ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: IV, Stück: 2 (1786) > 1. Gutachten über den Gemüthszustand des verabschiedeten Soldaten Matthias Matthiesen, und des Züchnermeisters T***.

1.

Gutachten über den Gemüthszustand des verabschiedeten Soldaten Matthias Matthiesen, und des Züchnermeisters a T***.

Eine Schatzgräbergeschichte von Herrn Metzger. b

Metzger, Johann Daniel

Das Faktum, welches zum nachstehenden Gutachten Anlaß gab, ist sowohl für den gerichtlichen Arzt, als für den Beobachter der menschlichen Thorheiten, und der Fortschritte der Volksaufklärung, merkwürdig.

Ein verabschiedeter Soldat M. Matthiesen, den man aus dem Gutachten näher kennen lernen wird, wurde dem leichtgläubigen Züchnermeister T*** als ein großer Schatzgräber empfohlen. Diesem war mit der Bekanntschaft sehr gedient; weil ihn eben eine auf dem Lande wohnende Freun-[26]din, welche einen Schatz in ihrem Garten vermuthete, ersucht hatte, ihr einen solchen Mann zu schaffen. Sie giengen zusammen dahin, es wurde aber kein Schatz gegraben, weil M. M. verschiedene Hindernisse vorschützte; eben dadurch aber gab er dem Meister T. eine schlechte Meinung von seiner Geschicklichkeit. »Gebt euch zufrieden, sagte M. M. zum Meister T., auf dem Rückweg, ich weiß einen andern Schatz, der auf dem Kirchhof zu Neuendorf, wo wir durchpassiren müssen, liegt; die Kennzeichen sind mir bekannt; ich werde die Stelle besehen, wann wir hinkommen.« — M. M. glaubte wirklich die angegebenen Kennzeichen des Schatzes wahr befunden zu haben, hatte aber viele Mühe, den Meister T. zu überreden, die nöthigen Unkosten zum Graben herzuschießen, weil dieser ihm nicht mehr traute. Doch that ers endlich nach einigen Tagen; gieng aber nicht selbst mit, sondern ließ seine Frau und seinen Lehrjungen mitgehen, welche Spathen und andere Nothwendigkeiten tragen mußten.

M. M. versah sich mit einem Degen, um im Nothfall die Geister damit zu vertreiben, ließ die Frau allein zurückkehren, aus Besorgniß, die Gespenster möchten ihr den Hals umdrehen, und kehrte mit dem Lehrjungen im Krug ein, wo er die Mitternacht, als die eigentliche Zeit seines Geschäftes erwarten wollte. Doch sollte vorher der Beamte im Ort davon benachrichtiget werden. Mittler-[27]weile aber war auf der Landstrasse ein beträchtlicher Diebstahl begangen worden, an welchem zwar unser M. M. ganz unschuldig war; weil er aber verdächtig aussah, einen Degen bei sich führte, und sein Vorgeben, einen Schatz graben zu wollen, den Verdacht noch vermehrte, so wurde er eingezogen, gefänglich nach Königsberg zurückgebracht, und dem Stadtgericht übergeben. Durch die Angabe seiner Theilnehmer am Schatzgraben legitimirte er sich zwar bald wegen des Diebstahls; doch ward eben über diese vorgehabte Schatzgräberei eine Untersuchung nöthig gefunden. Bei dieser Gelegenheit mußte M. M. seinen Lebenslauf erzählen, aus welchem ich im Gutachten so viel ausgehoben habe, als mir nöthig schien, um ex ungue leonem erkennen zu können. Meister T*** erschien, als ein ehrlicher Schwärmer. Der Herr Inquirent, ein offener Kopf, für welchen das Corpus Juris und das Landrecht gerade das sind, was für einen aufgeklärten Theologen die symbolischen Bücher — trug, anstatt die Schatzgräber als Verbrecher zu behandeln, darauf an, daß ihr Gemüthszustand untersucht werden möchte. Und so entstand das folgende

Gutachten.

