ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 3 (1787) > 1. Ueber die Schwärmerey und ihre Quellen in unsern Zeiten.

1.

Ueber die Schwärmerey und ihre Quellen in unsern Zeiten.

Pockels, C. F.

Wir hören seit ein Paar Dezennien so viel von wunderthätigen Männern, weissagenden Weibern, geistersehenden Philosophen, aus den Gräbern heraufbeschworner Verstorbenen, daß wir beynahe glauben sollten, es sey irgend ein mesmerischer Dämon aus den höhern Regionen auf unsern Erdball herabgestiegen, und habe eine Menge grosser und kleiner Köpfe unsrer Zeitgenossen durch einen geheimen geistigen Magnetismus desorganisirt. Eine Erscheinung, die uns auf der Stufe der Aufklärung, zu welcher wir uns durch so viele Kämpfe hinaufgearbeitet haben, eben so befremdend seyn muß, als die Aerzte darüber erschrecken, daß alle ihre sorgfältigen Beobachtungen, und mit unendlicher Mühe der Natur abgelernte Gesetze und Wege, durch einen magnetisirenden Mesmer, wie durch einen aus der Maschine hervorspringenden Gott, verwirrt und über den Haufen geworfen werden.

[24]

Man sage nicht, »es habe zu allen Zeiten und in allen Jahrhunderten Schwärmer, Geisterseher, Wahrsager und Wunderthäter gegeben. Unser Jahrhundert unterscheide sich von den übrigen nicht sowohl dadurch, daß es anders handle, als vielmehr, daß es mehr und anders sehe, als jedes der andern; daß es sich selbst mehr kenne. So viele von allen Seiten her aufgesteckte und selbst bis in die verborgensten Winkel getragene Lichter machten nur, daß die hie und dort herrschende Finsterniß um so viel auffallender erscheine«.

Ich glaube das anerkannt große Heer der Gläubigen und Anhänger, die ein Lavater, ein Cagliostro, ein Gaßner, ein Mesmer unter ihrer Fahne schon so lange führten und noch führen, und von denen man ohne alle Hyperbol sagen kann, daß sie in aller Welt zerstreut sind; der entschiedene Scharfsinn und philosophische Geist so vieler, die diesen Herren in so großer Menge sich angeschlossen und noch täglich anschliessen; der geglaubte vortrefliche Charakter, die große und feine Weltklugheit, und großen Talente eines Lavaters, — der demohnerachtet der größte Schwärmer seines Jahrhunderts ist; — alles dieses könnte, glaube ich, Antwort genug auf jenen Einwurf seyn, und die Aufmerksamkeit rechtfertigen, die der denkende Kopf diesem Phänomen widmet. Es läßt sich zum wenigsten so viel daraus schließen, daß entweder neue und gefährlichere Quellen der Schwärmerey sich ge-[25]öffnet; oder auch, daß die gewöhnlichsten Ursachen derselben mit verstärkter Kraft auf unsere Zeitgenossen würken.

Der Geist des Menschen ist kein sich selbst bestimmendes, oder ursprünglich und aus sich selbst handelndes Wesen. Er sieht, denkt, will und handelt immer so, wie er von außen her, durch Umstand und Zufall bestimmt wird. Er ist sehr wenig an sich selbst, er wird allemal, was er ist. Er gleicht einer Pflanze, die in ihrem Keim Geschmack, Geruch und Farbe desjenigen Erdreichs aufnimmt, auf welchem sie wächst. Er ist an sich selbst ein Leeres, und ist nur damit versehen, womit Zeit, Raum und Zufälligkeit seiner Existenz ihn versorgen, — und hat daher auch allemal, daß ich so sage, Geruch und Duft seines Zeitalters, seines Jahrhunderts. »Damals dachten, damals handelten die Menschen so oder so«, sagt vielmehr: damals mußten sie so denken, so handeln.

So wie demnach der Naturlehrer ein nie bemerktes, oder häufiger als gewöhnlich sich zeigendes Phänomen der Atmosphäre aus dem damaligen Grade der Wärme und Kälte, der Dichtigkeit oder Dünheit der Luft, der Menge und der Gattungen der Dünste und ihrer Mischung zu erklären unternimmt; eben so laßt uns auch die Ursachen jener geistigen Influenza, und des ansteckenden schwärmerischen Humors unseres Jahrhunderts aus die-[26]sem Jahrhundert selbst, der Geschichte und Entstehungsart seiner Bildung, und allen übrigen Zufälligkeiten desselben zu entwickeln suchen. —

Erst aber wollen wir den Begriff von Schwärmerey festsetzen. Worte werden wie Münzen unter anderm Gehalt ausgegeben, als sie wirklich haben, und in unserm Zeitalter der flüchtigen Modejournale, der leichtsinnigen Schöngeisterey und der halbverdauten Toilettenlectüre jeder Art ist vielleicht der willkührliche oder unwillkührliche Mißbrauch eines so oft genannten Worts mehr als jemals zu besorgen, zumal wenn der ihm untergelegte Begriff ein Begriff des Verhältnisses, d. h. einer von denen ist, die nur durch das mehr oder minder bestimmt werden. Hume hat in seinem Versuch von den Wortstreitigkeiten gezeigt, daß bey den meisten philosophischen Streitigkeiten Begriffe dieser Art zu Grunde liegen, a und von dieser Gattung ist, wie wir gleich sehen werden, der Begriff von der Schwärmerey.

