ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 1 (1787) > 3. Ein sonderbarer Traum.

3.

Ein sonderbarer Traum.

Seckendorf, Siegmund Freiherr von

Folgenden Traum hat der den 26ten April 1785. verstorbene Siegmund, Freiherr von Seckendorff, *) 1 welchen er ein halb Jahr vor seiner Krankheit und seinem Tode hatte, von sich selbst mehrmahls erzählt, und schriftlich aufgezeichnet.

[56]

Es erschien ihm nehmlich im Traume ein Mann von gewöhnlicher Gestalt und Kleidung, welcher ihm sagte: daß er sich etwas von ihm ausbitten möchte, und daß er nach seinem Gefallen Eins von Beiden wählen könnte,– entweder seine vergangenen oder künftigen Schicksale sich der Reihe nach vorgestellt zu sehen. Die Zukunft, erwiederte Seckendorff, wolle er Gott überlassen; aber angenehm würde es ihm seyn, wenn er noch einmahl sein ganzes vergangenes Leben wie in einem Gemählde vor sich sehen könnte. Sein Wunsch wurde ihm sogleich gewährt. Der erschienene Mann gab ihm einen Spiegel, und hierinn erblickte er nun die Scenen seines vergangenen Lebens, deren er sich im Wachen kaum mehr bewußt war, mit einer Deutlichkeit und Lebhaftigkeit vor sich, als wenn sie den Augenblick erst geschehen wären. Er sah sich als ein Kind von drei Jahren aufs genaueste mit allen Umständen seiner Erziehung. Jede Schulscene mit seinen Erziehern, jede verdrüßliche Begebenheit, die er in seiner Jugend erlebt hatte, ging in dem Spiegel lebhaft vor seinen Augen vorüber.

Bald darauf stellte ihm der Zauberspiegel in der Folge seines Lebens auch seinen Aufenthalt in Italien vor. Dort hatte er eine Geliebte zurückgelassen, die er gewiß geheurathet haben würde, wenn ihn nicht sein Schicksal aus Italien gerufen hätte. Dieses Frauenzimmer erblickte er auch während seines Traums auf einem Bette liegend. Sie winkte [57]ihm freundlich zu, und er näherte sich ihr. »Wir müssen uns trennen, sagte sie; aber nicht lange, lieber Seckendorff, – denn ohne Sie kann ich nicht lange seyn! jetzt aber müssen Sie mich auf einige Augenblicke verlassen!«

Ein Liebhaber ist auch im Traume gegen seine Göttin erstaunlich artig und gehorsam. Seckendorff ging sogleich aus dem Zimmer, als er aber einige Minuten nachher wieder hereintrat, lag sie weit schöner und einer Verklärten gleich, auf dem Bette. An ihren Füßen that sich jetzt ein Vorhang auf, hinter welchem Seckendorff einen unbeschreiblichen Glanz hervorstrahlen und sich eine Menge schöner und verklärter Geschöpfe bewegen sah, welche ihm alle sehr vergnügt zu seyn schienen. Sein Auge wurde von dem Zauber ihrer Schönheit ganz verblendet. Eine von diesen verklärten Schönen faßte endlich seine Geliebte bey der Hand, zog sie mit sich fort, der Vorhang fiel nieder, – und er erwachte.

Bald nachher schlief Herr von Seckendorff wieder ein. Der nehmliche Mensch, welcher ihm den Zauberspiegel gegeben hatte, erschien ihm noch einmahl, und fragte ihn: ob er mit dem, was er ihm gezeigt habe, zufrieden sei, und ob er auch noch einmahl die Menschen, welche er in seinem Leben gekannt, zu sehen wünschte? Seckendorff erwiederte, daß ihm dieß Vergnügen verursachen würde, und erhielt nun aufs neue einen Spiegel, indem er würk-[58]lich alle seine Bekannte, todte und lebende der Reihe nach, aber mit dem Unterschiede vorübergehen sah, daß die noch lebenden Glücklichen seiner Bekannten ihn alle freundlich ansahen und stehen blieben; diejenigen aber, von denen er schon wußte, daß sie unglücklich und mißvergnügt lebten, alle mit der Hand vor den Augen schnell, ohne sich umzusehen, in dem Spiegel vorübergingen. Ihnen folgte noch eine Anzahl, welche gleichfalls die Hand vors Gesicht hielten, von deren unglücklichen Schicksalen er aber keine Kunde hatte. (Er schrieb hernach an mehrere von diesen Letztern seinen Traum, und erkundigte sich nach ihren jetzigen Lagen, welche auch alle richtig mit seinem Traumgesicht übereintrafen.)

