ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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- A - J - K - Bekenntnisse.

- A - J - K -

Ich glaube, daß viele Leser des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde in diesen Bekenntnissen frappante Züge ihres eigenen Herzens antreffen werden. Sie sind mit gewissenhafter Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe geschrieben, und rühren von einem aufgeklärten Manne her, den ich aber nicht nennen darf, weil er sichs ausdrücklich verbeten hat; – errathen wird ihn gewiß niemand.

Aufsätze dieser Art, welche den Menschen mehr im gesunden Zustande seines Denkens und Wollens darstellen, uns nicht blos gewöhnliche Seelenkrankheiten schildern, woraus bisher so wenig erhebliche Resultate für die Psychologie in unserm Magazin gezogen werden konnten, sollen uns künftig besonders willkommen seyn.

Wenn in jenen Krankheitsgeschichten der menschlichen Seele nicht zugleich ihre eigentümliche auf die Natur unserer Vorstellungen gegründete Heilart mit angegeben wurde, wenn man dabei nicht aufmerksam auf den würklichen Ursprung, auf die Analogie, auf den sonderbaren [77] Zusammenhang dieser und jener stätigen oder unterbrochenen Ideenreiche eines Wahnsinnigen oder andern Seelenkranken war, woraus gewisse neue oder noch nicht genug ins Licht gestellte psychologische Wahrheiten erlernt werden konnten; kurz, wenn sie nicht mit dem philosophischen Geiste geschrieben waren, mit welchem uns der Herr Hofrath Marcus Herz seine sonderbare Krankheitsgeschichte im zweiten Stück des ersten Bandes der Erfahrungsseelenkunde, Seite 44 u.s.w. geschildert hat; so konnten sie wohl für die Wissenschaft nicht von großem Nutzen seyn. – – – Doch hier sind die Bekenntnisse.

P.


Eine meiner Hauptleidenschaften, mit der ich zu kämpfen habe; – aber nicht gerne kämpfe, die mich oft unendlich glücklich, noch öfter aber unbeschreiblich unglücklich macht, – ist Ehrgeitz, Sucht nach Beifall, Eitelkeit.

Ich fühle in dem Augenblick ein unnennbar süßes Vergnügen, wenn man mich vorzieht, wenn ein angesehener Mann mit mir in Gesellschaft spricht, wenn man mich mit Aufmerksamkeit anhört, wenn ein Zweiter, Dritter, Vierter meinen Behauptungen, (denen ich oft den Anstrich des Paradoxen zu geben suche,) nachgiebt, nichts mehr darauf zu antworten weiß; wenn ich einem Andern einen Sieg der Vernunft über den Glauben abgewinnen kann; – ein inneres Gefühl von Denkkraft [78]und Selbstzufriedenheit, das ich keinem beschreiben kann. Die ganze Welt wird ein Paradies um mich her, ich fühle mich zu allem Guten stark, ich könnte alles andere verläugnen, wenn nur jene meine ehrgeitzige Leidenschaft genährt und gesättigt werden kann; aber ich gerathe in eine demüthigende Kleinmuth, in einen unglücklichen Zwist zwischen natürlicher Menschenliebe und Menschenhaß, meine liebsten Freunde werden mir unerträglich, wenn man mich verkennt. Schon dadurch bin ich mehr als einmahl in eine innere Wuth gerathen, wenn keiner auf mich Acht gab, wenn ich meine Worte in den Wind sprach, wenn die Gesellschaft sich um einen andern herumdrängte, seine Aussprüche bewunderte, belachte, beklatschte und mich gleichsam ganz vergaß. Oft hab ich mich dann in den entferntesten Winkel der Stube gesetzt, und fest beschlossen, die Menschen auf immer zu fliehen; allein eben die Leidenschaft, die mir dies eingab, trieb mich auch wieder zu ihnen hin, weil ich mir das Gefühl, sich allein zu bewundern, bei allem meinen Ehrgeitze für das armseligste Ding von der Welt hielt.

Ich schätze große Männer, erleuchtete Köpfe unendlich; aber ich kann sie nie ohne Zwang meines Herzens loben, und noch unausstehlicher wird mir oft das Lob, welches ihnen Andere ertheilen. Ich empfinde dabei nicht selten einen unwiderstehlichen Ekel, der mich Stundenlang unglücklich macht; ich wünsche, daß der Lobredner mit sammt seinem [79]Helden nicht existiren möge, ich habe manchem hochgerühmten Mann schon den Tod gewünscht, und habe die Nachrichten von seinen Krankheiten mit einer süßen heimlichen Freude angehört*) 1.

