ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Eine Ahndung.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Hr. D. erzählte mir: sein Vater sey von den Kosacken im siebenjährigen Kriege ganz ausgeraubt worden, so, daß er mit seiner Familie in die größte Nothdurft gerieth. Er war ein Sattler, und suchte bisher durch seiner Hände Arbeit sich nach Kräften [95]fort zu helfen. Allein— das Elend häufte sich tagtäglich, und er sah keine Rettung. Mit diesen Gedanken umwölkt, befand er sich einstens am Abende in seinem Garten, und hing da ganz seinem traurigen Schicksale nach; als ihm däuchte, eine Stimme zu hören, die sprach: »Sorge nicht; es wird dir und deiner Familie noch gut gehen«. Er staunte; freudig verließ er den Garten, erzählte seine gehabte Erscheinung, und ermunterte alle, gutes Muthes zu seyn. Bald darauf gerieth er plözlich auf den Gedanken, einen Leinwandhandel anzufangen; er fing ihn an, und betrieb ihn mit so vielem Glück, daß er sich nun in den besten Umständen befindet, und die meisten seiner Kinder hat versorgen können*). 1

Wien.

J. L. A. Schlichting.

Fußnoten:

1: *) Phänomene dieser Art, wenn man auch das historische Factum nicht selbst läugnen kann, lassen sich doch ganz natürlich aus einer gehabten Einbildung und einem damit verbundenen Zufalle erklären. Daß sie aufgeklärte, unbefangene Männer erzählen, selbst an sich erfahren haben wollen, beweist für die Wahrheit der Sache nichts, weil sich auch aufgeklärte und unbefangene Männer — am leichtesten aber da irren können, wo eine lebhafte Phantasie, oder etwas Wunderbarscheinendes, wodurch sich die Menschen so leicht täuschen lassen, mit im Spiel ist.
P.