ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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5.

Eine Traumahndung.

Feddersen, Jakob Friedrich

Der Herzog von **, ein Mann von hellem Geist und vielen Kenntnissen, ein pünktlich strenger Freund der Wahrheit — ein ächter christlicher Bidermann unter den Fürsten — schon frühe durch Leiden, und im männlichen Alter durch körperliche Beschaffenheit, bisweilen zur Aengstlichkeit gestimmt — hatte im Jahr 1769, in der Nacht vom 8ten zum 9ten October, die sehr lebhafte Empfindung und Ahndung im Traum: es würde ihm am folgenden Tage ein fürchterliches Unglück begegnen. Sobald er am Morgen seine Familie zur gewöhnlichen gemeinschaftlichen Unterhaltungs- und Lesestunde bey sich versammlet sahe, erzählt er derselben seinen Traum, und die dadurch in seiner Seele erregte Unruhe. Er bittet alle, an dem Tage nicht auszufahren oder auszugehn, weil ihm bange sey, es möchte einem von ihnen ein Unglück begegnen.

Alle scherzen über den Traum, suchen ihm die Aengstlichkeit auszureden, und bitten ihn, nur eine Stunde in dem Lustwäldchen, das nahe am Schlosse liegt, spazieren zu dürfen. Der gute Fürstenvater erlaubt es; alle kommen glücklich nach Hause — [76]und lächeln am Abend und in der Folgezeit oft über die durch den Traum ihm verursachte unnöthige Sorge. — —

Ein ganzes Jahr vergeht ihm und seiner ganzen frommen Fürstenfamilie in aller Glückseligkeit und Heiterkeit des Lebens. Im Anfange des Octobers 1770 wird seine Gemahlinn*) 1 von einer Prinzessinn wohl entbunden. Nach der Niederkunft befindet sie sich in erwünschten Umständen, ihre Kräfte nehmen täglich zu, und am 9ten October fühlt sie sich so munter und gestärkt, daß sie zum erstenmal aus dem Wochenbett aufsteht, um eine Stunde im Sopha zu sitzen. Ihrem guten Gemahl eine Freude zu machen, läßt sie ihm sagen: er möge in ihr Zimmer kommen, er würde sie wieder gesund und munter ausser dem Bette finden.

Freudig eilt er die Treppe herunter — aber — indem er in ihr Zimmer tritt — sieht er sie sterben — noch einmal lächelt sie ihm zu — und nun sinkt sie todt in seine Arme. —

[77]

In der Minute, da sie ihm die frohe Nachricht geben ließ, hatte der Schlag sie getroffen. —

Genau ein Jahr nachher wurde also erst der Traum erfüllet.

Fußnoten:

1: *) Größe und Güte der Seele waren durch ihren ganzen Charakter verwebt. Von ihren edlen Gesinnungen und christlichen Handlungen, davon ich selbst Jahre lang ein täglicher Zeuge gewesen bin, sind schon manche Beyspiele in den Archiven der guten Menschheit aufbewahrt worden.
Anmerk. d. Eins.