Die Verstorbenen, die er in diesem Spiegel sah, hatten eine ganz eigene und einförmige Kleidung, blieben einige Augenblicke vor ihm stehen, und winkten ihm freundlich mit der Hand zu. Einige aber schwanden, die Hand vor ihre Augen haltend, blitzschnell vorüber, doch so, daß er sie erkennen konnte. Dieses war ihm das Schrecklichste bei seinem Traume gewesen, und er brach immer, wenn er auf diesen Punkt kam, schnell in seiner Erzählung ab, so wie er überhaupt den ganzen Traum nicht leicht ohne einige Herzensrührung und ohne Thränen erzählen konnte.

Jetzt wachte er zum zweitenmahl auf. Seine innere Bangigkeit, die er fühlte, trieb ihn aus dem Bette, er ging ans Fenster und suchte sich zu zer-[59]streuen. Es schlug eben drei Uhr, und er legte sich etwas beruhigt wieder nieder. Dießmahl nahm seine Phantasie eine andere Richtung, er dachte jetzt im Traume über seinen Traum nach, und verfertigte im Schlafe folgendes Gedicht,*) 2 welches er [60]auch zugleich componirte. Er erwachte aufs neue, stand auf, ließ sich Licht bringen, und schrieb den ganzen Traum, nebst dem Gedicht und der Composition noch in der nehmlichen Nacht auf, wie es im October des Merkurs 1784. steht. d

Ich kann in dem uns mitgetheilten sonderbaren Traum des Herrn von Seckendorff eben nicht viel Sonderbares finden, außer, daß er im Schlafe ein würkliches Gedicht, und noch dazu eine Composition desselben machte, wovon aber doch auch in der psychologischen Geschichte der Träumereien mehrere Beispiele vorkommen. Was war natürlicher, als daß einem Manne, der gewiß oft über die Reihe seiner Schicksale nachgedacht hatte, auch sie wohl einmahl noch ganz wie in einem Spiegel zu überschauen wünschte, im Traume ein anderer mit einem Spiegel erschien, und ihm darin die Folge seines Lebens vermöge seiner lebhaften Einbildungskraft deutlich sehen ließ? Es ist bekannt, daß diese Seelenkraft im Schlafe, wenn unsere Sinnen ruhen, und sie ungestöhrt und ganz allein würken kann, oft mit der größten Lebhaftigkeit uns an Begebenheiten erinnert, die wir lange schon vergessen hatten. Es war also eine gewöhnliche und natürliche Folge dieser Lebhaftigkeit, daß er sich als ein Kind in dem Spiegel mit einer Menge von Umständen wiedererblickte, die er schon längst vergessen haben konnte, – und was war vollends natürlicher, als daß man seine ehemalige Geliebte auf ei-[61]nem Bette liegen sieht? – Wie oft mochte der Herr von Seckendorff, da er sich von ihr trennen mußte, daran gedacht haben, daß er sie gewiß einmahl als einen verklärten Engel wiederfinden würde, dergleichen Ideen sind ohnedem schon einer Dichterseele sehr geläufig und natürlich, – so sah er sie in seinem Traum, und dieß ging nach den Gesetzen der Einbildungskraft eben so natürlich zu, als daß er in seinem zweiten Traum, welcher eine Fortsetzung des erstern war, alle seine Bekannten wiedererblickte. Die Unglücklichen unter ihnen sah er die Hand vor die Augen halten, weil er sie wohl oft in dieser Stellung, welche gemeiniglich ein Ausdruck unseres Schmerzes ist, beobachtet hatte, oder weil auch noch lebhafte Eindrücke von dergleichen Bildern und Kupferstichen in seiner Seele vorhanden seyn mochten, die sich mit der Vorstellung ihres Unglücks durch die Ideenassociation verbanden. Sonderbarer als alles Vorhergehende scheint die Bemerkung zu seyn, daß einige, von deren Schicksalen er nichts wußte, gleichfalls mit der Hand vorm Auge vorübergingen, und daß er nach genauer Erkundigung würklich erfuhr, daß sie unglücklich lebten, allein wie zufällig konnte auch dieß zugehen, und wie viele seiner Bekannten konnten sich unglücklich zu seyn einbilden, ob sies gleich nicht waren.

