ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Schack Fluurs Jugendgeschichte.

Zweites Stück.
Siehe des vierten Bandes zweites Stück der Erfahrungsseelenkunde.

Pockels, Carl Friedrich

Nach einem zweijährigen Unterrichte in der Dorfschule, worin Schack herzlich wenig gelernt hatte, nahm ihn sein Vater heraus, und fing ihn selbst zu unterrichten an, welches er auch mit einem unermüdeten Fleiß bis zu Schacks akademischen Jahren hin fortsetzte. Schack fühlte sich unbeschreiblich glücklich, daß er künftig nicht mehr in die Dorfschule gehen und unter den Bauerkindern sitzen durfte, welche ihm so weit unter seinem Stande zu seyn schienen. Es hatte ihn ausserdem vom Anfang an tief in der Seele gekränkt, daß er nicht an der großen Schultafel oben an sitzen durfte, sondern unter den ältesten Sohn des Schulmeisters gesetzt wurde; ein Umstand, wodurch sich P.. vornehmlich bei ihm verhaßt machte, und warum Schack seinen über ihn gesetz-[50]ten Mitschüler als einen Feind betrachtete, welcher seinem Stande und seiner Ehre im Wege stünde. Alles dieß hatte ihm die Dorfschule zu dem traurigsten Aufenthalte von der Welt gemacht, und er war daher auch der Erste, der es dem Schulmeister mit einer triumphirenden Miene verkündigte, daß er ferner nicht mehr unter seiner Zuchtruthe stehen würde, ein Glück, welches er noch an dem nehmlichen Tage in dem ganzen Dorfe mit tausend frölichen Luftsprüngen bekannt machte.

Schack wurde also von dieser Zeit an der Schüler seines guten Vaters, und gewiß konnte er keinen thätigern und fleißigern Lehrmeister bekommen als ihn. Anfangs genoß er seinen Unterricht mit zwei seiner Schwestern; bald aber widmete sich sein Vater ihm ganz allein. Es ist unglaublich, wie pünktlich und gewissenhaft der würdige Mann bei dem Erziehungsgeschäfte seines Sohns verfuhr, und wie unerschöpflich seine gute Laune dabei war. Seine Heiterkeit verlohr sich nie, wenn er Unterricht gab, sein Vortrag war äußerst angenehm und lebhaft, seine Aufmunterungen zur Aufmerksamkeit begleitete gemeiniglich ein unschuldiger wohl angebrachter Scherz, welcher zehnmal mehr als ein pädagogisches Schelten ausrichtete, und sein ganzes Benehmen während des Unterrichts flößte Zutrauen, Hochachtung und Liebe ein.

Die gute Laune des Schulmanns, pflegte er immer zu sagen, ist das vornehmste Mittel jun-[51]gen Leuten die Schule angenehm zu machen und ihnen die so natürliche Abneigung vor derselben zu benehmen. »Meine Kinder, sagte er oft, müssen es für keinen Sklavendienst halten, unterrichtet zu werden; sie müssen mit mir gleichsam nur Spaziergänge in den Wissenschaften zu machen glauben.« So heiter und aufgeweckt er aber auch in allen seinen Lehrstunden war, so wenig verlohr er doch dabei sein Ansehn, welches nicht selten bei aufgeräumten Schullehrern der Fall ist. Schack wurde bisweilen durch die fröliche Laune seines Vaters gereizt, mitten in den Lehrstunden muthwillig, und ließ alsdann gern seine Lustigkeit über die gehörigen Gränzen hinausschweifen; aber ein einziger ernster Blick seines Vaters brachte ihn gleich wieder zu sich selbst zurück.

Durch ein immer aufgeräumtes, aber zugleich ernstes Wesen, war es dem guten Vater vornehmlich geglückt, seine Kinder von übeln Launen, und von dem, bei den meisten jungen Leuten gewöhnlichen Hange zum Eigensinn zu heilen, welches noch immer für ein schweres Problem in der Erziehungskunst gehalten wird. »Wenn wir Eltern und Lehrer, sagte er oft, mit unsern Kindern und Zöglingen immer auf eine gefällige Art umgehen, wenn wir unsere Launen — mags doch auch bisweilen Mühe und Ueberwindung kosten — zu ihrer jugendlichen Frölichkeit herabstimmen; wenn wir vornehmlich selbst nie ohne Noth Launen und Eigen[52]sinn gegen sie an den Tag legen: so werden sie uns, selbst bei einiger Strenge, über alles lieben, werden inniges Zutrauen zu uns haben, und hierin muß gleichsam die Arzenei gegen ihren Eigensinn liegen, welcher durch harte Behandlungen eigentlich nur auf einige Zeit unterdrückt, aber gewiß nie ganz ausgerottet wird.«


So feurig und lebhaft der Pastor Fluur vermöge seines Temperaments war, so selten bediente er sich doch harter körperlicher Strafen, wenn Schack Unbesonnenheiten begangen hatte. Er zeigte ihm gemeiniglich mit einigen nachdrücklichen Worten das Unanständige seiner Handlungen, und nahm sich sehr in acht, durch lange moralische Predigten ihn gegen seine jugendlichen Fehler gleichgültig zu machen, welches gemeiniglich die unglückliche Folge des langen unnützen Moralisirens über kindische Unarten zu seyn pflegt. Nur darin beging vielleicht das zärtliche Herz des guten Vaters einen kleinen Fehler, daß er, wenn er Schacks Muthwillen bisweilen ernstlich bestrafen mußte, nachher gleich wieder zu viel herablassende Güte gegen ihn blicken ließ, und ihm hinterher nicht selten ein kleines Geschenk mit Gelde zu machen pflegte.