Neid ist gemeiniglich, oder ich will lieber sagen, allemahl der Sohn einer heftigen unregelmäßigen Selbstliebe; es giebt und kann keinen Menschen geben, der von jener Leidenschaft ganz frei wäre, weil jeder Mensch einen Trieb zum Mehrhaben besitzt, und doch kann ich betheuren, daß ich keinen Menschen beneide, welcher auf eine andere Art, als durch Gelehrsamkeit mehr als ich ist. Reichthum, glänzende Bequemlichkeit, sinnlicher Genuß, äußere Pracht, hohe Ehrenstellen, schöne Weiber, – alle diese Dinge haben meinen Neid nie erregt; aber der Gedanke, daß Andere viel mehr als ich wissen, daß ich ihnen nicht nachkommen werde, daß mein Name unter der Menge der Ihrigen vielleicht ewig vergessen wird, liegt oft wie ein Gebürg auf meiner Seele, und verscheucht gleich einem boshaften Dämon die süßesten Freuden meines Lebens.

Von jener Leidenschaft des gelehrten Neides angespornt, mache ich mir oft ein heimliches Vergnügen, die Unvollkommenheiten und Schwächen in den angebeteten deutschen Dichtern und Pro-[80]saisten aufzusuchen, und über sie im Stillen oder in Gegenwart eines Freundes ein unbarmherziges Gericht zu halten. Meine Critik trift vornehmlich die, welche sich – so mittelmäßig sie auch immer seyn mögen – sich (vielleicht durch ihre Mittelmäßigkeit allein) sehr berühmt gemacht haben. Es kostet mir Mühe und Ueberwindung, ihre Blößen nicht öffentlich aufzudecken, und ich kann mich im Voraus schon herzlich auf ein künftiges Zeitalter freuen, welches ihnen die Larve kühn vom Gesicht reißen, und sie der Geißel der Critik übergeben wird.

Gegen diejenigen Menschen, welche mich auf irgend eine Art vorzuziehen scheinen, fühle ich eine unbegränzte Zärtlichkeit meines Herzens. Ich könnte mich für sie ganz aufopfern, ganz für sie leben; meine Dankbarkeit gegen sie erwacht mit mir des Morgens, und ist mein letzter Abendgedanke; ich kann ihnen nichts abschlagen, sie beherrschen mich, und erst der Tod wird meiner unermüdeten Dienstfertigkeit gegen sie ein Ende machen. Wenn ich bisweilen unter dem Gebürge meiner Hypochondrie vergraben liege, wenn ich glaube, daß mich die ganze Welt verlassen und vergessen hat; so eile ich zu diesen mir so schätzbaren Menschen, und hohle bei ihnen Trost gegen den vielfältigen Kummer meines Herzens, dem die Menschen so oft, ach so oft! wehe gethan haben. Ihr freundlicher Blick gießt neues Leben in meine Seele, – ich fühle mich [81]wieder beruhigt; – denn diese wenigstens verachten mich doch nicht.

Hierin liegt eigentlich der psychologische Grund meiner unauslöschbbaren Zuneigung gegen das andere nachgebendere Geschlecht. Es hört mich aufmerksamer an, es bleibt nicht, wie die kalten Männer, taub und stumm bei meinen Klagen, es widerspricht mir nicht, wenigstens nicht auf eine so rüde Art, wie jene, nicht mit der imposanten Miene der Rechthaberei und des gelehrten Stolzes – ein Ding, wovor ich den allergrößten Abscheu habe, – sondern es giebt den meisten meiner Gedanken Beifall, es scheint sich zu freuen, wenn es mit mir auf eine schelmische oder auch ernsthafte Art über Gegenstände der Untersuchung streiten kann. Daher auch meine Bereitwilligkeit, mich von ihm belehren zu lassen, mein starker Glaube an die Güte seines Herzens, und seine Tugend, (ob ich mich gleich hierin nicht selten betrogen habe,) und mein Bemühen – aus Dankbarkeit – mich in seine Launen zu schicken, was mir bei meinem Geschlecht fast unmöglich ist. Nichts unterhält aber meine zärtliche Zuneigung gegen dasselbe mehr, als der Umstand, daß ich es nicht in Absicht seiner Kenntnisse beneide, daß ich es darin vielmehr weit zu übertreffen glaube; – aber das unausstehlichste Geschöpf von allen unter der Sonne ist mir ein Weib, welches eine tiefe Gelehrsamkeit affectirt. Eine Minute in ihrer Gesellschaft wird mir zu einer langen [82]Ewigkeit; ich fühle mich dann oft geneigt über eine solche Unnatürliche laut zu spotten; aber mein Unwille fesselt meine Zunge, meine Begriffe verwirren sich, und ich muß mich entfernen.