»Der Mensch schwärmt«, sagen wir von einem andern, dessen Ideen durch einen Rausch, oder andere Art von Betäubung der Seele über einander geworfen und in Taumel gesetzt werden, und den wir nun eine unzusammenhängende Ideenreihe hervorbringen hören. Die Seele eines solchen Menschen befindet sich in dem Zustande des Halbwachens. Die Ideen, die sie zusammensetzt, [27]sind aus der wirklichen, die Zusammenstellung selbst ist aus der idealischen Welt hergenommen, wie dies der Fall mit jedem Traum ist; aber mit dem Unterschiede, daß hier nach allen Aeußerungen des körperlichen Mechanismus die Seele der wirklichen Welt mehr als der idealischen nahe zu seyn scheint. Der Grundsatz, auf welchem in dergleichen Fällen sich unser Urtheil stüzt, beruht auf folgender Ideenreihe: Wir bedienen uns zum Behuf des gemeinen Lebens bey dem Uebergange der Begriffe zu Urtheilen desjenigen Grades von Anstrengung, der die Seele in einem Zustande der Gemächlichkeit läßt. Ideenverknüpfungen also, die diesen Zustand der Gemächlichkeit unterbrechen, sind uns im Umgange des gesellschaftlichen Lebens unangenehm, und erregen entweder Ahndung höherer Geistesfähigkeiten, oder auch widrigenfalls, wenn sie zu auffallend, rasch und sonderbar sind, Verdacht einer schwärmerischen Ueberspanntheit. Daher sind auch die Reden und Einfälle eines launigten Menschen, mit dessen Charakter wir entweder noch gar nicht bekannt sind, oder der sich vielleicht heute zum erstenmal uns von dieser Seite zeigt, allemal gewissermaßen verdächtig, und erst nach einer mit sich selbst verbundenen Reihe von Gedanken und Einfällen entscheiden wir uns, ihm den Namen eines Schwärmers, oder eines witzigen Kopfs zu geben. Ein Beweis von dem, was ich vorher sagte, daß der Begriff von Schwärmerey ein Verhältnißbegriff sey, und daß [28]außer so vielen andern Zufälligkeiten auch selbst die jedesmalige Ideenlage des Urtheilenden über die Bedeutung desselben entscheide.

Ja selbst die ersten Anwandelungen von Wahnsinn (den man vielleicht nicht ohne Grund eine continuirliche Schwärmerey nennen kann) benennen wir, solange das Verwirren und Ineinanderwerfen der Ideen noch nicht herrschend geworden ist, mit dem Namen der Schwärmerey, und die Verwandschaft des Genies mit dem Wahnsinn, auf die Shakespears Hamlet winkt, ergiebt sich aus dieser letztern Bedeutung mit der oben angeführten zusammengenommen von selbst.

In einer gelindern Bedeutung brauchen wir das Wort Schwärmer von Plan- und Projectmachern und andern Leuten der Art, die irgend eine Idee mit dem Grade der Lebhaftigkeit denken, der mit dem gewöhnlichen Ideengange unverhältnißmässig ist; wenn sie z.B. bey einem auszuführenden Plane oder Entwurf eine Reihe nothwendig an einandergeketteter Folgen, große Aussichten, unausbleibliche Vortheile da sehen, wo wir, nach der gewöhnlichen Art zu urtheilen und zu schliessen, dergleichen gar nicht sehen; wenn ihnen Wahrscheinlichkeit, höchste Gewißheit; bloße Möglichkeit, Realität; Gedanke Thatsache ist, und alle ihre Schlüsse und Urtheile sich auf diese täuschende Verwechselung gründen.

[29]

Betreffen diese zu lebhaft gedachten und mit übertriebener Wärme bearbeiteten Ideen Dinge von Wichtigkeit, z.B. menschenfreundliche Vorschläge, praktische Aussichten, oder Plane zum Wohl der Menschheit; so erheben wir den liebenswürdigen Schwärmer zu einem liebenswürdigen Enthusiasten. Sind es aber Kleinigkeiten, oder überhaupt nur sehr eingeschränkt interessirende Dinge, wofür sich der Kopf eines Menschen erhitzt; so zeichnen wir ihn mit dem Namen eines Fantasten.

Geht der Schwärmer (vorzüglich in Sachen des theologischen Lehrsystems) so weit, daß er Gott und Religion in sein Interesse hineinflicht, und mit Hintansetzung alles dessen, was gerecht, gut und edel unter den Menschen heißt, den irdischen Hindernissen trotzet; dann erhält er den Namen Fanatiker.