Es ist in der That eins von den wichtigsten Problemen in der Erziehungskunst, worüber Eltern und Lehrer nicht genug nachdenken können, welcher Strafen, und auf welche Art man sich derselben [53]bei Kindern zu ihrer moralischen Besserung bedienen müsse. Es ist bei der so großen Verschiedenheit der Gemüther, bei der verschiedenen Empfindlichkeit junger Kinder, und bei der oft durchs ganze Leben hindurch würkenden Dauer früherer Eindrücke durchaus nicht gleichgültig, womit, und wie man jene bestraft, und ich bin überzeugt, daß durch eine falsch angewandte Art der Strafen viel mehr junge Leute von Grund aus verdorben sind, als durch jenes zärtliche Nachgeben, welches Eltern so oft gegen ihre Kinder an den Tag legen. Viele Unarten der Kinder sollte man gar nicht, oder nur mit wenigen Worten bestrafen, wenn sie eine bloße Folge ihres Leichtsinns und ihrer Uebereilung sind. Weil Kinder in diesen Fällen nichts Böses gethan zu haben glauben, und weil sie selten schon richtige Begriffe über die Moralität ihrer Handlungen besitzen, die wir oft zu früh bei ihnen voraussetzen; so werden sie leicht Unrecht zu leiden glauben, wenn man sie deswegen bestraft; sie werden sich heimlich über ihre Eltern und Lehrer erboßen; ihre Liebe wird gegen sie in einen versteckten Haß verwandelt werden, und alle ihre Handlungen werden nach und nach in jene unglückliche Heuchelei ausarten, hinter welche sie sich mit einem desto größern Rechte zu verstecken suchen werden, je mehr man ihnen durch unüberlegte Strafen Unrecht gethan hat. Selbst diejenigen Strafen, die Kinder verdient haben, sollte man mit größter Vorsicht wählen, und dabei [54]nachdenken, ob sie auch mit dem zu bestrafenden Fehler in einem gehörigen Verhältnisse stehen. In den Augen der Eltern und Lehrer können sie vielleicht unbedeutend scheinen, können aus guten Absichten so und nicht anders gewählt seyn, und doch in dem Gemüthe junger Kinder die schrecklichsten Veränderungen hervorbringen. Vornehmlich aber hüte man sich doch ja, junge Leute durch Strafen oder auch nur durch Drohungen zur Verzweifelung zu bringen, welches oft leichter geschehen kann, als man glaubt. Die Erschütterungen, welche dadurch das Gemüth eines Kindes bekommt, können für sein ganzes Leben höchst gefährlich werden, und vielleicht auf immer dem Charakter des Kindes eine schiefe Richtung geben. Ich will aus Schacks Jugendgeschichte einen Fall anführen, welcher zwar den letztern Schaden für seinen Charakter nicht hatte; aber ihm eine der entsetzlichsten Entschließungen abzwang, wohin ein verzweiflungsvolles Gemüth gerathen kann.