Noch denke ich mit Schrecken an die Stunde, die ich einst mit einem solchen von Gelehrsamkeit strotzenden Weibe zubringen mußte. Sie rezensirte einen Pindarischen Hymnus, davon eine bekannte Uebersetzung erschienen war; sie sprach von dem Feuer des Poeten, von seiner Versart, von dem griechischen Heldengesange wie ein Professor der morgenländischen Literatur mit einer so abscheulichen Selbstgnügsamkeit, daß ich alle Geduld verlor, und endlich – fortlief, so willkommen mir ein Gespräch über den Pindar mit einem gescheiten Manne gewesen wäre.

Ich habe schon verschiedene Widersprüche in meinem Character flüchtig berührt. So sehr es meinem Herzen schmeichelt, wenn ich von andern vorgezogen werde, so lieb ich die Menschen habe, die dieses thun; so unangenehm ist es mir, wenn man mich ins Gesicht lobt. Meine Verlegenheit dabei hat nicht selten seltsame Rollen gespielt, welche noch mehr dadurch veranlaßt wurden, daß ich nun auch dem andern etwas Schönes sagen wollte, welches mir erstaunlich schwer wird, wenn ich eine Mannsperson vor mir habe. Ich mag es unendlich lieber haben, wenn ich durch den dritten, vierten Mann ganz von ohngefähr erfahre, daß von mir [83]auf eine mir rühmliche Art die Rede gewesen ist, als wenn man mich gerade ins Gesicht lobt; oft bin ich mißtrauisch dabei, ob auch das Lob Wahrheit und nicht Ironie ist; noch öfter glaube ich, daß mein Lobredner mich nicht genug beurtheilen könne, sein Lob thut mir also gewissermaßen nicht Genugthuung, und ich wünschte lieber, daß er ganz geschwiegen hätte.

Noch sonderbarer ist mir aber die Erscheinung in meinem Character vorgekommen, daß ich nicht selten eine Neigung über mich selbst zu spotten empfunden habe. Es sollte mir nicht die mindeste Ueberwindung kosten, die beißenste Satyre auf mich zu machen; aber ich halte dieß doch selbst wieder für Stolz. Es gefällt mir nehmlich, daß ich dadurch einiges Aufsehen, einige Bewunderung über meine seltsame Laune erregen könnte, nicht zu gedenken, daß uns das Lächerliche an uns oft selbst gefällt, und daß ich von Jugend auf die unglückliche Neigung gehabt habe, an jeder Person zuerst das Lächerliche aufzusuchen; – eine Neigung, welche man ja so früh als möglich bei jungen Leuten schwächen sollte, wenn man sie nicht ganz tödten kann.

Ich habe mein Lebtage wenig Freunde im eigentlichen Sinne des Worts gehabt, es ist mir immer nicht sehr natürlich vorgekommen, mehrere Menschen würklich zu lieben, und ich habe diejenigen oft für halb verrückt gehalten, welche jedem ihrer zahlreichen Freunde mit einer Inbrunst um den [84]Hals fallen können, als wenn sie ihr Mädchen umarmten; ich habe sogar diesen Enthusiasten nie recht getrauet, und sie mir so viel als möglich vom Leibe gehalten. – – – Aber die wenigen Freunde meines Lebens habe ich unaussprechlich geliebt. Einige deren sind schon in eine glücklichere Welt hinübergegangen, meine Seele weint noch um sie, und wird ewig um sie weinen, wenn ich sie nimmer wiederfinden sollte. Ihr Tod hat mich auf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele wieder sehr aufmerksam gemacht ; eine Lehre, deren Gewißheit ich für die spekulative Philosophie einmahl beinahe völlig aufgegeben hatte, – selbst der Meister in der Kunst, abstracte Wahrheiten auf die liebenswürdigste Art zu versinnlichen, Mendelssohn, schien mir falsche Schlüsse aus noch nicht ganz bewiesenen Theoremen gezogen zu haben.

Die Briefe jener Seeligen sind mir noch jetzt ein sehr werthes und liebes Heiligthum; ich kann sie nie sehen, ohne zu weinen, ich schöpfe aus ihnen Trost gegen meine Leiden, und Belehrung zu meinen Geschäften; eine unbeschreiblich süße Wehmuth überrascht mich dann oft, meine Phantasie führt mich auf ihren Fittigen in eine idealische Welt der Vollkommenheit hinüber, wo ich meine Freunde in dem Schooße eines unaussprechlichen Glückes wiederfinde, und unter ihrer Anführung das Universum durchwandle.–

[85]

Bis in mein vierundzwanzigstes Jahr wurde ich von einer Leidenschaft gefoltert, die – ein Jeder kennt, bei welcher aber tausend weniger furchtsam sind, als ich es war, – von der Liebe. Nach dieser Zeit habe ich fast nichts mehr von ihren Stürmen empfunden, obgleich nicht die mindeste Veränderung in meiner Gesundheit vorgegangen war, ich auch gewiß nicht die Ursache davon, wie Cardan (in vita propria) a in der Constellation der Planeten suchen konnte, – kurz, ich wurde auf einmahl gegen die Liebe kalt, und mich interessirte nichts weniger in der Welt als ein – Weib.

