ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: IV, Stück: 3 (1786) > 2. Ein Traum.

2.

Ein Traum.

Seidel, Johann Friedrich

Wenn sonderbare und in Erfüllung gegangene Träume merkwürdig und des Aufzeichnens werth sind: so wird es gewiß auch der folgende seyn.

**s, dem ich den Titel eines Rendanten geben will, hatte das Unglück, daß ihm durch einen Bedienten eine beträchtliche Summe Kassengelder entwendet wurden. Der Thäter hatte sich dadurch verdächtig genug gemacht, daß er plötzlich mit seinem Raube entwichen war, ohne daß man seinen Aufenthalt hätte entdecken können.

Man denke sich die Verlegenheit, worin dieser Mann durch solchen Verlust sich gesetzt sah, da er weiter kein Vermögen hatte, als das, was ihm sein Posten einbrachte. Das Fehlende sollte nun ersetzt werden; sollte schon in weniger Zeit als einen Monath ersetzt seyn, weil er alsdann Rechnung ablegen und seine Kasse folglich richtig seyn mußte. [76]Zwar hatte er Freunde, aber sie waren nicht in dem Zustande, daß sie ihm eine so ansehnliche Summe sogleich hätten vorschießen können. Er suchte alle noch so entfernte, begüterte Bekannte auf; und die Zeit der Berechnungskasse nahete bis auf wenige Tage heran, ohne daß er Hülfe zu finden wußte.

Nun träumt er in der einen Nacht, als ob ihm jemand sage: er möchte in die ** Straße, in das ** Haus gehen: beides, Straße und Haus waren ihm so deutlich durch bekanntere Häuser bezeichnet, daß er nicht irren konnte. In dem Hause nun solle er zwei Treppen hinaufgehn, sich aber auf der zweiten in acht nehmen, daß er nicht herunterfalle, und so würde er das nöthige Geld erhalten.

Am Morgen des folgenden Tages, da ihn dieser Traum noch ganz beschäftigt, kommt einer seiner Freunde zu ihm, dem er diese seine Traumgeschichte erzählt, und von dem er zugleich erfährt, wer in dem bezeichneten Hause in der zweiten Etage wohne; denn selbst wußte er dies nicht. Der Mann, den er da finden und der ihm Geld leihen sollte, war ihm so sehr unbekannt, daß er sich nur erinnerte, ihn ein einzigmal in einer grossen Gesellschaft gesehn zu haben; und da er von Träumen und Ahndungen nichts hielt: so fand er's nicht rathsam, deshalb zu einem ihm völlig Unbekannten hinzugehn.

[77]

Er sucht also denselben Tag aufs neue Hülfe; aber vergebens. Nun am zweiten Tage nach seinem gehabten Traum, glaubt er seiner eignen Ruhe auch noch das schuldig zu seyn: zu dem Unbekannten zu gehen. Besonders ermunterte ihn der Gedanke dazu, daß er nichts weiter zu befürchten habe, als allenfalls eine abschlägige Antwort zu hören, und die hatte er schon häufig genug erhalten. Er wagt es daher, und geht in das geträumte Haus; kommt die erste Treppe glücklich hinauf, und indem er auf die zweite gehn will: so erinnert er sich der Warnung, nicht herabzufallen.

Er geht langsam und bedächtig fort, und ist nun fast hinauf, als oben das eine Zimmer zur rechten Hand heftig und ganz geöffnet wird, und durch die schnell aufgerißne Thür sich zugleich eine kleine Gitterthür an der Treppe, die nicht befestigt war, einwärts nach der Treppe zu öffnet, so daß er durch diese ihm entgegenstossende Gitterthür leicht hätte in Gefahr gerathen können, getroffen zu werden, oder wohl gar herabzufallen. Gleich nach der Oefnung des Zimmers kömmt jemand heraus, der ihn um Verzeihung bittet, daß er durch die plötzliche Erweitrung seiner Thür, sein Heraufgehn aufgehalten und gehindert habe, und entschuldigt sich deshalb mit der Eilfertigkeit seiner Geschäfte.

**s vermuthet, daß dies eben derselbe Mann sei, zu dem er wolle, und trägt nun, da er doppelt bestürzt ist, sein Anliegen ohne Umwege vor. [78]Und man denke sich das Erstaunen, als **s hört: »Warum sind Sie nicht gestern gekommen? Ich habe eine noch größre Summe verliehen, und ich hätte sie Ihnen gern gegeben, wenn ich es eher gewußt hätte. Doch Sie sollen nicht ganz vergeblich Ihr Zutrauen in mich gesetzt haben. Sie brauchen jetzt Hülfe; derjenige aber, dem ich gestern ein Kapital ausgezahlt habe, hat es grade jetzt so nöthig nicht, und ich werde ihn zu bewegen suchen, noch einige Zeit zu warten, weil ich ihm bald das noch fehlende an der verlangten Summe geben kann.« — Dies geschah, und **s ward durch seinen Traum aus seiner Verlegenheit gerissen.

Dieser Mann, den ich **s nannte, lebt nicht mehr; indessen weiß ich doch nicht, ob es rathsam seyn sollte, seinen Namen zu nennen. Wenn ich ihn nennen wollte, so würden ihn tausend in Berlin als einen besonders rechtschaffnen und unverdächtigen Mann kennen. Und von ihm selbst, aus seinem Munde, hab' ich die Erzählung dieses Traums, der ihm selbst erst nach der Erfüllung desselben, aber auch so lange er lebte, merkwürdig war.*) 1

Seidel.

Fußnoten:

1: *) Der Herausgeber hat diesen Mann persönlich und genau gekannt.
M.