Schack hatte hintereinander — er war damals ohngefähr zehn Jahre alt — einige Unarten begangen, die würklich ernstlich bestraft zu werden verdienten. Er furchte daher auch dießmal wirklich Schläge zu bekommen; aber er hatte sich geirrt. Sein Vater ließ ihn vor sich kommen, und empfing ihn mit einer äußern Ruhe, die ihn befremdete. Gleich einer Bildsäule stand jetzt Schack da, und erwartete sein Urtheil, indem er einen schüchternen Blick [55]nach dem andern auf seinen Vater warf; im Herzen aber schon froh war, daß sein Vater nicht sehr aufgebracht zu seyn schien. Aber seine Freude dauerte nur wenige Augenblicke, denn nach einer kleinen Pause fing sein Vater also zu reden an, indem er anfangs geflissentlich seinen innern Zorn verbiß: »Ich habe mir bisher alle Mühe gegeben, Dich zu bessern; ich habe oft erstaunliche Nachsicht mit Deinen Unarten gehabt, aber Du bist von Tage zu Tage schlimmer geworden. Dein Muthwille und Ungehorsam übersteigt jetzt alle Gränzen, und ich habe mir nun ernstlich vorgenommen, Dich nicht länger in meinem Hause zu behalten.« Bei diesen Worten überlief Schacken ein eiskalter Schauer, und er fing am ganzen Leibe zu zittern an. »Sieh hier! fuhr er fort, liegen Deine Sonntagskleider, und da steht ein Kober mit Victualien angefüllt. Diese Kleider und diesen Kober sollst Du nehmen, und gleich einem Handwerksburschen in die weite Welt hinein wandern. Wenn die Victualien verzehrt sind, so magst Du andere Leute um Brod ansprechen; aber ich werde mich nicht weiter um Dich ungerathenes Kind bekümmern. Weg aus meinen Augen!« und hier wies er ihm die Thür. Schack war durch diese schreckliche Sentenz außer aller Fassung gebracht, die Worte erstarben ihm auf der Zunge, er hatte nicht einmahl so viel Besinnungskraft, seinen Vater um eine Milderung seines Urtheils zu bitten, und er konnte es [56]auch nicht wagen, da ihm sein Vater mit sichtbarem Zorn im Gesichte gradezu die Thür gewiesen hatte. Er nahm daher seine Kleider und Victualien, indem seine ganze Seele von innerm Groll gegen seinen Vater glühete, und verließ mit einem verbißnen Trotz das väterliche Haus, ohne von jemand Abschied zu nehmen. Rächen willst du dich! dacht' er, seys auf welche Art es wolle. Sein Blut kochte vor Wuth. Er knirschte mit den Zähnen, stampfte grimmig zur Erde, und rannte wie ein wildes Thier davon. Aber an die Stelle seines innern Grolles trat bald eine unbeschreibliche Wehmuth. Ein heißer Thränenstrom brach ihm aus den Augen. Nun glaubt er auf einmahl der unglücklichste aller Menschen geworden zu seyn, die Bilder seiner genossenen jugendlichen Freuden stellten sich ihm der Reihe nach vor, und er glaubte, daß er nun auf ewig sie werde entbehren müssen. Besonders aber erfüllte ihn der Gedanke mit einem unendlichen Schmerz, daß er künftig sein Brod vor den Thüren anderer Leute suchen sollte. Sonst hatte er in seines Vaters Hause Brod unter die Bettler ausgetheilt; jetzt sollte er selbst als ein Bettler unter den Fenstern anderer Leute singen. Er wollte auf die Landstrasse hinaus; aber seine Knieen bebten; er konnte nicht weiter kommen, so sehr drückte ihn die Last, die auf seiner Seele lag, und verkroch sich daher hinter einem Hollunderstrauch an der Kirche, durch dessen Blätter er mit tausend [57]Thränen nach seinem väterlichen Hause blickte, welches ihm jetzt wie ein fürstlicher Pallast vorkam. Nie hat er wieder in seinem Leben so etwas Schreckliches als damals hinter dem Hollunderstrauche gefühlt. Sein Herz wurde von tausend fürchterlichen Empfindungen zugleich gefoltert. Er wollte umkehren, die Kniee seines Vaters umarmen, seiner Mutter sich zu Füssen werfen; aber er befurchte hart behandelt zurück geschickt zu werden. Der wilde, zornige Blick seines Vaters schwebte ihm vor den Augen, und auf der andern Seite das gränzenlose Elend, in welches er sich versetzt sah. Schon erblickte er sich in seiner zerlumpten Bettlerkleidung, hörte hinter sich her die Dorfhunde hetzen, und sah sich als einem von aller Welt verlassenen Menschen hinter einem Zaune sterben. Seine Phantasie war durch alle diese Schreckbilder auf den höchsten Grad gespannt, und in diesen Augenblicken der unbeschreiblichsten Angst gerieth er in dasjenige wilde Gefühl der Verzweifelung, in welcher unsere Natur, vom Schmerz überladen, das erste und beste Mittel ergreift, sich davon auf immer zu befreien, — — er beschloß sich umzubringen, und die Sale sollte sein Grab werden. Mit diesen Gedanken standen auf einmahl seine Thränen still, er richtete sich mit Entschlossenheit auf, fühlte sich auf einmahl stärker als er sich je wieder in seinem Leben gefühlt hat, und ging wüthend nach der Sale zu. Rächen willst du dich, dacht' er aufs neue, und du [58]kannst es auf keine bessere Art thun, als wenn du in die Sale springst; wie wird denn, dacht er weiter, dein Vater um dich jammern, wenn man deinen Leichnam aus dem Wasser gezogen hat, und wie wird er den Augenblick verfluchen, da er dich mit dem vermaledeiten Kober fortschickte. Es war ihm, als ob er seinen Vater neben seiner Leiche lebhaftig stehen sähe. An die Schmerzen des Todes dacht er nicht; — sein Entschluß war einmahl muthig gefaßt, und er hätte ihn wahrscheinlich ausgeführt, wenn ihn nicht ein Bote eingeholt hätte, der ihn zu seinem Vater zurückbringen sollte, und welcher ihm zugleich die Nachricht mitbrachte, daß sich seines Vaters Zorn gelegt habe. Die Empfindungen, die Schack dabei hatte, waren ein sonderbares Gemisch von Freude, daß er nun wieder zu seinen Eltern und Geschwistern, ohne ein Bettler zu werden, zurückkehren durfte, und von versöhnter Rache, daß er nicht von sich selbst zurückgekommen, sondern von seinem Vater ausdrücklich, und wie er glaubte, mit Aengstlichkeit wieder eingeladen war.