Nie ist mir bei aller Lebhaftigkeit meines Temperaments und bei einem nicht geringen Maße von Phantasie der Gedanke eingefallen, ein Mädchen unglücklich zu machen, ob mir gleich dazu oft die Gelegenheiten nahe gelegt wurden. Ich gestehe, daß es bei mir nichtsweniger als ein hoher Grad des moralischen Gefühls oder Religion war, welche mich davon abhielt; – diese Bewegungsgründe haben selten stark auf mich in meiner Jugend gewürkt; aber meine Furchtsamkeit, verbunden mit einem erstaunlich zärtlichen Gefühl des Mitleids gegen gefallene Mädchen, ist der Wächter meiner Tugend gewesen. Selbst die freiwilligen und verachtungswürdigen Schlachtopfer unserer Sinnlichkeit sind für mich ein Gegenstand meines herzlichen Mitleids, – und ich denke noch mit Schrecken meiner Seele an ein solches Mädchen, welches in [86]einem Gasthause einer Anzahl Studenten gleich einer Bachantin mit den wollüstigsten Stellungen in die Arme lief, sich auf ihren Schoos setzte, und endlich mit ihnen verschwand. Es hätte mir wer weiß wie viel geboten werden können, ich wäre nicht mitgegangen. Lange Zeit beschäftigte ich mich einst mit einem statistischen Plane, wie alle Mädchen im Lande, um den Ausschweifungen der Jugend Einhalt zu thun, ehrlich verheurathet werden könnten; – allein mein armer Plan war nichts, als – Ideal.

Man sagt, daß Sprödigkeit ein probates Mittel sei, wodurch unsere Schönen nicht selten männliche Herzen zu fesseln wüßten, – und ihr Betragen scheint sich auf den psychologischen Grundsatz zu beziehen, daß das, was uns schwer gemacht wird, unser Verlangen dennoch nur desto mehr reitzt; – allein nie hat Sprödigkeit eines Frauenzimmers obige Würkung, sondern vielmehr das Gegentheil bei mir hervorgebracht. Ich werde gegen keinen Menschen mehr in Harnisch gebracht, als gegen ein sprödes Mädchen, ich habe dabei oft die Gesetze der Höflichkeit übertreten, und habe mich lieber mit einem alten Weibe unterhalten, als jene Närrinn meiner Unterredung zu würdigen. Ich habe daher auch immer gegen verheurathete Frauenzimmer eine stärkere Zuneigung als gegen Mädchen empfunden, weil jene gemeiniglich das zippe und spröde Wesen abgelegt haben, was diesen so oft [87]eigen ist. – Doch hievon noch viel Besonderes im Folgenden.

Religion und Christenthum ist mir auf keine angenehme Art vorgetragen worden, ich mußte ein theologisches Compendium (voll Unsinn) auswendig lernen, mußte des Abends mit meiner Mutter und meinen Geschwistern lange Tischlieder singen, und nichts war daher natürlicher, als daß mir, wie den meisten jungen Leuten, die Religion bis in mein zwanzigstes Jahr ein völlig gleichgültiges Ding war. Hier sind einige Data, wie ich nach und nach darüber zu denken anfing, und welche Wendung meine Religionsbegriffe annahmen.

Mein Vater war ein Mann von vielen theologischen und philologischen Kenntnissen; aber zugleich ein Feind aller Neuerungen in der Religion – nicht grade deswegen, weil er die Bemühungen der neuern Gottesgelehrten, die Religionswahrheiten durch Philosophie und Critik aufzuklären verachtete, sondern weil er glaubte, daß dadurch bei schwachen Leuten dem Unglauben ein neuer Weg eröfnet würde. Bis in mein achtzehntes Jahr glaubte ich alles, was mein Vater glaubte, und ich kann mich nicht erinnern, daß ich damahls gegen irgend einen Glaubensartikel einen Zweifel gehabt hätte, als gegen den von der Ewigkeit der Höllenstrafen, gegen welchen sich mein Gefühl der Menschlichkeit zu laut empörte.