Diese Aeußerungen der Schwärmerey, die so mannigfaltig und dem ersten Ansehn nach von einander verschieden sind; aber wie wir nachher bemerken werden, nur zu leicht sich einander erzeugen — wie entstehen sie, wie können sie selbst bey großen weltklugen Leuten herrschendes Ideensystem werden? —

Die menschliche Seele ist durch ihre Organisation fähig, aus der fortgehenden Reihe ihrer Ideen irgend eine abzusondern und auszuheben, und zu dem anfangenden Gliede einer neuen Kette zu ma-[30]chen. Wenn es uns daher versagt ist, Ideen nach Willkühr zu schaffen, oder auch nur zu gewünschter Zeit beliebige Bilder vor dem innern Auge, wie in einer Laterne magica, vorüberzuführen; so können wir doch die jedesmalige Ideenmasse, die Augenblicke der Betäubung oder Ueberraschung ausgenommen, nach Willkühr richten und stellen, und dem innern neugebildeten Creiße der sich associirenden Ideen seinen Mittelpunkt geben, ja sogar davon einige herbey rufen, die ohne dies diesen Creiß für jetzt nicht berührt haben würden. Alles dies geschieht durch einen verstärkten Grad der innern Selbstthätigkeit. (Dieses primum mobile des gesamten geistigen Systems in der lebendigen Welt.) Das Gedächtniß belebt sich zu neuen Erinnerungen, die Imagination stellt alle ihre Anschauungen in hellerm und stärkerm Lichte dar, der Witz verknüpft mit größerer Schnellkraft die homogenen Intuitionen. Die Seele sitzt unter ihren Ideen wie eine Spinne in der Mitte ihres Gewebes. Was sie von allen Seiten her in allen Weiten um sich herum sieht, oder empfindet, wird ihr Stoff zu dem geistigen Gewebe; jeder neue und lebhafte Begriff, jedes frischere Bild dient ihm, Farbe und Einschlag zu geben. So wie also nach der alltäglichen Erfahrung der Mensch immer mehr Thier als Geist ist, und durch seine sinnliche Organisation seyn muß, sowie er sich immer mehr von den untern Seelenkräften mechanisch hinziehen, als von den obern vernünftig leiten läßt, mehr durch [31] viele dunkle Ideen, als eine klare, mehr durch ihre Zahl, als ihr Gewicht, mehr durch Anschauungen der Imagination, als durch Gründe der Urtheilskraft determinirt wird; so kann also jene gespanntere Thätigkeit der untern Seelenkräfte wie eine Art von Verschwörung wider die obern, wider Vernunft und Urtheilskraft angesehen werden. Zufällige Homogenitäten des Witzes gelten in diesen Momenten der Seele für Urtheile, und starke lebhafte Anschauungen für Gründe. Was Wunder, wenn sie bey der Eingeschränktheit ihres Fassungsvermögens in ihre selbgeschaffene idealische Welt vertieft, das Auge von der wirklichen weggewendet hat, oder wenn sie allen gewöhnlichen Maaßstab des Urtheilens verachtet, da ihre eigenen Ideen denselben schon bey sich selbst führen, und durch ihre Lebhaftigkeit und starke Bilder über Realität, Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit entscheiden.

Nach dieser Erklärung ist also kein Zweifel, daß nicht die Schwärmerey in dem Hirn eines jeden Erdensohns, sey's an dieser oder jener Faser, irgendwo ihr Spinnengewebe hängen habe. Der Mensch ist keiner starken Leidenschaft, keiner tiefen Empfindung fähig, ohne eine Anwandelung von Schwärmerey. Jeder stolze unüberwindliche Vorsatz erzeugt und behauptet sich durch sie. Sie ist die Gespielinn der Leidenschaft jeder Art, und die innere mitfolgende Begleiterinn jeder höhern Würksamkeit der Seele. Ein Cato darf ihr ohne Erröthen einen [32]Theil seines erhabnen Patriotismus verdanken, und die Socraten wären ohne sie vielleicht nur halb so groß.

Wenn der entzückte Dichter die Muse vom Himmel zu sich herunterfleht, wenn er von dem Deus in vatibus redet, oder von der feyerlichen Wonnestunde der Begeisterung spricht, dann meint er nichts anders, als jenen Zustand der gespanntern Selbstthätigkeit, den wir so eben schilderten. Dieser verdankt er seine frischen mit lebendigem Colorit gezeichneten Bilder, seine seelentreffenden Züge, den weit aussehenden, unter den arbeitenden Händen sich erweiternden Plan, den immer neu zufließenden Reichthum in der Ausbildung seines Gedichts, die ganze Ansicht und Darstellung der Natur in ihrem festlichen Gewände. Eben daher schreibt sich jenes innige Interesse und die unwiderstehliche Bezauberung für das Product seines Geistes, das Feuer, womit er daran arbeitet, und die süsse Vergessenheit seiner selbst, und alles Wirklichen um ihn herum. Seine ganze Existenz scheint sich in diesen Augenblicken auf diese einzige Idee zu concentriren, und nur mit Anstrengung und Mühe denkt er sich in die verlassene wirkliche Welt zurück.