Um Schacks ganzen Charakter im Folgenden näher kennen zu lernen, will ich voraus anmerken, daß in ihm vom Anfang seines Denkens an ein heimlicher Trieb zur Ehrbegierde lag, ohnerachtet man ihn in dessen Kindheit nicht besonders angefacht hatte. Diesen Ehrgeitz verrieth er schon bei [59]seinen kindischen Spielen. Ueberall wollte er der Erste seyn, immer befehlen und nie gehorchen, immer anordnen und sich nicht widersprechen lassen. Er hatte die Leute ganz besonders lieb, die den Huth vor ihm abnahmen, so wie er die gar nicht ausstehen konnte, die vor ihm ohne jenes Zeichen der Ehrerbietung vorbeigingen. Wie er etwas größer geworden war, und seine ausgebreitetere Selbstthätigkeit auch seinem Ehrgefühl mehr Nahrung und Stärke gab, leuchtete dasselbe aus allen seinen Handlungen hervor, und er that eigentlich nichts gern, wo er keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Wenn er in der Kirche war, stellte er sich immer dahin, wo er von den meisten Leuten gesehen werden konnte, und strengte seine Kehle oft auf eine widernatürliche Art an, um die ganze Gemeinde zu überschreien, welches er auch täglich bei dem Abendgottesdienste that, welchen seine Mutter mit seinem übrigen Geschwister und dem Gesinde hielt. Um sich bei den unwissenden Bauern ein Ansehn zu geben, that er oft sehr gelehrt, und sprach eine halb Deutsch- und Lateinische Sprache, wohinter sie eine große Geschicklichkeit suchen sollten. Seine kindische Eitelkeit verführte ihn sogar manchmal zu den lächerlichsten Grillen. Er spatzierte z.B. nicht lieber als in hohlen Kornwegen, und freute sich unendlich, wenn der Wind die hohen Kornähren auf die Seite legte, und sie ihm gleichsam ihr Compliment machten. Aus eben [60]jener Eitelkeit wünschte er nichts mehr, als ein großer General zu werden. Stundenlang hörte er oft einem abgedankten Soldaten in seinem Dorfe zu, wenn er von den Schlachten des Königs von Preußen erzählte. Schacks Wangen glühten, er war mit seiner Seele auf dem Schlachtfelde, er ließ den Tod von Glied zu Glied durch die Armeen rasen, und konnte es durchaus nicht leiden, wenn die Oestreicher oder Franzosen auch eine Bataille gewonnen haben sollten.


Ehe ich zu den Methoden komme, nach welchen ihn sein Vater zu unterrichten pflegte, will ich noch einige seiner Vorstellungsarten erwähnen, wie sich Schack in seiner Kindheit allerlei geistige und abstrakte Gegenstände zu denken pflegte. Kinder denken bei den Worten, Gott, Ewigkeit, Dauer, Zeit, Raum, Seele, Unsterblichkeit etc. gemeiniglich gar nichts, weil alle diese Ideen außer ihrem sinnlichen Fassungskreise liegen; nach und nach verbinden sie irgend eine materielle Idee vermöge einer Association sinnlicher Vorstellungen damit, und mit dieser materiellen Idee behelfen sich die meisten Menschen Zeit ihres Lebens. Bei dem Worte Gott dachte sich Schack, wie die meisten Kinder, einen alten Mann mit einem langen Barte auf einem prächtigen Throne mit vielen Lichtern umgeben, so war wahrscheinlich das erste Bild beschaffen gewesen, welches Schack hierüber gesehen hatte. [61]Uebrigens hatte die Idee von Gott für ihn nicht viel Reizendes, sondern vielmehr etwas Furchtbares und Schreckliches, und es kam ihm daher immer besonders vor, daß er nach dem ersten Gebote zu gleicher Zeit Gott fürchten, lieben und vertrauen sollte. Wenn ein Gewitter kam, wurde ihm aber Gott noch fürchterlicher, und man konnte es ihm nicht ausreden, daß Gott nicht aus Zorn, sondern nach einer wohlthätigen Einrichtung der Natur dergleichen Luftbegebenheiten entstehen ließe. Desto liebenswürdiger für Schack war die Idee eines Heilandes. Er wünschte oft nichts sehnlicher, als zu den Zeiten desselben, und mit ihm in Gesellschaft gelebt zu haben. Kein Mensch kam ihm daher auch abscheulicher vor, als Judas, der ihn verrieth, und die Juden, welche ihn getödtet hatten. So oft er die Passionsgeschichte las, wurde er von einer heimlichen Wuth gegen die Juden durchdrungen, und erdachte sich allerlei Martern, die er sie würde haben ausstehen lassen, wenn er Christus oder nur damals ein Feldherr gewesen wäre. Immer verdacht' er es daher auch unserm Erlöser, daß er nicht die Legion Engel vom Himmel kommen ließ, die er gegen die Juden in seiner Gewalt zu haben behauptete. Nächst unserm Erlöser gefiel ihm in der evangelischen Geschichte der römische Hauptmann am besten, der Christum das Zeugniß eines göttlichen Menschen gab: hingegen erschien ihm Petrus in einem kleinen Lichte, so gern er ihn [62]auch immer in seinen Gedanken über alle Apostel hinwegzusetzen suchte, weil Jesus ihn selbst bisweilen vorgezogen hatte. Das einzige, was Schacken an dem Heilande nicht gefiel, war: daß er einmahl zu seiner Mutter gesagt hatte: Weib, ich habe mit dir nichts zu schaffen. Er meinte, so müßte ein Sohn nicht zu seiner Mutter reden.