Durch eine natürliche Folge seiner Ideen, wobei seine Phantasie immer ein gemeinschaftliches Endziel hatte, sahe er nun auch seine verstorbenen [62]Bekannten und Freunde. Ein Theil derselben winkte ihm freundlich zu, ein anderer Theil lief blitzschnell, die Hand vor die Augen haltend, vorüber, – eine offenbare Wiederhohlung des ersten Traums! Seine Seele dachte gewiß auch im Traume daran, ob jene alle jenseit des Grabes glücklich seyn würden, und sein erster Traum mußte ihn auf die Idee bringen, daß sie es nicht alle seyn könnten. Er sah sie in der nehmlichen Stellung, wie die erstern, die Hand vor dem Auge, und dieser Theil seines Traums mußte ihm denn freilich schrecklich vorkommen, weil er ihn für eine Revelation über den unseeligen Zustand seiner verstorbenen Freunde zu halten schien. Ganz mag er auch das Lied nebst seiner Composition wohl nicht so geträumt haben, wie es gedruckt ist, wenigstens hat es im Wachen erst seine Feile erhalten.

P.

Fußnoten:

1: *) Starb als Königl. Preuss. Gesandter an den fürstlichen Höfen des Fränkischen Kreises zu Anspach, und war 1744. zu Erlangen geboren. Viele Liedercompositionen und Gedichte von ihm stehen im deutschen Merkur. a S. seine übrigen Schriften in Meusels gel. Deutschland. b

2: *) Holde, süße Phantasei!
Immer würksam, immer neu.
Dank sei deinen Zauberbildern,
Die mein hartes Schicksal mildern!
Dank dir, daß mir deine Kraft
Freude noch zum Leben schaft!
O! wie manchen langen Tag
Irr' ich deinem Blendwerk nach!
Im Vergangenen verlohren,
In der Zukunft neu gebohren,
Wachend, träumend, dort und hier!
Folg ich immer freudig dir.
Ein Gesicht verschwindet kaum,
Winkt mir schon ein neuer Traum,
Sink' ich kraftlos und beladen.
Reichst du mir den goldnen Faden,
Der mein traurendes Gemüth
Sanft zu dir hinüber zieht.
Holde, süße Phantasie!
Täuscherinn! verlaß mich nie!
Nur im Kreise deiner Kinder
Eilt die Zeit mir hin geschwinder,
Weiche nimmermehr von mir!
Auch im Tode folg ich dir. c

Erläuterungen:

a: Mehrere Gedichte und Lieder, vgl. Der Teutsche Merkur 1778-1785. http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufklaerung/index.htm.

b: Meusel 1784, S. 517.

c: Die Geschichte von Seckendorfs Traum erschien vor dem MzE-Beitrag in Journal von und für Deutschland, 2. Jahrgang, 10. Stück 1785, S. 370-372 und mit Bezug darauf auch in Chronik für die Jugend auf das Jahr 1786, 2. Jahrgang, 3. Vierteljahr, 39. Stück, S. 589-595. Der Herausgeber des Journals, Siegmund Freyherr von Bibra, merkte in einer Fußnote an, dass er für "die Gewißheit dieser Nachricht [...] nicht stehn kann". Auf Befragung wüsste der Bruder Seckendorfs nur durch die Erzählungen anderer von dem Traum und er habe nichts unter den Papieren des Verstorbenen vorgefunden (S. 370).

d: Im 4. Vierteljahresheft des Teutschen Merkurs vom Oktober 1784 erschien Seckendorfs Komposition "Zum Abschiede", S. 288. Zum Thema passt eher "Antwort im Traume", im 1. Vierteljahresheft 1785, S. 289 erschienen.