ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 3 (1787) > 2. Ein Traum.

2.

Ein Traum.

Anonym

Weder in der Natur der menschlichen Seele, noch in den moralischen Eigenschaften der Gottheit scheint ein mehr als bloß wahrscheinlicher Beweis für die Unsterblichkeit unsrer Seele zu liegen. Darüber hatte ich mich einst mit meinem seligen Freunde bis um Mitternacht hin gestritten. Meine ganze Seele war voll von Gedanken über diesen Gegenstand, und ich ging mit einiger Unruhe über die Unbeweisbarkeit der Unsterblichkeit zu Bette.

Ich hatte noch nicht lange geschlafen, als ich zu träumen anfing, und mein Traum, an den ich noch mit Schrecken denke, war folgender:

[49]

»Ich fühlte, daß ich nicht lange mehr leben würde, meine Krankheit wurde bedenklich, und ich sahe mich endlich wirklich sterben. Welche Angst ich dabey ausgestanden, kann ich keinem Menschen beschreiben. Ich vergoß bittere Thränen über meinen eigenen Tod, und mein Blick hing mit einer schwermüthigen Stille an meinem Leichnam; — aber auf einmal war's, als ob ein heller Strahl der Ruhe und Hoffnung durch meine Seele dränge. »Ists doch nur dein hinfälliger irdischer Leib, dacht' ich, der da liegt, laß ihn verwesen, da ein weit edlerer Theil deines Wesens dir übrig geblieben ist«. Ich betrachtete nun meine Leiche nicht mehr mit dem vorigen Schaudern; aber es dauerte nicht lange, als es in meiner Seele auf einmal schrecklich trübe ward, ich verlohr meine ganze Fassung, und eine unbeschreibliche Angst überfiel mich von neuem. Wer weiß denn — so rief es mir im Innern meiner Seele zu, — ob deine Seele nicht mit dem Körper verweset, ob sie nicht aus ihm heraus fliegt und zerflattert. Bey dem letzten Gedanken empfand ich die schrecklichste Seelenqual, wovon ich vorher und nachher nie eine ähnliche Empfindung gehabt habe. In dem Augenblick erhub sich ein lichtes Wölkchen von dem Scheitel meiner Leiche langsam in die Luft empor. Mit innigster Sehnsucht sahe ich meiner Seele nach; aber immer mit der bangen schrecklichen Empfindung: ob sie wohl zerflattern würde — — und was geschah? ich sahe sie zerflattern; [50]aber in dem Augenblick war meine Seelenangst so stark geworden, daß sie mich wieder wach machte. Ich fand meinen Leib mit Schweiß über und über, und meine Wangen mit Thränen bedeckt, die ich während des Traums geweint hatte.

Sonderbar war hiebey die Empfindung, daß ich mich sowohl in als ausser meiner Leiche zu befinden glaubte, denn ich sahe mich erblaßt vor mir liegen, fühlte aber doch auch, daß es nicht meine Leiche war, die über sich selbst nachdachte; sondern ein anderes ausser ihr sich befindliches Wesen.«


Erlauben Sie mir, daß ich zu diesem Traume meines Freundes noch Folgendes hinzusetzen darf. Ich glaube nicht, daß wir je eine vollkommne Theorie der Träume werden entwerfen können, da die Geburten der Phantasie so unzählig vieler Gestalten fähig sind. Wir richten uns zwar im Traume nach den allgemeinen Gesetzen des Denkens und Empfindens; aber doch nur in so fern, als ohne sie die Einbildungskraft gar nicht würken könnte; denn eigentlich hat sie über die Vernunft fast in jedem Traum die Oberhand. Wir denken eigentlich im Traume nicht, weil wir so denken wollen; sondern weil wir so denken müssen, indem die Einbildungskraft unsern Gedanken ihre Pfade vorzeichnet, die sie mechanisch nehmen müssen. Daher ist eigentlich [51]jeder Traum eine Art Raserey, welche aufhört, sobald die Vernunft nur zusammenhängende Ideenreihen herbeyführt, und unsere Einbildungskraft in engere Grenzen zurückweist, welches durch die Oeffnung der Sinne allemal geschieht.

Der vorher erzählte Traum war unmittelbar durch das Gespräch über Unsterblichkeit entstanden. Daß man sich sterben sieht, wohl gar im Traume gehenkt und geköpft wird ist nichts ungewöhnliches, ob es gleich jedesmal mit einer unangenehmen Empfindung verbunden ist. Daß dem Träumenden aber die Seele als ein Wölkchen erscheint, läßt sich wohl aus einer Jugendidee erklären, indem sich Kinder, auch wohl erwachsene Leute die Seele als ein Wölkchen oder Flämmchen vorzustellen pflegen, — weil man doch immer gern ein wenigstens luftiges Bild von einer Seele haben will. Der Gedanke: du vergehst ganz, mußte natürlicher Weise sehr bange Gefühle erzeugen, die keinem überhaupt fremd seyn können, welcher einmal über die Möglichkeit eines gänzlichen Vergehens nachgedacht hat.

Daß die Seele während des Traums einer größern Würksamkeit und Vergleichungskraft als im Wachen fähig sey, und mithin im Traum Ahndungen von zukünftigen Dingen bekommen könne, wie einige behauptet haben, ist ein höchst unpsychologischer Satz. Wir denken im Traum nach allgemeinen und unläugbaren Erfahrungen gewöhnlich viel [52]unordentlicher, als im Wachen, und sind daher in jenem Zustande weniger als sonst zum Erfinden und Erfahren neuer Begriffe aufgelegt. Auch wär es sonderbar genug, daß sich so wenig Menschen aus ihren Träumen jener größern Würksamkeit der Seele erinnern könnten, und daß die Natur grade diese größere Würksamkeit der Seele vor uns selbst verborgen haben sollte. <P.>