ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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6.

Einzelne psychologische Beobachtungen und Bemerkungen, zu weiterm Nachdenken aufgesetzt.

Pockels, C. F.

Jemehr unsere Leidenschaften aufgebracht sind, destomehr gefällt es uns, wenn sie andere billigen. Auffallend ist diese Bemerkung vornehmlich bei dem Zornigen. Der ist uns alsdenn besonders willkommen, welcher uns Recht giebt, und wir können [70]durch einen Zuwink, den wir erhalten, leicht zu Freunden des unsern Zorn billigenden gemacht werden. Weil unsere Eitelkeit gemeiniglich mit bei unserm Zorne interessirt ist, und weil wir nicht selten uns mitten in unserer Hitze etwas zu vergeben glauben; so muß es uns allerdings sehr angenehm seyn, wenn ein Anderer unsere Parthie nimmt, und uns vor den ahnenden Gedanken sichert, als ob wir in den Augen Anderer durch unsern aufgebrachten Muth verlieren würden.

Unser Zorn nimmt gemeiniglich in dem Maße zu, als der andere, den er betrift, kaltblütig und gleichgültig bleibt. Dies kommt wahrscheinlich daher, weil wir dadurch von ihm überwunden zu werden fürchten, weil jener uns zu verachten scheint, und weil überhaupt jede Gleichgültigkeit gegen unsre Leidenschaften etwas Unausstehliches für uns hat.


Viele Leute, die sonst eben nicht sehr gesprächig und lebhaft sind, oder sich darin einzuschränken wissen, wenn sie in eine Gesellschaft kommen, werden von einer ganz ungewöhnlichen Lebhaftigkeit und Sprachseligkeit überrascht, wenn sie das erstemahl in ein fremdes Haus introducirt werden. Ihre Zunge läßt die Anwesenden nicht zu Worte kommen, und nicht selten wird der angestrengtere Ton ihrer Stimme jenen sehr lästig, ohne daß diese es merken. Die Neuheit der Gegenstände kann viel [71]zu jener Lebhaftigkeit beitragen; allein, ich erkläre sie mir mehr aus einer versteckten Neigung gefallen und unterhalten zu wollen.


Es giebt wenige Menschen, – das delikate weibliche Geschlecht nicht ausgenommen, wenn es gleich oft eine äußere Schamhaftigkeit affektirt, – welche nicht an verschiedenen schmutzigen Ausdrücken einen, – wenigstens heimlichen Gefallen haben sollten. Der Witz der Kinder fängt sich hieran gemeiniglich zu üben an, und ich habe manchen hochgelahrten Mann gekannt, welcher darin Meister war; sonderlich wenn die Tafel – zu Ende ging. Aber woher jene geheime Neigung des Menschen zu schmutzigen Ausdrücken? Man muß mehrere physische und moralische, – oder besser, unmoralische Ursachen zusammennehmen. Oft kann uns schon die lächerliche Aufmerksamkeit Anderer, die gleich aufhorchen, sobald etwas Schmutziges gesagt werden soll, dazu anreitzen; noch öfter aber liegt der Grund der Anreitzung in dem Lächerlichen, welches ein schmutziges Wort, ein schmutziger Gedanke in sich schließt, obgleich der Grund des Lächerlichen nicht immer nach psychologischen Regeln angegeben werden kann. Manchmahl kann uns auch das lästige Gefühl eines Verbots, wovon wir uns so gern befreien, zu jenen Ausdrücken leicht verführen.

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Die D. G., ein Weib von sehr lebhaftem Geiste und ausgebildeten Verstande, kann sich keinen ihrer entfernten Freunde vorstellen, wenigstens ist nur ein äußerst dunkles Bild von ihnen in ihrer Seele vorhanden; lebhafter und viel deutlicher hingegen kann sie sich Leute vorstellen, welche ihr vollkommen gleichgültig sind, auch nur von diesen, und nicht von jenen, pflegt sie zu träumen.


