ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: IV, Stück: 3 (1786) > 4. Fragmente aus dem Tagebuche des verstorbnen R***.

4.

Fragmente aus dem Tagebuche des verstorbnen R***.

R***

Ich bin der Sohn eines Predigers, in einem Lande gebohren, wo die Aufklärung noch in ihrem ersten Keimen liegt; und vielleicht zu einer Pflanze [34]nie gedeihen wird. Mein Vater wurde mir, noch ehe ich den süssen Vaternamen aussprechen konnte, entrissen, und ich blieb unter der Pflege einer zärtlichen Mutter, die bey dem besten Willen weder Geschicklichkeit genug besaß, mir richtige Begriffe von Gott und der Welt einzupflanzen, noch nach ihrer Lage und den Umständen des Orts sie mir konnte durch andre geben lassen. Bis in mein achtes Jahr wurde ich einem Lehrer überlassen, der mir mit dem Stock in der Hand Tugend und Christenthum nachdrücklich genug einzuprägen suchte. Diese Lehrart wirkte dermaßen auf meinen Körper, daß ich noch die Folgen davon empfinde, und weil meine Mutter selbst zu besorgen begann, ich möchte in dieser Schule eher zu einem Krüppel als zu einem Ritter und vernünftigen Mann geschlagen werden, so sah sie sich genöthigt, mich aus dieser Schule, wo alles auf eine höchst empfindliche Weise versinnlicht und fühlbar gemacht wurde, wegzunehmen. Ein wohlthätiger Freund, der Rektor einer benachbarten kleinen Stadtschule, nahm mich zu sich, verschafte mir Stipendien und Tische in der Stadt, und sorgte väterlich für mich. Er unterrichtete seine Schüler im Christenthum nach einem elenden Katechismus, schlug selten einmal um sich, und sah es gern, wenn wir im bloßen Kopf im Freyen herumliefen, auf Mauern kletterten, uns packten, Soldaten spielten, auf dem Eise klannerten u.s.w., wenn wir uns nur nicht miteinander zankten, und [35]unsre aufgegebnen Lektionen, welche in Auswendiglernung von Sprüchen und Vokabeln oder in Uebersetzungen aus Langens Colloquien bestanden, alle Tage gelernt hatten. War dieses nicht geschehen, dann setzte es freilich Verweise, und, waren diese fruchtlos, auch Schläge. Bei dieser Lehr- und Erziehungsweise befand ich mich immer noch besser als bei der erstern. Besonders wurde mein Körper so abgehärtet, daß ich, da ich nie Frost und Hitze, Regen und Schnee und alle mögliche Strapatzen scheute, mir so wenig Kränklichkeiten dadurch zuzog, daß ich vielmehr diesen Uebungen eine unerschütterte Gesundheit verdanke. — Dieß waren denn aber auch alle Vorzüge, die ich genoß. Außer dem Katechismus, Bibel, Nepos und Phädrus kannten wir kein andres Buch, es sei denn die Geschichte der Feen, woraus ich zuweilen meiner Wohlthäterin vorlesen mußte! Von der Natur, von Gott und der Tugend kannten wir nichts, als was uns der uns nur allzuunverständliche Katechismus sagte. Doch lehrte mir meine Vernunft Dankbarkeit gegen meine Wohlthäter, die ich denn auch wiewohl ganz mechanisch übte. Man konnte mich zu allem brauchen. Das Ansehen meiner Vorgesetzten war bei mir so groß, daß man mir etwas Böses hätte befehlen können, wie auch einmal der Fall war, und ich hätte es ohne es zu beraisonniren treufleißig ausgeübt. Daher machte man sich denn meine Dienstfertigkeit, [36]wie leicht zu erachten, zu Nutze, und ich mußte bei meinen Wohlthätern bis in meine Jünglingsjahre in der Wirthschaft mit Hand anlegen helfen, ich grub Möhrenland um, legte Erdbirnen, raufte Flachs, spaltete Holz, mit einem Wort, verrichtete alles, was zu einer Wirthschaft gehört. Hatte ich außer meinen Schulstunden meine andern Hausgeschäfte geendigt, dann war die übrige Zeit zu eigner beliebigen Disposition mir ganz überlassen. Ueberhaupt war man wegen meiner Gutwilligkeit und Gutherzigkeit sehr wohl mit mir zufrieden, und diese natürlichen Temperamentstugenden machten mich überall so beliebt, daß ich manche kleine Geschenke an Victualien und an Gelde bekam, welches letztere ich mir denn sammelte, um die nöthigen Kosten für Kleidungsstücke und Wäsche davon zu bestreiten. Bei allem dem blieb mein Geist ziemlich ungebildet, ja wurde zum Theil wohl gar verschroben. Ich hatte ein sehr weiches Herz und konnte bei der Musik eines Instruments in Thränen fast zerfließen, liebte die Natur und konnte mich an dem Kieseln eines kleinen Baches, an dem Gesange der Vögel oder an der Schönheit einer Blume ungemein ergötzen. Im Frühling mußte ich oft vor Sonnenaufgang mit den Bauern ins Holz, um den Bauern das Holz anzuweisen, das sie für den Rektor fahren mußten. Da stand ich oft auf den Höhen der Berge und verlor mich in Gedanken. Wie war mir kleinem Knaben zu [37]Muthe, als ich Städte und Berge unter meinen Füssen sah! Beim Aufgange der Sonne, beim Vogelgesang, beim Blöcken einer muthigen Heerde wurde ich oft bis zu Thränen gerührt, ohne mir die Ursache erklären zu können. Auch schuf sich allmählich meine Einbildungskraft, durch die Feenmährchen ohne Zweifel genährt, neue Bilder und Ideale. Diese Empfindungen machten mich sanft; ich wurde von Kindern, besonders den Mädchen des Orts, gern gesehen. Diesen sang ich ein Liedchen, so wie ich es von Mägden, in deren Gesellschaft ich öfters die Winterabende zubrachte, gelernt hatte; band ihnen Sträuschen, steckte sie an ihren Busen, küßte und neckte sie, doch in kindischer Unschuld! Auf Seiten mehrerer meiner Kameraden ging es aber nicht so unschuldig zu; wobei ich denn aber in meiner Einfalt und Unwissenheit kein Aergerniß nahm, da ich so oft Gelegenheit hatte, ähnliche wollüstige Scenen bei erwachsnen Jünglingen und Mädchen zu sehen, und also glauben mußte, es sei dieses nichts unrechtes. Einigemal gerieth meine Unschuld in Gesellschaft üppiger Mädchen in nicht geringe Gefahr. Ich trug eines Tags einer Arbeitsfrau, Magd und noch einem fünfzehnjährigen Mädchen Mittagsessen aufs Feld; zur Dankbarkeit machten sie sich über mich her, legten mich auf die Erde, und waren im Begriff noch mehr zu thun, hätte ich mich nicht noch losgerissen. Ich ergriff voll Wuth einen Knittel, [38]und schmiß dermaßen auf sie los, daß sie die Flucht ergriffen. Sie verklagten mich bei meiner Pflegemutter, und gaben vor, sie hätten mich nur kitzeln wollen; ich bekam daher noch dazu derbe Verweise.

