ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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4.

Stärke der Einbildungskraft.

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Vor einigen Jahren waren zu ... in Westphalen mehrere Prediger auf einem Convent zusammengekommen. Einer von ihnen verließ einige Minuten die Gesellschaft, um vor sich im Stillen über etwas nachzudenken, und wählte dazu eine nahelie-[63]gende Allee, in welcher ihn seine Confraters bedächtig auf- und niedergehen sahen. Einer unter ihnen ein lustiger Kopf, beschloß einen Spaß mit ihm zu machen, welchen er auch sogleich ausführte, und der darin bestand, daß er sich hinter ein Gesträuch an der Allee versteckte, und wie jener vorbei kam, ihm mit einer dumpfen Stimme zurief: Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben! Der Wanderer ging vorüber, ohne merklich erschrocken zu scheinen. Er kehrte um, und die hohle Stimme des Spaßmachers ließ sich noch einmahl hören, und endlich zum drittenmahle. Es ist gut, antwortete der auf- und niedergehende Prediger, als ihm jener Ton noch einmahl entgegenkam, den er bei einer dreimahligen Wiederhohlung endlich für eine würkliche göttliche Stimme, und für ein deutliches Omen seines nahe bevorstehenden Todes betrachtete.

Er kam in die Predigergesellschaft merklich verändert zurück. Sein Gesicht war leichenblaß, er sprach nicht mehr, und schien äußerst bedächtig zu seyn. Die Gesellschaft erkundigte sich nach der Ursache seines jetzigen finstern in sich gekehrten Betragens, und erfuhr von ihm zum größten Erstaunen, daß sein Ende nahe sei, weil er eine außerordentliche Stimme darüber vernommen habe. Seine Collegen fingen laut zu lachen an, verwiesen ihm seine Leichtgläubigkeit, und entdeckten ihm den ganzen Handel. Allein – vergebens. Der Prediger glaubte nun einmahl, daß jene Stimme vom Him-[64]mel gekommen sey. – Man machte die ihm vorgesprochenen Worte genau nach, nannte ihm die Zeit, den Mann, der mit ihm seinen Scherz getrieben habe; alles half nichts. Der Prediger hielt alles dieß für erfundene Kunstgriffe, ihn von seiner Meinung zu befreien, blieb dabei, daß er gewiß bald sterben werde, – – – und wurde in kurzer Zeit auch würklich ein Opfer seiner Einbildung*) 1.

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Fußnoten:

1: *) Ich glaube, daß man in der That mit solchen Späßen, dergleichen man dem Prediger spielte, äußerst behutsam verfahren müsse. Unsere einmahl verschrobene Phantasie nimmt selten Vernunftgründe an, womit man sie heilen will; und man weiß, zu welchen Ausschweifungen sie vornehmlich Hypochondristen verführen kann.
Man hat sehr viele Beispiele, daß Leute blos dadurch sich ihren Tod zugezogen haben, weil sie ihn sich einbildeten. Sie glaubten irgend eine Ahndung, einen Traum davon gehabt zu haben. Noch vor wenigen Jahren starb hier in Braunschweig ein Prediger, wahrscheinlich an eben einer solchen Phantasie. Er kündigte mehrere Jahre vorher seinen Freunden seinen Tod an, ob er gleich ganz gesund war, hielt einige Zeit vorher öffentlich eine Abschiedsrede an seine Gemeine, und starb endlich würklich um die vorhergesagte Zeit. Von diesem Vorfall werde ich in einem der nächstfolgenden Stücke mehrere Nachricht geben.
D. H.