[88]

Ich hatte noch nicht lange die Akademie bezogen, als ich eine kleine gelehrte Gesellschaft errichtete, worin über Gegenstände der Philosophie und Religion disputirt wurde. Mein Ehrgeitz spornte mich an, jedesmahl einen neuen, und wo möglich, ziemlich paradoxen Gegenstand zum Disputieren vorzuschlagen, worauf ich mich schon immer präparirt hatte; daher ich denn gemeiniglich den Sieg davon trug. Meine Disputirsucht nahm täglich zu, ich bemerkte bald in mir eine Neigung alles zu bestreiten. Das Aufsehn, das ich erregte, reitzte mich noch mehr dazu, und nun saß ich ganze Stunden lang, und sann auf allerlei sophistische Einwürfe gegen gewisse einzelne Lehren der Offenbahrung, ob ich gleich an einer Offenbahrung überhaupt nicht zweifelte, nicht weil ich die Sache für demonstrativ gewiß hielt, sondern weil der Einfluß eines solchen Unterrichts aufs Wohl der Menschheit mir ausgemacht schien.

Meine Zweifelsucht wurde täglich größer, und ich fühlte ein gewisses angenehmes und ehrsüchtiges Vergnügen dabei, daß ich mich von einer Menge geglaubter Wahrheiten nicht überzeugen konnte, die meine Lehrer gar nicht bezweifelten.

Aber lange konnte mein Geist in diesem ungewissen Zustande der Zweifelsucht nicht ausdauren, zumahl da ich kein demonstratives System des Scepticismus in der philosophischen Litteratur vorfand, an das ich mich hätte halten können. Ich [89] bemühete mich daher, das wieder nach und nach aufzubauen, was ich bisher eingerissen hatte.

Nächst der Uberzeugung von meiner eigenen Existenz, die mir durch den Beweis meines Bewustseyns vollkommen deutlich war, schien mir die von dem Daseyn einer ersten Ursache aller Dinge unumstößlich gewiß zu seyn; allein es war mir durchaus nicht möglich, Gott und die Welt in Absicht auf Zeit und Raum von einander zu trennen. Wenn ich gleich beide nicht in Absicht ihrer individuellen Eigenschaften mit einander verwechselte; so hielt ich sie doch für zwei von einander abhängende Begriffe. Gott und die Welt waren nach meiner Meinung gleich ausgedehnt, gleich ewig, und Gott die Seele der letztern, deren Denkkräfte sich ohngefähr so in die Materie, wie die der menschlichen Seele in den Körper ergoßen. Ich war auf alle diese Ideen durch eigenes Nachdenken gekommen. Ich hatte damahls noch nichts von Plato, Timäus Locrus und Spinoza gelesen. – Die Vernunft war mir jetzt das einzige Principium aller Erkenntniß und Wahrheit geworden – – – – – – – – – – Hier müssen wir verschiedene freie Religionsideen des Verfassers der Schwachdenkenden wegen unterdrücken, so lehrreich sie auch für den unbefangenen Denker seyn würden.

Nichts hat meine Phantasie mehr in Bewegung gesetzt, als die mannigfaltigen Hypothesen von der Beschaffenheit eines zukünftigen Lebens. In mei-[90]ner frühesten Jugend hatten schon die Beschreibungen meiner Mutter von den prächtigen, sonnenhellen Kleidern der Seeligen, von ihren Hallelujagesängen, ihren goldenen Kronen und Harfen für mich einen unbeschreiblichen Reitz, und ich beneidete sie oft, wenn sie mir ihre öftern Träume von der Herrlichkeit des Heilandes auf einem Regenbogen, vom jüngsten Gericht u.s.w. erzählte, und ich wünschte nichts mehr, als einmahl einen solchen Traum zu haben.

Als ich älter geworden war, verschwanden zwar nach und nach diese schönen Bilder; aber die Lehre von der Seelenwanderung trat in ihre Stelle, worauf ich zuerst durch eine Erzählung von den Verwandlungen der Menschen in ihnen gleichartige Thiere gebracht wurde. Es war mir immer sonderbar vorgekommen, daß die menschliche Seele nach ihrem Abschiede von dem Körper so grade zu in den Himmelsraum hineinflattern, oder, welches mir noch schwieriger schien, in Abrahams Schoos getragen werden sollte, und ich war daher höchst erfreut, da ich in der Lehre von der Seelenwanderung doch wieder einen Körper vor mir hatte, wo sie hineingesteckt werden konnte. Ich erinnere mich, daß ich hierüber nach und nach in eine Menge der albernsten Hypothesen einer menschlichen Glückseligkeit in den Leibern der Thiere verfiel, und mir war es nicht unwahrscheinlich, daß wir auch in dieser Situation unsres Daseyns eine Menge der richtigsten Erfah-[91]rungsbegriffe erhalten könnten, welche vielleicht in Zukunft in die größere Entwickelung unsrer geistigen Natur keinen geringen Einfluß haben dürften.