Eben dies ist auch die Geisteslage der Entdecker, Erfinder und Reformatoren jeder Art. Eine einzige Idee mit hoher Lebhaftigkeit gedacht, mit allen verwandten Ideen geschwängert, nach allen Seiten [33]gewandt, aus jedem Gesichtspunct beschaut, macht die Columbe, die Copernicus, die Luther, die Leibnitze und Cante. Die unerschütterliche Ueberzeugung, daß sie trotz aller Einwürfe und Widersprüche recht sehen und urtheilen, die unwiderlegbare Gewißheit, daß es ihnen gelingen müsse und gelingen werde. Der Muth, die Standhaftigkeit und Ausdaurung in Kämpfen und Mühseligkeiten sind Folgen des edlen hohen Selbstbewußtseyns, welches durch das Gefühl der mit ungewöhnlicher Thätigkeit arbeitenden Seelenkräfte erzeugt, unddurch eine Art von Illusion, die der auf sich selbst gehefteten Seele nur allzu gewöhnlich ist, auf die Größe,Wichtigkeit, Richtigkeit und endliche Durchsetzung der zu erfindenden, oder zu unternehmenden Sache übertragen wird.

Wer sieht nicht hieraus, daß ganze Völkerschaften, daß die Menschheit manchen erschütternden Geniusschwung, der sie aus hundert- und tausendjährigem Schlummer erweckte, und wie durch einen gewaltsamen Stoß auf einmal zu einer Höhe empor hob, zu welcher dieselbe ohne dies noch Jahrhunderte hindurch vergebens aufgeschauet haben würde, jenem Keim zur Schwärmerey in der menschlichen Seele zu verdanken habe; — ein offenbarer Beweis, wie die Meisterhand der Natur oft die wichtigsten Phänomene, in der Geisterwelt sowohl als in der physischen, an die feinsten Fäden anknüpfe, [34]indem, wie wir sehen, jene Riesenschritte der Erfindungen und jene Kühnheiten der stolzesten Menschenseele, großen Theils auf der so leichten, so leise entschlüpfenden Täuschung beruhen, daß wir unser denkendes Subject mit dem gedachten Gegenstande, die Idee mit der Sache vermengen.

Noch muß ich anmerken, daß die oben bemerkten Grade der Schwärmerey, Enthusiasmus, Fantasterey und Fanatismus durch einen sehr feinen Organismus zusammenhängen, und wie electrische Funken, wenn leichtere Ideen nicht ins Mittel treten, sich eins an dem andern entzünden. Lasset den enthusiastischen Schwärmer für seine weit aussehende Entwürfe erwünschten Fortgang finden, und widersetzet euch ihm in Kleinigkeiten, und ihr werdet sehen, wie er selbst auf Kosten der Vernunft darauf bestehen, und aus einem in himmelweiten sehenden Enthusiasten ein engherziger Fantast werden wird. Mischet in seinen Character, wie dies immer so verträglich mit dergleichen Character ist, Ehrgeitz und Herrschsucht, und der schwarze Fanatismus lauert mit seinem ganzen Gefolge im Hinterhalte.

Wir sind jetzt, glaub ich, ziemlich vorbereitet zu einem vollständigen Begriff von der im eigentlichsten Sinn also genannter Schwärmerey, dem Ideal unseres Jahrhunderts, welches, wie jedes andere, gemeiniglich unzählige Verehrer und Anbeter von der einen, und heimliche Belacher von der andern Seite hat.

[35]

Der neueste Philosoph der Deutschen, der die Vernunft und ihre Vermögen mit einem beynahe unerreichbaren Tiefsinn erforscht und ermessen hat, hat es bewiesen, daß dieselbe ein unerläßliches Bedürfniß habe, (ohne welches sie beynahe nicht Vernunft seyn könne,) nachdem sie lange genug die sichtbare Kette der Natur in allen ihren Gliedern verfolgt, jenseits alles Sichtbaren und Sinnlichen, oder, wie er es nach seinem System nennt, jenseits der Erfahrung hinauszugehen, und in einem ganz andern Felde, als dem, der in dieser sinnlichen Organisation uns möglichen Erkenntniß, ihre Vollendung und letzte Befriedigung zu suchen. Diese Quelle hat der seit mehr als ein Jahrtausend hindurch herrschende, oft bestrittene und eben so oft wieder erneuerte und verfeinerte Dogmatismus der Philosophen aller Nationen und aller Jahrhunderte, — eine Art von Schwärmerey, die um so viel gefährlicher war, weil sie durch ihre Natur die scheinbarsten und überredensten Gründe für die Realität ihrer Träumereyen vorzubringen wußte, und überdem noch obenein das Richtmaaß zur Entscheidung zwischen Traum und Wahrheit, Idealität und Würklichkeit, nehmlich Verstand und Vernunft in ihren Quellen verfälschte.