Von der menschlichen Seele machte sich Schack lange Zeit keinen andern Begriff, als der durch das Bild im Orbispiktus veranlaßt wurde, wo die Seele als eine punktirte menschliche Schattenfigur vorgestellt wird. Er meinte, das Ding, was wir Seele nennen, sei im ganzen Körper, und konnte nicht begreifen, daß sie allein im Gehirn ihren Sitz haben solle, da man doch an allen Theilen des Leibes Gefühl hätte. Unter jener Schattenfigur stellte er sich nun auch jedes Gespenst vor, welches er für irgend eine wiedergekommene Seele hielt. Auf einmahl aber änderte sich sein Seelensystem durch eine sonderbare Erzählung seiner Mutter, und er hielt nun die Seele für eine Art Dunst, welcher sich beim Tode des Menschen in Gestalt eines Wölkchens vom Menschen absonderte und in den unendlichen Himmelsraum überginge. Die Geschichte, welche seinem System eine ganz neue Richtung gab, war folgende:

Schacks seliger Grosvater war im Anfange dieses Jahrhunderts in Wien Hofmeister bei den Kindern eines reichen Banquiers gewesen. Dieser [63]Mann hatte Schacks Grosvater herzlich geliebt, hatte ihn zum Vertrauten seines Herzens gemacht, und in seiner Freundschaft oft Trost gegen die Sorgen gesucht, die ihm von seinem coquetten Weibe gemacht wurden. Diese Frau hatte unter die unselige Klasse von Frauenzimmern gehört, welche ohnmöglich einem Manne treu bleiben, sondern immer mehrere Anbeter haben müssen, unter welchen sie ihr Herz theilen können. Des Herrn von Schiers Gattin, so hieß der Mann, war aber nicht bloß ein coquettes, sondern auch ein wirklich ausschweifendes Weib gewesen; sie hatte das Guth ihres Mannes verthan und an ihre wollüstigen Freunde verschwendet; hatte sich ganze Tage nicht um ihren arbeitsamen Mann bekümmert — und war nur immer allein ihren sinnlichen Vergnügungen nachgegangen. Herr von Schier war ein viel zu sanfter Mann gewesen, um der ganzen Sache durch entschlossene Widersetzung ein Ende machen zu können. Oft hatte ihn Schacks Grosvater im Stillen weinen sehen, und oft hatte er diesem mit einem Gefühl der Verzweifelung seine Leiden geklagt. Endlich hatten ihn Gram und Sorgen so sehr mitgenommen, daß er krank ward. Schacks Grosvater war seine einzige Gesellschaft auf seinem Krankenbette, und er starb auch in seinen Armen, nachdem er noch verschiedenemahl geäußert hatte, daß sein Geist noch nach dem Tode über die Ausschweifungen seines Weibes Ach und Weh schreien [64]würde. Nach einigen Tagen geht Schacks Grosvater in einem Saale des Hauses am hellen Tage spatziren. Seine Seele beschäftiget sich eben mit seinem abgeschiedenen Freunde, und siehe! er erblickt auf einmahl ein kleines blaues Wölkchen, welches sich an der Decke des Zimmers langsam hin- und herwälzt. Er beobachtet sie einige Zeit und folgt ihr nach, wie sie sich gegen das Fenster bewegt; aber in dem Augenblicke verschwindet sie, und er vernimmt ein lautes Ach! obgleich kein Mensch in und neben dem Zimmer gewesen war, — — und was war das für ein Ding, fragte Schack seine Mutter mit einer Neugierde, die ihm im Auge glühte, als sie ihm das erstemahl diese Geschichte erzählte? — Das war die Seele, erwiederte sie, und von Stund an dachte sich Schack die menschliche Seele als ein Wölkchen, welches vom Haupte des Menschen bei seinem Tode aufflöge und von den Engeln im Himmel getragen würde.

Vielleicht bin ich zu weitläuftig gewesen, einige kindische Vorstellungsarten aus Schacks Seele mitzutheilen; allein ich glaube, daß es immer der Bemerkung werth ist, wie der menschliche Verstand sich nach und nach selbst Ideen schafft und seine Denkkraft zu äußern anfängt. So kindisch auch immer die ersten Vorstellungsarten der menschlichen Seele zu seyn pflegen, so siehet man doch immer daraus, daß sie sich schon frühzeitig an eine Kunst zu schließen gewöhnt, und ehe sie noch ihre Regeln [65]kennt, gleichsam durch einen innern Denkinstinkt ihren geistigen Wirkungskreis auszudehnen sucht. Vornehmlich lernt man auch aus solchen Beobachtungen, daß die menschliche Denkkraft durch einen in alle ihre Vorstellungen verwebten Hang zum Vergleichen sich am ersten aus dem Schlummer der Kindheit erhebt, und die Seele dadurch zum Bewußtseyn ihres eigenen Daseyns gelangt. Die Begriffe vom Verhältniß des Großen und Kleinen sind gleichsam die Urbegriffe der menschlichen Seele, ohne die sie sich anfangs nichts denken kann. Eine Gewohnheit, die ihr nach und nach so natürlich wird, daß sie keine deutliche Vorstellung von irgend einer Sache, selbst von abstrakten Gegenständen, haben kann, ohne sich dabei ein gewisses Maaß, eine Größe, eine Art Gränze zu denken. Wenn das Wesen der Seele ins Denken gesetzt wird, so könnte man eben sowohl sagen, daß das Wesen des Denkens, Vergleichen sey. Ein Satz, welcher offenbar dadurch aus der Erfahrung bewiesen werden kann, weil wir uns keine einzige ganz isolirte für sich bestehende Idee denken können, sondern bei unsern subtilsten Abstraktionen immer an die Analogie irgend einer ähnlichen Idee gebunden sind.