Diese Meinungen, welche noch jetzt für meine Einbildungskraft viel Anziehendes haben, brachten mich auf eine andere, daß wir nehmlich lange vor unsrer Geburt existirt haben könnten; und hier fand ich ein neues Feld von Vermuthungen vor mir, das mir ganz unabsehbar schien. Endlich folgerte ich daraus eine ewige Präexistenz meiner Seele, und wer war glücklicher als ich, da ich dadurch alle meine Zweifel über den ersten Ursprung der Menschen besiegt zu haben glaubte! Zweifel, die bei mir aber nachher desto stärker wurden, je mehr ich einsehen lernte, daß uns grade über diesen Punkt die Geschichte nichts sagen könne.

In meinem einundzwanzigsten Jahre fielen mir in dem Hause meines schwärmerischen Freundes zu – in Lavaters Aussichten in die Ewigkeit in die Hände. b Ich habe nie ein Buch mit solchem Heißhunger verschlungen, als dieses, und ohnstreitig ist es wohl das beste, was aus dem glühenden Gehirne Lavaters hervorgekommen ist. Ich las es mehr als einmahl, ich glaubte, indem ich las, daß alles sehr ausgedacht und wahr seyn müsse; ich machte mir von der Schöpferkraft der Seeligen, von ihren Lichtkörpern, von der unendlichen Ausdehnbarkeit ihrer Seelen, und ihrer Zusammenziehung in einen Punkt, von ihrer Durchdringlichkeit, [92]und was Lavater mehr durch seine Einbildungskraft über sie ausgedacht hat, die erhabensten Begriffe; ich hatte Lavatern damahls so lieb, daß ich blos ihm zu Gefallen hätte ein Schwärmer werden können – aber Mendelssohns Phädon riß mich auf einmahl aus diesem Gebiete der Einbildungskraft heraus; sein Beweis von der Unsterblichkeit der Seele, c der mich zwar nicht ganz überzeugte, brachte mich auf die Gedanken, daß wir nach unserm Tode wohl schwerlich gleich so vollkommen seyn dürften, als wie wir es uns gemeiniglich einbilden, und daß unser dortiges Glück, unsere neuen Fortschritte, doch vornehmlich von unserer Selbstanstrengung, wie hier auf der Erde, abhängen müßten.

Eben so gewiß kam es mir nun auch vor, daß ein vollkommner Zustand des Glücks für ein endliches Geschöpf etwas Unnatürliches und moralisch-Unmögliches sey, und daß wir nach unserm Tode vermöge der Natur unsres Geistes noch mancherlei Schmerzen und Leidensgefühlen, selbst zur Beförderung unsrer Fortschritte im Guten, unterworfen seyn würden.

Gegen den Gedanken, daß wir einmahl unsere Freunde wiedersehen würden, fiel mir damahl nicht der geringste Zweifel ein, und mein Glaube daran wurde durch eine der liebenswürdigsten Weiber unterhalten, die ich je habe kennen lernen. Diese schätzbare Frau, welche ewig vor meinen Augen [93]als das schönste und erhabenste Muster der weiblichen Tugend stehen wird, die ich nie zu lieben aufhören werde, ob wir gleich weit von einander getrennt sind, und vielleicht nie in diesem Leben einander wiedersehen dürften, war es, die mich vornehmlich auf eine künftige Wiedervereinigung mit meinen Freunden aufmerksam machte.

