ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Auszug aus M. Adam Bernds eigener Lebensbeschreibung.

Pockels, Carl Friedrich

Fortsetzung.
(Siehe das vorhergehende Stück.)

Ich übergehe eine Menge von Begebenheiten in dem Leben dieses sonderbaren Mannes, welches den reichhaltigsten Stof zu einem psychologischen Romane in sich enthält. Sehr viele Zufälle seines Lebens, so sonderbar sie auch immer seyn mögen, haben eigentlich keinen Bezug, wenigstens keinen sichtbaren, auf seinen ausserordentlichen Gemüthszustand, und gehören daher auch nicht in dieses Magazin.

Wir haben schon im Vorhergehenden gesehen, welch eine Menge der schrecklichsten Bilder seine Phantasie durchlaufen mußte, ehe sich seine geängstete Seele wieder etwas erhohlen konnte, und wir haben ihn endlich bei einer völlig ruhigen Gemüthsstimmung verlassen; aber auch diesmahl war sie eigentlich nur eine Meeresstille, worauf einige Zeit [18]nachher wieder fürchterliche Stürme folgten. Ehe wir dahin kommen, mag uns der Verfasser eine sonderbare an sich selbst gemachte Erfahrung erzählen, die mir sehr ungewöhnlich zu seyn scheint.

»Um selbige Zeit, (1707) ehe ich aus Breslau wieder abreisete, (wohin er aus Leipzig, um eine Probepredigt zu thun, gegangen war) begegnete mir ein seltsamer Casus, der zwar vielen lächerlich scheinen möchte, der mich aber in solche Verwunderung gesetzt, und zu so vielem weitern Nachsinnen Gelegenheit gegeben, daß ich mich gar nicht schäme, denselben hier zu erzählen. Ich rauchte einst des Abends vor Tische, da ich aus der Kälte, so mäßig war, wiederum nach Hause und in mein Quartier kommen war, eine Pfeife Tobak. Ich hatte kaum etliche Züge gethan, so fing mich alles im Munde, Zahnfleisch, Gaumen, Zunge, in Summa, so weit sich der Rauch, den man in den Mund ziehet, erstrecket, auf eine ungewöhnliche, ja, ich möchte bald sagen, auf eine unbeschreibliche Weise an zu titilliren. Je länger ich rauchte, je mehr nahm diese angenehme und süße beissende Empfindung zu, daß ich nicht wußte, wie mir geschah, noch was ich denken sollte. Ich überlegte, was ich etwa gegessen hätte, ich forschte bei meinem Bruder nach, wer mir den Tobak gehohlt, und bei wem er wäre gehohlt worden; ich konnte aber nicht entdecken, was ich als eine Ursache solcher delicieusen Empfindung hätte ansehen mögen. Mein Lebtage hat mein Mund [19]keine solche Freude und Wollust gehabt, als diesesmahl, was ich auch gegessen und getrunken. Ich habe in der Jugend ein und das anderemahl Tobak ore vinoso geraucht, welches auch annehmlich schmeckt; doch dies ist so was schlechtes, daß ich mich ärgere, daß ich eine Vergleichung damit anstellen will. Ich legte die Pfeife weg, ich nahm sie wieder, der scharfe durchdringende Geschmack blieb einmahl wie das andre. Ich bin versichert, wenn dergleichen alle Tobaksbrüder bei ihrem Tobakrauchen empfänden, was ich damahls empfand, sie rauchten sich dara zu Schanden, oder stächen und hieben sich darüber zu Tode. — — Bei der folgenden Pfeife aber, die ich ansteckte, hatte die Herrlichkeit ein Ende. Dieselbe schmeckte wie Numer 7, davon die Elle einen Dreier kommt, und dergleichen ich noch zu rauchen pflege«.

