ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 2 (1787) > 3. Gewalt der Liebe.

3.

Gewalt der Liebe.

H., C. S.

Folgende tragische Geschichte giebt uns ein neues Beispiel, wie äusserst schädlich und gefährlich eine verstohlene Liebe für junge Leute werden kann; aber auch ein Beispiel, wie behutsam Eltern verfahren müssen, um ihre Kinder nicht zu Verheirathungen zu zwingen, wogegen dieser ihr Herz spricht.

N— ein alter rechtschaffener Landgeistlicher in W—, einem sächsischen Dörfchen, ohnweit M—, hatte viele Jahre hindurch mit seiner Gattinn und einzigen Tochter die stillen Freuden des höchsten häuslichen Glücks genossen, eines Glücks, welches immer häufiger in den ruhigen Hütten des Landmannes, als in den Häusern der verwöhnten Städter zu wohnen pflegt. Sich selbst genug, und mit den rauschenden Vergnügungen der großen Welt unbekannt, vertrieben sich Eltern und Tochter die Tage ihres Lebens auf die angenehmste Art. Die letztere besorgte mit ihrer Mutter gemeinschaftlich die Haushaltung, und beide waren gleich eifrig und zärtlich bemüht, dem guten Hausvater die etwas schweren Lasten seines Amts durch jede Art der zuvorkommenden Theilnehmung und Liebe zu erleichtern. Lorchen, so hieß die Tochter, war im eigentlichen Verstande das Kind seines Herzens, er war [48]unruhig, wenn er sie in einigen Stunden nicht gesehen hatte, und sie war daher gemeiniglich seine getreue Begleiterin, wenn er auf sein Filial oder auf seine Aecker ging.

Lorchen war schon achtzehn Jahr alt, aber noch nie hatte sie etwas von den Unruhen einer Leidenschaft gelitten, welche in der großen Welt so frühzeitig aufzukeimen pflegt, — von der Liebe, und ihre Grundsätze waren viel zu edel, als daß ihre Eltern je die Verwirrungen ihres Herzens hätten fürchten dürfen, wodurch sie und ihr Kind auf immer unglücklich wurden. Man höre den Verlauf folgender Geschichte, die, so sehr sie auch einem Roman gleicht, doch eine wahrhafte Geschichte ist und bleibt. —

Es ist gewöhnlich, daß in Friedenszeiten in die sächsischen Dörfer eine gewiße Anzahl Reiter verlegt wird, welche von den Bauern für sich und ihre Pferde Unterhalt bekommen müssen. Oft sind es junge rasche Leute, die sich bei ihrem Müßiggange bis zum Uebermuthe pflegen, und vermöge ihres Kriegesrocks und ihres militärischen Standes einen Eintritt in alle Bauerhöfe, und auch bei dem Prediger und Schulmeister haben. Ein solcher junger, rascher und zugleich schöner Mann wurde nach W— verlegt, und es dauerte nicht lange, als er mit dem alten Prediger N— Bekanntschaft machte. Der junge Reiter hatte mehr Bildung des Verstandes, als Leute seiner Art gemeiniglich zu haben pfle-[49]gen, er gefiel dem Prediger täglich mehr, sie kamen öfter zusammen und unterhielten sich oft bis in die Nacht hinein von Kriegsgeschichten, davon jeder eine ziemliche Menge erzählen konnte.

Lorchen fand an der Gesellschaft des jungen Kriegers gleichfalls Behagen. Sie freute sich, wenn er kam, und war mißvergnügt, wenn er ging. Sie liebte ihn schon gewissermaßen, ehe sie es noch selbst recht wußte; oft wurde sie roth, wenn er ihr freundlich die Hand both, und er ging nie weg, ohne daß sie ihn, bald wieder zu kommen, eingeladen hätte. Die Liebe thut Riesenschritte, wenn sie nur erst einen gewagt hat, und fängt denn vollends pfeilschnell zu laufen an, wenn sie in dem geliebten Gegenstande gleiche Empfindungen gewahr wird. Der junge Reiter konnte dem holden Mädchen nicht widerstehen, sein Herz war ohnedem zur Liebe geschaffen, und in kurzer Zeit hatten sich ihre Herzen laut für einander erklärt, ohne daß die Eltern ein Wort davon erfuhren. Lorchen besorgte, daß ihre Eltern nicht mit ihrer Neigung zufrieden seyn würden, sie hatte nicht den Muth das Innere ihres Herzens zu zeigen, und sie beging dadurch das erstemahl einen fast unverzeihlichen Fehler des Mißtrauens gegen diejenigen, an welchen bisher ihr ganzes Herz gehangen hatte.

Da die Liebe der beiden jungen Leute unschuldig war, so verbanden sie sich unter einander zu einem Eheversprechen, welches von der ganzen Stärke ihrer zärtlichen Empfindungen zeigte, und mehr als [50]Liebe, — den höchsten Grad der Schwärmerei zum Grunde hatte. Sie versprachen sich nehmlich zu heirathen, sobald er vom Reiter zum Wachtmeister avancirt wäre; damit aber dies Versprechen desto fester und unumstößlicher seyn möchte, wurde der fürchterliche Vertrag zwischen Beiden gemacht: daß der den andern ermorden sollte, welcher zuerst seinen Eid der Treue brechen würde.