Es ist uns oft im Traume schlechterdings nicht möglich eine angefangene Handlung zu Ende zu bringen, die doch sonst ohne alle Schwierigkeit zu seyn scheint. Es quält uns, daß wir zaudern müssen, wir entdecken keine Ursache davon, und doch scheinen uns, vermöge eines dunkeln Gefühls, eine Menge Hindernisse im Wege zu liegen. Man will auf die Kanzel steigen; aber in dem Augenblick sehen wir, daß wir noch keine Beinkleider anhaben; man will das vorzulesende Evangelium suchen; – allein es ist nirgends zu finden; man will ein Thema wählen – aber es will uns keins einfallen. So findet der Verliebte oft in der Gegenwart seines Mädchens unübersteigliche Hinderniße, sie zu umarmen, die ihm im Wachen nimmermehr einfallen würden. Warum scheint hier das Handlungssystem der menschlichen Seele zu stocken, einen heterogenen Gang zunehmen, warum handelt sie nicht so, wie sie auf die natürlichste Weise im Wachen [73]handeln würde, wenn alle Umstände so wie im Traume gereihet und gestellt wären? Es lassen sich gewiß hievon mehrere psychologische Gründe angeben, und vielleicht wäre es besser, jeden einzelnen Fall einzeln, als nach allgemeinen Regeln zu beurtheilen. Der vornehmste Grund hievon, so wie überhaupt aller Bilder und Handlungen, die uns im Traume vorkommen, liegt in der Stärke einer unwillkürlichen Ideenassociation. Wir werden alle Augenblicke zu Nebenbildern unserer Phantasie hingerissen, und selten geschieht eine Handlung im Traume, die einige Weile erfodert, nach ihrer ganzen natürlichen Folge, die sie im Wachen haben würde. Oft kann aber auch gerade eine gewisse Mittelidee fehlen, ohne welche in der Handlung des Träumenden nothwendig eine Lücke entstehen muß, wodurch die natürliche Folge der Handlung unterbrochen wird, die wir im Wachen, weil uns jene Mittelidee gegenwärtig war, richtiger beobachten würden. Sollte nicht auch bisweilen ein dunkles Gefühl des Träumenden, daß sein Körper ruhet, nicht den völligen Entwickelungen seiner Plane hinderlich seyn?


Daß die menschliche Seele oft an ihrem eigenen Kummer einen Gefallen findet, ihn lieber zu haben, als nicht zu haben wünscht, [74]lehrt die tägliche Erfahrung. Aber wie ist dieses Phänomen zu erklären, da wir sonst natürlicherweise nichts wollen, als was uns Vergnügen macht? – sollte es nach Home würklich Triebe zu Handlungen in uns geben, die vom Vergnügen oder Mißvergnügen gänzlich unanbhängig sind? – Ich glaube nicht. Unsere Seele befindet sich, wenn sie einen Gefallen an ihrem eigenen Leiden findet, in dem Zustande gemischter Empfindungen. Es schmeichelt ihrer Eitelkeit, ihren Begriffen, die sie von Duldung, und vornehmlich von der Wichtigkeit des Gegenstandes hat, um dessentwillen sie leidet; auch das dunkle Gefühl, wie wohl ihr seyn wird, wenn ihre Leiden sich endigen werden, Zurückerinnerung, wie wohl ihr dabei schon mehrmahls zu Muthe gewesen ist, kann es verursachen, daß sie den Kummer haben will. Man setze: in diesem gemischten Empfindungszustande wären die angenehmen mit dem würklichen Schmerzensgefühl verbundenen Vorstellungen a + b + c + d. u.s.w., und diese würkten mit einer Lebhaftigkeit = A auf die Seele; die unangenehmen Ideen wären aber entweder kleiner als a + b + c + d, oder ihre Lebhaftigkeit und Stärke = B wäre kleiner als A, so wird zwar die Seele immer noch ein starkes [75]Gefühl dieser unangenehmen Ideen behalten; aber sie wird sie nicht wegwünschen, weil sie mit a + b + c + d der angenehmern und mit der Lebhaftigkeit A verbunden sind. Ist der Fall umgekehrt, so ists begreiflich, daß die Seele sich auf die andre Seite neigen und ihren Kummer nicht länger wünschen wird. Man lese hierüber das nach, was Feder in seinen Untersuchungen über den menschlichen Willen I Th. pag. 466 sq. mit der ihm eigenen Deutlichkeit und Beobachtungsgabe gesagt hat. a

Erläuterungen:

a: Feder 1779-1793, Erster Theil, Kapitel V, Abschnitt 119 "Ob der Mensch die Begierde nach Schmerz haben könne, und Neigung sich selbst zu quälen", S. 466-471.