ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 2 (1787) > 6. Liebe, die gegen den geliebten Gegenstand sehr bitter sein kann.

6.

Liebe, die gegen den geliebten Gegenstand sehr bitter sein kann.

W.

Es giebt wenige Menschen, die nicht zuweilen eine Neigung in sich fühlen sollten, Andern etwas Bitteres zu sagen; nicht immer, um sie zu beunruhigen; sondern nur um es zu sagen, um ihren Witz zu zeigen und ihrer Galle freien Lauf zu lassen. Unsere übele Laune ist dann gemeiniglich mit im Spiel, und wir folgen ihren Eindrücken zu schnell, als daß wir immer die Moralität eines Gedankens, einer Handlung genau erwägen könnten.

Die menschliche Seele besitzt einen gewissen Starrsinn, um ihre Endzwecke zu erreichen, und wir können bei aller Gutmüthigkeit des Temperaments oft boshaft werden, um einen gewissen Endzweck zu erreichen. Wir wünschen oft Andere zu ärgern, weil wir sonst keine Gelegenheit haben, ihnen unser Uebergewicht sowohl, als unser Mißfallen zu bezeugen; oft aber denken wir auch nur einen Andern in eine Art Zorn zu versetzen, um zu sehen, wie sich Jener dabei hat, und wie weit wir im Besitz seines Herzens gekommen sind.

Hier sind einige Facta aus meinem Leben.

[125]

Ich liebte eine meiner Freundinnen ganz ausserordentlich. Unausstehlich war mir daher jeder Gedanke an eine Untreue, die sie gegen mich begehen könnte. Sie war verheurathet, ihr Mann war mein Freund und kannte meine Liebe gegen seine Frau; verrieth auch deswegen nie einen Widerwillen gegen mich. Ich konnte es ruhig mit ansehen, wenn sie ihren Mann küßte; allein ich konnte es durchaus nicht vertragen, wenn ihr ein anderer Mann zu gefallen schien; und doch hatte es bisweilen das Ansehen so.

Ich wurde wüthend; aber meine Wuth war nicht blos ein männlicher Sturm; ich suchte meine Freundinn für ihre Coquetterie zu bestrafen, und ich konnte dies nicht besser thun, als wenn ich ihr Bitterkeiten sagte, die ihr weiches Herz durchaus nicht vertragen konnte. Ich spornte meine üble Laune gleichsam an, um ihr Galle zu erregen; redete von Weibern, die ihre ganze Seeligkeit darin setzten, Männer an sich zu ziehen und ein Heer von Anbetern um sich zu haben; schilderte diese Weiber auf eine gehässige Art, satyrisirte aufs bitterste auf die Coquetterie verheuratheter Weiber. Meine Freundinn verantwortete sich anfangs mit lächelnder Miene; nach und nach wurde sie ernsthaft, endlich sehr ernsthaft, und zuletzt funkelte ihr Auge von Wuth, davor ich mich aber gar nicht furchte, vielmehr war mirs lieb, daß ich sie so weit [126]gebracht hatte, denn nun hatte ich nur noch einen Grad von Erboßtseyn bei ihr zu erreichen, wohin ichs bringen mußte, ehe ich ruhig werden konnte. Ich spitzte meine Pfeile noch feiner zu, — sie hörte endlich auf mir zu antworten, und ein Thränenstrom stürzte aus ihren Augen. Ich kann es keiner menschlichen Seele beschreiben, wie mir dann zu Muthe ward, wenn ich meine innigst geliebte Freundinn weinen sah. Himmel und Erde lag nun auf mir; jedes meiner Worte kam mir als die ungerechteste Sünde vor, und ich hätte in meinem Gefühl, einem unschuldigen Weibe Unrecht gethan zu haben, vergehen mögen; — — was that ich nun? ich wurde der reuigste Sünder von der Welt, ich beschwur sie, mir zu vergeben, ich weinte selbst wie ein Kind, und küßte ihr die Thränen von den Wangen. In dem Augenblick hätte ich mein Leben für meine Freundinn lassen können, wenn ich ihr dadurch meine innigste Reue zu bezeugen im Stande gewesen wäre; zugleich empfand ich auch dabei eine solche seelige Wehmuth, wenn sie mir zu vergeben schien, und endlich würklich vergab, die ich mit keiner genossenen Glückseligkeit des Lebens vergleichen kann. Ich erinnere mich, daß ich mehreremahl diese sonderbare Rolle mit ihr gespielt habe, und ich spielte sie würklich einmahl blos deswegen mit ihr, um das wehmüthige Gefühl der Reue recht lebhaft zu empfinden und die Vergebung hinterher in ihrem Auge zu lesen.So ein widersprechendes [127]Ding ist der Mensch, daß er oft die zu kränken sucht, die er liebt! — und ein so eigennütziges Wesen, daß er sich bei aller Guthmüthigkeit oft an den Unruhen seiner Geliebtesten weiden kann. Ganz anders waren meine Empfindungen, wenn ich Leuten, die es verdienten, durch meine Satyre Pfeile ins Herz schoß; ich war zufrieden, wenn sie getroffen hatten, und war bereit noch spitzere abzuschießen, wenn sie mir bitter antworteten. Ich glaube, daß tausend Menschen gleiche Erfahrungen an sich gemacht haben werden.

O. in Franken.

W.