ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

Seidel, Johann Friedrich

1.

** Dessen ich im 2ten Stücke des ersten Bandes S. 112 erwähnte, hat sich in den verfloßnen drittehalb Jahren fast um nichts geändert. Auf seinem Gesichte sieht man noch die schuldlose jugendliche Freude, die man allen Menschen wünschen möchte. Fast immer bemerkt man ein Lächeln an ihm, so sanft und so gefällig, daß man es, bei ihm wenigstens, lieber siehet, als wenn es mit mehr Ernst vermischt wäre. Er ist beständig froh und heiter. Eine Kleinigkeit, womit er tändelt, eine freundliche Anrede scheint ihm noch alles zu seyn, was seines Wunsches werth ist. Aber eben daher ist er auch in seinen Kenntnissen wenig weiter gekommen. Er findet es noch nicht wichtig genug, sich anzustrengen, und stundenlang seine Gedanken und seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu heften, deren Nutzen er nicht einsieht, und alle Vorstellungen darüber scheinen ihm gar sehr unbedeutend zu seyn. Indessen hört er sie aufmerksam und mit innerer Behaglichkeit an, etwa wie er ein Feenmährchen an-[117]hören würde, wobei er weiter nichts zu thun hat, als aufzumerken und es dann allenfalls wieder zu vergessen. Wenn aber etwas Interesse für ihn hat, wenn etwas grade für ihn erheblich ist, dann sieht man ihm die ganze Neigung an, die ihn beseelt, recht viel von dieser Sache zu hören. Dann scheint sich sein Körper vorwärts zu neigen, gerade als ob er mehr von der Sache hören könnte, wenn sein Ohr sich dem Schall der Worte mehr genähert hat. Er fragt alsdann nach demjenigen, was er nicht recht verstanden hat, oder was er etwa außerdem davon wissen möchte. Auch erzählt er gern, was er schon davon gehört hat.

Beschäftigt muß er immer seyn. Ehe man sichs versieht, hat er mit seinem Mitschüler ein Gespräch angefangen, oder er hat kleine Spielwerke, die ihn zerstreuen, die seinen Beifall und keinen geringen Werth für ihn haben, auch wenn sie weiter niemand bemerkt und niemand schön findet. Es ist nichts seltenes, daß er über dergleichen Tändeleien ein kleines Gelächter erhebt, und es dann, obgleich etwas beschämt, aber doch treuherzig genug gesteht, wenn man ihn nach der Ursach davon fragt. Ein Verweis darüber ist ihm empfindlich; seine Scham wird sichtbar und endigt sich gemeiniglich mit Thränen, die ihm schnell entstürzen. Und dann scheint er alles feiner und stärker zu empfinden. Erinnerungen fruchten nun mehr und prägen sich tiefer bei ihm ein, als sonst. Ein Blick eines seiner Mit-[118]schüler, auch wenn er noch so gleichgültig wäre, dünkt ihn Beleidigung zu seyn, und er will wenigstens in der ersten Hitze ihn dafür bestraft wissen. Aber schnell ist alles vorüber. Seine Munterkeit ist wieder da; er hat alles vergeben und vergessen, so wie er glaubt, man habe eben dasselbe gethan, und wisse nichts mehr von dem, was so eben mit ihm vorgefallen war. Sein Auge ist hell, aber etwas schalkhaft. Alle seine Unarten sind ohne Tücke und grenzen ans Kindische. Wenn ihn irgend jemand einer leichtsinnigen Handlung beschuldigt, so will er sich rechtfertigen, aber indem er etwas hervorbringen will: so geräth er ins Stecken, er spricht einige abgebrochne, nicht ganz zusammenhängende Worte, schweigt plötzlich still und fängt zu weinen an, nicht aus Unwillen, daß er nichts zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß, sondern aus Empfindung des Unrechts, das er gethan hat.

Ich hoffe noch immer, wenn sein Charakter etwas fester und bestimmter geworden ist, viel Gutes, sowohl von seinem Verstande, als auch von seinem Herzen.

2.

