ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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4.

Raserei aus Liebe und Todesfurcht.

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Vor etwa 6 oder 7 Jahren kamen zwei Frauenzimmer nach Cassel, eine, die sich Madam Zouck nennen ließ, die andere war Madem. Raucour die berühmte französische Schauspielerinn. a Die letztere war würklich eine vortreffliche Künstlerinn. Ich stand immer in dem Wahne, daß die französischen Truppen von Komödianten, die ich gesehen hatte, zwar wohl schlechter, als die große Pariser seyn; allein doch nur davon unterschieden wären, wie das Schlechtere von dem Bessern in einerlei Gattung. Als ich aber Mademois. Raucour spielen sah, merkte ich wohl, wie sehr ich mich geirret hatte. b Alle andere Personen des Casselschen Theaters sahen ordentlich lächerlich gegen sie aus, so sehr stachen sie in ihrem Spiel ab. Keine Beschreibung [54]kann einen Begriff davon machen, und nun gestehe ich gern, daß eine Nation, die ein Schauspiel besitzt, wo die Acteurs im Ganzen von gleicher Vollkommenheit sind, mit Recht darauf stolz seyn kann.

Dergleichen Talente besaß Madam Zouck nun gar nicht, und hatte weder an Gestalt noch am Geiste das geringste mit einer Lais oder einer Sappho Gleiches, mit denen sie nur wegen einiger moralischen Beschaffenheit etwas Aehnliches besaß. Diese Madam Zouck machte großen Aufwand, und endlich kaufte sie eine Meierei vor einem der Thore von Cassel, die der H– –ischen Familie dort gehörte. Da wohnte sie eine Zeitlang, bis sie sich auf einmahl mit ihrer Begleiterinn aus Cassel wegmachte, ohne daß man recht wußte, wohin. Mademois. Raucour ging würklich nach Paris, wo sie den Schauplatz nach Berichtigung ihrer Angelegenheiten mit großem Beifall wieder bestiegen hat. Madam Zouck trieb ihr Wesen aber an andern Orten; man hörte von einem Unfalle mit einem Sturz vom Pferde, den sie im Leipziger Lager gehabt haben sollte, bis sie endlich ganz unerwartet wieder nach Cassel kam, nachdem sie ein Moratorium wegen der zurückgelassenen Schulden erhalten hatte.

Nicht lange darauf veranlaßte sie folgenden sehr seltsamen Zufall. Da sie die H-ische Meierei gekauft hatte, so blieb noch deßhalb eine Menge Sachen wegen der Bezahlung zu berichtigen. Dies machte, daß der Secretär H—, ein Sohn aus [55]dieser Familie, oft dieserwegen zu ihr gehen mußte. Dieser, der an sich schon von verliebter Complexion war, konnte ein Frauenzimmer, dem noch manche Reste von ehemaligen Reitzen übrig blieben, nicht so oft sehen, ohne sich heftig in sie zu verlieben. Man versichert, er habe sie heirathen wollen, und daß er ihr ein Geschenk mit einigen Juwelen in dieser Rücksicht gemacht. In wie weit die Sache von ihrer Seite Ernst gewesen seyn mag, kann ich nicht sagen. Aber kurz, der allgemeine Ruf sagt: sie habe ihm kurz vor seinem Umfalle die Juwelen zurückgeschickt, mit einem Billet, worinn sie ihm den ganzen Handel aufsagte.

Dies kränkte ihn, als einen heftigen Liebhaber, sehr, und er lief zu ihr, um die Zurückberufung dieses harten Urtheils zu bewürken. — — Es beehrte aber ein sehr vornehmer Herr zu Cassel die Madam Zouck oft des Morgens mit einem Besuche, und so trug es sich zu, daß, da der Secretär eben mit ihr in einem sehr lebhaften Gespräch über seine Angelegenheiten begriffen war, — dieser sehr vornehme Herr herein trat. Darüber ward der arme Mensch äußerst erschrocken, und eilt todtenblaß zum Zimmer hinaus. Draussen trifft er den Läufer des Herrn an, und bittet ihn höchlich, seinem Herrn ja nicht zu sagen, wer er wäre. Der Läufer antwortet ihm, daß ihm dies gar nichts helfen würde, weil ihn sein Herr schon hinlänglich kenne. Darauf geräth er gänzlich in Verwirrung, fällt [56]dem Läufer zu Füßen, bittet, er soll für ihn bei seinem Herrn um Gnade flehen, und was des Unsinnes mehr ist. Darauf läuft er in der heftigen Gemüthsbewegung nach Hause, läßt sich etliche Bouteillen der hitzigsten Weine geben, trinkt sie aus, und arbeitet dabei bis spät in die Nacht hinein. Diese physischen und moralischen Angriffe konnten endlich Leib und Seele nicht mehr aushalten. Er wirft sich aufs Bette, schläft ein, erwacht aber bald in der heftigsten Raserei, wobei er immer wechselsweise von seinem vermeintlichen Vergehen, von seiner Furcht, deßhalb am Leben gestraft zu werden, und von seiner Geliebten spricht, von der er stets das Schnupftuch fest in seinen Händen gehalten haben soll. Nach etlichen Tagen legt sich die heftige Wuth, aber nicht die Raserei, sondern es verwandelte sich die Krankheit in eine völlige Hydrophobie, in der der unglückliche Mann, ohne am Ende ein Wort zu sprechen, nach einem fünf- bis sechstägigen Krankenlager den Geist aufgegeben hat.

Dies ist die Geschichte, so wie ich sie von den glaubwürdigsten Personen habe erfahren können, da die ganze Stadt in der Zeit (es war ohngefähr im November) davon voll war. Sollten einige Umstände der genauen Wahrheit nicht gemäß seyn, so will ich sehr wünschen, daß man sie berichtige, denn die Geschichte verdient es, und ist in der That merkwürdig. Indem ich sie bekannt mache, glaube [57]ich etwas zur psychologischen Kenntniß der Menschen beigetragen zu haben.

Der Mann, dem dieses begegnet ist, war übrigens seiner körperlichen Beschaffenheit nach ein kleiner ganz ausserordentlich dicker Mann. Sein Verstand war mittelmäßig, sein Character ganz gut und ehrlich, aber ein wenig zum Wohlleben und zum Genuß aller Vergnügungen, und zwar nicht immer der von der feinern Art, geneigt. In allen diesen Rücksichten schien er einer so starken Erschütterung noch weniger ausgesetzt, als man es sonst von Tiefdenkenden wohl glaubt. Gewiß, wer den Mann gekannt hat, wird die Geschichte noch besonderer finden, als ich sie Ihnen beschreiben kann.

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Erläuterungen:

a: Françoise Raucourt (auch Françoise-Marie-Antoinette Saucerotte genannt), Schauspielerin, ab 1772 an der Comédie Française. Floh im Juni 1776 mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Souque, um ihren Schuldnern zu entkommen. Nach 3 Jahren, in denen sie in Belgien, Deutschland und auch Frankreich herumirrte, wurde sie vor allem durch die Unterstützung Marie Antoinettes 1779 wieder in die Comédie française aufgenommen.(Blanc 1997, S. 54-57; Bonnet 1995, S. 165-169.)

b: Raucourt spielte am 12. August 1778 in Kassel in einer Gastrolle die Roxane in „Bajazet“ von Racine (für diese Auskunft danken wir Dr Langkabel, Hessisches Staatsarchiv, Marburg).