Einst traf ich einen jungen Menschen in dem Winkel eines Gartens an, der sich mit der Selbstverderbung befleckte; allein ich ging ganz gleichgültig vorüber, ohne, was er vornahm, zu verstehen. Indeß mochte dieß Gesicht einen Eindruck zurückgelassen haben, der mir in der Folge sehr nachtheilig wurde.

Unter solchen Umständen erreichte ich mein vierzehntes Jahr. Itzt stieg auf einmal der Gedanke in mir auf, was ferner aus mir werden sollte? »So, dachte ich, kanns unmöglich bleiben, du lernst hier nichts weiter, und sollst doch studiren!« Ich lag meiner Mutter an, mich auf eine andre Schule zu schicken; allein ihre Umstände machten es ihr unmöglich. Zwar hatte ich Gelegenheit, Oekonomie und Kaufmannschaft zu lernen; aber es wurde mir versagt. Dieses alles machte mich nun äußerst niedergeschlagen; zumal da meine Pflegemutter anfing, mit mir unzufrieden zu werden, weil ich itzt zu viel Ehrgeitz hatte, um, wie sonst, mit dem Milchtopf ins Backhaus, mit dem Teller zum Fleischer und dem Napfe zum Kaufmann zu gehen. Ich weinte fast immer, vergaß die Gesellschaft meiner Gespielen, ging ganz allein, und wurde immer ernsthafter. Meine Lernbegierde [39]trieb mich an, Vokabeln fleißig zu lernen, in der Bibel und im Katechismus zu studiren. Ich fing an zu grübeln, und gerieth darüber auf manche Zweifel, die mich beunruhigten und manche Thräne kosteten. Niemand aber wieß mich zurechte, sondern man schalt mich, anstatt mir Trost einzusprechen, einen Narren.

Betrübt über mein Schicksal ging ich einst mit dem Rektor zu meiner Mutter. Unterwegs begegneten wir dem Herrn von S**, der mich noch als einen kleinen Jungen gekannt hatte. Er fragte mich nach meinem Befinden — allein ich konnte ihm vor Schluchzen nicht antworten. Er mochte diese Sprache verstehn, und redete deswegen bei Seite mit dem Rektor. Darauf empfahlen wir uns. Als wir eine Strecke Wegs gegangen waren, sagte mir der Rektor die erfreuliche Nachricht: daß der Herr von S** für mein ferneres Fortkommen sorgen und mich auf eine andre Schule bringen wolle. Froh über diese Botschaft erlangte ich wieder meine vorige Heiterkeit und wartete nun mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo ich Ordre bekommen würde, abzureisen. Sie kam. Ich verlies den Ort mit gerührtem Herzen, wo mirs in so manchem Betracht wohl gegangen war, wo ich so manches Gute, aber auch manches Böse gelernt hatte.