»Ich hatte meine Reflexion darüber. Wenn Gott wollte, dachte ich, so könnte er leicht Materie und äusserliche Objecte finden, alle Gliedmaßen unseres Leibes, sie möchten stehen wo sie wollten, auf eine solche Weise zu bewegen, daß die größte Wollust daraus entstehen müßte. Die Wollust kommt in der Welt dem Schmerz nicht gleich, den wir Menschen in Gliedern oft fühlen. Ein Hühnerauge ist ein geringes Ding, und was kann das nicht vor Pein machen, wenn es zu toben anfängt! Was soll ich von Zahnschmerzen sagen, welche ich oft in so großem Maße gehabt, daß ich nicht davor schla-[20]fen, noch des Tages etwas davor verrichten können! Habe ich aber jemahls in Zähen oder in Zähnen solche Wollust empfunden, die dem Schmerze gleich gewesen, so ich in denselben ausgestanden? Sollte aber derjenige Theil des Leibes, so des Schmerzens fähig, nicht durch eine andere Bewegung eben so gut eines gleichen Grades der Wollust fähig seyn? Es scheint, daß Gott weise Ursachen gehabt, daß er die Wollüste des Leibes nicht so groß und so viel, als die Schmerzen desselben in der Welt gemacht, weil die Menschen sonst ihr Herz noch hundertmahl mehr, als jetzund geschiehet, an die Welt und an die Erquickungen, die wir mit den Thieren gemein haben, hängen dürften. — Wer weiß, was geschehen seyn würde, wenn die Menschen im Stande der Unschuld geblieben wären? Und wer weiß, was Gott einst im Himmel thun wird? Ob nicht daselbst alle Glieder des verklärten Leibes öfters dermaßen werden bewegt werden, daß die größten und süßesten Empfindungen daraus entstehen werden. Sollten die vielen sinnlichen Kräfte und Fähigkeiten, so hier der Seele wesentlich gewesen, im Himmel aufhören, und nicht vielmehr auf einen höhern Grad gesetzt werden? Sollte das Vergnügen des Leibes im Himmel einmahl nicht eben so groß seyn, als hier auf Erden der Schmerz gewesen?«*) 1 — —

[21]

Nach hundert mißlungenen Versuchen, ein Amt zu bekommen, wird Bernd endlich 1711 zum Prediger an der Peterskirche zu Leipzig erwählt, welches Amt er bis 1728 bekleidete, in welchem Jahre er wegen seines Buchs (Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen, Helmst. und Leipz. 1728) a seine Predigerstelle niederlegen mußte.

[22]

Seine Predigten fanden bald einen erstaunlichen Beifall. Er sagt: daß oft über 40 Kutschen vor der Kirche gehalten, wenn er gepredigt habe, und daß seine Vorträge von den vornehmsten und angesehendsten Leuten häufig besucht worden wären, und woran sein neuer, zum Theil dogmatisch moralischer Lehrvortrag mit Ursache gewesen sey. Er erhielt von Vielen sehr reichliche Geschenke, und war der geistliche Rathgeber einer Menge von vornehmen Familien, die ihn wie ihren Vater liebten. Allein dieses Glück dauerte nicht sehr lange. Die Geistlichen, neidisch auf seinen Ruhm, fingen ihn zu verfolgen an, und jeder kleine Fehler wurde, ihn anzuschwärzen, genutzt. Man zog ihn öffentlich in den Predigten durch, und suchte seine Zuhörer zu bereden, daß er Dinge vortrüge, die sich nicht auf die Kanzel schickten. Zu diesem Amtsleiden gesellten sich nun aber auch bald seine neuen Leibes- und Gemüthsunruhen. Sein Körper wurde auf einmahl wieder so schwach, daß er mit einer Art Höllenangst die Kanzel bestieg, indem er eine beständige Neigung zum Vomiren in sich fühlte, welche Neigung in ihm auch jedesmahl rege wurde, wenn er Menschen erblickte, die ihres Verstandes beraubt waren. »Das Bild eines thörigten Menschen, sagt er, oder auch eines Patienten, der im Fieber raset und seltsame Dinge redet, drückt sich so tief in mein Gehirne, daß ich es etliche Tage nicht herausbringen kann, und immer eodem modo agiren will«. [23](Es ist bekannt, daß die Tollheit so wie ein Fieber nervenschwache Leute anzustecken im Stande ist.)

Die Leiden, welche der unglückliche Bernd von 1715—1720 an Leib und Seele ausgestanden hat, sind erstaunlich, die kleinste Veranlassung war im Stande ihn Tagelang mit den schrecklichsten Bildern der Phantasie zu foltern; so wurde er einmahl aufs heftigste von einer Todesfurcht angegriffen, weil er seinen Huth hatte ins Wasser fallen lassen, welches er für eine Vorbedeutung seines nahen Endes hielt. — Doch er mag seinen unglücklichen Zustand selbst schildern.