Eine dem denkenden Menschenfreund, für welchen die Volksaufklärung keine gleichgültige Sache ist, sehr auffallende Scene ist die sonderbare Schatzgrä-[28]bergeschichte, deren Verlauf und Veranlassung in den Untersuchungsakten wider M. M. Sch*** und T*** enthalten, welche mir von Ew. Wohllöbl. hiesigen Stadtgerichts sub dato den 9ten & praes. den 16ten September a. c. zugleich mit dem Auftrag, den Gemüthszustand des T*** und M. M. zu untersuchen, zugeschickt worden.

Der Hauptakteur in diesem besondern Vorfall ist der verabschiedete Soldat M. M., von welchem der Herr Inquirent Fol. 22 Actorum nicht mit Unrecht vermuthet, daß er ein Windbeutel und Betrüger sei; doch halte ich dafür, daß er ein selbst betrogener Betrüger, und ein Mensch sei, dessen Erziehung gänzlich verwahrloset und dessen Kopf von seinen ersten Jahren an mit Windbeuteleyen angefüllt und mit abentheuerlichen Ideen genährt worden. Seine Lebensgeschichte, wie ich sie theils aus den Akten, theils aus einer langen Unterhaltung mit ihm erfahren habe, wird meinen Ausspruch rechtfertigen.

M. M. ist aus Tönningen im Holsteinischen gebürtig, jetzt ohngefähr einundvierzig Jahr alt. Er kam in seiner Jugend bei einem Bader und hernach bei einem Regimentsfeldscheer c in die Lehre. Wie schlecht und elend aber sein Unterricht in der Chirurgie gewesen seyn müsse, läßt sich aus seinen Ausdrücken schließen: er sagt, »ich lernte Feldschery und Badery.« Er diente hierauf als gemeiner Soldat in Dänischen Diensten; desertirte, [29]kam in die Dienste eines herumreisenden Charlatans, welcher sich für einen kaiserl. königl. Leibarzt ausgab, und zu Konstantinopel gestorben seyn soll, mit welchem unser M. M. verschiedene Länder durchreiset zu haben vorgiebt.

Sein Geschick führte ihn hierauf nach Curland, das Land, wo aurea praxis dem fähigen Kopf sowohl, als dem elendesten Stümper zu Theil wird, wenn er nur eine geläufige Zunge hat. Unser M. M. ist ein Beweis davon. Er diente (zum wenigsten seiner Aussage nach) verschiedenen Edelleuten als Arzt und Wundarzt. Kaum ists glaublich, daß ein Mensch, dessen pöbelhafte Gesichtszüge, Ausdrücke und Mundart seine ganze Unwissenheit verrathen, Leute von Stande so weit getäuscht haben sollte.

Die Art und Weise, wie M. M. den Vorfall bei dem Edelmann in Schameitten erzählt, legt seine Ignoranz in natürlichen Dingen gänzlich an den Tag. Der Edelmann ließ ein Gewölbe, über welchem ehemals ein Kloster gestanden, untersuchen. Als die Thüre eröfnet war, und vor dem Dunst kein Licht ausdauren konnte, so stieg M. M. in der Ueberzeugung, daß ihm weder Teufel noch Gespenster etwas anhaben könnten, in das Gewölbe herunter, indem er nach Aussage der Akten Fol. 13. b. ein Johanniswürmchen (oder ein Stückchen faules Holz, wie er sich gegen mich äußerte) auf einen messingenen Spiegel legte, um das Gewölbe [30]zu erleuchten. Er fand Gold in einer Kiste und kam unbeschädigt heraus. Andere aber, die ins Gewölbe geschickt wurden, fielen in Ohnmacht, und die Gespenster verdreheten ihnen die Köpfe.