Die Unterhaltungen mit diesem himmlischen Weibe über Tod und Ewigkeit rechne ich zu den glücklichsten Augenblicken meines Lebens, – und ihr, ihr habe ich einen sehr großen Theil meiner moralischen Bildung zu danken. Meine Gemüthslage, mein Character war verstimmt, als ich die Akademie verließ, ich schied von ihr mit einer Menge reuiger Empfindungen, daß ich so viele Stunden meines akademischen Lebens müßig zugebracht, und viel viel Zeit mit den armseligen Tändeleien der Liebe verschwendet hatte. Mein erster Gedanke, als ich auf den Postwagen stieg, war ein ernster und gesetzter Mann zu werden. Wie ein Traum lag die ganze Folge meines Studentenlebens jetzt vor meinen Augen; ich kam mir als ein sehr verächtlicher Mensch vor; ich zweifelte, ob ich meinem neuen Amte gewachsen seyn würde; ich bedurfte sehr viele Ermunterungen, um nicht zu verzweifeln, – und ich fand sie in dem Umgange mit jenem edeln Weibe. Tausend weibliche Gestalten hatten schon sonst in mir zärtliche Gefühle hervorgebracht; aber noch nie hatte ich das Herzliche, Innige, Erhebende und [94]Große in meinen Zuneigungen, als jetzt empfunden. Die Frauenzimmer, die ich sonst geliebt hatte, verschwanden aus meiner Seele gleich schwachen Sternen vor dem aufgehenden Lichte des Vollmonds. Sie stand in allen meinen Arbeiten mir vor den Augen, ich hätte um alles in der Welt damahls nichts Böses thun können, um nicht die Freundschaft dieser himmlischen Seele zu verlieren. Meine Liebe machte mich stark gegen jede Verführung der Jugend, und es wäre mir unmöglich gewesen, ein einziges unbescheidenes Wort in ihrer Gesellschaft zu sagen, da sie ein unbegränztes Zutrauen in meine Tugend setzte. So viel auch von Vielen über die sogenannte platonische Liebe gespottet wird, so sehr ich sonst selbst darüber gewitzelt hatte; so geistig war doch jetzt würklich das Gefühl meiner wärmsten Zuneigung gegen die junge Witwe. Ich brachte manchen Abend mit ihr in ihrem Zimmer, oder auf einsamen Promenaden ganz allein zu; aber ich kann mir nicht erinnern, daß ich eine einzige unerlaubte Empfindung gegen sie gehabt hätte. Sie war ein würklich frommes Weib –und ich wurde es in ihrer Gesellschaft auch. Unsere Phantasie nahm ihren Flug gemeiniglich bei unsern vertrauten Gesprächen zum Himmel, und ich wäre der glücklichste Mensch auf der Erde gewesen, wenn sie immer die Führerinn meines Lebens hätte seyn können. Ich trennte mich mit unnennbaren Schmerzen von ihr, [95]und ich glaub, daß ich sie dereinst gewiß in einer andern Welt antreffen werde.

Ich halte es für eine Schwäche meiner Seele, daß ich gegen meine Freunde eine zu leichte Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit besitze, mich nach ihnen zu accommodiren. Ich nehme nach und nach gleichsam ganz ihre Person unwillkürlich an; ich bilde meinen Gang, meine Geberden, meine Stimme, meine Denkungsart sehr leicht nach der ihrigen, – so unausstehlich mir auf der andern Seite der Gedanke einer begangenen Nachäffung ist. Meine Neigung, gefällig zu seyn, hat mich schon zu mancher Thorheit verleitet, mich in sehr unangenehme Verlegenheiten gesetzt. – Ich kann schwerlich einem meiner Bekannten etwas abschlagen, ich verspreche, – und kann hinterher mein Versprechen nicht halten; – ich versprach, ob ich gleich schon in diesem Augenblick einsahe, daß ich nicht würde Wort halten können. Ich habe daher oft von mir hören müssen, daß ich ein leichtsinniger Mensch sey, ob mir gleich in der Welt nichts Bittereres hätte gesagt werden können; schon das Wort Leichtsinn empört mich, und ich gerathe in die allergrößte Verlegenheit, wenn man mir auf die entfernteste Art zu verstehen giebt, daß ich von jenem Fehler angesteckt sey.

Ich danke es der Güte des Himmels, daß sie mich immer in die Hände guter Menschen geführt hat, meine erstaunliche Nachgiebigkeit gegen meine [96]Bekannten würde mich leicht ins größte Verderben gestürzt haben, wenn sie schlechte Menschen gewesen wären. Den meisten Gefahren, verführt zu werden, bin ich durch den Umgang mit vornehmen und gesitteten Frauenzimmern entgangen, die größtentheils älter als ich waren, und eine Art Autorität über mein Herz hatten. Eben dieses Gefühl von Autorität hielt mich zurück, mich verschiedenemahl nicht zu vergessen, als einige meiner Freundinnen mir gewisse Schwächen verriethen, wogegen unser Geschlecht nicht weniger als gleichgültig zu seyn scheint, zumahl wenn die Eindrücke der Liebe durch die Einsamkeit des Orts, durch die völlige Sicherheit, und durch die Lage des weiblichen verführerischen Körpers begünstigt werden. Ich dachte mir immer noch zu lebhaft die Verlegenheit, in welche ich kommen würde, wenn ein Frauenzimmer meine zärtlichen Anträge zurückwiese, und mir vielleicht auf ewig ihren Umgang untersagte; ich schämte mich schon vor den Gedanken einer zu weit getriebenen Berührung des weiblichen Körpers, – und dennoch habe ich nie meine Neugierde unterdrücken können, schlafende Frauenzimmer wenigstens in der Ferne zu beobachten. Ich habe mich dadurch oft in die augenscheinlichsten Gefahren gestürzt, aber ich habe mich lieber den größten Ausschweifungen meiner Phantasie überlassen, als auf eine leichtsinnige Art meine Hochachtung gegen das andere Geschlecht abzulegen, zu beleidigen – selbst da bin ich standhaft geblieben, [97]wenn Frauenzimmer in eine Art Ohnmacht in meine Arme sanken. – –