»Der größte Sturm meiner Anfechtung kam 14 Tage vor Ostern (1717) über mich, welcher einer der größten in meinem Leben gewesen. Freitags vor Judica war ein Bußtag, und Sonntags darauf sollte ich das Capitel von dem Propheten Elia in der Vesper erklären, da er in der Höhle vor Furcht sich verkrochen. Gott bescherte mir bei dem Meditiren darauf allerhand schöne Porismata und Gedanken, so daß ich mich recht auf dieses Capitel freuete, und Gott bath, daß er doch seinen Seegen zu dessen Erklärung geben wolle. Sonntags nach Tische meditirte ich noch ein wenig auf die Predigt, bis um 2 Uhr, da der Gottesdienst angehet. Ich weiß nicht mehr, ob ich zu Hause, ehe ich ausging, vergessen noch einmahl auf den Pot de Chambre zu gehen, oder ob bei dem langen Liede: Ist Gott für mich, so trete etc. sich schon so viel Wasser wiederum [24]gesammlet: (gewiß ist es, daß ich nicht durch unmäßiges Essen und Trinken daran Schuld gewesen, weil ich mein ordentliches Maas hatte, so oft ich predigte.) Kurz, ich hatte kaum das Capitel zu erklären angefangen, so konnte ich mich auf etwas, das ich sagen wollte, nicht bald besinnen, und in dem ich mich stark anstrenge und das Gedächtniß forcire, so merke ich, daß mein Urin fort will, und dies mit einem solchen starken Nisu und Treiben, daß ich den Augenblick in die größte Furcht gesetzt wurde, und je mehr ich fürchtete, daß es geschehen möchte, je mehr wuchs die Noth. Ich konnte nicht länger auf der Kanzel stehen, sondern suchte mich durch Niedersetzen zu helfen; aber auch dieses half nicht, sondern es incommodirte mich dieser unvermuthete Zufall so unmäßig, daß ich mit dem Capitel über Hals über Kopf eilte, die wichtigsten Dinge nur flüchtig und obenhin berührte, so daß ich in drei Viertelstunden schon damit fertig war, und also den ganzen Brei verschüttete, oder das ganze Capitel mehr verderbte, als erklärte. Jedermann wollte wissen, was mir zugestoßen, ich sagte aber niemanden das geringste davon, zwang mich auch nach der Predigt, und stand unsägliche Angst bei dem Seegensprechen aus, in der gänzlichen Meinung, es würde mir vor dem Altar noch begegnen, was ich auf der Kanzel befürchtet hatte. Denn wäre ich, sobald ich von der Kanzel kam, auf die Seite gegangen, so würde jedermann haben errathen kön-[25]nen, was mich oben auf der Kanzel und unter der Predigt geplagt hätte. Ein beherzter Prediger würde sich aus einem solchen seltsamen Zufalle nichts gemacht haben, aber bei mir armen furchtsamen Thiere, der dazumahl ohnedem in lauter Nacht und Finsterniß, ohne Trost und Empfindung der Gnade Gottes hinging, war es ein Grund zu erschrecklichen Gemüthsplagen, so darauf folgten«.

»Gegen Abend überfiel mich ungewöhnliche Angst wegen des Zukünftigen, und wie es seyn würde, wenn ich wieder würde predigen müssen. Ich sann nach, und stellte mir lebendig vor, was das für eine Schande seyn würde, daferne mir auf der Kanzel dasjenige widerführe, dem ich diesesmahl noch mit Noth und Kummer entgangen. Dies stürmte in meinem Gemüthe, daß mir brühheiß im Kopfe wurde. Wollte ich mich in der Verläugnung üben, und Ehre und Gnade vor nichts halten und alles Gott anheim stellen, es möchte mir gehen, wie es wollte; so wollte das hitzige verbrandte und melancholische Geblüte nichts davon annehmen. Und in solcher furchtsamen Einbildung wurde ich noch mehr gestärkt, da ich in folgenden Tagen, so oft ich unter die Leute ging, von neuem mit der Begierde, Urin zu lassen, geplagt wurde. Ich ging zu einer Leiche, und ich war mit derselben kaum bis zum Paulino gekommen, so mußte ich Ausreiß geben, anstatt, daß ich bis vor das Thor hätte mitgehen sollen«. — — —

[26]

