ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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5.

Noch etwas für das Ahndungsvermögen.

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Je seltner glaubhafte Beispiele sind, daß Menschen Ahndungen oder gar Erscheinungen haben, die ihnen künftige Dinge vorher verkündigen, desto sorgfältiger sollte man alle Begebenheiten sammlen, welche einiges Licht über diese in unsern erleuchteten Zeiten — noch sehr dunkle Materie verbreiten könnten. Die Nachwelt wird erst den Dienst erkennen und die Früchte einsammlen, welchen Ihr Journal dieser Aufklärung leistet. In dem finstern Mittelalter wurde jede unerklärbare Begebenheit für Zauberei und Bündniß mit dem Teufel gehalten, und mit Feuer und Schwerdt bestraft, niemand entdeckte also, was ihm begegnete; in unsern Tagen, da die Gewalt des Teufels sehr beschnitten worden ist, hält man dergleichen Ahndungen und Erscheinungen für Kinder einer schwärmerischen Phantasie, für Milzsucht, mit einem Wort, für Narrheit.

Beide Urtheile verrathen aber unsere Unwissenheit; die Moralität beider Urtheile gehört nicht [81]hieher, genug, daß beide den Gordischen Knoten entzweihauen, aber nicht auflösen, und ohne diese Auflösung werden wir niemahlen weder die geringste Erklärung aller dieser Begebenheiten geben können, noch einen deutlichen Begriff von dem Wesen und der Wirkung unserer Seele haben; die Metaphysik mag so feine Grundregeln ausklüglen als sie will, eine jede solche Begebenheit — deren Existenz nun einmahl doch nicht zu leugnen ist — wird die Theorie durch Erfahrung verstimmen.

Nach diesem Eingang eile ich nun, Nachricht von einer noch lebenden Person zu geben, die alles übertrifft, was mir bishero von seltenen Erscheinungen vorgekommen ist, und deren Gewißheit — ich selbst, wenn ich nicht genau bekannt mit ihr wäre — bezweifeln würde, wenn die Geschichte erst nach ihrem Tod bekannt gemacht würde.

In Frankfurth am Main lebt die Frau eines wohlhabenden Handwerkers — den Nahmen wird der Herausgeber jedem bekannt machen; ihn öffentlich zu drucken, findet man jetzo noch Bedenken, um den Ueberlauf und das Abentheuerliche zu vermeiden — welche dermahlen an die sechzig Jahre hat; seit ihrem funfzehnten Jahr hat sie von jedem Todesfall, der sich unter ihren Bekannten und Verwandten ereignete, nicht Ahndung, sondern wirkliche Erscheinung. In ihrer Kindheit, sagte sie mir: habe sie nie etwas ge-[82]sehen; in ihrem funfzehnten Jahr aber erschien ihr ihre Großmutter, in einem Zimmer, wo sie mir den Fleck zeigte, an einem Nachmittag, wie sie im Hause zu gehen pflegte; sie glaubte auch, es sei die Großmutter, redete sie an, und das Bild verschwand vor ihren Augen; ohne zu wissen, was es bedeute, glaubte sie, sie hätte sich geirret, in einigen Wochen darauf war aber die Großmutter todt, welche bei der Erscheinung noch frisch und gesund war.

Von diesem Zeitpunkt an hat sie öftere Erscheinungen gehabt, und die Erfahrung hat sie gelehrt, daß solche zuverlässig den nahen Tod der erschienenen Person bedeuten. Die Erscheinungen sind aber nicht immer gleich, bald erscheint die Person ganz, wie sie im Leben ist, bald erscheint ein weißes Bild vor ihr, welches aber jederzeit die Gestalt einer ihr bekannten Person hat, deren Tod sie auch immer vorhersagt.

Ein einigesmahl und zwar im October 1784 erschien ihr die Leiche völlig angekleidet im Sarge von einer lebenden Bekanntin, ausser dieser bestimmten Erscheinung hat sie nie eine ähnliche gehabt. Ihr erster Mann ist ihr vor dreißig Jahren an einem Nachmittag vor dem Tisch sitzend erschienen, sie redet ihn an und das Bild verschwindet, sie gehet alsdenn, ihren Mann im Hause aufzusuchen; man sagt ihr: er sei seit einer Stunde ausgegangen und er kommt auch erst nach einer Stunde [83]wieder nach Hause; auf Befragen bestätiget sich es, daß er nicht zurückgekommen war, und in drei Monathen nach dieser Erscheinung war er todt, bei der Erscheinung aber noch frisch und gesund. An einem Tag gehet die Frau in die Küche und siehet eins ihrer Kinder unter ihren Füssen liegen, daß sie der Magd ruft: thut das Kind hinweg, ich trete darauf, und das Kind verschwand, in vier Wochen war es todt. Dergleichen Erscheinungen könnte ich nun noch viele anführen, da aber nun die Gewißheit derselben einmal ganz ausser allem Zweifel ist, so ist es überflüssig. Es ist mit dieser Frau so weit, daß wenn jemand in unserer Familie krank ist, so lassen wir sie bitten, uns sagen zu lassen: ob der Kranke stirbt oder nicht, und ihre Wahrsagung ist Gewißheit; die Erscheinung vom October 1784 war die Vorbedeutung des Todes meiner Schwiegermutter. In dem Augenblick, da ich dieses schreibe, ist eine der besten Freundinnen dieser Frau gefährlich krank, die Aerzte haben ihr schon vor vier Wochen das Leben abgesprochen, unsere Geisterseherin hat aber noch keine Erscheinung gehabt, und sie hat bis diese Stunde gegen die Aerzte behauptet, ihre Freundin würde nicht sterben. Seit dem dieses geschrieben, ist diese Freundin wieder gesund worden.