Schacks Schuljahre waren ohnstreitig die angenehmsten seines Lebens. Den Sommer hindurch gab ihm sein Vater in einer Stube Unterricht, von welcher man die vortreflichste Aussicht auf eine [66]weite Aue hatte. Vor ihr schlängelte sich die Saale in majestätischen Krümmungen zwischen lachenden Ufern hin, und verlor sich endlich zur Linken hinter dicken Eichenwäldern. Zur Rechten lag eine reitzende waldigte Insel, an deren einer Seite sich die Saale über einen Mühldamm rauschend hinwegstürzte, und von weiten das angenehmste Gemurmel verursachte. Ohngefähr hundert Schritt vor der Schulstube stand die neue Dorfkirche mit ihrem alten Thurme auf einer Anhöhe, und hinter ihr eröfnete sich ein paradiesisches Thal, welches von einer Menge sächsischer Dörfer, und weiter hin von einem großen Tannenwalde umkränzt wurde. In dieser Stube war es, wo der alte würdige Vater, dem die Natur das feinste Gefühl für die Schönheit ihrer Werke mitgetheilt hatte, seinen Kindern die großen Wahrheiten der Religion und Tugend einflößte, und wo sein Unterricht im Angesicht der schönen Natur täglich neue Reitze gewann. Schacks Seele ergreift jedesmahl eine unbeschreiblich süsse Wehmuth der Freude, wenn er sich auf jenes Plätzchen zurückdenkt, das sein Vater zum Unterrichte für ihn gewählt hatte. Er glaubt den reinen Aether noch einzuathmen, den er durch die offenen Fenster der Schulstube erhielt; noch hört er das ferne Geschrei der weidenden Heerden auf den seinem Schulzimmer gegenüberliegenden Wiesen, und das fröhliche Gekreisch der Bäuerinnen, welche jenseit der Saale die hohen Heu-[67]haufen thürmten. Noch sieht er mit innigster Freude die mit Steinkohlen beladenen Schiffe langsam die Saale hinunterfahren, und nie wird er die süssen Stunden vergessen, in welchen ihn sein guter Vater auf die liebreichste Art mit den Schönheiten der Natur bekannt machte. — O! es ist unbeschreiblich, welche wohltäthige, für das ganze Leben des Menschen wirksame Eindrücke der frühe Umgang mit der Natur in der Seele zurückläßt. Dieser Umgang eröffnet unser Herz zur Menschenliebe und Freundschaft, und giebt ihr eine Kraft und Stärke, die sie schwerlich durch eine finstere zwischen Mauren gelehrte Moral erhalten wird. Wer früh mit der schönen Natur vertraut umgehen lernt, wird die künftigen Leiden des Lebens nicht halb so sehr fühlen, als sie diejenigen fühlen müssen, welchen der Anblick der Schöpfung, dieses bezaubernde Erheiterungsmittel der Seele, keine einzige angenehme Empfindung einzuflößen vermag. Eltern und Lehrer! ich kenne keine größere Pflicht, die euch bei dem großen Erziehungsgeschäfte des Menschen obliegt, als eure Zöglinge mit den großen und kleinen Werken der Natur so frühzeitig als es geschehen kann bekannt zu machen. Was ihr darin versäumt, könnt ihr vielleicht nie wieder einhohlen. Begleitet doch ja recht oft eure Kinder auf lehrreichen Spatziergängen durch fruchtbare Felder und lachende Wiesen. Hier gebt ihnen Unterricht von den allen Menschen so anständigen Be-[68]griffen des Ackerbaues; hier flößt ihnen die erhabnen Wahrheiten von einer allgütigen Gottheit ein; hier zeigt ihnen auf eine anschauliche Weise, daß Alles, was Gott geschaffen, gut sey, und daß der, welcher alles so gut gemacht hat, welcher vornehmlich dem Menschen eine so schöne Welt zum Wohnplatze anwies, mit Recht unsere innigste Liebe verdiene, — und ihr werdet uns gewiß bessere Menschen, als zwischen euren finstern Wänden bilden, wo ihr so leicht eure eigene Heiterkeit verliert, und die Schule zu einem Sklavenstande eurer Kinder macht.


Schacks Schulstunden fingen Morgens um sieben Uhr mit einem kurzen Gebet an, welches für Schacks Herz bei offenen Fenstern, gegenüber die Kirche mit den um sie herstehenden Leichensteinen und den ruhig in Blumen liegenden Grabhügeln, allemahl etwas sehr Feierliches hatte. Oft stieg alsdann in seiner Seele eine stille Sehnsucht nach seinen Geschwistern auf, welche schon vor seiner Geburt aus der Welt gegangen waren; aber oft drang ihm auch mitten im Gebet ein Dolchstich durchs Herz, wenn er sichs dachte, daß er einst einmahl das Grab seines guten Vaters dort auch werde liegen sehen. Ein banger, schwermüthiger Gedanke, der vornehmlich alsdenn in ihm sehr lebhaft wurde, wenn sein Vater eine Leiche nach dem Kirchhofe begleitete.

