ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Melden eines Sterbenden.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Hr. H** hatte als Director der Normalschulen in N** einen Knaben, den er vorzüglich liebte. Der Knab ward krank. Hr. H** besuchte ihn in seiner Krankheit, die etwa zehn Tage dauerte, ohngefähr viermal. An dem Tage, an welchem er verschied, ließ er sich noch an das Fenster bringen, da eben die Prozession vorbeyging, um seinen Hrn. Director und seine Mitschüler noch einmal zu sehen. Hr. H** kam spät nach Hause, begab sich in sein Schlafzimmer, nahm ein Buch, um noch etwas zu lesen; endlich legt er sich in's Bett, ließ das Licht brennen, und wollte noch fortlesen.

Es war um halb zwölf Uhr als drey Schläge an die verschlossene Thüre geschahen. Hr. H., da er nicht denken konnte, daß Jemand so spät noch zu ihm verlangte, blieb stille. Ueber eine Weile schlug [94]es wieder eben so vielmal an die Thüre. Nun losch Hr. H. das Licht aus, und blieb liegen; gleich geschahen wieder drey stärkere Schläge. Hr. H. stand auf, öfnete die Thüre, sah und suchte, und fand niemand; er machte, um zu sehen, ob nicht ein Zugwind die Ofenthüre hin und her geschlagen habe, auch diese auf; aber — auch dieses fand er nicht. Da er nun gar nichts wahrnehmen und sich von keiner Täuschung auf irgend eine Art überzeugen konnte, legte er sich, in Zweifel vertieft, wieder in's Bett. Aber — schon früh meldete man ihm den Tod seines Geliebten, der eben um jene Zeit erfolgte, nachdem er kurz vorher noch von Hr. H. gesprochen hatte.

Dies erzählte mir Hr. H., ein Mann von unbefangener Beurtheilungskraft und von der richtigsten Denkart; — ein Mann, der zuvor alles Melden, alle Ahndungen, Todtenerscheinungen u.d.gl. für Chimäre hielt; von der Zeit an aber durch diese Begebenheit darauf aufmerksam ward. — Noch