Soweit wären nun die Erscheinungen ohnleugbar bestätiget. Nun ist noch etwas von den besonderen Umständen derselben anzumerken. Alle [84]Erscheinungen, die sie in der ganzen angekleideten Gestalt der Personen gehabt hat, sind ihr immer rückwärts erschienen, und die weissen Bilder, welche ihr erschienen und die Gestalt einer ihr bekannten Person ganz kenntbar abbilden, haben niemahlen ein ordentliches Gesicht, sondern das Gesicht ist wie ein dunkler Schatten, die einige Erscheinung, wo sie ein deutliches kenntbares Gesicht sahe, war die Leiche im Sarg vom October 1784.

Wenn ein Todesfall unter ihren Blutsverwandten entstehet, so hat sie öftere Erscheinungen von dem nämlichen Bild, bedeutet es aber einen ihrer Bekannten, so ist die Erscheinung nur einmal. Doch ist mir ein Fall bekannt, wo sie keine Erscheinung hatte. Mein Schwager, ein Mensch von zweiundzwanzig Jahren, starb in Paris; man erhielt Nachricht von seiner Krankheit, das Orakel wurde alle Tage gefragt, es kam aber keine Erscheinung, und er ist auch ohne Erscheinung gestorben; sie sagte mir selbst, daß sie dieser Vorfall wundere, da sie so viel auf das ganze Haus halte, und der Mensch unter ihren Augen aufgewachsen sei. Die Frau lebt jetzo in der zweiten Ehe und hat erwachsene Kinder, keins von den Kindern hat bis jetzo irgend eine Ahndung oder Erscheinung gehabt; sie kann mir auch nicht sagen, ob ihre Eltern oder Voreltern oder eins von denselben eben dergleichen Erscheinungen gehabt haben. Nach dem Absterben einer erschienenen Person hat sie [85]noch niemalen etwas weiter bemerkt, welches mir besonders merkwürdig vorkommt, weil alle bisherige Erscheinungen noch so zu sagen dießseits des Grabes sind; jenseit des Grabes aber auch hier die Stille und Dunkelheit herrscht, welche zu ergründen und aufzuklären das Menschengeschlecht vielleicht niemalen fähig seyn wird.

Man könnte nun glauben, diese Frau sei eine Betrügerin oder wenigstens eine Schwärmerin; sie ist aber keins von beiden! Ein jeder, der sich bemühen wird, sie kennen zu lernen, wird bei dem ersten Anblick davon überzeugt seyn. Sie macht sich gar kein Verdienst aus diesen Erscheinungen, beklagt vielmehr ihr Schicksal, daß sie dergleichen Beängstigungen ausgesetzt sei, und bittet Gott beständig, sie und jedermann damit zu verschonen; öfters hat sie Erscheinungen und sagt sie nicht, um die Personen, die es betrift, nicht zu erschrecken. Ihr Mann und ihre Kinder werden es aber sogleich gewahr, wenn sie eine Erscheinung gehabt hat, sie sagen ihr: es ist wieder etwas vorgegangen, sie gestehet es gleich, sagt allenfalls ihrem Mann dieses oder jenes gesehen zu haben, und dabei bleibt es, weil die übrigen sich fürchten, eine schreckenvolle Neuigkeit zu vernehmen. Diese beiden Eheleute sind übrigens rechtschaffene und brave Personen, die ihre Hanthirung mit Fleiß abwarten, ihr reichliches Auskommen haben, und gar den Begriff nicht haben, Sachen zu erdichten, [86]die ihnen nichts eintragen, oder von denen sie gar keinen Nutzen zu hoffen haben. Durch diese öftere Erscheinungen ist die Frau durch jedesmahliges Schrecken so furchtsam und kränklich geworden, daß sie nicht gerne allein ist, und über Schmerzen im Unterleibe sehr klagt. Nichts destoweniger hat sie die Erscheinungen aber im Beiseyn anderer Menschen. Sie sagte mir noch kürzlich, wenn sie eine solche Erscheinung habe und behalte so viele Gegenwart des Geistes, daß sie sagen könne: Ach, Herr Jesus! oder daß sie die Person mit Nahmen nenne, oder daß sie nur einige Worte aussprechen könne, so verschwinde das Bild sogleich; überfiele sie aber Angst, daß sie nichts reden könne, so bliebe das Bild so lange vor ihr stehen, bis sie sich erhohlt hätte, und sie sehe es alsdenn noch.

Wer Kenntniß genug hat, einige richtige Schlußfolgen aus dieser Begebenheit zu bestimmen, der thue es, und er wird sich verdient machen um die Seelenkunde; mir ist es genug, das Faktische bekannt gemacht zu haben.

F** den 4ten October 1785.

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