»Doch das war nur Scherz und Spiel gegen die grausamern Anfälle des Satans*) 2 und des Fleisches, welche gleich darauf folgten. Weil ich wegen solcher Bekümmerniß in feurige Hitze des Haupts gerieth, und keinen Schlaf in meine Augen bringen konnte, so wurde der Kopf höchst schwach, und bei dieser großen Hitze des Haupts entstund nun das anderemahl in meinem Leben im Gehirne schnell das Bild von der Selbstberaubung meines Lebens, [27]und darauf die Einbildung und Furcht, das zu thun, wovor ich den größten Abscheu hatte. Die Einbildung war insonderheit gerichtet auf den zukünftigen Sonnabend, als den Sonnabend vor Palmarum, wenn ich Sonntags drauf würde predigen sollen. Diese Gedanken setzten mir heftig zu, und ließen mich die ganze Woche zu keiner Ruhe kommen. Die ersten Anfälle geschahen gleich Montags nach dem Sonntag Judica, denen ich zwar durch einen Spazirgang in freier Luft zu begegnen suchte; allein derselbe lief gar unglücklich für mich ab, so daß das Uebel dadurch mehr vergrößert, als vermindert wurde. Ich ging nach Linkel (ein Dorf bei Leipzig) früh um 9 Uhr, wo ich vor diesem mehrmahl gewesen war. In tiefen Gedanken nahm ich den Weg durch den Hof des Wirthshauses, indem ich aber aus Unachtsamkeit mich nicht nach dem Hunde im Hofe und dessen Hütte umsehe; so gehe ich, um den bösen Weg zu vermeiden, hart bei derselben vorbei, und werde unversehends vom Hunde, der aus der Hütten sprang, angefallen, daß ich nicht anders meinte, ich müßte vor Schrecken des Todes seyn. Alle Glieder im Leibe zitterten und bebten mir, und bekam noch ein neues Uebel dazu, mit welchem ich auch sonst öfters genug war geplagt worden, nehmlich Spasmos und innerliche Convulsionen, mit welchen ich den ganzen Tag und im Heimwege zu ringen hatte. Der Palmsonntag kam immer näher, auf welchem das Fest Mariä Verkündigung einfiel, just [28]wie anno 1704, und die Furcht nahm zusehends zu. Ich hatte mit Kummer und Noth kaum eine Sciagraphie statt der Predigt verfertigen können, in welcher ich die Vernunft zur Quelle des gottlosen Lebens gemacht. Nach derselben sollte ich nun predigen, und konnte sie vor Angst nicht memoriter durchgehen. Sonnabends Abends war die Noth am höchsten, ehe ich schlafen ging. Ich wollte nach Tische das Licht putzen, ich putzte es aus Versehen aus; über eine Weile wollte ich das andere putzen, es ging mir aber eben so. Aus dergleichen Dingen, so natürliche Ursachen sie auch haben, machen melancholische Leute zur Stunde der Versuchung lauter Omina und Vorbedeutungen. Die erschrecklichsten Gedanken kamen Heerweise und schlugen und stürmten im Gemüthe. Es schien schon, als ob die Fenster vom starken Winde (des ankommenden bösen Feindes) anfingen zu beben, so daß ich nicht länger aufbleiben, sondern zu Bette gehen und Gotte auf Gnade und Ungnade mich ergeben, und wie jener denken mußte: komm ich um, so komm ich um! Esth. 4, v. 6.«

»Weil diese Anfechtung der ersten anno 1704 ganz ähnlich war, so war noch der Charfreitag vor der Thüre, vor welchem Tage mir noch bänger war, als vor dem Palmsonntage. Ich that Montags nach Palmarum einen neuen Spazirgang nach Wahren (einem Dorfe bei Leipzig auf dem Wege nach Halle.) um zu sehen, ob derselbige glücklicher seyn würde, als der vor acht Tagen, und um der [29]neuen Angst zu steuren, welche sich die vorige Nacht, da ich vom Schlafe erwacht, bei mir wieder eingefunden. Allein der Spazirgang war nicht viel anders, nur daß die Angst nicht so groß, wie zu Hause war. Auf dem Wege nach Wahren war mein Leib und Haupt so schwach, daß mich ein Becker, der mit Getreide in die Mühle fuhr, aufladen und mitnehmen mußte. Der Fuhrmann war weit genug von dem Flusse entfernt, und doch durfte ich den Fluß nicht mit meinen Augen ansehen, denn das Bild von Ersäufen war so lebendig in mir, und so groß, daß mir von wegen der lebendigen Vorstellung, die wider meinen Willen und mit Gewalt in mir entstand, im Leibe übel wurde, dahero ich meistens den Kopf zur rechten Seite halten und ins freie Feld hinaussehen mußte; ob ich gleich wenig Lust zum Wasser hatte, und dasselbe so sehr als eine Katze scheuete. — — — Am grünen Donnerstage hatte ich anno 1704 durch eine Predigt einigen Trost und Stärkung ins Herz bekommen, und der gegenwärtige grüne Donnerstag war auch schier so beschaffen. Als ich nach der Kirche nach Hause kam, von Angst und Furcht ganz ausgemergelt, warf ich mich auf die Knie und dachte: ich will nicht eher aufstehen, bis mich Gott erhört. Ich redete mit Gott und schüttete mein ganzes Herz aus. — — Vertrauen und Hoffnung wuchs zugleich im Gebet, und die Furcht wich großentheils aus dem Herzen. Ich stand aber doch zu bald vom Beten auf, denn [30]ich hätte noch länger sollen anhalten und inbrünstiger werden. Nach der Zeit, weil ich doch noch zwei Jahr mit dergleichen und andern großen Leibes- und Gemüthsplagen zu ringen hatte, habe ich vielfältig bei mir gesprochen: wenn du doch an diesem grünen Donnerstage länger im Gebet hättest angehalten, du würdest den Teufel, deine Furcht und alle deine sowohl damalige als gegenwärtige Uebel aus deiner Seele hinweggebetet haben!«