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Nach jenem Gebet wurde sogleich eine kurze Wiederholung der Lectionen des vorigen Tages angestellt. Schack mußte hier unter Anführung seines Vaters eine Uebersicht über den jedesmaligen Zuwachs seiner neuen Ideen halten. Eine Methode, die gewiß sehr vernünftig war, indem sie nicht nur die Aufmerksamkeit des Schülers beförderte, sondern auch nach und nach einigen Zusammenhang in das Gebäude seiner Begriffe brachte. Fluur war sehr für ein genaues Repetiren des Gelernten; aber gar nicht für jenes unsinnige Zusammenpfropfen von Schulkenntnissen, wobei es im Kopfe selten helle wird. Nichts lag dem guten Vater mehr am Herzen, als seinem Sohne von allen ihm vorkommenden Dingen, so viel möglich, deutliche Begriffe beizubringen, und ihn ans Selbstdenken zu gewöhnen. Um hierin seinen Verstand zu üben, gab er ihm täglich einen oder mehrere körperliche Gegenstände auf, deren einzelne Merkmahle er aufsuchen, und endlich aus den wesentlichsten eine Definition des Ganzen zusammensetzen mußte. Diese logische Uebung, welche auch der Herr von Rochow unter seinen Bauerkindern zur Schärfung ihres Verstandes mit dem glücklichsten Erfolg eingeführt hat, ist von unläugbarem Nutzen, so wenig sie auch in den meisten Schulen gebraucht wird. Sie befördert den Beobachtungsgeist junger Leute, die gemeiniglich Alles nur obenhin ansehen, und lehrt sie nach und nach Selbster-[70]findungen anstellen, wobei das Kind nicht leicht ermüdet, eben weil es selbst zu erfinden glaubt. Diese Uebung setzte der alte Fluur bald nachher mit geometrischen Figuren fort, aus deren Construktion er seinen Schüler die Euclidischen Sätze auf die leichteste Art zu folgern lehrte. Schack bekam von seinem Vater schon im zehnten Jahre einen wöchentlichen Unterricht in der Mathematik und Astrologie, eine Wissenschaft, zu welcher Schack eine ausserordentliche Neigung verrieth, auch bald darauf den Bauern des Dorfs darin Unterricht gab.

Nach jener Wiederholung seiner Lectionen verließ Schack die Schulstube, um seinem Vater einige Zeit zu seinen übrigen litterärischen Geschäften übrig zu lassen. Um neun Uhr fing der Unterricht wieder an, und es wurde nun ein Lateinischer Autor vorgenommen. Sein Vater hatte die besten Lateinischen Schriftsteller mehr als einmahl durchgelesen, so wie überhaupt die Alten seine Lieblingslektüre ausmachten. »Hier finde ich Perlen und Gold, pflegt' er zu seinen gelehrten Freunden oft zu sagen, was ich in den neuern Schriften nicht, wenigstens nicht so häufig finde; die Deutlichkeit, Correktheit und Ordnung der Gedanken, die hinreißende Schönheit des Styls, die männliche Kraft zu denken, wodurch sich die Alten so sichtbar auszeichnen, und worin sie immer unsere Muster bleiben müssen, scheinen selbst den besten Deutschen Schriftstellern nicht ganz zum Theil geworden zu [71]seyn.« Man kann leicht daraus abnehmen, wie sehr es sich der gute Vater angelegen seyn ließ, seinen Sohn frühzeitig mit diesen großen Quellen menschlicher Kenntnisse bekannt zu machen. Die besten Stellen, die er während des Erklärens eines Lateinischen Autors fand, wurden gleich angestrichen, und Schack mußte sie auswendig lernen, so daß er schon im zwölften Jahre eine Menge der vortreflichsten Stellen aus dem Phädrus, Cicero und Terenz auswendig herzusagen wußte.

Unter den Lateinern gefiel unserm Schack keiner so sehr als Terenz. Der Dialog des alten Comikers war seiner Einbildungskraft viel angemessener, als die trockenen Schriften des Cicero. In der That hat auch Terenz in der ganzen Art sich auszudrücken, in der Wahl seiner Bilder, in seinem natürlichen, nie überspannten, Witz, und in der Schilderung menschlicher Charaktere und Empfindungen so etwas ausserordentlich Hinreißendes und Einladendes, daß er leicht junge Leute fesselt, und in den Schulen fleißiger gelesen werden sollte.