Ich eilte aus einem Städtchen, wo Wollust und Verschwendung einen großen Theil der Ein-[40]wohner arm und in äußerstes Elend versetzt hatte. Mehrere von den Mädchen, die ich als Knabe kannte, haben die Zeugen einer unerlaubten Lebensart zur Welt gebracht und leben zum Theil noch ohne Männer, und kämpfen mit Armuth und Verachtung. Sie waren nicht jene Unglückliche, die in einem Augenblick sich vergessen, und die eine allzugroße Zärtlichkeit zu einem Schritt verleitet, den sie nachher bereuen: Sie waren vielmehr Koketten, kannten nicht die sanfte, reine Liebe, die uns der Schöpfer so wohlthätig eingepflanzt hat, und überließen sich ungescheut ihren wollüstigen Begierden. Eben so dachten und handelten die mehresten Jünglinge dieser Stadt, ehmals zum Theil meine Kameraden, und sie hatten gleiches Schicksal mit jenen Mädchen.

Ich kam an den Ort an, wo ich durch die Güte des Herrn von S** mein Studiren fortzusetzen im Stande war. Kleinstädtisch von Jugend auf erzogen, kam ich hier wie in eine neue Welt, wo mir alles fremd war. Ich war so glücklich in kurzer Zeit für mich sehr vorteilhafte Bekanntschaften zu machen, auch fanden sich einige Freunde im vorzüglichern Verstande zu mir, durch deren Umgang ich noch mehr für die Wissenschaften gewonnen wurde. Ich legte mich mit dem angestrengtesten Fleiß auf das Studium der Griechen und Römer, und vergaß nicht die klassischen Werke der Deutschen im Fache der schönen Wissenschaften zu lesen. [41]Meine Erziehung und Liebe zur Natur machte, daß ich noch hier die Sommertage meistens unter freyem Himmel zubrachte, und einen Dichter in der Hand bald an den Ufern des Flusses, bald in den Schatten des Waldes herumirrte. Hier regten sich Gefühle, die ich zu beschreiben nicht im Stande bin. Aber eben diese empfindliche Stimmung meiner Seele war es, die mich unglücklich machte. Ich fühlte bald in mir eine Leere, die ich nicht auszufüllen wußte, ein Sehnen nach etwas, das ich nicht kannte. Ich beweinte oft in der Einsamkeit mein Schicksal, das doch äußerlich so gut war — Triebe wurden in mir rege, die ich vorher nie gekannt hatte, Begierden, die durch Träume erweckt wurden. Um diese zu stillen, ergriff ich unerfahrner, mit meiner Natur ganz unbekannter Jüngling (denn auf dieser ansehnlichen Schule machte man die Jugend mit Kenntniß der Natur, des menschlichen Körpers u.s.w. eben so wenig bekannt als in der Winkelschule, die ich in meiner Kindheit zuerst zu besuchen die Ehre hatte) gerade da ich Niemand hatte, der das Aufwachen meiner Natur bemerkt und ihm eine weise Richtung gegeben hätte, das unnatürlichste Mittel, und trieb von Zeit zu Zeit insgeheim ein Laster, das auf dieser Schule herrschend war. Es geschah nur selten, geschahe aber doch, und zwar, ohne zu wissen, daß es schädlich, daß es Sünde wäre, ohngeachtet mich bei diesem schändlichen Händewerk oft eine uner[42]klärbare Angst befiel. Itzt fiel mir jener Jüngling im Garten wieder ein, und mit ihm der Gedanke, es sei vielleicht Naturbedürfniß. Man hielt mich für einen stillen, sittsamen Jüngling, und siehe! ich war doch ein Bösewicht, ohne es selbst zu glauben. Ich bekam gute, praktische Religionsschriften in die Hände; meine Begriffe klärten sich auf: ich lernte einsehen, daß Religion in Handeln und Thun bestehe, ich fing an zu handeln — aber dabei trieb ich noch immer ein Laster fort, das meine Natur zerrüttete. In einer Gesellschaft hörte ich von der Abscheulichkeit eines Lasters sprechen, das ich der That, nicht aber dem Namen nach, kannte: ich ahndete etwas, und erkundigte mich deswegen, erfuhr also zu meinem Schrecken, daß es eben das Laster war, das ich trieb, und dessen gefährliche Folgen ich bald darauf aus Schriften noch mehr kennen lernte. Itzt wandte ich alle Kräfte an, dieses Laster gänzlich zu meiden, und nach vielen vergeblichen Kämpfen glückte es mir. Nachdem ich an Geist und Körper genesen war, empfand ich über meinen Sieg die unaussprechlichste Freude, sahe aber noch immer mit Schaudern in den Abgrund zurück, aus dem ich mich gerettet sahe. Angst, Schmerz und Qual sind die Freuden, womit dieß Laster seine Verehrer belohnt; ein verwundetes Gewissen, gestümpfter Verstand, siecher Körper oder gar baldiger Tod die Folgen davon.

(Die Fortsetzung folgt.)