Der Charfreitag, wovor sich der arme Bernd so erschrecklich furchte, weil er die nehmliche Seelenangst an dem nehmlichen Tage und vor mehrern Jahren erwartete, ging glücklicher vorüber, als er geglaubt hatte; aber seine hypochondrischen Zufälle ließen deswegen noch nicht nach. Er brauchte allerlei leibliche und geistliche Mittel sich zu helfen, und sang unter andern oft das Lied: Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir aus hochbetrübter Seelen! wodurch seine Angst natürlicherweise noch mehr befördert werden mußte. Es folgt noch ein langes Register seiner melancholischen Grillen, die ich nicht alle nennen kann, und wovon ich nur zum Beschluß noch einige ausheben will, die zunächst durch seine Suspension vom Amte veranlaßt wurden.

»Ich schrieb, fährt der Verfasser fort, anno 1728 einen Tractat: Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das Leben der Menschen, nicht als ob ich unser Religionssystem vor so arg und böse angesehen, als ob man bei demselben [31]nicht könne selig werden, und als ob es dem Worte Gottes zuwider wäre; sondern weil es so schwer zu verstehen vor gemeine Leute, und wegen des vielfältigen Mißverstandes auch die edelsten Wahrheiten desselben bei viel tausend Menschen zum Mißbrauche und zur fleischlichen Sicherheit ausschlagen; so hielt ich davor, ich wäre nach meiner Einsicht verbunden, ein solches System zu erwählen und bekannt zu machen, bei welchem die Uebung der Gottseligkeit nach meinem Erachten nicht so viel Gefahr liefe, — — ja ich war so sehr eingenommen mit der Einbildung, daß ich Gewissens halber solches zu thun verbunden wäre, daß ich auch die erschrecklichen Plagen, so ich in vorhergehenden Jahren, insonderheit anno 1717 ausgestanden, meinem Stillsitzen und Stillschweigen zuschrieb, und daß ich aus Menschenfurcht bisher solche nöthige Wahrheiten und Einrichtung unserer christlichen Lehrpuncte unterdrückt hätte.«

Die Herausgabe dieses Buchs war die Ursache von den schrecklichen Ausbrüchen seiner Hypochondrie, worüber er sich selbst stark genug in folgenden Worten ausdrückt: »Und wenn ich alle wunderbare Erhaltungen zusammennehme, so ehemahls in der Welt geschehen, so kann ich solche kaum mit den vergleichen, daß ich bei solchen Troublen, so mir zugezogen, und worin vielleicht ein starkes Gemüthe nur seine Lust suchen würde, bei aller meiner vielen Furcht, Sorge, Angst, schlaflosen Nächten, Rathen und Widerrathen, Drohungen und Aufrichtungen [32]der Leute, und unsäglichen Kampf und Streit im Gemüthe, der vom 13ten Jul. an bis beinahe ans Ende des Jahrs gewährt, nicht meines Verstandes beraubt worden.« — —

»Zwar hat es mir in meinem Leben bei aller der Furcht, die ich mir hie und da beigelegt und zugeschrieben, nicht an Herz und Muth gefehlt, so oft und so lange ich nur mit der Krankheit des Milzes und der Melancholie verschont geblieben. So lange mich nur diese Uebel nicht plagten; so erschrack ich vor keinem Menschen und vor keinem Feinde, ja ich konnte sogar wider denselben allen meinen nöthigen Zorn und Eifer auslassen, ohne mein Gemüth sonderlich in Unruh zu setzen. Ich will nicht sagen, daß ich auch viele und große Sorge über mich nehmen und weit aussehende Projecte machen konnte, ohne daß mir solches eine Pein oder Mühe verursacht hätte. Ich war auch den Winter durch frisch, gesund, stark, muthig und beherzt gewesen, und erschrack keinesweges vor allen den Verdrüßlichkeiten, die ich mir von meinem Buche vorherprophezeite. Allein, da es nach Ostern kam und die Frühlingshitze anging, so merkte ich, daß ich schon wiederum weder des Morgens noch gegen Abend in Büchern lesen konnte, welche eine große Aufmerksamkeit auf die Sache erfoderten. Die Lebensgeister liefen so schnelle, daß ich das Buch in kurzem mußte wieder hinlegen. Um ein Leichtes flohe ich in meiner Einbildung und in Gedanken zum Fenster hinunter bei [33]aller Ruhe, bei aller Gemüthsstille, so daß ich mich vom Fenster hinwegsetzen und weiter davon im Lesen entfernen mußte«. —

