfindet, und deswegen etwas Unangenehmes erwartet, ohne zu wissen, was das Unangenehme seyn wird: so muß die Traurigkeit eine nothwendige Vorbedeutung des Übels seyn« – Wie unendlich viel Ursachen kann [96]eine gewisse schwermüthige Laune des Gemüths haben, und wie leicht pflegen wir dann etwas Böses zu argwohnen, wenn es in unsrer Seele finster aussieht, wie man an jedem Hypochondristen sehen kann. Was ist ohnedas gewöhnlicher, als daß ein junges Mädgen mit einem beklemmten Herzen erwacht, eine unwillkührliche Neigung zum Weinen empfindet, und bei der besorglichen Gemüthsart des andern Geschlechts dann allerley bevorstehende unangenehme Zufälle sogleich zu muthmaßen anfängt. Wenn dies Ahndung heißt, so haben die Menschen alle Augenblicke Ahndungen. Daß zufälliger Weise unter den unzähligen Uebeln, womit das menschliche Leben umgeben ist, auch einmal eins in Erfüllung geht, daß nun grade von ungefähr der Jude kommen mußte, und die Nachricht von dem Tode des jungen Gelehrten überbrachte, (wäre ein anderer unangenehmer Zufall geschehen: so würde man wieder auf den die Traurigkeit des Mädgens bezogen haben,) kann doch wohl als kein richtiger Beweis von einer geschehenen Ahndung angesehen werden, zumal da jene üble und finstre Laune gewiß aus körperlichen Empfindungen herrühren mogte, die so oft uns eine heimliche Wehmuth einflößen; – aber nichts weiter zu bedeuten haben, als daß sie – bald wieder vorübergehn werden. Weil ängstliche Leute alle Augenblicke unangenehme Zufälle argwohnen: so haben daher auch diese gemeiniglich die meisten Ahndungen, und bei einer beständigen [97]Furchtsamkeit vor Uebeln mag man dann hinterher so manches geahndet zu haben wähnen, wenn es nach dem natürlichen Laufe der Dinge sich natürlich zuzutragen pflegte.

Die andre Erzählung hält eben so wenig eine genaue Prüfung aus. Hier ist sie:

»Vor einigen Wochen geht der Graf v. O–, ein sehr aufgeklärter und einsichtsvoller Minister, in's Bad. Als er nach Haus reisen will, trägt er einem Verwandten, der etwas früher abgeht, auf, ihm in einem Gasthofe ein Paar Zimmer, aber durchaus nicht die nämlichen, die ihm bei seiner Hinreise angewiesen worden, zu bestellen. Die Frage, was er gegen diese Zimmer einzuwenden habe, beantwortet der Graf dahin: wie er etwas gegen selbige habe, das er sich selbst nicht erklären könne. Der Verwandte begnügt sich mit dieser Antwort, richtet den ihm mitgegebenen Auftrag aus, und bezieht die Zimmer selbst, die sich sein Oheim verbeten hat. Nach einigen Tagen aber wird er in selbigen krank, und als der Graf ankommt, erfährt er, daß sein Vetter in denselben gestorben und bereits begraben sey.« –

Daß der Graf einen Widerwillen gegen die vorerwähnten Zimmer hatte, konnte ja aus mehrern Ursachen, als aus einer Art Vorgefühl von dem Tode seines Vetters, herrühren. Wer auf den [99]oft so sonderbaren Wechsel unsrer Empfindungen und Launen Acht giebt, wird sehr leicht bemerken, daß uns eine gewisse Sache, ein Haus, eine Gegend, durchaus nicht gefällt, ob wir gleich die Ursache davon nicht deutlich anzugeben wissen. Wahrscheinlich entstehn dergleichen Empfindungen aus einer dunklen Schlußfolge der menschlichen Seele, indem sie den gegenwärtigen unangenehmen Gegenstand mit einem andern unangenehmen Object schnell vergleicht, und das Resultat der Vergleichung zu einer unbehaglichen, widerspenstigen Empfindung umschafft; oder sie betrachtet das Object in einer finstern, übellaunigen Gemüthsstimmung überhaupt. Eins von beiden konnte in diesem erzählten Phänomen mit dem Grafen der Fall seyn. Daß der Vetter stirbt, in den nämlichen Zimmern stirbt, die dem Graf nicht gefallen wollten, war ein Zufall. Es bleibt doch wohl nach psychologischen Erfahrungsgesetzen ausgemacht, daß ohne eine wenigstens dunkle Vorstellung von etwas Unangenehmen, die Seele keinen Widerwillen dagegen fassen kann.

P.

Erläuterungen:

a: Journal 1787