Unterdessen ist es in der Geschichte der Menschheit durchgängig bestätigt, daß das, was die Philosophen durch lange Reihen weit hergeholter De-[36]monstrationen thaten, lange vor ihnen schon der uncultivirteste Naturmensch durch eine natürliche Täuschung seiner Einbildungskraft gethan hatte; und eben so gewiß ist es, daß dem Philosophen zur Seite der gemeine Mann, ohne von dem ersten gemißleitet zu seyn, durch einen gleich natürlichen Gang des Menschensinnes über die nehmlichen Begriffe, wenn gleich nicht schwärmte, oder vernünftelte, so doch wenigstens wahrscheinlich ahndete, oder schwankend sceptisirte. —

Nachdem der oben genannte Weltweise die Schwärmerey der Philosophen so richtig erklärt und dargestellt hat; so wollen wir dies in Rücksicht der letztern um so viel mehr thun, da selbst jene sich auf diese, so wie allemal Vernunft auf Sinnlichkeit gründet, und der menschliche Geist in seinem Fortschritte von der letztern zu der erstern aufstieg.

Die menschliche Seele äußert darin einen characteristischen Unterschied und auffallenden Vorzug vor den thierischen Instincten, daß, sobald sich nur die frühesten Keime ihrer Entwickelung zeigen, sie nicht bey dem durch die äußern Sinne erhaltenen Eindruck stille stehen bleibt, sondern durch einen eigenthümlichen Mechanismus von dem Gegenwärtigen zum Zukünftigen, von dem Würklichen zum Möglichen, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren, von der Würkung zur Ursach übergeht. Diese Willkührlichkeit, womit die Seele des Menschen ihre [37]gesamten Eindrücke und Begriffe behandelt, (ich mögte sie beynahe die Freyheit des Verstandes nennen,) gründet sich auf eine sehr erklärbare Weise auf das dem Menschen eigenthümliche Abstractionsvermögen, nach welchem kein sinnlicher Eindruck, bloß Eindruck, d. h. Reaction des angeschauten oder empfundenen Gegenstandes ist, sondern schon immer etwas Idealisches, das heißt unsinnliches an sich hat. Aber eine weitere Erörterung hierüber dürfte vielleicht hier am unrechten Orte stehen.

Die Imagination, diese immer rege Energie und gleichsam ewig gebärende Zeugungskraft der Seele, läßt dieselbe wegen jenes idealischen Ueberganges von der Würklichkeit zur Möglichkeit, von der Ursach zur Würkung nicht lange in Unruhe, und weis das Leere des sich eröffnenden neuen Feldes der Erkenntniß mit ihren Schöpfungen nur zu leicht auszufüllen. Das Abstractionsvermögen selbst, diese geistigste aller Energien in der Seele, welchen wir alle jene hohen Ausbildungen der Vernunft zu danken haben, wird von der Imagination als einer sinnlichen und eben deswegen herrschenden Seelenkraft dazu angewandt, und ich mögte sagen, gemißbraucht, um durch ihre Absonderungen, Läuterungen und Verfeinerungen der unmittelbaren Eindrücke der Sinne jener ihre Zusammensetzungen zu befördern. Die Imagination nehmlich bildet durch [38]diese Art den angeschauten Urbildern gewisse Copien nach, denen sie jetzt durch Vergrößerungen und Zusatz an der Quantität, jetzt durch Verwechselungen und Umänderungen der Qualität den scheinbaren Anstrich von Urbildern, und zwar größern und vollkommnern Urbildern giebt, als diejenigen selbst sind, welche ihnen als Anschauungen und würkliche Empfindungen zum Grunde liegen. Da also bey jedem vorkommenden Urtheil über die letztern, die erstern als Erkenntniß- und Erklärungsgründe derselben der Seele nothwendig mit vorschweben; so ist dies ausser den bey unserer Erklärung der Schwärmerey angeführten Gründen, die hier nicht weniger eintreffen, ein Grund mehr, um hier Bilder für Empfindungen, Idealitäten für Würklichkeiten zu halten.