Im Sommer 1728 wird der Verfasser seines Buchs wegen vorgeladen, — und von da fangen sich seine neuen Leiden an. »Ich sahe auf einmahl wieder erbärmlich aus, fährt er fort; ich verlor allen Appetit zum Essen, ich wagte es nicht mehr aus meinem Fenster im zweiten Stocke herauszusehen, und ich ließ den Vorsteher durch meinen Küster ersuchen, er möchte mich doch ins Waisenhaus oder sonst in Sicherheit und Verwahrung bringen, denn es vergingen mir alle Gedanken, und müßte befürchten, wann ich meines Verstandes sollte beraubt werden, das zu thun, wovor ich in meinem Leben jederzeit den größten Abscheu gehabt (nehmlich sich umzubringen). Ich legte Schlösser vor meine Fenster, damit ich nicht etwa die Nacht herausspringen möchte. Es quälte mein Gemüth, daß ich durch Mißtrauen von Gott abgefallen. — Es schmiß, warf und polterte in meiner Kammer, oder zum wenigsten in meiner Imagination, daß mir Angst und bange wurde. Endlich faßte ich einen andern Entschluß, und dachte: ehe ich soll in solcher unbeschreiblichen Seelenangst auf meinem Lager liegen, so will ich lieber alles aufmachen, Schlösser und alles wegthun, es gehe, wie Gott wolle«.

»Ich wurde von meinem Amte suspendirt, und hundertterlei fürchterliche Nachrichten wurden mir [34]nun in den Kopf gesetzt. Man gab mir den Rath, daß ich mich aus dem Lande machte, — es würde übel um meinen Kopf stehen, man würde aus meiner Sache einen Criminalproceß machen, mich in Verhaft nehmen u.s.w. Ich fing also an zu sorgen und zu überlegen: was thust du, bleibst du, oder entweichest du? Was dieser Pro- und Contrastreit mich ausgemergelt und matt gemacht, kann ich nicht beschreiben, und muß mich bis diese Stunde noch wundern, daß ich beim Leben und bei Verstande geblieben. Und da ich endlich schlüssig wurde fortzugehen, — wohin wenden, welchen Ort erlesen, und was vor Mittel und Wege sollte ich dazu ergreifen? Wie sollte ich meine Sachen fortbringen? Sollte ich alles stehen und liegen lassen? Wie sollte ich alles so veranstalten, daß man es mir weder in meinem Hause anmerkte, noch auch diejenigen erführen, von denen ich in dem thörigten Wahn stand, daß sie einen flüchtigen Jesuiten arretiren und ihm nachsetzen würden, wenn er ohne ihr Vorbewußt davonginge. Das machte mir oft das Haupt so wüste, daß ich kaum manchmahl noch fühlte, daß ich noch einen Kopf hätte, oder als wenn Heu und Häckerling im Kopfe wäre. Ich schob es immer von einer Zeit zur andern auf, und da es endlich mein ganzer Ernst war, so wurde ich zwei- bis dreimahl daran gehindert. — —

Die Zeit der Verhörung rückte mit der Michaeliswoche heran, und da hätte ich mich freilich [35]auf dieselbe präpariren sollen; allein ich präparirte mich vielmehr auf meinen bevorstehenden Tod, weil ich wegen erschöpfter Kräfte des Leibes und Gemüths in der gänzlichen Meinung stand, daß mich Gott diesmahl aus der Welt abhohlen werde; obgleich die Einbildung, von der Obrigkeit hingerichtet zu werden, bei mir vergangen war. Allein sie wurde bald darauf wieder in mir rege, da der Präsident des Consistorii in mein Suspensionsprotocoll die Worte mit einfließen lassen, daß ich Zeit genug habe mich auf meinen Tod, der gewiß nicht mehr ferne seyn könne, zu präpariren. — —