** Ein Knabe, ungefähr von neun Jahren, hat in seinem Gesichte viel Angenehmes. Seine Lebhaftigkeit ist mit freundlichem Ernst vermischt, und beides wird durch eine Offenherzigkeit, die immer sehr [119]sichtbar bleibt, ungemein verschönert. Seine äußern Bewegungen haben etwas Gefälliges, Ungezwungenes, und entfernen sich ungeachtet seiner Munterkeit nur äußerst selten von der Grenze des Schicklichen. Er hält viel auf Ordnung, auf Reinlichkeit, ohne es im geringsten merken zu lassen, daß er deshalb mehr thue, als er eigentlich thun müsse. Er ist durch einen Blick zu regieren. Sein Kopf ist voll Anlage, und seine Wißbegierde und Achtsamkeit scheint für sein Alter überaus groß und uneingeschränkt zu seyn. Sein Auge ist fast immer auf den Lehrer geheftet, und seine Mitschüler scheinen ihm dann zu unbedeutend zu seyn, als daß sie ihn stören und seine Aufmerksamkeit oder seinen Unwillen, nachdem es kommt, auch nur eine Minute lang auf sich richten sollten. Es ist, als ob alles in seiner Seele rege und thätig würde, wenn ihn etwas vorzüglich interessirt; und, wie gesagt, alles ist ihm wissenswürdig. Sein Auge glüht, seine Minen werden vollzähliger, und sein ganzer Körper geräth in Bewegung, wenn er eine Frage, die einem andern vorgelegt wird, beantworten kann, und sie doch gerade jetzt nicht beantworten soll. Er will in dem Augenblicke Herr und Meister über diese seine Begierde seyn, und er wird es mit großer Anstrengung, nur daß im ersten Kampf mit sich ein Laut, ein Ach! oder: Ich weiß es, fast unwillkührlich herausströmt; oder er wendet sein Auge schnell zu dem Antwortenden, nicht als ob er eine Ant-[120]wort hören, sondern zugleich sein Urtheil über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit derselben sagen sollte. Wenn er selbst gefragt wird: so ist Freude und Anstrengung gleich groß. Weiß er nicht gleich zu antworten: so ist es, als ob er nach einer Sache sähe, die in einer großen Entfernung von ihm ist. Bei dem kleinsten Geräusch andrer zeigt er dann eine Art von Unwillen, und mehr als einmal pflegt er durch sein: Still doch! alles rund herum in Ruhe zu bringen, damit er nur jetzt ungestört nachdenken könne. Irgend etwas weiß er immer zu antworten, und selten ist es etwas ganz Unrichtiges. Seine Aufmerksamkeit ist schlechterdings nicht von der gemeinen und gewöhnlichen Art, sondern immer mit Nachdenken verbunden. Es kommt mir vor, daß er sich selbst schon gewisse Gesetze gemacht habe, wie er seine Kenntnisse vermehren und Wahrheit finden wolle; und das sind diese zwei: bei einigen Dingen Schwierigkeit auf Schwierigkeit zu häufen, um zu sehn, ob sie alle gehoben werden können; und dann: Dinge zu vertheidigen, gleichsam um andre geneigter zu machen, ihre Einwendungen dagegen vorzubringen. Als ich einmal gesagt hatte, daß man auf einem hohen Berge die dunkeln Wolken unter sich habe, und wie durch einen Nebel nach der Erde sehn müsse: so fiel ihm mit einemmale der Gedanke ein, wie man wieder herunterkommen, wie man den Weg wieder finden und vermeiden könne, daß man nicht herunterfalle, [121]und er wußte dies, durch seine eigne Aengstlichkeit dabei, recht eigentlich erheblich zu machen. Am Ende freut er sich dann über Belehrung und Aufklärung. Ein andermal, da ich vom Nutzen des Regens in Ansehung der Feldfrüchte redete, meinte er, daß man die Felder ja begießen könnte; und bei jeder Erklärung, wie mühsam und fast unmöglich dies sei, wußte er für seine Meinung immer neue Gründe, neue Stützen zu finden. Man könne ja Spritzen oder Schläuche gebrauchen, und auf die Art oft und schnell begießen, damit die Feuchtigkeit in die Erde eindränge. Als ich von dem Unglück sprach, das ein Wolkenbruch verursachen könnte, hatte er gleich Menschen, Kähne, und große, lange, starke Thaue in Bereitschaft, um die Unglücklichen in Sicherheit zu bringen, oder er ließ sie die Kunst zu schwimmen verstehn, und sich auf die Art retten. Und bis jetzt wenigstens ist dieses weder Zweifelsucht noch Eigensinn bei ihm, sondern Streben, das zu begreifen und zu behalten, was er hört. Auch fällt er nicht auf fremde Gedanken, sondern immer hält er sich an das, wovon die Rede ist. So einen Schüler muß man lieben; so einen Schüler muß man aber auch, wie ich denke, vor andern herausheben, ihn ohne Nachtheil andrer mehr beschäftigen, ihn genauer ins Auge fassen, da er sich selbst so gern, so ganz und unverstellt sehen läßt.

Seidel.