Auf die Lateinische Stunde folgte eine andere, welcher Schack die meisten brauchbaren Kenntnisse zu danken hat, und an die er immer mit dem größten Vergnügen zurückdenken wird. In dieser Stunde pflegte der alte Fluur seinem Sohne die für ihn gemachten Auszüge aus den besten Deutschen Schriftstellern vorzulesen, welche er sich, da seine Pfarrstelle nichts weniger als einträglich war, [72]von seinen gelehrten Freunden zu leihen pflegte. Der fleißige Mann nutzte jedes Stündchen zu jenen Auszügen, und bei seinem Tode fanden sich einige Dutzende Bände, die mit Auszügen aus den besten Deutschen Autoren angefüllt waren. Sulzers und Bonnets Schriften über die Natur machten vornehmlich tiefe Eindrücke auf Schacks Seele, er verschlang jedes Wort darin, und wünschte nichts mehr, als dereinst einmahl so vortreflich, wie diese Männer, schreiben zu können. Er ahmte ihre Sprachausdrücke in seinen Deutschen Ausarbeitungen nach, und konnte es durchaus nicht leiden, wenn sie ihm von seinem Vater, weil sie wahrscheinlich an der unrechten Stelle angebracht waren, mit rother Dinte durchstrichen wurden.

Ueberhaupt waren die Stunden, in welchen sein Vater seine Exercitien corrigirte, die peinvollesten seines Lebens. Es drang ihm durch die Seele, wenn die Geburten seines Verstandes mit rother Dinte so unbarmherzig durchstrichen wurden. Sein Herz pochte bei jedem Federstriche seines Vaters, und er knirschte oft heimlich mit den Zähnen, wenn es sein Vater, wie er glaubte, zu arg machte; unbeschreiblich war hingegen seine Freude, wenn er ein Perge! bekam. Gab es ihm sein Vater nicht, so setzte er es oft selbst unter seine Ausarbeitungen, oder schrieb die Worte darunter: ut aliquid dixisse videatur, weil er meinte, daß sein Vater nur oft aus übeler Laune corrigirt hätte.

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Schack hatte von Jugend auf eine unersättliche Begierde zum Lesen, und diese seine Lesewuth, um mich so auszudrücken, fiel zuerst auf die Geschichten des alten Testaments, welche man in der That sorgfältiger vor den Händen junger Leute verwahren sollte. Es ist unausbleiblich, daß nicht dadurch mancherlei unreife und unanständige Ideen in die Seele junger Kinder gebracht werden, und daß jene Geschichten ihre Neugierde nicht auf eine gefährliche Art reitzen sollten. Ich spreche hier vornehmlich von denjenigen Histörchen des alten Testaments, welche die Schamhaftigkeit beleidigen, und am liebsten von jungen Leuten gelesen werden. Schack verstand den eigentlichen Sinn der Geschichte des betrunkenen Lots, der Thamar und der Reinigungsgesetze der Juden zwar nicht; aber er war äußerst neugierig dahinter zu kommen, und es durchkreutzten seine Seele hunderterlei alberne Vorstellungen, welcher Sinn dahinter stecken möchte. Seine Eltern wagte er nicht zu fragen, weil er es für unanständig hielt; aber er verzweifelte doch nie irgend auf eine Art einmahl dahinter zu kommen. Er hatte von ohngefähr gehört, daß sein Vater in seiner Bibliothek ein ganz besonderes Buch verborgen habe, worin allerlei Misgeburten abgemahlt, und Regeln für angehende Hebammen enthalten wären. Nichts wünschte er mehr, als dieses Buch zu sehen und zu lesen, weil er darin ohnstreitig [74]einige Aufschlüsse über die Ehestandsgeschichtchen des alten Testaments zu finden hofte; allein alles Suchens ohnerachtet fand er das Buch nicht, hatte auch nicht Zeit genug, den ganzen Bücherschatz seines Vaters durchzuwühlen. Endlich war sein Vater einmahl verreist. Jetzt meinte Schack müßte er die Gelegenheit nutzen, um Buch für Buch zu durchblättern. Er fing bei den Duodezbänden an, a und hatte bereits eine ziemliche Anzahl durchsucht, als er zu seiner unaussprechlichen Freude hinter den Büchern das längst gewünschte Buch fand. Er zitterte vor Freude und Neugierde, als er es in seinen Händen hielt, sah und hörte nicht mehr, und verkroch sich in einem Winkel der Stube, um den neugefundenen Schatz näher kennen zu lernen. Die fürchterlichen Misgeburten, die darin mit Schweins- und Elephantenrüsseln abgezeichnet waren, erschütterten ihn zwar anfangs; aber diese waren es nicht eigentlich, was er suchte. Er hatte sich nun einmahl die Vorstellung gemacht, daß darin alle Geheimnisse des Ehestandes vorkommen müßten, er irrte sich; indessen glaubte er doch durch dieses Buch mehr Licht über eine Sache bekommen zu haben, wonach alle Kinder eine unersättliche Neugierde verrathen. Nachdem er die Hauptartikel des Buchs durchlaufen hatte, versteckte er das Buch wieder an seine Stelle, und beschloß es nächstens mit mehrerer Aufmerksamkeit durchzulesen. So unbedeutend der ganze Umstand in Schacks Ju-[75]gendgeschichte zu seyn scheint, so wichtig wurde er in Absicht seiner Folgen, die vielleicht bei der Fortsetzung dieser Geschichte zu vielerlei psychologischen Betrachtungen Anlaß geben können, wenn anders dieser ganze Roman fortgesetzt zu werden verdient. —

(Die Fortsetzung folgt.)

Erläuterungen:

a: Duodez: Das kleinste Buchformat, bei dem der Papierbogen in zwölf Blätter gebrochen wurde (DWb Bd. 2, Sp. 1566).