Es ist hieraus klar, wie der menschliche Geist auf diesem Wege, den ihn keine Sophisterey, sondern die Natur mit eigener Hand geführt, die grossen Ideen von Gott, Religion, Geist, Uebersinnlichkeit und intelligibeln Welt, gefunden. Alle Philosophen, bis auf Mendelsohn herab, haben in ihren feinsten Speculationen nichts mehr gethan, als daß sie jene rohen Begriffe des wilden Naturmenschen geläutert und erhöhet haben, — und ein Malebranche sieht, hört und fühlt auf der höchsten Stufe der Speculation gerade so den Urheber aller Dinge, als ein Adam nach seiner ersten Entwickelung aus dem thierischen Stande, denselben in jeder [39]blühenden Blume sieht, in Frühlingslüftchen säuseln, im schreckenden Donner wandeln hörte. (Eine Bemerkung, welche einige der neuesten unsrer Weltweisen, vor allen andern aber der scharfsinnige Verfasser der Resultate der Jacobischen und Medelssohnschen Philosophie beherzigen sollten, wenn sie in der Geschichte der Menschheit jene großen Begriffe schon sehr früh, und oft so erhaben ausgebildet finden, und darüber als ein aus natürlichen Ursachen unerklärbares Phänomen staunen, so daß sie als die erklärtesten Sceptiker, der Vernunft zum Trotz, eine Art von despotischen Zwangsphilosophie einführen, und uns die Offenbarungen der Bibel als eine unbezweifelbare göttliche Dogmatik aufdringen wollen.)

Auf diese Art führt also die Natur den Menschen selbst zur Schwärmerey; aber es giebt noch andere künstliche Quellen derselben. —

Wir dürfen nicht alles Wißbare, ja nicht einmal alles Wissenswürdige von der Natur kennen, wir dürfen nur die vordersten Aussenseiten ihres unermeßlichen Tempels von ferne sehen, um uns zu überzeugen, wie höchst eingeschränkt unsere Erkenntniß der Natur, und wie unzulänglich für die Befriedigung der wichtigsten und letzten Erkenntniß-Bedürfnisse sie ist. Von der ersten Ursache der Natur, ihrem Wesen, Eigenschaften, Einflusse auf die Welt und Zusammenhange mit uns, — [40]welcher Neuton, oder Haller, oder Leibnitz kann auch nur dem gemeinen Mann, der ihn darum befrägt, befriedigende Antwort geben? Und eben so unsern großen Wunsch für Fortdauer und Unsterblichkeit, welcher Socrates, welcher Mendelssohn kann ihn hinlänglich begründen oder stärken? —

So wie also über diese unzurücktreiblichen Probleme die Vernunft von der Natur selbst zu einem ewigen Scepticismus verurtheilt zu seyn scheint; so greift sie um ihrer endlichen Selbstbefriedigung willen gleichsam zu gewaltsamen Mitteln, und will der Natur ihre großen, unenthüllbaren Geheimnisse selbst abzwingen; tritt ihre eigene Fackel mit Füßen, um in einer undurchdringlichen Nacht desto heller zu sehen, wähnt jede gewöhnliche Erkenntniß nach Naturgesetzen für blind, oder wenigstens kurzsichtig; findet mehr Beruhigung in Unbegreiflichkeiten, als im Begreiflichen; läßt statt der Urtheils- die Einbildungskraft würken; ahndet und muthmaßt, statt zu sehen, glaubt, statt zu prüfen. Undso entsteht dann eine Welt von Unbegreiflichkeiten, Wunderkräften, die man durch den Schleier, den die Natur wenigstens vor unser gegenwärtiges Auge darüber geworfen zu haben scheint, in jeder natürlichen,ja als ganz alltäglichen Erscheinung sichtbar hervortreten sieht: — glaubt Gott zu verehren, und kniet vor Affen; traut auf Wunder, und läßt sich [41]durch Unwissenheit und mißbrauchende List hintergehen; sieht Geister aus der andern Welt, und merkt nicht auf die Taschenspielerkünste des Geisterbeschwörers.

Eine solche Stimmung der Gemüther befördert nichts so sehr als ein Buch, welches — einzig in seiner Art — seit undenklichen Jahren auf die Achtung der Welt Anspruch macht, und, wenn man es nicht genauer studirt, in eben diesem Geiste, und mit der Absicht geschrieben zu seyn scheint, um jene Denkungsart zu befördern. Seine Begriffe von Gott, Geistern, Engeln, Wunderkräften werden der einmal aufgeregten fruchtbaren Einbildungskraft bey unaufgeklärten Menschen nur um so viel mehr Stoff zu neuen schwärmerischen Ideenverbindungen geben, und die Schwärmerey wird an ihm grade das finden, was sie sonst am wenigsten zu haben pflegt — Gesetzbuch.

Braunschweig.

Daniel Jenisch.


Man erlaube mir, daß ich zu dieser Abhandlung, welche sehr viel Wahres, Richtiges und Treffendes in sich enthält, noch folgendes hinzu setzen darf:

Der Grund, der in unsern Zeiten so sehr einreissenden Religionsschwärmerey liegt offenbar in [42]mehrern Umständen, die jetzt — nothwendig und zufällig zusammengekommen sind, und bey ihrer sehr wahrscheinlichen Fortdauer unsern Nachkommen eine unglückliche, — ich will nicht sagen, allgemeine Barbarey der Vernunft drohen. 1) DasDas ernste Studium der Alten, und der Philosophie hat in unsern Tagen sehr aufgehört. Unsere jungen Leute treiben nicht viel Reelles mehr, und verschwenden jetzt einen großen Theil der Zeit, welcher zu richtiger Ausbildung ihres Verstandes angewandt werden sollte, mit Lesung matter, empfindsam geschriebener Romane, die den Geist erschlaffen, und ihren Empfindungen eine schiefe, idealische Richtung geben. Ein Umstand, der bey der einreissenden Religionsschwärmerey mehr als geschieht, erwogen werden müßte. Wenn die edeln und reinen Gefühle durch jene Lectüre verstimmt, verzärtelt und zu sehr versinnlicht worden sind, wenn der Ton einer gewissen Empfindeley der herrschende in der Menschenseele geworden ist, wenn dadurch die Einbildungskraft angezündet, und das Nervensystem geschwächt worden ist; so ist nichts natürlicher, als daß die Religionsschwärmerey, welche man auch Religionsempfindeley nennen könnte, sehr leicht und geschwind Wurzel fassen muß, sobald sich die Seele auf geistige Gegenstände hinrichtet. Man weis überhaupt schon, wie nahe schwärmerische Empfindungen der Liebe mit schwärmerischen Gefühlen der Religion verwandt sind, und wie leicht sie in einander über-[43]gehen können. Jene erstern werden offenbar zu sehr in unsern neuern Romanen angefacht, und dadurch wird fast immer mit der Grund zu diesen gelegt. — 2) Die Parthey der Religiösen, Pietisten,Schwärmer und Geisterseher hat zwar von jeher bald aus gutgemeinten Absichten, bald aber auch aus schwarzem Sectengeist und dummer Proselytensucht ihren Anhang zu vermehren gesucht; — aber in den jetzt so sehr verschrienen Zeiten des Unglaubens meinen jene gläubigen Herren vornehmlich hervortreten zu müssen, damit das Gebäude der Religion nicht ganz über den Haufen falle. Sie haben daher nicht nur von neuem jene Träumereyen von Wunderkräften, Wunderglauben, mystischen Unionen mit höhern Geistern, Einwürkungen der Gottheit auf unsre Gefühle u.s.w. aufgewärmt, und mit großem Geschrey davon zu predigen angefangen; sondern haben noch weit schlauere Mittel zur Erreichung ihrer Absichten angewandt, und sind dabey nicht unglücklich gewesen. Sie haben die Großen und ihre Minister zu gewinnen gesucht, haben Männer von ausgebreitetem Ruhme und wilder Thätigkeit zu ihrer Parthey herüber gelockt, und was ihrem Ansehen erstaunlich viel und mehr, als man glauben sollte, genutzt hat, — haben die Herzen der Weiber durch Mittel, wodurch weibliche Herzen so leicht gefangen werden, gewonnen, davon ich sonderbare Beyspiele erzählen könnte, wenn hier der Ort dazu wäre. Mit [44]allen diesen Kunstgriffen haben sie die Ausstreuung mystischer Bücher verbunden, und sonderlich gewissen Arten von Menschen Aufschlüsse darin versprochen, die ihnen kein weltliches Buch, keine Philosophie verschaffen könne. — 3) Die jetzige, allgemein werdende, ausschweifende, nervenschwächende, empfindelnde Lebensart, der ungeheure Luxus, die damit verbundene fehlerhafte frühe Erziehung und Verzärtelung unsrer Generation haben einen sichtbaren Einfluß in den Hang zur Schwärmerey und Mystik. Der zu sehr sinnlich gewordene Mensch, der keine Kraft zum Denken mehr übrig hat, der gern seine Phantasie in sanften Gefühlen wiegt, und der jede Selbstuntersuchung fliehet, weil sie ihm lästig und unbequem wird, ergreift am liebsten ein Religionssystem, welches ihn gleichsam mit einer neuen Art Wollust nährt, und sein Gewissen durch eine erträumte mystische Gnade beruhigt. Man hat immer bemerkt, daß die Ausschweifendsten und sinnlichsten Menschen am leichtesten zur Schwärmerey übergehen, und sonderlich beym herannahenden Alter in die Arme eines Systems fliehen, worin sie sich am bequemsten über ihr vergangenes Leben betäuben können. Wie viele Menschen von dieser Art habe ich kennen gelernt! und wie bekannt ist es, daß die neuen Prediger der Schwärmerey durch diese sich sehr wichtigen und zum Theil bedenklichen Einfluß verschaft haben.