Um dieselbe Zeit, da ich mich also auf den Tod bereitete, geschahe eben das, was ich oben gemeldet, daß ich mich auf die Gedanken bringen ließ, als wenn ich durch die Hand des Scharfrichters würde sterben müssen. Es war ohnedem vorher schon durch Einbildung des Todes wegen großer Leibesschwachheit mein Gewissen wegen aller Sünden, so ich jemahls begangen, wie bei Leuten, so da meinen, daß sie sterben werden, oft zu geschehen pflegt, dermaßen aufgewacht, so daß alle meine geringsten Fehler und andere Missethaten in der höchsten Größe mir vorkamen, und es nicht anders war, als ob ich erst jetzt von neuem Buße thäte. Ein recht merkwürdiger Umstand, den ich hier nicht kann vergessen mit anzuführen, war dieser: Hatte ich auf etliche Tage wegen Betrübniß meiner Sünden kaum schlafen können; so fing ich endlich an, Gottes [36] Gerichte vor höchst gerecht, und auch den Tod durch die Hand der Obrigkeit vor höchst billig zu erkennen: Ich unterwarf mich dermaßen Gottes Willen, und war so bereit und willig, solchen zu leiden, daß ich die eine Nacht vor Freuden davor nicht schlafen konnte. Ich hatte mir auch schon die Lieder in Gedanken bestimmt, die man mir beim Hinausführen singen sollte; v.g. Herzlich lieb hab ich dich o Herr! etc. Mit Fried und Freud ich fahr dahin etc. Herr, nur laß in Frieden etc. Insonderheit war ich bekümmert, ob sie mir auch zu Gefallen eine Aenderung treffen und das Lied: Nun bitten wir den heil'gen Geist etc., welches man sonst nach der Execution singet, vor der Execution zu meinem Troste und Erquickung würden singen lassen.

Wie ich schon eines guten Theils meines Verstandes also mochte beraubt seyn; so kam dieses noch dazu, daß ich einen Traum, der mir oftmahls geträumet, beinahe mit der That, die ich doch nur im Traume begangen, confundirt hätte. Ich war zweimahl in meinem Leben in Jena anno 1708 und 1711 gewesen, und habe mit keinem Menschen ein böses Wort geredet, vielweniger mich mit demselben in Zank oder Duell eingelassen, und doch hat mir nach der Zeit um ein Leichtes geträumet, als ob ich da einen Purschen im Duell erstochen, und als ob man mich aufsuche, so daß ich im Traume immer in Angst gewesen, entdeckt und erhascht zu werden. [37]Wenn einem ein Traum vielmahl*) 3 träumt, obschon zuweilen unterschiedenen Zeiten; so kanns geschehen, daß man auf die letzte, insonderheit, wenn man in andere Noth und Angst geräth, sich kaum mehr zu besinnen weiß, ob es wahrhaftig geschehen, oder ob es nur ein Traum gewesen«. — —

Ich übergehe die übrigen Begebenheiten seines Lebens. Er resignirte von seinem Amte, da er überall neue Hindernisse zu seiner Wiedereinsetzung fand, und brachte die übrige Zeit seines Lebens mit Bücherschreiben zu.


Der vornehmste Grund aller jener Erscheinungen, welche Bernd an sich beobachtet und beschrieben hat, lag ohnstreitig in einer Schwäche seiner Nerven, worüber er oft geklagt, und diese Schwäche kam ohnstreitig von den jugendlichen Ausschweifungen her, die er frühzeitig begangen, und die er nicht mit Namen nennen wollte. Die Folgen dieser Ausschweifungen zeigen sich oft schon sehr früh, oft auch später in bangen Empfindungen des Unterleibes, die hernach in eine hartnäckige Hypochondrie, wie bei unserm Bernd, ausarten. Die Einbildung ge-[38]räth dadurch sehr leicht in eine Unordnung, und stellt dem Hypochondristen alles in einem schwarzen Lichte vor, weil er einen beständigen dumpfen Schmerz in sich fühlt, den er zwar betäuben, aber nicht ganz unterdrücken kann. Der Hypochondrist thut daher beinahe nichts, wobei er nicht etwas Übels besorgen sollte, und seine Vermuthungen drängen sich ihm so stark auf, daß er oft das blos vermuthete Uebel für ein schon würkliches hält, und als ein schon würkliches empfindet. Eine Miene, eine halbgehörte Nachricht, ein leise gesprochenes Wort kann ihn schon in die größten Unruhen versetzen, und er wird sich aus Furchtsamkeit geneigt fühlen, Dinge für unglückliche Vorbedeutungen zu halten, die ganz natürlich zugehen, und deren natürlichen Zusammenhang er selbst weiß. In der That scheint mir fast ein jeder Hypochondrist an der Gränze der Verrücktheit zu stehen, und man hat Erfahrungen genug, daß der gänzliche Ueberschritt zur würklichen Verirrung des Verstandes sehr leicht geschehe.

Bei aller Furchtsamkeit und Angst bemerkt man doch auch oft an Hypochondristen eine unerwartete Kühnheit und Entschlossenheit der Seele, die man ihnen nicht zutrauen sollte. Nach langen traurigen Empfindungen hebt sich alsdann ihr Herz gleichsam durch einen eigenen elastischen Instinct empor und schüttelt das Joch einige Zeit von sich, wovon es vorher gedrückt wurde. Es ist aber nicht immer [39]die Kraft der Vernunft und des Nachdenkens, welche ihm hier beisteht, denn gemeiniglich curiren die stärksten Vernunftgründe den Hypochondristen am allerwenigsten; sondern er fühlt auf einmahl, ohne sein Zuthun, oft einen Trieb sich zu freuen, der seinen Schmerz und seine Bangigkeit betäubt und auf einige Zeit seine ganze Seele umstimmt, davon in Bernds Lebensbeschreibung auch Beispiele vorkommen.