So standen die Sachen, als wider Vermuthen der Verliebten ein Advocat aus M— bei dem alten Pfarrer N— um die Hand seiner Tochter anhielt, und sie zu sehen wünschte. Da der Pfarrer N— das gute Auskommen des Advocaten, und ihn überdies noch als einen rechtschaffenen Mann kannte; so trug er weiter gar kein Bedenken, jenem einen Besuch in seinem Hause zu verwilligen, und seiner Tochter selbst den Antrag zu thun, daß sie mit dem und dem Manne ihr Glück machen könne. Lorchen war wie vom Donner gerührt. Ein Thränenguß erfolgte auf ihr starres Erstaunen, — sie fiel ihrem Vater in die Arme, und bath ihn um Gottes willen, sie mit einer Heirath zu verschonen, wogegen ihr Herz spräche. Der Freier kam, und Lorchen gerieth nun vollends in Verzweiflung, als sie ihn sahe. Sie weinte, ihres Eidschwures eingedenkt und von der Liebe gegen ihren heimlichen Bräutigam gefoltert, Tag und Nacht, und bestürmte die guten Eltern mit den fürchterlichsten Klagen, denen sie ihr Geheimniß nicht zu entdecken wagte.

[51]

Diese meinten, daß sie dem Eigensinne ihres Kindes einige Zeit lassen müßten, glaubten, es würde sich schon alles geben, und gaben von ihrer Seite dem Advocaten das förmliche Jawort, völlig entschlossen, es zu halten, und alle Beweggründe zu gebrauchen, ihre Tochter für ihn zu gewinnen. Die Beweggründe wurden auch angewandt; allein das Mädchen blieb bei ihrem Vorsatz,— und nun hätte man billig nicht weiter in sie dringen sollen, weil Eltern kein despotisches Recht über die Herzen ihrer Kinder haben können, was auch dafür gesagt werden kann.

Allein des ewigen Widersetzens müde, entschlossen sie sich endlich Gewalt zu brauchen, und das arme Mädchen zu zwingen. Die Art, wie es geschehen, weiß ich nicht; aber sie muß von der Art gewesen seyn, daß endlich das Mädchen vor Verzweiflung nicht mehr wußte, was sie machen sollte, und in der Verwirrung ihrer Empfindungen dem Advocaten gleichfalls das Jawort gab. Es wurde Verlobung gehalten, der junge Reiter erfuhr die erschreckliche Nachricht — und ließ sich von Stund an nicht mehr in dem Pfarrhause sehen. Sein Entschluß war vermöge seines Eides gefaßt, — er konnte ohne sein Mädchen nicht leben, sie war ihm, wie er glaubte, ungetreu geworden, und — seine Pistolen wurden geladen an sein Bette gehängt, um bei erster Gelegenheit seinen mörderischen Vorsatz auszuführen.

[52]

Einige Wochen vor der zu haltenden Hochzeit hatte man dem jungen Brautpaar zu Ehren auf dem Amthause zu W— einen Ball gegeben. Der junge Reiter hatte sich des Abends heimlich unter die Zuschauer gemischt, hatte seine Geliebte tanzen gesehen, und dieser Anblick hatte die ganze Wuth seiner rachsüchtigen Liebe rege gemacht. Er rennte gleich einem tollen Menschen davon, nahm die geladenen Pistolen von seinem Bette, und erwartete an der Kirchhofsmauer das junge Brautpaar, welches den Weg dort vorbeipassiren mußte. Endlich kam auch die Unglückliche mit ihrem Bräutigam an der Hand an. Der Reiter trat hervor (es war dunkle Nacht) und bath seine Geliebte, daß er nur einen Augenblick mit ihr allein gehen dürfte. Sie wand sich von dem Arme ihres Bräutigams loß, indem sie ihm zu verstehen gab, daß sie gleich wieder bei ihm seyn würde; — aber sie kam nicht wieder, man hörte in dem Augenblick einen Schuß, und todt lag das unglückliche Mädchen zu den Füßen ihres Mörders, als der Bräutigam herzu lief. Nun bist du wieder mein! rief der Mörder aus, ich werde dich bald, bald wieder sehen, und mit den Worten verschwand er durch die Dunkelheit der Nacht begünstigt, aber nicht um zu entfliehen, — nein! er eilte von der ermordeten Geliebten gerades Wegs nach dem nächsten Gerichtsorte, gab sich selbst als Mörder des Mädchens an, und verlangte, daß man ihm so bald als möglich sein Recht geben und hin-[53]richten möchte, welches auch nicht lange darauf geschah. Das Grab des Mädchens deckt ein Leichenstein, auf dem ein Herz, woraus Flammen emporsteigen und das von einem blutigen Pfeil durchbohrt wird, eingehauen, und noch bis diesen Tag zu W— zu sehen ist.

D—au.

C. S. H.