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Diese und mehrere physische und psychologische — zum Theil auch politische Gründe haben vornehmlich der Schwärmerey in unsern Tagen Thür und Thor eröffnet, und man hat sehr Ursach, auf den geheimen, im Dunkeln schleichenden Fortgang dieser Pestilenz aufmerksam zu seyn. Der ruhige Denker wird freylich bey der zunehmenden Ausbreitung derselben, die durch so viele besondere, aber sehr thätige Secten befördert wird, immer Muth behalten; er wird sich damit trösten, daß die gesunde Vernunft und die ächte Tugend sich eigentlich nie ganz verlohren, sondern immer ihre Verehrer und Beförderer gefunden habe —; aber beunruhigen muß es ihn doch allerdings, wenn er bedenkt, wie schnell sich jene Krankheit auszubreiten anfängt, wie mächtige Anhänger, wie feine listige Prediger sie hat, und wie sehr sie sich zum Geiste unseres Jahrhunderts, unsrer Sitten und selbst zur Polemik unsrer Tage paßt, unter deren Streitigkeiten sie sich immer mehr und mehr ausdehnen wird. —

Die Schwärmer sind im gewissen Betracht, zumal wenn sie Beredsamkeit mit List verbinden, wie dergleichen mehrere bekannt sind, und wenn sie mit lebhaft empfindenden Leuten zu thun haben, unwiderstehliche Verführer. Die Sprache der Ruhe, Zufriedenheit und Gleichmüthigkeit, die aus ihren Worten und Mienen hervorleuchtet, und von der man so leicht auf eine innere glückliche Stille des [46]Herzens schließt; die herablassende, gefällige, herzliche Manier zu belehren, zu unterrichten, zu recht zu weisen; der hinreißende Ausdruck des Mitleidens, den sie gegen Verirrte, gegen sinnlich Lasterhafte selbst an den Tag legen; die Wahl ihrer Bilder, die leichte Versinnlichung der Religionswahrheiten, das beständige Hinweisen auf freudige Gefühle des Glaubens, die schlaue Accommodirung ihres ganzen Betragens, Denkens und Handelns nach der Phantasie ihrer Zuhörer, — alles dies schließt den Schwärmern leicht die Herzen der Menschen auf, und diese Herzen sind oft eher gefangen, als sie es noch glauben. Solchen guten gesalbten Menschen entdeckt man gern seine Gemüthsunruhen, um von ihnen als heiligen Propheten Gottes Ruhe und Tröstung zu erhalten. Man schenkt ihnen sein Zutrauen, weil sie es vor allen andern zu verdienen scheinen, und mit diesem bekommen sie gleichsam unser ganzes Herz in ihre Hände. Es kann nicht fehlen, daß ein empfindsamer Mensch nach einigem Umgang mit solchen Schwärmern, oder auch nur mit ihren Schriften oder Briefen eine gewisse Behaglichkeit in sich wahrnehmen muß, die ihm die Gültigkeit ihrer Ideen ausser Zweifel setzt. Der Angesteckte nimmt Bewegungen des Herzens, Empfindungen in sich wahr, die er vorher nie kannte. Er fängt an in sich selbst hinein zu schauen — und das, was freylich nur eine Aufwallung des Bluts, oder eine Täuschung der Phantasie war, für Würkungen einer [47]höhern Kraft zu halten, und was unmittelbar daraus folgt — die Welt ausser sich (die vielleicht vorher ihn nicht genug belohnte, seine Pläne zerstörte, seinen Stolz nicht nährte) zu verachten.

Er beginnt nun auch eine ganz andere Sprache zu reden, als andere vernünftige Menschen zu gebrauchen pflegen; — eine Sprache, die sorgfältig gewählt ist, seine feurigen Ideen ja nicht auszulöschen, sondern noch mehr anzufachen. Die Vernunft wird verachtet — weil sie — Vernunft ist, weil sie es gegen seine Phantasien zu disputiren wagt; die Philosophie wird eine eitle Wissenschaft genannt, und die Bibel zum einzigen lautern Erkenntnißgrunde aller Wahrheit gemacht. Hierin trägt der Schwärmer alle seine religiösen Tollheiten hinein, und beweist aus ihr das, was nimmermehr daraus bewiesen werden kann. Wer daran zweifelt, ist in seinen Augen ein verworfener Religionsverächter, und alle philosophische Tugend ein geschminktes Laster.

Daraus ist nun aber auch zugleich sichtbar genug, daß ein Mensch von allem andern leichter geheilt werden kann, als von religiöser Schwärmerey. Sie unterhält nicht nur seinen geistigen Stolz durch jede hohe Idee, die sie in ihm erzeugt; sondern mahlt ihm auch ein so erhabnes Bild von Glückseligkeit vor, daß er fast gar keinen freyen Willen — anders zu handeln übrig behält. Da er seinen Schatz, seine Gottheit gleichsam in dem Busen [48]trägt, und da er sich über die Welt so sehr erhaben glaubt; so bleibt ihm eigentlich kein unerfüllter Wunsch mehr übrig. Er hält sich für den glücklichsten Menschen — wenn ihm selbst äußere Glücksgüter fehlen; ja er rechnet ihren Mangel zu seinem Glück, und sieht auf die mit einer Art Verachtung herab, die sie besitzen.

P.

Erläuterungen:

a: Hume 1764. "Of Some Verbal Disputes" erschien als neuer Anhang zum ersten Mal in dieser neuen von Hume überarbeiteten Ausgabe seiner Enquiry Concerning the Principles of Morals.