Meine Eltern waren mir, so lange ich in ihrem Hause wohnte, so wie meine Geschwister, gleichgültige Menschen. Fremde Leute waren mir viel angenehmer, und ich hielt es nicht der Mühe werth, jene zu vertheidigen, wenn sie belästert wurden. Die Hitze meines Vaters war mir oft unerträglich, und wenige seiner Handlungen gefielen mir, so ein vortrefflicher Mann er auch war. Ich habe mir über diese Gleichgültigkeit nachher die bittersten Vorwürfe gemacht, und das Andenken an dieselbe wird mir noch manche heiße Thräne der Reue kosten; – aber ganz anders wurde ich gegen meine Eltern und Geschwister gesinnt, als ich sie verlassen hatte. Kaum war ich einige Meilen von meinem väterlichen Hause entfernt, als mich eine Wehmuth überfiel, die ich nicht beschreiben kann. Ich hätte jeden meiner gegen sie begangenen Fehler mit meinem Blute abbüßen mögen, meine Briefe an sie waren die heftigsten Ergüsse meiner Zärtlichkeit und Liebe. Meinen Vater habe ich nie wiedergesehen, aber sein Bild, wie er mir bei meiner Abreise aus seinem Fenster noch mit seinem weißen Nachtmützchen nach winkte, steht hell und klar vor meiner Seele, und nichts kann es daraus verscheuchen. Die Nachricht von seinem Tode machte mich völlig untröstbar, und oft kommt es mir noch [98]jetzt so vor, als ob sie mir immer von neuem laut ins Ohr riefe, obgleich der gute liebenswürdige Vater schon seit mehrern Jahren in seinem Grabe ruhet. Ach! mit wie viel Thränen habe ich dieses Grab benetzt! welche himmlische Sehnsucht nach dem Seeligen habe ich darauf empfunden; – hätte ich nie an eine Unsterblichkeit der menschlichen Seele geglaubt: so würde ich sie da zu glauben angefangen haben.

Die Gewohnheit, welche alle Menschen mit einem eisernen Zepter beherrscht, und gegen die sanftesten Gefühle des Herzens uns nach und nach ganz gleichgültig machen kann, ist wohl die vornehmste Ursache, warum wir gegen unsere Eltern in unserm täglichen Umgange mit ihnen nicht immer die Zärtlichkeit fühlen, die wir billig gegen sie, als unsere ersten Wohlthäter des Lebens, empfinden sollten; – ein Hinderniß, welches durch den Eindruck, den ihre Fehler auf uns machen, und durch die Züchtigungen, welche wir oft von ihnen empfangen, noch sehr vergrößert werden muß. Trennen wir uns aber von ihnen; so wachen die unterdrückten Gefühle der Sehnsucht und Kinderliebe wieder in uns auf, und wir fangen sie dann nicht selten destomehr in der Ferne zu lieben an, je gleichgültiger sie uns vorher bei einem täglichen Umgange waren. O könnte ich meinen guten Vater noch im Grabe diese Gleichgültigkeit abbitten, könnte ich einen jeden gegen ihn sonst geäußerten unartigen Gedanken, jedes [99]Wort der Rechthaberei, des Trotzes, der übeln Laune, des Muthwillens aus meiner Seele auf ewig vertilgen! Nichts quält mich mehr, als daß ich manchmahl ihm eine bittere Minute gemacht habe; nichts kann mich jetzt mehr gegen einen Menschen aufbringen, als wenn ich sehe und höre, daß er gegen seine Eltern – nur gegen ihr Andenken gleichgültig ist, – ich erbebe, wenn ich daran denke: daß es wohl einmahl meine Kinder gegen mich seyn könnten.

Noch einen höhern Grad der Gleichgültigkeit, als ich sonst gegen meine Eltern fühlte, habe ich lange Zeit gegen meine Geschwister empfunden. Sie hatten mich oft, ehe ich mich zur Wehre stellen konnte, hart behandelt, und die Eindrücke davon konnte ich durchaus nicht in meiner Seele verlöschen. Mein Witz fand tausenderlei Lächerlichkeiten an ihnen, und ich beneidete sie wegen der geringsten Vorzüge, ob ich gleich mich manchmahl heimlich freuen konnte, wenn sie von Andern vorgezogen wurden. Nichts habe ich in meiner Jugend mehr gewünscht, als daß meine Schwestern reiche Männer heurathen möchten, und meine Phantasie war geschäftig genug, mir die schönsten Luftschlösser deßhalb aufbauen zu helfen.

B. am Rhein.

(Die Fortsetzung folgt.)

Fußnoten:

1: *) Doch wahrscheinlich nur in finstern hypochondrischen Launen?
P.