Die menschliche Seele ist nehmlich keines beständigen Gefühls der Widerwärtigkeit fähig, sie verändert gern ihre Gemüthslage, wenn sie lange genug von einerlei Ideenherrschaft abgehängt hatte, und setzt sich gleichsam wieder in Freiheit. Dies sind die Augenblicke des Aufjauchzens und des frohen Herzklopfens, welches die Hypochondristen nicht selten in ihren schwachen Stunden empfinden, und die jene frommen Religiösen, die meist Hypochondristen sind, ausserordentliche Würkungen der göttlichen Gnade, freilich mit großem Unrecht, genennt haben, weil sie sich ganz deutlich aus der Natur unserer Seele und Imagination erklären lassen. Ich empfehle meinen hypochondrischen und unhypochondrischen Lesern, welche über die Milzkrankheit b etwas Vortreffliches lesen wollen, die Betrachtungen des Herrn D. Platners in Leipzig, welche er seiner Uebersetzung des Versuchs über die Verrichtungen und Krankheiten des menschlichen Verstandes (von J. F. Dü four) über die Hypochondrie beygefügt hat. c

P.

Fußnoten:

1: *) In Absicht dieser Fragen läßt sich freilich nichts mit Gewißheit bestimmen; aber so viel kann doch wohl nicht geläugnet werden, daß in der menschlichen Maschine noch eine viel größere Anzahl von Anlagen zu sinnlichen Vergnügungen verborgen liege, als wir jetzt genießen. Das Gefühl, als der ausgebreitetste Sinn, ist noch unendlich vieler Verfeinerungen und Empfindungen fähig, die wir erst einmahl in Zukunft werden kennen lernen; vielleicht liegt in jedem Theilchen unserer Maschine eine eben so große Anlage, an demselben ein sinnliches Vergnügen, als einen sinnlichen Schmerz zu empfinden, und es läßt sich gar wohl denken, daß unser Leib einmal so verfeinert werden kann, daß die ihn umströmende Materie des Aethers einen unaufhörlichen angenehmen Kitzel an den Endfäden der Nerven hervorzubringen im Stande ist. Man weiß von den Türken, daß sie bei ihren verliebten Zusammenkünften einen hohen Grad der Wollust darein setzen, wenn sie sich einander die Fußsolen leise mit den Zähen berühren können. Freilich mag die Natur wichtige Absichten gehabt haben, warum sie uns nicht überall so empfindlich für das Vergnügen, als für den Schmerz gemacht hat. Wir würden ganz allein für das erstere leben, vgl. Druckfehlerverz. MzE V,3,[125]. ohne an eine höhere Bestimmung unsrer Natur zu edeln Handlungen und an die Ausbildung unseres Geistes zu denken. <P.>

2: *) Die Neigung der Menschen zum Wunderbaren; das ihnen unerklärlich scheinende an gewissen unmoralischen Phänomenen ihres Herzens und ihrer Leidenschaften; ein mißverstandener Werth der Tugend und Gottesfurcht, den sie durch den Kampf mit höhern bösen Wesen zu erlangen scheint; vornehmlich aber auch eine finstere Gemüthsstimmung feurig denkender Religiösen und andern phantasie-kranken Menschen — haben von jeher das Ihrige dazu beigetragen, die Lehre vom Daseyn und den Wirkungen eines bösen Geistes in Schutz zu nehmen, und trotz aller Vernunftgründe dagegen, auszubreiten. Es ist hier der Ort nicht, von der Schädlichkeit einer Lehre zu reden, die so sehr den weisen Planen der Gottheit widerspricht und bei einer genauen Beleuchtung der menschlichen Natur ihren ganzen geträumten Werth verlieren muß; aber sonderbar kommt es mir vor, daß der Verfasser anderemahle seine Gemüthsplagen den Würkungen seiner verschrobenen Einbildung zuschreibt, und diesesmahl sie Anfälle des Satans nennt.
P.

3: *) Diese Erfahrung ist sehr richtig, und Einige haben daher Veranlassung genommen, zu glauben, — daß wir vielleicht immer träumten, und daß wir unsere Träume für Wahrheiten hielten, weil wir sie vom Wachen nicht unterscheiden könnten.
P.

Erläuterungen:

a: Bernd 1728.

b: Vgl. MzE V,1,112.

c: Platner 1786.