Nachdem nun M. M. als ein Hexenmeister flüchtig geworden, kam er in preußische Dienste. Als Soldat hatte er vermuthlich keine Zeit dem Müssiggang nachzuhängen; nach erhaltenem Abschied aber fing er an, zu jeder nützlichen Handarbeit entweder zu unfähig oder zu faul, sich mit Kuren, so wie er sie in der Feldschery und Badery gelernt hatte, mit Lesung unsinniger Bücher, nemlich Höllisch Brand und Höllisch Banta, Act. fol. 24. b.; mit Verbannung der Geister, nemlich des Schneidegeistes und des Poltergeistes, fol. 24. und mit Schatzgraben abzugeben.

Ohnerachtet ich nun dafür halte, daß der Verstand des M. M. viel zu sehr umnebelt ist, als daß er die Nichtswürdigkeit aller dieser seiner Künste einzusehen vermöchte, so ist er doch meines Erachtens ein der bürgerlichen Gesellschaft überlästiger und gefährlicher Müssiggänger; daher ich unmaßgeblich vorschlage, ihn entweder als einen Fremden über die Grenze, oder ihm im Arbeitshause für den Müssiggang Arbeit zu schaffen.

Was den Züchnermeister T*** betrift, so bin ich ebenfalls mit dem Herrn Inquirenten der Meinung, daß er ein ehrlicher Schwärmer ist. Es ist eine sonderbare Bemerkung, daß gewisse [31]Handwerker vor andern zu Schwärmereyen aller Arten disponirt sind. Unser T*** glaubt so treuherzig an Geister, Gespenster, an unterirdische Schätze, die sich durchs Brennen offenbaren, und an ein gewisses Traumgesicht, welches ihm seinen Tod auf den 28sten April 1785 Mittags um zwölf Uhr prophezeite, daß ich es für ein äußerst schweres, ja vielleicht unmögliches Unternehmen halte, ihn eines bessern zu überzeugen. Diesen Traum hatte T***, seiner Aussage nach, als er zwanzig Jahr alt war; er beschreibt ihn noch sehr genau; nur ist er in der Ungewißheit, ob ihm das Gesicht noch sechzig Jahre zu seinem damaligen Alter, oder überhaupt nur sechzig Jahre Lebenszeit zugesagt habe. Im letztern Fall, meint er, wird sein Tod auf besagten Tag eintreffen, im erstern aber müsse er achtzig Jahre alt werden.

Dieser Umstand beweiset, wie eingewurzelt seine Vorurtheile und sein Glaube an abentheuerliche Dinge seyn müssen. Nur einem sehr aufgeklärten und klugen Seelsorger wäre es vielleicht möglich, durch Gründe der Religion diese Vorurtheile zu heben und zu zerstreuen.

Dieß ist mein unmaßgebliches Urtheil, welches ich mit meiner Unterschrift bekräftige.

Königsberg den 1sten October 1784.

M.

[32]
N. S.

Noch muß ich hinzusetzen, daß M. M. wirklich, nach meinem Vorschlage, seine Versorgung im Arbeitshause gefunden, wo er wohl sicher keine Schätze mehr graben wird.

Was den Züchnermeister T*** betrift, so habe ich mich nach dem 28sten April a. c. um sein Befinden erkundiget. Vielleicht, dacht' ich, hat das Traumgesicht mächtig genug auf seine Einbildungskraft gewirkt, um ihm eine tödliche Krankheit zu verursachen. — Doch nein, er lebt noch gesund, schwärmt immer fort, weissagt aus Karten, und wird wohl zum klug werden schon zu alt seyn.

K—g den 4ten Mai 1785.

Erläuterungen:

a: Züchner: Leineweber (DWb Bd. 32, Sp. 257).

b: Vorlage: Johann Daniel Metzger, Gutachten vom 4. Mai 1785, in: Pyl 1786, S. 196-203.

c: Feldscher(er): Wundarzt (Adelung 1811, Bd. 2, Sp. 101).